Wilde Erdbeeren
Das Leben als Reise – zum Ich oder daran vorbei. Der fast 80jährige, recht eigenbrötlerische Professor Isak Borg (die Initialen seines Namens entsprechen wohl nicht zufällig denen des Regisseurs) (Victor Sjöström) macht sich – begleitet von seiner, ihm in zwiespältiger Zuneigung verbundenen Schwiegertochter (Ingrid Thulin) – auf den Weg zu einer akademischen Ehrung. Die Fahrt wird zur sentimental journey in die Geschichte seines Lebens: Am Straßenrand warten die Träume, die Angst- und Wunschbilder, die Erinnerungen an Lichtblicke und dunkle Momente, an Hoffnungen und Enttäuschungen, an Zärtlichkeiten und (zwischen-) menschliche Verhärtungen. Zufällige Reisegefährten erscheinen als Spiegelbilder eigenen Versagens, provozieren Nachdenken über erlebte Pressionen und unkorrigierbare Fehlentscheidungen. Ingmar Bergman schiebt die Zeit-, Wahrnehmungs-, Reflexions- und Erzählebenen des biographischen Spiels souverän ineinander, breitet mit tiefem Mitgefühl das sommerlich-melancholische Panaroma einer splendid isolation: Isak Borg blickt zurück auf eine Existenz in Einsamkeit, in großer Entfernung zu sich und den anderen. Immerhin jedoch beschenkt ihn sein Leben mit der Gnade der, wenn auch späten, Selbsterkenntnis – und es schickt ihm (Ist es eine Phantasie? Ist es die Wirklichkeit?) eine junge Frau (Bibi Andersson), die dem Alten ein Ständchen singt und ihm zuruft, daß sie ihn liebe – heute, morgen und für immer…
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A Gittan Gustafsson S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Victor Sjöström, Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Bibi Andersson, Naima Wifstrand | S | 91 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1957
26.12.57
19.12.57
Wien, du Stadt meiner Träume (Willi Forst, 1957)
Anflug auf Wien: der Kahlenberg und die Gloriette, das Belvedere und die schöne blaue Donau. König Alexander von Alanien (Hans Holt) schwebt ein, um seiner Tochter Sandra die Stadt seiner Träume zu zeigen. Doch so romantisch-beschaulich wie erinnert ist die österreichische Hauptstadt gar nicht. Das offizielle Besuchsprogramm gleicht einem Schweinsgalopp: Museen, Denkmäler, Schlösser – anschauen, schön finden, weiter. Da kommt die Revolution in der Heimat gerade recht. Der in Abwesenheit gestürzte König heuert als Chauffeur in der eigenen Botschaft an, die Exprinzessin nimmt Klavierunterricht bei einem hoffnungsvollen Komponisten – und plötzlich ist Wien so langsam, so gemütlich, so weanerisch wie in einem Wiener Film von Willi Forst. »Wenn’s Wien net gäb, tät auf der Welt ein Loch sein«, singt Paul Hörbiger (in einer Paraderolle als pensionierter Straßenbahner, der in nächtlicher Weinlaune den geliebten 38er-Wagen entert und noch einmal von Grinzing zum Schottentor steuert) und fährt fort: »Wenn Wien nicht wär, dann müßt man Wien erfinden.« Forst, ein Großmeister des Schmäh, dieser ortstypischen Mischung aus Sentimentalität und Ironie, läßt sich ganz tief fallen in die Heurigenseligkeit, in den Dreivierteltakt, in die Erinnerung an ein Gestern, das nie etwas anderes war als eine schöne Erfindung, und er nimmt diesen Kitsch zugleich wie einen Jux auf die ganz leichte Schulter: »Der Zauber von Wien? Wie das schon klingt!«
R Willi Forst B Willi Forst, Kurt Nachmann, Hans Rameau K Günther Anders M Robert Pawlicki, Alfred Uhl A Werner Schlichting, Isabella Schlichting S Herma Sandtner P Herbert Gruber D Hans Holt, Erika Remberg, Adrian Hoven, Hertha Feiler, Paul Hörbiger, Oskar Sima | A | 109 min | 1:1,37 | f | 19. Dezember 1957
R Willi Forst B Willi Forst, Kurt Nachmann, Hans Rameau K Günther Anders M Robert Pawlicki, Alfred Uhl A Werner Schlichting, Isabella Schlichting S Herma Sandtner P Herbert Gruber D Hans Holt, Erika Remberg, Adrian Hoven, Hertha Feiler, Paul Hörbiger, Oskar Sima | A | 109 min | 1:1,37 | f | 19. Dezember 1957
17.12.57
Night of the Demon (Jacques Tourneur, 1957)
Der Fluch des Dämonen
»It’s in the trees! It’s coming!« Ein amerikanischer Wissenschaftler (felsenfest: Dana Andrews) reist nach England, um an einer Tagung über parapsychologische Phänomene teilzunehmen; als hartgesottener Rationalist will er, trotz zahlreicher deutlicher Hinweise, partout nicht an die dämonischen Kräfte glauben, die der Anführer eines Satanskultes (schillernd: Niall MacGinnis) zu entfesseln in der Lage ist. Jacques Tourneur erzählt, in der Tradition seiner andeutend-gespenstigen Low-Budget-Horrorfilme für den Produzenten Val Lewton, von Schwarzer Magie und Flüchen in uralter Geheimschrift, vom hellen Licht der Aufklärung und den harten Schatten, die es wirft. Eine spleenig-finstere Studie über das Böse (und wie es in die Welt kommt), deren Schrecken von zwei allzu markanten Auftritten eines godzillahaften Feuergeistes (Monsterdesign: Ken Adam) allerdings leicht gemildert wird. (»Maybe it’s better not to know.«)
R Jacques Tourneur B Charles Bennett, Hal E. Chester V M. R. James K Ted Scaife M Clifton Parker A Ken Adam S Michael Gordon P Frank Bevis, Hal E. Chester D Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Athene Seyler, Liam Redmond | UK | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. Dezember 1957
# 1141 | 3. Januar 2019
»It’s in the trees! It’s coming!« Ein amerikanischer Wissenschaftler (felsenfest: Dana Andrews) reist nach England, um an einer Tagung über parapsychologische Phänomene teilzunehmen; als hartgesottener Rationalist will er, trotz zahlreicher deutlicher Hinweise, partout nicht an die dämonischen Kräfte glauben, die der Anführer eines Satanskultes (schillernd: Niall MacGinnis) zu entfesseln in der Lage ist. Jacques Tourneur erzählt, in der Tradition seiner andeutend-gespenstigen Low-Budget-Horrorfilme für den Produzenten Val Lewton, von Schwarzer Magie und Flüchen in uralter Geheimschrift, vom hellen Licht der Aufklärung und den harten Schatten, die es wirft. Eine spleenig-finstere Studie über das Böse (und wie es in die Welt kommt), deren Schrecken von zwei allzu markanten Auftritten eines godzillahaften Feuergeistes (Monsterdesign: Ken Adam) allerdings leicht gemildert wird. (»Maybe it’s better not to know.«)
R Jacques Tourneur B Charles Bennett, Hal E. Chester V M. R. James K Ted Scaife M Clifton Parker A Ken Adam S Michael Gordon P Frank Bevis, Hal E. Chester D Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Athene Seyler, Liam Redmond | UK | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. Dezember 1957
# 1141 | 3. Januar 2019
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Legend of the Lost (Henry Hathaway, 1957)
Stadt der Verlorenen
»How could it happen?« – »It happens ...« Drei Menschen in der Wüste Sahara: der hartgesottene Abenteuer Joe January (John Wayne), der besessene Schatzsucher Paul Bonnard (Rossano Brazzi), das gefallene Mädchen Dita (Sophia Loren) – unterwegs von Timbuktu auf der Suche nach dem sagenhaften Goldland Ophir. Aus der brisanten Dreiecksbeziehung der Protagonisten, allesamt so etwas wie Gestrandete in ihrer jeweiligen Biographie, entspinnt Henry Hathaway ein intimes (Melo-)Drama in endloser Weite. Jack Cardiffs prachtvolle Traum-, Wunsch- und Geisterbilder (in Technicolor und Technirama) schwelgen einerseits in lyrisch-märchenhaften Exotismus, bieten andererseits die Folie für die Darstellung psychologischer Spannungsfelder von Tugend und Versuchung, Herzensträgkeit und Mitleid, Einsamkeit und Nähe, Glaube und Desillusion. In den Ruinen einer im Sand verronnenen Stadt spitzt sich die Krise zu, an einem mit bloßen Händen gegrabenen Wasserloch erfahren die verlorenen Seelen ihre Katharsis. »One gets to imagine strange things in the desert.« – »Yeah, one meets them too!«
R Henry Hathaway B Ben Hecht, Robert Presnell K Jack Cardiff M A. F. Lavagnino A Alfred Ybarra Ko Gaia Romanini S Bert Bates P Henry Hathaway D John Wayne, Sophia Loren, Rossano Brazzi, Kurt Kasznar | USA & I | 109 min | 1:2,35 | f | 17. Dezember 1957
# 1186 | 8. Januar 2020
»How could it happen?« – »It happens ...« Drei Menschen in der Wüste Sahara: der hartgesottene Abenteuer Joe January (John Wayne), der besessene Schatzsucher Paul Bonnard (Rossano Brazzi), das gefallene Mädchen Dita (Sophia Loren) – unterwegs von Timbuktu auf der Suche nach dem sagenhaften Goldland Ophir. Aus der brisanten Dreiecksbeziehung der Protagonisten, allesamt so etwas wie Gestrandete in ihrer jeweiligen Biographie, entspinnt Henry Hathaway ein intimes (Melo-)Drama in endloser Weite. Jack Cardiffs prachtvolle Traum-, Wunsch- und Geisterbilder (in Technicolor und Technirama) schwelgen einerseits in lyrisch-märchenhaften Exotismus, bieten andererseits die Folie für die Darstellung psychologischer Spannungsfelder von Tugend und Versuchung, Herzensträgkeit und Mitleid, Einsamkeit und Nähe, Glaube und Desillusion. In den Ruinen einer im Sand verronnenen Stadt spitzt sich die Krise zu, an einem mit bloßen Händen gegrabenen Wasserloch erfahren die verlorenen Seelen ihre Katharsis. »One gets to imagine strange things in the desert.« – »Yeah, one meets them too!«
R Henry Hathaway B Ben Hecht, Robert Presnell K Jack Cardiff M A. F. Lavagnino A Alfred Ybarra Ko Gaia Romanini S Bert Bates P Henry Hathaway D John Wayne, Sophia Loren, Rossano Brazzi, Kurt Kasznar | USA & I | 109 min | 1:2,35 | f | 17. Dezember 1957
# 1186 | 8. Januar 2020
16.12.57
Une parisienne (Michel Boisrond, 1957)
Die Pariserin
»Une parisienne« ist nicht irgendein Mädchen sondern die Tochter des französischen Staatsratspräsidenten; gespielt wird sie nicht von einer x-beliebigen Schauspielerin sondern von der reschen BB. Brigitte, so heißt sie der Einfachheit halber auch im Film, wirft sich (unbegreiflicherweise) Michel (klobig: Henri Vidal), dem schwerenöterischen Kabinettschef ihres Vaters, an den Hals, der wiederum (unbegreiflicherweise) zunächst nichts von seiner über aus willigen Verehrerin wissen will. Als Michel auch nach der (unbegreiflichen) Hochzeit seine diversen Affären weiterpflegt, poussiert Brigitte mit einem attraktiv-gereiften prince charming (Charles Boyer) – natürlich nur um den geliebten Gatten eifersüchtig zu machen ... Regisseur Michel Boisrond läßt eine blödsinnig-solide Boulevardkomödie abrollen, in der nach Herzenslust mit Türen geknallt oder mit Langusten geschmissen wird, und schafft dabei jede Menge absurder Gelegenheiten, um Dekolleté, Schmollmund und andere unleugbare körperliche Vorzüge der BB appetitlich zu präsentieren.
R Michel Boisrond B Annette Wademant, Jean Aurel, Jacques Emmanuel, Michel Boisrond K Marcel Grignon M Henri Crolla, André Hodair, Hubert Rostaing A Jean André S Claudine Bouché P Francis Cosne D Brigitte Bardot, Charles Boyer, Henri Vidal, André Luguet, Noël Roquevert | F & I | 86 min | 1:1,37 | f | 16. Dezember 1957
»Une parisienne« ist nicht irgendein Mädchen sondern die Tochter des französischen Staatsratspräsidenten; gespielt wird sie nicht von einer x-beliebigen Schauspielerin sondern von der reschen BB. Brigitte, so heißt sie der Einfachheit halber auch im Film, wirft sich (unbegreiflicherweise) Michel (klobig: Henri Vidal), dem schwerenöterischen Kabinettschef ihres Vaters, an den Hals, der wiederum (unbegreiflicherweise) zunächst nichts von seiner über aus willigen Verehrerin wissen will. Als Michel auch nach der (unbegreiflichen) Hochzeit seine diversen Affären weiterpflegt, poussiert Brigitte mit einem attraktiv-gereiften prince charming (Charles Boyer) – natürlich nur um den geliebten Gatten eifersüchtig zu machen ... Regisseur Michel Boisrond läßt eine blödsinnig-solide Boulevardkomödie abrollen, in der nach Herzenslust mit Türen geknallt oder mit Langusten geschmissen wird, und schafft dabei jede Menge absurder Gelegenheiten, um Dekolleté, Schmollmund und andere unleugbare körperliche Vorzüge der BB appetitlich zu präsentieren.
R Michel Boisrond B Annette Wademant, Jean Aurel, Jacques Emmanuel, Michel Boisrond K Marcel Grignon M Henri Crolla, André Hodair, Hubert Rostaing A Jean André S Claudine Bouché P Francis Cosne D Brigitte Bardot, Charles Boyer, Henri Vidal, André Luguet, Noël Roquevert | F & I | 86 min | 1:1,37 | f | 16. Dezember 1957
29.11.57
Sheriff Teddy (Heiner Carow, 1957)
In Westberlin war Kalle wer: Als Anführer der Teddy-Bande führte er ein strenges Regiment und machte mit seinen Kumpels die Ruinen unsicher. Nach dem Umzug in den »demokratischen Sektor« der geteilten Stadt, muß sich der rüpelig-verstockte 13jährige plötzlich mit Phänomenen wie Anstand, Vertrauen und Ehrlichkeit herumschlagen … In seinem Debütfilm leuchet Heiner Carow die Gefühlswelt eines (nicht besonders sympathischen) Jungen aus, der zwischen sprachlosen Eltern und kriminellem Bruder, zwischen schundliterarischen Idolen und streberhaften Jungpionieren, zwischen Gesundbrunnen (West) und Prenzlauer Berg (Ost) die Orientierung zu verlieren droht. Die unermüdliche Energie, mit der Kalles humanistisch inspiriertes neues Umfeld (darunter ein gemütvoller Pädagoge (Günther Simon) und ein beherzter Klassenkamerad) trotz aller Rückschläge die Seelenrettung des groben Klotzes betreibt, könnte als rosarotes Märchenmotiv durchgehen, wären da nicht die rauhe Straßenfotografie (Kamera: Götz Neumann) und die borstige Berliner Stimmlage, die die Härte der Zeit (sowie der diversen Faustkämpfe) in unsentimentalen Bildern und Tönen wirkungsvoll einfangen.
R Heiner Carow B Benno Pludra, Heiner Carow V Benno Pludra K Götz Neumann M Günter Klück A Alfred Tolle S Friedel Welsandt P Paul Ramacher D Gerhard Kuhn, Axel Dietz, Günther Simon, Erich Franz, Hartmut Reck | DDR | 68 min | 1:1,37 | sw | 29. November 1957
R Heiner Carow B Benno Pludra, Heiner Carow V Benno Pludra K Götz Neumann M Günter Klück A Alfred Tolle S Friedel Welsandt P Paul Ramacher D Gerhard Kuhn, Axel Dietz, Günther Simon, Erich Franz, Hartmut Reck | DDR | 68 min | 1:1,37 | sw | 29. November 1957
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31.10.57
Anders als du und ich (§ 175) (Veit Harlan, 1957)
25 Jahre nachdem er auf der Bühne des Preußischen Staatstheaters einen rauschenden Erfolg als »Charleys Tante« feierte, inszeniert Veit Harlan »Das dritte Geschlecht«. Für seinen Problemfilm über die »Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt«, versichert sich Harlan der Schützenhilfe gewiegter »Experten«: So fungiert der schwule Sexualforscher Hans Giese als wissenschaftlicher Berater; Friedrich Joloff, der so offen schwul lebte, wie es in den 1950ern Jahren in (West-)Deutschland eben möglich war, verkörpert den hypnotischen Boylover Dr. Boris Winkler (nicht nur homosexuell, sondern auch noch latent russisch!); Marcel André, Mitbegründer des legendären Berliner Travestieschuppens ›Chez Nous‹ gibt eine schwule Kabarett-Nummer zum besten: »Die Liebe ist geheimnisvoll und rätselhaft, / sie ist von einer ganz besonderen Zauberkraft.« Die (ganz ihrer Entstehungszeit verhaftete) melodramatische Kolportage kreist um den 18jährigen, kunstsinnigen, vom Vater (in seiner Paraderolle als kläffender Spießer: Paul Dahlke) unverstandenen, »homosexuell gefährdeten« Klaus Teichmann (Christian Wolff), der von seinem besorgten Muttertier (Paula Wessely) und der willigen Haustochter vor einem Leben im geschlechtlichen Zwielicht bewahrt wird … Der Regisseur langweilt sich offenbar selbst im Alltagsmief des bratenduftend-polstergarniturhaften Elternhauses, das er, freundlich gesagt, mit gestalterischem Desinteresse betrachtet; zu einer gewissen (wiewohl denunziatorischen) formalen Potenz stößt Harlan erst vor, wenn es libidinös wird, und er die Lasterhöhle des invertierten Versuchers mit verkanteter Kamera und dämonischer Illumination als dampfende Mischung aus intellektuellem Knabenpuff und asiatisierender Vorhölle präsentieren kann: Hier wird leicht verblasen über moderne Kunst diskutiert und am Trautonium aufregende »Elektronenmusik« erzeugt (Oskar Sala, der später Hitchcocks Vögel kreischen lassen wird, steuert die fremdartigen Töne bei), danach wälzen sich leichtbekleidete Jungs im Freistilringkampf auf dem teuren Perserteppich. Wie so oft im Kino – auch (oder gerade) wenn statt vorgeblicher Aufklärung lüsterner Voyeurismus geboten wird – entfaltet das Andere, das Dissonante, das Exotische einen weitaus größeren Reiz als die sogenannte Normalität. Das (aufgrund von FSK-Auflagen stark homophobisierte) Ende des Films (der schließlich unter dem ausgrenzenden Titel »Anders als du und ich (§ 175)« in die bundesdeutschen Kinos kommt) bringt die Austreibung der bösen Geister (und Körper) sowie die Wiederherstellung einer (leicht ramponierten) familiären und sexuellen Konformität: »Da wirst du schuldig, und du weißt es nicht.« PS: Im Lexikon, das die bange Mutter zu Rate zieht, findet sich der Eintrag ›Homosexualität‹ zwischen ›Homo sapiens‹ und ›Homo sum, humani nihil a me alienum puto‹ – von dieser liberalen Einordnung wird die gutbürgerliche Gesellschaft noch lange Zeit nichts wissen wollen.
R Veit Harlan B Felix Lützkendorf K Kurt Grigoleit M Erwin Halletz, Oskar Sala A Gabriel Pellon, Hans Auffenberg S Walter Wischniewsky P Gero Wecker D Paula Wessely, Paul Dahlke, Christian Wolff, Hans Nielsen, Friedrich Joloff | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 31. Oktober 1957
R Veit Harlan B Felix Lützkendorf K Kurt Grigoleit M Erwin Halletz, Oskar Sala A Gabriel Pellon, Hans Auffenberg S Walter Wischniewsky P Gero Wecker D Paula Wessely, Paul Dahlke, Christian Wolff, Hans Nielsen, Friedrich Joloff | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 31. Oktober 1957
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12.10.57
Letjat schurawli (Michail Kalatosow, 1957)
Die Kraniche ziehen
Der Mensch und das Glück – ein ekstatisches Melodram … Kraniche ziehen. Weronika und Boris haben sich gefunden. Der Krieg reißt die beiden auseinander. Sie wartet auf seine Rückkunft, läßt sich mit seinem Cousin ein, haßt sich und die ganze Welt dafür, wartet auf die Heimkehr des Geliebten. Der Krieg geht zu Ende. Boris kommt nicht wieder. Weronika ist allein. Kraniche ziehen … »Letjat schurawli« ist auch ein Film über die Liebe und den Krieg. Auch. Vor allem aber ist es ein Film über das Glück. Besser gesagt: über das Streben nach Glück, den Willen zum Glück. Das Leben selbst bleibt von diesem menschlichen Drang einigermaßen unbeeindruckt: Kraniche ziehen. Der Film findet denn auch für Euphorie und Tod die jeweils gleiche fulminante optische Entsprechung: Ein delirierender Kamerawirbel kann die Seligkeit bedeuten – und ihr absolutes Gegenteil. Jenseits dieser (und anderer) mitreißenden formalen Abstraktionen erzählen Michail Kalatosow und der begnadete Kameramann Sergei Urussewski eine berührende Geschichte um ganz einfache und zugleich hochkomplexe Gefühle; sie tun dies in eingängigen und zugleich radikalen Bildern, in exaltierten Weitwinkel-Kompositionen, die den Menschen in die Tiefe extremer Totalen schleudern, in drastischen Close-ups, die sein Innerstes nach außen stülpen, in furiosen Kamerafahrten, die das Getriebensein aller menschlichen Existenz verbildlichen. Natürlich ist das Geschehen, vor allem das Ende des Films, auch ganz anders zu betrachten: Die Liebe zu einem Einzelnen ginge auf in der Liebe zur Gemeinschaft; die Wiederkehr der Kraniche spräche von einem höheren Glück als der erfüllten persönlichen Sehnsucht. Das wäre dann jener (nicht nur sozialistische) Realismus, den »Letjat schurawli« auf der visuellen Ebene so großartig konterkariert.
R Michail Kalatosow B Wiktor Rosow V Wiktor Rosow K Sergei Urussevski M Moisei Wainberg A Jewgeni Swidetelew S Marija Timofejeva P Mosfilm D Tatjana Samoilowa, Alexey Batalow, Wassili Merkurjew, Alexander Schworin, Swetlana Charitonowa | SU | 97 min | 1:1,37 | sw | 12. Oktober 1957
Der Mensch und das Glück – ein ekstatisches Melodram … Kraniche ziehen. Weronika und Boris haben sich gefunden. Der Krieg reißt die beiden auseinander. Sie wartet auf seine Rückkunft, läßt sich mit seinem Cousin ein, haßt sich und die ganze Welt dafür, wartet auf die Heimkehr des Geliebten. Der Krieg geht zu Ende. Boris kommt nicht wieder. Weronika ist allein. Kraniche ziehen … »Letjat schurawli« ist auch ein Film über die Liebe und den Krieg. Auch. Vor allem aber ist es ein Film über das Glück. Besser gesagt: über das Streben nach Glück, den Willen zum Glück. Das Leben selbst bleibt von diesem menschlichen Drang einigermaßen unbeeindruckt: Kraniche ziehen. Der Film findet denn auch für Euphorie und Tod die jeweils gleiche fulminante optische Entsprechung: Ein delirierender Kamerawirbel kann die Seligkeit bedeuten – und ihr absolutes Gegenteil. Jenseits dieser (und anderer) mitreißenden formalen Abstraktionen erzählen Michail Kalatosow und der begnadete Kameramann Sergei Urussewski eine berührende Geschichte um ganz einfache und zugleich hochkomplexe Gefühle; sie tun dies in eingängigen und zugleich radikalen Bildern, in exaltierten Weitwinkel-Kompositionen, die den Menschen in die Tiefe extremer Totalen schleudern, in drastischen Close-ups, die sein Innerstes nach außen stülpen, in furiosen Kamerafahrten, die das Getriebensein aller menschlichen Existenz verbildlichen. Natürlich ist das Geschehen, vor allem das Ende des Films, auch ganz anders zu betrachten: Die Liebe zu einem Einzelnen ginge auf in der Liebe zur Gemeinschaft; die Wiederkehr der Kraniche spräche von einem höheren Glück als der erfüllten persönlichen Sehnsucht. Das wäre dann jener (nicht nur sozialistische) Realismus, den »Letjat schurawli« auf der visuellen Ebene so großartig konterkariert.
R Michail Kalatosow B Wiktor Rosow V Wiktor Rosow K Sergei Urussevski M Moisei Wainberg A Jewgeni Swidetelew S Marija Timofejeva P Mosfilm D Tatjana Samoilowa, Alexey Batalow, Wassili Merkurjew, Alexander Schworin, Swetlana Charitonowa | SU | 97 min | 1:1,37 | sw | 12. Oktober 1957
11.10.57
Les espions (Henri-Georges Clouzot, 1957)
Spione am Werk
Der versoffene Chef eines heruntergekommenen Nervensanatoriums gewährt gegen Geld (warum sonst?) einem abgetauchten Agenten mit atomar-brisanten Kenntnissen (Curd Jürgens) Unterschlupf. Nicht lange, und ein Pulk rivalisierender Geheimdienstler (darunter Martita Hunt und: Peter Ustinov!) tritt auf den Plan, um dem mysteriösen »Patienten« sein Wissen (wenn es sein muß: brutal) zu entreißen. Der arme Doktor, der plötzlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, gerät zwischen die Fronten ... Die Welt als Irrenhaus, das Irrenhaus als Welt – von Henri-Georges Clouzot clever als sardonische Kalte-Kriegs-Travestie angelegt, von Christian Matras grandios in novembrigem Schwarzweiß fotografiert, verliert sich »Les espions« bedauerlicherweise in einer zunehmend wirren Handlung (wo gar keine mehr nötig gewesen wäre) und hilflos herausgestammeltem (weil obsoletem) Moralismus.
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Egon Hostovsky K Christian Matras M Georges Auric A René Renoux S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Curd Jürgens, Peter Ustinov, O. E. Hasse, Véra Clouzot, Martita Hunt, Gérard Séty | F & I | 125 min | 1:1,66 | sw | 11. Oktober 1957
Der versoffene Chef eines heruntergekommenen Nervensanatoriums gewährt gegen Geld (warum sonst?) einem abgetauchten Agenten mit atomar-brisanten Kenntnissen (Curd Jürgens) Unterschlupf. Nicht lange, und ein Pulk rivalisierender Geheimdienstler (darunter Martita Hunt und: Peter Ustinov!) tritt auf den Plan, um dem mysteriösen »Patienten« sein Wissen (wenn es sein muß: brutal) zu entreißen. Der arme Doktor, der plötzlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, gerät zwischen die Fronten ... Die Welt als Irrenhaus, das Irrenhaus als Welt – von Henri-Georges Clouzot clever als sardonische Kalte-Kriegs-Travestie angelegt, von Christian Matras grandios in novembrigem Schwarzweiß fotografiert, verliert sich »Les espions« bedauerlicherweise in einer zunehmend wirren Handlung (wo gar keine mehr nötig gewesen wäre) und hilflos herausgestammeltem (weil obsoletem) Moralismus.
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Egon Hostovsky K Christian Matras M Georges Auric A René Renoux S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Curd Jürgens, Peter Ustinov, O. E. Hasse, Véra Clouzot, Martita Hunt, Gérard Séty | F & I | 125 min | 1:1,66 | sw | 11. Oktober 1957
10.10.57
Jonas (Ottomar Domnick, 1957)
»die stadt ist leer / sie hat keine bäume / und kein gelächter / sie ist ausgestorben / wenn der morgen graut / und du suchst einen / irgendeinen / einen mann namens Jonas« – Ottomar Domnick ist eine der originellsten Erscheinungen der deutschen Filmgeschichte: Chef einer psychiatrischen Privatklinik, Freund und Förderer moderner Kunst, intellektueller Nonkonformist, passionierter Cinéast. Inspiriert von abstrakter Malerei und absurder Literatur, gleicht »Jonas«, Domnicks erstes abendfüllendes Filmwerk, der klinischen Beobachtung einer Entfremdung: der Titelheld (Robert Graf) verliert sich in einem Strudel aus alter Schuld und akuter Angst – sein Schicksal wird zum Spiegel einer prosperierenden Gesellschaft auf der Flucht vor den Gespenstern der Vergangenheit. Stuttgart liefert die abweisend-großstädtische Kulisse, Hans Magnus Enzensberger den im gefühlskühlen Sound der 1950er Jahre gehaltenen Kommentartext; die harte Schwarzweiß-Kamera (Andor von Barsy) zerlegt die wirtschaftswunderbare Bundesrepublik fachgerecht in optische Chiffren und treffende Sinnbilder. – »Jonas ist einer von uns / ein mann mit vielen schatten / ein mann ohne antwort«
R Ottomar Domnick B Ottomar Domnick, Hans Magnus Enzensberger K Andor von Barsy M Duke Ellington, Winfried Zillig S Gertrud Petermann P Ottomar Domnick D Robert Graf, Elisabeth Bohaty, Dieter Eppler, Willy Reichmann | BRD | 84 min | 1:1,37 | sw | 10. Oktober 1957
R Ottomar Domnick B Ottomar Domnick, Hans Magnus Enzensberger K Andor von Barsy M Duke Ellington, Winfried Zillig S Gertrud Petermann P Ottomar Domnick D Robert Graf, Elisabeth Bohaty, Dieter Eppler, Willy Reichmann | BRD | 84 min | 1:1,37 | sw | 10. Oktober 1957
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19.9.57
Nachts, wenn der Teufel kam (Robert Siodmak, 1957)
Ein politischer film noir aus Deutschland um Fragen von Gerechtigkeit in rechtloser Zeit: Robert Siodmak erzählt die (während des Zweiten Weltkriegs spielende) Geschichte des grenzdebilen Massenmörders Bruno Lüdke (triebhaft-intensiv: Mario Adorf), dem nach zehn Jahren ungestraften Tötens von einem engagierten Ermittler (aufrecht-steif: Claus Holm) das Hand(!)werk gelegt wird. Ein ambitionierter SS-Führer (aasig-schwarz: Hannes Messemer) will den Fall als Rechtfertigung für ein Gesetz zur Vernichtung geistig Behinderter nutzen, wird aber von ganz oben zurückgepfiffen. Ein Unschuldiger (präpotent-schwitzig: Werner Peters) springt über die Klinge … »Nachts, wenn der Teufel kam« zeigt nicht nur, wie unter der Herrschaft des Verbrechens die Willkür zum Führungsprinzip wird, sondern reflektiert auch (sehr zurückhaltend) die Möglichkeiten des Einzelnen in einer totalitaristischen Welt.
R Robert Siodmak B Werner Jörg Lüddecke V Will Berthold K Georg Krause M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Gottfried Will S Walter Boos P Walter Traut, Robert Siodmak, Ilse Kubaschewski D Claus Holm, Mario Adorf, Hannes Messemer, Annemarie Düringer, Werner Peters | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 19. September 1957
R Robert Siodmak B Werner Jörg Lüddecke V Will Berthold K Georg Krause M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Gottfried Will S Walter Boos P Walter Traut, Robert Siodmak, Ilse Kubaschewski D Claus Holm, Mario Adorf, Hannes Messemer, Annemarie Düringer, Werner Peters | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 19. September 1957
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12.9.57
A King in New York (Charles Chaplin, 1957)
Ein König in New York
»There are many things absurd these days.« Ist König Shahdov von Estrovia, den seine Untertanen vom Thron jagten, ein royaler Kommunist? Charlie Chaplins (autobiographisch inspirierte) gallige Komödie expediert einen gestürzten alteuropäischen Monarchen ins New Yorker Exil und stößt ihn in die bizarren Klüfte der (schönen?) neuen Welt (»This wonderful, wonderful America … its youth, its genius, its vitality!«) – bis hin zur Vorladung vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe. Der König erlebt staunend allgegenwärtigen Konsumterror und tendenziösen Journalismus, Massenhysterie und Jugendwahn, Gesinnungszwang und Paranoia, awful plastic surgery und exklusive Dinnerparties, die sich unversehens ins Werbeprogramm des Lokalfernsehens verwandeln. Bei aller satirischen Bitterkeit ist »A King in New York« kein antiamerikanischer Film, eher ein zornig-mokanter Blick auf die pervertierten Gründungsideale einer großen Nation. Spätestens mit der tragischen Schlußpointe weicht die Belustigung vollends dem politischen Statement – dankenswerterweise unter Vermeidung der ansonsten üblichen chaplinesken Sentimentalität.
R Charles Chaplin B Charles Chaplin K Georges Périnal M Charles Chaplin A Allan Harris S John Seabourne P Charles Chaplin D Charles Chaplin, Dawn Addams, Sid James, Oliver Johnston, Michael Chaplin | UK | 110 min | 1:1,37 | sw | 12. September 1957
»There are many things absurd these days.« Ist König Shahdov von Estrovia, den seine Untertanen vom Thron jagten, ein royaler Kommunist? Charlie Chaplins (autobiographisch inspirierte) gallige Komödie expediert einen gestürzten alteuropäischen Monarchen ins New Yorker Exil und stößt ihn in die bizarren Klüfte der (schönen?) neuen Welt (»This wonderful, wonderful America … its youth, its genius, its vitality!«) – bis hin zur Vorladung vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe. Der König erlebt staunend allgegenwärtigen Konsumterror und tendenziösen Journalismus, Massenhysterie und Jugendwahn, Gesinnungszwang und Paranoia, awful plastic surgery und exklusive Dinnerparties, die sich unversehens ins Werbeprogramm des Lokalfernsehens verwandeln. Bei aller satirischen Bitterkeit ist »A King in New York« kein antiamerikanischer Film, eher ein zornig-mokanter Blick auf die pervertierten Gründungsideale einer großen Nation. Spätestens mit der tragischen Schlußpointe weicht die Belustigung vollends dem politischen Statement – dankenswerterweise unter Vermeidung der ansonsten üblichen chaplinesken Sentimentalität.
R Charles Chaplin B Charles Chaplin K Georges Périnal M Charles Chaplin A Allan Harris S John Seabourne P Charles Chaplin D Charles Chaplin, Dawn Addams, Sid James, Oliver Johnston, Michael Chaplin | UK | 110 min | 1:1,37 | sw | 12. September 1957
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Monpti (Helmut Käutner, 1957)
Helmut Käutner steht auf einem kleinen Platz in Paris und erzählt eine kleine Geschichte: »Sie ist ziemlich komisch und ziemlich traurig. Eine Liebesgeschichte.« Es ist die bittersüße Romanze um das arme Nähmädchen Anne-Claire (niedlich: Romy Schneider) und den brotlosen ungarischen Künstler ›Monpti‹ (auch niedlich: Horst Buchholz), die sich die erste Liebe so schwer wie möglich machen. Sie spinnt sich die ideale Biographie einer höheren Bürgertochter zurecht und träumt von einer Hochzeit in Weiß, er, der vor allem an »faire l’amour« denkt, weiß nicht, woran er mit ihr ist, und als es endlich zur Sache gehen könnte, nimmt die Sache eine schlimme Wendung … Das Helle neben dem Dunklen, das Glück neben dem Unglück, die schauerliche Hungervision neben dem siebten Himmel, die Alltagsbeobachtung am Originalschauplatz (Szenen auf dem Markt und im Park, am Seine-Kai und auf den Boulevards) neben der Künstlichkeit der Studiokulisse (Restaurants und Kellerbars, Absteigen wie beim frühen Carné und Monptis Hotelzimmer mit Blick über die Dächer von Saint-Germain-des-Prés auf die Kathedrale Notre-Dame), der stereotype Bohème-Kitsch neben der ironischen Verfremdung: Abgesehen von den (bisweilen etwas altherrenhaften) Kommentaren des Erzählers Käutner sorgt vor allem ein ennuyiert-versnobtes Jeunesse-dorée-Pärchen (Boy Gobert (noch ein ›Monpti‹) und Mara Lane), das sich immer wieder antipodisch in die Geschichte drängt, für feine V-Effekte.
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Gábor von Vaszary V Gábor von Vaszary K Heinz Pehlke M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Anneliese Schönnenbeck P Harald Braun D Romy Schneider, Horst Buchholz, Mara Lane, Boy Gobert, Helmut Käutner | BRD | 101 min | 1:1,66 | f | 12. September 1957
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Gábor von Vaszary V Gábor von Vaszary K Heinz Pehlke M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Anneliese Schönnenbeck P Harald Braun D Romy Schneider, Horst Buchholz, Mara Lane, Boy Gobert, Helmut Käutner | BRD | 101 min | 1:1,66 | f | 12. September 1957
6.9.57
Le notti bianche (Luchino Visconti, 1957)
Weiße Nächte
Hermetisches Melodram in sagenhafter Studiodekoration: Luchino Visconti läßt von seinem ingeniösen Architekten Mario Chiari das traumverwinkelte Konzentrat einer ganzen Stadt – mit Gassen und Plätzen, Kanälen und Brücken, Nachtbars und Tankstellen – in Cinecittà errichten und macht diese Szenerie zur Bühne einer Reihe von nächtlich-romantischen Begegnungen zwischen dem sehnsüchtigen Drifter Mario (Marcello Mastroianni) und der hysterischen Schwärmerin Natalia (Maria Schell); die junge Frau erwartet die Rückkehr eines inbrünstig verehrten (namenlosen) Fremden (Jean Marais), der ihr, bevor er sich für ein Jahr verabschiedete, ewige Treue versprochen hatte … Aus den (durch unterschiedliche Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen emotional aufgeladenen) Zusammentreffen zweier heimatloser Figuren (von Charakteren ist angesichts der forcierten Künstlichkeit der Inszenierung und des bewußt überspannten Verhaltens der Protagonisten kaum zu sprechen) entwickelt »Le notti bianche« ein theatrales Wechselspiel von Illusionen und Tatsachen, von Ideal und Wirklichkeit, von Erinnerung (≈ Gefangenschaft) und Gegenwart (≈ Unabhängigkeit), sowie – auf der kinematographischen Ebene – von Straßenfilm und Kammerspiel. Auch als (bald nebliger, bald regennasser, bald verschneiter) Ort an der Grenze von Diesseits und Jenseits könnte Viscontis magisch-realistische Kulissenwelt begriffen werden: Der zeitlos schöne, seltsam statuarische »Fremde« wäre dann ein Engel des Todes, der die Seelen der Lebenden (zärtlich) in seinen Besitz bringt und die Herzen der Liebenden (dramatisch) voneinander trennt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Fjodor M. Dostojewski K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Chiari S Mario Serandrei P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Maria Schell, Jean Marais, Clara Calamei, Marcella Rovena | I & F | 107 min | 1:1,66 | sw | 6. September 1957
Hermetisches Melodram in sagenhafter Studiodekoration: Luchino Visconti läßt von seinem ingeniösen Architekten Mario Chiari das traumverwinkelte Konzentrat einer ganzen Stadt – mit Gassen und Plätzen, Kanälen und Brücken, Nachtbars und Tankstellen – in Cinecittà errichten und macht diese Szenerie zur Bühne einer Reihe von nächtlich-romantischen Begegnungen zwischen dem sehnsüchtigen Drifter Mario (Marcello Mastroianni) und der hysterischen Schwärmerin Natalia (Maria Schell); die junge Frau erwartet die Rückkehr eines inbrünstig verehrten (namenlosen) Fremden (Jean Marais), der ihr, bevor er sich für ein Jahr verabschiedete, ewige Treue versprochen hatte … Aus den (durch unterschiedliche Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen emotional aufgeladenen) Zusammentreffen zweier heimatloser Figuren (von Charakteren ist angesichts der forcierten Künstlichkeit der Inszenierung und des bewußt überspannten Verhaltens der Protagonisten kaum zu sprechen) entwickelt »Le notti bianche« ein theatrales Wechselspiel von Illusionen und Tatsachen, von Ideal und Wirklichkeit, von Erinnerung (≈ Gefangenschaft) und Gegenwart (≈ Unabhängigkeit), sowie – auf der kinematographischen Ebene – von Straßenfilm und Kammerspiel. Auch als (bald nebliger, bald regennasser, bald verschneiter) Ort an der Grenze von Diesseits und Jenseits könnte Viscontis magisch-realistische Kulissenwelt begriffen werden: Der zeitlos schöne, seltsam statuarische »Fremde« wäre dann ein Engel des Todes, der die Seelen der Lebenden (zärtlich) in seinen Besitz bringt und die Herzen der Liebenden (dramatisch) voneinander trennt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Fjodor M. Dostojewski K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Chiari S Mario Serandrei P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Maria Schell, Jean Marais, Clara Calamei, Marcella Rovena | I & F | 107 min | 1:1,66 | sw | 6. September 1957
Labels:
Dostojewski,
Erinnerung,
Marais,
Maria Schell,
Mastroianni,
Melodram,
Nacht,
Romanze,
Visconti
3.9.57
Ferien auf Immenhof (Hermann Leitner, 1957)
»Wißt ihr, wo auf der Welt / Man von Sorgen gar nichts hält?« Aus dem Immenhof ist tatsächlich ein Ponyhotel geworden. Nur die Gäste fehlen noch. Jochen von Roth, mittlerweile unangefochtener Herr im Haus, versucht, ganz seriös, das wirtschaftliche Gelingen in Person eines einflußreichen Hamburger Reiseunternehmers herbeizulocken. Die jungen Leute improvisieren, in naßforschem Überschwang, einen werbezirzensischen Reiterkorso durch das nahegelegene Lübeck. Oma Jantzen, zur Grüßauguste des Fremdenverkehrsbetriebs degradiert, macht gute Knittermiene zum (hoffentlich) gewinnbringenden Ausverkauf ihres Holsteinischen Lebenswerkes. Der dritte Teil der Pony-und-Backfisch-Saga öffnet den stürmischen Kräften der Vermarktung alle Gatter. Mit Erfolg. Am Ende kommen Touristen. »Und wer da einmal war, / Der kommt immer wieder.«
R Hermann Leitner B Per Schwenzen, Hermann Leitner K Fritz Arno Wagner M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon S Liesgret Schmitt-Klink P Gero Wecker D Heidi Brühl, Angelika Meissner, Matthias Fuchs, Margarete Haagen, Paul Klinger, Raidar Müller | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 3. September 1957
R Hermann Leitner B Per Schwenzen, Hermann Leitner K Fritz Arno Wagner M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon S Liesgret Schmitt-Klink P Gero Wecker D Heidi Brühl, Angelika Meissner, Matthias Fuchs, Margarete Haagen, Paul Klinger, Raidar Müller | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 3. September 1957
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