Der Todeskuß des Dr. Fu Man Chu
Jess Franco meets Fu Manchu. Eine Karawane von aneinandergeketteten, in sexy Lumpen gehüllten Frauen wird durch den südamerikanischen Urwald gepeitscht. Kein schlechter Anfang für ein sexistisches Mystery-Abenteuer. Auch die Prämisse klingt vielversprechend: Fu Manchu nutzt ein uraltes, verderbenbringendes Geheimnis, um seine Feinde zu bekämpfen: tödliches Schlangengift, das den gekidnappten Schönen per Biß in die Kehle (oder den Busen) verabfolgt wird, damit es über deren Blut und Lippen die wehrlosen Opfer weiblicher Reize erreiche. Nayland Smith (gespielt von Richard Greene, dem dritten und mit Abstand fadesten Darsteller des wackeren Scotland-Yard-Beamten) ist der Erste einer ganzen Reihe von hochrangigen, aber im filmischen Verlauf unsichtbar bleibenden Zielpersonen, der den Todeskuß empfängt, woraufhin er erblindet und lediglich bis zum nächsten Vollmond Zeit hat, ein wirksames Gegenmittel zu finden. Die simpel-verworrene Handlung läßt – neben den lebensgefährlichen Evastöchtern – einen taffen Archäologen, eine rotbestrumpfte Krankenschwester sowie einen feisten, unentwegt lachenden Schießbudenbanditen unzählige überflüssige Pirouetten drehen, während der chinesische Strippenzieher in einem unterirdischen Inkatempel sitzt, ohne je das Tageslicht zu sehen, ein fast bedauernswerter Gefangener seiner gekränkten Eitelkeit und der daraus resultierenden quasipubertären Allmachtsphantasie. »Everlasting death, horrible, inescapable, universal death«, wünscht Fu Manchu der gehaßten Menschheit an den Hals, doch seine toxische Botschaft bleibt ungehört. Am Ende heißt es wie gehabt: »The world shall hear from me again.«
R Jess Franco B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K Manuel Merino M Daniel White A Peter Gasper S Allan Morrison P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Richard Greene, Götz George, Maria Rohm, Tsai Chin | UK & E & BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 23. August 1968
# 867 | 24. Mai 2014
23.8.68
15.8.68
Targets (Peter Bogdanovich, 1968)
Bewegliche Ziele
»My kind of horror isn’t horror anymore.« Schauspieler Byron Orlok (Boris Karloff), Veteran des klassischen Horrorkinos, Verkörperung des alten Hollywood, will sich zur Ruhe setzen (»I’m an antique, out of date.«); der junge Bobby Thompson (Tim O’Kelly), ein archetypischer boy next door wird zum schießenden Massenmörder (»I know they’ll get me. But before that many more will die.«) Mittels einer ingeniösen Verschränkung der beiden Erzählstränge reflektiert film buff und Nachwuchsregisseur Peter Bogdanovich (der den film buff und Nachwuchsregisseur Sammy Michaels spielt) sowohl die Wechselbeziehung von kinematographischer und gesellschaftlicher Realität wie auch die politischen und kulturellen Umbrüche im Amerika der 1960er Jahre. Gedreht mit kleinem Budget und weitgehend an Originalschauplätzen in Los Angeles (»What an ugly town this has become«, stellt der betagte Star fest), erscheint »Targets« als melancholischer Abgesang auf den von der (Alp-)Traumfabrik produzierten wohlig-viktorianischen Grusel. Orlok steht für diese vergangene Welt, in der selbst der Schrecken noch seine Ordnung hatte, während Bobbys kalte Raserei (die an einen tatsächlichen Fall aus dem Jahr 1966 angelehnt ist) die zunehmend unverständliche Gegenwart repräsentiert, in der blutiger Schrecken einer vermeintlich festgefügten Norman-Rockwell-Idylle entspringt. Bevor Orlok endgültig in Rente geht, präsentiert er seinen letzten Film »The Terror« in einem drive-in theater, genau dort, wo Bobby sich am Ende seines Amoklaufs hinter der Leinwand verschanzt: Die Ungeheuer des Kinos und die Monster der Wirklichkeit treten einander Auge in Auge gegenüber.
R Peter Bogdanovich B Peter Bogdanovich, Polly Platt K Laszlo Kovacs A Polly Platt S Peter Bogdanovich P Peter Bogdanovich D Boris Karloff, Tim O’Kelly, Peter Bogdanovich, Nancy Hsueh, Arthur Peterson | USA | 90 min | 1:1,85 | f | 15. August 1968
# 961 | 10. Juli 2015
»My kind of horror isn’t horror anymore.« Schauspieler Byron Orlok (Boris Karloff), Veteran des klassischen Horrorkinos, Verkörperung des alten Hollywood, will sich zur Ruhe setzen (»I’m an antique, out of date.«); der junge Bobby Thompson (Tim O’Kelly), ein archetypischer boy next door wird zum schießenden Massenmörder (»I know they’ll get me. But before that many more will die.«) Mittels einer ingeniösen Verschränkung der beiden Erzählstränge reflektiert film buff und Nachwuchsregisseur Peter Bogdanovich (der den film buff und Nachwuchsregisseur Sammy Michaels spielt) sowohl die Wechselbeziehung von kinematographischer und gesellschaftlicher Realität wie auch die politischen und kulturellen Umbrüche im Amerika der 1960er Jahre. Gedreht mit kleinem Budget und weitgehend an Originalschauplätzen in Los Angeles (»What an ugly town this has become«, stellt der betagte Star fest), erscheint »Targets« als melancholischer Abgesang auf den von der (Alp-)Traumfabrik produzierten wohlig-viktorianischen Grusel. Orlok steht für diese vergangene Welt, in der selbst der Schrecken noch seine Ordnung hatte, während Bobbys kalte Raserei (die an einen tatsächlichen Fall aus dem Jahr 1966 angelehnt ist) die zunehmend unverständliche Gegenwart repräsentiert, in der blutiger Schrecken einer vermeintlich festgefügten Norman-Rockwell-Idylle entspringt. Bevor Orlok endgültig in Rente geht, präsentiert er seinen letzten Film »The Terror« in einem drive-in theater, genau dort, wo Bobby sich am Ende seines Amoklaufs hinter der Leinwand verschanzt: Die Ungeheuer des Kinos und die Monster der Wirklichkeit treten einander Auge in Auge gegenüber.
R Peter Bogdanovich B Peter Bogdanovich, Polly Platt K Laszlo Kovacs A Polly Platt S Peter Bogdanovich P Peter Bogdanovich D Boris Karloff, Tim O’Kelly, Peter Bogdanovich, Nancy Hsueh, Arthur Peterson | USA | 90 min | 1:1,85 | f | 15. August 1968
# 961 | 10. Juli 2015
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14.8.68
Baisers volés (François Truffaut, 1968)
Geraubte Küsse
Que reste-t-il de nos amours? Zum Beispiel ein Film. Zu dem eigentlich nichts zu sagen ist – außer vielleicht (am besten, vor einem Spiegel stehend, zu sich selbst laut ins Gesicht) Folgendes: Jean-Pierre Léaud! Claude Jade! Delphine Seyrig! François Truffaut! (Namen jeweils beliebig oft wiederholen.) Fernerhin sollte man zu Lob und Preis von »Baisers volés« ab und zu mal eine Coca-Cola im Foyer eines billigen Montmarte-Hotels trinken, mit einem sehr großen Mädchen ausgehen, einen Schuhkarton in Packpapier wickeln, zu einer Dame, die einem eine Tasse Kaffee reicht, »Merci, Monsieur!« sagen, einen Fernseher zerlegen, mit dem Freund oder der Freundin eine Flasche Wein aus dem Keller holen, einen Zwieback mit Butter bestreichen (Claude Jade verrät, wie es geht, ohne daß er zerbricht) und dazu ein Chanson von Charles Trénet hören. PS: Antoine Doinel! Antoine Doinel! Antoine Doinel!
R François Truffaut B François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon K Denys Clerval M Antoine Duhamel A Claude Pignot S Agnès Guillemot P François Truffaut, Marcel Berbert D Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Delphine Seyrig, Michael Lonsdale, Harry-Max | F | 90 min | 1:1,66 | f | 14. August 1968
Que reste-t-il de nos amours? Zum Beispiel ein Film. Zu dem eigentlich nichts zu sagen ist – außer vielleicht (am besten, vor einem Spiegel stehend, zu sich selbst laut ins Gesicht) Folgendes: Jean-Pierre Léaud! Claude Jade! Delphine Seyrig! François Truffaut! (Namen jeweils beliebig oft wiederholen.) Fernerhin sollte man zu Lob und Preis von »Baisers volés« ab und zu mal eine Coca-Cola im Foyer eines billigen Montmarte-Hotels trinken, mit einem sehr großen Mädchen ausgehen, einen Schuhkarton in Packpapier wickeln, zu einer Dame, die einem eine Tasse Kaffee reicht, »Merci, Monsieur!« sagen, einen Fernseher zerlegen, mit dem Freund oder der Freundin eine Flasche Wein aus dem Keller holen, einen Zwieback mit Butter bestreichen (Claude Jade verrät, wie es geht, ohne daß er zerbricht) und dazu ein Chanson von Charles Trénet hören. PS: Antoine Doinel! Antoine Doinel! Antoine Doinel!
R François Truffaut B François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon K Denys Clerval M Antoine Duhamel A Claude Pignot S Agnès Guillemot P François Truffaut, Marcel Berbert D Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Delphine Seyrig, Michael Lonsdale, Harry-Max | F | 90 min | 1:1,66 | f | 14. August 1968
12.8.68
Mr. Freedom (William Klein, 1968)
Mr. Freedom
»We fight for freedom, for one and for all! / It's you-and-me-dom, and ten foot tall!« Die Welt, postuliert der Boß von ›Freedom Inc.‹ (Donald Pleasence) ist in zwei Lager geteilt: Richtig und Falsch – dazwischen tummeln sich die Vielleichts und die Weißnichts. Mr. Freedom (John Abbey im rot-weiß-blauen Football-Dreß), der beste Mann der amerikanischen Bewußtseinsfirma, wird nach Europa entsandt, um das unentschlossene Volk der Franzosen auf die richtige Spur zu bringen. So muß der unbeirrbare Held der westlichen Welt (»Yeah! Freedom! Wow!«) nicht nur unter Aufbietung aller körperlichen und geistigen (?) Kräfte gegen eine weitverzweigte Anti-Freiheitsliga, die vom maoistischen Superschurken Red China Man (ein aufblasbarer Riesendrache) gesteuert wird, sowie gegen den neostalinistischen Muzhik Man (Philippe Noiret als eine Art rotes Bibendum) kämpfen, er hat auch ganz allgemeine Undankbarkeit für seinen titanischen Einsatz und – eine besonders bittere Enttäuschung! – den Verrat der ihm vermeintlich treu ergebener Mitstreiterin Marie-Madeleine (Delphine Seyrig) zu gewärtigen. Mit der popartig-überdrehten, knallbunt-comichaften Superhelden-Satire leistet William Klein (ein New Yorker in Paris) seinen ganz eigenen (formal sehr eigenwilligen) Beitrag zu den aufgeheizten (gesellschafts-)politischen Debatten der 1960er Jahre. »Freedom, freedom, and oh-can-you-see-dom! / We’ll always beat ’em with star-spangled freedom!«
R William Klein B William Klein K Pierre Lhomme M Serge Gainsbourg A William Klein Ko Janine Klein S Anne-Marie Cotret P Guy Belfond, Christian Thivat, Michel Zemer D John Abbey, Delphine Seyrig, Donald Pleasence, Serge Gainsbourg, Philippe Noiret, Sami Frey | F | 95 min | 1:1,66 | f | 12. August 1968
# 1180 | 3. Oktober 2019
»We fight for freedom, for one and for all! / It's you-and-me-dom, and ten foot tall!« Die Welt, postuliert der Boß von ›Freedom Inc.‹ (Donald Pleasence) ist in zwei Lager geteilt: Richtig und Falsch – dazwischen tummeln sich die Vielleichts und die Weißnichts. Mr. Freedom (John Abbey im rot-weiß-blauen Football-Dreß), der beste Mann der amerikanischen Bewußtseinsfirma, wird nach Europa entsandt, um das unentschlossene Volk der Franzosen auf die richtige Spur zu bringen. So muß der unbeirrbare Held der westlichen Welt (»Yeah! Freedom! Wow!«) nicht nur unter Aufbietung aller körperlichen und geistigen (?) Kräfte gegen eine weitverzweigte Anti-Freiheitsliga, die vom maoistischen Superschurken Red China Man (ein aufblasbarer Riesendrache) gesteuert wird, sowie gegen den neostalinistischen Muzhik Man (Philippe Noiret als eine Art rotes Bibendum) kämpfen, er hat auch ganz allgemeine Undankbarkeit für seinen titanischen Einsatz und – eine besonders bittere Enttäuschung! – den Verrat der ihm vermeintlich treu ergebener Mitstreiterin Marie-Madeleine (Delphine Seyrig) zu gewärtigen. Mit der popartig-überdrehten, knallbunt-comichaften Superhelden-Satire leistet William Klein (ein New Yorker in Paris) seinen ganz eigenen (formal sehr eigenwilligen) Beitrag zu den aufgeheizten (gesellschafts-)politischen Debatten der 1960er Jahre. »Freedom, freedom, and oh-can-you-see-dom! / We’ll always beat ’em with star-spangled freedom!«
R William Klein B William Klein K Pierre Lhomme M Serge Gainsbourg A William Klein Ko Janine Klein S Anne-Marie Cotret P Guy Belfond, Christian Thivat, Michel Zemer D John Abbey, Delphine Seyrig, Donald Pleasence, Serge Gainsbourg, Philippe Noiret, Sami Frey | F | 95 min | 1:1,66 | f | 12. August 1968
# 1180 | 3. Oktober 2019
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21.6.68
Heißer Sommer (Joachim Hasler, 1968)
Während in Prag der Sozialismus sein menschliches Antlitz zeigt, fahren Stupsi, Kai und die anderen Zonenkinder zum kollektiven Ferienspaß lieber an die Ost(!)see. Dort singen und springen die Jungs und Mädchen so mopsfidel-arglos, so staatsbürgerlich-sittenfest umeinander, daß es ihrem daheimgebliebenen Onkel Walter in seinem rot tapezierten Politbüro eine wahre Freude sein dürfte. »Heißer Sommer« wäre als Versuch eines Defa-Musicals sicherlich noch um einiges gelungener, wenn die Regie nicht so abwesend, die Choreographien nicht so katatonisch, die Kamera nicht so unsportlich, die Dialoge nicht so flach, der Humor nicht so töricht, Chris Doerk nicht so doerk und Frank Schöbel nicht so schöbel wären. Immerhin steuern Vater und Sohn Natschinski eine Reihe von temperamentvollen Schlagern bei, die Schwung in jedes Feierabendheim bringen. PS: »Einmal muß ein Ende sein.«
R Joachim Hasler B Maurycy Janowski, Joachim Hasler K Joachim Hasler, Roland Dressel M Gerd Natschinski, Thomas Natschinski A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolowa P Horst Dau D Chris Doerk, Frank Schöbel, Regine Albrecht, Hanns-Michael Schmidt, Marianne Wünscher | DDR | 97 min | 1:2,35 | f | 21. Juni 1968
R Joachim Hasler B Maurycy Janowski, Joachim Hasler K Joachim Hasler, Roland Dressel M Gerd Natschinski, Thomas Natschinski A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolowa P Horst Dau D Chris Doerk, Frank Schöbel, Regine Albrecht, Hanns-Michael Schmidt, Marianne Wünscher | DDR | 97 min | 1:2,35 | f | 21. Juni 1968
19.6.68
The Thomas Crown Affair (Norman Jewison, 1968)
Thomas Crown ist nicht zu fassen
»Do you play?« – »Try me.« Was will einer, der schon alles hat? Er will mehr. Der Bostoner Geschäftsmann Thomas Crown (easygoing: Steve McQueen) hat Geld, Frauen, Autos. Er will Abenteuer, Spaß, Nervenkitzel. Aus Daffke organisiert Crown einen eleganten Banküberfall, den er von anonym angeworbenen Profis ausführen läßt. Der Coup glückt. Die Polizei findet weder Spuren der Täter noch Hinweise auf den Verbleib der Beute. Schließlich erhält die freischaffende Ermittlerin Vicki Anderson (cool: Faye Dunaway) von der Versicherung den Auftrag, das gestohlene Geld wiederzubeschaffen. Norman Jewison entwickelt aus dieser Paar-Konstellation ein stylisches Katz-und-Maus-Spiel, ein erotisch aufgeladenes Duell zwischen zwei cleveren Zockern, die sich allemal das Wasser (oder den Champagner) reichen können. Von Haskell Wexler glamourealistisch fotografiert, von Pablo Ferro immer wieder in kunstvoll gestaltete Split-Screen-Sequenzen zerlegt, von Michel Legrand mit einem jazzig-betörenden Soundtrack veredelt, bezieht die Heist-Romanze ihren Reiz weniger aus überraschenden Storywendungen als aus ihrer formalen Geschliffenheit und dem Magnetismus zwischen den beiden Protagonisten. »And the world is like an apple whirling silently in space / Like the circles that you find in the windmills of your mind.«
R Norman Jewison B Alan Trustman K Haskell Wexler M Michel Legrand A Robert Boyle S Hal Ashby P Norman Jewison D Steve McQueen, Faye Dunaway, Paul Burke, Jack Weston, Yaphet Kotto | USA | 102 min | 1:1,85 | f | 19. Juni 1968
# 1094 | 29. Januar 2018
»Do you play?« – »Try me.« Was will einer, der schon alles hat? Er will mehr. Der Bostoner Geschäftsmann Thomas Crown (easygoing: Steve McQueen) hat Geld, Frauen, Autos. Er will Abenteuer, Spaß, Nervenkitzel. Aus Daffke organisiert Crown einen eleganten Banküberfall, den er von anonym angeworbenen Profis ausführen läßt. Der Coup glückt. Die Polizei findet weder Spuren der Täter noch Hinweise auf den Verbleib der Beute. Schließlich erhält die freischaffende Ermittlerin Vicki Anderson (cool: Faye Dunaway) von der Versicherung den Auftrag, das gestohlene Geld wiederzubeschaffen. Norman Jewison entwickelt aus dieser Paar-Konstellation ein stylisches Katz-und-Maus-Spiel, ein erotisch aufgeladenes Duell zwischen zwei cleveren Zockern, die sich allemal das Wasser (oder den Champagner) reichen können. Von Haskell Wexler glamourealistisch fotografiert, von Pablo Ferro immer wieder in kunstvoll gestaltete Split-Screen-Sequenzen zerlegt, von Michel Legrand mit einem jazzig-betörenden Soundtrack veredelt, bezieht die Heist-Romanze ihren Reiz weniger aus überraschenden Storywendungen als aus ihrer formalen Geschliffenheit und dem Magnetismus zwischen den beiden Protagonisten. »And the world is like an apple whirling silently in space / Like the circles that you find in the windmills of your mind.«
R Norman Jewison B Alan Trustman K Haskell Wexler M Michel Legrand A Robert Boyle S Hal Ashby P Norman Jewison D Steve McQueen, Faye Dunaway, Paul Burke, Jack Weston, Yaphet Kotto | USA | 102 min | 1:1,85 | f | 19. Juni 1968
# 1094 | 29. Januar 2018
12.6.68
Rosemary’s Baby (Roman Polanski, 1968)
Rosemaries Baby
»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«
R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968
# 1015 | 9. August 2016
»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«
R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968
# 1015 | 9. August 2016
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28.5.68
The Detective (Gordon Douglas, 1968)
Der Detektiv
Die Ratlosigkeit der herrschenden Klasse angesichts einer sich dramatisch wandelnden Gesellschaft steckt »The Detective« in allen Knochen. Der erzählerisch außerordentlich zerfahrene 1968er crime flick beginnt mit dem Mord an einem reichen New Yorker Schwulen und präsentiert im Folgenden einen fauligen Big Apple, wo Korruption, Amtsmißbrauch, sexuelle Devianz, soziale Kälte und allgemeine Gleichgültigkeit üppige Sumpfblüten treiben. Joseph Birocs Kamera ist bemüht, die Übersicht zu behalten, doch die luziden Panavision-Bilder sind nur Chimären eines Durchblicks, den keiner mehr hat. Neben Frank Sinatra, dessen demonstrative Integrität sich als bittere Lachnummer erweist, bietet Gordon Douglas immerhin einer ganzen Riege hochklassiger Darsteller Gelegenheit, ihr Talent zu entfalten: Lloyd Bochner als zynisch-gelackter Upper-Class-Shrink, Robert Duvall als homophobes Arschloch, Ralph Meeker als grinsend-bestechlicher Bulle, Tony Musante als unschuldiger Psychopath, Lee Remick als zerbrechliche Nymphomanin – »all part of the Great Society«.
R Gordon Douglas B Abby Mann V Roderick Thorp K Joseph Biroc M Jerry Goldsmith A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Lee Remick, Jacqueline Bisset, Ralph Meeker, Tony Musante, Robert Duvall | USA | 114 min | 1:2,35 | f | 28. Mai 1968
Die Ratlosigkeit der herrschenden Klasse angesichts einer sich dramatisch wandelnden Gesellschaft steckt »The Detective« in allen Knochen. Der erzählerisch außerordentlich zerfahrene 1968er crime flick beginnt mit dem Mord an einem reichen New Yorker Schwulen und präsentiert im Folgenden einen fauligen Big Apple, wo Korruption, Amtsmißbrauch, sexuelle Devianz, soziale Kälte und allgemeine Gleichgültigkeit üppige Sumpfblüten treiben. Joseph Birocs Kamera ist bemüht, die Übersicht zu behalten, doch die luziden Panavision-Bilder sind nur Chimären eines Durchblicks, den keiner mehr hat. Neben Frank Sinatra, dessen demonstrative Integrität sich als bittere Lachnummer erweist, bietet Gordon Douglas immerhin einer ganzen Riege hochklassiger Darsteller Gelegenheit, ihr Talent zu entfalten: Lloyd Bochner als zynisch-gelackter Upper-Class-Shrink, Robert Duvall als homophobes Arschloch, Ralph Meeker als grinsend-bestechlicher Bulle, Tony Musante als unschuldiger Psychopath, Lee Remick als zerbrechliche Nymphomanin – »all part of the Great Society«.
R Gordon Douglas B Abby Mann V Roderick Thorp K Joseph Biroc M Jerry Goldsmith A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Lee Remick, Jacqueline Bisset, Ralph Meeker, Tony Musante, Robert Duvall | USA | 114 min | 1:2,35 | f | 28. Mai 1968
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Remick,
Sinatra
26.5.68
Boom! (Joseph Losey, 1968)
Brandung
Vorgeblich eine Tennessee-Williams-Verfilmung, ist diese monströse Mischung aus Harold-Robbins-Nonsens und theatralischem Horrortrip in Wirklichkeit vor allem das Zerfallsprodukt einer berühmt-berüchtigten Schauspielerehe: Liz Taylor als sterbenskranke, ordinär-angefettete Millionärswitwe in weißen Wallekostümen und Richard Burton als verlebter, schmarotzender Todesengel im schwarzen Samurai-Mantel spielen sich mit Verve gegenseitig über die Klippen, wodurch das notorische Glamour-Paar Joseph Loseys »Boom!« zu einem Camp-Klassiker von beachtlicher Halbwertszeit adeln.
R Joseph Losey B Tennessee Williams V Tennessee Williams K Douglas Slocombe M John Barry A Richard Macdonald S Reginald Beck P John Heyman, Norman Priggen D Elizabeth Taylor, Richard Burton, Noël Coward, Joanna Shimkus, Romolo Valli | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 26. Mai 1968
Vorgeblich eine Tennessee-Williams-Verfilmung, ist diese monströse Mischung aus Harold-Robbins-Nonsens und theatralischem Horrortrip in Wirklichkeit vor allem das Zerfallsprodukt einer berühmt-berüchtigten Schauspielerehe: Liz Taylor als sterbenskranke, ordinär-angefettete Millionärswitwe in weißen Wallekostümen und Richard Burton als verlebter, schmarotzender Todesengel im schwarzen Samurai-Mantel spielen sich mit Verve gegenseitig über die Klippen, wodurch das notorische Glamour-Paar Joseph Loseys »Boom!« zu einem Camp-Klassiker von beachtlicher Halbwertszeit adeln.
R Joseph Losey B Tennessee Williams V Tennessee Williams K Douglas Slocombe M John Barry A Richard Macdonald S Reginald Beck P John Heyman, Norman Priggen D Elizabeth Taylor, Richard Burton, Noël Coward, Joanna Shimkus, Romolo Valli | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 26. Mai 1968
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Tod
24.5.68
Rozmarné léto (Jiří Menzel, 1968)
Launischer Sommer
Ein wechselhafter Juni auf dem Lande: drei Freunde in den (sogenannten) besten Jahren – ein Priester, ein Major im Ruhestand, der Besitzer eines Flußbades – schwimmen und angeln, bechern und philosophieren. Die Ankunft eines kauzigen Artisten und seiner bezaubernden Assistentin reißt die Herren aus dem gewohnt behaglichen Alltagstrott: nacheinander buhlen sie (jeder seinem Temperament entsprechend) um die Gunst des blonden Zirkusfräuleins, während die patente Frau des Bademeisters dem Charme des spillerigen Akrobaten erliegt. Jiří Menzel blättert in einem Album aus der (sogenannten) guten alten Zeit (die durchaus Kälte, Mißgunst und Bosheit kennt), entbreitet eine wehmütige Idylle der romantischen Sehnsüchte, der zarten Enttäuschungen, der bittersüßen Erkenntnisse, gibt eine heiter-bewölkte Hommage an das Leben, das, so oder so, immer weitergeht.
R Jiří Menzel B Václav Nývlt, Jiří Menzel V Vladislav Vančura K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Olga Dimitrovová S Jiřina Lukešová P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Rudolf Hrušínský, Vlastimil Brodský, František Řehák, Míla Myslíková Jana Drchalová, Jiří Menzel | CS | 74 min | 1:1,37 | f | 24. Mai 1968
# 1178 | 3. Oktober 2019
Ein wechselhafter Juni auf dem Lande: drei Freunde in den (sogenannten) besten Jahren – ein Priester, ein Major im Ruhestand, der Besitzer eines Flußbades – schwimmen und angeln, bechern und philosophieren. Die Ankunft eines kauzigen Artisten und seiner bezaubernden Assistentin reißt die Herren aus dem gewohnt behaglichen Alltagstrott: nacheinander buhlen sie (jeder seinem Temperament entsprechend) um die Gunst des blonden Zirkusfräuleins, während die patente Frau des Bademeisters dem Charme des spillerigen Akrobaten erliegt. Jiří Menzel blättert in einem Album aus der (sogenannten) guten alten Zeit (die durchaus Kälte, Mißgunst und Bosheit kennt), entbreitet eine wehmütige Idylle der romantischen Sehnsüchte, der zarten Enttäuschungen, der bittersüßen Erkenntnisse, gibt eine heiter-bewölkte Hommage an das Leben, das, so oder so, immer weitergeht.
R Jiří Menzel B Václav Nývlt, Jiří Menzel V Vladislav Vančura K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Olga Dimitrovová S Jiřina Lukešová P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Rudolf Hrušínský, Vlastimil Brodský, František Řehák, Míla Myslíková Jana Drchalová, Jiří Menzel | CS | 74 min | 1:1,37 | f | 24. Mai 1968
# 1178 | 3. Oktober 2019
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Kleinstadt,
Komödie,
Menzel,
Romanze,
Zirkus
26.4.68
Im Banne des Unheimlichen (Alfred Vohrer, 1968)
»Let me feel it, come on, let me hear it. / Make it jump, make im bomb, / Make me sigh, make me high / And make my blood run all wild.« Ende der 1960er hat Alfred Vohrer (unterstützt von kongenialen Kollaborateuren: Kameramann Karl Löb, Komponist Peter Thomas, Szenenbildnerduo Wilhelm Vorwerg und Walter Kutz) eine verdammt gute Strecke: In seinen kunterbunten Swinging-Trash-Flicks (»Hand«, »Mönch«, »Hund«) frisiert er gediegenen Edgar-Wallace-Thrill zu überspitzten Pop-Killerspielen, betreibt er die Reanimation des Whodunits als bewußtseinserweiternde Mischung von flapsigem Terror und mörderischem Quatsch. »Im Banne des Unheimlichen« führt diese (Anti-)Traditionslinie zum Höhepunkt – mit einer lachenden Leiche sowie einer eiskalt hauchenden Geisterbahnfigur, die auf dem blanken Totenschädel ein keckes Hütchen trägt und ihre Opfer per Stich mit einem vergifteten Skorpionring um die Ecke bringt. Inspektor Higgins (so seriös wie möglich: Joachim Fuchsberger) und Scotland-Yard-Direktor Sir Arthur (ballettaffin: Hubert von Meyerinck) ermitteln in einem chaotischen Fall um Bruderzwist und Wahnsinn, um Erpressung und Rache aus dem Jenseits – wobei sich die (große) Menge der Toten und die (hohe) Zahl der Verdächtigen stets die Waage halten ... »Tomorrow my stars might fall dead on my head, one more time, / Tomorrow I might hit the danger zone. / So, today I want to feel just as happy as I can – / I want to feel my heart beat!«
R Alfred Vohrer B Ladislas Fodor V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Siw Mattson, Wolfgang Kieling, Pinkas Braun, Hubert von Meyerinck | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968
R Alfred Vohrer B Ladislas Fodor V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Siw Mattson, Wolfgang Kieling, Pinkas Braun, Hubert von Meyerinck | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968
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Je t’aime, je t’aime (Alain Resnais, 1968)
Ich liebe dich, ich liebe dich
»C’était bien?« – »Très.« Er liegt in der Klinik. Er hat versucht sich umzubringen. Man ist an ihm interessiert. Warum? Weil er nichts zu verlieren hat. Hat er eine Chance zurückzukommen? Das weiß niemand. Er wird aus dem Krankenhaus entlassen. Er heißt Claude Ridder. Er willigt ein, an einem Experiment teilzunehmen. Im Forschungszentrum Crespel beschäftigt man sich mit der Zeit. Bislang wurden Versuche mit Mäusen angestellt, nun soll Ridder als erster Mensch in seine eigene Vergangenheit reisen, soll eine Minute seines Lebens wiedererleben, eine Minute, die exakt ein Jahr zurückliegt. Die Zeitmaschine, die Alain Resnais für seinen Film konstruiert hat, ist keine modernistische High-Tech-Installation à la Irwin Allen, vielmehr ähnelt die organisch geformte Anlage mit ihrem höhlenartigen Inneren einer gigantischen Knolle, oder einer übergroßen Herzkammer, oder einem riesigen Gehirn. Der Versuch beginnt. Ridder schwimmt unter Wasser, er taucht aus dem Meer. Am Ufer liegt eine Frau, sie fragt ihn: »C’était bien?« – »Très.« – »Tu as vu beaucoup de poissons?« Dann läuft etwas schief. Ridder geht verloren, wird durch die Zeiten geschleudert, treibt kreuz und quer durch seine Erinnerungen. Fragmente einer Biographie blitzen auf, elliptisch, diskontinuierlich, flüchtig wie Reflexe eines Spiegelkugel, Momente, Situationen, Begegnungen, heiter, banal, quälend: berufliche Stationen, eine komplizierte Liebesgeschichte, Glück, Langweile, Schuld. Gedanken, Assoziationen, Wiederholungen: zahllose Perspektiven, die sich nicht zu einem Gesamtbild fügen. Der Mensch als unerforschliches Wesen, als Gefangener seines sprunghaften Gedächtnisses, als Irrender in einem ewig unvollendeten Labyrinth, aus dem nur ein einziger Weg herausführt. »Tu as vu beaucoup de poissons?« – »Deux serpents de mer, quelques requins, des méduses géantes. A part ça, rien de très particulier.«
R Alain Resnais B Jacques Sternberg K Jean Boffety M Krzysztof Penderecki A Jacques Dugied, Augusto Pace S Albert Jurgenson, Colette Leloup P Mag Bodard D Claude Rich, Olga Georges-Picot, Anouk Ferjac, Van Doude, Bernard Fresson | F | 92 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968
# 841 | 7. März 2014
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17.4.68
La mariée était en noir (François Truffaut, 1968)
Die Braut trug schwarz
Liebe über den Tod hinaus. Gemordete Liebe, die über Leichen geht. Ein grausames Märchen, eine melodramatische Thrillerabstraktion. Julie Kohler (≈ colère), die aller Illusionen beraubte Braut, rächt den Tod ihres prince chamant, den kurz nach der Trauung auf den Stufen der Kirche eine Kugel traf. Fünf Männer sind für die Tat verantwortlich, fünf Männer werden sterben – keine Mission, sondern eine Arbeit, die getan werden muß. Übermächtige Vergangenheit verlängert sich in eine Zukunft, die keine Erlösung, keine Nachsicht, die nur Vollstreckung eines Urteils kennt. François Truffaut schildert ohne Umschweife (im übertragenen Sinne: ohne Adjektive) die Geschichte einer heiß-kalten Obsession, beschreibt präzise, luzid, transparent die blutige Reise durch ein Fantasieland, die Fahrt durch einen Tunnel, der Schuld und Unschuld, der Weiß und Schwarz verbindet. Jeanne Moreau ist die Braut, gefühllos und hochemotional, vollkommen klar und absolut wahnsinnig, eine jungfräuliche Jägerin, ein mörderischer Engel, eine (un-)menschliche Guillotine. Von Anfang an besteht kein Zweifel, daß Julie erreichen wird, was sie sich vorgenommen hat – wenn sie auch niemals mehr bekommen kann, was sie eigentlich will.
R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard V William Irish (= Cornell Woolrich) K Raoul Coutard M Bernard Herrmann A Pierre Guffroy S Claudine Bouché P Marcel Bebert D Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jean-Claude Brialy, Charles Denner, Michael Lonsdale, Daniel Boulanger, Claude Rich | F & I | 107 min | 1:1,66 | f | 17. April 1968
# 771 | 15. September 2013
Liebe über den Tod hinaus. Gemordete Liebe, die über Leichen geht. Ein grausames Märchen, eine melodramatische Thrillerabstraktion. Julie Kohler (≈ colère), die aller Illusionen beraubte Braut, rächt den Tod ihres prince chamant, den kurz nach der Trauung auf den Stufen der Kirche eine Kugel traf. Fünf Männer sind für die Tat verantwortlich, fünf Männer werden sterben – keine Mission, sondern eine Arbeit, die getan werden muß. Übermächtige Vergangenheit verlängert sich in eine Zukunft, die keine Erlösung, keine Nachsicht, die nur Vollstreckung eines Urteils kennt. François Truffaut schildert ohne Umschweife (im übertragenen Sinne: ohne Adjektive) die Geschichte einer heiß-kalten Obsession, beschreibt präzise, luzid, transparent die blutige Reise durch ein Fantasieland, die Fahrt durch einen Tunnel, der Schuld und Unschuld, der Weiß und Schwarz verbindet. Jeanne Moreau ist die Braut, gefühllos und hochemotional, vollkommen klar und absolut wahnsinnig, eine jungfräuliche Jägerin, ein mörderischer Engel, eine (un-)menschliche Guillotine. Von Anfang an besteht kein Zweifel, daß Julie erreichen wird, was sie sich vorgenommen hat – wenn sie auch niemals mehr bekommen kann, was sie eigentlich will.
R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard V William Irish (= Cornell Woolrich) K Raoul Coutard M Bernard Herrmann A Pierre Guffroy S Claudine Bouché P Marcel Bebert D Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jean-Claude Brialy, Charles Denner, Michael Lonsdale, Daniel Boulanger, Claude Rich | F & I | 107 min | 1:1,66 | f | 17. April 1968
# 771 | 15. September 2013
4.4.68
The Party (Blake Edwards, 1968)
Der Partyschreck
(»The world is flat.«) Neben Truman Capotes legendärem ›Black-and-White-Ball‹ ist »The Party« wohl das herausragende gesellschaftliche Ereignis der glanzvoll-rebellischen 1960er Jahre. Die ins ultramoderne Heim von Hollywood-Mogul ›General‹ Clutterbuck geladenen Gäste mögen weniger illuster sein als die feine Gesellschaft, die sich anderthalb Jahre zuvor im Grand Ballroom des New Yorker Plaza Hotel versammelte – die Stimmung jedoch steigt zu extremen Höhepunkten, was neben der avancierten (aber unkontrolliert eingesetzten) Haustechnik und einem kunstvoll (aber entwürdigend) bemalten Elefanten insbesondere dem (nur versehentlich anwesenden) indischen Kleindarsteller Hrundi V. Bakshi (Peter Sellers) zu danken ist. Als Agent desselben revolutionären Weltgeistes, der kurze Zeit später in Berlin ein Verlagshaus der Massenpresse in Flammen setzen, in Paris den Strand unter dem Pflaster freilegen und in Prag einen kurzen Frühling der Utopie entfesseln wird, läßt der ridikül-radikale Komparse (»Howdy, partener!«) die in verbindlichen Regeln ruhende Welt des Establishments im Schaum des avantgardistischen Umsturzes versinken. Blake Edwards wirft derweil alle Regeln der filmischen Erzählkunst in den schwappenden Pool und stellt das Kino dahin, wo es hingehört: vom (wohlüberlegenden) Kopf auf die (ungestüm tanzenden) Füße (sowie auf die (wild herumfuchtelnden) Hände). Vive l’anarchie! PS: Und das hübsche, sensible Mädchen (Claudine Longet) kriegt der höflich-irre Bakshi auch noch. PPS: »Birdie Num Num.«
R Blake Edwards B Blake Edwards, Tom Waldman, Frank Waldman K Lucien Ballard M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Blake Edwards D Peter Sellers, Claudine Longet, J. Edward McKinley, Gavin MacLeod, Denny Miller | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 4. April 1968
(»The world is flat.«) Neben Truman Capotes legendärem ›Black-and-White-Ball‹ ist »The Party« wohl das herausragende gesellschaftliche Ereignis der glanzvoll-rebellischen 1960er Jahre. Die ins ultramoderne Heim von Hollywood-Mogul ›General‹ Clutterbuck geladenen Gäste mögen weniger illuster sein als die feine Gesellschaft, die sich anderthalb Jahre zuvor im Grand Ballroom des New Yorker Plaza Hotel versammelte – die Stimmung jedoch steigt zu extremen Höhepunkten, was neben der avancierten (aber unkontrolliert eingesetzten) Haustechnik und einem kunstvoll (aber entwürdigend) bemalten Elefanten insbesondere dem (nur versehentlich anwesenden) indischen Kleindarsteller Hrundi V. Bakshi (Peter Sellers) zu danken ist. Als Agent desselben revolutionären Weltgeistes, der kurze Zeit später in Berlin ein Verlagshaus der Massenpresse in Flammen setzen, in Paris den Strand unter dem Pflaster freilegen und in Prag einen kurzen Frühling der Utopie entfesseln wird, läßt der ridikül-radikale Komparse (»Howdy, partener!«) die in verbindlichen Regeln ruhende Welt des Establishments im Schaum des avantgardistischen Umsturzes versinken. Blake Edwards wirft derweil alle Regeln der filmischen Erzählkunst in den schwappenden Pool und stellt das Kino dahin, wo es hingehört: vom (wohlüberlegenden) Kopf auf die (ungestüm tanzenden) Füße (sowie auf die (wild herumfuchtelnden) Hände). Vive l’anarchie! PS: Und das hübsche, sensible Mädchen (Claudine Longet) kriegt der höflich-irre Bakshi auch noch. PPS: »Birdie Num Num.«
R Blake Edwards B Blake Edwards, Tom Waldman, Frank Waldman K Lucien Ballard M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Blake Edwards D Peter Sellers, Claudine Longet, J. Edward McKinley, Gavin MacLeod, Denny Miller | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 4. April 1968
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2.4.68
A Dandy in Aspic (Anthony Mann, 1968)
Todestanz eines Killers
»Die Welt ist dumm, die Welt ist blind.« Im Zentrum von Anthony Manns letztem Film (er starb während der Dreharbeiten) steht ein britisch-russischer Doppelagent, der in Berlin Jagd auf sich selber machen soll ... Die völlige Austauschbarkeit der Seiten im spy game ist ein interessantes Thema, auch Laurence Harveys botoxhaft-eingefrorene Darstellung des »Dandy in Aspic« überzeugt. Doch das Geschehen schwappt träge vor sich hin, genau wie der Score von Quincy Jones. Ein Rätsel gibt die von Mia Farrow gespielte Figur einer jungen Fotografin auf: Immer wieder kreuzt sie unerwartet den Weg des Protagonisten, hat aber letztlich so wenig Relevanz für die Erzählung, daß man sie beinahe für eine geniale Allegorie auf eine Welt des Zufalls und der Sinnlosigkeit halten könnte.
R Anthony Mann B Derek Marlowe V Derek Marlowe K Christopher Challis M Quincy Jones A Carmen Dillon, Patrick McLoughlin S Thelma Connell P Anthony Mann D Laurence Harvey, Tom Courtenay, Mia Farrow, Harry Andrews, Peter Cook | UK | 107 min | 1:2,35 | f | 2. April 1968
»Die Welt ist dumm, die Welt ist blind.« Im Zentrum von Anthony Manns letztem Film (er starb während der Dreharbeiten) steht ein britisch-russischer Doppelagent, der in Berlin Jagd auf sich selber machen soll ... Die völlige Austauschbarkeit der Seiten im spy game ist ein interessantes Thema, auch Laurence Harveys botoxhaft-eingefrorene Darstellung des »Dandy in Aspic« überzeugt. Doch das Geschehen schwappt träge vor sich hin, genau wie der Score von Quincy Jones. Ein Rätsel gibt die von Mia Farrow gespielte Figur einer jungen Fotografin auf: Immer wieder kreuzt sie unerwartet den Weg des Protagonisten, hat aber letztlich so wenig Relevanz für die Erzählung, daß man sie beinahe für eine geniale Allegorie auf eine Welt des Zufalls und der Sinnlosigkeit halten könnte.
R Anthony Mann B Derek Marlowe V Derek Marlowe K Christopher Challis M Quincy Jones A Carmen Dillon, Patrick McLoughlin S Thelma Connell P Anthony Mann D Laurence Harvey, Tom Courtenay, Mia Farrow, Harry Andrews, Peter Cook | UK | 107 min | 1:2,35 | f | 2. April 1968
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