11.8.55

Die Mädels vom Immenhof (Wolfgang Schleif, 1955)

»Trippetrab und klippeklapp / So geht’s im Ponytrab.« Sommer in der Holsteinischen Schweiz: Wiesen und Seen, Pferde und Backfische, erste Liebe und andere Sorgen. Dick und Dalli leben mit ihrer erwachsenen Schwester Angela bei Oma Jantzen auf dem Ponygestüt Immenhof. Die Eltern sind schon lange tot, die Mädchen kamen vor Jahren zu Fuß aus dem Osten. Die Familie könnte trotz ihrer Unvollständigkeit eigentlich recht zufrieden sein, wäre da nicht der Kummer ums liebe Geld: Niemand will mehr Ponys kaufen. Über dem Idyll kreist der Kuckuck. Oma weiß sich keinen Rat – hundert Jahre lang ist doch (fast) alles gutgegangen. Nachbar Jochen von Roth, von den Zeiten (auf unbestimmte Art) ebenfalls schwer gebeutelt, steckt seine Energie in den Aufbau einer Vollblutzucht – und rettet nebenbei (nicht ohne private Motivation) auch den Immenhof … Die Erschütterungen der Vergangenheit bleiben erzählerisch genauso namenlos-ungefähr wie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart. Das Land ist zwar noch gut (≈ unverfälscht) genug, um den zivilisatorisch verkrüppelten Großstadtschnösel Ethelbert zum vollwertigen Menschen zu formen, doch die überkommene Sittlichkeit geht nachgerade koppheister. Die Dinge ändern sich – aber nicht, um die gleichen zu bleiben. Zum Schluß wird der Konkurs des Hofes mit Ach und Krach abgewendet. Allein zu welchem Ende?

R Wolfgang Schleif B Erich Ebermeyer, Peer Baedecker, Wolfgang Schleif, Hansi Kessler V Ursula Bruns K Oskar Schnirch M Norbert Schultze A Karl Weber, Hans Auffenberg S Hermann Ludwig P Gero Wecker D Heidi Brühl, Angelika Meissner, Matthias Fuchs, Margarete Haagen, Paul Klinger | BRD | 92 min | 1:1,37 | f | 11. August 1955

3.8.55

To Catch a Thief (Alfred Hitchcock, 1955)

Über den Dächern von Nizza

»It takes a thief to catch a thief.« Cary Grant als Dieb im Ruhestand, Grace Kelly als Fürstin im Wartestand – ein hübsches Paar. Dazu hochkarätige Juwelen, die illegal den Besitzer wechseln, und, nicht zu vergessen, Jessie Royce Landis als lustige Ölbaronenwitwe, die ihre Zigaretten in Spiegeleiern auszudrücken pflegt. Teure Hotels und pompöse Villen, idyllische Dörfer und üppige Kostümfeste, kurvige Straßen und steile Dächer liefern die Kulissen für die champagnereske Version von Alfred Hitchcocks immer wieder neu gefaßter Erzählung über den unschuldig in Verdacht Geratenen. Ohne großen Nervenkitzel und weitgehend frei von lästigen Überraschungen streicht der Film auf Samtpfötchen an der romantischen Riviera entlang – Kino wie ein schöner Tag am blauen Meer.

R Alfred Hitchcock B John Michael Hayes V David Dodge K Robert Burks M Lyn Murray A Hal Perreira, Joseph McMillan Johnson Ko Edith Head S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Grace Kelly, Jessie Royce Landis, John Williams, Charles Vanel | USA | 106 min | 1:1,85 | f | 3. August 1955

21.7.55

I Am a Camera (Henry Cornelius, 1955)

»I saw him in a café in Berlin, / The kind of place where love affairs begin.« Basierend auf John Van Drutens Theaterstück, das Teile aus Christopher Isherwoods autobiographisch inspiriertem Roman »Goodbye to Berlin« verarbeitet, beschreibt »I Am a Camera« – der Titel zitiert den ersten Satz des Buches – die innig-spannungsvolle Freundschaft zwischen dem zurückhaltend-selbstzweiflerischen Schriftsteller Chris (»Well, I’m sort of working on a general idea.«) und der naiv-übermütigen Bohemienne Sally Bowles (»I was a future film star but in present I’m singing in a night club, at least I was.«) im grauen Berlin des Jahres 1931 (»when the banks close down and the knackwurst is one mark and fifty«). Wirtschaftlicher Niedergang und Aufstieg der Nazis bilden den (unscharf gezeichneten) historischen Hintergrund für eine mehr oder weniger turbulente Beziehungsdramödie, die alleine vom furiosen Spiel der Hauptdarstellerin Julie Harris über atmosphärische Unstimmigkeiten und inszenatorische Schwächen getragen wird. Laurence Harveys pralle Haartolle paßt eher zu einem angry young man der Nachkriegsjahre als zum schüchternen (zudem sexuell desorientierten) Intellektuellen Chris, während Regisseur Henry Cornelius (der Anfang der 1930er selbst in Berlin lebte) erstaunlich wenig geistiges und visuelles Gespür für die Melange aus tiefer Erschütterung und hysterischer Vergnügungssucht zeigt, die das gesellschaftliche Klima der Zeit bestimmte (und die Bob Fosse in »Cabaret«, der Musical-Fassung des Stoffes, so brillant einfangen wird). Auch die gelungenen Momente, etwa eine phantastisch überkandidelte Party-Szene, stimmen weniger froh denn melancholisch, verweisen sie doch vor allem auf die verschenkten Möglichkeiten dieses durchaus ambitionierten Films. »I can’t forget him, I never met him, / I only saw him in a café in Berlin.«

R Henry Cornelius B John Collier V Christopher Isherwood, John Van Druten K Guy Green M Malcolm Arnold A William Kellner S Clive Donner P John Woolf D Julie Harris, Laurence Harvey, Anton Diffring, Shelley Winters, Ron Rendell, Lea Seidl | UK | 98 min | 1:1,37 | sw | 21. Juli 1955

# 910 | 14. September 2014

1.7.55

House of Bamboo (Samuel Fuller, 1955)

Tokio-Story

Japan, 1954: Das Land ist nicht nur militärisch vom ehemaligen Weltkriegsgegner besetzt, auch die Unterwelt wird US-amerikanisch dominiert. Sandy Dawson (Robert Ryan) kontrolliert das Glücksspiel in Tokio und unternimmt mit seinen Spießgesellen einträgliche Raubzüge. Zu einem Neuen, der vorwitzig ins kriminelle Geschäft drängt, faßt Sandy (zu seiner eigenen Irritation) freundschaftliches Zutrauen – doch der draufgängerische Gauner Eddy Spanier (Robert Stack) ist nicht der, der er vorgibt zu sein ... Im Gewand eines straight inszenierten Cinemascope-Action-Thrillers (mit stark romantischer Tönung) vermißt Samuel Fuller (vorwiegend on location) die Spannungsfelder von Ost und West, Vertrauen und Verrat, Schuld und Tugend, Sieg und Niederlage – unübersichtliche Landschaften ohne klargezogene Grenzen. Das Reich der aufgehenden Sonne, vom Fujiyama überragt, verwandelt sich eine Kolonie des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten – Schauplatz des finalen Entscheidungskampfes ist passenderweise der Dachgarten eines Kaufhauses, ein Vergnügungspark hoch über den Dächern der Stadt: Das kugelförmige Karussell, auf dem sich die Widersacher letztmalig begegnen, versinnbildlicht die um sich selbst kreisende Welt des Kapitalismus ebenso wie das immerfort rotierende Rad eines unentrinnbaren Schicksals.

R Samuel Fuller B Harry Kleiner, Samuel Fuller K Joseph MacDonald M Leigh Harline A Lyle R. Wheeler S James B. Clark P Buddy Adler D Robert Ryan, Robert Stack, Shirley Yamaguchi, Cameron Mitchell, Sessue Hayakawa | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1955

# 1038 | 16. Dezember 2016

Perwij eschelon (Michail Kalatosow, 1955)

Die erste Staffel 

Neuland unterm Pflug: Eine Gruppe begeisterter Komsomolzen macht sich auf, die fruchtbare sibirische Steppe zu entjungfern. Unter der Anleitung wohlwollender alter Füchse wachsen die übermütigen jungen Hunde an ihren Aufgaben und an ihrer Verantwortung … Zwei Jahre nach Stalins Tod entstanden, ist Michail Kalatosows »Perwij eschelon« weitgehend den schlichten Aussagen und der dogmatischen Ästhetik des sozialistischen Realismus verpflichtet: Immer wieder versammeln sich die angehenden Helden zu statischen Genrebildern, immer wieder richten sie ihre Blicke hochgestimmt (manchmal auch nachdenklich) in die, von Dmitri Schostakowitsch musikalisch antizipierte, rote Zukunft. Doch da sind diese überraschenden Bilder von Einsamkeit, ja Vergeblichkeit: einzelne Figuren, verloren in grenzenlosen Weiten. Die Herausforderungen scheinen plötzlich nicht zu be­wältigen, jede Anstrengung zum Scheitern verurteilt. Auch das Ende des Films stimmt nicht eben hoffnungsvoll: Die erste Ernte wird durch ein Feuer vernichtet, der Wettbewerb um die Bestleistung eines landwirtschaftlichen Aufbau-Kollektivs geht verloren. Aber wie sagte ein (amerikanischer) Philosoph: »Unser großer Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.«

R Michail Kalatosow B Nikolai Pogodin K Juri Jekeltschik, Sergei Urussewski M Dmitri Schostakowitsch A Michail Bogdanow, Gennadi Mjasnikow S Soja Werjowkina P Mosfilm D Wsewolod Sanajew, Sergei Romodanow, Oleg Efremow, Tatjana Doronina, Isolda Iswitskajka | SU | 114 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1955

28.6.55

Die Ratten (Robert Siodmak, 1955)

Remigrant Robert Siodmak verwandelt Gerhart Hauptmanns naturalistische Tragikomödie nicht ungeschickt in ein bühnenhaft-düsteres Nachkriegsmelodrama um Kinderwunsch, Käuflichkeit und kalte Herzen, das von einem hervorragenden Ensemble souverän über die eine oder andere inhaltliche Unwahrscheinlichkeit hinweggetragen wird: Heidemarie Hatheyer als berechnende Wäschereibesitzerin, Gustav Knuth als kumpelhafter Fuhrunternehmer, Curd Jürgens als verlotterter Tunichtgut, Maria Schell als herumgeschubstes Flüchtlingsmädchen. Die poetisch-realistische Kamera (Göran Strindberg) sowie das Hauptmotiv des Films, eine mit abgelegten Möbeln vollgestopfte Speditionshalle, veranschaulichen recht stimmig die gefühlsmäßige Unbehaustheit der Ära – und ihre traurige Sehnsucht nach Beständigkeit und Nestwärme.

R Robert Siodmak B Jochen Huth V Gerhart Hauptmann K Göran Strindberg M Werner Eisbrenner A Rolf Zehetbauer, Hans-Jürgen Kiebach S Ira Oberberg, Klaus M. Eckstein P Artur Brauner D Maria Schell, Curd Jürgens, Heidemarie Hatheyer, Gustav Knuth, Ilse Steppat | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 28. Juni 1955

24.6.55

Moonfleet (Fritz Lang, 1955)

Das Schloß im Schatten

»Make your way to Moonfleet.« Ein märchenhafter (Abenteuer-)Film über Gräber und Geister, Unschuld und Niedertracht, Eigennützigkeit und Vertrauen, eine schwarzromantische (Kinder-)Geschichte von Schatzsuche und Einsamkeit, von alten Wunden und noch älteren Geheimnissen, vom falschen Glanz der Oberflächen und vom tiefen Brunnen der Wahrheit. England, 1757: der Waisenknabe John Mohune (Jon Whiteley) kommt in das entlegene Küstendorf Moonfleet, um bei Jeremy Fox (Stewart Granger), dem früheren Verehrer seiner Mutter, Aufnahme zu suchen. Fox, der das marode Anwesen der einstmals reichen Familie Mohune bewohnt, gibt sich alle Mühe, den Ankömmling auf Abstand zu halten, ist er doch keineswegs der Ehrenmann, den der anhängliche John in ihm sehen will, sondern, im Pakt mit einem schurkischen Aristokraten (George Sanders), heimlicher Anführer einer Schmugglerbande. Fritz Lang schickt seinen halbwüchsigen Protagonisten auf eine Initiationsreise durch düstere (Studio-)Landschaften, vorbei an toten Bäumen, glotzenden Statuen, justament Gehenkten, in brausende Stürme, konspirative Stuben, unheimliche Gewölbe. Am Ende des gefahrvollen Weges findet der innige Wunsch des Jungen nach ersatzväterlicher Freundschaft so etwas wie späte Erfüllung, wenn auch die ersehnte Gemeinschaft nur im Moment des unwiderruflichen Abschieds Wirklichkeit werden kann. »The exercise was beneficial.«

R Fritz Lang B Jan Lustig, Margaret Fitts V John Meade Falkner K Robert Planck M Miklós Rózsa A Cedric Gibbons, Hans Peters S Albert Akst P John Houseman D Jon Whiteley, Stewart Granger, George Sanders, Joan Greenwood, Viveca Lindfors | USA | 87 min | 1:2,35 | f | 24. Juni 1955

# 1140 | 3. Januar 2019

7.6.55

The Cobweb (Vincente Minnelli, 1955)

Die Verlorenen

Die Welt ist nicht nur eine Bühne, die Welt ist auch ein Irrenhaus. »The Cobweb«, Vincente Minnellis knallige tragicomedy of manners, spielt in einer Privatklinik für gehobene Verrückte, wo die Ärzte kaum von den Patienten zu unterscheiden sind. Scharf akzentuiert von Leonard Rosenmans dissonant-hysterischem Score, entwickelt sich aus einer Lappalie – einem Zwist über die Ausstattung des Salons mit neuen Vorhängen – peu à peu eine Krise der Beziehungen und Identitäten, die das empfindliche Gleichgewicht des menschlichen Miteinanders völlig aus den Fugen geraten läßt. Masken zerbrechen, beschädigte Seelen kommen zum Vorschein: Der helfersyndromatische Chefarzt (Richard Widmark) flüchtet vor seiner ihm entfremdeten Frau (Gloria Grahame) in besessene Arbeit, während sie, so quirlig wie einsam, ihr Heil in blindem (und beinahe todbringendem) Aktionismus sucht; die altgediente Verwaltungsleiterin (Lilian Gish) überspielt ihre Unsicherheit durch diktatorische Fürsorge; der kultivierte Ex-Klinikdirektor (Charles Boyer) versucht, seine latente Altersdepression mit Alkohol und Seitensprüngen zu kurieren. In diesem Grand Hotel der Neurosen haben die »Kranken« (unter ihnen Susan Strasberg, John Kerr und Oscar Levant) den »Gesunden« immerhin das Bewußtsein ihrer inneren Zwangslage voraus.

R Vincente Minnelli B John Paxton V William Gibson K George Folsey M Leonard Rosenman A Preston Ames, Cedric Gibbons S Harold F. Kress P John Houseman D Richard Widmark, Lauren Bacall, Gloria Grahame, Lilian Gish, Charles Boyer | USA | 134 min | 1:2,35 | f | 7. Juni 1955

1.6.55

The Seven Year Itch (Billy Wilder, 1955)

Das verflixte 7. Jahr

»What blond in the kitchen?« – »Oh, wouldn’t you like to know! Maybe it’s Marilyn Monroe!« Was macht der typische New Yorker im Hochsommer, wenn er Frau und Kind in den Urlaub nach Maine geschickt hat? Er versucht – bei brütender Hitze –, das girl next door flach­zulegen. Richard Sherman, Verlagslektor für Groschenromane (»I'm the most married man you'll ever know.« – Tom Ewell), und die namenlose Turboblondine, die im Fernsehen Wer­bung für Zahnpasta macht (»I keep my undies in the icebox!« – Marilyn Monroe), bilden das (verhinderte) Traumpaar in Billy Wilders mäßig prickelnder Verführungs-, Ehebruchs- und Sexkomödie, die, wie es sich für ein Hollywood-Erzeugnis in Zeiten des Production Code versteht, auf freien Umgang mit den Themen Verführung, Ehebruch und Sex weitgehend zu verzichten hat. So verlegt Wilder notgedrungen all das, was nicht passieren darf, in die bunte (gleichwohl recht gehemmte) Phantasiewelt des brünstigen Protagonisten (»Lately you’ve begun to imagine in CinemaScope ... with stereophonic sound.«) – dabei gelingt es ihm im­merhin, die Figur des begehrten Mädchens mit der Starpersona der prominenten Darstellerin so konsequent zur Deckung zu bringen, daß beide gleichermaßen als wunschbildhafte Pro­jektion erscheinen, die dem unterdrückten Verlangen des Durchschnittsmannes in mittleren Jahren entspringt.

R Billy Wilder B Billy Wilder, George Axelrod V George Axelrod K Milton Krasner M Alfred Newman, Sergei Rachmaninow A Lyle Wheeler, George W. Davis S Hugh S. Fowler P Billy Wilder, Charles K. Feldman D Marily Monroe, Tom Ewell, Evelyn Keyes, Sonny Tufts, Oscar Homolka | USA | 105 min | 1:2,35 | f | 1. Juni 1955

18.5.55

Kiss Me Deadly (Robert Aldrich, 1955)

Rattennest

»Don’t open the box!« Robert Aldrichs ins Surreale kippende farce noire um Sado-Detektiv Mike Hammer (Ralph Meeker) führt direkt ins Herz der Finsternis, die in diesem Fall ein stechender Lichtblitz ist. Ein halbes Dutzend schräger Vögel versucht, ein unbenanntes (nur bedrohlich umschriebenes: »Manhattan Project, Los Alamos, Trinity«) Geheimnis zu ergründen, ein anderes halbes Dutzend müht sich, es unter dem Deckel zu halten. Dabei hat irgendjemand die verhängnisvolle Box schon lange vor »Kiss Me Deadly« geöffnet: »Va-va-voom!«

R Robert Aldrich B A. I. Bezzerides V Mickey Spillane K Ernest Laszlo M Frank De Vol A William Glasgow S Michael Luciano P Robert Aldrich D Ralph Meeker, Albert Dekker, Paul Stewart, Wesley Addy, Cloris Leachman | USA | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Mai 1955

5.5.55

A Kid for Two Farthings (Carol Reed, 1955)

Voller Wunder ist das Leben

Sentimental-schrullige Fabel aus dem Londoner East End: In der betriebsamen Welt von Trödlern, Händlern und jüdischen Schneidern, wo ein jeder viel zu ersehnen und wenig zu hoffen hat, kauft der träumerische Knirps Joe ein verwachsenes, mageres Zicklein, in dem er das wundertätige Einhorn aus den Erzählungen des jüdischen Hosennähers Kandinsky zu erkennen glaubt. Die episodische Handlung dreht sich um die (mal gelingende, mal mißglückende) Erfüllung der diversen Wünsche in der Nachbarschaft: der Catcher-Sieg gegen die tumbe Kampfmaschine ›Python‹ für den bodybuildenden Schneidergesellen Sam; der Verlobungsring für das platinblonde Nähmädchen Sonia (Diana Dors); eine Dampfbügelmaschine für Kandinsky – und für Joe und seine liebevoll-wehmütige Mutter (Celia Johnson) die Rückkehr des schmerzlich vermißten Vaters aus Afrika. Carol Reed findet für seine Erzählung zwischen märchenhafter Überhöhung und fatalistischem Realismus keinen rechten Rhythmus, aber die knapp skizzierten Typen gewinnen persönliches Profil, und die Kamera (Edward Scaife) fängt das triste Nachkriegsgrau, -braun und -beige in stimmungsvollen Technicolor-Bildern ein.

R Carol Reed B Wolf Mankowitz V Wolf Mankowitz K Edward Scaife M Benjamin Frankel A Wilfred Shingleton S Bert Bates P Carol Reed D Celia Johnson, Diana Dors, David Kossoff, Jonathan Ashmore, Brenda De Banzie | UK | 96 min | 1:1,37 | f | 5. Mai 1955

4.5.55

Daddy Long Legs (Jean Negulesco, 1955)

Daddy Langbein 

»When an irresistible force such as you / Meets an old immovable object like me …« Der millionenschwere amerikanische Lebemann Jervis Pendleton III (Fred Astaire) finanziert anonym einem erblühenden französischen Waisenmädchen, das sein Herz rührte (Leslie Caron), Erziehung und Studium an einem idyllischen Neuengland-College. Das gute Kind schwärmt von ihrem unbekannten Gönner, der nur einmal als langbeiniger Schatten an ihr vorbeihuschte, während sich der Mäzen zunächst gar nicht weiter für seine Schutzbefohlene zu interessieren scheint. Nach allerhand betulichen Verwicklungen werden der alte Hirsch und das junge Reh von der klappernden Mechanik der Dramaturgie – die dazu unter anderem eine gute Fee in Gestalt von Pendeltons sympathisch-sentimentaler Sekretärin (Thelma Ritter) bemüht – fürs Leben zusammengenietet. Willkommene Ablenkung vom recht absehbaren Verlauf der antiquarischen Romanze verschaffen die klassischen Songs von Johnny Mercer (»Something’s Gotta Give«) und Roland Petits federleichte Choreographien in quietschbunt-leuchtenden, pappig-stilisierten Traumkulissen: »Things never are as bad as they seem / So dream, dream, dream.«

R Jean Negulesco B Phoebe Ephron, Henry Ephron V Jean Webster K Joseph MacDonald M Johnny Mercder, Alex North A John DeCuir, Lyle Wheeler S William Reynolds P Samuel J. Engel D Fred Astaire, Leslie Caron, Fred Clark, Thelma Ritter, Terry Moore | USA | 126 min | 1:2,35 | f | 4. Mai 1955

13.4.55

Du rififi chez les hommes (Jules Dassin, 1955)

Rififi

Ein Film über eine Gruppe von Profis (unter ihnen der scharf geschnittene Jean Servais und der kompakte Carl Möhner), die einen spektakulären Juwelenraub planen und durchführen. Ein Film von einer Gruppe von Profis: Jules Dassin (Regie), Auguste Le Breton (Buch), Philippe Agostini (Kamera), Alexandre Trauner (Bauten), Georges Auric (Musik) – allesamt Meister ihres Fachs. Ein Film über das graue Paris der Nachkriegsjahre, durch dessen Straßen die Gespenster des Existenzialismus streifen. Ein Film über das Verbrechen als Handwerk, über den Verrat, über die Vergeblichkeit. Ein Film über das Bild des Gangsters im Film. Vor allem aber ein Film über die Freundschaft – so wie Jean-Pierre Melville sie verstanden hat. Zitat: »Was ist Freundschaft? Nachts einen Freund anrufen, um ihm zu sagen: ›Sei so freundlich, nimm deinen Revolver und komm sofort!‹ und von ihm die Antwort zu hören: ›Gut, ich komme.‹«

R Jules Dassin B Auguste Le Breton, Jules Dassin V Auguste Le Breton K Philippe Agostini M Georges Auric A Alexandre Trauner S Roger Dwyre P René Bezard, Henri Bérard, Pierre Cabaud D Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Jules Dassin, Magali Noël | F | 122 min | 1:1,37 | sw | 13. April 1955

7.4.55

Razzia sur la chnouf (Henri Decoin, 1955)

Razzia in Paris

Liski, Chef des Pariser Drogenkartells (Marcel Dalio), heuert den aus amerikanischem Exil heimkehrenden Henri ›le Nantais‹ (Jean Gabin) an, um seinen Laden auf Vordermann bringen zu lassen. Getarnt als Besitzer einer boîte de nuit à la mode sowie attachiert (und überwacht) von ›le Catalan‹ und Bibi (Lino Ventura und Albert Rémy als kriminelle Ausputzer und genießerische Gelegenheitskiller), verschafft Henri sich (und damit dem Publikum) ein genaues Bild der Produktions- und Vertriebsbedingungen des Syndikats. Mit kühl registrierendem Blick – ohne tiefere Anteilnahme, aber auch (fast) ohne kleinkarierte Ressentiments – beschreibt Henri Decoins »Razzia sur la chnouf« die Landschaften der Sucht als (weltflüchtiges) Jenseits im (nur scheinbar wohlgeordneten) Diesseits: Die filmische Reise führt durch Laboratorien in biederen Vorstadthäusern und vornehme Opiumhöhlen, durch illegale Spielclubs und marihuanaumnebelte Jazzkeller, zu schmuggelnden Eisenbahnern und schwulen Zwischenhändlern, zu koksdealenden Zigarettenfräuleins und heroinschnupfenden (ehemaligen) Damen der Gesellschaft. Was der bis zur Versteinerung einsilbige Gabin mit dem Handel von »chnouf« (= Stoff in jeder Form: Gras, Schnee, H) wirklich zu schaffen hat, fragt sich nicht nur seine kleine Freundin Lisette (zuckersüß: Magali Noël) – auch dem aufmerksamen Zuschauer bieten sich Hinweise darauf, daß der unnahbare Henri sein eigenes (ehrliches) Süppchen kocht.

R Henri Decoin B Henri Decoin, Maurice Griffe, Auguste Le Breton V Auguste Le Breton K Pierre Montazel M Marc Lejean A Raymon Gabutti S Denise Reiss P Paul Wagner, Alain Poiré, Louis Dubois D Jean Gabin, Marcel Dalio, Lino Ventura, Albert Rémy, Lila Kedrova | F | 105 min | 1:1,37 | sw | 7. April 1955

15.3.55

Mr. Arkadin (Orson Welles, 1955)

Herr Satan persönlich!
 
»Why’d you grow that awful beard?« – »To scare people with.« Gregory Arkadin (Orson Welles in genialer Bösewicht-Maske), mysteriös, omnipotent, irrsinnig reich, eine rabelaische Gestalt zwischen Sir Basil Zaharoff und König Faruk, ein Mythos des 20. Jahrhunderts, schickt einen allzu gewitzten jungen Mann auf die Suche nach der verlorenen Zeit: Guy van Stratten (hölzern: Robert Arden) soll gewisse Erinnerungslücken im Kopf des Magnaten mit biographischen Recherchen auffüllen, um das große Geheimnis seines sagenhaften Lebens zu lüften. Die Wahrheit, die schließlich ans Licht befördert wird, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Unheil, das ihre sukzessive Enthüllung anrichtet ... Welles’ kolportagehaft zusammengstückter Stationenthriller – eine absurde Hetzjagd durch die Ruinen des Weltbürgerkrieges der Ideologien und Interessen, eine turbulente Passage durch Freudenhäuser, Schaubuden, Trödelläden und (Alp-)Traumschlösser, eine plakative Studie modernen Glücksrittertums – atmet die Atmosphäre zerstörter Städte und verlorener Illusionen, gleicht einem Tanz auf den Trümmern einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. In zwielichtig schillernden erzählerischen Splittern reflektiert »Mr. Arkadin«, eine grelle Pulp-Version von »Citizen Kane«, die existenzielle Desolatesse seiner Zeit recht eindrücklich. 

R Orson Welles B Orson Welles K Jean Bourgoin M Paul Misraki A Orson Welles S Renzo Lucidi P Louis Dolivet, Orson Welles D Orson Welles, Robert Arden, Paola Mori, Michael Redgrave, Akim Tamiroff | F & E & CH | 95 min | 1:1,37 | sw | 15. März 1955