Ein Zimmer in der Stadt
»Le ciel de Nantes rend mon cœur chagrin.« (Barbara) ... Eine einfache Geschichte von Liebe und Tod: Ein unbemittelter Arbeiter, dessen Freundin ein Kind erwartet, und eine Frau aus sogenannten besseren Kreisen, deren Ehemann vor Eifersucht rast, entbrennen füreinander in unbändiger Leidenschaft. Der Schauplatz ist die westfranzösische Hafenstadt Nantes. Das Jahr ist 1955. Jacques Demy siedelt seine (nicht unblutige) tragi-comédie enchantée im historisch-politischen Umfeld des großen Streiks der Werftarbeiter an. Handlung und Charaktere sind so schlicht wie ergreifend: Wie von den Karten geweissagt, rauschen François (Richard Berry als sexy-sensibler Proletarier) und Edith (Dominique Sanda als auserlesen-unbürgerliche Venus im Pelz) aufeinander zu wie zwei aus der Bahn geratene Himmelskörper, und mit ebendieser Wucht erfüllt sich ihr irdisches Schicksal. An ihrer Seite agieren Danielle Darrieux als aristokratische Zimmerwirtin und besorgte Mutter, die nicht ganz so sittenfest ist, wie sie vorgibt, Michel Piccoli als besitzergreifender Fernsehhändler, dessen Impotenz sich in (Selbst-)Zerstörungswut verwandelt, und Fabienne Guyon als veilchenhaftes Geschöpf, das seinen rosa Traum vom kleinbürgerlichen Glück zerplatzen sieht. Mit »Une chambre en ville« kehrt Demy zurück, in die Zeit seiner Jugend, in seine Heimatstadt, zur Form der »opéra populaire«, die er mit »Les parapluies de Cherbourg« erfand, zurück auch in die passage Pommeraye, durch die einst Lola, die Heldin seines ersten Spielfilms, flanierte. Doch es ist keine fröhliche Heimkehr, kein glückliches Wiedersehen, es ist ein trauriger letzter Besuch, um (singend) Abschied zu nehmen. PS: Demys Haus- und Herzenskomponist Michel Legrand findet das alles zu dunkel, zu schwer; die Musik des Films schreibt ein anderer: Michel Colombier, der schon für Schattenmänner wie Melville, Labro und Friedkin gearbeitet hat.
R Jacques Demy B Jacques Demy K Jean Penzer M Michel Colombier A Bernard Evein Ko Rosalie Varda S Sabine Mamou P Christine Gouze-Rénal D Dominique Sanda, Richard Berry, Danielle Darrieux, Michel Piccoli, Fabienne Guyon | F | 90 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1982
# 1122 | 5. Juni 2018
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23.6.76
Folies bourgeoises (Claude Chabrol, 1976)
Die verrückten Reichen
Schmierig-verklemmte Sittenfarce über die Luxusprobleme des in Paris lebenden amerikanischen Schriftstellers William (Bruce Dern) und seiner mondän-frustrierten Gattin (und Agentin) Claire (Stéphane Audran), eine (erschütternd unscharfe) Betrachtung von Doppelspiel und Allüren, von Eifersucht und Langeweile in den sogenannten besseren Kreisen, eine (herzlich unkomische) Komödie der zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen, ein Film ohne Handlung und Rhythmus, ohne Sinn und Verstand. Claude Chabrol streut wahllos ein paar vulgärsurrealistische Intermezzi (überbelichtete Imaginationen von Mord, Beischlaf und Entmannung) sowie jede Menge belanglose Gastauftritte sichtlich verwirrter Stars (Maria Schell als hysterisches Hausmädchen, Curd Jürgens als roboterhafter Diamantenhändler, Charles Aznavour als kaputter Arzt, Tomas Milian als klamottiger Privatdetektiv) in diese atemberaubende künstlerische Entgleisung, ohne ihr wenigstens den belebenden Reiz des Peinlichen verleihen zu können.
R Claude Chabrol B Ennio de Concini, Maria Pia Fusco, Norman Enfield, Claude Chabrol V Lucie Faure K Jean Rabier M Manuel De Sica A Maurice Sergent S Monique Fardoulis P Ilya Salkind, Pierre Spengler D Stéphane Audran, Bruce Dern, Sydne Rome, Ann-Margret, Jean-Pierre Cassel | F & I & BRD | 107 min | 1:1,66 | f | 23. Juni 1976
# 1111 | 14. Mai 2018
Schmierig-verklemmte Sittenfarce über die Luxusprobleme des in Paris lebenden amerikanischen Schriftstellers William (Bruce Dern) und seiner mondän-frustrierten Gattin (und Agentin) Claire (Stéphane Audran), eine (erschütternd unscharfe) Betrachtung von Doppelspiel und Allüren, von Eifersucht und Langeweile in den sogenannten besseren Kreisen, eine (herzlich unkomische) Komödie der zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen, ein Film ohne Handlung und Rhythmus, ohne Sinn und Verstand. Claude Chabrol streut wahllos ein paar vulgärsurrealistische Intermezzi (überbelichtete Imaginationen von Mord, Beischlaf und Entmannung) sowie jede Menge belanglose Gastauftritte sichtlich verwirrter Stars (Maria Schell als hysterisches Hausmädchen, Curd Jürgens als roboterhafter Diamantenhändler, Charles Aznavour als kaputter Arzt, Tomas Milian als klamottiger Privatdetektiv) in diese atemberaubende künstlerische Entgleisung, ohne ihr wenigstens den belebenden Reiz des Peinlichen verleihen zu können.
R Claude Chabrol B Ennio de Concini, Maria Pia Fusco, Norman Enfield, Claude Chabrol V Lucie Faure K Jean Rabier M Manuel De Sica A Maurice Sergent S Monique Fardoulis P Ilya Salkind, Pierre Spengler D Stéphane Audran, Bruce Dern, Sydne Rome, Ann-Margret, Jean-Pierre Cassel | F & I & BRD | 107 min | 1:1,66 | f | 23. Juni 1976
# 1111 | 14. Mai 2018
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26.3.75
Les innocents aux mains sales (Claude Chabrol, 1975)
Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen
Sie solle nicht vergessen, sagt, kurz vor Schluß des Films, der alerte Rechtsanwalt Légal (!) (Jean Rochefort) zu seiner Mandantin Julie Wormser (Romy Schneider), daß sie in einer Männerwelt lebe, mit Gesetzen, die von Männern für Männer gemacht wurden. Was dies bedeutet, hat Julie erlebt, in einem bizarren Psychothriller, der die Noir-Implikationen der klassischen Konstellation »reicher Mann – schöne Ehefrau – junger Liebhaber« als manieristische Travestie variiert. Claude Chabrol zeigt seine Protagonistin (im übrigen die buchstäblich einzige Frau in der Erzählung), Gattin eines aufs luxuriöse Altenteil retirierten Unternehmers und impotenten (?) Alkoholikers (Rod Steiger), schwankend zwischen skrupelloser Ungerührtheit und lähmender Verstörung, als vermeintliche Femme fatale, die auch dann, wenn sie glaubt, selbstbestimmt zu handeln, nur Spielball männlicher Machenschaften ist. Studierte er eine ähnliche Versuchsanordnung in seinem Meisterwerk »Le femme infidèle« mit beherrschter Subtilität, verbindet Chabrol in diesem Fall fantastische Handlungsumschwünge und schräge Schauereffekte, artifizielle Mittelmeerkulissen und nachtschwarzen Humor zu einem kriminalistischen (Geschlechter-)Soziogramm der exzentrischen Art.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol V Richard Neely K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Romy Schneider, Rod Steiger, François Maistre, Jean Rochefort, Hans Christian Blech | F & I & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 26. März 1975
# 1109 | 10. Mai 2018
Sie solle nicht vergessen, sagt, kurz vor Schluß des Films, der alerte Rechtsanwalt Légal (!) (Jean Rochefort) zu seiner Mandantin Julie Wormser (Romy Schneider), daß sie in einer Männerwelt lebe, mit Gesetzen, die von Männern für Männer gemacht wurden. Was dies bedeutet, hat Julie erlebt, in einem bizarren Psychothriller, der die Noir-Implikationen der klassischen Konstellation »reicher Mann – schöne Ehefrau – junger Liebhaber« als manieristische Travestie variiert. Claude Chabrol zeigt seine Protagonistin (im übrigen die buchstäblich einzige Frau in der Erzählung), Gattin eines aufs luxuriöse Altenteil retirierten Unternehmers und impotenten (?) Alkoholikers (Rod Steiger), schwankend zwischen skrupelloser Ungerührtheit und lähmender Verstörung, als vermeintliche Femme fatale, die auch dann, wenn sie glaubt, selbstbestimmt zu handeln, nur Spielball männlicher Machenschaften ist. Studierte er eine ähnliche Versuchsanordnung in seinem Meisterwerk »Le femme infidèle« mit beherrschter Subtilität, verbindet Chabrol in diesem Fall fantastische Handlungsumschwünge und schräge Schauereffekte, artifizielle Mittelmeerkulissen und nachtschwarzen Humor zu einem kriminalistischen (Geschlechter-)Soziogramm der exzentrischen Art.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol V Richard Neely K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Romy Schneider, Rod Steiger, François Maistre, Jean Rochefort, Hans Christian Blech | F & I & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 26. März 1975
# 1109 | 10. Mai 2018
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17.6.73
Blume in Love (Paul Mazursky, 1973)
Heirat ausgeschlossen
»To be in love with your ex-wife is a tragedy«, sagt Stephen Blume, Scheidungsanwalt aus Los Angeles (George Segal), der von seiner Ehefrau Nina (Susan Anspach) infolge eines Seitensprungs blitzgeschieden wurde, um schnell zu erkennen, daß er die Verflossene immer noch liebt. Paul Mazursky läßt seine ironische Charakterstudie, gleichermaßen Tragödie eines lächerlichen Mannes und dramatische Komödie der Verunsicherung, der Schuldgefühle, der Besessenheit in der romantischsten aller Kulissen beginnen: Auf der Piazza San Marco beobachtet Blume diverse Liebespaare, erinnert sich zu den Klängen eines Kaffeehausorchesters an die Flitterwochen, die er mit seiner Angetrauten einst in Venedig verbrachte, an Szenen ihrer Ehe, ihrer Entfremdung, ihres Getrenntseins. Während Nina mit dem lebensküstlerischen Musiker Elmo (Kris Kristofferson) anbandelt (den Blume so sympathisch findet, daß er ihm den Vollbart abguckt), gibt es für ihren selbstmitleidig-liebeskranken Exmann nur die Eine, die Einzige: »I will die if I don’t get her back. I don’t want to die. Therefore I have to get her back.« Gewürzt mit furiosen Kurzauftritten von Shelley Winters in der Rolle der hysterisch-rachedurstigen Gattin eines treulosen Psychiaters (»I want the money and the children. And I want the Jaguar!«), entwickelt Mazursky ein bemerkenswertes Update der comedy of remarriage (eines Subgenres der 1930er und -40er Jahre, das Klassiker wie »The Awful Truth« und »His Girl Friday« hervorbrachte) für die Ära von Selbstfindung, Yoga und sexueller Freiheit. Die Wiedervereinigung der Blumes durch eine unvermittelte Vergewaltigung mit anschließender Schwangerschaft setzt allerdings eine perverse Pointe, die das happy ending (dort, wo die Erzählung begann: auf dem Markusplatz – untermalt vom Liebestod-Thema aus »Tristan und Isolde«) zu einem der befremdlichsten seiner Art macht.
R Paul Mazursky B Paul Mazursky K Bruce Surtees M diverse A Pato Guzman S Don Cambern P Paul Mazursky D George Segal, Susan Anspach, Kris Kristofferson, Marsha Mason, Shelley Winters | USA | 115 min | 1:1,85 | f | 17. Juni 1973
# 1119 | 1. Juni 2018
»To be in love with your ex-wife is a tragedy«, sagt Stephen Blume, Scheidungsanwalt aus Los Angeles (George Segal), der von seiner Ehefrau Nina (Susan Anspach) infolge eines Seitensprungs blitzgeschieden wurde, um schnell zu erkennen, daß er die Verflossene immer noch liebt. Paul Mazursky läßt seine ironische Charakterstudie, gleichermaßen Tragödie eines lächerlichen Mannes und dramatische Komödie der Verunsicherung, der Schuldgefühle, der Besessenheit in der romantischsten aller Kulissen beginnen: Auf der Piazza San Marco beobachtet Blume diverse Liebespaare, erinnert sich zu den Klängen eines Kaffeehausorchesters an die Flitterwochen, die er mit seiner Angetrauten einst in Venedig verbrachte, an Szenen ihrer Ehe, ihrer Entfremdung, ihres Getrenntseins. Während Nina mit dem lebensküstlerischen Musiker Elmo (Kris Kristofferson) anbandelt (den Blume so sympathisch findet, daß er ihm den Vollbart abguckt), gibt es für ihren selbstmitleidig-liebeskranken Exmann nur die Eine, die Einzige: »I will die if I don’t get her back. I don’t want to die. Therefore I have to get her back.« Gewürzt mit furiosen Kurzauftritten von Shelley Winters in der Rolle der hysterisch-rachedurstigen Gattin eines treulosen Psychiaters (»I want the money and the children. And I want the Jaguar!«), entwickelt Mazursky ein bemerkenswertes Update der comedy of remarriage (eines Subgenres der 1930er und -40er Jahre, das Klassiker wie »The Awful Truth« und »His Girl Friday« hervorbrachte) für die Ära von Selbstfindung, Yoga und sexueller Freiheit. Die Wiedervereinigung der Blumes durch eine unvermittelte Vergewaltigung mit anschließender Schwangerschaft setzt allerdings eine perverse Pointe, die das happy ending (dort, wo die Erzählung begann: auf dem Markusplatz – untermalt vom Liebestod-Thema aus »Tristan und Isolde«) zu einem der befremdlichsten seiner Art macht.
R Paul Mazursky B Paul Mazursky K Bruce Surtees M diverse A Pato Guzman S Don Cambern P Paul Mazursky D George Segal, Susan Anspach, Kris Kristofferson, Marsha Mason, Shelley Winters | USA | 115 min | 1:1,85 | f | 17. Juni 1973
# 1119 | 1. Juni 2018
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12.4.73
Les noces rouges (Claude Chabrol, 1973)
Blutige Hochzeit
Ein kleine Stadt, irgendwo im Herzen Frankreichs, drei Autostunden entfernt von Paris. Die Verhältnisse scheinen geordnet, doch sie sind es (wie immer und überall) nur äußerlich. Lucienne (Stéphane Audran), die sexuell unterforderte Gattin des Bürgermeisters, und dessen unglücklich verheirateter Stellvertreter Pierre (Michel Piccoli) verfallen einander in rasender Leidenschaft. Zwei Menschen müssen sterben, damit dieser amour fou gelebt werden kann: die notorisch kränkelnde Frau des Stellvertreters und der allzeit kregle Bürgermeister (Claude Piéplu), der aus der heimlichen Affäre ganz persönliches (politisches und finanzielles) Kapital schlagen will … Fast folgerichtig erscheint unter Claude Chabrols (und Jean Rabiers) forschenden Blicken der Weg der Liebenden ins Verbrechen, das ihnen freilich statt der ersehnten Befreiung die endgültige Trennung bringt. Mit melancholischem Sarkasmus bestellt Chabrol in seiner abgründigen Verarbeitung eines wahren Kriminalfalles aus der zentralfranzösischen Provinz ausgerechnet Luciennes wohlmeinende Tochter zum unwillentlichen Werkzeug der Gerechtigkeit: »Je voudrais tant que tu sois enfin heureuse.«
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Michel Piccoli, Stéphane Audran, Claude Piéplu, Eliana de Santis, Clotilde Joano | F & I | 95 min | 1:1,66 | f | 12. April 1973
# 996 | 6. Mai 2016
Ein kleine Stadt, irgendwo im Herzen Frankreichs, drei Autostunden entfernt von Paris. Die Verhältnisse scheinen geordnet, doch sie sind es (wie immer und überall) nur äußerlich. Lucienne (Stéphane Audran), die sexuell unterforderte Gattin des Bürgermeisters, und dessen unglücklich verheirateter Stellvertreter Pierre (Michel Piccoli) verfallen einander in rasender Leidenschaft. Zwei Menschen müssen sterben, damit dieser amour fou gelebt werden kann: die notorisch kränkelnde Frau des Stellvertreters und der allzeit kregle Bürgermeister (Claude Piéplu), der aus der heimlichen Affäre ganz persönliches (politisches und finanzielles) Kapital schlagen will … Fast folgerichtig erscheint unter Claude Chabrols (und Jean Rabiers) forschenden Blicken der Weg der Liebenden ins Verbrechen, das ihnen freilich statt der ersehnten Befreiung die endgültige Trennung bringt. Mit melancholischem Sarkasmus bestellt Chabrol in seiner abgründigen Verarbeitung eines wahren Kriminalfalles aus der zentralfranzösischen Provinz ausgerechnet Luciennes wohlmeinende Tochter zum unwillentlichen Werkzeug der Gerechtigkeit: »Je voudrais tant que tu sois enfin heureuse.«
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Michel Piccoli, Stéphane Audran, Claude Piéplu, Eliana de Santis, Clotilde Joano | F & I | 95 min | 1:1,66 | f | 12. April 1973
# 996 | 6. Mai 2016
10.12.72
Sleuth (Joseph L. Mankiewicz, 1972)
Mord mit kleinen Fehlern
»Once, she was in love with me.« – »And now she’s in love with me.« Zwei Männer rivalisieren um eine Frau. Das (abwesende) Streitobjekt dient indes lediglich als Katalysator, der Aktionen und Reaktionen der (einander ebenbürtigen) Gegner provoziert. Joseph L. Mankiewicz inszeniert Anthony Shaffers wechselvolles Rollen-/Doppel-/Mörder-Spiel, das sich peu à peu von der kultivierten Konversation zum tödlichen Machtkampf entwickelt, auch als Wettstreit zweier überragender Schauspieler: Laurence Olivier, Inbegriff des britischen Gentleman, als exzentrischer Kriminalschriftsteller gegen Michael Caine, waschechter Cockney, als flotter Society-Friseur mit italienischen Wurzeln. Die ohne Milde geführte Auseinandersetzung zwischen Andrew Wyke und Milo Tindel (geborener Tindolini) impliziert zahlreiche, einander überlagernde Kontroversen: aristokratischer Konservativismus gegen selbstbewußtes Plebejertum, Besitzstandswahrung gegen Aufstiegsorientierung, Eingesessenheit gegen Zuwanderung, Künstlichkeit gegen Authentizität. Der eine sieht das Leben als Scharade, der andere kennt den Ernst des Lebens; für den einen ist Erniedrigung ein amüsanter Zeitvertreib, für den anderen alltägliche Realität … Als dritter Protagonist des konfliktären Stücks figuriert Ken Adams beziehungsreiches Bühnenbild: ein verwinkeltes Herrenhaus, vollgestopft mit Automaten, Puppen und Marionetten, ein klaustrophobisch-labyrinthisches Kabinett der Irreführung und der Hinterlist. PS: »Remember ... be sure and tell them ... it was only a bloody game.«
R Joseph L. Mankiewicz B Anthony Shaffer V Anthony Shaffer K Oswald Morris M John Addison A Ken Adam S Richard Marden P Morton Gottlieb D Laurence Olivier, Michael Caine | USA & UK | 138 min | 1:1,85 | f | 10. Dezember 1972
# 992 | 12. März 2016
»Once, she was in love with me.« – »And now she’s in love with me.« Zwei Männer rivalisieren um eine Frau. Das (abwesende) Streitobjekt dient indes lediglich als Katalysator, der Aktionen und Reaktionen der (einander ebenbürtigen) Gegner provoziert. Joseph L. Mankiewicz inszeniert Anthony Shaffers wechselvolles Rollen-/Doppel-/Mörder-Spiel, das sich peu à peu von der kultivierten Konversation zum tödlichen Machtkampf entwickelt, auch als Wettstreit zweier überragender Schauspieler: Laurence Olivier, Inbegriff des britischen Gentleman, als exzentrischer Kriminalschriftsteller gegen Michael Caine, waschechter Cockney, als flotter Society-Friseur mit italienischen Wurzeln. Die ohne Milde geführte Auseinandersetzung zwischen Andrew Wyke und Milo Tindel (geborener Tindolini) impliziert zahlreiche, einander überlagernde Kontroversen: aristokratischer Konservativismus gegen selbstbewußtes Plebejertum, Besitzstandswahrung gegen Aufstiegsorientierung, Eingesessenheit gegen Zuwanderung, Künstlichkeit gegen Authentizität. Der eine sieht das Leben als Scharade, der andere kennt den Ernst des Lebens; für den einen ist Erniedrigung ein amüsanter Zeitvertreib, für den anderen alltägliche Realität … Als dritter Protagonist des konfliktären Stücks figuriert Ken Adams beziehungsreiches Bühnenbild: ein verwinkeltes Herrenhaus, vollgestopft mit Automaten, Puppen und Marionetten, ein klaustrophobisch-labyrinthisches Kabinett der Irreführung und der Hinterlist. PS: »Remember ... be sure and tell them ... it was only a bloody game.«
R Joseph L. Mankiewicz B Anthony Shaffer V Anthony Shaffer K Oswald Morris M John Addison A Ken Adam S Richard Marden P Morton Gottlieb D Laurence Olivier, Michael Caine | USA & UK | 138 min | 1:1,85 | f | 10. Dezember 1972
# 992 | 12. März 2016
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Tragikomödie
31.7.70
Ovoce stromů rajských jíme (Věra Chytilová, 1970)
Die Früchte des Paradiesbaums
Die Geschichte des Sündenfalls als avantgardistische Beziehungsdramödie. Nach einem pastoral-brakhagesken Prolog, der das erste Paar der Menschheitshistorie in abstrakt-überzeitlicher Sphäre präsentiert, erscheint der Versucher in Gestalt des rotgewandeten Robert, der die neugierige Eva ihrem Gefährten Josef (der es mit der Treue seinerseits nicht allzu genau nimmt) durch allerlei Verführungstricks zu entfremden sucht. Ort der Ereignisse ist eine Art Kurbad inmitten einer zauberischen Landschaft von Wäldern, Wiesen, Seen, Sandgruben, nahe einer verfallenen Villa, wo Eva auf Indizien für die serienmörderische Natur ihres ominösen Anbeters stößt. Věra Chytilová und ihre künstlerische Mitstreiterin Ester Krumbachová fügen Elemente aus Horrorfarce und Liebesabenteuer und Gesellschaftsstück zu einer symbolträchtig-mythopoetischen Collage über den heißen Wunsch nach Erkenntnis sowie das harte Leben in der Wahrheit. Die visuelle Experimentierfreude des eigenwilligen Werks sekundiert der ironisch-pathetische Score von Zdenek Liska, der mit überdrehter Sentimentalität und kakophonischer Morbidezza und feierlicher Archaik ein delikates Vielerlei musikalischer Früchte von den paradiesischen Bäumen pflückt.
R Věra Chytilová B Věra Chytilová, Ester Krumbachová K Jaroslav Kučera M Zdenek Liska A Vladimír Labský Ko Ester Krumbachová, Bohumila Marsalková S Miroslav Hájek P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Jitka Nováková, Karel Novák, Jan Schmid | CS & B | 99 min | 1:1,37 | f | 31. Juli 1970
# 1176 | 6. September 2019
Die Geschichte des Sündenfalls als avantgardistische Beziehungsdramödie. Nach einem pastoral-brakhagesken Prolog, der das erste Paar der Menschheitshistorie in abstrakt-überzeitlicher Sphäre präsentiert, erscheint der Versucher in Gestalt des rotgewandeten Robert, der die neugierige Eva ihrem Gefährten Josef (der es mit der Treue seinerseits nicht allzu genau nimmt) durch allerlei Verführungstricks zu entfremden sucht. Ort der Ereignisse ist eine Art Kurbad inmitten einer zauberischen Landschaft von Wäldern, Wiesen, Seen, Sandgruben, nahe einer verfallenen Villa, wo Eva auf Indizien für die serienmörderische Natur ihres ominösen Anbeters stößt. Věra Chytilová und ihre künstlerische Mitstreiterin Ester Krumbachová fügen Elemente aus Horrorfarce und Liebesabenteuer und Gesellschaftsstück zu einer symbolträchtig-mythopoetischen Collage über den heißen Wunsch nach Erkenntnis sowie das harte Leben in der Wahrheit. Die visuelle Experimentierfreude des eigenwilligen Werks sekundiert der ironisch-pathetische Score von Zdenek Liska, der mit überdrehter Sentimentalität und kakophonischer Morbidezza und feierlicher Archaik ein delikates Vielerlei musikalischer Früchte von den paradiesischen Bäumen pflückt.
R Věra Chytilová B Věra Chytilová, Ester Krumbachová K Jaroslav Kučera M Zdenek Liska A Vladimír Labský Ko Ester Krumbachová, Bohumila Marsalková S Miroslav Hájek P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Jitka Nováková, Karel Novák, Jan Schmid | CS & B | 99 min | 1:1,37 | f | 31. Juli 1970
# 1176 | 6. September 2019
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Serienmörder,
Tragikomödie
30.4.70
Wir – zwei (Ulrich Schamoni, 1970)
»Warum denn nicht?« Seit der Schulzeit haben sie sich nicht mehr gesehen, nach zehn Jahren treffen sie sich wieder: Andreas (Christoph Bantzer), nunmehr Doktorand der Mathematik mit Gelegenheitsfreundin, und Hella (Sabine Sinjen), inzwischen Gattin eines wohlhabenden Herrn Meier und Mutter einer dreijährigen Tochter. Damals mochten sie sich sehr, ohne einander ihre Gefühle zu offenbaren, jetzt versuchen sie herauszufinden, wie es (gewesen) wäre, wenn ... Er sieht sie eines Tages zufällig in der Stadt und fährt ihr nach – bis zum Friedhof. Der Ort der Wiederbegegnung hat, wie sich erweisen wird, symbolischen Charakter: eine tote Liebe läßt sich nicht reanimieren. Ulrich Schamoni folgt dem Paar, das nie eines war und letztendlich keines wird, durch ein – von Michael Ballhaus leckerschmeckerisch fotografiertes – zunächst spätsommerliches, dann septembermildes, schließlich herbstgraues (West-)Berlin: Gartenpartys und Tanzvergnügen, Rummelbesuche und Bootsfahrten. Der verspätete Liebesversuch hinterläßt bei den Beteiligten weder Trauer noch Enttäuschung, allenfalls einen bittersüßen Nachgeschmack von halbherziger Vergeblichkeit.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
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Romanze,
Ulrich Schamoni
17.12.69
Topaz (Alfred Hitchcock, 1969)
Topas
Eine Spionagefilm, der wie ein James-Bond-Abenteuer um die halbe Welt führt – von Kopenhagen über Washington, New York und Kuba nach Paris –, auf genreübliche Spannung und Sensationen jedoch weitgehend verzichtet. »Topaz« handelt von der schwierigen Enttarnung kommunistischer Spitzel in hohen französischen Regierungskreisen sowie von der klandestinen Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, doch mehr als auf die explosive politische Gemengelage des Kalten Krieges richtet Alfred Hitchcock sein Augenmerk auf die zwischenmenschliche Dimension von Lüge und Abtrünnigkeit. Im Mittelpunkt des verzweigten Personengeflechts steht André Devereaux (Frederick Stafford – der sich geheimdienstlich-darstellerische Sporen als Gentleman-Agent OSS 117 verdiente), als französischer Agent in den Vereinigten Staaten stationiert, der nicht nur seine Frau mit einer rassigen kubanischen Freiheitskämpferin betrügt, sondern auch seine berufliche Loyalität (mindestens) halbiert. Der »Held« entpuppt sich dabei als ausgesprochen berechnender Charakter, der (als Spiegelbild der unmenschlichen Verhältnisse) immer wieder andere Figuren aufs Schachbrett schiebt und bisweilen ziemlich ungerührt über die Klinge springen läßt. Hitchcock legt nach den handwerklichen Pfuschereien von »Marnie« und »Torn Curtain« wieder größeren Wert auf sorgfältige Ausstattung und stilvolle Fotografie, inszeniert das breit angelegte, elliptisch strukturierte Werk allerdings bemerkenswert unpersönlich. It’s spy business as usual.
R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor V Leon Uris K Jack Hildyard M Maurice Jarre A Henry Bumstead Ko Edith Head S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Frederick Stafford, John Forsythe, Dany Robin, Karin Dor, John Vernon | USA | 143/127 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1969
# 936 | 26. Januar 2015
Eine Spionagefilm, der wie ein James-Bond-Abenteuer um die halbe Welt führt – von Kopenhagen über Washington, New York und Kuba nach Paris –, auf genreübliche Spannung und Sensationen jedoch weitgehend verzichtet. »Topaz« handelt von der schwierigen Enttarnung kommunistischer Spitzel in hohen französischen Regierungskreisen sowie von der klandestinen Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, doch mehr als auf die explosive politische Gemengelage des Kalten Krieges richtet Alfred Hitchcock sein Augenmerk auf die zwischenmenschliche Dimension von Lüge und Abtrünnigkeit. Im Mittelpunkt des verzweigten Personengeflechts steht André Devereaux (Frederick Stafford – der sich geheimdienstlich-darstellerische Sporen als Gentleman-Agent OSS 117 verdiente), als französischer Agent in den Vereinigten Staaten stationiert, der nicht nur seine Frau mit einer rassigen kubanischen Freiheitskämpferin betrügt, sondern auch seine berufliche Loyalität (mindestens) halbiert. Der »Held« entpuppt sich dabei als ausgesprochen berechnender Charakter, der (als Spiegelbild der unmenschlichen Verhältnisse) immer wieder andere Figuren aufs Schachbrett schiebt und bisweilen ziemlich ungerührt über die Klinge springen läßt. Hitchcock legt nach den handwerklichen Pfuschereien von »Marnie« und »Torn Curtain« wieder größeren Wert auf sorgfältige Ausstattung und stilvolle Fotografie, inszeniert das breit angelegte, elliptisch strukturierte Werk allerdings bemerkenswert unpersönlich. It’s spy business as usual.
R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor V Leon Uris K Jack Hildyard M Maurice Jarre A Henry Bumstead Ko Edith Head S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Frederick Stafford, John Forsythe, Dany Robin, Karin Dor, John Vernon | USA | 143/127 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1969
# 936 | 26. Januar 2015
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Washington D.C.
4.12.64
Une femme mariée (Jean-Luc Godard, 1964)
Eine verheiratete Frau
»Je ne sais pas.« (Hände finden zueinander.) ... Madame Bovary im Zeitalter des Nylons. Fragmente eines Film, gedreht in Paris im Jahr 1964: Teile von Körpern, Splitter von Gedanken, Anflüge von Empfindungen. Ein Ausschnitt aus dem Leben von Charlotte (Macha Méril): sie trifft sich mit ihrem Liebhaber (in dessen Wohnung), sie verbringt die Nacht mit ihrem Mann (zuhause), sie trifft sich mit ihrem Liebhaber (im Flughafenhotel); dazwischen: hektische Fluchtmanöver (Charlotte fühlt sich verfolgt), Schmökern in Magazinen (Charlotte mißt sich an Idealfiguren), ein Besuch beim Frauenarzt (Charlotte fragt nach der Verbindung von Liebe, Empfängnis und Vergnügen). Am Bespiel seiner (fremdgängerischen) Protagonistin reflektiert Jean-Luc Godard über Gedächtnisverlust, S(t)imulation und Fernsteuerung in der Konsumgesellschaft: Charlotte lebt (nur allzu gerne) in einer hermetisch-materialistischen Gegenwart der stilvollen Oberflächen, der systematischen Manipulation, der mentalen Gleichschaltung. Godards Ekel vor diesem Zustand offenbart sich in der gewagten Parallelisierung der von ihm konstatierten (Selbst-)Demontage des Individuums zugunsten vorfabrizierter Wunschbilder, Verhaltensmuster und Denkschablonen mit der Vernichtungslogik der Konzentrationslager. Ein Trost zum Schluß: Umdenken (Befreiung durch Verzicht) scheint immerhin möglich ... (Hände lösen sich voneinander.) »C’est fini.«
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Ludwig van Beethoven, Claude Nougaro A Henri Nogaret S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Philippe Dussart, Maurice Urbain D Macha Méril, Bernard Noël, Philippe Leroy, Roger Leenhardt, Rita Maiden | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 4. Dezember 1964
# 1191 | 18. Januar 2020
»Je ne sais pas.« (Hände finden zueinander.) ... Madame Bovary im Zeitalter des Nylons. Fragmente eines Film, gedreht in Paris im Jahr 1964: Teile von Körpern, Splitter von Gedanken, Anflüge von Empfindungen. Ein Ausschnitt aus dem Leben von Charlotte (Macha Méril): sie trifft sich mit ihrem Liebhaber (in dessen Wohnung), sie verbringt die Nacht mit ihrem Mann (zuhause), sie trifft sich mit ihrem Liebhaber (im Flughafenhotel); dazwischen: hektische Fluchtmanöver (Charlotte fühlt sich verfolgt), Schmökern in Magazinen (Charlotte mißt sich an Idealfiguren), ein Besuch beim Frauenarzt (Charlotte fragt nach der Verbindung von Liebe, Empfängnis und Vergnügen). Am Bespiel seiner (fremdgängerischen) Protagonistin reflektiert Jean-Luc Godard über Gedächtnisverlust, S(t)imulation und Fernsteuerung in der Konsumgesellschaft: Charlotte lebt (nur allzu gerne) in einer hermetisch-materialistischen Gegenwart der stilvollen Oberflächen, der systematischen Manipulation, der mentalen Gleichschaltung. Godards Ekel vor diesem Zustand offenbart sich in der gewagten Parallelisierung der von ihm konstatierten (Selbst-)Demontage des Individuums zugunsten vorfabrizierter Wunschbilder, Verhaltensmuster und Denkschablonen mit der Vernichtungslogik der Konzentrationslager. Ein Trost zum Schluß: Umdenken (Befreiung durch Verzicht) scheint immerhin möglich ... (Hände lösen sich voneinander.) »C’est fini.«
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Ludwig van Beethoven, Claude Nougaro A Henri Nogaret S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Philippe Dussart, Maurice Urbain D Macha Méril, Bernard Noël, Philippe Leroy, Roger Leenhardt, Rita Maiden | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 4. Dezember 1964
# 1191 | 18. Januar 2020
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9.5.64
The Pumpkin Eater (Jack Clayton, 1964)
Schlafzimmerstreit
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
20.12.63
O něčem jiném (Věra Chytilová, 1963)
Von etwas anderem
Zwei Frauen im Gegenschnitt: Eva, eine Kunstturnerin (Olympia-Goldmedaillengewinnerin Eva Bosáková), die von unerbittlichen Trainern auf die Weltmeisterschaft (Prag 1962) vorbereitet wird, sowie Věra, Hausfrau und Mutter, die ihres gutbürgerlichen Ehelebens überdrüssig ist – dokumentarische Beobachtung auf der einen, tragikomische Alltagsfiktion auf der anderen Ebene. Während die eine fortdauernd einem rigiden Übungsprogramm unterworfen ist, sieht sich die andere mit einem gleichgültigen Gatten und einem verzogenen Sohn konfrontiert. Auch wenn die Protagonistinnen der Erzählung(en) einander nicht begegnen (lediglich zu Beginn sieht Věra Eva kurz im Fernsehen), schafft Regisseurin und Autorin Věra Chytilová in ihrem ersten Spielfilm pointierte thematische und emotionale Bezüge, erforscht – aus weiblicher Perspektive – das Walten von Fremdbestimmung und Unzufriedenheit, studiert die Möglichkeiten von Autonomie und Emanzipation, zeigt den Preis des Erfolges und die Versuchung des Scheiterns, stellt – ohne eine Antwort vorgeben zu wollen – die Frage, ob und wie es sich richtig leben läßt.
R Věra Chytilová B Věra Chytilová K Jan Čuřík M Jiří Šlitr A Vladimír Labský Ko Dagmar Cejnková S Miroslav Hájek P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Eva Bosáková, Věra Uzelacová, Josef Langmiler, Jiří Kodet, Milivoj Uzelac jun. | CS | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. Dezember 1963
# 1175 | 18. August 2019
Zwei Frauen im Gegenschnitt: Eva, eine Kunstturnerin (Olympia-Goldmedaillengewinnerin Eva Bosáková), die von unerbittlichen Trainern auf die Weltmeisterschaft (Prag 1962) vorbereitet wird, sowie Věra, Hausfrau und Mutter, die ihres gutbürgerlichen Ehelebens überdrüssig ist – dokumentarische Beobachtung auf der einen, tragikomische Alltagsfiktion auf der anderen Ebene. Während die eine fortdauernd einem rigiden Übungsprogramm unterworfen ist, sieht sich die andere mit einem gleichgültigen Gatten und einem verzogenen Sohn konfrontiert. Auch wenn die Protagonistinnen der Erzählung(en) einander nicht begegnen (lediglich zu Beginn sieht Věra Eva kurz im Fernsehen), schafft Regisseurin und Autorin Věra Chytilová in ihrem ersten Spielfilm pointierte thematische und emotionale Bezüge, erforscht – aus weiblicher Perspektive – das Walten von Fremdbestimmung und Unzufriedenheit, studiert die Möglichkeiten von Autonomie und Emanzipation, zeigt den Preis des Erfolges und die Versuchung des Scheiterns, stellt – ohne eine Antwort vorgeben zu wollen – die Frage, ob und wie es sich richtig leben läßt.
R Věra Chytilová B Věra Chytilová K Jan Čuřík M Jiří Šlitr A Vladimír Labský Ko Dagmar Cejnková S Miroslav Hájek P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Eva Bosáková, Věra Uzelacová, Josef Langmiler, Jiří Kodet, Milivoj Uzelac jun. | CS | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. Dezember 1963
# 1175 | 18. August 2019
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6.9.58
Les amants (Louis Malle, 1958)
Die Liebenden
»On ne resiste pas au bonheur.« Jeanne Tournier (Jeanne Moreau) lebt als Gattin eines unnahbaren Verlegers und Mutter einer kleinen Tochter in Wohlstand und Langweile. Regelmäßige kleine Fluchten führen sie aus dem verschlafenen Dijon nach Paris, wo sie sich mit einer Freundin in die Vergnügungen der besseren Kreise stürzt und von einem eleganten Polospieler umschwärmen läßt. Die Leere dieses Lebens zwischen Gefühlskälte und Oberflächlichkeit wird ihr schlagartig bewußt durch die zufällige Begegnung mit dem ungezwungenen Studenten Bernard, der die Spielregeln des bürgerlichen Lebens grundlegend in Frage stellt. Louis Malle setzt die plötzliche Leidenschaft seiner Titelhelden (»L’amour peut naître d’un regard.«) in romantisch-weihevollen (fast lächerlich-preziösen) Nachtbildern in Szene und schickt die beiden am Morgen danach – nicht in Jeannes schnittigem Peugeot 203 Cabriolet, sondern in Bernards bravem 2CV – umstandslos auf die gemeinsame Reise ins Land der großen Gefühle. Ob ein glückliches Entkommen aus der guten Gesellschaft (und alten Gewohnheiten) tatsächlich möglich ist, läßt der Film offen, einen Versuch, legt Malle nahe, ist der Neustart aber allemal wert.
R Louis Malle B Louis Malle, Louise de Vilmorin V Dominique Vivant K Henri Decaë M Johannes Brahms A Bernard Evein Ko Renée Pellmoine S Leonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Jean-Marc Bory, Alain Cuny, José Luis de Vilalonga, Gaston Modot | F | 90 min | 1:2,35 | sw | 6. September 1958
# 1193 | 7. Juni 2020
»On ne resiste pas au bonheur.« Jeanne Tournier (Jeanne Moreau) lebt als Gattin eines unnahbaren Verlegers und Mutter einer kleinen Tochter in Wohlstand und Langweile. Regelmäßige kleine Fluchten führen sie aus dem verschlafenen Dijon nach Paris, wo sie sich mit einer Freundin in die Vergnügungen der besseren Kreise stürzt und von einem eleganten Polospieler umschwärmen läßt. Die Leere dieses Lebens zwischen Gefühlskälte und Oberflächlichkeit wird ihr schlagartig bewußt durch die zufällige Begegnung mit dem ungezwungenen Studenten Bernard, der die Spielregeln des bürgerlichen Lebens grundlegend in Frage stellt. Louis Malle setzt die plötzliche Leidenschaft seiner Titelhelden (»L’amour peut naître d’un regard.«) in romantisch-weihevollen (fast lächerlich-preziösen) Nachtbildern in Szene und schickt die beiden am Morgen danach – nicht in Jeannes schnittigem Peugeot 203 Cabriolet, sondern in Bernards bravem 2CV – umstandslos auf die gemeinsame Reise ins Land der großen Gefühle. Ob ein glückliches Entkommen aus der guten Gesellschaft (und alten Gewohnheiten) tatsächlich möglich ist, läßt der Film offen, einen Versuch, legt Malle nahe, ist der Neustart aber allemal wert.
R Louis Malle B Louis Malle, Louise de Vilmorin V Dominique Vivant K Henri Decaë M Johannes Brahms A Bernard Evein Ko Renée Pellmoine S Leonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Jean-Marc Bory, Alain Cuny, José Luis de Vilalonga, Gaston Modot | F | 90 min | 1:2,35 | sw | 6. September 1958
# 1193 | 7. Juni 2020
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29.9.55
Rosen im Herbst (Rudolf Jugert, 1955)
Warum eigentlich trägt die Adaption nicht den Titel der Romanvorlage? Vielleicht hat es zu tun mit der Wahl der Hauptdarstellerin: Ruth Leuwerik, das damenhaft-distanzierte Anti-Seelchen des bundesdeutschen Nachkriegsfilms, liebenswürdig, aber immer ein bißchen etepetete, ist in der Rolle der Effi Briest im Grunde genommen eine glatte Fehlbesetzung; abgesehen von ihrem tatsächlichen Alter – mit 31 spielt sie eine (zu Beginn der Erzählung) 17jährige –, fehlt Leuwerik nahezu gänzlich das Naturkindliche der Figur, und wenn sich jemand in ein strenges Sittenkorsett einpassen könnte, dann wohl am ehesten ein so beherrschter (Leinwand-)Typus wie sie. Auch Theodor Fontanes kritischer Blick auf die wilhelminische Zeit, das heißt auf die versteiften gesellschaftlichen Umstände des melodramatischen Geschehens – ehrpusseliger Gatte erschießt, nachdem er zufällig einen mehrere Jahre zurückliegenden Ehebruch entdeckte, den Rivalen und verstößt seine Frau –, bleibt in der Verfilmung weitgehend außen vor. Unbeschadet dieser Mankos beweist Rudolf Jugerts geschmackvolle, naheliegenden Kitsch zumeist elegant umschiffende Inszenierung durchaus Qualitäten: Werner Kriens Eastmancolor-Kamera malt ausdrucksvoll die beklemmend-unheimliche Atmosphäre im Hause von Effis verkrampftem Mann, Baron von Instetten, der in Bernhard Wickis differenzierter Darstellung (eher noch als die Protagonistin selbst) wie ein Gefangener des hartherzigen moralischen Reglements erscheint. So überzeugt »Rosen im Herbst« zwar nicht als gelungene Bearbeitung eines großen literarischen Kunstwerks, aber immerhin als gediegen eingerichteter, tragisch endender Liebesfilm ohne Liebe.
R Rudolf Jugert B Horst Budjuhn V Theodor Fontane K Werner Krien M Franz Grothe A Walter Haag S Elisabeth Neumann P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Bernhard Wicki, Carl Raddatz, Lil Dagover, Paul Hartmann, Günther Lüders | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 29. September 1955
# 873 | 3. Juni 2014
R Rudolf Jugert B Horst Budjuhn V Theodor Fontane K Werner Krien M Franz Grothe A Walter Haag S Elisabeth Neumann P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Bernhard Wicki, Carl Raddatz, Lil Dagover, Paul Hartmann, Günther Lüders | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 29. September 1955
# 873 | 3. Juni 2014
5.11.54
Angst (Roberto Rossellini, 1954)
»Ich kann so nicht mehr weiter.« Ingrid Bergman spielt Irene Wagner: Direktorin eines Pharmaunternehmens, das sie geschickt durch Krieg und Nachkrieg führte, Gattin des gesetzten Chemikers Albert (ungerührt: Mathias Wieman), Mutter zweier Kinder, Geliebte eines blonden Komponisten (aalglatt: Kurt Kreuger) … Roberto Rossellini beginnt seine Adaption der Novelle von Stefan Zweig mit der langen Fahrt eines Mercedes-Cabriolets durch das abendliche München: Marienplatz und Kaufingerstraße, Asphalt und Neonschriften, Menschenmengen und Straßenbahnen – die Geschäftigkeit des Wirtschaftswunders wird von der thrilleresk erregten Musik unheilvoll aufgeladen. Es folgen ein Zank zwischen Irene und ihrem vorwurfsvollen Liebhaber und kurz darauf, vor dem stattlichen Anwesen der Fabrikantin, der unvermittelte Auftritt einer jungen Frau (offensiv: Renate Mannhardt), die Irene beschuldigt, ihr den Freund abspenstig gemacht zu haben, und sie, unter der Androhung, die Affäre auffliegen zu lassen, im weiteren Verlauf der Erzählung um immer größere Summen erpreßt. Rossellini beobachtet die scheinbar unausweichlich fortschreitende Verstrickung seiner Protagonistin (und Noch-Ehefrau) in ein Gespinst aus Schuld und Lüge, ihre zunehmende Nervosität, ihre sich zur Panik steigernde Angst, ihre suizidale Verzweiflung mit derselben stoischen Nüchternheit, die Albert (der stets »an den Grund der Dinge gehen« will), den mit allerlei giftigen Substanzen behandelten Versuchstieren im Laboratorium angedeihen läßt. Ein Film wie ein riskantes wissenschaftliches Experiment – akademisch-kühl und spannungsreich-provokant zugleich.
R Roberto Rossellini B Sergio Amidei, Franz Graf Treuberg V Stefan Zweig K Heinz Schnackertz, Carlo Carlini M Renzo Rossellini S Walter Boos P Jochen Genzow, Mario Del Papa D Ingrid Bergman, Mathias Wieman, Renate Mannhardt, Kurt Kreuger, Elise Aulinger | BRD & I | 83 min | 1:1,37 | f | 5. November 1954
# 1089 | 5. Dezember 2017
R Roberto Rossellini B Sergio Amidei, Franz Graf Treuberg V Stefan Zweig K Heinz Schnackertz, Carlo Carlini M Renzo Rossellini S Walter Boos P Jochen Genzow, Mario Del Papa D Ingrid Bergman, Mathias Wieman, Renate Mannhardt, Kurt Kreuger, Elise Aulinger | BRD & I | 83 min | 1:1,37 | f | 5. November 1954
# 1089 | 5. Dezember 2017
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18.9.50
Cronaca di un amore (Michelangelo Antonioni, 1950)
Chronik einer Liebe
Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. Deutlich angelehnt an James L. Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, dessen Erzählkern er variiert, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht, erzählt Antonioni in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor in Luchino Viscontis Cain-Adaption »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Daniele D’Anza, Silvio Giovaninetti, Francesco Maselli, Piero Tellini K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Piero Filippone S Eraldo Da Roma P Franco Villani D Lucia Bosè, Massimo Girotti, Ferdinando Sarmi, Gino Rossi, Marika Rowsky | I | 98 min | 1:1,37 | sw | 18. September 1950
# 1157 | 19. April 2019
Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. Deutlich angelehnt an James L. Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, dessen Erzählkern er variiert, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht, erzählt Antonioni in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor in Luchino Viscontis Cain-Adaption »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Daniele D’Anza, Silvio Giovaninetti, Francesco Maselli, Piero Tellini K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Piero Filippone S Eraldo Da Roma P Franco Villani D Lucia Bosè, Massimo Girotti, Ferdinando Sarmi, Gino Rossi, Marika Rowsky | I | 98 min | 1:1,37 | sw | 18. September 1950
# 1157 | 19. April 2019
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Wirtschaftswunder
16.5.43
Ossessione (Luchino Visconti, 1943)
Ossessione – Von Liebe besessen
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Mario Alicata, Giuseppe De Santis, Gianni Puccini V James M. Cain K Domenico Scala, Aldo Tonti M Giuseppe Rosati A Gino Franzi S Mario Serandrei P Libero Solaroli D Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan da Landa, Elio Marcuzzo, Dhia Cristiani | I | 140 min | 1:1,37 | sw | 16. Mai 1943
# 1156 | 19. April 2019
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Mario Alicata, Giuseppe De Santis, Gianni Puccini V James M. Cain K Domenico Scala, Aldo Tonti M Giuseppe Rosati A Gino Franzi S Mario Serandrei P Libero Solaroli D Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan da Landa, Elio Marcuzzo, Dhia Cristiani | I | 140 min | 1:1,37 | sw | 16. Mai 1943
# 1156 | 19. April 2019
1.5.41
Citizen Kane (Orson Welles, 1941)
Citizen Kane
»I am, have been, and will be only one thing – an American.« Mehr noch als einem jener jigsaw puzzles, die ein zentrales Symbol dieses außergewöhnlichen Werkes darstellen, gleicht Orson Welles’ fulminantes Debüt »Citizen Kane«, die an die Biographie des realen amerikanischen Pressezaren William Randolph Hearst angelehnte Filmbiographie des fiktiven amerikanischen Pressezaren Charles Foster Kane, einem monströsen Sammelsurium, einem enormen Fundus, einer gewaltigen Aufhäufung. Wie die disparaten Bauteile von Kanes gigantischem Traumschloß »Xanadu« (»Cost: no man can say.«) an der Golfküste Floridas – einem Äquivalent zu Hearsts gigantischem Traumschloß oberhalb des kalifornischen Ortes San Simeon – türmen, schichten, stapeln sich die narrativen, konzeptionellen, bildlichen Einfälle, Tricks, Bravourstücke. Die leidlich komplexe Rückblendenerzählung (Koautor: Herman J. Mankiewicz), die, ausgehend vom letzten Wort des verstorbenen Magnaten (»Rosebud«), in Form einer journalistischen Recherche das Geheimnis eines exzeptionellen Lebens zu ergründen trachtet, vermischt Kolportage und Reflexion, Melodrama und Satire, Mockumentary und Tragödie; Gregg Tolands Kamera exzelliert in Tiefenschärfe und Weitwinkeloptik, in extremen Untersichten und schrägen Perspektiven; die schauspielerischen Darstellungen wechseln von einer Szene zur nächsten zwischen kühlem Underplay und hysterischer Exaltation. Bald soziologisches Vaudeville, bald psychologische Persönlichkeitsstudie, zeichnet »Citizen Kane« – ohne dem Rätsel des populistischen Nabobs und sentimentalen Egomanen, des fanatischen Raffers und (selbst-)zerstörerischen Hasardeurs letztlich beizukommen – das Porträt eines Mannes, der felsenfest davon überzeugt ist, immer und überall nach eigenen Regeln spielen zu können, und damit auch das Bild des Landes (und seines Wesens), von dem er geformt wurde und das er formte: »I am, have been, and will be only one thing – an American.«
R Orson Welles B Herman J. Mankiewicz, Orson Welles K Gregg Toland M Bernard Herrmann A Van Nest Polglase S Robert Wise P Orson Welles D Orson Welles, Joseph Cotten, Dorothy Comingore, Everett Sloane, Ruth Warrick | USA | 119 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1941
# 1092 | 5. Dezember 2017
»I am, have been, and will be only one thing – an American.« Mehr noch als einem jener jigsaw puzzles, die ein zentrales Symbol dieses außergewöhnlichen Werkes darstellen, gleicht Orson Welles’ fulminantes Debüt »Citizen Kane«, die an die Biographie des realen amerikanischen Pressezaren William Randolph Hearst angelehnte Filmbiographie des fiktiven amerikanischen Pressezaren Charles Foster Kane, einem monströsen Sammelsurium, einem enormen Fundus, einer gewaltigen Aufhäufung. Wie die disparaten Bauteile von Kanes gigantischem Traumschloß »Xanadu« (»Cost: no man can say.«) an der Golfküste Floridas – einem Äquivalent zu Hearsts gigantischem Traumschloß oberhalb des kalifornischen Ortes San Simeon – türmen, schichten, stapeln sich die narrativen, konzeptionellen, bildlichen Einfälle, Tricks, Bravourstücke. Die leidlich komplexe Rückblendenerzählung (Koautor: Herman J. Mankiewicz), die, ausgehend vom letzten Wort des verstorbenen Magnaten (»Rosebud«), in Form einer journalistischen Recherche das Geheimnis eines exzeptionellen Lebens zu ergründen trachtet, vermischt Kolportage und Reflexion, Melodrama und Satire, Mockumentary und Tragödie; Gregg Tolands Kamera exzelliert in Tiefenschärfe und Weitwinkeloptik, in extremen Untersichten und schrägen Perspektiven; die schauspielerischen Darstellungen wechseln von einer Szene zur nächsten zwischen kühlem Underplay und hysterischer Exaltation. Bald soziologisches Vaudeville, bald psychologische Persönlichkeitsstudie, zeichnet »Citizen Kane« – ohne dem Rätsel des populistischen Nabobs und sentimentalen Egomanen, des fanatischen Raffers und (selbst-)zerstörerischen Hasardeurs letztlich beizukommen – das Porträt eines Mannes, der felsenfest davon überzeugt ist, immer und überall nach eigenen Regeln spielen zu können, und damit auch das Bild des Landes (und seines Wesens), von dem er geformt wurde und das er formte: »I am, have been, and will be only one thing – an American.«
R Orson Welles B Herman J. Mankiewicz, Orson Welles K Gregg Toland M Bernard Herrmann A Van Nest Polglase S Robert Wise P Orson Welles D Orson Welles, Joseph Cotten, Dorothy Comingore, Everett Sloane, Ruth Warrick | USA | 119 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1941
# 1092 | 5. Dezember 2017
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