Ein Film, in dem die Frisur der Hauptdarstellerin (Martha Hyer) auch nach einer Nuklearexplosion noch perfekt auf dem hübschen Köpfchen sitzt. Kurz zum Inhalt: Ein Professor (Gino ›Peppone‹ Cervi) entdeckt eine Art Weltformel, hinter der alle her sind – neben internationalen Geheimdienstlern (darunter Carlos Thompson und Lino Ventura) auch die Organisation einer gewissen Madame Latour (gepflegt-böse: Micheline Presle), die für die Meistbietenden (die Chinesen!) arbeitet. Der Professor wird durch die halbe Welt und eine Vielzahl wackelnder Kulissen geschleppt, um hinter den »Bambusvorhang« verscherbelt zu werden ... Artur ›Atze‹ Brauer lockte nach Fritz Lang mit William Dieterle einen weiteren Remigranten in die Spandauer CCC-Falle, um ihm einen der berüchtigten exotischen Zweiteiler des Hauses abzupressen. Das Ergebnis schwankt auf der nach allen Seiten offenen Kino-Skala zwischen hölzern und farblos.
R William Dieterle B Jo Eiseinger, Harald G. Petersson K Richard Angst M Roman Vlad A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Jutta Hering P Artur Brauner D Martha Hyer, Micheline Presle, Carlos Thompson, Lino Ventura, Gino Cervi | BRD & F & I | 97 min | 1:1,37 | f | 14. April 1960
14.4.60
7.4.60
Peeping Tom (Michael Powell, 1960)
Augen der Angst
»Don't be a silly boy. There's nothing to be afraid of!« Film. Angst. Sehen. Rot. Vater. Sohn. Augen. Tod. Ein maßlos-präzises Werk, geschrieben von einem genialen Kryptologen (Leo Marks), inszeniert von einem fanatischen Bildzauberer (Michael Powell): Nichts in »Peeping Tom« ist Produkt des Zufalls, jede Einstellung, jeder Satz, jeder Blick, jede Anspielung folgt sorgfältiger Kalkulation, ist Bestandteil eines komplexen Systems visueller und erzählerischer Bezüge. Der focus puller und Gelegenheitsaktfotograf Mark Lewis (Karlheinz Böhm), im zarten Kindesalter vom Vater zum hilflosen Objekt umfassender wissenschaftlicher Experimente (»The Psychology of Fear«) gemacht, betreibt als Erwachsener seine eigenen (tödlichen) Studien zum (Familien- und Menschheits-)Thema Furcht. Dokumentieren, Arrangieren, Projizieren sind die Leidenschaften dieses sanften Maniacs (der sich (fast) nie von seiner geliebten Kamera trennt, der als symbolische Verkörperung des Mediums Kino, seiner Macher und Rezipienten, erscheint ): das Speichern der flüchtigen Welt, das vorsätzliche Erzeugen von Emotion, das Nach- und Neuerleben des Aufgezeichneten im, wiederum flüchtigen, Moment der Abbildung auf der Leinwand. Das seelenkundlich grundierte, beinahe parodistisch zugespitzte Thrillermotiv bietet Powell (der auch, wohl nicht nur um die Gage für einen professionellen Darsteller zu sparen, Marks bedrohlichen Vater spielt) Anlaß für eine schaurig-grandiose, anschaulich-verschlüsselte Selbstbespiegelung seiner Kunst. PS: »Good night, Daddy. Hold my hand.«
R Michael Powell B Leo Marks K Otto Heller M Brian Easdale A Arthur Lawson S Noreen Ackland P Michael Powell D Carl Boehm (= Karlheinz Böhm), Anna Massey, Moira Shearer, Maxine Audley, Esmond Knight | UK | 101 min | 1:1,66 | f | 7. April 1960
»Don't be a silly boy. There's nothing to be afraid of!« Film. Angst. Sehen. Rot. Vater. Sohn. Augen. Tod. Ein maßlos-präzises Werk, geschrieben von einem genialen Kryptologen (Leo Marks), inszeniert von einem fanatischen Bildzauberer (Michael Powell): Nichts in »Peeping Tom« ist Produkt des Zufalls, jede Einstellung, jeder Satz, jeder Blick, jede Anspielung folgt sorgfältiger Kalkulation, ist Bestandteil eines komplexen Systems visueller und erzählerischer Bezüge. Der focus puller und Gelegenheitsaktfotograf Mark Lewis (Karlheinz Böhm), im zarten Kindesalter vom Vater zum hilflosen Objekt umfassender wissenschaftlicher Experimente (»The Psychology of Fear«) gemacht, betreibt als Erwachsener seine eigenen (tödlichen) Studien zum (Familien- und Menschheits-)Thema Furcht. Dokumentieren, Arrangieren, Projizieren sind die Leidenschaften dieses sanften Maniacs (der sich (fast) nie von seiner geliebten Kamera trennt, der als symbolische Verkörperung des Mediums Kino, seiner Macher und Rezipienten, erscheint ): das Speichern der flüchtigen Welt, das vorsätzliche Erzeugen von Emotion, das Nach- und Neuerleben des Aufgezeichneten im, wiederum flüchtigen, Moment der Abbildung auf der Leinwand. Das seelenkundlich grundierte, beinahe parodistisch zugespitzte Thrillermotiv bietet Powell (der auch, wohl nicht nur um die Gage für einen professionellen Darsteller zu sparen, Marks bedrohlichen Vater spielt) Anlaß für eine schaurig-grandiose, anschaulich-verschlüsselte Selbstbespiegelung seiner Kunst. PS: »Good night, Daddy. Hold my hand.«
R Michael Powell B Leo Marks K Otto Heller M Brian Easdale A Arthur Lawson S Noreen Ackland P Michael Powell D Carl Boehm (= Karlheinz Böhm), Anna Massey, Moira Shearer, Maxine Audley, Esmond Knight | UK | 101 min | 1:1,66 | f | 7. April 1960
Labels:
Böhm,
Drama,
Film,
London,
Marks,
Michael Powell,
Serienmörder,
Thriller,
Wissenschaft
5.4.60
The League of Gentlemen (Basil Dearden, 1960)
Die Herren Einbrecher geben sich die Ehre
»I had a bloody good war.« – »Yes. Perhaps you ought to go off somewhere and find yourself another one.« Acht ehrenwerte Herren, allesamt pensionierte Armeeangehörige, die besseren Zeiten nachtrauern, finden sich zusammen, um – unter Ausnutzung ihrer spezifischen soldatischen Befähigungen – eine Bank zu auszurauben: »What chance has a bunch of ordinary civilians got against a trained, armed and disciplined military unit?« Vermutlich kann nur eine (mit trockenem Humor gesegnete) Nation, die zwar einen Krieg gewonnen aber auch ein Empire verloren hat, einen Film wie »The League of Gentlemen« hervorbringen: Regisseur Basil Dearden, Autor Bryan Forbes (der auch mitspielt) und einer Reihe von prädestinierten Offiziersdarstellern (Hawkins, Patrick, Livesey, Attenborough – sie alle überzeugten zuvor schon in diversen Kriegsfilmen) gelingt es, traditionellen militärischen Tugenden – Gehorsam, Ordnungssinn, Zielgerichtetheit – ironisch zu huldigen und ihnen gleichzeitig mit heiterer Melancholie den Abschied zu geben.
R Basil Dearden B Bryan Forbes V John Boland K Arthur Ibbetson M Philip Green A Peter Proud S John D. Guthridge P Michael Relph D Jack Hawkins, Nigel Patrick, Roger Livesey, Richard Attenborough, Bryan Forbes | UK | 116 min | 1:1,66 | sw | 5. April 1960
»I had a bloody good war.« – »Yes. Perhaps you ought to go off somewhere and find yourself another one.« Acht ehrenwerte Herren, allesamt pensionierte Armeeangehörige, die besseren Zeiten nachtrauern, finden sich zusammen, um – unter Ausnutzung ihrer spezifischen soldatischen Befähigungen – eine Bank zu auszurauben: »What chance has a bunch of ordinary civilians got against a trained, armed and disciplined military unit?« Vermutlich kann nur eine (mit trockenem Humor gesegnete) Nation, die zwar einen Krieg gewonnen aber auch ein Empire verloren hat, einen Film wie »The League of Gentlemen« hervorbringen: Regisseur Basil Dearden, Autor Bryan Forbes (der auch mitspielt) und einer Reihe von prädestinierten Offiziersdarstellern (Hawkins, Patrick, Livesey, Attenborough – sie alle überzeugten zuvor schon in diversen Kriegsfilmen) gelingt es, traditionellen militärischen Tugenden – Gehorsam, Ordnungssinn, Zielgerichtetheit – ironisch zu huldigen und ihnen gleichzeitig mit heiterer Melancholie den Abschied zu geben.
R Basil Dearden B Bryan Forbes V John Boland K Arthur Ibbetson M Philip Green A Peter Proud S John D. Guthridge P Michael Relph D Jack Hawkins, Nigel Patrick, Roger Livesey, Richard Attenborough, Bryan Forbes | UK | 116 min | 1:1,66 | sw | 5. April 1960
31.3.60
Der Satan lockt mit Liebe (Rudolf Jugert, 1960)
»Mein Herz ist allein, / so lang schon allein. / Es fragt immerzu: / Warum muß das denn sein?« Carlos (dominant-verschlagen: Ivan Desny) ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen, flüchtet in eine namenlose südliche Hafenstadt. Seine schöne (Ex-)Freundin, die Chansonette Evelyn (impulsiv-melancholisch: Belinda Lee), sein alter Kumpel, der mit allen Wassern gewaschene Kapitän Philipp (Heinz Engelmann), und das Geld des unbedarften jungen (Ex-)Bankangestellten Robert (Joachim Hansen) sollen ihm helfen, für immer die Freiheit zu gewinnen … Vom Meer aus betrachtet, ist der Hafen eine Stätte der Sicherheit, ein Symbol des Schutzes vor Gefahr; vom Land aus gesehen, bedeutet der Hafen die Hoffnung auf grundlegende Veränderung, aber auch die Möglichkeit, alles Vertraute zu verlieren. Im Hafen treffen sich Heimkehrer und Abreisende – und die Gestrandeten, die für immer bleiben müssen, im Angesicht einer unerreichbaren Ferne. Der Hafen, ein Schnittpunkt der Sphären: Ausgangspunkt, Schlupfloch, Sehnsuchtsziel, Sammelbecken, Transitzone, Endstation … Rudolf Jugert inszeniert an diesem schillernd-romantischen (Kino-)Ort der finsteren Sackgassen und der leeren Speicher, der schummrigen Nachtclubs und der Schiffe voller sinistrer Typen ein schwülstiges Schundmärchen, eine schier endlose Nacht der langen Schatten und der grellen Lichter (Kamera: Georg Krause), ein Groschenmelodram des trivialpoetischen (Ir-)Realismus: Leidenschaft, Verrat, Zuversicht, Tod. »Vielleicht bist es du, / von dem ich geträumt. / Dann hole ich nach, / was bis heut’ ich versäumt.«
R Rudolf Jugert B Ilse Lotz-Dupont K Georg Krause M Werner Scharfenberger A Max Seefelder S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig D Belinda Lee, Ivan Desny, Joachim Hansen, Heinz Engelmann, Peter Capell | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1960
# 797 | 12. November 2013
R Rudolf Jugert B Ilse Lotz-Dupont K Georg Krause M Werner Scharfenberger A Max Seefelder S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig D Belinda Lee, Ivan Desny, Joachim Hansen, Heinz Engelmann, Peter Capell | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1960
# 797 | 12. November 2013
25.3.60
Man on a String (André de Toth, 1960)
Geheimakte M
Ernest Borgnine als russischstämmiger Hollywood-Produzent Boris Mitrow, der mit den Sowjets anbandelt, um seinen alten Vater aus dem Arbeiterparadies zu befreien. Den hellwachen Jungs vom ›Central Bureau of Intelligence‹ (≈ CIA) bleibt dies (natürlich!) nicht verborgen, und ehe er sich’s versieht, ist Mitrow zum Doppelagenten geworden, der an zwei Strippen hängt … Produzent Louis de Rochemont, Nachrichten- und Wochenschauveteran (»The March of Time«) sowie Begründer des Semidocumentary-Genres (»The House on 92nd Street«), schickt den Protagonisten seines Cold-War-Thrillers auf eine gefahrvolle Reise von Los Angeles über New York ins geteilte (aber noch nicht vermauerte) Berlin – und weiter nach Moskau, mithin in die Höhle des kommunistischen Löwen. »Man on a String«, von André de Toth sachlich-solide inszeniert, veranschaulicht recht betulich das riskante Gewerbe von Spionage und Gegenspionage, fasziniert aber (bei aller propagandistisch gefärbten Darstellung der Ereignisse) durch die authentischen Impressionen der Handlungsorte: Berlin mit seinen trostlos-bedrohlichen Ruinenfeldern und modernistischen Neubauten, Moskau in der Hochstimmung der Sputnik-Jahre. Ein bemerkenswertes Zeitdokument (das selbstverständlich keinen Zweifel daran läßt, welche Seite den Wettbewerb der Systeme für sich entscheiden wird).
R André de Toth B John Kafka, Virginia Shaler K Charles Lawton Jr., Albert Benitz, Gayne Rescher, Pierre Poincarde M George Duning A Carl Anderson S Al Clark P Louis de Rochemont D Ernest Borgnine, Kerwin Mathews, Colleen Dewhurst, Alexander Scourby, Glenn Corbett | USA | 92 min | 1:1,85 | sw | 25. März 1960
Ernest Borgnine als russischstämmiger Hollywood-Produzent Boris Mitrow, der mit den Sowjets anbandelt, um seinen alten Vater aus dem Arbeiterparadies zu befreien. Den hellwachen Jungs vom ›Central Bureau of Intelligence‹ (≈ CIA) bleibt dies (natürlich!) nicht verborgen, und ehe er sich’s versieht, ist Mitrow zum Doppelagenten geworden, der an zwei Strippen hängt … Produzent Louis de Rochemont, Nachrichten- und Wochenschauveteran (»The March of Time«) sowie Begründer des Semidocumentary-Genres (»The House on 92nd Street«), schickt den Protagonisten seines Cold-War-Thrillers auf eine gefahrvolle Reise von Los Angeles über New York ins geteilte (aber noch nicht vermauerte) Berlin – und weiter nach Moskau, mithin in die Höhle des kommunistischen Löwen. »Man on a String«, von André de Toth sachlich-solide inszeniert, veranschaulicht recht betulich das riskante Gewerbe von Spionage und Gegenspionage, fasziniert aber (bei aller propagandistisch gefärbten Darstellung der Ereignisse) durch die authentischen Impressionen der Handlungsorte: Berlin mit seinen trostlos-bedrohlichen Ruinenfeldern und modernistischen Neubauten, Moskau in der Hochstimmung der Sputnik-Jahre. Ein bemerkenswertes Zeitdokument (das selbstverständlich keinen Zweifel daran läßt, welche Seite den Wettbewerb der Systeme für sich entscheiden wird).
R André de Toth B John Kafka, Virginia Shaler K Charles Lawton Jr., Albert Benitz, Gayne Rescher, Pierre Poincarde M George Duning A Carl Anderson S Al Clark P Louis de Rochemont D Ernest Borgnine, Kerwin Mathews, Colleen Dewhurst, Alexander Scourby, Glenn Corbett | USA | 92 min | 1:1,85 | sw | 25. März 1960
23.3.60
Classe tous risques (Claude Sautet, 1960)
Der Panther wird gehetzt
Der Gangster Abel Davos (kompakt: Lino Ventura) ist seit Jahren auf der Flucht. In Frankreich zum Tode verurteilt, brennt ihm nun auch in Italien der Boden unter den Füßen – und er will zurück nach Paris. An der Grenze wird seine Frau erschossen, Abel bleibt allein mit seinen beiden kleinen Söhnen. Die (inzwischen saturierten) alten Freunde gehen auf (lebensgefährliche) Distanz, nur Éric Stark (ausgefuchst: Jean-Paul Belmondo), ein ihm bis dato vollkommen Unbekannter, bietet Abel Hilfe und Freundschaft … Claude Sautet gestaltet in seinem erfrischend unmoralisierenden Film eine einfache Geschichte über Einsamkeit und Gemeinschaft, über Treulosigkeit und Loyalität. Die lakonische Kamera (Ghislain Cloquet) stellt neorealistisch inspirierte Authentizität über gattungsspezifische Expressivität: kein dramatisches Hell-Dunkel, stattdessen unsentimentales Grau in Grau. »Classe tous risques« überzeugt als differenziert-milieuechtes Genrebild, als spröde-intensives Charakterstück der Blicke und Gesten, der kurzen Berührungen und knappen Wortwechsel. Am Ende, nach (aller-)letzten Begegnungen mit den verräterischen ehemaligen Weggefährten, verschwindet Abel ganz einfach in der Menschenmenge auf einem Pariser Boulevard. Ein Off-Kommentar berichtet alles Weitere – und das ist nicht mehr viel.
R Claude Sautet B Claude Sautet, José Giovanni, Pascal Jardin V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Georges Delerue A Rino Mondellini S Albert Jurgenson P Jean Darvey D Lino Ventura, Sandra Milo, Jean-Paul Belmondo, Marcel Dalio, Michel Ardan | F & I | 110 min | 1:1,66 | sw | 23. März 1960
Der Gangster Abel Davos (kompakt: Lino Ventura) ist seit Jahren auf der Flucht. In Frankreich zum Tode verurteilt, brennt ihm nun auch in Italien der Boden unter den Füßen – und er will zurück nach Paris. An der Grenze wird seine Frau erschossen, Abel bleibt allein mit seinen beiden kleinen Söhnen. Die (inzwischen saturierten) alten Freunde gehen auf (lebensgefährliche) Distanz, nur Éric Stark (ausgefuchst: Jean-Paul Belmondo), ein ihm bis dato vollkommen Unbekannter, bietet Abel Hilfe und Freundschaft … Claude Sautet gestaltet in seinem erfrischend unmoralisierenden Film eine einfache Geschichte über Einsamkeit und Gemeinschaft, über Treulosigkeit und Loyalität. Die lakonische Kamera (Ghislain Cloquet) stellt neorealistisch inspirierte Authentizität über gattungsspezifische Expressivität: kein dramatisches Hell-Dunkel, stattdessen unsentimentales Grau in Grau. »Classe tous risques« überzeugt als differenziert-milieuechtes Genrebild, als spröde-intensives Charakterstück der Blicke und Gesten, der kurzen Berührungen und knappen Wortwechsel. Am Ende, nach (aller-)letzten Begegnungen mit den verräterischen ehemaligen Weggefährten, verschwindet Abel ganz einfach in der Menschenmenge auf einem Pariser Boulevard. Ein Off-Kommentar berichtet alles Weitere – und das ist nicht mehr viel.
R Claude Sautet B Claude Sautet, José Giovanni, Pascal Jardin V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Georges Delerue A Rino Mondellini S Albert Jurgenson P Jean Darvey D Lino Ventura, Sandra Milo, Jean-Paul Belmondo, Marcel Dalio, Michel Ardan | F & I | 110 min | 1:1,66 | sw | 23. März 1960
18.3.60
Le trou (Jacques Becker, 1960)
Das Loch
Manu, Geo, Roland, Monseigneur – alle vier zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – planen den Ausbruch aus ihrer Zelle im Pariser Gefängnis La Santé, als unerwartet ein Fünfter zu ihnen gesperrt wird: Claude Gaspard, ein höflicher junger Mann aus besseren Kreisen, der wegen eines im Streit auf seine wohlhabende Gattin aufgefeuerten Schusses unter Mordverdacht steht. Nach skeptischem Beschnuppern weiht das Quartett den Neuankömmling in das gemeinschaftliche Vorhaben ein ... Ausgehend vom autobiographischen Debütroman des Exsträflings José Giovanni (der ein Ereignis aus dem Jahr 1947 schildert) beobachtet Jacques Becker mit Empathie und Detailversessenheit die allnächtliche, mühevolle, immerfort von Entdeckung bedrohte (Zusammen-)Arbeit der Gruppe: die erfindungsreiche Zurichtung von Werkzeugen und Hilfsmitteln, den Durchbruch durch den Zellenboden in das labyrinthische Kellergewölbe der Haftanstalt, das Tunnelgraben zur Umgehung einer Betonmauer in der Kanalisation. Größtenteils mit nichtprofessionellen Darstellern besetzt (einer der echten Ausbrecher spielt sich selbst), von Ghislain Cloquet meisterlich in semidokumentarischem Grau-in-Grau fotografiert, erzählt »Le trou« (unter völligem Verzicht auf dramatisierende Musikbegleitung) von Vertrauen und Kameradschaft, von Ausdauer und Geduld – nicht ohne zuletzt ganz unsentimental die Macht des Schicksals über die Kraft des Willen siegen zu lassen: Nach einem kurzer Blick in die Freiheit aus einem Gullideckel, erweist sich, daß der anfängliche Argwohn der gestandenen Kriminellen gegen den gutbürgerlichen Gelegenheitstäter nicht unbegründet war.
R Jacques Becker B Jacques Becker, Jean Aurel, José Giovanni V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Philippe Arthuys A Rino Mondellini S Marguerite Renoir P Serge Silberman D Michel Constantin, Philippe Leroy, Jean Keraudy, Marc Michel, Raymond Meunier | F | 132 min | 1:1,66 | f | 18. März 1960
# 1124 | 11. Juni 2018
Manu, Geo, Roland, Monseigneur – alle vier zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – planen den Ausbruch aus ihrer Zelle im Pariser Gefängnis La Santé, als unerwartet ein Fünfter zu ihnen gesperrt wird: Claude Gaspard, ein höflicher junger Mann aus besseren Kreisen, der wegen eines im Streit auf seine wohlhabende Gattin aufgefeuerten Schusses unter Mordverdacht steht. Nach skeptischem Beschnuppern weiht das Quartett den Neuankömmling in das gemeinschaftliche Vorhaben ein ... Ausgehend vom autobiographischen Debütroman des Exsträflings José Giovanni (der ein Ereignis aus dem Jahr 1947 schildert) beobachtet Jacques Becker mit Empathie und Detailversessenheit die allnächtliche, mühevolle, immerfort von Entdeckung bedrohte (Zusammen-)Arbeit der Gruppe: die erfindungsreiche Zurichtung von Werkzeugen und Hilfsmitteln, den Durchbruch durch den Zellenboden in das labyrinthische Kellergewölbe der Haftanstalt, das Tunnelgraben zur Umgehung einer Betonmauer in der Kanalisation. Größtenteils mit nichtprofessionellen Darstellern besetzt (einer der echten Ausbrecher spielt sich selbst), von Ghislain Cloquet meisterlich in semidokumentarischem Grau-in-Grau fotografiert, erzählt »Le trou« (unter völligem Verzicht auf dramatisierende Musikbegleitung) von Vertrauen und Kameradschaft, von Ausdauer und Geduld – nicht ohne zuletzt ganz unsentimental die Macht des Schicksals über die Kraft des Willen siegen zu lassen: Nach einem kurzer Blick in die Freiheit aus einem Gullideckel, erweist sich, daß der anfängliche Argwohn der gestandenen Kriminellen gegen den gutbürgerlichen Gelegenheitstäter nicht unbegründet war.
R Jacques Becker B Jacques Becker, Jean Aurel, José Giovanni V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Philippe Arthuys A Rino Mondellini S Marguerite Renoir P Serge Silberman D Michel Constantin, Philippe Leroy, Jean Keraudy, Marc Michel, Raymond Meunier | F | 132 min | 1:1,66 | f | 18. März 1960
# 1124 | 11. Juni 2018
Labels:
Ausbruch,
Drama,
Freundschaft,
Gefängnis,
Giovanni,
Jacques Becker,
Justiz,
Kanalisation,
Paris,
Thriller
16.3.60
À bout de souffle (Jean-Luc Godard, 1960)
Außer Atem
Es ist nicht nur die lässige Verachtung der Konvention, die spielerische Befreiung des Kinos von den filmischen Sprachregelungen, die »À bout de souffle« auszeichnet (und so wundersam frisch halten wird), es ist vor allem die ganz beiläufige Befreiung des Kinos von, nein, nicht von der Literatur, sondern vom: Literarischen, die Befreiung vom Diktat der konstruierten Authentizität, der fein gesponnenen Handlungsfäden, der psychologisch stimmigen Charaktere. Nach den Regeln der klassischen Erzählkunst stimmt hier nichts – Michel (Belmondo) und Patricia (Seberg) verhalten sich weder wie Menschen noch wie Kinofiguren, sie verhalten sich wie Menschen, die sich verhalten wir Kinofiguren (oder umgekehrt). Das Paris, durch das sie laufen, in dem sie miteinander aneinander vorbeireden, in dem sie sich lieben (oder was sie dafür halten), ist trotz Handkamera und natürlichen Lichts kulissenhafter als jeder Studiobau. Die Geschichte der beiden: aus Kinoversatzstücken generiert. Ihr Verhalten, ihre Gesten, ihre Gefühle: Abzüge von Negativen, die das Kino geliefert hat. Mit Godards Debütfilm wird das Erleben im Kino zur zweiten Wirklichkeit, zur ganz unmittelbaren Erfahrung, die sich im Leben (und in den Filmen!) der Kinogänger genauso niederschlägt wie die sogenannten realen Ereignisse in der sogenannten wirklichen Welt. Und neben der ganzen Theorie (die ja sowieso nicht mehr interessiert, wenn die Leinwand ins Dunkel strahlt) ist da Michels nonchalantes Dem-Tod-Entgegensegeln, dieser post-pubertäre après-guerre-Fatalismus, der so gar nicht zum revolutionären Gestus der Form passen will: »C’est normal. Les dénonciateurs dénoncent. Les assassins assassinent. Les amoureux s’aiment.« Und Patricia, die so viel redet und nicht weiß was das ist: »dégeulasse«. Und der unsterbliche Satz aus dem Mund von Jean-Pierre Melville alias Parvulesco, der auf die Frage nach seinem Lebensziel antwortet: »Devenir immortel et puis mourir.« Ein zum Kotzen schöner Film.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Martial Solal S Cécile Decugis, Lila Herman P Georges de Beauregard D Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger, Jean-Pierre Melville, Henri-Jacques Huet | F | 90 min | 1:1,37 | sw | 16. März 1960
Es ist nicht nur die lässige Verachtung der Konvention, die spielerische Befreiung des Kinos von den filmischen Sprachregelungen, die »À bout de souffle« auszeichnet (und so wundersam frisch halten wird), es ist vor allem die ganz beiläufige Befreiung des Kinos von, nein, nicht von der Literatur, sondern vom: Literarischen, die Befreiung vom Diktat der konstruierten Authentizität, der fein gesponnenen Handlungsfäden, der psychologisch stimmigen Charaktere. Nach den Regeln der klassischen Erzählkunst stimmt hier nichts – Michel (Belmondo) und Patricia (Seberg) verhalten sich weder wie Menschen noch wie Kinofiguren, sie verhalten sich wie Menschen, die sich verhalten wir Kinofiguren (oder umgekehrt). Das Paris, durch das sie laufen, in dem sie miteinander aneinander vorbeireden, in dem sie sich lieben (oder was sie dafür halten), ist trotz Handkamera und natürlichen Lichts kulissenhafter als jeder Studiobau. Die Geschichte der beiden: aus Kinoversatzstücken generiert. Ihr Verhalten, ihre Gesten, ihre Gefühle: Abzüge von Negativen, die das Kino geliefert hat. Mit Godards Debütfilm wird das Erleben im Kino zur zweiten Wirklichkeit, zur ganz unmittelbaren Erfahrung, die sich im Leben (und in den Filmen!) der Kinogänger genauso niederschlägt wie die sogenannten realen Ereignisse in der sogenannten wirklichen Welt. Und neben der ganzen Theorie (die ja sowieso nicht mehr interessiert, wenn die Leinwand ins Dunkel strahlt) ist da Michels nonchalantes Dem-Tod-Entgegensegeln, dieser post-pubertäre après-guerre-Fatalismus, der so gar nicht zum revolutionären Gestus der Form passen will: »C’est normal. Les dénonciateurs dénoncent. Les assassins assassinent. Les amoureux s’aiment.« Und Patricia, die so viel redet und nicht weiß was das ist: »dégeulasse«. Und der unsterbliche Satz aus dem Mund von Jean-Pierre Melville alias Parvulesco, der auf die Frage nach seinem Lebensziel antwortet: »Devenir immortel et puis mourir.« Ein zum Kotzen schöner Film.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Martial Solal S Cécile Decugis, Lila Herman P Georges de Beauregard D Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger, Jean-Pierre Melville, Henri-Jacques Huet | F | 90 min | 1:1,37 | sw | 16. März 1960
10.3.60
Plein soleil (René Clément, 1960)
Nur die Sonne war Zeuge
»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.
R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960
»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.
R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960
4.3.60
Il bell’Antonio (Mauro Bolognini, 1960)
Bel Antonio
Nach einigen in Rom verbrachten Jahren kehrt Antonio (Marcello Mastroianni) in seine Heimatstadt Catania zurück. Der attraktive Sohn aus gutem Hause steht im Ruf eines unwiderstehlichen Don Juan, vor dessen Tür die Frauen heulen wie rollige Katzen. Doch eine gewisse Melancholie umweht den Schwerenöter, den der ambitiöse Vater (Pierre Brasseur) mit einer jungen Frau aus vermögender Familie verheiraten will. Antonio, obwohl von den Plänen zunächst wenig begeistert, verliert sein Herz an das Bild der ihm zugedachten Braut: Barbara (Claudia Cardinale) erscheint dem erschöpften Casanova wie der Inbegriff von Reinheit, wie ein Versprechen auf Erlösung … Mauro Bolognini (Regie) und Pier Paolo Pasolini (Drehbuch) erzählen (nach einen Roman des sizilianischen Autors Vitaliano Brancati) eine gallige Komödie der Impotenz, eine sarkastische Betrachtung der Zerstörungskraft versteinerter Geschlechterrollen (und der Ehe als Geschäftsmodell), eine tragische Farce über das Versagen im Moment der Erfüllung. Die Liebe selbst ist es, die den routinierten Liebhaber körperlich erschlaffen läßt, die in ihm Abscheu vor der eigenen wahnhaften Männlichkeit erregt … »Il bell’Antonio« treibt die Geschichte der Unlust mit gnadenloser Folgerichtigkeit an ihr groteskes Ende: Als die engelhafte Barbara ein Jahr nach der Hochzeit noch immer unberührt ist, wird der ewige Bund mit Antonio annulliert. Der Vater stirbt beim Versuch, die Familienehre zu retten, indem er im Bordell die eigene Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellt. Die Schwangerschaft eines Dienstmädchens ist für die trauernde Witwe willkommener Anlaß, die Leistungsstärke ihres Sohnes in die Nachbarschaft hinauszuschreien: Der Gockel ist tot, es lebe der Gockel.
R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Gino Visentini V Vitaliano Brancati K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Alfredo Bini D Marcello Mastroianni, Claudia Cardinale, Pierre Brasseur, Rina Morelli, Tomas Milian | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 4. März 1960
# 920 | 18. November 2014
Nach einigen in Rom verbrachten Jahren kehrt Antonio (Marcello Mastroianni) in seine Heimatstadt Catania zurück. Der attraktive Sohn aus gutem Hause steht im Ruf eines unwiderstehlichen Don Juan, vor dessen Tür die Frauen heulen wie rollige Katzen. Doch eine gewisse Melancholie umweht den Schwerenöter, den der ambitiöse Vater (Pierre Brasseur) mit einer jungen Frau aus vermögender Familie verheiraten will. Antonio, obwohl von den Plänen zunächst wenig begeistert, verliert sein Herz an das Bild der ihm zugedachten Braut: Barbara (Claudia Cardinale) erscheint dem erschöpften Casanova wie der Inbegriff von Reinheit, wie ein Versprechen auf Erlösung … Mauro Bolognini (Regie) und Pier Paolo Pasolini (Drehbuch) erzählen (nach einen Roman des sizilianischen Autors Vitaliano Brancati) eine gallige Komödie der Impotenz, eine sarkastische Betrachtung der Zerstörungskraft versteinerter Geschlechterrollen (und der Ehe als Geschäftsmodell), eine tragische Farce über das Versagen im Moment der Erfüllung. Die Liebe selbst ist es, die den routinierten Liebhaber körperlich erschlaffen läßt, die in ihm Abscheu vor der eigenen wahnhaften Männlichkeit erregt … »Il bell’Antonio« treibt die Geschichte der Unlust mit gnadenloser Folgerichtigkeit an ihr groteskes Ende: Als die engelhafte Barbara ein Jahr nach der Hochzeit noch immer unberührt ist, wird der ewige Bund mit Antonio annulliert. Der Vater stirbt beim Versuch, die Familienehre zu retten, indem er im Bordell die eigene Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellt. Die Schwangerschaft eines Dienstmädchens ist für die trauernde Witwe willkommener Anlaß, die Leistungsstärke ihres Sohnes in die Nachbarschaft hinauszuschreien: Der Gockel ist tot, es lebe der Gockel.
R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Gino Visentini V Vitaliano Brancati K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Alfredo Bini D Marcello Mastroianni, Claudia Cardinale, Pierre Brasseur, Rina Morelli, Tomas Milian | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 4. März 1960
# 920 | 18. November 2014
Labels:
Bolognini,
Brasseur,
Cardinale,
Catania,
Drama,
Ehe,
Gesellschaft,
Mastroianni,
Pasolini,
Sizilien,
Tragikomödie
3.3.60
Home from the Hill (Vincente Minnelli, 1960)
Erbe des Blutes
Melodrama um die dysfunktionale texanische Familie Hunnicutt, angesiedelt irgendwo zwischen Aischylos und Seifenoper: Robert Mitchum als viriler Patriarch auf der Jagd nach Frauen und Wild; Eleanor Parker als seine desillusioniert-widersetzliche Gemahlin; George Hamilton als sein sensibler Erbe; George Peppard als sein natürlicher Sohn und einzig menschliches Wesen in diesem vermögenden Elend. »Home from the Hill« schildert in panoramischer Breite einen eiskalten Ehekrieg, ausgetragen auf dem Rücken des vorgeblich geliebten Nachkommen, der sich schließlich in demselben Teufelskreis wiederfindet, den die Eltern zeit ihres Lebens durchliefen. Vincente Minnelli entfaltet einmal mehr sein Talent, mittels stilisierter Settings nicht nur Stimmung zu machen, sondern zugleich Bedeutung zu transportieren und Personen zu charakterisieren: Mitchums Salon etwa – blutrot tapeziert, voller Hunde, Trophäen und Waffen – spricht von Macht und Selbstgewißheit, aber auch von Gewalt und Tod. Und der Tod lächelt uns alle an ...
R Vincente Minnelli B Harriet Frank Jr., Irving Ravetch V William Humphrey K Milton Krasner M Bronislau Kaper A Preston Ames, George W. Davis S Harold F. Krass P Sol C. Siegel, Edmund Grainger D Robert Mitchum, Eleanor Parker, George Peppard, George Hamilton, Everett Sloane | USA | 150 min | 1:2,35 | f | 3. März 1960
Melodrama um die dysfunktionale texanische Familie Hunnicutt, angesiedelt irgendwo zwischen Aischylos und Seifenoper: Robert Mitchum als viriler Patriarch auf der Jagd nach Frauen und Wild; Eleanor Parker als seine desillusioniert-widersetzliche Gemahlin; George Hamilton als sein sensibler Erbe; George Peppard als sein natürlicher Sohn und einzig menschliches Wesen in diesem vermögenden Elend. »Home from the Hill« schildert in panoramischer Breite einen eiskalten Ehekrieg, ausgetragen auf dem Rücken des vorgeblich geliebten Nachkommen, der sich schließlich in demselben Teufelskreis wiederfindet, den die Eltern zeit ihres Lebens durchliefen. Vincente Minnelli entfaltet einmal mehr sein Talent, mittels stilisierter Settings nicht nur Stimmung zu machen, sondern zugleich Bedeutung zu transportieren und Personen zu charakterisieren: Mitchums Salon etwa – blutrot tapeziert, voller Hunde, Trophäen und Waffen – spricht von Macht und Selbstgewißheit, aber auch von Gewalt und Tod. Und der Tod lächelt uns alle an ...
R Vincente Minnelli B Harriet Frank Jr., Irving Ravetch V William Humphrey K Milton Krasner M Bronislau Kaper A Preston Ames, George W. Davis S Harold F. Krass P Sol C. Siegel, Edmund Grainger D Robert Mitchum, Eleanor Parker, George Peppard, George Hamilton, Everett Sloane | USA | 150 min | 1:2,35 | f | 3. März 1960
2.3.60
Der rote Kreis (Jürgen Roland, 1960)
Ein maskierter Erpresser quetscht Londons Oberschicht aus und schickt alle, die nicht kooperieren, unter Zurücklassung seines blutroten Signums umstandslos ins Jenseits. Der altgediente Chefinspektor (Karl-Georg Saebisch) gerät mangels greifbarer Ermittlungsergebnisse ins Kreuzfeuer der medialen Kritik und muß die Mitarbeit eines (zwei-)schneidigen Privatdetektivs (Klausjürgen Wussow) akzeptieren … Jürgen Roland legt im synthetischen Wallace-England vielen falschen Fährten, läßt noch mehr lose Enden hängen, arrangiert das mörderische Treiben weitestgehend ohne aufgesetzte ironische Kapriolen – selbst Eddi Arent nimmt sich zurück, gibt das stone face nicht den Pausenclown. Abgesehen davon erlaubt »Der rote Kreis« seiner Hauptdarstellerin Renate Ewert einen sympathischen Hauch von weiblicher Fatalität (die am Ende freilich sicher unter die Haube gebracht wird).
R Jürgen Roland B Trygve Larsen (= Egon Eis), Wolfgang Menge V Edgar Wallace K Heinz Pehlke M Willi Mattes A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Karl-Georg Saebisch, Renate Ewert, Klausjürgen Wussow, Eddi Arent, Fritz Rasp | BRD & DK | 91 min | 1:1,66 | sw | 2. März 1960
R Jürgen Roland B Trygve Larsen (= Egon Eis), Wolfgang Menge V Edgar Wallace K Heinz Pehlke M Willi Mattes A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Karl-Georg Saebisch, Renate Ewert, Klausjürgen Wussow, Eddi Arent, Fritz Rasp | BRD & DK | 91 min | 1:1,66 | sw | 2. März 1960
26.2.60
Der schweigende Stern (Kurt Maetzig, 1960)
Das internationalistisch besetzte Raumschiff ›Kosmokrator‹ reist anno 1970 zur Venus, nachdem auf der Erde eine mysteriöse Botschaft des Nachbarplaneten gefunden wurde. Der Stern schweigt sich zwar hartnäckig aus, dafür reden die Protagonisten dieser reichlich zähen Defa-Utopie (unter ihnen Günther Simon als Pilot Brinkmann) um so mehr – vor allem über Fortschritt, Völkerverständigung und drohenden Atomtod. Wenn auch die (locker auf einem Frühwerk von Stanisław Lem basierende) Erzählung nicht gerade mitreißt und Kurt Maetzig einen großen politisch-moralischen Zeigefinger durchs Geschehen bohrt, so sorgen doch die in glühendes Agfacolor getauchten, von Surrealisten wie Tanguy, Dalí und Max Ernst inspirierten, venusischen Endzeit-Dekorationen für bizarre optische Aha-Effekte.
R Kurt Maetzig B Jan Fethke, Wolfgang Kohlhaase, Günter Reisch, Günther Rücker, Alexander Graf Stenbock-Fermor, Kurt Maetzig V Stanisław Lem K Joachim Hasler M Andrzej Markowski A Anatol Radzinowicz, Alfred Hirschmeier S Lena Neumann P Hans Mahlich, Edward Zajicek D Günther Simon, Yoko Tani, Oldrich Lukes, Ignacy Machhowski, Michail N. Postnikow | DDR & PL | 95 min | 1:2,35 | f | 26. Februar 1960
R Kurt Maetzig B Jan Fethke, Wolfgang Kohlhaase, Günter Reisch, Günther Rücker, Alexander Graf Stenbock-Fermor, Kurt Maetzig V Stanisław Lem K Joachim Hasler M Andrzej Markowski A Anatol Radzinowicz, Alfred Hirschmeier S Lena Neumann P Hans Mahlich, Edward Zajicek D Günther Simon, Yoko Tani, Oldrich Lukes, Ignacy Machhowski, Michail N. Postnikow | DDR & PL | 95 min | 1:2,35 | f | 26. Februar 1960
Labels:
Atom,
Günther Simon,
Kohlhaase,
Lem,
Maetzig,
Raumfahrt,
Reisch,
Rücker,
Science fiction,
Venus
8.2.60
Jungfrukällan (Ingmar Bergman, 1960)
Die Jungfrauenquelle
Eine archaische Legende aus dem Dämmerlicht des (noch nicht ganz so) christlichen Mittelalters, spröde, beinahe eindimensional gespielt, dargeboten in hartem Licht und holzschnittartigen Kadragen (Kamera: Sven Nykvist), in knappen, gravitätischen Dialogen und ohne den Trost von Musik. (Nur eine Maultrommel ertönt, und sie verkündet kommendes Unheil …) Die jungfräulich-verwöhnte Tochter eines reichen Bauern (Max von Sydow) wird auf dem Ritt vom Gutshof zur Kirche, wohin sie geschickt wurde, um Kerzen weihen zu lassen, von Wegelageren überfallen, geschändet und erschlagen. Der Vater nimmt grausame Rache, hadert mit einem Gott, der Mord und tödliche Vergeltung zuläßt. Gott, in seinem unerforschlichen Ratschluß, läßt ein Wunder geschehen und am Ort der Bluttat eine Quelle entspringen. Ingmar Bergman findet in »Jungfrukällan« durch suggestive Bildsprache und äußerste erzählerische Reduktion zu fast brutaler gestalterischer Geschlossenheit in der Art einer erlesenen Primitivität – den Höhepunkt bildet sicherlich jene Sequenz, in der Max von Sydow im Morgengrauen eine junge Birke niederringt, mit deren Zweigen er sich im Dampfbad schlägt und reinigt, bevor er zur Bestrafung der Unholde schreitet.
R Ingmar Bergman B Ulla Isaksson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Birgitta Valberg, Birgitta Pettersson, Gunnel Lindblom, Axel Düberg | S | 89 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1960
Eine archaische Legende aus dem Dämmerlicht des (noch nicht ganz so) christlichen Mittelalters, spröde, beinahe eindimensional gespielt, dargeboten in hartem Licht und holzschnittartigen Kadragen (Kamera: Sven Nykvist), in knappen, gravitätischen Dialogen und ohne den Trost von Musik. (Nur eine Maultrommel ertönt, und sie verkündet kommendes Unheil …) Die jungfräulich-verwöhnte Tochter eines reichen Bauern (Max von Sydow) wird auf dem Ritt vom Gutshof zur Kirche, wohin sie geschickt wurde, um Kerzen weihen zu lassen, von Wegelageren überfallen, geschändet und erschlagen. Der Vater nimmt grausame Rache, hadert mit einem Gott, der Mord und tödliche Vergeltung zuläßt. Gott, in seinem unerforschlichen Ratschluß, läßt ein Wunder geschehen und am Ort der Bluttat eine Quelle entspringen. Ingmar Bergman findet in »Jungfrukällan« durch suggestive Bildsprache und äußerste erzählerische Reduktion zu fast brutaler gestalterischer Geschlossenheit in der Art einer erlesenen Primitivität – den Höhepunkt bildet sicherlich jene Sequenz, in der Max von Sydow im Morgengrauen eine junge Birke niederringt, mit deren Zweigen er sich im Dampfbad schlägt und reinigt, bevor er zur Bestrafung der Unholde schreitet.
R Ingmar Bergman B Ulla Isaksson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Birgitta Valberg, Birgitta Pettersson, Gunnel Lindblom, Axel Düberg | S | 89 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1960
Labels:
Drama,
Familie,
Ingmar Bergman,
Legende,
Lindblom,
Mittelalter,
von Sydow
3.2.60
La dolce vita (Federico Fellini, 1960)
Das süße Leben
»Dieses Fest wird nie ein Ende nehmen.« Klatschreporter Marcello (Mastroianni) führt das staunende Publikum als munter-melancholischer Cicerone durch die Pseudo-Welt der deformierten Schönen und elenden Reichen: Da wird das nächtliche Bad eines dumm-sinnlichen Busenstars im barocken Brunnen zum großen Glücksversprechen, da dient die soziale Misere als exotische Kulisse zur Steigerung von schalen Lustgefühlen, da findet die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung ihre Erfüllung nur mehr in medial verwursteter Scharlatanerie. Überhaupt die Medien: Anschaulich wie kaum ein anderer Film beschreibt »La dolce vita« (in Form eines bewußt fragmentarisch angelegten Freskos) die Fiktionalisierung des realen Lebens in einer Gesellschaft, die (nach Guy Debord) »die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht … denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit.« Während Filmschauspieler und Adelige, Jet-Setter und Parvenüs einen ewigen bunten Abend in tristen Farben feiern, bleibt den verstörten Intellektuellen nichts als die bedingungslose Kapitulation – entweder indem sie sich (und den Ihren) die Kugel geben oder indem sie als Zeremonienmeister des stumpfsinnigen Vergnügens agieren. Federico Fellinis bösartiger, staunender, angeekelter, mitleidender Blick auf die (nicht nur) neurömische Dekadenz wird in 2000 Jahren – falls es dann noch Filmprojektoren geben sollte – davon künden, wie es war, das Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: so süß, daß es schmerzt.
R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Otello Martelli M Nino Rota A Piero Gherardi S Leo Cattozzo P Angelo Rizzoli, Giuseppe Amato D Marcello Mastroianni, Anita Ekberg, Anouk Aimée, Yvonne Furneaux, Alain Cuny | I & F | 174 min | 1:2,35 | sw | 3. Februar 1960
»Dieses Fest wird nie ein Ende nehmen.« Klatschreporter Marcello (Mastroianni) führt das staunende Publikum als munter-melancholischer Cicerone durch die Pseudo-Welt der deformierten Schönen und elenden Reichen: Da wird das nächtliche Bad eines dumm-sinnlichen Busenstars im barocken Brunnen zum großen Glücksversprechen, da dient die soziale Misere als exotische Kulisse zur Steigerung von schalen Lustgefühlen, da findet die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung ihre Erfüllung nur mehr in medial verwursteter Scharlatanerie. Überhaupt die Medien: Anschaulich wie kaum ein anderer Film beschreibt »La dolce vita« (in Form eines bewußt fragmentarisch angelegten Freskos) die Fiktionalisierung des realen Lebens in einer Gesellschaft, die (nach Guy Debord) »die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht … denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit.« Während Filmschauspieler und Adelige, Jet-Setter und Parvenüs einen ewigen bunten Abend in tristen Farben feiern, bleibt den verstörten Intellektuellen nichts als die bedingungslose Kapitulation – entweder indem sie sich (und den Ihren) die Kugel geben oder indem sie als Zeremonienmeister des stumpfsinnigen Vergnügens agieren. Federico Fellinis bösartiger, staunender, angeekelter, mitleidender Blick auf die (nicht nur) neurömische Dekadenz wird in 2000 Jahren – falls es dann noch Filmprojektoren geben sollte – davon künden, wie es war, das Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: so süß, daß es schmerzt.
R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Otello Martelli M Nino Rota A Piero Gherardi S Leo Cattozzo P Angelo Rizzoli, Giuseppe Amato D Marcello Mastroianni, Anita Ekberg, Anouk Aimée, Yvonne Furneaux, Alain Cuny | I & F | 174 min | 1:2,35 | sw | 3. Februar 1960
Labels:
Adel,
Aimée,
Drama,
Ekberg,
Fellini,
Flaiano,
Gesellschaft,
Mastroianni,
Presse,
Religion,
Rom,
Tragikomödie
Abonnieren
Posts (Atom)