28.5.68

The Detective (Gordon Douglas, 1968)

Der Detektiv

Die Ratlosigkeit der herrschenden Klasse angesichts einer sich dramatisch wandelnden Gesellschaft steckt »The Detective« in allen Knochen. Der erzählerisch außerordentlich zerfahrene 1968er crime flick beginnt mit dem Mord an einem reichen New Yorker Schwulen und präsentiert im Folgenden einen fauligen Big Apple, wo Korruption, Amtsmißbrauch, sexuelle Devianz, soziale Kälte und allgemeine Gleichgültigkeit üppige Sumpfblüten treiben. Joseph Birocs Kamera ist bemüht, die Übersicht zu behalten, doch die luziden Panavision-Bilder sind nur Chimären eines Durchblicks, den keiner mehr hat. Neben Frank Sinatra, dessen demonstrative Integrität sich als bittere Lachnummer erweist, bietet Gordon Douglas immerhin einer ganzen Riege hochklassiger Darsteller Gelegenheit, ihr Talent zu entfalten: Lloyd Bochner als zynisch-gelackter Upper-Class-Shrink, Robert Duvall als homophobes Arschloch, Ralph Meeker als grinsend-bestechlicher Bulle, Tony Musante als unschuldiger Psychopath, Lee Remick als zerbrechliche Nymphomanin – »all part of the Great Society«.

R Gordon Douglas B Abby Mann V Roderick Thorp K Joseph Biroc M Jerry Goldsmith A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Lee Remick, Jacqueline Bisset, Ralph Meeker, Tony Musante, Robert Duvall | USA | 114 min | 1:2,35 | f | 28. Mai 1968

26.5.68

Boom! (Joseph Losey, 1968)

Brandung

Vorgeblich eine Tennessee-Williams-Verfilmung, ist diese monströse Mischung aus Harold-Robbins-Nonsens und theatralischem Horrortrip in Wirklichkeit vor allem das Zerfallsprodukt einer berühmt-berüchtigten Schauspielerehe: Liz Taylor als sterbenskranke, ordinär-angefettete Millionärswitwe in weißen Wallekostümen und Richard Burton als verlebter, schmarotzender Todesengel im schwarzen Samurai-Mantel spielen sich mit Verve gegenseitig über die Klippen, wodurch das notorische Glamour-Paar Joseph Loseys »Boom!« zu einem Camp-Klassiker von beachtlicher Halbwertszeit adeln.

R Joseph Losey B Tennessee Williams V Tennessee Williams K Douglas Slocombe M John Barry A Richard Macdonald S Reginald Beck P John Heyman, Norman Priggen D Elizabeth Taylor, Richard Burton, Noël Coward, Joanna Shimkus, Romolo Valli | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 26. Mai 1968

24.5.68

Rozmarné léto (Jiří Menzel, 1968)

Launischer Sommer

Ein wechselhafter Juni auf dem Lande: drei Freunde in den (sogenannten) besten Jahren – ein Priester, ein Major im Ruhestand, der Besitzer eines Flußbades – schwimmen und angeln, bechern und philosophieren. Die Ankunft eines kauzigen Artisten und seiner bezaubernden Assistentin reißt die Herren aus dem gewohnt behaglichen Alltagstrott: nacheinander buhlen sie (jeder seinem Temperament entsprechend) um die Gunst des blonden Zirkusfräuleins, während die patente Frau des Bademeisters dem Charme des spillerigen Akrobaten erliegt. Jiří Menzel blättert in einem Album aus der (sogenannten) guten alten Zeit (die durchaus Kälte, Mißgunst und Bosheit kennt), entbreitet eine wehmütige Idylle der romantischen Sehnsüchte, der zarten Enttäuschungen, der bittersüßen Erkenntnisse, gibt eine heiter-bewölkte Hommage an das Leben, das, so oder so, immer weitergeht.

R Jiří Menzel B Václav Nývlt, Jiří Menzel V Vladislav Vančura K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Olga Dimitrovová S Jiřina Lukešová P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Rudolf Hrušínský, Vlastimil Brodský, František Řehák, Míla Myslíková Jana Drchalová, Jiří Menzel | CS | 74 min | 1:1,37 | f | 24. Mai 1968

# 1178 | 3. Oktober 2019

26.4.68

Im Banne des Unheimlichen (Alfred Vohrer, 1968)

»Let me feel it, come on, let me hear it. / Make it jump, make im bomb, / Make me sigh, make me high / And make my blood run all wild.« Ende der 1960er hat Alfred Vohrer (unterstützt von kongenialen Kollaborateuren: Kameramann Karl Löb, Komponist Peter Thomas, Szenenbildnerduo Wilhelm Vorwerg und Walter Kutz) eine verdammt gute Strecke: In seinen kunterbunten Swinging-Trash-Flicks (»Hand«, »Mönch«, »Hund«) frisiert er gediegenen Edgar-Wallace-Thrill zu überspitzten Pop-Killerspielen, betreibt er die Reanimation des Whodunits als bewußtseinserweiternde Mischung von flapsigem Terror und mörderischem Quatsch. »Im Banne des Unheimlichen« führt diese (Anti-)Traditionslinie zum Höhepunkt – mit einer lachenden Leiche sowie einer eiskalt hauchenden Geisterbahnfigur, die auf dem blanken Totenschädel ein keckes Hütchen trägt und ihre Opfer per Stich mit einem vergifteten Skorpionring um die Ecke bringt. Inspektor Higgins (so seriös wie möglich: Joachim Fuchsberger) und Scotland-Yard-Direktor Sir Arthur (ballettaffin: Hubert von Meyerinck) ermitteln in einem chaotischen Fall um Bruderzwist und Wahnsinn, um Erpressung und Rache aus dem Jenseits – wobei sich die (große) Menge der Toten und die (hohe) Zahl der Verdächtigen stets die Waage halten ... »Tomorrow my stars might fall dead on my head, one more time, / Tomorrow I might hit the danger zone. / So, today I want to feel just as happy as I can – / I want to feel my heart beat!«

R Alfred Vohrer B Ladislas Fodor V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Siw Mattson, Wolfgang Kieling, Pinkas Braun, Hubert von Meyerinck | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968

Je t’aime, je t’aime (Alain Resnais, 1968)

Ich liebe dich, ich liebe dich

»C’était bien?« – »Très.« Er liegt in der Klinik. Er hat versucht sich umzubringen. Man ist an ihm interessiert. Warum? Weil er nichts zu verlieren hat. Hat er eine Chance zurückzukommen? Das weiß niemand. Er wird aus dem Krankenhaus entlassen. Er heißt Claude Ridder. Er willigt ein, an einem Experiment teilzunehmen. Im Forschungszentrum Crespel beschäftigt man sich mit der Zeit. Bislang wurden Versuche mit Mäusen angestellt, nun soll Ridder als erster Mensch in seine eigene Vergangenheit reisen, soll eine Minute seines Lebens wiedererleben, eine Minute, die exakt ein Jahr zurückliegt. Die Zeitmaschine, die Alain Resnais für seinen Film konstruiert hat, ist keine modernistische High-Tech-Installation à la Irwin Allen, vielmehr ähnelt die organisch geformte Anlage mit ihrem höhlenartigen Inneren einer gigantischen Knolle, oder einer übergroßen Herzkammer, oder einem riesigen Gehirn. Der Versuch beginnt. Ridder schwimmt unter Wasser, er taucht aus dem Meer. Am Ufer liegt eine Frau, sie fragt ihn: »C’était bien?« – »Très.« – »Tu as vu beaucoup de poissons?« Dann läuft etwas schief. Ridder geht verloren, wird durch die Zeiten geschleudert, treibt kreuz und quer durch seine Erinnerungen. Fragmente einer Biographie blitzen auf, elliptisch, diskontinuierlich, flüchtig wie Reflexe eines Spiegelkugel, Momente, Situationen, Begegnungen, heiter, banal, quälend: berufliche Stationen, eine komplizierte Liebesgeschichte, Glück, Langweile, Schuld. Gedanken, Assoziationen, Wiederholungen: zahllose Perspektiven, die sich nicht zu einem Gesamtbild fügen. Der Mensch als unerforschliches Wesen, als Gefangener seines sprunghaften Gedächtnisses, als Irrender in einem ewig unvollendeten Labyrinth, aus dem nur ein einziger Weg herausführt. »Tu as vu beaucoup de poissons?« – »Deux serpents de mer, quelques requins, des méduses géantes. A part ça, rien de très particulier.«

R Alain Resnais B Jacques Sternberg K Jean Boffety M Krzysztof Penderecki A Jacques Dugied, Augusto Pace S Albert Jurgenson, Colette Leloup P Mag Bodard D Claude Rich, Olga Georges-Picot, Anouk Ferjac, Van Doude, Bernard Fresson | F | 92 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968

# 841 | 7. März 2014

17.4.68

La mariée était en noir (François Truffaut, 1968)

Die Braut trug schwarz

Liebe über den Tod hinaus. Gemordete Liebe, die über Leichen geht. Ein grausames Märchen, eine melodramatische Thrillerabstraktion. Julie Kohler (≈ colère), die aller Illusionen beraubte Braut, rächt den Tod ihres prince chamant, den kurz nach der Trauung auf den Stufen der Kirche eine Kugel traf. Fünf Männer sind für die Tat verantwortlich, fünf Männer werden sterben – keine Mission, sondern eine Arbeit, die getan werden muß. Übermächtige Vergangenheit verlängert sich in eine Zukunft, die keine Erlösung, keine Nachsicht, die nur Vollstreckung eines Urteils kennt. François Truffaut schildert ohne Umschweife (im übertragenen Sinne: ohne Adjektive) die Geschichte einer heiß-kalten Obsession, beschreibt präzise, luzid, transparent die blutige Reise durch ein Fantasieland, die Fahrt durch einen Tunnel, der Schuld und Unschuld, der Weiß und Schwarz verbindet. Jeanne Moreau ist die Braut, gefühllos und hochemotional, vollkommen klar und absolut wahnsinnig, eine jungfräuliche Jägerin, ein mörderischer Engel, eine (un-)menschliche Guillotine. Von Anfang an besteht kein Zweifel, daß Julie erreichen wird, was sie sich vorgenommen hat – wenn sie auch niemals mehr bekommen kann, was sie eigentlich will.

R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard V William Irish (= Cornell Woolrich) K Raoul Coutard M Bernard Herrmann A Pierre Guffroy S Claudine Bouché P Marcel Bebert D Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jean-Claude Brialy, Charles Denner, Michael Lonsdale, Daniel Boulanger, Claude Rich | F & I | 107 min | 1:1,66 | f | 17. April 1968

# 771 | 15. September 2013  

4.4.68

The Party (Blake Edwards, 1968)

Der Partyschreck

(»The world is flat.«) Neben Truman Capotes legendärem ›Black-and-White-Ball‹ ist »The Party« wohl das herausragende gesellschaftliche Ereignis der glanzvoll-rebellischen 1960er Jahre. Die ins ultramoderne Heim von Hollywood-Mogul ›General‹ Clutterbuck geladenen Gäste mögen weniger illuster sein als die feine Gesellschaft, die sich anderthalb Jahre zuvor im Grand Ballroom des New Yorker Plaza Hotel versammelte – die Stimmung jedoch steigt zu extremen Höhepunkten, was neben der avancierten (aber unkontrolliert eingesetzten) Haustechnik und einem kunstvoll (aber entwürdigend) bemalten Elefanten insbesondere dem (nur versehentlich anwesenden) indischen Kleindarsteller Hrundi V. Bakshi (Peter Sellers) zu danken ist. Als Agent desselben revolutionären Weltgeistes, der kurze Zeit später in Berlin ein Verlagshaus der Massenpresse in Flammen setzen, in Paris den Strand unter dem Pflaster freilegen und in Prag einen kurzen Frühling der Utopie entfesseln wird, läßt der ridikül-radikale Komparse (»Howdy, partener!«) die in verbindlichen Regeln ruhende Welt des Establishments im Schaum des avantgardistischen Umsturzes versinken. Blake Edwards wirft derweil alle Regeln der filmischen Erzählkunst in den schwappenden Pool und stellt das Kino dahin, wo es hingehört: vom (wohlüberlegenden) Kopf auf die (ungestüm tanzenden) Füße (sowie auf die (wild herumfuchtelnden) Hände). Vive l’anarchie! PS: Und das hübsche, sensible Mädchen (Claudine Longet) kriegt der höflich-irre Bakshi auch noch. PPS: »Birdie Num Num.«

R Blake Edwards B Blake Edwards, Tom Waldman, Frank Waldman K Lucien Ballard M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Blake Edwards D Peter Sellers, Claudine Longet, J. Edward McKinley, Gavin MacLeod, Denny Miller | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 4. April 1968

2.4.68

A Dandy in Aspic (Anthony Mann, 1968)

Todestanz eines Killers

»Die Welt ist dumm, die Welt ist blind.« Im Zentrum von Anthony Manns letztem Film (er starb während der Dreharbeiten) steht ein britisch-russischer Doppelagent, der in Berlin Jagd auf sich selber machen soll ... Die völlige Austauschbarkeit der Seiten im spy game ist ein interessantes Thema, auch Laurence Harveys botoxhaft-eingefrorene Darstellung des »Dandy in Aspic« überzeugt. Doch das Geschehen schwappt träge vor sich hin, genau wie der Score von Quincy Jones. Ein Rätsel gibt die von Mia Farrow gespielte Figur einer jungen Fotografin auf: Immer wieder kreuzt sie unerwartet den Weg des Protagonisten, hat aber letztlich so wenig Relevanz für die Erzählung, daß man sie beinahe für eine geniale Allegorie auf eine Welt des Zufalls und der Sinnlosigkeit halten könnte.

R Anthony Mann B Derek Marlowe V Derek Marlowe K Christopher Challis M Quincy Jones A Carmen Dillon, Patrick McLoughlin S Thelma Connell P Anthony Mann D Laurence Harvey, Tom Courtenay, Mia Farrow, Harry Andrews, Peter Cook | UK | 107 min | 1:2,35 | f | 2. April 1968

29.3.68

Madigan (Don Siegel, 1968)

Nur noch 72 Stunden

»If I asked for a warrant, you could show me one?« – »We left it downstairs with the doorman.« New York, wo es weder schick noch vornehm ist: Detective Madigan (Richard Widmark) und sein Partner wollen einen notorischen Straftäter (der sich als ziemlich irrer Mörder erweisen wird) zum Verhör abholen, lassen sich übertölpeln und um ihre Dienstpistolen erleichtern. 72 Stunden gibt ihnen ihr Boß, um den Flüchtigen zu fassen und die gestohlenen Waffen wiederzubeschaffen. Drei Tage lang, Freitag, Samstag, Sonntag, jagt Don Siegel seine Protagonisten kreuz und quer durch die verwilderten Viertel der Stadt, durch Nachtclubs und schmuddlige Absteigen, Kinos und drittklassige Trinkstuben, durch eine Welt, die bevölkert ist von Buchmachern, Säufern, Zuhältern, Flittchen, Junkies. Gleichzeitig entwirft »Madigan« ein illusionsloses Techniscope-Panorama der Polizeiarbeit, das die Hüter öffentlicher Sicherheit und Ordnung als Exponenten von Bigotterie, Korruption, Soziopathie zeigt: da ist der ach so korrekte Commissioner (Henry Fonda), der mit der Frau eines Kollegen schläft, da ist der joviale Chief Inspector, der sich hat sich kaufen lassen, um den Arsch seines ungeratenen Sohnes zu retten, da ist, nicht zuletzt, der Titelheld, ein semianarchistisch-obsessiver Cop, der seine sexuell unausgelastete Gattin buchstäblich in die Arme eines anderen legt, um zu erledigen, was zu erledigen ist. Ein ungemütliches Werk, dem eine überraschend drastische Auflösung das angemessen bittere Ende verpaßt. PS: »Human behavior patterns are very important in police work.«

R Donald Siegel B Abraham Polonsky, Henri Simoun (= Howard Rodman) V Richard Dougherty K Russell Metty M Don Costa A Alexander Golitzen, George C. Webb S Milton Shifman P Frank P. Rosenberg D Richard Widmark, Henry Fonda, Harry Guardino, James Whitmore, Inger Stevens | USA | 101 min | 1:2,35 | f | 29. März 1968

# 1142 | 6. Januar 2019

27.3.68

L’homme qui ment (Alain Robbe-Grillet, 1968)

Der Mann, der lügt

»Je vais vous raconter mon histoire … ou du moins je vais essayer.« Soldaten verfolgen einen Mann durch den Wald. Schüsse. Explosionen. Der Mann wird getroffen. Bricht zusammen. Stirbt. Erwacht. Steht auf. Läuft weiter. Der Mann erzählt seine Geschichte. Oder er versucht es zumindest: »Mon nom est Robin … Jean Robin.« Dem Kopf des Mannes (Jean-Louis Trintignant), seinen (inkonsistenten) Ausführungen entwächst ein fiktives (Erzähl-)Universums, dessen unauflösliche Widersprüche Alain Robbe-Grillet kinematokulinarisch zelebriert. Ein Mann kommt aus dem Wald. Gelangt in ein Dorf. Macht seine Aufwartung im Schloß. Auf dem Schloß warten drei Frauen auf die Heimkehr von Jean Robin: die Schwester, die Ehefrau, ein Dienstmädchen. »Il est mort! Mort! Mort!« heißt es über Jean Robin, von dem man glaubt, daß er eines schönen Tages zurückkommen werde. Der Mann aus dem Wald nennt sich Boris Varissa. Er berichtet von seinem Freund, von seinem Kampfgefährten Jean Robin. Der ein Held des Widerstandes gegen die Besatzer war. Der ein Kollaborateur war. Der fliehen konnte. Der erschossen wurde. Den man in eine Falle lockte. Der seine Kameraden verraten hat. Ein Mann erfindet eine wahre Geschichte. Ein Mann erfindet seine wahre Geschichte. Oder er versucht es zumindest. Immer wieder von neuem. Drei Frauen warten auf einen Mann. Sie spielen Blindekuh im Schloß. In der Bibliothek. Auf dem Speicher. Zwischen Büchern und Spiegeln. Zwischen alten Möbeln und leeren Bilderrahmen. Träumen die drei Frauen von einem Mann, der kommt, um ihnen seine wahren Geschichten zu erzählen? Geschichten von Tod und Überleben, von Heldentum und Verrat, von Geheimnis und Zweifel. Geschichten, die Hingabe fordern, Auslieferung, Unterwerfung. Geschichten von der zeremoniellen Gewalt eines sexuellen Rollenspiels. Geschichten wie Gefängnisse, wie unterirdische Höhlen ohne Ausgang. Die Welt Robins, Varissas, Robbe-Grillets, dieser Legendenwald der Gespenster und Vorahnungen, des Spechtklopfens und Glockengeläuts, der Rollenspiele und Anachronismen, des Stöhnens und Schreiens, ist nichts als eine Lüge, nichts als eine Erzählung, und eben darum ist diese Welt wahr. »Et maintenant je vais vous raconter ma vraie histoire … ou du moins je vais essayer.«

R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Jean-Louis Trintignant, Zuzana Kocúriková, Sylvie Turbová, Sylvie Bréal, Ivan Mistrík | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | sw | 27. März 1968

# 830 | 21. Januar 2014

22.3.68

Les biches (Claude Cahbrol, 1968)

Zwei Freundinnen 

Eine wohlhabende Dame schreitet erhobenen Hauptes über den Pariser pont des Arts. Gönnerhaft wirft sie der unbemittelten jungen Straßenkünstlerin, die sich auf die Darstellung von Hirschkühen (»biches«) spezialisiert hat, einen 500-Franc-Schein hin. Bald schon werden die gegensätzlichen Frauen beste (?) Freundinnen (»biches«): Frédérique (blasiert-mondän: Stéphane Audran) nimmt Why (unbefangen-stolz: Jacqueline Sassard) mit in ihre luxuriöse Villa nach Saint-Tropez, wo der Architekten Paul (attraktiv-reserviert: Jean-Louis Trintignant) zwischen das Paar tritt ... Mit großer inszenatorischer Delikatesse entwickelt Claude Chabrol aus dem erotischen Dreiecksverhältnis ein quälerisches Spiel um Macht, Besitz und Genuß, ein beklemmendes Geflecht von Gier, Berechnung und (letztlich tödlicher) Rivalität, einen höhnischen Abgesang auf Freundschaft, Liebe und Glück: Die schöne Welt der Reichen ist nur eine betörende Fassade, hinter der sich die Deformation des indiskret-uncharmanten bourgeoisen Charakters und eine allgemeine Verarmung des Gefühls auftun.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Jean Rabier M Pierre Jansen A Marc Berthier S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jacqueline Sassard, Jean-Louis Trintigant, Henri Attal, Dominique Zardi | F & I | 99 min | 1:1,66 | f | 22. März 1968

# 998 | 6. Mai 2016

18.3.68

The Producers (Mel Brooks, 1968)

Frühling für Hitler

Entzückend vulgäre und politisch herzlich inkorrekte Klamotte über Showgeschäft und Nationalsozialismus – zwei Themen, die mehr miteinander zu tun haben, als man vielleicht denken mag: Ein hochstaplerischer Broadway-Produzent und ein ausgekochter Buchprüfer spekulieren auf großen Reibach, indem sie »Springtime for Hitler«, das schlechteste Musical aller Zeiten, herausbringen, um nach der unausweichlichen Pleite die überschüssigen Investor(inn)engelder einzusacken. Daß die Chose nicht ganz so glatt über die Bühne geht wie geplant, versteht sich angesichts des unberechenbaren New Yorker Publikumsgeschmacks beinahe von selbst. Zero Mostel und Gene Wilder sind ein mindestens so extraordinär-größenwahnsinniges Gespann wie der »Führer« und sein Schäferhund – und mit Song­zeilen wie »Don't be stupid, be a smarty, come and join the Nazi party« hat sich Mel Brooks seinen Klappstuhl auf dem Komödiantenolymp redlich verdient.

R Mel Brooks B Mel Brooks K Joseph Coffey M John Morris A Charles Rosen S Ralph Rosenblum P Sidney Glazier D Zero Mostel, Gene Wilder, Dick Shaw, Kenneth Mars, Estelle Einwood | USA | 88 min | 1:1,85 | f | 18. März 1968

14.3.68

Le pacha (Georges Lautner, 1968)

Der Bulle

Kommissar Joss (bullig-lakonisch: Jean Gabin) hat die Schnauze voll. Nach Jahrzehnten des ebenso harten wie vergeblichen Kampfes gegen Unrecht und Gewalt, emotional angefaßt von der Ermordung eines alten Freundes und Kollegen (der sich um einer hübschen jungen Frau willen in eine trübe Sache verwickelt hat) macht sich der Pariser Polizeibeamte kurz vor der Pensionierung daran, den Sumpf des Verbrechens endgültig trockenzulegen. Ohne Rücksicht auf Verluste (oder lästige Vorschriften) nimmt Joss das Gesetz selbst in die Hand und spielt rivalisierende Banden tödlich gegeneinander aus ... Nicht ohne bärbeißige Ironie schildert Georges Lautner (drehbuchtechnisch unterstützt von seinen Langzeitkomplizen Michel Audiard und Albert Simonin) den letzten Einsatz eines alten Schlachtrosses in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Neben dem unerschütterlichen Gabin glänzen in Nebenrollen: André Pousse als gewissenloser Gangster Quinquin, Robert Dalban als verführbarer Polyp, Maurice Garrel als kultivierter Hehler und, enfin et surtout, Serge Gainsbourg als er selbst in einer bemerkenswerten Gesangseinlage: »C’est le requiem pour un con. / Je l'ai composé spécialement pour toi / à ta mémoire de scélérat.«

R Georges Lautner B Michel Audiard, Georges Lautner, Albert Simonin V Jean Delion K Maurice Fellous M Serge Gainsbourg, Michel Colombier A Jean d’Eaubonne S Michelle David P Alain Poiré D Jean Gabin, Dany Carrel, André Pousse, Robert Dalban, Maurice Garrel | F & I | 82 min | 1:1,66 | f | 14. März 1968

# 1055 | 5. Juni 2017

Heroin (Heinz Thiel & Horst E. Brandt, 1968)

Drogenschmuggel bei der Deutschen Reichsbahn! Leichen am Bahndamm! Rauschgift in Tomatendosen! Alerte französische Geschäftsleute, die im Ostberliner Hotel Unter den Linden residieren, haben ihre Finger im Spiel, doch die eigentliche Spur führt über Budapest und Belgrad an die dalmatinische Küste. Zollkommissar Peter Zinn (Thälmann-Darsteller Günther Simon einmal mehr in der Rolle des aufrechten Kämpfers für sozialistische Gerechtigkeit) schlüpft in die Maske eines Zugkellners, um den Hintermännern und -frauen des tödlichen Deals (eine Stewardeß, ein Kammersänger, ein Frisör, dessen Schwester, ein Gastwirt) das Handwerk zu legen. Heinz Thiel (Defa-Spezialist für gediegene, bisweilen beachtliche Krimikost) und sein langjähriger Kameramann Horst E. Brandt können indes nicht verhindern, daß sich – ungeachtet internationaler Schauplätze und grenzübergreifender Verwicklungen – Momente von Spannung im grauen Fahndungsalltag eher selten einstellen.

R Heinz Thiel, Horst E. Brandt B Gerhard Bengsch K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Konrad-Nöller P Martin Sonnabend D Günther Simon, Werner Dissel, Walter Jupé, Eva-Maria Hagen, Predrag Milinkovic | DDR | 85 min | 1:2,35 | sw | 14. März 1968

# 1011 | 2. August 2016

8.3.68

Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg (Marran Gosov, 1968)

»Ich bin jetzt 19. Ich bin fällig.« Die fesche Katja (Gila von Weitershausen) reist von Bamberg nach München, um sich erstmals flachlegen zu lassen – was auch in Zeiten der sexuellen Revolution gar nicht so einfach ist, wie es klingt. Zwar findet sie Aufnahme in eine vielversprechende Männer-WG, doch ihr jungfräulicher Zustand löst nicht eben Begeisterung aus: »Und das soll ich jetzt machen? Du, da biste bei mir aufm falschen Dampfer.« Schließlich klappt es doch noch, und das Fräulein kann befreit in die Provinz zurückkehren … Marran Gosovs zartfühlend-skurrile Erotik-Komödie bezaubert durch ihre liebenswürdige Schwabinger Stimmungsmalerei, durch ihre Freude am abschweifenden Herumschnuppern, durch ihre närrische Einbildungskraft – etwa wenn sich Katja beim Musikhören das bukolische Idyll eines nackten Pärchens im Englischen Garten herbeiphantasiert und sich in ihrem Wunschtraum unversehens von einer mähenden Schafherde umringt sieht. Kino ist laut François Truffaut die Kunst, hübsche Frauen hübsche Dinge tun zu lassen. »Engelchen« ist mindestens so hübsch wie seine kokette Hauptdarstellerin, die sich (und dem Publikum) voller Lust und Laune eine vergnügliche Zeit bereitet.

R Marran Gosov B Franz Geiger, Marran Gosov K Werner Kurz M Jacques Loussier A Peter Scharff S Gudrun Vöge, Enzio von Kühlmann-Stumm P Rob Houwer D Gila von Weitershausen, Dieter Augustin, Uli Koch, Hans Clarin, Gudrun Vöge | BRD | 81 min | 1:1,66 | f | 8. März 1968