5.2.58

The Quiet American (Joseph L. Mankiewicz, 1958)

Vier Pfeifen Opium

»Sooner or later, one has to take sides.« Ein geopolitisches Melodram, angesiedelt im Saigon des Jahres 1952. Kommunistische Rebellen kämpfen gegen französische Kolonialisten. Der (ehelich gebundene) britische Auslandskorrespondent Fowler (Michael Redgrave), ein (scheinbar) kaltblütiger Beobachter des zunehmend blutigen Kriegsgeschehens, lebt im Konkubinat mit der Vietnamesin Phuong (Georgia Moll); um die junge Frau wirbt auch ein namenloser (und lediger!) amerikanischer Idealist (Audie Murphy), der die indochinesischen Verhältnisse in freiheitlich-westlichem Sinn zu bessern trachtet. Joseph L. Mankiewicz’ (sehr) freie Bearbeitung eines Romans von Graham Greene veranschaulicht den Vietnam-Konflikt anhand eines amourösen Dreiecksverhältnisses: die eine Seite (Fowler) verkörpert Indifferenz, Zynismus, Vergangenheit, die andere (der »stille« Amerikaner) steht für Gewißheit, Überzeugung, Zukunft, dazwischen bewegt sich der Spielball der Interessen (Phuong als Personifizierung des vietnamesischen Volkes). Zwar verbiegt Mankiewicz Greenes dezidiert amerikakritische Parabel in proamerikanische Gesinnungswerbung, dabei zeichnet er allerdings das faszinierende Bild eines intellektuellen Rationalisten, der von seinen hochkochenden Emotionen zu überraschend irrationalem Handeln getrieben wird.

R Joseph L. Mankiewicz B Joseph L. Mankiewicz V Graham Greene K Robert Krasker M Mario Nascimbene A Rino Mondellini S William Hornbeck P Joseph L. Mankiewicz D Michael Redgrave, Audie Murphy, Georgia Moll, Claude Dauphin, Fred Sadoff | USA | 120 min | 1:1,66 | sw | 5. Februar 1958

# 993 | 10. April 2016

30.1.58

Witness for the Prosecution (Billy Wilder, 1958)

Zeugin der Anklage 
 
Manchmal hilft nur die Wahrheit, wenn es gilt, die Wahrheit zu vertuschen … Es ist überaus spannend zu beobachten, wie Billy Wilder – unterstützt von einem bemerkenwerten Ensemble – Agatha Christies kühl durchkonstruierte kriminalistische Unterhaltungsmaschine in ein lebendiges Drama verwandelt. Tyrone Power verkörpert den des Mordes an einer älteren Gönnerin dringend verdächtigten Taugenichts Leonard Vole, über dessen charmantem Haupt die Schlinge des Galgens pendelt; Marlene Dietrich, als doppelspielerische (deutsche!) Ehe­frau des Angeklagten, darf schmissig dazu singen (»Come on! Join the party! Have a hearty glass of rum!«) und (in zwiefachem Sinne) als wahrhaft große Schauspielerin brillieren: »I never faint because I’m not sure that I will fall gracefully and I never use smelling salts because they puff up the eyes.« Eigentlicher Star der wendungsreichen Londoner Gerichts­show ist indes Charles Laughton in der dankbaren Rolle des ebenso brillanten wie herz­schwachen, krankenschwesterlicher Kuratel immer wieder trickreich entschlüpfenden Verteidigers Sir Wilfrid Robarts, der das Heil seines Klienten umstandslos über die eigene angeschlagene Gesundheit stellt und staunend erleben muß, daß die Herstellung irdischer Gerechtigkeit nicht immer den vorgesehenen institutionellen Wegen folgt.

R Billy Wilder B Billy Wilder, Harry Kurnitz V Agatha Christie K Russell Harlan M Matty Malneck A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Edward Small D Charles Laughton, Tyrone Power, Marlene Dietrich, Elsa Lancaster, John Williams | USA | 116 min | 1:1,66 | sw | 30. Januar 1958

29.1.58

Maigret tend un piège (Jean Delannoy, 1958)

Maigret stellt eine Falle

Sommer in Paris – eine Serie von Frauenmorden in den verwinkelten Straßen des Marais (einem eher kleineleutemäßigen und ziemlich zerschlissenen Quartier) hält die Stadt in Atem. Jean Delannoy läßt gewissenhaft und in aller filmischen Ruhe ermitteln: »Maigret tend un piège« bietet wenig an vordergründigen Schauwerten und noch weniger an äußerer Spannung (bald schon wird klar, wer die Bluttaten begangen hat, deren (nicht allzu) tiefliegende familiäre (Ab-)Gründe in einer Fleischerei zu suchen sind), dafür jede Menge Dreigroschenpsychologie sowie einige beachtliche Schauspielerleistungen: Lucienne Bogaert als besitzergreifende Terrormutter, Jean Desailly als ewiger Junge mit mörderischer Wut, Annie Girardot als Ehefrau, deren rätselhafte Liebe bis zum Letzten geht, und – gardons le meilleur pour la fin – Jean Gabin als unerschütterlicher Kommissar Maigret, aus dessen einfühlender, gutbürgerlicher Jovialiät ganz überraschend eine virile, proletarische Energie hervorbrechen kann.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Paul Misraki A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Claude Hasser D Jean Gabin, Annie Girardot, Jean Desailly, Lucienne Bogaert, Gérard Séty | F & I | 119 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1958

L’ascenseur pour l’échafaud (Louis Malle, 1958)

Fahrstuhl zum Schafott 

Ein Film wie eine 45er Schallplatte, die mit 33er Geschwindigkeit abgespielt wird: Alles scheint fast unerträglich zerdehnt – die Bezeugungen der Liebe ebenso wie das ironisch-verächtliche Wirken des Zufalls, und selbst die Ausbrüche von Aktion wirken seltsam eingefroren. Allein die Szene, in der eine flunschmündige Jeanne Moreau – auf der vergeblichen Suche nach ihrem im Fahrstuhl festhängenden Geliebten und Mordkomplizen (Maurice Ronet, der so clever, so perfekt sein wollte) – mit leerem Blick zu Miles Davis’ lamentierender Trompete durch das schwarzglänzende Paris eher schwebt als geht, scheint Stunden zu dauern. Was schief gehen kann, geht schief in diesem (von Henri Decaë mit eisiger Distanz fotografierten) Film, mit dem Louis Malle wohl stilvoll mitteilen möchte, daß das Leben nirgendwo anders enden kann als eben auf dem Schafott ... und daß man auf dem endlos langen Weg dorthin auch noch ständig auf die Fresse fliegt. Wenn einem nicht alles so zum Sterben egal wäre, könnte man herzlich darüber lachen.

R Louis Malle B Roger Nimier, Louis Malle V Noël Calef K Henri Decaë M Miles Davis A Rino Mondellini, Jean Mandaroux S Léonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Georges Poujoly, Yori Bertin, Lino Ventura | F | 92 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1958

23.1.58

Endstation Liebe (Georg Tressler, 1958)

»Jetzt wollen Sie mich sicherlich küssen.« – »Sie merken aber auch alles.« – »Muß das denn sein?« Ein Nichts von einer Story: Ein paar Jungs, die bei Osram am Fließband stehen, wetten Sonnabend mittag darum, ob es Betriebscasanova Mecki (Horst Buchhholz) schafft, Christa, die Neue aus dem Büro (Barbara Frey), übers Wochenende rumzukriegen – mit fünf Mark sind Sie dabei! (»Zeit bis Montag früh« sollte der Film nach dem Willen des Drehbuchautors Will Tremper eigentlich lapidar heißen, aber Verleihchefin Ilse Kubaschewski, wie immer am Puls von Lieschen Müller, bestand auf dem, wie sie meinte, massenkompatibleren Titel »Endstation Liebe«.) Natürlich gelingt es dem zielbewußten, hübschen Burschen, das süße, spröde Mädchen von sich zu überzeugen – und ebenso natürlich kommen ihm wahre (= bisher unbekannte) Gefühle in die Quere … Die Qualität des Werks liegt im Verzicht auf eine raffinierte Handlungsführung, in den knappen, unsentimentalen Dialogen und in der mileuechten Berliner Atmosphäre, die Regisseur Georg Tressler und sein Kameramann Helmuth Ashley kreieren: der Stumpfsinn der Fabrikarbeit und ein sonntägliches Fußballspiel, ein Kaffeetrinken mit gestelzten Verwandten und ein turbulenter Abend im Catcherzelt, ein nächtlicher Spaziergang und eine imaginäre Fahrt um die Welt. »Endstation Liebe« hält souverän die Waage zwischen Spiel und Ernst, die Protagonisten vollführen subtile Gratwanderungen zwischen amourösem Zeitvertreib und echter Gemütsbewegung, zwischen emotionaler Enttäuschung und dem eigensinnigen Traum vom kleinen Glück … Dann beginnt die neue Woche. Wieder Alltag. Wieder Fließband. Christa läuft durch die Werkhalle. Mecki lächelt. Und der Stumpfsinn erscheint plötzlich ein bißchen weniger stumpf.

R Georg Tressler B Will Tremper K Helmuth Ashley M Martin Böttcher A Herbert Kirchhoff S Kurt Zeunert P Wenzel Lüdecke D Horst Buchholz, Barbara Frey, Karin Hardt, Franz Nicklisch, Harry Raymon | BRD | 85 min | 1:1,66 | sw | 23. Januar 1958

16.1.58

Eva küßt nur Direktoren (Rudolf Jugert, 1958)

Karl Müller (Joachim Fuchsberger), einfacher Buchhalter bei der Wiener C. Rotter A.G., verliert sein Herz an die hübsche Sekretärin Eva Brunner (Chariklia Baxevanos), die sich lieber von den Direktoren des Unternehmens anflirten läßt … Mit vielen Umschweifen (Begriffsstutzigkeiten und Fehlschlüssen, Eifersucht und Erbschaft), aber beklagenswert wenig Witz schildert Rudolf Jugert das komplizierte Zueinanderfinden des füreinander bestimmten Paares. Akzeptabel ist die lieblos abgespulte Liebesklamotte immer dann, wenn die Mechanik des Gerüchts ins Spiel kommt: Vom böswilligen Büroklatsch bis zum heimtückischen Tratsch im Treppenhaus, von der einfachen Indiskretion bis zur handfesten Lüge, vom haltlosen Verdacht unter Nachbarn bis zum fiesen Anschwärzen bei den Polizeibehörden ist in diesem auffallend unlustigen Lustspiel alles dabei. Besonders Margarete Haagen, in der Rolle einer betagten Hausmeisterin, die mit moderner Spiegeltechnik alles Geschehen in ihrem Revier rigoros überwacht, wirkt wie eine Illustration des von Heimito von Doderer in seinem »Repertorium« beschriebenen »conciergischen Charakters«: »In einzelnen Wiener Zinshäusern konnten bei ein und derselben Hausmeisterin acht bis zehn Paar Augen beziehungsweise Ohren festgestellt werden.«

R Rudolf Jugert B Alfred Solm, Fritz Eckhardt V Hanna Seyringer K Elio Carniel M Carl de Groof A Theodor Harisch S Paula Dvorak P Karl F. Sommer D Joachim Fuchsberger, Chariklia Baxevanos, Margarete Haagen, Ulrich Bettac, Oskar Sima, Karl Lieffen | A | 97 min | 1:1,37 | sw | 16. Januar 1958

# 878 | 10. Juni 2014

15.1.58

Bonjour Tristesse (Otto Preminger, 1958)

Bonjour Tristesse

»I live with melancholy, / My friend is vague distress.« Das Schwarzweiß der Gegenwart. Die Farbe der Erinnerung. Der Sommer. Die Sonne. Das Meer. Der leichtlebige Vater (Raymond: David Niven). Die frühreife Tochter (Cécile: Jean Seberg). Die flotte Geliebte (Elsa: Mylène Demongeot). Das Blau des Himmels. Das Grün der Pinien. Das Rot der Felsen. Das Spiel. Die Sorglosigkeit. Die Distanz. Der Überschwang. Die Frau von Welt (Anne: Deborah Kerr). Die Ernsthaftigkeit. Die Rivalität. Die Nähe. Die Eifersucht. Die Verlobung. Die Angst. Die Intrige. Der Schock. Der »Unfall«. Der Tod. Die Schuld. Das Dröhnen der Erinnerung. Die Grabesstille der Gegenwart ... »I wake up every morning, / And say, ›Bonjour tristesse‹.« ... Die Salons und die Partykeller von Paris, die Villen und die Vergnügungsstätten der Côte d’Azur, elegante Kleider und schnittige Autos, die Jagd nach dem Vergnügen und die Straßen der Traurigkeit ... »My smile is void of laughter, / My kiss has no caress.« ... 94 attraktiv überflüssige, exklusiv vergeudete Minuten, oder um es mit Cécile zu sagen: »What a hopeless waste of time.« Die Verschwendung von Zeit aber ist der endgültige Luxus, da sie um keinen Preis der Welt ersetzt werden kann. Insofern präsentiert Otto Preminger mit seiner sonnenhell-schattenreichen CinemaScope-Adaption des wehmütig-flirrenden Debütromans der frühreifen Françoise Sagan einen der kostbarsten (und schmerzhaft schönsten) Filme überhaupt. »I’m faithful to my lover, / My bitter-sweet tristesse.«

R Otto Preminger B Arthur Laurents V Françoise Sagan K Georges Périnal M Georges Auric A Roger Furse S Helga Cranston P Otto Preminger D David Niven, Jean Seberg, Deborah Kerr, Mylène Demongeot, Geoffrey Horne | USA | 94 min | 1:2,35 | f | 15. Januar 1958

Das Wirtshaus im Spessart (Kurt Hoffmann, 1958)

»Ach, das könnte schön sein / als friedlicher Bürger / ein ehrbares Leben / zu Haus zu beschließen.« Kurt Hoffmann reflektiert in Form eines biedermeierlichen Singspiels die Wechselwirkung von Ehrbarkeit und Verbrechen. In gewisser Weise hält sein Film der Nation, die kurz zuvor noch mordend und brandschatzend über einen ganzen Kontinent herfiel, um sich eine Weltsekunde später gemütlich bei Eierlikör und Buttercremetorte im Gelsenkirchener Barock einzurichten, einen hübsch verschnörkelten Spiegel vor. Lilo Pulver (als kecke Komteß), Carlos Thompson (als schneidiger Räuberhauptmann), Hubsi von Meyerinck (als blasierter Kommißkopp) sowie, nicht zu vergessen, Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller als Banditen mit Drang zu Ruhe und Frieden – sie alle glänzen doppelbödig in dieser heiter-ruchlosen Apotheose der Harmlosigkeit.

R Kurt Hoffmann B Heinz Pauck, Luiselotte Enderle V Wilhelm Hauff K Richard Angst M Franz Grothe A Robert Herlth S Claus von Boro P Georg Witt D Liselotte Pulver, Carlos Thompson, Günther Lüders, Rudolf Vogel, Hubert von Meyerinck | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 15. Januar 1958

10.1.58

Tatort Berlin (Joachim Kunert, 1958)

Ein junger Fernfahrer (schmollippig: Hartmut Reck) kommt aus dem Knast zurück nach Ostberlin, erhält die Gelegenheit sich zu bewähren, wird wieder in den Strudel des Verbrechens gezogen – wer einmal aus dem Blechnapf frißt ... Einerseits ein typischer Defa-Propagandakrimi (der böse Wind weht von West), auf der anderen Seite ein (von Joachim Kunert beinahe zu) unaufgeregt inszeniertes, annähernd neorealistisches Stimmungsbild der zerrissenen deutschen Hauptstadt. Durch die Tristesse des »Tatort Berlin« mit seinen unkrautüberwucherten Trümmerarealen schlagen sich Hans-Peter Minetti und Jochen Brockmann als Ermittler in zweifacher Mordsache, Sonja Sutter als kleinkapitalistische Schlampe, Harry Hindemith (ganz gegen den Typ besetzt) als lumpiger Schieber. Wie es sich für den Sozialismus gehört, zeigt am Ende der (nicht nur in diesem Fall: brüderliche!) Schurke sein wahres Gesicht, und für die im Herzen Guten wendet sich alles zum Guten.

R Joachim Kunert B Jens Gerlach, Joachim Kunert K Otto Merz M Günter Klück A Hans Poppe S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Hartmut Reck, Hans-Peter Minetti, Harry Hindemith, Martin Flörchinger, Annegret Golding | DDR | 86 min | 1:1,37 | sw | 10. Januar 1958

26.12.57

Smultronstället (Ingmar Bergman, 1957)

Wilde Erdbeeren

Das Leben als Reise – zum Ich oder daran vorbei. Der fast 80jährige, recht eigenbrötlerische Professor Isak Borg (die Initialen seines Namens entsprechen wohl nicht zufällig denen des Regisseurs) (Victor Sjöström) macht sich – begleitet von seiner, ihm in zwiespältiger Zuneigung verbundenen Schwiegertochter (Ingrid Thulin) – auf den Weg zu einer akademischen Ehrung. Die Fahrt wird zur sentimental journey in die Geschichte seines Lebens: Am Straßenrand warten die Träume, die Angst- und Wunschbilder, die Erinnerungen an Lichtblicke und dunkle Momente, an Hoffnungen und Enttäuschungen, an Zärtlichkeiten und (zwischen-) menschliche Verhärtungen. Zufällige Reisegefährten erscheinen als Spiegelbilder eigenen Versagens, provozieren Nachdenken über erlebte Pressionen und unkorrigierbare Fehlentscheidungen. Ingmar Bergman schiebt die Zeit-, Wahrnehmungs-, Reflexions- und Erzählebenen des biographischen Spiels souverän ineinander, breitet mit tiefem Mitgefühl das sommerlich-melancholische Panaroma einer splendid isolation: Isak Borg blickt zurück auf eine Existenz in Einsamkeit, in großer Entfernung zu sich und den anderen. Immerhin jedoch beschenkt ihn sein Leben mit der Gnade der, wenn auch späten, Selbsterkenntnis – und es schickt ihm (Ist es eine Phantasie? Ist es die Wirklichkeit?) eine junge Frau (Bibi Andersson), die dem Alten ein Ständchen singt und ihm zuruft, daß sie ihn liebe – heute, morgen und für immer…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A Gittan Gustafsson S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Victor Sjöström, Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Bibi Andersson, Naima Wifstrand | S | 91 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1957

19.12.57

Wien, du Stadt meiner Träume (Willi Forst, 1957)

Anflug auf Wien: der Kahlenberg und die Gloriette, das Belvedere und die schöne blaue Donau. König Alexander von Alanien (Hans Holt) schwebt ein, um seiner Tochter Sandra die Stadt seiner Träume zu zeigen. Doch so romantisch-beschaulich wie erinnert ist die österreichische Hauptstadt gar nicht. Das offizielle Besuchsprogramm gleicht einem Schweinsgalopp: Museen, Denkmäler, Schlösser – anschauen, schön finden, weiter. Da kommt die Revolution in der Heimat gerade recht. Der in Abwesenheit gestürzte König heuert als Chauffeur in der eigenen Botschaft an, die Exprinzessin nimmt Klavierunterricht bei einem hoffnungsvollen Komponisten – und plötzlich ist Wien so langsam, so gemütlich, so weanerisch wie in einem Wiener Film von Willi Forst. »Wenn’s Wien net gäb, tät auf der Welt ein Loch sein«, singt Paul Hörbiger (in einer Paraderolle als pensionierter Straßenbahner, der in nächtlicher Weinlaune den geliebten 38er-Wagen entert und noch einmal von Grinzing zum Schottentor steuert) und fährt fort: »Wenn Wien nicht wär, dann müßt man Wien erfinden.« Forst, ein Großmeister des Schmäh, dieser ortstypischen Mischung aus Sentimentalität und Ironie, läßt sich ganz tief fallen in die Heurigenseligkeit, in den Dreivierteltakt, in die Erinnerung an ein Gestern, das nie etwas anderes war als eine schöne Erfindung, und er nimmt diesen Kitsch zugleich wie einen Jux auf die ganz leichte Schulter: »Der Zauber von Wien? Wie das schon klingt!«

R Willi Forst B Willi Forst, Kurt Nachmann, Hans Rameau K Günther Anders M Robert Pawlicki, Alfred Uhl A Werner Schlichting, Isabella Schlichting S Herma Sandtner P Herbert Gruber D Hans Holt, Erika Remberg, Adrian Hoven, Hertha Feiler, Paul Hörbiger, Oskar Sima | A | 109 min | 1:1,37 | f | 19. Dezember 1957

17.12.57

Night of the Demon (Jacques Tourneur, 1957)

Der Fluch des Dämonen

»It’s in the trees! It’s coming!« Ein amerikanischer Wissenschaftler (felsenfest: Dana Andrews) reist nach England, um an einer Tagung über parapsychologische Phänomene teilzunehmen; als hartgesottener Rationalist will er, trotz zahlreicher deutlicher Hinweise, partout nicht an die dämonischen Kräfte glauben, die der Anführer eines Satanskultes (schillernd: Niall MacGinnis) zu entfesseln in der Lage ist. Jacques Tourneur erzählt, in der Tradition seiner andeutend-gespenstigen Low-Budget-Horrorfilme für den Produzenten Val Lewton, von Schwarzer Magie und Flüchen in uralter Geheimschrift, vom hellen Licht der Aufklärung und den harten Schatten, die es wirft. Eine spleenig-finstere Studie über das Böse (und wie es in die Welt kommt), deren Schrecken von zwei allzu markanten Auftritten eines godzillahaften Feuergeistes (Monsterdesign: Ken Adam) allerdings leicht gemildert wird. (»Maybe it’s better not to know.«)

R Jacques Tourneur B Charles Bennett, Hal E. Chester V M. R. James K Ted Scaife M Clifton Parker A Ken Adam S Michael Gordon P Frank Bevis, Hal E. Chester D Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Athene Seyler, Liam Redmond | UK | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. Dezember 1957

# 1141 | 3. Januar 2019

Legend of the Lost (Henry Hathaway, 1957)

Stadt der Verlorenen

»How could it happen?« – »It happens ...« Drei Menschen in der Wüste Sahara: der hartgesottene Abenteuer Joe January (John Wayne), der besessene Schatzsucher Paul Bonnard (Rossano Brazzi), das gefallene Mädchen Dita (Sophia Loren) – unterwegs von Timbuktu auf der Suche nach dem sagenhaften Goldland Ophir. Aus der brisanten Dreiecksbeziehung der Protagonisten, allesamt so etwas wie Gestrandete in ihrer jeweiligen Biographie, entspinnt Henry Hathaway ein intimes (Melo-)Drama in endloser Weite. Jack Cardiffs prachtvolle Traum-, Wunsch- und Geisterbilder (in Technicolor und Technirama) schwelgen einerseits in lyrisch-märchenhaften Exotismus, bieten andererseits die Folie für die Darstellung psychologischer Spannungsfelder von Tugend und Versuchung, Herzensträgkeit und Mitleid, Einsamkeit und Nähe, Glaube und Desillusion. In den Ruinen einer im Sand verronnenen Stadt spitzt sich die Krise zu, an einem mit bloßen Händen gegrabenen Wasserloch erfahren die verlorenen Seelen ihre Katharsis. »One gets to imagine strange things in the desert.« – »Yeah, one meets them too!«

R Henry Hathaway B Ben Hecht, Robert Presnell K Jack Cardiff M A. F. Lavagnino A Alfred Ybarra Ko Gaia Romanini S Bert Bates P Henry Hathaway D John Wayne, Sophia Loren, Rossano Brazzi, Kurt Kasznar | USA & I | 109 min | 1:2,35 | f | 17. Dezember 1957

# 1186 | 8. Januar 2020

16.12.57

Une parisienne (Michel Boisrond, 1957)

Die Pariserin

»Une parisienne« ist nicht irgendein Mädchen sondern die Tochter des französischen Staats­ratspräsidenten; gespielt wird sie nicht von einer x-beliebigen Schauspielerin sondern von der reschen BB. Brigitte, so heißt sie der Einfachheit halber auch im Film, wirft sich (unbegreiflicherweise) Michel (klobig: Henri Vidal), dem schwerenöterischen Kabinettschef ihres Vaters, an den Hals, der wiederum (unbegreiflicherweise) zunächst nichts von seiner über aus willigen Verehrerin wissen will. Als Michel auch nach der (unbegreiflichen) Hochzeit seine diversen Affären weiterpflegt, poussiert Brigitte mit einem attraktiv-gereiften prince charming (Charles Boyer) – natürlich nur um den geliebten Gatten eifersüchtig zu machen ... Regisseur Michel Boisrond läßt eine blödsinnig-solide Boulevardkomödie abrollen, in der nach Herzenslust mit Türen geknallt oder mit Langusten geschmissen wird, und schafft dabei jede Menge absurder Gelegenheiten, um Dekolleté, Schmollmund und andere unleugbare körperliche Vorzüge der BB appetitlich zu präsentieren.

R Michel Boisrond B Annette Wademant, Jean Aurel, Jacques Emmanuel, Michel Boisrond K Marcel Grignon M Henri Crolla, André Hodair, Hubert Rostaing A Jean André S Claudine Bouché P Francis Cosne D Brigitte Bardot, Charles Boyer, Henri Vidal, André Luguet, Noël Roquevert | F & I | 86 min | 1:1,37 | f | 16. Dezember 1957

29.11.57

Sheriff Teddy (Heiner Carow, 1957)

In Westberlin war Kalle wer: Als Anführer der Teddy-Bande führte er ein strenges Regiment und machte mit seinen Kumpels die Ruinen unsicher. Nach dem Umzug in den »demokratischen Sektor« der geteilten Stadt, muß sich der rüpelig-verstockte 13jährige plötzlich mit Phänomenen wie Anstand, Vertrauen und Ehrlichkeit herumschlagen … In seinem Debütfilm leuchet Heiner Carow die Gefühlswelt eines (nicht besonders sympathischen) Jungen aus, der zwischen sprachlosen Eltern und kriminellem Bruder, zwischen schundliterarischen Idolen und streberhaften Jungpionieren, zwischen Gesundbrunnen (West) und Prenzlauer Berg (Ost) die Orientierung zu verlieren droht. Die unermüdliche Energie, mit der Kalles humanistisch inspiriertes neues Umfeld (darunter ein gemütvoller Pädagoge (Günther Simon) und ein beherzter Klassenkamerad) trotz aller Rückschläge die Seelenrettung des groben Klotzes betreibt, könnte als rosarotes Märchenmotiv durchgehen, wären da nicht die rauhe Straßenfotografie (Kamera: Götz Neumann) und die borstige Berliner Stimmlage, die die Härte der Zeit (sowie der diversen Faustkämpfe) in unsentimentalen Bildern und Tönen wirkungsvoll einfangen.

R Heiner Carow B Benno Pludra, Heiner Carow V Benno Pludra K Götz Neumann M Günter Klück A Alfred Tolle S Friedel Welsandt P Paul Ramacher D Gerhard Kuhn, Axel Dietz, Günther Simon, Erich Franz, Hartmut Reck | DDR | 68 min | 1:1,37 | sw | 29. November 1957