29.1.64

Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (Stanley Kubrick, 1964)

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

»You can't fight in here! This is the War Room!« Zwei Weltmächte mit der Fähigkeit die Welt, über die sie Macht ausüben, jederzeit zu atomisieren; an der Spitze jeweils ein älterer Herr, den nervösen Finger am roten Knopf. Stanley Kub­ricks Doomsday-Farce faßt den systemischen Irrsinn des Kalten Krieges (»War is too important to be left to politicians.«) trefflich zusammen: Infiltration und Indoktrination, Subversion und aufwallende Körpersäfte, die Erde als operatives Planungsfeld, Städte als Koordinaten potentieller Angriffe. Verrückte Militärs, besoffene Generalsekretäre, wohlmeinende Präsidenten, mannhafte Bomberpiloten, draufgängerische Berater, kühl kalkulierende (Spiel-)Theoretiker – Jack D. Ripper, Dimitri Kissoff, Merkin Muffley, T. J. Kong, Buck Turgidson, Dr. Strangelove (»What kind of a name is that? That ain't no Kraut name is it?« – »He changed it when he became a citizen. Used to be Merkwürdigliebe.«) –, sie alle wollen nur das (für sich) Beste, und ihnen allen tut es am Ende ganz schrecklich leid (oder auch nicht). »Die Welt ist eine Komödie für die, die denken, eine Tragödie für die, die fühlen«, sagte ein englischer Homme de lettres und Politiker (der nebenbei die Gothic fiction begründete). Kubrick denkt. Denkt das Undenkbare: »Sir! I have a plan! … Mein Führer! I can walk!« Trost bleibt dennoch: »We'll meet again, don't know where, don't know when. / But I'm sure we'll meet again some sunny day.«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick, Terry Southern, Peter Bryant V Peter Bryant K Gilbert Taylor M Laurie Johnson A Ken Adam S Anthony Harvey P Stanley Kubrick D Peter Sellers, George C. Scott, Slim Pickens, Sterling Hayden, Peter Bull | USA & UK | 95 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1964

# 772 | 16. September 2013  

27.12.63

Le mépris (Jean-Luc Godard, 1963)

Die Verachtung 

»Une tragique histoire d’amour dans un décor merveilleux.« Jean-Luc Godards Film-Film: Hinrichtung und Neuerfindung des Kinos. Michel Piccoli als Drehbuchautor, der sein Talent auf den Markt der Lügen trägt. BB als seine Geliebte, die sich von ihm verraten und verkauft fühlt. Jack Palance als Produzent, der, wenn er das Wort ›Kultur‹ hört, sein Scheckbuch zückt. Fritz Lang als Fritz Lang – ein Gott, der seinen Tod überlebt hat. Mit der künstlichen Wahrhaftigkeit der billigen Melodramen erzählt »Le mépris« (weitgehend ohne formale Sperenzchen und intellektuelle Taschenspielertricks) von Zärtlichkeit und Trauer, von Alfa Romeos und griechischen Statuen, von Leiden und Rache, von Ohrfeigen und Revolvern, von Irrfahrten und Inseln, von Helden und Losern, von Männern und Frauen (und anderen Männern). Dans toute la magie de Franscope et Technicolor (Kamera: Raoul Coutard) stirbt in qualvoller Schönheit eine Liebe – und kehrt das wiedergeborene Kino triumphierend aus dem Meer zurück. »Une merveilleuse histoire d’amour dans un décor tragique.«

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Alberto Moravia K Raoul Coutard M Georges Delerue S Agnès Guillemot P Georges de Beauregard, Carlo Ponti, Joseph E. Levine D Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Giorgia Moll, Fritz Lang | F & I | 103 min | 1:2,35 | f | 27. Dezember 1963

20.12.63

O něčem jiném (Věra Chytilová, 1963)

Von etwas anderem

Zwei Frauen im Gegenschnitt: Eva, eine Kunstturnerin (Olympia-Goldmedaillengewinnerin Eva Bosáková), die von unerbittlichen Trainern auf die Weltmeisterschaft (Prag 1962) vorbereitet wird, sowie Věra, Hausfrau und Mutter, die ihres gutbürgerlichen Ehelebens überdrüssig ist – dokumentarische Beobachtung auf der einen, tragikomische Alltagsfiktion auf der anderen Ebene. Während die eine fortdauernd einem rigiden Übungsprogramm unterworfen ist, sieht sich die andere mit einem gleichgültigen Gatten und einem verzogenen Sohn konfrontiert. Auch wenn die Protagonistinnen der Erzählung(en) einander nicht begegnen (lediglich zu Beginn sieht Věra Eva kurz im Fernsehen), schafft Regisseurin und Autorin Věra Chytilová in ihrem ersten Spielfilm pointierte thematische und emotionale Bezüge, erforscht – aus weiblicher Perspektive – das Walten von Fremdbestimmung und Unzufriedenheit, studiert die Möglichkeiten von Autonomie und Emanzipation, zeigt den Preis des Erfolges und die Versuchung des Scheiterns, stellt – ohne eine Antwort vorgeben zu wollen – die Frage, ob und wie es sich richtig leben läßt.

R Věra Chytilová B Věra Chytilová K Jan Čuřík M Jiří Šlitr A Vladimír Labský Ko Dagmar Cejnková S Miroslav Hájek P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Eva Bosáková, Věra Uzelacová, Josef Langmiler, Jiří Kodet, Milivoj Uzelac jun. | CS | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. Dezember 1963

# 1175 | 18. August 2019

5.12.63

Charade (Stanley Donen, 1963)

Charade

»Why do people have to tell lies?« Parodistisch-romantische Thrillerkomödie in der Tradition von »North by Northwest«, voller falscher Fährten (Drehbuch: Peter Stone und Marc Behm), stilvoller Roben (Kostüme: Hubert de Givenchy) und exquisiter Bilder (Kamera: Charles Lang). Reggie Lampert (fashionable: Audrey Hepburn), eine in Paris lebende Amerikanerin, deren Mann kürzlich ermordet wurde, sieht sich den gemeinen Nachstellungen einer Reihe von pittoresk-sinistren Gestalten (James Coburn, George Kennedy, Ned Glass) ausgesetzt, die hinter dem angeblich vorhandenen nachgelassenen Geld (250.000 $) des Verblichenen her sind. Cary Grant wechselt als ebenso charmanter wie schleierhafter Gentleman im Laufe des komplexen Geschehens mehrmals den Namen (Peter Joshua – Alexander Dyle – Adam Canfield – Brian Cruikshank) und die Seiten, während Walter Matthaus einprägsame Performance zwischen beamtenhafter Jovialität und kalter Wut schillert. Stanley Donen – herausragender Choreograph und Musical-Regisseur des klassischen Hollywood – beweist ein einzigartiges Gefühl für den Zauber des Drehortes (selten sah die französische Hauptstadt so verführerisch gut, so märchenhaft pariserisch aus), für die spezifischen Qualitäten der Darsteller, vor allem aber für Rhythmus und Timing der Erzählung. »Charade« ist nicht nur eine Hitchcock-Hommage von tänzerischer Leichtigkeit, sondern einer der elegantesten Filme ever made. »Do you know what's wrong with you?« – »No, what?« – »Nothing!«

R Stanley Donen B Peter Stone, Marc Behm K Charles Lang M Henry Mancini A Jean d’Eaubonne S Jim Clark P Stanley Donen D Cary Grant, Audrey Hepburn, Walter Matthau, James Coburn, George Kennedy | USA | 113 min | 1:1,85 | f | 5. Dezember 1963

4.12.63

Judex (Georges Franju, 1963)

Judex

Poetische Reanimation eines Stummfilm-Mythos: Georges Franju läßt Louis Feuillades rächenden Serienhelden ›Judex‹ als romantischen Richter von eigenen Gnaden wiederauferstehen (die Titelrolle spielt der amerikanische Magier Channing Pollock, der für Präsidenten und Königinnen zauberte). Die Handlung verwickelt einen bösen Bankier und seine ätherische Tochter, ein gieriges Frauenzimmer und ihren verschlagenen Liebhaber, einen vorwitzgen Bengel und einen gutmütigen Detektiv in ein naiv-spukhaftes Abenteuer voller Camouflagen (u. a. falsche Nonnen) und Enthüllungen (z. B. verlorene Söhne), voller doppelter Böden und ungestorbener Tode. »Judex« sucht die Atmosphäre einer verlorenen Zeit (»qui ne fut pas heureuse – 1914«) und findet sie wieder als zärtlichen Alptraum, als schwarz-weiße Dichtung über Rache und Gerechtigkeit sowie (indirekt) über das Geld, jene dämonische Kraft, die alles bewegt und vieles zerstört. Franju, ein später Surrealist, nimmt gestalterischen Bezug auf die unheimliche Klarheit des ganz frühen Kinos, auf die Collagen von Max Ernst, in der sich die Gespenster der Vergangenheit zu beklemmenden Gegenwarten formieren, und auf die animalisch-anthropomorphen Figurationen des Illustrators Grandville: In der vielleicht schönsten und geheimnisvollsten des Szene dieses schönen und geheimnisvollen Werks werden, anläßlich eines festlichen Kostümballs, die Protagonisten mittels realistischer Vogelmasken in phantastische Tierwesen verwandelt – das Sichtbare (die Gestalt) und das Unsichtbare (der Gehalt) verschmelzen bildhaft zu filmischer Einheit.

R Georges Franju B Jacques Champreux, Francis Lacassin V Louis Feuillade K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Robert Giordani S Gilbert Natot P Robert de Nesle D Channing Pollock, Francine Bergé, Edith Scob, Michel Vitold, Jacques Jouanneau | F & I | 104 min | 1:1,66 | sw | 4. Dezember 1963

28.11.63

Who’s Minding the Store? (Frank Tashlin, 1963)

Der Ladenhüter

»There’s nothing ›to‹ sale. Everything is ›on‹ sale and automatically sales itself.« Das New Yorker Kaufhaus ›Tuttle‹ als Inbild der kapitalistischen (Waren-)Welt. Alles wird verramscht, aber wenig ist zu haben – schon gar nicht Vertrauen oder Herzlichkeit oder Rückgrat. Norman Phiffier (Jerry Lewis) pfeift auf diese Welt, auf ihren Hang und Drang zum großen Geld. Er will nur 850 Dollar sparen, um ein nettes Mädchen zu heiraten. Das Tolle: Er hat ein nettes Mädchen (Jill St. John). Allerdings ist Barbara die Erbin des Konsumtempels (wo sie inkognito als Fahrstuhlführein arbeitet). Was sie (aus gutem Grund) vor ihm geheimhält. Und was der Kaufhauskönigin (sowie Mutter) Phoebe Tuttle (beinhart: Agnes Moorehead) schwer zu schaffen macht … Frank Tashlin schickt seinen (bedrohlich) gutmütigen Helden durch einen Bazar des galoppierenden Wahnsinns, durch ein Inferno der Verbrauchsprodukte (»I want you to give this nut every impossible, dirty job there is.«), läßt den armen Teufel sämtliche Stockwerke des Erniedrigungsangebots durchlaufen: Feinkost und Schlafmöbel, Herrenkonfektion und Damenschuhe, Waffen und andere Haushaltsgeräte (zum Beispiel ein verrückter Staubsauger als alles verschlingender und zerstört wieder ausspeiender Leviathan). Norman besteht die ihm auferlegten Prüfungen (»This boy has character, and I know what character is! I remember when I had it!«), und er gewinnt sein nettes Mädchen. Wahre Liebe triumphiert über die Liebe zu den Waren. Tashlin, der zynische Romantiker, macht es möglich. Bar oder auf Rechnung. PS: »The Typewriter«!

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Harry Tugend K W. Wallace Kelley M Joseph J. Liley, Leroy Anderson A Hal Pereira, Roland Anderson S John Woodcock P Paul Jones D Jerry Lewis, Jill St. John, Agnes Moorehead, John McGiver, Ray Walstone | USA | 90 min | 1:1,85 | f | 28. November 1963

# 787 | 31. Oktober 2013

22.11.63

Der Henker von London (Edwin Zbonek, 1963)

Täuschend echte Edgar-Wallace-Kopie aus dem Hause ›Atze‹ Brauner über ein anonym-klandestines Konsortium, das Kriminelle, die ihrer gerechten (= tödlichen) Strafe entgehen konnten, ebenderselben zuführt. (Nur scheinbar) parallel zu diesem Fall von Schattenjustiz entwickelt sich der Erzählstrang um einen ruchlosen Frauenkiller (Wolfgang Neuss würde sagen: »Was soll’s? Der Mörder ist Dieter Borsche.«), der ständigen Nachschub an Blondinen benötigt, um seine wissenschaftlichen Studien zur Trennung von Geist (= Kopf) und Körper voranzutreiben. Inspektor Hillier von Scotland Yard (engagiert: Hansjörg Felmy), dessen eigene Schwester Opfer des pathologischen Verbrechers wurde, tritt ermittlungstechnisch auf der Stelle, bis er seine (blonde) Verlobte Ann (Maria Perschy), die Tochter des pensionierten Richters Sir Francis Elliott (Rudolf Forster), eines Juristen, der zu Amtszeiten keine Gnade kannte, als Lockvogel ins Rennen schickt … Chris Howlands original-englische Scherzkeks-Auftritte erweisen sich als würdiger Eddi-Arendt-Ersatz; Kameramann Richard Angst trägt seinen Nachnamen völlig zurecht; mit hohem Sinn für makabre Stimmungsmalerei inszeniert Edwin Zbonek einen charmant-obszönen Talmi-Grusler alter Schule. 

R
Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Rudolf Forster | BRD | 94 min | 1:2,35 | sw | 22. November 1963

15.10.63

Le feu follet (Louis Malle, 1963)

Das Irrlicht 

»Pauvre Alain, comme vous êtes mal.« Als er jung und schön war, hat Alain Leroy fröhlich gefeiert, hat die Frauen reihenweise flachgelegt, hat gesoffen wie ein Loch. Die Zeit verging. Die Freunde wurden ernsthaft – seriöse Bürger, salbungsvolle Intellektuelle, echte Verbrecher. Alain verabscheut dies alles, findet es hohl, verlogen, medioker, dumm. Erwachsen werden ist für ihn keine Option: »Difficile d’être un homme. Il faut avoir envie.« Die Freunde, die Frauen, sie sind auf der Strecke seines Lebens geblieben, nur die Flasche, sie steht immer noch auf dem Tisch … Der Anfang von »Le feu follet« findet Alain (versteinert: Maurice Ronet) am Ende einer Entziehungskur, die er scheinbar erfolgreich hinter sich brachte. Doch Alain ist nicht nüchtern, er ist leer, ohne jede Hoffnung, kann weniger als je zuvor die Dinge, die Menschen berühren, spürt nichts im Gegenüber, fühlt nichts in seinem Inneren. »Alain, la vie est bonne«, behauptet sein Arzt. »Dites-moi en quoi, docteur«, antwortet der an sich selbst und der Menschheit zutiefst Verzweifelnde. Das Datum seines Todes (23 juillet) fest notiert, macht Alain eine letzte Runde durch alte Zeiten, streift noch einmal durch die Stadt vormaliger Abenteuer, besucht die Kameraden, die Geliebten von einst. Als wandelnder Vorwurf sitzt, steht, geht er zwischen den Gespenstern seiner Vergangenheit, empört sich über ihre Ruhe, ihre Zufriedenheit, ihre Selbstgewißheit: »Croyez-vous dans vos actes?« Louis Malle schildert die letzten 48 Stunden seines unglücklichen Protagonisten mit lakonischer Anteilnahme, äußerster Akribie und formaler Strenge, hält dabei die Quintessenz der Erzählung diskret in der in der Schwebe: Ist Alain das Irrlicht? Oder die Welt, die ihn umgibt? Kennzeichnet Alains stolze Verweigerung die anderen als Kompromißler, die einen falschen Seelenfrieden in ewiger Langeweile akzeptiert haben? Oder ist Alain ein anmaßender Feigling, der nicht wahrhaben will, daß Glück nicht immer lustig ist, ein Dandy, der sein Scheitern zur tödlichen Krankheit stilisiert? Ob es sich um wirkliches Leiden oder um einen Phantomschmerz handelt, spielt letzten Endes keine Rolle – für Alain gibt es nur einen (Aus-)Weg: »C’est fini pour moi. Je m’en vais.«

R Louis Malle B Louis Malle V Pierre Drieu la Rochelle K Ghislain Cloquet A Bernard Evein S Suzanne Baron P Alain Quefféléan D Maurice Ronet, Bernard Noël, Jacques Sereis, Alexandra Stewart, Jeanne Moreau | F | 108 min | 1:1,66 | sw | 15. Oktober 1963

10.10.63

From Russia with Love (Terence Young, 1963)

James Bond 007 – Liebesgrüße aus Moskau

»I've seen places, faces and smiled for a moment / But oh, you haunted me so.« SPECTRE spielt Briten und Russen gegeneinander aus, um in den Besitz einer Verschlüsselungsmaschine aus der Istanbuler Sowjet-Botschaft zu gelangen – und um James Bond in die Pfanne zu hauen… Ein klarer, kühler, trockener »007«, frei von Superstar-Allüren und Welteroberungsphantastereien: Bond (Sean Connery – the one and only) trinkt keinen einzigen Martini, konzentriert sich stattdessen (so wie der Rest der Crew) ganz auf die effiziente Erledigung seines Jobs. Abgesehen von einem überflüssigen ethnographischen Intermezzo im Zigeunerlager (inklusive Bauchtanz und Damen-Catchen), stimmt so ziemlich alles: die villainess (Lotte Lenya als stalinistische Kampflesbe Rosa Klebb: »Training is useful, but there is no substitute for experience.«), der henchman (Robert Shaw als (fast) perfekter, blondierter Schlagetot Donald Grant: »My orders are to kill you. How I do it is my business. It'll be slow and painful.«), der sidekick (Pedro Armendáriz als väterlicher Kontaktmann Kerim Bey: »All of my key employees are my sons. Blood is the best security in this business.«), das girl (Daniela Bianchi als ergebene Russin Tatiana Romanova: »Oh James, will you make love to me all the time in England?«). Auch wenn »From Russia with Love« (in Form von explosiven Koffern, Hubschrauberattacken sowie Bootsrennen) einen Ausblick auf die things to come der unsterblichen Reihe gibt, dominiert mit Touren durch jahrhundertealte Geheimgänge und Prügelei im Orientexpreß ein sympathisch-anschaulicher Naturalismus das Geschehen.

R Terence Young B Richard Maibaum, Johanna Herwood V Ian Fleming K Ted Moore M John Barry A Syd Cain S Peter Hunt P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Daniela Bianchi, Pedro Armendáriz, Lotte Lenya, Robert Shaw | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 10. Oktober 1963

9.10.63

Le mani sulla città (Francesco Rosi, 1963)

Hände über der Stadt

Ein Politdrama ohne all das, was Politdramen allzuoft verwässert, was sie leichter konsumierbar und damit letzten Endes unergiebig macht, ein Politdrama ohne love interest, ohne human touch, ohne happy ending. »Le mani sulla città« zeigt nichts als die Mechanik der Macht, das Triebwerk der Gier, das Ballett der Interessen, die Verhöhnung des Rechts. Francesco Rosi zergliedert das System, in dem es nur eine Sünde gibt: zu verlieren. Ort der Enquête ist Neapel. Es könnte jeder andere Ort im Reich des Geldes sein. Zeit ist die Gegenwart des demokratischen Kapitalismus. Anlaß der Recherche: Einsturz einer altersschwachen Mietskaserne neben einer Baustelle des Immobilienlöwen und Abgeordneten Eduardo Nottola (Rod Steiger). Ein gegen den Widerstand der (rechten) Regierungsfraktionen von der (linken) Opposition durchgesetzter Parlamentsausschuß soll die Hintergründe des Unglücks ermitteln. Doch im Zirkus der administrativen Zuständigkeiten ist keine Verantwortung auszumachen, im geölten Räderwerk des politischen Betriebes kann kein Schuldiger benannt werden … In einem Schlüsselmoment des Films erklärt ein Verwaltungsbeamter der Untersuchungskommission, daß es zwei Städte gebe: die oberirdische, sichtbare Stadt und die subterrane, verborgene Stadt, die sei wie ein Schweizer Käse, voller unbekannter Gänge, Tunnel und Spalten: »Voi non avete idea, voi non sapete che cosa nel sottosuolo esiste.« Ihr habt keine Ahnung, was sich da unten tut. Im Gegensatz zu den versteckten Schlünden der Topographie liegen die Abgründe der Politik offen zu Tage. Aber das spielt keine Rolle. Denn wie sagt ein Volksvertreter: Die öffentliche Meinung, das sind wir … Ein kalter, kluger Film in analytisch-entlarvenden Bildern (Gianni Di Venanzo), getrieben von einem brutalistisch-dissonanten Score (Piero Piccioni), ein leidenschaftlicher, zeitloser Film über Häuser und Menschen, Gesetz und Vorteil, Hände und Taschen.

R Francesco Rosi B Francesco Rosi, Raffaele La Capria, Enzo Forcella, Enzo Provenzale K Gianni Di Venanzo M Piero Piccioni A Massimo Rosi S Mario Serandrei P Lionello Santi D Rod Steiger, Carlo Fermariello, Guido Alberti, Salvo Randone, Angelo D’Alessandro| I & F | 105 min | 1:1,85 | sw | 9. Oktober 1963

4.10.63

Schloß Gripsholm (Kurt Hoffmann, 1963)

Sie heißt Lydia, aber er nennt sie »Prinzessin« oder »Alte«; er heißt Kurt, aber sie nennt ihn »Daddy« oder »Peter«. Die beiden (abgeklärt gespielt von Jana Brejchová und Walter Giller) sind ein Liebespaar; ihrer Romanze eignet – die wechselseitigen Spitznamen lassen es anklingen – eine gewisse ironische Reserve. Kurt Hoffmann verlegt Kurt Tucholskys beschwingt-wehmütige Sommergeschichte aus den krisengeschüttelten frühen 1930ern in die wirtschaftswunderlichen frühen 1960er Jahre, übernimmt aus der Vorlage die erotischen Kabbeleien und das verbale Geschmuse, die illustren Nebenfiguren – Peters kauzigen Kumpel Karlchen (Hanns Lothar) und Lydias aufgeschlossene Freundin Billie (Nadja Tiller) – sowie das ländliche Schwedenidyll, läßt die dunkleren Aspekte der Geschichte (die um ein freudloses Kinderheim kreisen) kurzerhand weg, arrangiert solchermaßen – in Ultrascope und Eastmancolor – eine adrette Gefühlskomödie von mildem Humor und dezenter Frivolität, ohne unliebsame Tiefschürfigkeit oder gar scharfe Ecken und Kanten.

R Kurt Hoffmann B Herbert Reinecker V Kurt Tucholsky K Günther Anders M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger S Ursula Kahlbaum P Heinz Angermeyer, Kurt Hoffmann D Walter Giller, Jana Brejchová, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Carl-Gustaf Lindstedt | BRD | 99 min | 1:2,35 | f | 4. Oktober 1963

# 1074 | 4. September 2017

Les tontons flingueurs (Georges Lautner, 1963)

Mein Onkel, der Gangster

»Non, mais t’as déjà vu ça?« Seit fünfzehn Jahren ist Fernand Naudin (Lino Ventura) raus aus dem krummen Geschäft, handelt er in der südfranzösischen Provinz mit Baumaschinen, als ihn der Ruf seines im Sterben liegenden Kumpanen Louis le Mexicain erreicht, der den alten Freund bittet, nicht nur seinen illegal wirtschaftenden Betrieb (Alkohol, Glücksspiel, Sex) zu übernehmen, sondern sich auch um die Erziehung seiner flott-halbwüchsigen Tochter zu kümmern, die von der ungesetzlichen Natur des väterlichen Business nichts ahnt ... Frei nach einem Roman von Albert Simonin (der auch die Vorlage zum Klassiker »Touchez pas au grisbi« lieferte): eine Noir-Travestie, die mit tödlicher Rohheit nicht geizt, ein Gangsterfilm, der jede Niedertracht als Scherz betrachtet, eine Familiengeschichte, in der kein Konflikt unterdrückt wird. Der beschwingt-geniale Aberwitz der »tontons flingueurs« (≈ Killer-Onkels) liegt zuallererst in Michel Audiards Dialogen, dem rasanten Wechsel von absurden Tiraden und furztrockenen Repliken, dem kapriziösen Mix aus verballhornten philosophischen Sentenzen und kunstvoll überhöhtem Rotwelsch, auch in Georges Lautners Fähigkeit, Genrekonventionen im selben Moment ironisch zu bedienen und entschlossen zu unterlaufen, last but not least im sichtbaren Vergnügen der Schauspieler (allen voran Bernard Blier als ewiger Prügelknabe), mit (un-)feierlichem Bier-(bzw. Schnaps-)ernst den allergrößten Quatsch darzubieten und dabei die eigenen Leinwandmythen durchaus würdevoll auf die Schippe zu nehmen.

R Georges Lautner B Michel Audiard, Albert Simonin, Georges Lautner V Albert Simonin K Maurice Fellous M Michel Magne A Jean Mandaroux S Michelle David P Robert Sussfeld, Irenée Leriche D Lino Ventura, Bernard Blier, Jean Lefebvre, Claude Rich, Sabine Sinjen, Horst Frank | F & I & BRD | 105 min | 1:1,66 | sw | 4. Oktober 1963

# 1051 | 27. Mai 2017

2.10.63

Muriel ou le temps d'un retour (Alain Resnais, 1963)

Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr 

Boulogne-sur-Mer, Herbst 1962: Die Stadt trägt die neonglänzenden Wunden des Weltkrieges – der Wiederaufbau war in Wirklichkeit eine zweite Zerstörung. Hier lebt Hélène, Antiquitätenhändlerin, die ihre Wohnung zum Geschäft gemacht hat – an jedem ihrer alten Möbel hängt ein Preisschild. Sie wohnt mit ihrem Stiefsohn Bernard, den die Erinnerung an Algerien nicht losläßt, wo er im Krieg gekämpft hat – und am grausamen Tod des Mädchens Muriel (mit-)schuldig wurde. Hélène wird besucht von Alphonse, dem Geliebten ihrer Jugend, einem Windbeutel und Großsprecher, der von seiner großen Zeit in Afrika schwadroniert – wo er nie war. Mit ihm kommt Françoise, die er als seine Nichte vorstellt – und die seine Geliebte ist. Alain Resnais (Regie) und Jean Cayrol (Buch) berichten14 Tage aus dem äußerlich banalen Alltag der Protagonisten, doch der Fluß der Erzählung wird – durch brüsk wechselnde Perspektiven, durch sprunghafte Schnitte, durch Zerfetzen der Handlung in kleinste Einheiten – fragmentiert und verfremdet. »Muriel« thematisiert die Verfassung des Menschen in der Moderne, wo Leben nicht mehr als Einheit zu begreifen ist, sondern in eine Abfolge von Momenten zerfällt, schildert eine Gegenwart – Städte, Biographien, Beziehungen –, die vom Gestern in Stücke geschlagen wurde, umschreibt am Beispiel von vier Figuren auf der Flucht vor der verlorenen Zeit: Erinnern und Verdrängen, panische Angst und hektische Lustigkeit, die richtungslose Bewegung der Gefühle und die fatale Bewußtlosigkeit des Denkens. Die visuellen und inhaltlichen Dissonanzen dieses einfachen, schwierigen Films werden immer wieder von einem lyrischen Lamento (zur Musik von Hans Werner Henze) akzentuiert: »Man verliert sich / verirrt sich im Leben. / Wer zog denn den Pfad / die Spur eines Körpers? / War es Traum / war es Ahnung? / Das Unwetter schläft unterdes / schläft in der Sonne.«

R Alain Resnais B Jean Cayrol K Sacha Vierny M Hans Werner Henze A Jacques Saulnier S Kenout Peltier, Eric Pluet P Pierre Braunberger, Anatole Dauman D Delphine Seyrig, Jean-Pierre Kérien, Nita Klein, Jean-Baptiste Thiérée, Claude Sainval | F & I | 115 min | 1:1,85 | f | 2. Oktober 1963

25.9.63

L’aîné des Ferchaux (Jean-Pierre Melville, 1963)

Die Millionen eines Gehetzten

Es gebe drei Sorten von Menschen, behauptet Dieudonné Ferchaux (Charles Vanel): Leoparden, Schafe und Schakale. Der reiche Pariser Geschäftsmann (der wegen Ermittlungen in einer uralten Mordsache überstürzt in Richtung Amerika – und seiner dortigen Bankguthaben – abreist) läßt keinen Zweifel daran, zu welcher Gruppe er sich zählt. Doch was für einer ist der ehemalige Fallschirmspringer Michel Maudet (Jean-Paul Belmondo), der (nach einer glücklos beendeten Boxkarriere) als Sekretär und Begleiter des knorrigen alten Herrn anheuert? Zwar geht es in Jean-Pierre Melvilles Adaption eines Romans von Georges Simenon auch um (viel) Geld und die damit verbundenen Begehrlichkeiten, doch mehr als die kriminalistischen Aspekte des Stoffes interessieren den Regisseur die spannungsvolle intergenerationelle Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, deren Kräfteverhältnis sich im Laufe ihrer Bekanntschaft peu à peu verschiebt, sowie die Entdeckungen, Zwischenfälle, Begegnungen am Wegesrand der Reise, die von New York entlang der Appalachen ins schwüle New Orleans führt: das Geburtshaus von Frank Sinatra, eine beiläufige Kneipenschlägerei, der Auftritt (und Abgang) einer kessen Anhalterin. So verbindet Melville gleichsam en passant mood piece, road movie und love story zur Geschichte einer (doppelten) Desillusionierung.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Georges Simenon K Henri Decaë M Georges Delerue A Daniel Guéret S Monique Bonnot P Charles Lumbroso D Jean-Paul Belmondo, Charles Vanel, Todd Martin, Michèle Mercier, Stefania Sandrelli | F & I | 105 min | 1:2,35 | f | 25. September 1963

# 1129 | 23. Juni 2018

À toi de faire … mignonne (Bernard Borderie, 1963)

Zum Nachtisch blaue Bohnen

Ein genialer New Yorker Professor, der an der Entwicklung eines festen Treibstoffs arbeitet, wird aus seinem Laboratorium entführt. Lemmy Constantine (Eddie Caution), seinerseits stimuliert von großen Mengen flüssigen Treibstoffs, nimmt die Fährte des Verschleppten auf und reist nach Paris, wo er von diversen zwielichtigen Gestalten (darunter drei außerordentlich kratzbürstigen jungen Damen) in eine seiner üblichen Beat-’em-up-Affären verwickelt wird: Männer fliegen gegen Wände, eine Villa in die Luft, die Miezen auf Lemmy. Der unzerstörbare Lakoniker mit der gußeisernen Leber zitiert zu (fast) jedem Faustschlag (mehr oder weniger passend) Konfuzius und entlarvt das Kidnapping des Experten schlußendlich als (un-)wissenschaftliches Abzockmanöver. Bernard Borderies schlanke Inszenierung verwirrt nicht durch künstlerische Inspiration; lediglich der in einer Camembert-Käserei ausgetragene Prügel-Showdown von »À toi de faire … mignonne« läuft – als Action-Paraphrase slapstickhafter Stummfilm-Tortenschlachten – zu anarchisch-absurder Hochform auf.

R Bernard Borderie B Bernard Borderie, Marc-Gilbert Sauvajon V Peter Cheyney K Henri Persin M Paul Misraki A René Moulaert S Christian Gaudin P Raymond Borderie D Eddie Constantine, Philippe Lemaire, Gaia Germani, Christiane Minazzoli, Guy Delorme | F & I | 93 min | 1:2,35 | sw | 25. September 1963