11.4.73

Scorpio (Michael Winner, 1973)

Scorpio, der Killer

Der Spionage-Thriller ist eines der Schlüsselgenres der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die »Landschaft der Verrats« findet ihre eindrücklichste Widerspiegelung im Agentenfilm, und so haben auch halbgare Exemplare der Gattung zumeist ihre Meriten. Die besseren Momente von »Scorpio« etwa beschäftigen sich mit der Auseinandersetzung zwischen altgewordenen Idealisten (verkörpert von Burt Lancaster und Paul Scofield) sowie nachwachsenden Technokraten und karrieristischen Söldnern (porträtiert von Alain Delon); der Krieg der Ideologien ist in einen Krieg der »Dienste« übergegangen, deren Glaubensinhalt im Professionalismus liegt: »The only rule is to stay in the game.« Hauptschauplatz des Geschehens ist Wien, das statt blauer Donau nur braungraue Fassaden zeigt und mit der U-Bahn-Baustelle am Karlsplatz die Kulisse für eine halbwegs dramatische unterirdische Ver­folgungsjagd liefert. Leise zitternde Erinnerungen an »The Third Man« kommen auf, doch Regisseur Michael Winner fällt inszenatorisch nicht viel mehr ein, als die Erwartungen des Zuschauers immer wieder dadurch zu unterlaufen, daß er in die Totale schneidet, wenn mit einer Großaufnahne zu rechnen gewesen wäre (oder umgekehrt).

R Michael Winner B David W. Rintels, Gerald Wilson K Robert Paynter M Jerry Fielding A Herbert Westbrook S Michael Winner P Walter Mirisch D Burt Lancaster, Alain Delon, Paul Scofield, John Colicos, Gayle Hunnicutt | USA | 114 min | 1:1,85 | f | 11. April 1973

5.4.73

Theatre of Blood (Douglas Hickox, 1973)

Theater des Grauens

»Will you ever again ruin the reputation of an honest man?« Jeder, der schon einmal schlechte Kritiken bekam, hat sich vermutlich ausgemalt, wie er die feindlichen Rezensenten genüßlich meucheln könnte. Der oft und boshaft verrissene Shakespeare-Mime Edward Lionheart (somewhere over the top: Vincent Price) tut sich keinen Zwang an, er schreitet zur Tat. Kritiker, so heißt es, sind keine Besserkönner sondern Besserwisser. Lionheart (»He can never be destroyed, never!«) beweist, daß Angehörige dieses völlig überflüssigen Berufsstandes (mit ätzender Häme persifliert von Jack Hawkins, Robert Morley, Coral Browne, Harry Andrews, Michael Hordern) zumindest eines besser können: sterben.

R Douglas Hickox B Anthony Greville-Bell K Wolfgang Suchitzky M Michael J. Lewis A Michael Seymour S Malcolm Cooke P John Kohn, Stanley Mann D Vincent Price, Diana Rigg, Ian Hendry, Harry Andrews, Coral Browne | UK | 104 min | 1:1,66 | f | 5. April 1973

29.3.73

Die Legende von Paul und Paula (Heiner Carow, 1973)

»Ideal und Wirklichkeit gehen nie übereinander. Ein Rest bleibt immer.« Das Ideal des Films ist die bedingungslose Liebe, seine Wirklichkeit ist der real-existierende Sozialismus. Während das Gestern Haus für Haus weggesprengt wird und aus dem Trümmerstaub eine schöne neue Plattenwelt ersteht, begegnen und verlieben sich die zweifache Mutter und Kaufhallenkraft Paula (aus dem Altbau: Angelica Domröse) und der verheiratete Nachwuchsfunktionär Paul (aus dem Neubau: Winfried Glatzeder). »Wir wollen folgendes machen«, sagt Paula, »wir lassen es dauern, solange es dauert. Wir machen nichts dagegen und nichts dafür.« Ihr radikaler Glücksanspruch steht zunächst gegen seinen aufstiegsorientierten Opportunismus, bis Paul erkennt, daß er als Teil des Systems nicht viel zu gewinnen hat, und so legt er sich in den Schatten seiner schönen Freundin … Das Drehbuch von Ulrich Plenzdorf verbindet gekonnt und wirkungsvoll scharfe Milieuzeichnung mit märchenhafter Darstellung, umgibt die graue Flüchtigkeit des Alltags mit dem Schein von Ewigkeit und (biblischem) Mythos: »Jegliches hat seine Zeit,
 / Steine sammeln, Steine zerstreun,
 / Bäume pflanzen, Bäume abhaun,
 / leben und sterben und Streit.« Heiner Carows kongeniale Regie verleiht der Ostberliner (genauer gesagt: Friedrichshainer) Liebesdichtung aus den frühen 1970er Jahren Gültigkeit weit über Zeit und Ort hinaus. »Die Legende von Paul und Paula« beschreibt den permanenten, überall bestehenden Konflikt zwischen Individualismus und Anpassung – und feiert dabei, ohne Rücksicht auf Verluste, das ganz große Gefühl: »Ihre Liebe war stark wie der Tod.«

R Heiner Carow B Ulrich Plenzdorf K Jürgen Brauer M Peter Gotthardt, Puhdys A Harry Leupold S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Angelica Domröse, Winfried Glatzeder, Fred Delmare, Heidemarie Wenzel, Rolf Ludwig | DDR | 109 min | 1:1,66 | f | 29. März 1973

27.3.73

Sisters (Brian De Palma, 1973)

Die Schwestern des Bösen

Eine Journalistin (Jeniffer Salt) meint einen Mord beobachtet zu haben und verdächtigt ein junges Model (Margot Kidder) bzw. deren siamesische Zwillingsschwester der Tat. Brian De Palmas erste Variation über Motive von Hitchcock imponiert durch den unbedingten Formwillen sowie die gelungene Verbin­dung von Reflexion und Überhöhung der Vorbilder mit hochemotionalen Spannungsmomenten – Kino als gut geölte Manipulationsmaschine, die gleichzeitig (durch parodistische Distanzierung) ihre Funktionsweisen ausstellt und kommentiert. Mit scheinbar simplen filmischen Mitteln dringt De Palma weit in die deformierte Psyche seiner Figuren vor. Insbesondere das Ende (das auch »Dr. Caligari« sowie Bergmans »Persona« benutzt und verarbeitet) – die Ereignisse in der Irrenanstalt, die Hypnose, die Freakshow, die »Operation« der Schwestern – hat eine nachhaltig verstörende Wirkung. Nicht zu vergessen: der Score von Bernard Herrmann, der eine überkandidelte (und dabei sehr effektive) Travestie seiner eigenen Meisterkompositionen beisteuert.

R Brian De Palma B Brian De Palma, Louisa Rose K Gregory Sandor M Bernard Herrmann A Gary Weist S Paul Hirsch P Edward R. Pressman D Margot Kidder, Jennifer Salt, Charles Durning, William Finley, Barnard Hughes | USA | 93 min | 1:1,85 | f | 27. März 1973

15.3.73

Alle Menschen werden Brüder (Alfred Vohrer, 1973)

Zwei Brüder, zwischen ihnen eine Frau und die Schatten der deutschen Vergangenheit. Der Film beginnt exotisch, mit einem Schwenk über den Marktplatz von Marrakesch, die untergehende Sonne streut Lichtflecke in die Linse. Zwei Europäer unterwegs in der Stadt. Verfolgung durch die Souks. Einer der Männer wird in seinem Hotelzimmer ermordet, der andere reist zurück in die Heimat, wird noch am Flughafen verhaftet. Seine Geschichte führt aus den sechziger Jahren in die Nachkriegszeit. Zwei Brüder, zwei Schriftsteller: Werner (Harald Leipnitz), einst mit den Nazis im Bunde, darf nicht mehr schreiben; Richard (Rainer von Artenfels), als Dolmetscher für die Amerikaner (Roberto Blanco als Besatzungsoffizier!) tätig, fehlt es an Talent. Die beiden arrangieren sich zum gegenseitigen Vorteil, entzweien sich jedoch über die verführerische Lillian (Doris Kunstmann). Werner »hilft« fortan alten Kameraden in der westdeutschen Provinz, Richard betreibt mit einem jüdischen KZ-Überlebenden ein Bumslokal in Frankfurt (wo sich Elisabeth Volkmann nackt zum Gesang von Ingrid van Bergen räkelt). Zwei Brüder, zwei Todfeinde: Alfred Vohrer und Johannes Mario Simmel erzählen von Schuld und Schwäche, von Haß und Rache, von offenen Rechnungen und manipulierten Gefühlen, von stetig blubbernden braunen Sümpfen und immer wieder enttäuschter Hoffnung, sie leuchten ins Niemandsland zwischen Gut und Böse, berichten aus einer Welt, in der Brüderlichkeit nur ein frommer Wunsch ist – oder ein spitzer Dolch, der sich in einen Rücken bohrt.

R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Erich Ferstl A Wolf Englert S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Rainer von Artenfels, Harald Leipnitz, Doris Kunstmann, Klaus Schwarzkopf, Herbert Fleischmann | BRD | 108 min | 1:1,66 | f | 15. März 1973

# 855 | 16. April 2014

7.3.73

The Long Goodbye (Robert Altman, 1973)

Der Tod kennt keine Wiederkehr

»There's a long goodbye,
 / And it happens every day.« Philip Marlowe ist ein Relikt. Er fährt einen 1948er Lincoln Continental. Er trägt einen schwarzen Anzug. Er legt nie die Krawatte ab. Er glaubt an Loyalität. Robert Altman, der Raymond Chandlers Roman aus dem Jahr 1953 mit spleenig-hellhöriger (Nach-)Lässigkeit inszeniert, verlegt das obskure Geschehen aus der Nachkriegszeit in die Gegenwart: Elliott Gould nuschelt sich in der Rolle des legendären private eye durch das Los Angeles der frühen siebziger Jahre. Amerika zwischen Hippie und Watergate erscheint im Auge von Vilmos Zsigmonds unaufhörlich bewegter Kamera wie ein Wachtraum, den sonderbare, zumeist (geld-)gierige Existenzen bevölkern: ausgebrannte Vollblutschriftsteller und intrigante Ehefrauen, dubiose Ärzte und bösartige Gangster, falsche Freunde und wählerische Katzen. Marlowe, der in einem luftigen Apartment neben einer Kommune von sexy Kerzenzieherinnen haust, kommentiert alle Absonderlichkeiten, die ihm zwischen Hollywood Hills, Malibu Colony und dem mexikanischen Nest Otatoclán begegnen, mit dem immergleichen abgeklärten: »That’s OK with me.« Nur in Bezug auf Vertrauensbruch versteht der Detektiv keinen Spaß: »Nobody cares but me.« – »Well, that's you, Marlowe. You'll never learn. You're a born loser.« Die Sch(l)ußpointe beweist so etwas wie das Gegenteil. Das Engagement einer Reihe von Hollywood-Veteranen erhebt Altmans brillante Thriller-Variation geradewegs in den Rang eines Neo-noir-Klassikers – Sterling Hayden, der den versoffenen Romancier Roger Wade spielt, Autorin Leigh Brackett, die schon (mit William Faulkner) das Drehbuch zu Howard Hawks’ Chandler-Adaption »The Big Sleep« verfaßte, Johnny Mercer, der den Text zu John Williams’ vielfältig variierter Titelmelodie beisteuert: »It's too late to try, / When a missed hello / Becomes the long goodbye.«

R Robert Altman B Leigh Brackett V Raymond Chandler K Vilmos Zsigmond M John Williams S Lou Lombardo P Jerry Bick D Eliott Gould, Nina van Pallandt, Sterling Hayden, Mark Rydell, Henry Gibson | USA | 112 min | 1:2,35 | f | 7. März 1973

# 945 | 20. Februar 2015

18.1.73

Traitement de choc (Alain Jessua, 1973)

Der Preis für ein Leben

Eine Reise zur Quelle der ewigen Jugend … Hélène Masson (Annie Girardot), Modemacherin Ende 30, erfolgreich und erschöpft, von ihrem Freund wegen einer Jüngeren verlassen, fährt zur Kur ans Meer, in die abgelegene Privatklinik des attraktiv-alerten Dr. Devilers (Alain Delon), der an seinen Patienten wahre Wunder vollbringt. Es ist eine exklusive und zahlungskräftige Klientel, die sich in der modernen Heilstätte regelmäßig zur Thalassotherapie einfindet; die verschiedenen Anwendungen werden ergänzt durch Aufbauspritzen von überraschend belebender Wirkung. Hélène genießt zunächst die ungezwungene Atmosphäre wie auch die erotischen Aufmerksamkeiten des Chefarztes, wundert sich aber über die zunehmende Schlappheit der zahlreichen jungen portugiesischen Bediensteten; nach dem Selbstmord eines guten Freundes und Mitpatienten unternimmt sie auf eigene Faust Recherchen in der abweisenden Umgebung der Klinik und in den geheimen Laboratorien des Verjüngungsspezialisten … Alain Jessua beschreibt in seinem makabren Thriller nicht nur die allzumenschliche Furcht vor physischem Verfall und die verzweifelte Jagd nach dauerhafter Kraft und Schönheit, er zieht auch eine gerade Linie von den blutigen Opferritualen archaischer Gesellschaften zu den ausbeuterischen Klassenverhältnissen der abendländischen Zivilisation: Immer sind es die Schwachen, die über die Klinge springen, um die Starken stärker zu machen.

R Alain Jessua B Alain Jessua, Roger Curel K Jacques Robin M René Koering, Alain Jessua A Constantin Mejinsky S Hélène Plemiannikov P Raymond Danon, Robert Dorfmann D Annie Girardot, Alain Delon, Michel Duchaussoy, Robert Hirsch, Jean-François Calvé | F & I | 91 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1973

# 859 | 18. April 2014

7.1.73

Tote Taube in der Beethovenstraße (Samuel Fuller, 1973)

In der Bonner Beethovenstraße wird ein Mann erschossen. Der Täter kann entkommen. Der Tote war ein amerikanischer Detektiv. Dessen Partner Sandy (Glenn Corbett) macht sich auf die Suche nach dem Mörder (mit dem schönen Namen Charlie Umlaut) und nach den Hintermännern des Verbrechens ... Samuel Fuller betreibt mit rücksichtsloser Nonchalance die Verwandlung des westdeutschen Fernsehkrimis in ein kapriziöses B-Movie über das zwölftälteste Gewerbe der Welt: Erpressung mit Schmuddelfotos. Der eigentliche Ermittler (WDR-Zollfahnder Kressin: Sieghard Rupp) wird schon nach wenigen Minuten außer Gefecht gesetzt, woraufhin der beherzte Sandy in die kriminellen Abgründe des Rheinlandes hinabsteigt; im Verlauf der kruden Angelegenheit treiben – bis zum melodramödiantischer Showdown – unter anderem eine verlebte Verführerin, ein durchgeknallter Scherge sowie ein virtuos fechtender Oberschurke ihr schändliches Unwesen. Daß er ausgerechnet die verschlafene Bundeshauptstadt zur Zentrale eines international tätigen Gangstersyndikats erkoren hat, mag Fullers rabiate Ironie ebenso belegen wie die bald traum-, bald lach-, immer aber sprunghafte Dramaturgie des absurd-karnevalesken Reißers.

R Samuel Fuller B Samuel Fuller K Jerzy Lipman M Can A Lothar Kirchem S Liesgret Schmitt-Klink P Joachim von Mengershausen D Glenn Corbett, Christa Lang, Anton Diffring, Eric P. Caspar, Sieghardt Rupp, Stéphane Audran | BRD | 98 min | 1:1,37 | f | 7. Januar 1973

# 1037 | 12. Dezember 2016

29.12.72

Ludwig (Luchino Visconti, 1972)

Ludwig II. 

Beklemmendes Panorama und pompöses Kammerspiel: der Verfall eines Monarchen vom hoffnungsvollen Tag der Krönung bis zum geheimnisumwitterten Ertrinkungstod. Im abschließenden Teil seiner »deutschen Trilogie« begibt sich Luchino Visconti auf die Spuren des – zu Beginn der Erzählung berückend schönen – Bayernkönigs Ludwig II. (Helmut Berger), der – voller Pläne und erfüllt von Ängsten, zugleich scheu und gebieterisch ­– seinen von schöpferischem Wollen angetriebenen Herrschaftsanspruch in konstitutionellen Zeiten nicht leben kann, dem – zerrieben zwischen dem Drang nach Selbstentfaltung und staatspolitischem Erwartungsdruck – Freundschaft (zum hochverehrten Richard Wagner, zum angeschwärmten Josef Kainz) und Liebe (zur seelenverwandten Elisabeth von Österreich, der komplexesten Figur des Dramas, von Romy Schneider als Dementi ihrer eigenen Sissi-Vergangenheit gespielt) durchweg mißglücken, der sich schließlich – aufgedunsen und zahnlückig – in asymmetrische Techtelmechtel und die Errichtung (seifen-)opernhafter Phantasiewelten flüchtet. Kein herkömmliches Epos, eher eine ausufernde Fallstudie, zusammengefügt aus (mehr oder weniger fiktionalisierten) biographischen Episoden, locker strukturiert von in die Kamera gesprochenen Stellungnahmen der Wegbegleiter und Widersacher des royalen Protagonisten, ein schwelgerisch-distanziertes Schaustück vom (traurigen) Glanz und (prunkvollen) Elend eines radikalen Ästheten und antisozialen Träumers.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Enrico Medioli, Suso Cecchi D’Amico K Armando Nannuzzi M diverse A Mario Chiari S Ruggero Mastroianni P Ugo Santalucia, Dieter Geissler D Helmut Berger, Romy Schneider, Trevor Howard, Umberto Orsini, Silvana Mangano, Gert Fröbe | I & F & BRD | 235 min | 1:2,35 | f | 29. Dezember 1972

# 1136 | 8. November 2018

26.12.72

Dr. M schlägt zu (Jess Franco, 1972)

Gemeingefährliche Industriespionage als deutsch-spanischer Sleaze-Alptraum: Aus dem Forschungsinstitut von Professor Orloff (Siegfried Lowitz) werden die Pläne einer supergeheimen Strahlenwaffe gestohlen – dumm nur, daß die Unterlagen verschlüsselt sind. Die Verbrecher unter Führung von Dr. Krenko (Jack Taylor spielt eine Mischung aus überfordertem Dr. Mabuse und zahnlosem Charles Manson) unternehmen nun alles (Un-)Menschenmögliche, um sich den Code zu verschaffen … Artur Brauner wird seinem Ruf als gnadenloser Nachzehrer einmal mehr gerecht, indem er den Kinomythos »M« = Mabuse (der von ihm zuvor schon mehrfach gefleddert wurde) endgültig ausplündert und alles Titanischen entkleidet. Dem lächerlichen Dilettantismus der Schurken – ein unfähiger Hypnose»spezialist«, eine fiese Handlangerin und ein täppisches Kraftmonster treiben ihr unsinniges Wesen – entsprechen die atemberaubende Inkonsistenz des (vom Produzenten mitverfaßten) Drehbuchs und die radikale Dürftigkeit der Regiebemühungen von Jess Franco (der, wenn nichts mehr hilft, dralle Schönheiten entführen und in verzerrter Weitwinkeloptik piesacken läßt). Auf ihre Art finden Brauner und Franco damit ein künstlerisches Äquivalent zum asozialen Zerstörungsfuror des legendären Anarchokriminellen.

R Jess Frank (= Jess Franco) B Art Bernd (= Artur Brauner), Jess Frank (= Jess Franco) K Manuel Merino M Rolf Kühn A Hans-Jürgen Kiebach S Renate Engelmann P Artur Brauner D Fred Williams, Jack Taylor, Ewa Strömberg, Siegfried Lowitz, Moisés Augusto Rocha | BRD & E | 80 min | 1:1,66 | f | 26. Dezember 1972

# 905 | 1. September 2014

21.12.72

Viskningar och rop (Ingmar Bergman, 1972)

Schreie und Flüstern

Ein Traumspiel der Emotionen. Ein Totentanz der Lebenden. Eine Gespenstersonate in Rot. Drei Schwestern in einem Landhaus: Agnes (Harriet Andersson) stirbt einen langsamen, qualvollen Tod, Karin (Ingrid Thulin) und Maria (Liv Ullmann) stehen dabei, sitzen daneben, schauen hin und doch weg. Das glühende Innere des vornehmen Baus – rote Wände, rote Böden, rot bezogene Möbel – als Inneres des Schmerzes, der die drei Frauen umfängt, als Bühne eines Kammerspiels der falschen Liebe und des echten Zorns: Maria, oberflächlich-kokett, verheiratet mit einem weinerlichen Schwächling, sucht vergebens Bestätigung bei einem Geliebten, der ihr (als Arzt) mit wissenschaftlicher Präzision die Spuren ihres körperlichen Verfalls erläutert; Karin, an der Seite eines eisigen Karrieristen selbst bis aufs Blut erkaltet, findet sinnliches Erleben nur mehr in selbst beigebrachten Verletzungen; Agnes krümmt sich in körperlicher Qual, schreit nach Hilfe, fragt nach dem Sinn ihres unverdienten Leidens. Wahre Berührungen scheinen unter den Schwestern unmöglich, bleiben der in ihrer Natürlichkeit ruhenden Zofe Anna überlassen, die die Sterbende in den Armen wiegt wie die Schmerzensmutter den Gekreuzigten… Mit der Sicherheit des großen Meisters flicht Ingmar Bergman Gestern und Heute seiner Erzählung kunstvoll ineinander, läßt eine Tote auferstehen und Rechenschaft fordern, wirft, nach einer Überfahrt über das Meer der Tränen, Anker an der Insel der seligen Erinnerung: Agnes, die vielleicht aufrichtigste, unverdorbenste der drei Schwestern, die einzige anscheinend, die sich selbst (und damit anderen) im Leben nahe kommen konnte, beschreibt (imaginiert?) – nach ihrem Tod noch einmal lebendig geworden in den Zeilen ihres Tagebuchs – einen fast überirdischen Moment des Glücks: drei Schwestern auf einer Schaukel vereint, sanft bewegt im weichen Licht eines heiteren Frühlingstages. Nach den Exzessen der Kälte und Fremdheit, die »Viskningar och rop« ausgebreitet hat, kann diese Reminiszenz eigentlich nur eine schöne Lüge sein – aber wen sollte es kümmern, wenn sie denn tief empfunden ist…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A Marik Vos S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Harriet Andersson, Ingrid Thulin, Liv Ullmann, Kari Sylwan, Erland Josephson | S | 91 min | 1:1,66 | f | 21. Dezember 1972

17.12.72

Avanti! (Billy Wilder, 1972)

Avanti, Avanti! 

Ein sittenstrenger Geschäftsmann (Jack Lemmon) muß erkennen, daß sein verstorbener sittenstrenger Vater regelmäßig Urlaub von den strengen Sitten nahm – und tut’s dem teuren Toten sodann mit der Tochter der (nicht zufälligerweise ebenfalls verstorbenen) langjährigen väterlichen Geliebten (Juliet Mills) fröhlich nach … In seinem mediterran-legeren Alterswerk reiht Billy Wilder einen italienischen Moment an den anderen und läßt seinen linden Hauch von Story zweieinhalb Stunden lang zart über den Betrachter hinstreichen – ohne daß zu irgend einem Zeitpunkt die liebenswürdige Spannung zwischen den Figuren nachließe oder der feingesponnene Erzählfaden durchhinge. Vergnügen (beinahe) senza fine.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Samuel A. Taylor K Luigi Kuveiller M Carlo Rustichelli A Fernandino Scarfiotti S Ralph E. Winters P Billy Wilder D Jack Lemmon, Juliet Mills, Clive Revill, Edward Andrews, Gianfranco Barra | USA | 140 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1972

10.12.72

Sleuth (Joseph L. Mankiewicz, 1972)

Mord mit kleinen Fehlern

»Once, she was in love with me.« – »And now she’s in love with me.« Zwei Männer rivalisieren um eine Frau. Das (abwesende) Streitobjekt dient indes lediglich als Katalysator, der Aktionen und Reaktionen der (einander ebenbürtigen) Gegner provoziert. Joseph L. Mankiewicz inszeniert Anthony Shaffers wechselvolles Rollen-/Doppel-/Mörder-Spiel, das sich peu à peu von der kultivierten Konversation zum tödlichen Machtkampf entwickelt, auch als Wettstreit zweier überragender Schauspieler: Laurence Olivier, Inbegriff des britischen Gentleman, als exzentrischer Kriminalschriftsteller gegen Michael Caine, waschechter Cockney, als flotter Society-Friseur mit italienischen Wurzeln. Die ohne Milde geführte Auseinandersetzung zwischen Andrew Wyke und Milo Tindel (geborener Tindolini) impliziert zahlreiche, einander überlagernde Kontroversen: aristokratischer Konservativismus gegen selbstbewußtes Plebejertum, Besitzstandswahrung gegen Aufstiegsorientierung, Eingesessenheit gegen Zuwanderung, Künstlichkeit gegen Authentizität. Der eine sieht das Leben als Scharade, der andere kennt den Ernst des Lebens; für den einen ist Erniedrigung ein amüsanter Zeitvertreib, für den anderen alltägliche Realität … Als dritter Protagonist des konfliktären Stücks figuriert Ken Adams beziehungsreiches Bühnenbild: ein verwinkeltes Herrenhaus, vollgestopft mit Automaten, Puppen und Marionetten, ein klaustrophobisch-labyrinthisches Kabinett der Irreführung und der Hinterlist. PS: »Remember ... be sure and tell them ... it was only a bloody game.«

R Joseph L. Mankiewicz B Anthony Shaffer V Anthony Shaffer K Oswald Morris M John Addison A Ken Adam S Richard Marden P Morton Gottlieb D Laurence Olivier, Michael Caine | USA & UK | 138 min | 1:1,85 | f | 10. Dezember 1972

# 992 | 12. März 2016

7.12.72

Che? (Roman Polanski, 1972)

Was?

Statt »Was?« könnte Roman Polanskis Erotikfarce auch »Wie jetzt?« heißen oder »Sydne Rome zeigt in Carlo Pontis Villa ihre Möpse«: Auf der Flucht vor drei Vergewaltigern gerät die junge und knackige Nancy in das topographisch und zwischenmenschlich verwinkelte Domizil eines sterbenskrank-endgeilen Kunstsammlers (Hugh Griffith), der mit einer illustren Rotte dekadenter Erbschleicher (unter ihnen Marcello Mastroianni als Ex-Zuhälter, Tigerfellträger und Uniformfetischist) seine letzten Tage verbringt. Die assoziativ-absurde Szenenfolge erscheint wie eine comichafte Jet-Set-Variation von »Alice in Wonderland« oder – mit all den Déjà-vus und Sado-Maso-Obsessionen – wie eine Hommage an Alain Robbe-Grillets kunstvollen Trivialroman »La maison de rendez-vous«. Polanskis Gesellschaftskritk geht nicht tiefer als die Poritze seiner Hauptdarstellerin, aber der Film macht den Eindruck, als hätten alle Beteiligten eine tolle Zeit auf dem Sommersitz des Produzenten verbracht.

R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Giuseppe Ruzzolini, Marcello Gatti M Claudio Gizzi A Aurelio Crugnola S Alastaire McIntyre P Carlo Ponti D Marcello Mastroianni, Sydne Rome, Hugh Griffith, Guido Alberti, Gianfranco Piacentini | I & F & BRD | 114 min | 1:2,35 | f | 7. Dezember 1972

6.12.72

Le grand blond avec une chaussure noire (Yves Robert, 1972)

Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh

Hübscher kleiner spy-spoof über das Phänomen der déformation professionelle: Spionagechef Toulouse (gepflegt-ödipal: Jean Rochefort), muß die Karriere-Ambitionen seines Stellvertreters Milan (gefährlich-verbissen: Bertrand Blier) abwehren; ein Köder in Gestalt eines (bis (fast) zum Schluß) völlig ahnungslosen, großen blonden Geigers (albern-verträumt: Pierre Richard) läßt den untergebenen Widersacher erst die Nerven verlieren und schließlich über die eigene Leiche gehen ... Der ganze Irrwitz geheimdienstlicher Tätigkeit zeigt sich, wenn in der Wohnung des Violinisten eine Fotografie mit Liebesschwur (»Deux cœurs qui s’aiment finissent toujours par se rencontrer.«) gefunden wird, und Milan von seinen Leuten verlangt, die Botschaft umgehend zu »entschlüsseln«. PS: Ein atemberaubender Moment der Filmgeschichte: wie die erst so hochgeschlossen wirkende agente provocatrice (Mireille Darc) einen sensationellen Blick auf ihren Rücken samt Poritzenansatz gewährt.

R Yves Robert B Yves Robert, Francis Veber K René Mathelin M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Ghislaine Desjonquères P Alain Poiré, Yves Robert D Pierre Richard, Bernard Blier, Jean Rochefort, Mireille Darc, Paul Le Person | F | 90 min | 1:1,66 | f | 6. Dezember 1972