»Von abends bis morgens / geschieht so mancherlei.« Ein geheimnisvoller Taucher (genannt »der Hai«) treibt in London sein harpunierendes Unwesen. Der schwarze Gummimann dezimiert vor allem die eigenen Leute, bis seine biedere Identität von ›Blacky‹ Fuchsberger (diesmal als Beamter der Flußpolizei) mehr oder weniger überraschend enthüllt wird. Der eigentlich Fall (einerseits Juwelen, andererseits Erbschleicherei) bleibt so undurchdringlich wie der wabernde Bühnennebel; wie häufig bei Edgar Wallace lauert hinter den schaubudenhaften Gruseleffekten eine (von Alfred Vohrer wohlig-flackernd illuminierte) Familienintrige Dickensschen Ausmaßes. Neben Klaus Kinski (als vermeintlicher russischer Gewürzhändler) und Jan Hendriks (als pokergesichtiger Ausputzer) schillert die majestätische Elisabeth Flickenschildt. Daß sich die markante Gründgens-Partnerin einmal als singende Schmuggel-Wirtin einer Kaschemme an der Themse würde verdingen müssen, konnte der »Führer« seinerzeit nicht ahnen, als er den Namen der Mimin (völlig zu recht) auf die Gottbegnadeten-Liste setzte.
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis), Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Carl Otto Bartning P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Richard Münch, Jan Hendriks, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw | 28. September 1962
28.9.62
27.9.62
… und deine Liebe auch (Frank Vogel, 1962)
»Der Wind auf der Warschauer Brücke, / das Licht und der weiße Rauch … / Weißt du, die brauch' ich zum Leben / … und deine Liebe auch.« Der Mauerbau als Riß durch die Geschichte, die Stadt, die Gefühle – aber auch als Schlußstrich, als Aufbruchsignal: »Irgendwo muß eine Grenze sein.« Ostberlin, 1961: Klaus (Ulrich Thein) fährt Taxi im Westen und lebt gut vom »Schwindelkurs«, sein Nenn-Bruder Ulli (Armin Mueller-Stahl) arbeitet als Elektriker bei Narva und schützt als Kampfgruppenmann die Sicherung der Staatsgrenze am 13. August. Zwischen den Männern steht außer der Politik auch die Postbotin Eva (Kati Székely), die sich erst vom viril-klassenfeindlichen Klaus schwängern läßt, um dann doch ihre Zuneigung zum sensibel-sozialistischen Ulli zu entdecken … Frank Vogels Film erscheint so gespalten wie das Land, in dem er spielt: Während der Gedankenstrom der hochtönenden Off-Kommentare (Drehbuch: Paul Wiens) die Errichtung des »antifaschistischen Schutzwalls« propagandistisch rechtfertigt, bleiben die dokumentarischen Bilder (Kamera: Günter Ost) ganz dicht am Puls der Zeit, tasten beweglich die urbane Topographie ab, blicken vorübereilenden Menschen neugierig in die Gesichter, fixieren beiläufig den historischen Moment, atmen die Luft, den Dunst, die Stimmung des Schauplatzes – Entschlossenheit und Tristesse, Lyrik und Agitation, cinéma vérité … et mensonge.
R Frank Vogel B Paul Wiens K Günter Ost M Hans-Dieter Hosalla A Werner Zieschang S Ella Ensink P Hans-Joachim Funk D Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Kati Székely, Marita Böhme, Alfonso Arau | DDR | 92 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1962
R Frank Vogel B Paul Wiens K Günter Ost M Hans-Dieter Hosalla A Werner Zieschang S Ella Ensink P Hans-Joachim Funk D Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Kati Székely, Marita Böhme, Alfonso Arau | DDR | 92 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1962
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21.9.62
Thérèse Desqueyroux (Georges Franju, 1962)
Die Tat der Therese D.
»Pure, je l’étais. Un ange, oui. Mais un ange plein de passion.« Thérèse (verzweifelt-schön: Emmanuelle Riva), aus gutem Hause stammend, durch eine arrangierte Ehe mit dem wohlhabenden Waldbesitzer Bernard Desqueyroux (mopsig-blasiert: Philippe Noiret) verbunden, sucht der seelischen und geistigen Bedrängnis ihres provinziellen Wohlstandskerkers unter den stumm ragenden Kiefern der Landes de Gascogne zu entkommen, indem sie ihren hypochondrischen Gatten schleichend mit Arsen vergiftet. Das Mordvorhaben scheitert, doch der gute Name und die Ehre der Familie verbieten es, die Schuldige (die sich in einer Folge von Rückblenden über die Beweggründe ihrer Tat befragt) juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Georges Franjus Verfilmung des Romans von François Mauriac, von Christian Matras in elegischem Schwarzweiß fotografiert, macht Enge und Erstarrung der besitzbürgerlichen Welt, die nur Regeln und Rollen, weder Neugier noch Ungewißheit kennt, einer Welt, in der »être soi-même« ein unbotmäßiger Anspruch ist, auf beklemmende Weise spürbar. Die Kirchentür, die vor der Hochzeit zugeschlagen wird, eine Taube, die hilflos im Fangnetz flattert, die fehlenden Bilder im Fotoalbum, sie sprechen von einem Leben, das (nicht nur manchmal) dem Tode gleicht. Warum sie es getan habe, will Bernard (der sich der Motive für sein Handeln stets gewiß ist) am Ende ihres gemeinsamen Weges von Thérèse erfahren. Um wenigstens für einen Augenblick, antwortet sie nach kurzem Zögern, den Ausdruck von Unruhe auf seinem Gesicht zu sehen.
R Georges Franju B François Mauriac, Claude Mauriac, Georges Franju V François Mauriac K Christian Matras M Maurice Jarre A Jacques Chalvet S Gilbert Natot P Eugène Lépicier D Emmanuelle Riva, Philippe Noiret, Edith Scob, Sami Frey, Renée Devillers | F | 109 min | 1:1,66 | sw | 21. September 1962
# 1118 | 29. Mai 2018
»Pure, je l’étais. Un ange, oui. Mais un ange plein de passion.« Thérèse (verzweifelt-schön: Emmanuelle Riva), aus gutem Hause stammend, durch eine arrangierte Ehe mit dem wohlhabenden Waldbesitzer Bernard Desqueyroux (mopsig-blasiert: Philippe Noiret) verbunden, sucht der seelischen und geistigen Bedrängnis ihres provinziellen Wohlstandskerkers unter den stumm ragenden Kiefern der Landes de Gascogne zu entkommen, indem sie ihren hypochondrischen Gatten schleichend mit Arsen vergiftet. Das Mordvorhaben scheitert, doch der gute Name und die Ehre der Familie verbieten es, die Schuldige (die sich in einer Folge von Rückblenden über die Beweggründe ihrer Tat befragt) juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Georges Franjus Verfilmung des Romans von François Mauriac, von Christian Matras in elegischem Schwarzweiß fotografiert, macht Enge und Erstarrung der besitzbürgerlichen Welt, die nur Regeln und Rollen, weder Neugier noch Ungewißheit kennt, einer Welt, in der »être soi-même« ein unbotmäßiger Anspruch ist, auf beklemmende Weise spürbar. Die Kirchentür, die vor der Hochzeit zugeschlagen wird, eine Taube, die hilflos im Fangnetz flattert, die fehlenden Bilder im Fotoalbum, sie sprechen von einem Leben, das (nicht nur manchmal) dem Tode gleicht. Warum sie es getan habe, will Bernard (der sich der Motive für sein Handeln stets gewiß ist) am Ende ihres gemeinsamen Weges von Thérèse erfahren. Um wenigstens für einen Augenblick, antwortet sie nach kurzem Zögern, den Ausdruck von Unruhe auf seinem Gesicht zu sehen.
R Georges Franju B François Mauriac, Claude Mauriac, Georges Franju V François Mauriac K Christian Matras M Maurice Jarre A Jacques Chalvet S Gilbert Natot P Eugène Lépicier D Emmanuelle Riva, Philippe Noiret, Edith Scob, Sami Frey, Renée Devillers | F | 109 min | 1:1,66 | sw | 21. September 1962
# 1118 | 29. Mai 2018
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Riva,
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7.9.62
Das Testament des Dr. Mabuse (Werner Klingler, 1962)
Déjà vu: Der wahnsinnige Dr. Mabuse (Wolfgang Preiss) sitzt in einer Zelle der Nervenklinik von Professor Pohland (Walter Rilla) und notiert seine Pläne zur Herrschaft des Verbrechens. Die kriminellen Projekte werden minutiös ausgeführt – doch von wem? … Mit dem Remake des hellseherischen Fritz-Lang-Klassikers von 1933 läuft Produzent Artur Brauner nach zwei belanglosen Mabuse-Trivialisierungen endlich zu großer kleiner Form auf, indem er Werner Klingler eine ironisch-burleske Pulp-Parodie der meisterhaften Vorlage in Szene setzen läßt: Der Erzhalunke lauert wie eine Spinne in einem Netz aus Schatten; Mortimer (Charles Regnier), der Adlatus des phantomhaften Bösewichts, trägt ein keckes Gaunerhütchen und schmaucht noch im Abnippeln Zigarren erster Sorte; Ganoven heißen (ganz plakativ) Paragraphen-Joe oder Lachgas-Frankie, Kurzschluß-Henry oder Jeton-Eddie (»gespielt« von Rolf Eden); es werden Goldtransporter wie Nilpferde gejagt und Diamanten geräubert, es werden Eisenbahnwaggons entführt und Kommissare lustvoll gefoltert; Gert Fröbe (bauernschlau) und Harald Juhnke (begriffsstutzig) verkörpern die Repräsentanten von Recht und Ordnung, die (ohne sich mit kriminalistischem Ruhm bekleckert zu haben) das Böse schließlich im Sumpf versinken sehen … vorerst, wie man vermuten darf. Anders als das Original will die Neuverfilmung nicht metaphorisch über ihre Zeit sprechen, nicht sinnbildlich die reale Welt reflektieren. »Das Testament des Dr. Mabuse« kreiert bewußt eine parallele Zeit, eine imaginäre Welt – und setzt den zerstörerischen Irrwitz menschlichen Strebens als quatschiges Possenspiel in Szene.
R Werner Klingler B Ladislas Fodor, Robert A. Stemmle V Norbert Jacques, Thea von Harbou K Albert Benitz M Raimund Rosenberger A Helmut Nentwig, Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Gert Fröbe, Wolfgang Preiss, Charles Regnier, Helmut Schmid, Walter Rilla, Senta Berger | BRD & F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 7. September 1962
R Werner Klingler B Ladislas Fodor, Robert A. Stemmle V Norbert Jacques, Thea von Harbou K Albert Benitz M Raimund Rosenberger A Helmut Nentwig, Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Gert Fröbe, Wolfgang Preiss, Charles Regnier, Helmut Schmid, Walter Rilla, Senta Berger | BRD & F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 7. September 1962
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Senta Berger,
Stemmle,
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6.9.62
Cronaca familiare (Valerio Zurlini, 1962)
Tagebuch eines Sünders
Die melodramatische Geschichte eines florentinischen Brüderpaars zwischen zwei Kriegsenden: am Ende des Ersten Weltkriegs ist Enrico acht Jahre alt, und Lorenzo wurde gerade geboren, am Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt Lorenzo an einer rätselhaften Krankheit, und Enrico erinnert sich wehmütig an Stationen ihrer ambivalenten Beziehung. Während der Ältere nach dem frühen Tod der Mutter von der liebevollen Großmutter in ärmlichen Verhältnissen großgezogen wird und sein karges Brot späterhin als systemkritischer Journalist in Rom verdient, wächst der Jüngere unter der Obhut des dünkelhaften Butlers eines begüterten Engländers auf, ohne je seinen Platz im Leben zu finden. Valerio Zurlini blendet die konkreten historischen Umstände der Erzählung – faschistische Diktatur und katastrophales Kriegsgeschehen – weitgehend aus, stilisiert die Orte der episodischen Handlung zu bühnenhaften (von Giuseppe Rotunno im Geist der pittura metafisica fotografierten) Szenerien, konzentriert sich auf das gleichermaßen von Distanz, Entfremdung, Zerrissenheit wie von Intimität, Vertrauen, Zärtlichkeit geprägte Verhältnis der Brüder: Enrico (einfühlsam-resignativ: Marcello Mastroianni) und Lorenzo (verzweifelt-optimistisch: Jacques Perrin) scheinen einander in der Begegnung so fern, so nah wie im Getrenntsein.
R Valerio Zurlini B Valerio Zurlini, Mario Missiroli, Vasco Pratolini V Vasco Pratolini K Giuseppe Rotunno M Goffredo Petrassi A Flavio Mogherini S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Marcello Mastroianni, Jacques Perrin, Sylvie, Salvo Randone | I & F | 113 min | 1:1,85 | f | 6. September 1962
# 1165 | 10. Juli 2019
Die melodramatische Geschichte eines florentinischen Brüderpaars zwischen zwei Kriegsenden: am Ende des Ersten Weltkriegs ist Enrico acht Jahre alt, und Lorenzo wurde gerade geboren, am Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt Lorenzo an einer rätselhaften Krankheit, und Enrico erinnert sich wehmütig an Stationen ihrer ambivalenten Beziehung. Während der Ältere nach dem frühen Tod der Mutter von der liebevollen Großmutter in ärmlichen Verhältnissen großgezogen wird und sein karges Brot späterhin als systemkritischer Journalist in Rom verdient, wächst der Jüngere unter der Obhut des dünkelhaften Butlers eines begüterten Engländers auf, ohne je seinen Platz im Leben zu finden. Valerio Zurlini blendet die konkreten historischen Umstände der Erzählung – faschistische Diktatur und katastrophales Kriegsgeschehen – weitgehend aus, stilisiert die Orte der episodischen Handlung zu bühnenhaften (von Giuseppe Rotunno im Geist der pittura metafisica fotografierten) Szenerien, konzentriert sich auf das gleichermaßen von Distanz, Entfremdung, Zerrissenheit wie von Intimität, Vertrauen, Zärtlichkeit geprägte Verhältnis der Brüder: Enrico (einfühlsam-resignativ: Marcello Mastroianni) und Lorenzo (verzweifelt-optimistisch: Jacques Perrin) scheinen einander in der Begegnung so fern, so nah wie im Getrenntsein.
R Valerio Zurlini B Valerio Zurlini, Mario Missiroli, Vasco Pratolini V Vasco Pratolini K Giuseppe Rotunno M Goffredo Petrassi A Flavio Mogherini S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Marcello Mastroianni, Jacques Perrin, Sylvie, Salvo Randone | I & F | 113 min | 1:1,85 | f | 6. September 1962
# 1165 | 10. Juli 2019
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Zweiter Weltkrieg
28.8.62
Vivre sa vie (Jean-Luc Godard, 1962)
Die Geschichte der Nana S.
Etwa so: Nana (Anna Karina) verläßt Ehemann und Kind. Nana geht anschaffen. Ein Lude nimmt Nana unter seine Fittiche. Nana verliebt sich in einen jungen Mann, der Bücher liest. Es geht böse aus. Oder so: Ein Bistro. Ein Schallplattengeschäft. Ein Hinterhof. Ein Kino. Die Polizei. Ein Bürgersteig. Ein Café. Die Champs-Elysées. Ein Hotelzimmer. Viele Hotelzimmer. Eine Straßenecke in der Banlieu. Oder ganz anders: Ein Kopf im Profil (von links gesehen). Ein Kopf en face. Ein Kopf im Profil (von rechts gesehen). Jean-Luc Godards Film umkreist in zwölf fragmentarischen Kapiteln (zu herzergreifender Musik von Michel Legrand und in monumental-einfachen Bildern von Raoul Coutard) eine Frau, die ihr Leben leben will. Ihr. Leben. Immer wieder gelingt es ihr (kurz), ganz bei sich zu sein, ganz im Moment aufzugehen: Wenn sie Dreyers »La passion de Jeanne d’Arc« auf der Leinwand sieht. Wenn sie in einem Café ein Chanson hört. Wenn sie um einen Billardtisch herumtanzt. Wenn sie mit einem Unbekannten philosophiert (ohne es zu wissen). Wenn sie mit einem jungen Mann Pläne macht. Immer wieder (bis sie tot auf dem Pflaster liegt) fragt sich Nana, ob sie glücklich ist. Die Frage, ob man in dieser Welt des Kaufens und Verkaufens überhaupt glücklich sein kann, läßt »Vivre sa vie« offen. Doch selbst wenn man es sein könnte: »Le bonheur n’est pas gai.«
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Michel Legrand S Agnès Guillemot P Pierre Braunberger D Anna Karina, Sady Rebbot, Guylaine Schlumberger, Pierre Kassowitz, Brice Parain | F l 80 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1962
Etwa so: Nana (Anna Karina) verläßt Ehemann und Kind. Nana geht anschaffen. Ein Lude nimmt Nana unter seine Fittiche. Nana verliebt sich in einen jungen Mann, der Bücher liest. Es geht böse aus. Oder so: Ein Bistro. Ein Schallplattengeschäft. Ein Hinterhof. Ein Kino. Die Polizei. Ein Bürgersteig. Ein Café. Die Champs-Elysées. Ein Hotelzimmer. Viele Hotelzimmer. Eine Straßenecke in der Banlieu. Oder ganz anders: Ein Kopf im Profil (von links gesehen). Ein Kopf en face. Ein Kopf im Profil (von rechts gesehen). Jean-Luc Godards Film umkreist in zwölf fragmentarischen Kapiteln (zu herzergreifender Musik von Michel Legrand und in monumental-einfachen Bildern von Raoul Coutard) eine Frau, die ihr Leben leben will. Ihr. Leben. Immer wieder gelingt es ihr (kurz), ganz bei sich zu sein, ganz im Moment aufzugehen: Wenn sie Dreyers »La passion de Jeanne d’Arc« auf der Leinwand sieht. Wenn sie in einem Café ein Chanson hört. Wenn sie um einen Billardtisch herumtanzt. Wenn sie mit einem Unbekannten philosophiert (ohne es zu wissen). Wenn sie mit einem jungen Mann Pläne macht. Immer wieder (bis sie tot auf dem Pflaster liegt) fragt sich Nana, ob sie glücklich ist. Die Frage, ob man in dieser Welt des Kaufens und Verkaufens überhaupt glücklich sein kann, läßt »Vivre sa vie« offen. Doch selbst wenn man es sein könnte: »Le bonheur n’est pas gai.«
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Michel Legrand S Agnès Guillemot P Pierre Braunberger D Anna Karina, Sady Rebbot, Guylaine Schlumberger, Pierre Kassowitz, Brice Parain | F l 80 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1962
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26.7.62
The Notorious Landlady (Richard Quine, 1962)
Noch Zimmer frei
Jack Lemmon als amerikanischer Diplomat in London, der bei Kim Novak einzieht, von der er nicht ahnt, daß sie allseits des Gattenmordes verdächtigt wird. Als er es schließlich spitzkriegt, ist es ihm herzlich egal… Fred Astaire spielt den US-Botschafter, der weiß, wie der Hase läuft: »The higher up you go, the more mistakes you’re allowed. Right at the top, if you make enough of them, it’s considered to be your style.« Regisseur Richard Quine und Autor Blake Edwards machen ebenfalls einen Fehler nach dem anderen und daraus so etwas wie ein höheres Prinzip: Der Film ist ein heilloses Durcheinander aus romantic comedy, murder mystery und slapstick, gerade so als hätten Billy Wilder und Miss Jane Marple (ganz à la Queen Mum) eine oder zwei Flaschen Gin in ihren Five O’Clock Tea geschüttet und gemeinsam eine nebulöse Krimiplotte zusammengeschustert, die zwar vorne und (vor allem) hinten nicht stimmt – aber von der Seite betrachtet ganz gut aussieht.
R Richard Quine B Blake Edwards, Larry Gelbart V Margery Sharp K Arthur E. Arling M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Richard Quine, Fred Kohlmar D Kim Novak, Jack Lemmon, Fred Astaire, Lionel Jeffries, Estelle Winwood | USA | 123 min | 1:1,85 | sw | 26. Juli 1962
Jack Lemmon als amerikanischer Diplomat in London, der bei Kim Novak einzieht, von der er nicht ahnt, daß sie allseits des Gattenmordes verdächtigt wird. Als er es schließlich spitzkriegt, ist es ihm herzlich egal… Fred Astaire spielt den US-Botschafter, der weiß, wie der Hase läuft: »The higher up you go, the more mistakes you’re allowed. Right at the top, if you make enough of them, it’s considered to be your style.« Regisseur Richard Quine und Autor Blake Edwards machen ebenfalls einen Fehler nach dem anderen und daraus so etwas wie ein höheres Prinzip: Der Film ist ein heilloses Durcheinander aus romantic comedy, murder mystery und slapstick, gerade so als hätten Billy Wilder und Miss Jane Marple (ganz à la Queen Mum) eine oder zwei Flaschen Gin in ihren Five O’Clock Tea geschüttet und gemeinsam eine nebulöse Krimiplotte zusammengeschustert, die zwar vorne und (vor allem) hinten nicht stimmt – aber von der Seite betrachtet ganz gut aussieht.
R Richard Quine B Blake Edwards, Larry Gelbart V Margery Sharp K Arthur E. Arling M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Richard Quine, Fred Kohlmar D Kim Novak, Jack Lemmon, Fred Astaire, Lionel Jeffries, Estelle Winwood | USA | 123 min | 1:1,85 | sw | 26. Juli 1962
7.7.62
Revue um Mitternacht (Gottfried Kolditz, 1962)
Ein Defa-Film im Defa-Film: Produktionsleiter Kruse hat sich verpflichtet, das real-existierende Unterhaltungsbedürfnis der deutsch-demokratischen Arbeiter- und Bauernschaft durch Herstellung einer heiter-schwungvollen Kinorevue zu erfüllen. Weil die dazu nötigen kreativen Mitstreiter (Komponist, Dramaturg, Architekt, Autor) nicht so wollen, wie sie sollen, werden sie kurzerhand entführt und zur künstlerischen Teilnahme verdonnert ... Es scheint, als sei »Revue um Mitternacht« – schön breit und farbenfroh in Totalscope und Agfacolor – auf ebendiese Weise entstanden: So wurde unter der gleichgültigen Regie von Gottfried Kolditz ein wahlloses An-, Nach- und Durcheinander von beliebigen Tanz-, Sing- und Spielszenen zusammengeflickt, das so heiter und schwungvoll daherkommt wie ein bunter Abend bei der Zentralen Parteikontrollkommission. Weder die Melodien des sozialistischen Operettenkönigs Gerd Natschinski (»Messeschlager Gisela«) noch Manfred Krug in der Rolle eines von der leichten Muse geküßten Rohrlegers können helfen, das Plansoll an filmischer Kurzweil zu erfüllen.
R Gottfried Kolditz B Kurt Bortfeldt, Gerhard Bengsch K Erich Gusko M Gerd Natschinski A Alfred Tolle S Hilde Tegener P Erich Kühne D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Werner Lierck, Hans Klering, Gerry Wolff | DDR | 104 min | 1:2,35 | f | 7. Juli 1962
# 1030 | 8. November 2016
R Gottfried Kolditz B Kurt Bortfeldt, Gerhard Bengsch K Erich Gusko M Gerd Natschinski A Alfred Tolle S Hilde Tegener P Erich Kühne D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Werner Lierck, Hans Klering, Gerry Wolff | DDR | 104 min | 1:2,35 | f | 7. Juli 1962
# 1030 | 8. November 2016
1.7.62
Otoshiana (Hiroshi Teshigahara, 1962)
Die Fallgrube
Ein Tagelöhner, der auf der Suche nach Arbeit mit seinem kleinen Sohn durch triste, fast menschenleere Landschaften zieht, wird von einem mysteriösen Herrn, der einen weißen Anzug trägt, ohne ersichtlichen Grund erstochen. Der Tote steht auf und versucht als Geist, die Hintergründe seiner Ermordung aufzuklären. Zeugen sagen der Polizei die Unwahrheit über den Hergang des Verbrechens. Doppelgänger treten auf den Plan. Rivalisierende Gewerkschaften scheinen eine Rolle zu spielen... Erzählt Hiroshi Teshigahara eine neoveristische Geistergeschichte? Einen phantastischer Verschwörungsthriller? Oder eine allegorische Gesellschaftsstudie? »Otoshiana« ist eine rätselhafte Etüde über die Farbe Weiß. Eine multiperspektivische Beobachtung der condition humaine. Und eine ergebnislose Sinnsuche – die Antwort des Films auf die Kernfrage »Warum?« lautet, daß alles genau so geschehen ist, wie es geplant war.
R Hiroshi Teshigahara B Kobo Abe K Hiroshi Segawa M Toru Takemitsu A Kiyoshi Awazu S Fusako Shuzui P Tadashi Ono D Hisashi Igawa, Sumie Sasaki, Sen Yano, Hideo Kanze, Kunie Tanaka | JP | 97 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1962
Ein Tagelöhner, der auf der Suche nach Arbeit mit seinem kleinen Sohn durch triste, fast menschenleere Landschaften zieht, wird von einem mysteriösen Herrn, der einen weißen Anzug trägt, ohne ersichtlichen Grund erstochen. Der Tote steht auf und versucht als Geist, die Hintergründe seiner Ermordung aufzuklären. Zeugen sagen der Polizei die Unwahrheit über den Hergang des Verbrechens. Doppelgänger treten auf den Plan. Rivalisierende Gewerkschaften scheinen eine Rolle zu spielen... Erzählt Hiroshi Teshigahara eine neoveristische Geistergeschichte? Einen phantastischer Verschwörungsthriller? Oder eine allegorische Gesellschaftsstudie? »Otoshiana« ist eine rätselhafte Etüde über die Farbe Weiß. Eine multiperspektivische Beobachtung der condition humaine. Und eine ergebnislose Sinnsuche – die Antwort des Films auf die Kernfrage »Warum?« lautet, daß alles genau so geschehen ist, wie es geplant war.
R Hiroshi Teshigahara B Kobo Abe K Hiroshi Segawa M Toru Takemitsu A Kiyoshi Awazu S Fusako Shuzui P Tadashi Ono D Hisashi Igawa, Sumie Sasaki, Sen Yano, Hideo Kanze, Kunie Tanaka | JP | 97 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1962
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Kuro no tesuto kaa (Yasuzo Masumura, 1962)
Der schwarze Testwagen
Das titelgebende Fahrzeug ist ein Prototyp des revolutionären Sportwagens ›Pioneer‹, mit dem die ›Tiger Corporation‹ den japanischen Automobilmarkt aufrollen will. Aber die Konkurrenz schläft nicht – und Chefentwickler Onoda (obsessiv: Hideo Takamatsu) sieht sich gezwungen, sein Baby (»Ein Design wie von Michelangelo!«) gegen Kundschafter und Saboteure des rivalisierenden Konzerns ›Yamato‹ zu verteidigen. Dazu sind ihm genau jene Mittel recht, derer sich auch die andere Seite befleißigt: Diebstahl und Erpressung, Spionage und Prostitution – natürlich alles zum Wohle der großen Sache, des Unternehmens, des Erfolges. Yasuzo Masumura erzählt in seinem sardonischen Industriethriller die Geschichte einer déformation professionelle im Turbokapitalismus. Die schwarzweißen Daieiscope-Bilder (Kamera: Yoshihisa Nakagawa) sind so hart wie die herrschenden Verhältnisse. Ethische Bedenken kommen unter die Räder – und wer nicht mitmachen will, wer aussteigt, kann nur noch den entschwindenen Rücklichtern seiner verlorenen Zukunft hinterherschauen.
R Yasuzo Masumura B Kazuro Funabashi, Yoshihiro Ishimatsu V Sueyuki Kajiyama K Yoshihisa Nakagawa M Sei Ikeno S Tatsuji Nakashizu D Jiro Tamiya, Junko Kano, Eiji Funakoshi, Hideo Takamatsu, Ichiro Sugai | JP | 95 min | 1:2,35 | sw | 1. Juli 1962
Das titelgebende Fahrzeug ist ein Prototyp des revolutionären Sportwagens ›Pioneer‹, mit dem die ›Tiger Corporation‹ den japanischen Automobilmarkt aufrollen will. Aber die Konkurrenz schläft nicht – und Chefentwickler Onoda (obsessiv: Hideo Takamatsu) sieht sich gezwungen, sein Baby (»Ein Design wie von Michelangelo!«) gegen Kundschafter und Saboteure des rivalisierenden Konzerns ›Yamato‹ zu verteidigen. Dazu sind ihm genau jene Mittel recht, derer sich auch die andere Seite befleißigt: Diebstahl und Erpressung, Spionage und Prostitution – natürlich alles zum Wohle der großen Sache, des Unternehmens, des Erfolges. Yasuzo Masumura erzählt in seinem sardonischen Industriethriller die Geschichte einer déformation professionelle im Turbokapitalismus. Die schwarzweißen Daieiscope-Bilder (Kamera: Yoshihisa Nakagawa) sind so hart wie die herrschenden Verhältnisse. Ethische Bedenken kommen unter die Räder – und wer nicht mitmachen will, wer aussteigt, kann nur noch den entschwindenen Rücklichtern seiner verlorenen Zukunft hinterherschauen.
R Yasuzo Masumura B Kazuro Funabashi, Yoshihiro Ishimatsu V Sueyuki Kajiyama K Yoshihisa Nakagawa M Sei Ikeno S Tatsuji Nakashizu D Jiro Tamiya, Junko Kano, Eiji Funakoshi, Hideo Takamatsu, Ichiro Sugai | JP | 95 min | 1:2,35 | sw | 1. Juli 1962
30.6.62
Die Rote (Helmut Käutner, 1962)
»Wann geht der nächste Zug?« – »Wohin?« – »Irgendwohin.« In Mailand läßt die deutsche Dolmetscherin Franziska (Ruth Leuwerik) ihren schnöseligen Gatten im Café sitzen, später gibt sie telefonisch auch ihrem selbstgefälligen Lover den Laufpaß; sie flüchtet aus einem Leben, das sie plötzlich anekelt, das sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr versteht, obwohl sie es doch immer so wollte (oder so zu wollen glaubte) und im Grunde auch genoß … Die Liebesmüde treibt es ins nachsaisonale Venedig, wo sie auf der Suche nach sich selbst erneut zwischen die Männer gerät: Sie begegnet einem elegischen Schriftsteller (Rossano Brazzi), der ihr das Ende der Welt zeigt, einem schwulen Globetrotter (Giorgio Albertazzi), der von alter Schuld verfolgt wird, einem dämonischen Dickwanst (Gert Fröbe), der seine bösen Taten wie eine stolze Trophäe trägt. Helmut Käutners Adaption eines Romans von Alfred Andersch setzt sich mit Aplomb zwischen alle Stühle: Antonioneske Gefühlsleere trifft auf urdeutsche Selbstbespiegelung, pittoresker Neoverismo kollidiert mit kühler Schnulze, gedankenblasse Hochliteratur stößt auf lebendige Kolportage, Vergangenheitsbewältigung steht gegen den Zauber der Morbidezza. »Die Rote« ist ein zugleich epigonales und ganz eigentümliches Werk: Der betont modernistische Stilwillen der Inszenierung wird aufgehoben in den differenzierten Tonlagen des inneren Monologs, der Otello Martellis diffuse Bilder der herbstgrauen, nebeldurchzogenen Lagunenstadt begleitet: Die bald damenhaft-samtige, bald zickig-spitze, mal verunsicherte, mal kategorische, zwischen Dur und Moll irisierende Stimme der Leuwerik macht den Film zum Erlebnis. Überzeugend auch das offene Ende, die Absage an schnelle (Drehbuch-)Lösungen angesichts komplexer Lebensprobleme: Wieder steht Franziska am Schalter eines Bahnhofs, wieder fragt sie: »Wann geht der nächste Zug?«
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Alfred Andersch V Alfred Andersch K Otello Martelli M Emilia Zanetti A Saverio D'Eugenio, Robert Stratil S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel, Carlo Ponti D Ruth Leuwerik, Rossano Brazzi, Giorgio Albertazzi, Gert Fröbe, Harry Meyen | BRD & I | 100 min | 1:1,85 | sw | 30. Juni 1962
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Alfred Andersch V Alfred Andersch K Otello Martelli M Emilia Zanetti A Saverio D'Eugenio, Robert Stratil S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel, Carlo Ponti D Ruth Leuwerik, Rossano Brazzi, Giorgio Albertazzi, Gert Fröbe, Harry Meyen | BRD & I | 100 min | 1:1,85 | sw | 30. Juni 1962
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Andersch,
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Fröbe,
Gesellschaft,
Käutner,
Leuwerik,
Nationalsozialismus,
Romanze,
Venedig
22.6.62
Frauenarzt Dr. Sibelius (Rudolf Jugert, 1962)
Dr. Georg Sibelius (Lex Barker) ist ein Arzt, dem die Frauen vertrauen – mit einer Ausnahme: seiner jungen Gattin Elisabeth (Senta Berger). Er bringt Kinder zu Welt, sie kann keine bekommen; er hat einen Beruf, den er liebt, sie hat lediglich ihre Zweifel … »Das Verschweigen« wäre ein guter Titel für Rudolf Jugerts kompromißlos reißbrettartiges Weißkittel-Melodram. Zwar wird viel (sehr viel!) geredet, doch letztlich verdecken die Worte zumeist nur das, was keiner auszusprechen wagt: die Wahrheit über (andere sowie eigene) seelische und körperliche Zustände. Sämtliche Beteiligten spielen einerseits einen phrasenhaft hölzernen Groschenfilm über Eifersucht und Intrige, über Mißverständnis und tödliches Schicksal, andererseits ein grausames Lehrstück über die Angst, das Entscheidende zu verlieren (indem man es benennt), und (daraus folgend oder darauf basierend) über die Unfähigkeit zu (mehr noch: die Verweigerung von) Kommunikation. Zwischenmenschlicher Austausch bleibt stets indirekt, fast alle Zeichen werden falsch interpretiert, niemand sieht oder hört mehr als das, was er (bzw. sie) sehen oder hören will. Kurz vor Schluß dann: ein Kaiserschnitt. Die dramatische Operation scheint den in sich verkapselten Protagonisten endlich den Zugang zu (anderen sowie eigenen) Emotionen zu erschließen – die künstliche Geburt als Metapher potentieller (Selbst-)Befreiung … Ein tief beklemmendes, streckenweise hysterisch verzweifeltes Werk.
R Rudolf Jugert B Janne Furch, Sigmund Bendkower, Artur Brauner K Karl Schröder M Raimund Rosenberger A Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Lex Barker, Senta Berger, Barbara Rütting, Sabine Bethmann, Elisabeth Flickenschildt, Harry Meyen | BRD | 98 min | 1:1,66 | sw | 22. Juni 1962
# 777 | 10. Oktober 2013
R Rudolf Jugert B Janne Furch, Sigmund Bendkower, Artur Brauner K Karl Schröder M Raimund Rosenberger A Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Lex Barker, Senta Berger, Barbara Rütting, Sabine Bethmann, Elisabeth Flickenschildt, Harry Meyen | BRD | 98 min | 1:1,66 | sw | 22. Juni 1962
# 777 | 10. Oktober 2013
Antoine et Colette (L’amour à vingt ans) (François Truffaut, 1962)
Antoine und Colette (Liebe mit zwanzig)
Nachdem sich François Truffaut mit »Les 400 coups« nicht ohne Bitterkeit an der eigenen freudlosen Kindheit abgearbeitet hatte, läßt er (im Rahmen eines internationalen film à sketches) sein zweites Ich Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) als Hauptfigur einer liebenswürdigen, keineswegs oberflächlichen Etüde zum Thema »L’amour à vingt ans« wiederauferstehen: Antoine, nun 16 Jahre alt, lebt alleine, preßt tagsüber bei Philips Schallplatten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen; abends besucht er regelmäßig die Konzerte der Jeunesses Musicales, wo er Colette (Marie-France Pisier) begegnet, in die er sich verliebt. Bald schon ist er regelmäßiger (und – für ihn besonders wichtig – gerngesehener) Gast bei ihr zu Hause; sie scheint ihn auch zu mögen, sieht in ihm letztlich aber nicht mehr als einen guten Kumpel … »Antoine et Colette« (der Titel evoziert, sicherlich nicht ganz zufällig, die Erinnerung an Jacques Beckers ausgelassene Pariser Beziehungsfilme »Antoine et Antoinette« und »Edouard et Caroline«) verweigert seinem Protagonisten zwar (ironisch) die Erfüllung der ersten großen Liebe, schenkt ihm aber – auch nicht zu verachten – Selbstwertgefühl und persönliche Freiheit: Wenn Antoine morgens zu den Klängen von Bach und den Zügen der Frühstückszigarette die Fenster seines Hotelzimmers öffnet, liegt ihm die ganze Welt (in Gestalt der belebten place Clichy) zu Füßen. Das einzige Manko dieser frischen, gekonnt aus dem Handgelenk geschüttelten Improvisation ist ihre allzu kurze Laufzeit – Truffaut, der sich hier wohl auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Potenz befindet, hätte mit einem Langfilm über Antoines salade de l’amour möglicherweise sein Meisterwerk gedreht.
R François Truffaut B François Truffaut K Raoul Coutard M Georges Delerue S Claudine Bouché P Pierre Roustang D Jean-Pierre Léaud, Marie-France Pisier, Patrick Auffay, Rosy Varte, François Darbon | F (& I & JP & PL & BRD) | 29 (120) min | 1:2,35 | sw | 22. Juni 1962
Nachdem sich François Truffaut mit »Les 400 coups« nicht ohne Bitterkeit an der eigenen freudlosen Kindheit abgearbeitet hatte, läßt er (im Rahmen eines internationalen film à sketches) sein zweites Ich Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) als Hauptfigur einer liebenswürdigen, keineswegs oberflächlichen Etüde zum Thema »L’amour à vingt ans« wiederauferstehen: Antoine, nun 16 Jahre alt, lebt alleine, preßt tagsüber bei Philips Schallplatten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen; abends besucht er regelmäßig die Konzerte der Jeunesses Musicales, wo er Colette (Marie-France Pisier) begegnet, in die er sich verliebt. Bald schon ist er regelmäßiger (und – für ihn besonders wichtig – gerngesehener) Gast bei ihr zu Hause; sie scheint ihn auch zu mögen, sieht in ihm letztlich aber nicht mehr als einen guten Kumpel … »Antoine et Colette« (der Titel evoziert, sicherlich nicht ganz zufällig, die Erinnerung an Jacques Beckers ausgelassene Pariser Beziehungsfilme »Antoine et Antoinette« und »Edouard et Caroline«) verweigert seinem Protagonisten zwar (ironisch) die Erfüllung der ersten großen Liebe, schenkt ihm aber – auch nicht zu verachten – Selbstwertgefühl und persönliche Freiheit: Wenn Antoine morgens zu den Klängen von Bach und den Zügen der Frühstückszigarette die Fenster seines Hotelzimmers öffnet, liegt ihm die ganze Welt (in Gestalt der belebten place Clichy) zu Füßen. Das einzige Manko dieser frischen, gekonnt aus dem Handgelenk geschüttelten Improvisation ist ihre allzu kurze Laufzeit – Truffaut, der sich hier wohl auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Potenz befindet, hätte mit einem Langfilm über Antoines salade de l’amour möglicherweise sein Meisterwerk gedreht.
R François Truffaut B François Truffaut K Raoul Coutard M Georges Delerue S Claudine Bouché P Pierre Roustang D Jean-Pierre Léaud, Marie-France Pisier, Patrick Auffay, Rosy Varte, François Darbon | F (& I & JP & PL & BRD) | 29 (120) min | 1:2,35 | sw | 22. Juni 1962
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19.6.62
Die Tür mit den 7 Schlössern (Alfred Vohrer, 1962)
Hinter den sieben Schlössern des Titels liegt ein alt-adeliges Vermögen, über das sich die raffgierigen Hüter der sieben Schlüssel tödlich zerstreiten. Einmal mehr treibt der Spleen der englischen Aristokratie (und ihrer Dienerschaft) hübsche Blüten, doch in diesem Fall arrangiert Alfred Vohrer die Enthüllung des üblichen Wallaceschen Familiengeheimnisses ohne allzuviel Dramatik. Zu unvermutet schräger Größe erhebt sich allerdings gegen Ende des Schauer- und Schurkenstücks die wissenschaftskritische Nebenhandlung um den Quacksalber Dr. Antonio Staletti (des Wahnsinns fette Beute: Pinkas Braun), der im düsteren Kellergewölbe seines abgelegenen Landsitzes davon träumt, zur Unsterblichkeit vorzustoßen, indem er Menschenköpfe auf zottige Affenkörper verpflanzt. (Ein besonders eindrucksvolles Ergebnis seiner medizinischen Experimente wird von Ady Berber verkörpert.) Die entscheidende Operation verhindert dann – man möchte fast sagen: leider – das Eingreifen der pflichtbewußten polizeilichen Gerechtigkeit.
R Alfred Vohrer B Johannes Kai, Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Siegfried Mews, Helmut Nentwig S Carl Otto Bartning P Horst Wendlandt, Jacques Leitienne D Heinz Drache, Sabina Sesselmann, Hans Nielsen, Werner Peters, Pinkas Braun | BRD & F | 95 min | 1:1,66 | sw | 19. Juni 1962
R Alfred Vohrer B Johannes Kai, Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Siegfried Mews, Helmut Nentwig S Carl Otto Bartning P Horst Wendlandt, Jacques Leitienne D Heinz Drache, Sabina Sesselmann, Hans Nielsen, Werner Peters, Pinkas Braun | BRD & F | 95 min | 1:1,66 | sw | 19. Juni 1962
8.6.62
Königskinder (Frank Beyer, 1962)
Es beginnt in den frühen 1930er Jahren in Berlin und endet kurz vor Kriegsende auf einem Flugplatz bei Moskau: Ein aufrechter Kommunist (Armin Mueller-Stahl) und eine Kleinbürgertochter (Annekathrin Bürger), die ihr Leben und Streben später ebenfalls der großen Sache widmet, haben einander so lieb, werden aber von den Zeitläuften immer wieder auseinandergerissen; ein Dritter (Ulrich Thein) steht erst im Abseits, geht dann zur SA, um im entscheidenden Moment seine menschliche (= rote) Seite zu entdecken. Frank Beyers »Königskinder« diffundiert zwischen lyrisch-melodramatischer Ballade und hochmoralisch unterfüttertem Kriegsfilm. Die Bilder (Günter Marczinkowsky) vermeiden dabei jeden Naturalismus zugunsten einer attraktiven, symbolisch-präziösen Zuspitzung. Zwischendurch singen immer mal wieder die Thomaner, um daran zu erinnern, daß das Wasser viel zu tief ist. »Königskinder«: ein formal exquisiter, erzählerisch konsequent linksgestrickter Musterfall von pathetischer Romantik, kämpfender Kunst, einfacher Wahrheit.
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