»Warum denn nicht?« Seit der Schulzeit haben sie sich nicht mehr gesehen, nach zehn Jahren treffen sie sich wieder: Andreas (Christoph Bantzer), nunmehr Doktorand der Mathematik mit Gelegenheitsfreundin, und Hella (Sabine Sinjen), inzwischen Gattin eines wohlhabenden Herrn Meier und Mutter einer dreijährigen Tochter. Damals mochten sie sich sehr, ohne einander ihre Gefühle zu offenbaren, jetzt versuchen sie herauszufinden, wie es (gewesen) wäre, wenn ... Er sieht sie eines Tages zufällig in der Stadt und fährt ihr nach – bis zum Friedhof. Der Ort der Wiederbegegnung hat, wie sich erweisen wird, symbolischen Charakter: eine tote Liebe läßt sich nicht reanimieren. Ulrich Schamoni folgt dem Paar, das nie eines war und letztendlich keines wird, durch ein – von Michael Ballhaus leckerschmeckerisch fotografiertes – zunächst spätsommerliches, dann septembermildes, schließlich herbstgraues (West-)Berlin: Gartenpartys und Tanzvergnügen, Rummelbesuche und Bootsfahrten. Der verspätete Liebesversuch hinterläßt bei den Beteiligten weder Trauer noch Enttäuschung, allenfalls einen bittersüßen Nachgeschmack von halbherziger Vergeblichkeit.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
30.4.70
24.4.70
Dorian Gray (Massimo Dallamano, 1970)
Das Bildnis des Dorian Gray
Auf faszinierend dilettantenhafte Weise verhunzt, schwankt Massimo Dallamanos Oscar-Wilde-Adaption gestalterisch zwischen Wegwerf-Melodram und Schuljungen-Report, aufgedonnert mit ein paar linkischen Giallo-Einsprengseln. Wo die Vorlage Themen wie Jugend(wahn) und Schönheit(skult), Selbstliebe und Hedonismus, Amoralität und Dekadenz mit intellektuell-ironischer Verfeinerung verhandelt, schildert die Verfilmung, die die snobistisch-schauerromantischen Fin-de-siècle-Erzählung ins hip-hysterische Twiggy-Carnaby-Blowup-London der späten 1960er Jahre verlegt, lediglich einen sensationellen Fall (Bildnis altert! Abgebildeter bleibt frisch!) im veräußerlichten Darstellungsmodus einer grobgestrickten Illustrierten-Kolportage. Aber vielleicht liegt gerade in der Schäbigkeit der Bearbeitung ihre ungewollte (sogar weitblickende) Qualität: Inszenierung und Bilder, Ausstattung und Kostüme sind so unglaublich geschmacklos, daß Helmut Bergers (≈ Dorian Grays) idealische Wohlgestalt um so glanzvoller – und trügerischer – erstrahlt. Die ewige Attraktion des maßlosen und grausamen Protagonisten wird zum enthüllenden Spiegel der ihn allenthalben umgebenden konsumistischen Gemeinheit; die Perpetuierung der Ästhetik um jeden Preis erweist sich als (dämonisches) Äquivalent eines unaufhaltsamen gesellschaftlichen und sittlichen Zerfalls.
R Massimo Dallamano B Marcello Coscia, Massimo Dallamano, Günter Ebert V Oscar Wilde K Otello Spila M Peppino de Luca, Carlo Pes S Leo Jahn, Nicholas Wentworth P Harry Alan Towers D Helmut Berger, Richard Todd, Herbert Lom, Marie Liljedahl, Isa Miranda | UK & I & BRD | 93 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970
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Phantastik,
Thriller
Perrak (Alfred Vohrer, 1970)
Dialog 1970 – Sohn: »Scheiße!« Vater: »Ich höre immer nur ›scheiße‹ von dir. Was willst du mal sagen, wenn du wirklich in der Scheiße sitzt?« Sohn: »Kacke!« Ruppiger Auftakt eines (laut Plakat) »pulvertrockenen Sittenreißers«. Nach der schmuddligen Titelsequenz (Möwen im Smog) wird auf der Hamburger Müllkippe, gleich neben einem Bild von Exkanzler Kiesinger, die Leiche eines Mädchens gefunden, das ein Junge war – zu Lebzeiten hatte der tote Toni »den schönsten Paraffinbusen von Nordeuropa«. Kommissar Perrak (Horst Tappert) nimmt die Ermittlungen auf und schnüffelt sich durch die Abseiten der winterlichen Hansestadt, um ein (über die Auflösung hinaus) undurchsichtiges, libidinös unterfüttertes Mord- und Erpressungskomplott zu entwirren. Mit der Nachzeichnung seines Weges – über die Schrottplätze des Wirtschaftswunders und in schwule Nachtclubs (»Wir stehen hier alle unter dem Protektorat von Heinemann.«), an die Hafenkante und in die Spiegelkabinette des Lasters, zu den Swimmingpools der Reichen und ins Obdachlosenasyl – entsteht ein kolportagehafter Querschnittsfilm, eine plakative Revue der gesellschaftlichen Zustände in den Wirren der sexuellen Revolution. Regisseur Alfred Vohrer zündet Kofferbomben, vergießt literweise Kunstblut und läßt einen Preßlufthammer als Folterwerkzeug heranstampfen; die Darsteller (unter ihnen Judy Winter, Erika Pluhar, Werner Peters und – als Nachwuchsschurke – Jochen Busse) dieses formal ziemlich notgeilen, dabei durchaus satirisch angehauchten bundesdeutschen Exploitation-Versuchs haben nicht viel zu tun – Autor Manfred Purzer (alias Ernst Flügel) dichtet ihnen Rollennamen an, die eh alles erzählen: Sie heißen ›Bimbo‹ (der Neger), ›Pinky‹ (die Transe), ›Wermuth-Ede‹ (der Penner), ›Trompeten-Emma‹ (die Puffmutter), ›Casanova‹ (der Ganove), ›Kaminski‹, ›Bottke‹ oder ›Dr. Rembold‹ (die Schweinepriester). »Also los, meine Herren, Röcke hoch!«
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Günther Kob, Wolf Englert S Jutta Hering P Luggi Waldleitner D Horst Tappert, Erika Pluhar, Judy Winter, Werner Peters, Hubert Suschka | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970
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Nachtclub,
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Vohrer
20.4.70
L’éden et après (Alain Robbe-Grillet, 1970)
Eden und danach
»Bien entendu ce jeu est idiot.« – »Pas plus idiot que n’importe quoi.« Zwölf Themen. Imagination. Gefängnis. Männliches Geschlecht. Sperma. Blut. Türen. Labyrinth. Doppel gänger. Wasser. Tod. Tanz. Bild. Zwölf Themen, in zehn Reihen variiert. Selbstverständlich ist dieses Spiel idiotisch. Nicht idiotischer als irgendetwas anderes. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Darin eine Gruppe von Studenten. Ihre gedanklichen Experi men te. Ihre imaginären Abenteuer. Russisches Roulette. Diebstahl eines wertvollen Gemäldes. Nie passiert etwas. Suche nach einem Ausweg aus der Erstarrung. »Ihr jongliert mit Ideen«, sagt der geheimnisvolle Fremde, der eines Tages das Café der verlorenen Jugend besucht, »aber ihr schreckt davor zurück, euch dem Leben zu stellen.« Alain Robbe-Grillet lockt seine Protagonisten (und das Publikum) mittels eines unwiderstehlichen »poudre de peur« in ein filmisches Labyrinth, in ein illusorisches Laboratorium, in künstliche Paradiese, schreckt dabei nicht vor literarischen Verblüffungseffekten zurück (»L’image d’une somme est la somme des images.«), jongliert seinerseits fröhlich mit Ideen: mit extravaganten Einfällen und obsessiven Bildern, mit quälenden Reprisen und psychedelischen Spiegelungen, mit geometrischer Abstraktion und sexuellem Fetischismus. Und wie beim Domino legt Robbe-Grillet einen Spielstein an den anderen: écriture, architecture, composition, représentation. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Eine moderne Fabrik am Fluß. Eine alte arabische Stadt am Meer. Serialität und Aleatorik, Methode und Zufall, Mathematik und Assoziation, präzise Partitur und freier Fall der Würfel. Parodie eines Abenteuerfilms. An deutung eines Krimis. Ein Toter im Wasser. Ein gemeiner Giftmord. Eine Entführung. Ein Kunstraub. Keine Tiefe, nur Flächen. Kein Geschehen, nur Erzählmuster. Kein Motiv, nur ein MacGuffin. Un fantasme, un fantôme. Une image, une imagination. Ein wertvolles Gemälde. Darstellung eines weißen Hauses in einer arabischen Stadt. Hinter der blauen Tür, unter der flachen Kuppel: Frauen in Käfigen, ein Geheimnis, vielleicht. Scharfkantige Objekte. Fließen des Blut. Klebrige Flüssigkeiten. Cinéma. Réalité. Ma vie. L’éden et après.
R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther M Michel Fano A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Catherine Jourdan, Pierre Zimmer, Lorraine Rainer, Juraj Kukura, Ludovít Króner | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | f | 20. April 1970
# 829 | 17. Januar 2014
»Bien entendu ce jeu est idiot.« – »Pas plus idiot que n’importe quoi.« Zwölf Themen. Imagination. Gefängnis. Männliches Geschlecht. Sperma. Blut. Türen. Labyrinth. Doppel gänger. Wasser. Tod. Tanz. Bild. Zwölf Themen, in zehn Reihen variiert. Selbstverständlich ist dieses Spiel idiotisch. Nicht idiotischer als irgendetwas anderes. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Darin eine Gruppe von Studenten. Ihre gedanklichen Experi men te. Ihre imaginären Abenteuer. Russisches Roulette. Diebstahl eines wertvollen Gemäldes. Nie passiert etwas. Suche nach einem Ausweg aus der Erstarrung. »Ihr jongliert mit Ideen«, sagt der geheimnisvolle Fremde, der eines Tages das Café der verlorenen Jugend besucht, »aber ihr schreckt davor zurück, euch dem Leben zu stellen.« Alain Robbe-Grillet lockt seine Protagonisten (und das Publikum) mittels eines unwiderstehlichen »poudre de peur« in ein filmisches Labyrinth, in ein illusorisches Laboratorium, in künstliche Paradiese, schreckt dabei nicht vor literarischen Verblüffungseffekten zurück (»L’image d’une somme est la somme des images.«), jongliert seinerseits fröhlich mit Ideen: mit extravaganten Einfällen und obsessiven Bildern, mit quälenden Reprisen und psychedelischen Spiegelungen, mit geometrischer Abstraktion und sexuellem Fetischismus. Und wie beim Domino legt Robbe-Grillet einen Spielstein an den anderen: écriture, architecture, composition, représentation. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Eine moderne Fabrik am Fluß. Eine alte arabische Stadt am Meer. Serialität und Aleatorik, Methode und Zufall, Mathematik und Assoziation, präzise Partitur und freier Fall der Würfel. Parodie eines Abenteuerfilms. An deutung eines Krimis. Ein Toter im Wasser. Ein gemeiner Giftmord. Eine Entführung. Ein Kunstraub. Keine Tiefe, nur Flächen. Kein Geschehen, nur Erzählmuster. Kein Motiv, nur ein MacGuffin. Un fantasme, un fantôme. Une image, une imagination. Ein wertvolles Gemälde. Darstellung eines weißen Hauses in einer arabischen Stadt. Hinter der blauen Tür, unter der flachen Kuppel: Frauen in Käfigen, ein Geheimnis, vielleicht. Scharfkantige Objekte. Fließen des Blut. Klebrige Flüssigkeiten. Cinéma. Réalité. Ma vie. L’éden et après.
R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther M Michel Fano A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Catherine Jourdan, Pierre Zimmer, Lorraine Rainer, Juraj Kukura, Ludovít Króner | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | f | 20. April 1970
# 829 | 17. Januar 2014
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4.4.70
Götter der Pest (Rainer Werner Fassbinder, 1970)
Franz Walsch (der sich bei Gelegenheit auch Biberkopf nennt) wird aus dem Gefängnis entlassen. »War’s schlimm?« fragt Joanna. »Auch net anders wie draußen«, antwortet Franz. Leben als lebenslange Freiheitsstrafe. Franz (Harry Baer) bewegt sich durch das tote München wie ein Gestorbener, hockt schläfrig in pechschwarzen Räumen der Fremdheit und Vergeblichkeit, zieht lustlos von einer Frau zur anderen, von Joanna (Hanna Schygulla) zu Magdalana (Ingrid Caven) zu Margarethe (von Trotta). Nur einmal blüht er auf: als er einen alten Kumpel wiedertrifft, den kernigen ›Gorilla‹ (Günther Kaufmann), dem er es nicht einmal verübelt, daß er seinen Bruder umgebracht hat. Zusammen fahren sie aufs Land, und die Kamera, sonst wie eingefroren, hebt plötzlich ab, fliegt über Wiesen und Straßen und Dörfer. »Wir brauchen kein Geld nicht«, sagt der eine, und der andere erklärt: »Weil wir uns lieben.« Irgendwann heißt es dann doch: »Ein Geld muß eins dasein.« Und so geht der melo(un)dramatische (Anti-)Gangsterfilm in die letzte lange Kurve, mit Überfall und Verrat und Schießerei und Tod und Rache und noch mehr Tod und mit der paradoxen Erkenntnis: »Life ist very precious … even right now.« Rainer Werner Fassbinder zelebriert ein weiteres Endspiel auf der Genre-Hintertreppe, verweigert jeden Noir-Glamour zugunsten von abblätterndem Putz und zeigt, einmal mehr, daß im Zweifelsfall auch Frauen töten, was sie lieben.
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970
# 892 | 2. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970
# 892 | 2. Juli 2014
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von Trotta
29.3.70
Tristana (Luis Buñuel, 1970)
Tristana
Toledo, Ende der 1920er Jahre. Nach dem Tod der Mutter kommt die 18jährige Vollwaise Tristana (Catherine Deneuve) unter die Obhut des alternden Don Lope (Fernando Rey). Der freigeistige Edelmann, ein ebenso großspuriger wie finanzschwacher Bonvivant mit dezidierten Einstellungen zu Religion (Aberglauben!) und Erwerbsarbeit (Niemals!), drängt seinem schönen Mündel, ohne lange zu zögern, die Rolle der Geliebten auf ... Mit frostiger Distanz beobachtet Luis Buñuel die gegensätzliche Entwicklung des ungleichen Paares: Während sich Tristana vom unschuldig-abhängigen Geschöpf, das dem Vormund die Pantoffeln nachträgt, schrittweise in eine erbittert-gebieterische Megäre verwandelt, schrumpft der anfangs so selbstüberzeute Don Lope zum fügsam-kränklichen Popanz, dessen letztes Vergnügen das Kakaoschlürfen im Kreise der einst geschmähten katholischen Priester ist – weder die eine noch der andere sind souveräne Gestalter des eigenen Schicksals, vielmehr bald lächerlich traurige, bald bemitleidenswert blinde Opfer erstarrter gesellschaftlicher Zustände. Toledo, die alte Hauptstadt Kastiliens und Hochburg des spanischen Katholizismus, in deren enge, verwinkelte Gassen Buñuel kaum je einen Sonnenstrahl dringen läßt, erscheint als idealer Schauplatz des sarkastischen Dramas.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Julio Alejandro V Benito Pérez Galdós K José F. Aguayo A Enrique Alarcón S Pedro del Rey P Luis Buñuel, Robert Dorfmann D Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos, Jesús Fernández | E & F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 29. März 1970
# 1026 | 28. September 2016
Toledo, Ende der 1920er Jahre. Nach dem Tod der Mutter kommt die 18jährige Vollwaise Tristana (Catherine Deneuve) unter die Obhut des alternden Don Lope (Fernando Rey). Der freigeistige Edelmann, ein ebenso großspuriger wie finanzschwacher Bonvivant mit dezidierten Einstellungen zu Religion (Aberglauben!) und Erwerbsarbeit (Niemals!), drängt seinem schönen Mündel, ohne lange zu zögern, die Rolle der Geliebten auf ... Mit frostiger Distanz beobachtet Luis Buñuel die gegensätzliche Entwicklung des ungleichen Paares: Während sich Tristana vom unschuldig-abhängigen Geschöpf, das dem Vormund die Pantoffeln nachträgt, schrittweise in eine erbittert-gebieterische Megäre verwandelt, schrumpft der anfangs so selbstüberzeute Don Lope zum fügsam-kränklichen Popanz, dessen letztes Vergnügen das Kakaoschlürfen im Kreise der einst geschmähten katholischen Priester ist – weder die eine noch der andere sind souveräne Gestalter des eigenen Schicksals, vielmehr bald lächerlich traurige, bald bemitleidenswert blinde Opfer erstarrter gesellschaftlicher Zustände. Toledo, die alte Hauptstadt Kastiliens und Hochburg des spanischen Katholizismus, in deren enge, verwinkelte Gassen Buñuel kaum je einen Sonnenstrahl dringen läßt, erscheint als idealer Schauplatz des sarkastischen Dramas.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Julio Alejandro V Benito Pérez Galdós K José F. Aguayo A Enrique Alarcón S Pedro del Rey P Luis Buñuel, Robert Dorfmann D Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos, Jesús Fernández | E & F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 29. März 1970
# 1026 | 28. September 2016
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20.3.70
Unter den Dächern von St. Pauli (Alfred Weidenmann, 1970)
»Beruf?« – »Machen Se einfach ’n Strich.« Grobkörnige 24-Stunden-Kiez-Kolportage, die mit trivialer Eleganz mehrere Handlungsstränge verknüpft: Ein Geschäftsmann erschießt seine Gattin, weil er es nicht erträgt, daß sie allabendlich vor geilem Publikum ihre Brüste schwingt; ein biederer Studienrat wird von seinen Schülern in die Falle des süßen Lebens gelockt; ein sanfter Bänkelsänger rächt den gewaltsamen Tod seiner Frau; ein rechtschaffener Vater findet seine erlebnishungrige Tochter (»Es war ihr in Flensburg einfach zu langweilig.«) als Striptiseuse in einem Reeperbahn-Etablissement wieder und treibt ungewollt (?) ihren Preis in die Höhe … Ein Vierteljahrhundert nach ihrer ersten Zusammenarbeit (»Junge Adler«) widmen sich Autor Herbert Reinecker und Regisseur Alfred Weidenmann einmal mehr ihrem großen Thema: der Darstellung des Verhältnisses von Jung und Alt unter besonderer Berücksichtigung der (varianten) Grundsätze ethischen Handelns. »Unter den Dächern von St. Pauli«, gleichermaßen schund-veristische Studie der Doppelmoral und lüstern-zwielichtiges On-location-Sittenbild, bietet dabei Raum für markante Darstellerleistungen: Jean-Claude Pascal als melancholischer Mörder, Joseph Offenbach als faunischer Philister, Werner Peters als feister Unterweltbaron. Und Hamburg, der rot illuminierte großstädtische Sündenpfuhl, wird zum Fegefeuer, das der Provinzler notwendigerweise zu durchlaufen hat – denn: »Lübeck muß vernichtet werden!« PS: Nicht zu vergessen die Namen, diese einmaligen Reinecker-Namen: Dr. Pasucha und Hausach, Dr. Himboldt und Egon Mills (nebst Tochter Agnes).
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Karl Löb M Peter Thomas A Horst Dotzauer S Walter von Bonhorst P Reginald Puhl D Jean-Claude Pascal, Joseph Offenbach, Werner Peters, Ralf Schermuly, Inger Zielke | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 20. März 1970
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Karl Löb M Peter Thomas A Horst Dotzauer S Walter von Bonhorst P Reginald Puhl D Jean-Claude Pascal, Joseph Offenbach, Werner Peters, Ralf Schermuly, Inger Zielke | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 20. März 1970
13.3.70
Les choses de la vie (Claude Sautet, 1970)
Die Dinge des Lebens
(Bemittelten) Menschen beim Leben (und Sterben) zugucken – so könnte man das ebenso banale wie aufregende filmische Programm von Claude Sautet zusammenfassen. »Les choses de la vie« (man beachte den herausfordernd gewöhnlichen Titel) erzählt – nach einem Szenario von Jean-Loup Dabadie – von Pierre (Michel Piccoli), einem Architekten, der seinem früheren Leben mit Catherine (Lea Massari) nachträumt, während er doch eigentlich ein neues mit Hélène (Romy Schneider) beginnen möchte. Ein Autounfall mit einem silbernen Alfa Romeo Giulietta Sprint (so viel Stil muß sein) läßt all seine irdischen Hoffnungen und Zweifel obsolet werden. Wenige Regisseure haben den kindischen Willen zur Größe und das erbärmliche Gefühl der Leere, aber auch den sympathischen Hang zur Schönheit und die elementare Lust am guten Leben, die der verdammten, trivial-erlesenen wohlstandsbürgerlichen Existenz innewohnen, so hin- und mitreißend, so teilnehmend (selbst-)kritisch ins Kino getragen wie eben Sautet. »Je regarde le soir tomber dans les miroirs. C'est la vie.«
R Claude Sautet B Jean-Loup Dabadie, Paul Guimard, Claude Sautet V Paul Guimard K Jean Boffety M Philippe Sarde A André Piltant S Jacqueline Thiédot P Jean Bolvary, Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Scheider, Lea Massari, Jean Bouise, Bobby Lapointe | F & I & CH | 89 min | 1:1,66 | f | 13. März 1970
(Bemittelten) Menschen beim Leben (und Sterben) zugucken – so könnte man das ebenso banale wie aufregende filmische Programm von Claude Sautet zusammenfassen. »Les choses de la vie« (man beachte den herausfordernd gewöhnlichen Titel) erzählt – nach einem Szenario von Jean-Loup Dabadie – von Pierre (Michel Piccoli), einem Architekten, der seinem früheren Leben mit Catherine (Lea Massari) nachträumt, während er doch eigentlich ein neues mit Hélène (Romy Schneider) beginnen möchte. Ein Autounfall mit einem silbernen Alfa Romeo Giulietta Sprint (so viel Stil muß sein) läßt all seine irdischen Hoffnungen und Zweifel obsolet werden. Wenige Regisseure haben den kindischen Willen zur Größe und das erbärmliche Gefühl der Leere, aber auch den sympathischen Hang zur Schönheit und die elementare Lust am guten Leben, die der verdammten, trivial-erlesenen wohlstandsbürgerlichen Existenz innewohnen, so hin- und mitreißend, so teilnehmend (selbst-)kritisch ins Kino getragen wie eben Sautet. »Je regarde le soir tomber dans les miroirs. C'est la vie.«
R Claude Sautet B Jean-Loup Dabadie, Paul Guimard, Claude Sautet V Paul Guimard K Jean Boffety M Philippe Sarde A André Piltant S Jacqueline Thiédot P Jean Bolvary, Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Scheider, Lea Massari, Jean Bouise, Bobby Lapointe | F & I & CH | 89 min | 1:1,66 | f | 13. März 1970
12.3.70
Die Herren mit der weißen Weste (Wolfgang Staudte, 1970)
Die Katze läßt das Mausen nicht: Der pensionierte Oberlandesgerichtsrat Zänker (Martin Held) spannt eine Reihe von alten (und sehr alten) Freunden ein, um das zu bewerkstelligen, was ihm nicht gelang, als er noch in Amt und Würden war: den Gauner ›Dandy‹ Stiegler (Mario Adorf) hinter Schloß und Riegel zu bringen. Die rüstigen Senioren (u. a. Heinz Erhardt, Rudolf Platte, Rudolf Schündler und die bezaubernd-harthörige Agnes Windeck) nehmen dabei, in vergnügter Ignoranz der gerade statthabenden 68er-Revolte, die Gelegenheit wahr, der jüngeren Generation zu zeigen, was eine Harke ist. Das von Wolfgang Staudte mit krimikomödiantischer Beschaulichkeit ins Bild gesetzte (West-) Berlin kennt denn auch weder Teach-in noch Springer-Demo, sondern nur fröhlich bejubelte Alliierten-Parade und Fußball im Olympiastadion (Hertha BSC schlägt Juventus Turin 3:1); wenigstens darf Hannelore Elsner als flatterhaftes Gangsterliebchen ein paar modisch schrille Fummel spazierentragen.
R Wolfgang Staudte B H. O. Gregor (= Horst Wendlandt) K Karl Löb M Peter Thomas A Christoph Hertling S Jane Seitz P Horst Wendlandt D Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Heinz Erhardt, Agnes Windeck | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 12. März 1970
R Wolfgang Staudte B H. O. Gregor (= Horst Wendlandt) K Karl Löb M Peter Thomas A Christoph Hertling S Jane Seitz P Horst Wendlandt D Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Heinz Erhardt, Agnes Windeck | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 12. März 1970
27.2.70
Le boucher (Claude Chabrol, 1970)
Der Schlachter
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
Das gelbe Haus am Pinnasberg (Alfred Vohrer, 1970)
»Die Idee ist so alt wie die Menschheit.« Am Pinnasberg auf St. Pauli
wird die alte Idee leicht variiert: Werner Zibell (Siegfried
Schürenberg), der »General« (so genannt, weil er es im letzten Weltkrieg
beinahe bis zu diesem Dienstgrad gebracht hätte), hat in der
titelgebenden Immobilie kurz nach der Währungsreform einen Männerpuff
aufgezogen, ein Etablissement, das dem Gründer (und seiner Familie) soliden Wohlstand und der chronisch untervögelten weiblichen Kundschaft eindringliche
Wohltaten beschert. Eine Riege sogenannter Eros-Brüder, souverän
dirigiert von Majordomus »Paganini« (Eddi Arent), sorgt im Bordell
Paradox für das Amüsement der zahlenden Besucherinnen; das leidlich
erotische Geschehen im plüschigen Ambiente sowie (sehr
vorhersehbare) zwischenmenschliche Verwicklungen geben Regisseur Alfred
Vohrer Gelegenheit für das Abfeiern mehr oder weniger wohlgeformter
Männerkörper und das Abfeuern einiger Rotlicht-Pointen von tantenhafter
Anzüglichkeit. Der bisweilen ins surreale Kraut schießende Witz des
sexklamottigen Ganzen liegt in der grundehrlichen Naivität der Vorlage,
eines Romans der (von Peter Rühmkorf entdeckten) schreibenden Hamburger
Kapitänswitwe Bengta Bischoff, die als schrullige (und vorurteilsfreie)
Erzählerin höchstpersönlich durch den Film lustwandelt.
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 984 | 9. Januar 2016
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 984 | 9. Januar 2016
1.2.70
The Kremlin Letter (John Huston, 1970)
Der Brief an den Kreml
»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.
R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970
# 1151 | 16. Februar 2019
»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.
R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970
# 1151 | 16. Februar 2019
29.1.70
He, Du! (Rolf Römer, 1970)
Erstaunlich vitale sozialistische Romanze um eine staatsbürgerlich engagierte Lehrerin (Annekathrin Bürger), die den drögen Kollegen gegen einen sympathischen (und attraktiven) Baubrigadier eintauscht. Die schwarzweiße Totalvision-Kamera (Peter Krause) beobachtet nicht nur intensiv die Schwierigkeiten der Paarfindung unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution, sie sieht auch freudig zu, wie das alte Berlin in Trümmer sinkt, um Platz für die architektonischen Errungenschaften der Ostmoderne zu machen – während in den genormten Schulbauten (›Typ Dresden‹) der Mensch von morgen erzogen wird. Mit seinen Impressionen aus der Zeit unter Ulbricht gibt sich Autor und Regisseur Rolf Römer zwar kinematographisch betont unangepaßt, schlendert aber im Grunde recht artig auf der Straße der ideologischen Affirmation. Trotz alledem: ein Film so locker und leicht, der schwimmt sogar in Club-Cola.
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
21.1.70
Le passager de la pluie (René Clément, 1970)
Der aus dem Regen kam
Trilogie des contes policiers (1) … Ein Zitat aus Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« gibt Hinweis auf Richtung und Tempo der Erzählung sowie auf das ungläubige Staunen, aus dem die verfolgte Heldin nicht mehr heraus kommen wird: »Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next.« Die Alice aus René Cléments südfranzösischem Märchenthriller heißt Mélancolie Mau genannt Mellie (Marlène Jobert); stets weiß gekleidet, verheiratet mit einem obsessiv-eifersüchtigen Mann, blieb ein Teil von ihr das 13jährige Mädchen, das seine Mutter einst mit einem fremden Mann beim Sex erwischte, woraufhin der gehörnte Vater die Familie verließ. Eines verregneten Tages, ihr Gatte ist auf Reisen, sieht Mellie dem Bus, der sonst nie hält, einen Fremden entsteigen, der sie fixiert und verfolgt, sodann überfällt und vergewaltigt. Sie erschießt den Mann, wirft seine Leiche heimlich ins Meer – doch schon am nächsten Morgen taucht ein mysteriöser Amerikaner auf, der sie des Mordes bezichtigt. Die Absichten von Harry Dobbs (Charles Bronson) liegen im Dunkeln, sein Verhalten schwankt zwischen Brutalität und Süffisanz. Wie in Trance stürzt Mellie immer tiefer in den Schacht, fällt durch die rätselhafte Welt der Großen, eine Welt der Gewalt und der Bedrohung: In der bizarrsten Episode des Geschehens gerät sie in ein Pariser maison de plaisir, wo ihr die Herzkönigin in Gestalt einer mondän-sadistischen Puffmutter begegnet. Schock und Zauber lösen sich schließlich im Moment der Überführung, der (leider?) auch der Augenblick des Erwachsenwerdens ist … Die Bezüge zu Alfred Hitchcock – das unschuldige Schuldigwerden, die Auflösung von Gewißheit im Strudel der Angst, der Name des Vergewaltigers: Mac Guffin – sind nicht zu übersehen (auch das Mutter-Tochter-Thema aus »Marnie«, einem der traumartigsten Filme Hitchcocks, klingt an), doch der schlafliedhafte Erzählrhythmus, die bewußten Rollenspiele der Figuren, die unbefangene Antipsychologie, die Absage an äußere Kausalität zugunsten einer inneren, subjektiven Wirklichkeit verleihen »Le passager de la pluie«, diesem somnambulen rite de passage, sein ganz eigenes, hypothetisch-irreales Kolorit.
R René Clément B Sébastien Japrisot K Andreas Winding M Francis Lai A Pierre Guffroy S Françoise Javet P Serge Silberman D Marlène Jobert, Charles Bronson, Anny Cordy, Jill Ireland, Jean Gaven | F & I | 120 min | 1:1,85 | f | 21. Januar 1970
Trilogie des contes policiers (1) … Ein Zitat aus Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« gibt Hinweis auf Richtung und Tempo der Erzählung sowie auf das ungläubige Staunen, aus dem die verfolgte Heldin nicht mehr heraus kommen wird: »Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next.« Die Alice aus René Cléments südfranzösischem Märchenthriller heißt Mélancolie Mau genannt Mellie (Marlène Jobert); stets weiß gekleidet, verheiratet mit einem obsessiv-eifersüchtigen Mann, blieb ein Teil von ihr das 13jährige Mädchen, das seine Mutter einst mit einem fremden Mann beim Sex erwischte, woraufhin der gehörnte Vater die Familie verließ. Eines verregneten Tages, ihr Gatte ist auf Reisen, sieht Mellie dem Bus, der sonst nie hält, einen Fremden entsteigen, der sie fixiert und verfolgt, sodann überfällt und vergewaltigt. Sie erschießt den Mann, wirft seine Leiche heimlich ins Meer – doch schon am nächsten Morgen taucht ein mysteriöser Amerikaner auf, der sie des Mordes bezichtigt. Die Absichten von Harry Dobbs (Charles Bronson) liegen im Dunkeln, sein Verhalten schwankt zwischen Brutalität und Süffisanz. Wie in Trance stürzt Mellie immer tiefer in den Schacht, fällt durch die rätselhafte Welt der Großen, eine Welt der Gewalt und der Bedrohung: In der bizarrsten Episode des Geschehens gerät sie in ein Pariser maison de plaisir, wo ihr die Herzkönigin in Gestalt einer mondän-sadistischen Puffmutter begegnet. Schock und Zauber lösen sich schließlich im Moment der Überführung, der (leider?) auch der Augenblick des Erwachsenwerdens ist … Die Bezüge zu Alfred Hitchcock – das unschuldige Schuldigwerden, die Auflösung von Gewißheit im Strudel der Angst, der Name des Vergewaltigers: Mac Guffin – sind nicht zu übersehen (auch das Mutter-Tochter-Thema aus »Marnie«, einem der traumartigsten Filme Hitchcocks, klingt an), doch der schlafliedhafte Erzählrhythmus, die bewußten Rollenspiele der Figuren, die unbefangene Antipsychologie, die Absage an äußere Kausalität zugunsten einer inneren, subjektiven Wirklichkeit verleihen »Le passager de la pluie«, diesem somnambulen rite de passage, sein ganz eigenes, hypothetisch-irreales Kolorit.
R René Clément B Sébastien Japrisot K Andreas Winding M Francis Lai A Pierre Guffroy S Françoise Javet P Serge Silberman D Marlène Jobert, Charles Bronson, Anny Cordy, Jill Ireland, Jean Gaven | F & I | 120 min | 1:1,85 | f | 21. Januar 1970
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Villa
18.12.69
On Her Majesty's Secret Service (Peter Hunt, 1969)
James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät
Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«
R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969
Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«
R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969
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