Eine auswärtige Affäre
»Amidst the ruins of Berlin / Trees are in bloom as they have never been.« Billy Wilders böse Komödie aus den Gründerjahren der deutsch-amerikanischen Freundschaft handelt über eine politisch-militärisch-private Dreieckgeschichte in den Ruinen von Berlin: Da ist die spröde republikanische Congresswoman Phoebe Frost (!) (Jean Arthur), die die ethische Konstitution der US-Besatzungstruppen scharf unter die Lupe nehmen will, da ist der scheinbar so adrette Captain John Pringle (John Lund), der einen reichlich erweiterten Moralbegriff hat, und da ist die magnetische Diseuse Erika von Schlütow (mit der Betonung auf ›von‹) (Marlene Dietrich), die sich mit Uniformträgern aller Couleur gut stand und steht. Es geht um Liebe (was man nach einem verlorenen bzw. gewonnenen Krieg halt so Liebe nennt), Schwarzmarkt (»Laces for the missis, chewing gum for kisses.«) sowie historische Altlasten (und deren (versuchte) Entsorgung). Nachdem die Protagonisten über das breite Trümmerfeld zwischen Tugend und Laster gestolpert sind, kriegen sie am Ende ihres (Erkenntnis-)Weges vom illusionslosen Wilder (der ein gewisses Maß an Unsittlichkeit der Bigotterie stets vorzieht) allesamt das, was sie verdienen. PS: Friedrich Hollaender steuert drei tolle Chansons für Marlene bei (und begleitet höchstselbst am Klavier).
R Billy Wilder B Billy Wilder, Charles Brackett K Charles Lang M Friedrich Hollaender A Hans Dreier, Walter Tyler S Doane Harrison P Charles Brackett D Jean Arthur, Marlene Dietrich, John Lund, Millard Mitchell, Peter von Zerneck | USA | 116 min | 1:1,37 | sw | 20. August 1948
20.8.48
16.7.48
Key Largo (John Huston, 1948)
Gangster in Key Largo
Die Handlung des Films – Kriminelle halten die Bewohner eines Florida-Hotels in Schach – basiert auf einem Bühnenstück, und John Hustons Inszenierung fühlt sich entsprechend stagy an. Der Magnetismus zwischen Humprey Bogart (als desillusionierter Ex-Offizier) und Lauren Bacall (als junge Witwe) ist zwar nicht ganz so ausgeprägt wie bei früheren Gelegenheiten, aber Edward G. Robinson als altgewordener Mobster Johnny Rocco und Claire Trevor als seine alkoholische Geliebte liefern vollreife Leistungen. In der besten Szene des Films zwingt Rocco, seine um einen Drink bettelnde Freundin für Whisky zu singen – eine gnadenlos-peinliche Infamie und genau der Moment, in dem sich der gebrochene Bogey-Charakter endlich zum Widerstand entschließt.
R John Huston B Richard Brooks, John Huston V Maxwell Anderson K Karl Freund M Max Steiner A Leo K. Kuter S Rudie Fehr P Jerry Wald D Humphrey Bogart, Edward G. Robinson, Lauren Bacall, Lionel Barrymore, Claire Trevor | USA | 100 min | 1:1,37 | sw | 16. Juli 1948
Die Handlung des Films – Kriminelle halten die Bewohner eines Florida-Hotels in Schach – basiert auf einem Bühnenstück, und John Hustons Inszenierung fühlt sich entsprechend stagy an. Der Magnetismus zwischen Humprey Bogart (als desillusionierter Ex-Offizier) und Lauren Bacall (als junge Witwe) ist zwar nicht ganz so ausgeprägt wie bei früheren Gelegenheiten, aber Edward G. Robinson als altgewordener Mobster Johnny Rocco und Claire Trevor als seine alkoholische Geliebte liefern vollreife Leistungen. In der besten Szene des Films zwingt Rocco, seine um einen Drink bettelnde Freundin für Whisky zu singen – eine gnadenlos-peinliche Infamie und genau der Moment, in dem sich der gebrochene Bogey-Charakter endlich zum Widerstand entschließt.
R John Huston B Richard Brooks, John Huston V Maxwell Anderson K Karl Freund M Max Steiner A Leo K. Kuter S Rudie Fehr P Jerry Wald D Humphrey Bogart, Edward G. Robinson, Lauren Bacall, Lionel Barrymore, Claire Trevor | USA | 100 min | 1:1,37 | sw | 16. Juli 1948
9.7.48
Grube Morgenrot (Erich Freund & Wolfgang Schleif, 1948)
Es weht noch viel Ufa-Flair durch die Inszenierung des ersten Defa-Films, der sich ganz der Schilderung von Proletarierschicksalen verschreibt – rhetorisches Pathos, idealisierende Kameraarbeit und schmetternde Musikbegleitung werden auch nach der historischen Katastrophe ganz selbstverständlich zum Einsatz gebracht. Das Stück selbst kündet indes von einer neuen Zeit. Es beginnt kurz nach dem Krieg, in der arg ramponierten Grube Morgenrot im Erzgebirge: Arbeiter übernehmen das Regiment – und erinnern sich an die (kurze) Zeitspanne, als sie schon einmal Grubenherren waren. 1931, während der Weltwirtschaftkrise, hatten die Bergleute den (damals unwirtschaftlichen) Betrieb von den Zechenbesitzern geschenkt bekommen (und nach 71 Tagen wieder verloren) … Den Regisseuren Erich Freund und Wolfgang Schleif (der sein Handwerk als Cutter und Assistent von Veit Harlan lernte) gelingt es, trotz gelegentlicher Phraseologie, sehr überzeugend, die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kumpel und den verzweifelten, ja selbstmörderischen Kampf der Hauer, Stößer, Schrämer gegen die Schließung ihres Bergwerks, gegen die Vernichtung ihrer Existenz anschaulich zu gestalten. Zentralfigur der (auf tatsächlichen Ereignissen beruhenden) Erzählung ist ein junger Steiger (Claus Holm), der als einziger darauf beharrt, daß es nur besser werden kann, wenn sich die (Besitz-)Verhältnisse insgesamt ändern, wenn Rentabilität und Sicherheit keinen Widerspruch mehr darstellen. Am Ende darf er mahnend aber zukunftsfroh verkünden: »Arbeiten müssen wir mehr denn je, denn ihr wißt ja, was heute die Kohle bedeutet. Für uns bedeutet sie Schweiß und Brot, für unser Volk Arbeit und besseres Leben, und daß sie Frieden bedeutet, das soll unser aller Sorge sein.«
R Erich Freund, Wolfgang Schleif B Joachim Barckhausen, Alexander Graf Stenbock-Fermor K Ernst Wilhelm Fiedler M Wolfgang Zeller A Franz F. Fürst S Hermann Ludwig P Adolf Hannemann D Claus Holm, Karl Hellmer, Arno Paulsen, Gisela Trowe, Lotte Loebinger | D (O) | 88 min | 1:1,37 | sw | 9. Juli 1948
R Erich Freund, Wolfgang Schleif B Joachim Barckhausen, Alexander Graf Stenbock-Fermor K Ernst Wilhelm Fiedler M Wolfgang Zeller A Franz F. Fürst S Hermann Ludwig P Adolf Hannemann D Claus Holm, Karl Hellmer, Arno Paulsen, Gisela Trowe, Lotte Loebinger | D (O) | 88 min | 1:1,37 | sw | 9. Juli 1948
Labels:
30er Jahre,
Arbeit,
Bergwerk,
Drama,
Erzgebirge,
Freund,
Kapitalismus,
Nachkrieg,
Politik,
Schleif,
Weltwirtschaftskrise,
Wirtschaft
11.6.48
The Pirate (Vincente Minnelli, 1948)
Der Pirat
»There’s a pirate known to fame / Black Macoco was the pirate’s name.« Ein fahrender Schauspieler («It's hard to kill an actor.« – Gene Kelly), der vorgibt ein berüchtigter Seeräuber zu sein; ein einst berüchtigter Seeräuber (»The sound of my name was like thunder rolling in from the sea!« – Walter Slezak), der vorgibt, ein wohlhabender Ehrenmann zu sein; dazwischen Judy Garland (»Underneath this prim exterior, there are depths of emotion, romantic longings, unfulfilled dreams.«), die sich danach sehnt, von einem berüchtigten Seeräuber aus der gepflegten Langeweile ihrer Mädchenjahre erlöst zu werden. Mit allem, was MGM an Talent (Songs: Cole Porter / Technicolor-Kamera: Harry Stradling / Bauten: Jack Martin Smith / Kostüme: Irene) auf die Leinwand knallen konnte, phantasiert Vincente Minnelli nach der Devise »more is more« ein hochparodistisches, extravagant ausstaffiertes, karibisch-romantisches Swashbuckler-Musical zusammen, das in hermetischer Irrealität und budenzauberhaftem overstatement die Wechselwirkung von Tatsachen und Wunschbildern ausmalt. »And I’m ›loco‹ for Mack, Mack / Mack the Black, Macoco!«
R Vincente Minnelli B Albert Hackett, Frances Goodrich V S. N. Behrman K Harry Stradling M diverse A Cedric Gibbons, Jack Martin Smith S Blanche Sewell P Arthur Freed D Judy Garland, Gene Kelly, Walter Slezak, Gladys Cooper, George Zucco | USA | 102 min | 1:1,37 | f | 11. Juni 1948
»There’s a pirate known to fame / Black Macoco was the pirate’s name.« Ein fahrender Schauspieler («It's hard to kill an actor.« – Gene Kelly), der vorgibt ein berüchtigter Seeräuber zu sein; ein einst berüchtigter Seeräuber (»The sound of my name was like thunder rolling in from the sea!« – Walter Slezak), der vorgibt, ein wohlhabender Ehrenmann zu sein; dazwischen Judy Garland (»Underneath this prim exterior, there are depths of emotion, romantic longings, unfulfilled dreams.«), die sich danach sehnt, von einem berüchtigten Seeräuber aus der gepflegten Langeweile ihrer Mädchenjahre erlöst zu werden. Mit allem, was MGM an Talent (Songs: Cole Porter / Technicolor-Kamera: Harry Stradling / Bauten: Jack Martin Smith / Kostüme: Irene) auf die Leinwand knallen konnte, phantasiert Vincente Minnelli nach der Devise »more is more« ein hochparodistisches, extravagant ausstaffiertes, karibisch-romantisches Swashbuckler-Musical zusammen, das in hermetischer Irrealität und budenzauberhaftem overstatement die Wechselwirkung von Tatsachen und Wunschbildern ausmalt. »And I’m ›loco‹ for Mack, Mack / Mack the Black, Macoco!«
R Vincente Minnelli B Albert Hackett, Frances Goodrich V S. N. Behrman K Harry Stradling M diverse A Cedric Gibbons, Jack Martin Smith S Blanche Sewell P Arthur Freed D Judy Garland, Gene Kelly, Walter Slezak, Gladys Cooper, George Zucco | USA | 102 min | 1:1,37 | f | 11. Juni 1948
Labels:
18. Jahrhundert,
Abenteuer,
Garland,
Gene Kelly,
Karibik,
Musical,
Piraten,
Romanze,
Vincente Minnelli
1.5.48
Berlin Express (Jacques Tourneur, 1948)
Berlin-Express
Eine Eisenbahnfahrt von Paris nach Berlin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Im Zug sitzen ein Amerikaner (patent: Robert Ryan), ein Brite, ein Franzose, ein Russe, ein Deutscher und eine polyglotte Sekretärin (stylisch: Merle Oberon). Set-up und Handlung – im Mittelpunkt steht ein Repräsentant des besseren Deutschland (geistesadlig: Paul Lukas), dem verschlagene Nazi-Untergründler an den Kragen wollen, was die Vertreter der Alliierten zu verhindern suchen – wirken ein wenig schematisch; die aus der Erzählung sprießenden Blütenträume von der Versöhnung der Ideologien und der staatlichen Vereinigung der geschlagenen, in Besatzungszonen zerteilten deutschen Nation erscheinen, eingedenk der weiteren historischen Entwicklung (kaum zwei Monate nach der Premiere des Films werden die Sowjets die Blockade über Westberlin verhängen) einigermaßen naiv. Die Inszenierung allerdings beweist Sinn für die unwirkliche Atmosphäre der Ruinenlandschaften (anders als der Titel vermuten läßt, spielt »Berlin Express« hauptsächlich in Frankfurt am Main), und die eindrücklichen Bilder der zerstörten Städte (Kamera: Lucien Ballard) machen Jacques Tourneurs politisch grundierten film noir zu einem wertvollen Dokument der Trümmersteinzeit.
R Jacques Tourneur B Harold Medford, Curt Siodmak K Lucien Ballard M Friedrich Hollaender A Albert S. D’Agostino S Sherman Todd P Bert Granet D Robert Ryan, Merle Oberon, Charles Korvin, Paul Lukas, Robert Coote | USA | 87 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1948
Eine Eisenbahnfahrt von Paris nach Berlin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Im Zug sitzen ein Amerikaner (patent: Robert Ryan), ein Brite, ein Franzose, ein Russe, ein Deutscher und eine polyglotte Sekretärin (stylisch: Merle Oberon). Set-up und Handlung – im Mittelpunkt steht ein Repräsentant des besseren Deutschland (geistesadlig: Paul Lukas), dem verschlagene Nazi-Untergründler an den Kragen wollen, was die Vertreter der Alliierten zu verhindern suchen – wirken ein wenig schematisch; die aus der Erzählung sprießenden Blütenträume von der Versöhnung der Ideologien und der staatlichen Vereinigung der geschlagenen, in Besatzungszonen zerteilten deutschen Nation erscheinen, eingedenk der weiteren historischen Entwicklung (kaum zwei Monate nach der Premiere des Films werden die Sowjets die Blockade über Westberlin verhängen) einigermaßen naiv. Die Inszenierung allerdings beweist Sinn für die unwirkliche Atmosphäre der Ruinenlandschaften (anders als der Titel vermuten läßt, spielt »Berlin Express« hauptsächlich in Frankfurt am Main), und die eindrücklichen Bilder der zerstörten Städte (Kamera: Lucien Ballard) machen Jacques Tourneurs politisch grundierten film noir zu einem wertvollen Dokument der Trümmersteinzeit.
R Jacques Tourneur B Harold Medford, Curt Siodmak K Lucien Ballard M Friedrich Hollaender A Albert S. D’Agostino S Sherman Todd P Bert Granet D Robert Ryan, Merle Oberon, Charles Korvin, Paul Lukas, Robert Coote | USA | 87 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1948
Labels:
Berlin,
Curt Siodmak,
Eisenbahn,
Frankfurt,
Jacques Tourneur,
Nachkrieg,
Nationalsozialismus,
Noir,
Thriller
3.4.48
The Emperor Waltz (Billy Wilder, 1948)
Kaiserwalzer
»Ich küsse Ihre Hand, Madame / und träum’, es wär’ Ihr Hund.« Äh … nein, genau umgekehrt. Oder doch nicht? Billy Wilders technicolorierte Promenadenmischung aus Musical, Romcom und Tierfilm beschreibt einen schmalzig-bizarren clash of civilizations im Wien der ausgehenden Kaiserzeit: Der amerikanische Grammophon-Vertreter Virgil Smith (Bing Crosby) verliebt sich in die österreichische Gräfin Johanna von Stolz(!)enburg-Stolz(!!)enburg (Joan Fontaine), die natürlich (zunächst) nichts, aber auch gar nichts von dem dahergelaufenen Handelsreisenden zu wissen wünscht. Erst die nichtebenbürtige Zuneigung ihrer Köter – ›Buttons‹ (proletarischer US-Mischling) und ›Helena‹ (aristokratische Großpudeldame) – verkündet das baldige Fallen der Klassenschranken. Es scheint, als würde Wilder im Jahre 1948 alle Platitüden der kommenden Heimat- und Sissi-Filme hellseherisch verspotten: Mit »The Emperor Waltz« empfiehlt er sich als Trivial-Lubitsch und liefert Kitsch as Kitsch can durch die parodistische Hintertür. PS: Grandioser Auftritt von Sig Ruman als Hofveterinär Dr. Zwieback (Studienkollege von Sigmund Freud), der seinen kläffenden Patienten die Geheimnisse ihrer tierischen Seelen entlockt.
R Billy Wilder B Billy Wilder, Charles Brackett K George Barnes M Victor Young A Hans Dreier, Franz Bachelin S Doane Harrison P Charles Brackett D Bing Crosby, Joan Fontaine, Roland Culver, Lucille Watson, Sig Ruman | USA | 106 min | 1:1,37 | f | 3. April 1948
»Ich küsse Ihre Hand, Madame / und träum’, es wär’ Ihr Hund.« Äh … nein, genau umgekehrt. Oder doch nicht? Billy Wilders technicolorierte Promenadenmischung aus Musical, Romcom und Tierfilm beschreibt einen schmalzig-bizarren clash of civilizations im Wien der ausgehenden Kaiserzeit: Der amerikanische Grammophon-Vertreter Virgil Smith (Bing Crosby) verliebt sich in die österreichische Gräfin Johanna von Stolz(!)enburg-Stolz(!!)enburg (Joan Fontaine), die natürlich (zunächst) nichts, aber auch gar nichts von dem dahergelaufenen Handelsreisenden zu wissen wünscht. Erst die nichtebenbürtige Zuneigung ihrer Köter – ›Buttons‹ (proletarischer US-Mischling) und ›Helena‹ (aristokratische Großpudeldame) – verkündet das baldige Fallen der Klassenschranken. Es scheint, als würde Wilder im Jahre 1948 alle Platitüden der kommenden Heimat- und Sissi-Filme hellseherisch verspotten: Mit »The Emperor Waltz« empfiehlt er sich als Trivial-Lubitsch und liefert Kitsch as Kitsch can durch die parodistische Hintertür. PS: Grandioser Auftritt von Sig Ruman als Hofveterinär Dr. Zwieback (Studienkollege von Sigmund Freud), der seinen kläffenden Patienten die Geheimnisse ihrer tierischen Seelen entlockt.
R Billy Wilder B Billy Wilder, Charles Brackett K George Barnes M Victor Young A Hans Dreier, Franz Bachelin S Doane Harrison P Charles Brackett D Bing Crosby, Joan Fontaine, Roland Culver, Lucille Watson, Sig Ruman | USA | 106 min | 1:1,37 | f | 3. April 1948
13.2.48
Call Northside 777 (Henry Hathaway, 1948)
Kennwort 777
»What’s the matter, won’t the pieces fit together?« Einmal mehr nutzt Henry Hathaway semidokumentarische Gestaltungsmittel, um eine Geschichte aus dem wahren Leben in ein kühles Noir-Drama zu verwandeln. Elf Jahre nach der Verurteilung von Frank Wiecek (Richard Conte) wegen Polizistenmordes bietet die Mutter des vermeintlichen Täters per Zeitungsannonce demjenigen 5.000 Dollar, der die Unschuld ihres Sohnes beweist. P. J. McNeal (James Stewart), Reporter der ›Chicago Times‹, wird von seinem Chefredakteur (Lee J. Cobb) auf die Spur des Falles gesetzt. Der mit allen journalistischen Wassern gewaschene Skeptiker sieht zunächst lediglich eine (in wilden Prohibitionszeiten wurzelnde) human-interest story, stößt jedoch bald schon – im nagenden Widerspruch zur eigenen (= vorgefaßten) Meinung – in Akten und Archivalien auf diverse Ungereimtheiten, die ihn schließlich von der Unsauberkeit des Verfahrens überzeugen. Hathaway dreht nicht nur an Originalschauplätzen (in den proletarisch-pittoresken polnischen Vierteln von Chicago), er bringt auch modernste Technik wie Funkbildübertragung und den Lügendetektor (vorgestellt und bedient von seinem Erfinder Leonarde Keeler) erzählerisch zum Einsatz, um das kriminalistische Puzzle filmisch wirkungsvoll zusammenzusetzen. Am Ende steht, neben einer Apologie der (späten) Gerechtigkeit und der Selbstheilungskräfte des Systems, die Erkenntnis, daß die Teile des Ganzen nie ein falsches Bild ergeben – sofern sie aus der richtigen Perspektive betrachtet werden.
R Henry Hathaway B Jerome Cady, Jay Dratler, Leonard Hoffman, Quentin Reynolds V James P. McGuire K Joseph MacDonald M Alfred Newman A Lyle R. Wheeler, Mark-Lee Kirk Ko Kay Nelson S J. Watson Webb Jr. P Otto Lang D James Stewart, Lee J. Cobb, Richard Conte, Helen Walker, Kasia Orzazewski | USA | 112 min | 1:1,37 | sw | 13. Februar 1948
# 1185 | 5. Januar 2020
»What’s the matter, won’t the pieces fit together?« Einmal mehr nutzt Henry Hathaway semidokumentarische Gestaltungsmittel, um eine Geschichte aus dem wahren Leben in ein kühles Noir-Drama zu verwandeln. Elf Jahre nach der Verurteilung von Frank Wiecek (Richard Conte) wegen Polizistenmordes bietet die Mutter des vermeintlichen Täters per Zeitungsannonce demjenigen 5.000 Dollar, der die Unschuld ihres Sohnes beweist. P. J. McNeal (James Stewart), Reporter der ›Chicago Times‹, wird von seinem Chefredakteur (Lee J. Cobb) auf die Spur des Falles gesetzt. Der mit allen journalistischen Wassern gewaschene Skeptiker sieht zunächst lediglich eine (in wilden Prohibitionszeiten wurzelnde) human-interest story, stößt jedoch bald schon – im nagenden Widerspruch zur eigenen (= vorgefaßten) Meinung – in Akten und Archivalien auf diverse Ungereimtheiten, die ihn schließlich von der Unsauberkeit des Verfahrens überzeugen. Hathaway dreht nicht nur an Originalschauplätzen (in den proletarisch-pittoresken polnischen Vierteln von Chicago), er bringt auch modernste Technik wie Funkbildübertragung und den Lügendetektor (vorgestellt und bedient von seinem Erfinder Leonarde Keeler) erzählerisch zum Einsatz, um das kriminalistische Puzzle filmisch wirkungsvoll zusammenzusetzen. Am Ende steht, neben einer Apologie der (späten) Gerechtigkeit und der Selbstheilungskräfte des Systems, die Erkenntnis, daß die Teile des Ganzen nie ein falsches Bild ergeben – sofern sie aus der richtigen Perspektive betrachtet werden.
R Henry Hathaway B Jerome Cady, Jay Dratler, Leonard Hoffman, Quentin Reynolds V James P. McGuire K Joseph MacDonald M Alfred Newman A Lyle R. Wheeler, Mark-Lee Kirk Ko Kay Nelson S J. Watson Webb Jr. P Otto Lang D James Stewart, Lee J. Cobb, Richard Conte, Helen Walker, Kasia Orzazewski | USA | 112 min | 1:1,37 | sw | 13. Februar 1948
# 1185 | 5. Januar 2020
24.1.48
Film ohne Titel (Rudolf Jugert, 1948)
Ein Drehbuchautor, ein Regisseur und ein Schauspieler (Willy Fritsch als er selbst) sitzen vor einer Laube und denken nach: über einen gemeinsamen Film, ihren ersten nach der »Stunde Null«. Jeder von ihnen weiß genau, was er nicht will: Kein Trümmerfilm soll es sein, kein Heimkehrerfilm, kein Anti-Nazifilm (»Das wäre ja auch taktlos.«), kein politischer Film, kein Bombenfilm, überhaupt kein Film für oder gegen etwas. »Was für ein Film soll es denn nun aber sein?« Vielleicht ein Film über das glückliche Paar, das gerade vorbeispaziert ist. Der Autor kennt ihre Geschichte: Im ersten Teil verschlägt es Christine Fleming (Hildegard Knef), eine agile Bauerntochter aus dem Niedersächsischen, kurz vor Kriegsende als Dienstmädchen nach Berlin, in den großbürgerlichen Haushalt des Antiquitätenhändlers Martin Delius (Hans Söhnker), eines Feingeistes, der alles Störende (Fliegeralarm, Gefühle) mit stoischem Gleichmut auszublenden pflegt; sie verlieben sich, aber die gesellschaftlichen Umstände stehen zwischen ihnen; im zweiten Teil verschlägt es Martin kurz nach Kriegsende in das kleine Dorf, wo Christine nun wieder bei Vater und Mutter lebt; sie lieben sich immer noch, aber der wohlhabende Hofbesitzer wünscht sich für seine Tochter etwas Besseres als einen abgerissenen Flüchtling, der alles verloren hat; es gilt ein Liebesverbot mit umgekehrten Vorzeichen – zunächst … Helmut Käutner (Produktion und Drehbuch) und Rudolf Jugert (Regie) nutzen die reziproke Fish-out-of-water-Romanze, um mit den erzählerischen Möglichkeiten des Stoffes zu jonglieren, um denkbare Szenarien und Kinoklischees durchzuspielen, vom pathetischen Melodram über zeitkritische Sachlichkeit bis zur heimatseligen Komödie. Indem alle Optionen verworfen werden, gelingt die Quadratur des Kreises, und es entsteht der »Film ohne Titel«: »eine Komödie, die mit beiden Beinen auf der Erde steht, vor dem düsteren Hintergrund der Zeit«.
R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Ellen Fechner, Rudolf Jugert K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Robert Herlth S Wolfgang Wehrum, Luise Dreyer-Sachsenberg P Helmut Käutner D Hans Söhnker, Hildegard Knef, Irene von Meyendorff, Willy Fritsch, Fritz Odemar, Peter Hamel | D (W) | 99 min | 1:1,37 | sw | 24. Januar 1948
# 875 | 8. Juni 2014
R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Ellen Fechner, Rudolf Jugert K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Robert Herlth S Wolfgang Wehrum, Luise Dreyer-Sachsenberg P Helmut Käutner D Hans Söhnker, Hildegard Knef, Irene von Meyendorff, Willy Fritsch, Fritz Odemar, Peter Hamel | D (W) | 99 min | 1:1,37 | sw | 24. Januar 1948
# 875 | 8. Juni 2014
Labels:
Bauernhof,
Berlin,
Dorf,
Film,
Fritsch,
Gesellschaft,
Jugert,
Käutner,
Knef,
Komödie,
Krieg,
Nachkrieg,
Niedersachsen,
Romanze,
Trümmerfilm,
Villa,
Zweiter Weltkrieg
29.12.47
Secret Beyond the Door (Fritz Lang, 1947)
Geheimnis hinter der Tür
Schwarzes Märchen, psychoanalytisches Melodram, romantischer Thriller … In Mexico begegnet die verwöhnte Erbin Celia (Joan Bennett) dem charmanten Mark (Michael Redgrave). Auf eine leidenschaftlichen Affäre folgt die überstürzte Hochzeit. Schon bald nach der Trauung erweist sich der attraktive Architekt jedoch als launisch-neurotischer Sonderling: Er sammelt Räume, in denen Männer ihre Frauen umbrachten … Fritz Lang schickt seine Protagonistin auf eine Expedition ins Unbewußte, das sich als unheimliches Haus manifestiert, als verwinkelter Bau, bevölkert von Gespenstern der Vergangenheit, mit verbotenem Zimmer und einem schrecklichen Geheimnis hinter Tür Nr. 7. Anders als Alfred Hitchcock in »Spellbound« inszeniert Lang keine fantastischen Traumsequenzen, er gestaltet den ganzen Film als bizarre Traumfantasie. Auch wenn die psychologischen Theorien simpel-mechanisch begriffen werden, gerät die moderne Blaubart-Paraphrase vor allem Dank der überkandidelten Spannungsmusik von Miklós Rózsa und der expressiv-irrealen Bildgestaltung von Stanley Cortez zur abenteuerlichen Erkundung dunkler Seelenräume.
R Fritz Lang B Silvia Richards, Rufus King K Stanley Cortez M Miklós Rózsa A Max Parker S Arthur Hilton P Fritz Lang D Joan Bennett, Michael Redgrave, Ann Revere, Barbara O’Neil, Natalie Schafer | USA | 99 min | 1:1,37 | sw | 29. Dezember 1947
Schwarzes Märchen, psychoanalytisches Melodram, romantischer Thriller … In Mexico begegnet die verwöhnte Erbin Celia (Joan Bennett) dem charmanten Mark (Michael Redgrave). Auf eine leidenschaftlichen Affäre folgt die überstürzte Hochzeit. Schon bald nach der Trauung erweist sich der attraktive Architekt jedoch als launisch-neurotischer Sonderling: Er sammelt Räume, in denen Männer ihre Frauen umbrachten … Fritz Lang schickt seine Protagonistin auf eine Expedition ins Unbewußte, das sich als unheimliches Haus manifestiert, als verwinkelter Bau, bevölkert von Gespenstern der Vergangenheit, mit verbotenem Zimmer und einem schrecklichen Geheimnis hinter Tür Nr. 7. Anders als Alfred Hitchcock in »Spellbound« inszeniert Lang keine fantastischen Traumsequenzen, er gestaltet den ganzen Film als bizarre Traumfantasie. Auch wenn die psychologischen Theorien simpel-mechanisch begriffen werden, gerät die moderne Blaubart-Paraphrase vor allem Dank der überkandidelten Spannungsmusik von Miklós Rózsa und der expressiv-irrealen Bildgestaltung von Stanley Cortez zur abenteuerlichen Erkundung dunkler Seelenräume.
R Fritz Lang B Silvia Richards, Rufus King K Stanley Cortez M Miklós Rózsa A Max Parker S Arthur Hilton P Fritz Lang D Joan Bennett, Michael Redgrave, Ann Revere, Barbara O’Neil, Natalie Schafer | USA | 99 min | 1:1,37 | sw | 29. Dezember 1947
Labels:
Architektur,
Bennett,
Ehe,
Erinnerung,
Familie,
Krankheit,
Lang,
Melodram,
Noir,
Psychoanalyse,
Romanze,
Thriller,
Tod,
Villa
The Paradine Case (Alfred Hitchcock, 1947)
Der Fall Paradin
Der Londoner Anwalt Anthony Keane (gipsern: Gregory Peck), verheiratet mit einer gefügigen Blondine (wächsern: Ann Todd), verfällt mit Haut und Perücke einer fatalen Brünetten, deren Verteidigung in einem Mordfall er übernimmt. Ob Maddalena Paradine (stählern: Alida Valli) ihren blinden Gatten durch Beimischung von Gift in ein abendliches Glas Burgunder um die Ecke gebracht hat, oder ob dessen ergebener Bursche (marmorn: Louis Jourdan) seinem Herrn beim Suizid zur Hand ging, oder ob es vielleicht ganz anders war, machen Autorenproduzent David O. Selznick und sein ausführender Regisseur Alfred Hitchcock zum Untersuchungsgegenstand einer zähen Gerichtsverhandlung; als einzig unterhaltsames Moment erweist sich dabei der misanthropische Sarkasmus des Vorsitzenden Lord Horfield (steinern: Charles Laughton), der Strafe für einen wesentlichen Faktor unserer Weltordnung hält. »Doesn’t life punish us enough?« fragt die etwas tüdelige Ehefrau des Richters ihren strengen Mann nach dem Ende des Prozesses, und es scheint, als hätte sie mit ihrer Überlegung auch die Zuschauer dieses (delikat fotografierten, großzügig ausgestatteten und haltlos geschwätzigen) Justizfilmes im Sinn, der weder als Thriller noch als Melodram und ebensowenig als Traktat über Schuld und Sühne überzeugt.
R Alfred Hitchcock B David O. Selznick, Alma Reville V Robert Hichens K Lee Garmes M Franz Waxman A J. McMillan Johnson Ko Travis Banton S John Faure P David O. Selznick D Gregory Peck, Alida Valli, Ann Todd, Charles Laughton, Louis Jourdan, Charles Coburn | USA | 125 min | 1:1,37 | sw | 29. Dezember 1947
# 1039 | 20. Dezember 2016
Der Londoner Anwalt Anthony Keane (gipsern: Gregory Peck), verheiratet mit einer gefügigen Blondine (wächsern: Ann Todd), verfällt mit Haut und Perücke einer fatalen Brünetten, deren Verteidigung in einem Mordfall er übernimmt. Ob Maddalena Paradine (stählern: Alida Valli) ihren blinden Gatten durch Beimischung von Gift in ein abendliches Glas Burgunder um die Ecke gebracht hat, oder ob dessen ergebener Bursche (marmorn: Louis Jourdan) seinem Herrn beim Suizid zur Hand ging, oder ob es vielleicht ganz anders war, machen Autorenproduzent David O. Selznick und sein ausführender Regisseur Alfred Hitchcock zum Untersuchungsgegenstand einer zähen Gerichtsverhandlung; als einzig unterhaltsames Moment erweist sich dabei der misanthropische Sarkasmus des Vorsitzenden Lord Horfield (steinern: Charles Laughton), der Strafe für einen wesentlichen Faktor unserer Weltordnung hält. »Doesn’t life punish us enough?« fragt die etwas tüdelige Ehefrau des Richters ihren strengen Mann nach dem Ende des Prozesses, und es scheint, als hätte sie mit ihrer Überlegung auch die Zuschauer dieses (delikat fotografierten, großzügig ausgestatteten und haltlos geschwätzigen) Justizfilmes im Sinn, der weder als Thriller noch als Melodram und ebensowenig als Traktat über Schuld und Sühne überzeugt.
R Alfred Hitchcock B David O. Selznick, Alma Reville V Robert Hichens K Lee Garmes M Franz Waxman A J. McMillan Johnson Ko Travis Banton S John Faure P David O. Selznick D Gregory Peck, Alida Valli, Ann Todd, Charles Laughton, Louis Jourdan, Charles Coburn | USA | 125 min | 1:1,37 | sw | 29. Dezember 1947
# 1039 | 20. Dezember 2016
24.12.47
The Lady from Shanghai (Orson Welles, 1947)
Die Lady von Shanghai
»Everybody is somebody’s fool.« Der in New York gestrandete irische Matrose Mike O'Hara (Orson Welles) gerät in die Fänge der geheimnisvollen Elsa Bannister (Rita Hayworth – platinerblondet), die den schnell entflammten Seemann zur Mitfahrt auf der Luxusyacht ›Circe‹ (!) ihres Gatten, eines brillanten aber gehbehinderten Strafverteidigers (Everett Sloane), anheuert und langsam aber sicher in eine (reichlich komplizierte) Mordintrige verwickelt. »Either me or the rest of the whole world is absolutely insane«, muß Mike, der sich irrigerweise für frei und unabhängig hielt, unterwegs feststellen. Welles’ befremdliche, teilweise an Originalschauplätzen gedrehte Noir-Odyssee, ein Zwischending aus surrealem Reisebericht und schriller Justizgroteske, Metamelodram um Liebe und Lüge und Schauermärchen von Haien und Menschen, führt von der amerikanischen Ostküste durch die Karibik über Acapulco nach San Francisco, wo sich die Protagonisten im Spiegelkabinett eines chinesischen Vergnügungsparks zur Sch(l)ußabrechung treffen. Die caligareske Szene – furioser Höhepunkt einer Folge visueller Kapriolen (weitwinkelverzerrte Großaufnahmen, schräge Perspektiven, immer wieder angereichert mit Glamourportraits der fatalen Titelheldin) – schleudert den verliebten Narren, aller Illusionen beraubt, in eine zerborstene Wirklichkeit: »Maybe I’ll live so long that I’ll forget her. Maybe I’ll die trying.«
R Orson Welles B Orson Welles V Sherwood King K Charles Lawton Jr., Rudolph Maté M Heinz Roemheld A Stephen Goosson, Sturges Carne S Viola Lawrence P Orson Welles D Rita Hayworth, Orson Welles, Everett Sloane, Glenn Anders, Erskine Sanford | USA | 87 min | 1:1,37 | sw | 24. Dezember 1947
# 1139 | 22. Dezember 2018
»Everybody is somebody’s fool.« Der in New York gestrandete irische Matrose Mike O'Hara (Orson Welles) gerät in die Fänge der geheimnisvollen Elsa Bannister (Rita Hayworth – platinerblondet), die den schnell entflammten Seemann zur Mitfahrt auf der Luxusyacht ›Circe‹ (!) ihres Gatten, eines brillanten aber gehbehinderten Strafverteidigers (Everett Sloane), anheuert und langsam aber sicher in eine (reichlich komplizierte) Mordintrige verwickelt. »Either me or the rest of the whole world is absolutely insane«, muß Mike, der sich irrigerweise für frei und unabhängig hielt, unterwegs feststellen. Welles’ befremdliche, teilweise an Originalschauplätzen gedrehte Noir-Odyssee, ein Zwischending aus surrealem Reisebericht und schriller Justizgroteske, Metamelodram um Liebe und Lüge und Schauermärchen von Haien und Menschen, führt von der amerikanischen Ostküste durch die Karibik über Acapulco nach San Francisco, wo sich die Protagonisten im Spiegelkabinett eines chinesischen Vergnügungsparks zur Sch(l)ußabrechung treffen. Die caligareske Szene – furioser Höhepunkt einer Folge visueller Kapriolen (weitwinkelverzerrte Großaufnahmen, schräge Perspektiven, immer wieder angereichert mit Glamourportraits der fatalen Titelheldin) – schleudert den verliebten Narren, aller Illusionen beraubt, in eine zerborstene Wirklichkeit: »Maybe I’ll live so long that I’ll forget her. Maybe I’ll die trying.«
R Orson Welles B Orson Welles V Sherwood King K Charles Lawton Jr., Rudolph Maté M Heinz Roemheld A Stephen Goosson, Sturges Carne S Viola Lawrence P Orson Welles D Rita Hayworth, Orson Welles, Everett Sloane, Glenn Anders, Erskine Sanford | USA | 87 min | 1:1,37 | sw | 24. Dezember 1947
# 1139 | 22. Dezember 2018
19.12.47
Les jeux sont faits (Jean Delannoy, 1947)
Das Spiel ist aus
»Nous sommes seuls au monde. Il FAUT nous aimer. C’est notre seule chance.« Eine feine Dame (Micheline Presle) wird von ihrem habsüchtigen Gatten vergiftet. Ein revolutionärer Arbeiter (Marcello Pagliero) stirbt durch die Kugel eines Verräters. Im Jenseits (das von einer nicht unsympathischen älteren Amtsträgerin beaufsichtigt wird und aussieht wie das Diesseits, abgesehen davon, daß sich neben den Lebenden auch die Toten dort tummeln) treffen die beiden Hingeschiedenen aufeinander und verlieben sich – man könnte beinahe sagen: unsterblich – ineinander. Aufgrund einer bürokratischen Ausnahmeregelung erhalten sie die Gelegenheit, für 24 Stunden in ihre irdischen Existenzen zurückzukehren, um die Kraft ihrer Liebe zu beweisen und so das Leben wiederzugewinnen … Jean Delannoys kühle Verfilmung eines Drehbuchs von Jean-Paul Sartre verschmilzt mondänes Salonstück, neoveristische Zitate, leise gesellschaftskritische Ironie und vages politisches Engagement zu einem, gestalterisch delikaten, transzendenten Melodram, zu einer Allegorie auf die unüberwindliche Isolation des Individuums in einer Welt divergierender Interessen. »Les jeux sont faits« = Das Spiel ist aus, und zwar noch bevor es begonnen hat: Die Chance auf gegenseitiges Vertrauen bleibt – angesichts der ganz persönlichen Verstrickungen jedes Einzelnen – rein theoretisch. Daß der Versuch, die Utopie zu realisieren, trotzdem immer wieder unternommen wird, spricht zwar nicht für die Intelligenz des Menschen, aber vielleicht für die Schönheit seiner Seele.
R Jean Delannoy B Jean-Paul Sartre, Jean Delannoy, Pierre Bost K Christian Matras M Georges Auric A Serge Pimenoff S Henri Taverna P Louis Wipf D Micheline Presle, Marcello Pagliero, Marguerite Moreno, Fernand Fabre, Charles Dullin | F | 91 min | 1:1,37 | sw | 19. Dezember 1947
»Nous sommes seuls au monde. Il FAUT nous aimer. C’est notre seule chance.« Eine feine Dame (Micheline Presle) wird von ihrem habsüchtigen Gatten vergiftet. Ein revolutionärer Arbeiter (Marcello Pagliero) stirbt durch die Kugel eines Verräters. Im Jenseits (das von einer nicht unsympathischen älteren Amtsträgerin beaufsichtigt wird und aussieht wie das Diesseits, abgesehen davon, daß sich neben den Lebenden auch die Toten dort tummeln) treffen die beiden Hingeschiedenen aufeinander und verlieben sich – man könnte beinahe sagen: unsterblich – ineinander. Aufgrund einer bürokratischen Ausnahmeregelung erhalten sie die Gelegenheit, für 24 Stunden in ihre irdischen Existenzen zurückzukehren, um die Kraft ihrer Liebe zu beweisen und so das Leben wiederzugewinnen … Jean Delannoys kühle Verfilmung eines Drehbuchs von Jean-Paul Sartre verschmilzt mondänes Salonstück, neoveristische Zitate, leise gesellschaftskritische Ironie und vages politisches Engagement zu einem, gestalterisch delikaten, transzendenten Melodram, zu einer Allegorie auf die unüberwindliche Isolation des Individuums in einer Welt divergierender Interessen. »Les jeux sont faits« = Das Spiel ist aus, und zwar noch bevor es begonnen hat: Die Chance auf gegenseitiges Vertrauen bleibt – angesichts der ganz persönlichen Verstrickungen jedes Einzelnen – rein theoretisch. Daß der Versuch, die Utopie zu realisieren, trotzdem immer wieder unternommen wird, spricht zwar nicht für die Intelligenz des Menschen, aber vielleicht für die Schönheit seiner Seele.
R Jean Delannoy B Jean-Paul Sartre, Jean Delannoy, Pierre Bost K Christian Matras M Georges Auric A Serge Pimenoff S Henri Taverna P Louis Wipf D Micheline Presle, Marcello Pagliero, Marguerite Moreno, Fernand Fabre, Charles Dullin | F | 91 min | 1:1,37 | sw | 19. Dezember 1947
11.12.47
Zwischen gestern und morgen (Harald Braun, 1947)
Menschen im Hotel in Trümmern. München, 1947: Ein Mann (Viktor de Kowa) kehrt zurück. Fast zehn Jahre war er nicht mehr zu Hause. »Es hat sich viel verändert«, meint ein alter Bekannter zu ihm – die Untertreibung des Jahrhunderts. Die Stadt, das Land, das Leben liegen in Schutt und Asche. Harald Braun webt ein heikles Geflecht von Beziehungen, schiebt Erinnerung und Gegenwart ineinander, er erzählt eine Romanze und ein Melodram und, ganz vorsichtig, so etwas wie einen deutschen film noir, er wirft die großen Themen auf: Schuld und Verantwortung, Liebe und Tod. Verhängnis liegt in der Luft, aber auch Hoffnung – denn: »Es muß doch weitergehen.« Die Vergangenheit lastet wie ein Schatten auf den Menschen, die Zukunft liegt als vages Versprechen vor ihnen, das Heute erscheint als Provisorium, Zwischenstation, Transitzone. Vor allem die Schauspielerinnen sind es, die diesem Film, der durch die Kolportage zum Zeitbild findet, seine Stärke verleihen: Sybille Schmitz (der Fassbinder als »Veronika Voss« ein posthumes Denkmal setzen wird) bringt die Tragik ihrer eigenen, dunkel umflorten Existenz in die Darstellung der Jüdin Nelly Dreyfuss ein; Hildegard Knef als traurig-aufgewecktes Flüchtlingsmädchen Kat wirkt wie die aus einem Bombentrichter gezogene Wiedergängerin des Ufa-Stars, der sie nie war; Winnie Markus spielt eine Zurückgelassene, die sich mit Tapferkeit gegen die Schwermut panzert – nicht nur im Krieg, auch im Nachkrieg ist Leben vor allem Überstehen.
R Harald Braun B Harald Braun, Herbert Witt K Günther Anders M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Adolf Schlyßleder P Walter Bolz D Viktor de Kowa, Winnie Markus, Willy Birgel, Sybille Schmitz, Hildegard Knef | D (W) | 109 min | 1:1,37 | sw | 11. Dezember 1947
R Harald Braun B Harald Braun, Herbert Witt K Günther Anders M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Adolf Schlyßleder P Walter Bolz D Viktor de Kowa, Winnie Markus, Willy Birgel, Sybille Schmitz, Hildegard Knef | D (W) | 109 min | 1:1,37 | sw | 11. Dezember 1947
Labels:
de Kowa,
Gesellschaft,
Harald Braun,
Hotel,
Knef,
Melodram,
München,
Nachkrieg,
Nationalsozialismus,
Romanze,
Trümmerfilm,
Zweiter Weltkrieg
9.12.47
… und über uns der Himmel (Josef von Báky, 1947)
»Was soll denn werden? / Es muß doch weitergeh’n!« Mit einem Rucksack voller Lebensmittel (= Schieberware) kehrt Hans Richter (Hans ›Hoppla, jetzt komm’ ich!‹ Albers) aus dem Weltkrieg zurück ins zertrümmerte Berlin. Zunächst nutzt der ehemalige Kranführer das Schwarzhandelsgut, um die eigene Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen (»Ein Griff, ein Pfiff, ein Kniff – und fertig ist die Laube.«) und um die verwitwete Studienratsgattin von nebenan zu beeindrucken (»Heute paßt vieles zusammen, was früher keine Garnitur abgegeben hätte.«) – dann findet er Geschmack am leichtverdienten Geld, infolgedessen er der Rückkehr in den Brot(los)beruf eine Karriere als Geschäftemacher vorzieht. Richters (zunächst kriegsblinder, dann wieder klarsehender) Sohn bläst dem losen Alten schließlich den Marsch der Lauterkeit, und am Ende kommt alles wieder ins kleinbürgerliche Lot … Der erste deutsche Nachkriegsfilm unter amerikanischer Lizenz: eine Mischung aus Studiokünstlichkeit und Ruinenrealismus, aus zeitkritischem Durchhalteroman und lehrhafter Standpauke. Daß der »blonde Hans« lediglich vorübergehend auf Abwege geraten kann (und dann auch nur aus väterlicher Sorge um seine Liebsten), versteht sich dabei im Grunde von selbst. Wie in alten Ufa-Zeiten erhellt ein schimmernder Lichtreflex Albers’ vertrauenswürdige Augen, und Josef von Báky inszeniert den sympathischen Filou als eine Art Münchhausen im Schutt: immer kregel, immer patent, nie um eine Ausrede verlegen und noch im Zwielicht lebensmutig strahlend. Ein Lied darf er auch singen, zur besinnlich-optimistischen Dreigroschenmusik von Theo Mackeben: »Der Wind weht von allen Seiten. / Na, laß den Wind doch weh’n. / Denn über uns der Himmel, / Läßt uns nicht untergeh’n.«
R Josef von Báky B Gerhard Grindel K Werner Krien M Theo Mackeben A Emil Hasler, Walter Kutz S Wolfgang Becker P Richard König D Hans Albers, Lotte Koch, Paul Edwin Roth, Heidi Scharf, Otto Gebühr | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 9. Dezember 1947
R Josef von Báky B Gerhard Grindel K Werner Krien M Theo Mackeben A Emil Hasler, Walter Kutz S Wolfgang Becker P Richard König D Hans Albers, Lotte Koch, Paul Edwin Roth, Heidi Scharf, Otto Gebühr | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 9. Dezember 1947
Labels:
Albers,
Berlin,
Drama,
Familie,
Gesellschaft,
Nachkrieg,
Schwarzmarkt,
Vater,
von Báky
25.11.47
It Always Rains on Sunday (Robert Hamer, 1947)
Die Flucht vor Scotland Yard
»What's wrong with the East End, anyway?« — »It smells.« Sonntag in einer Londoner Arme-Leute-Gegend. Dämmrige Straßen, enge Behausungen, bleierne Wolken und Regen, Regen, Regen, von morgens bis spät in die Nacht … Tommy Swann (John McCallum) ist aus dem Gefängnis ausgebrochen; er sucht Unterschlupf bei seiner ehemaligen Geliebten Rose Sandigate (Googie Withers), einer schroffen Schönheit, die mittlerweile einen phlegmatisch-achtbaren Kleinbürger aus Bethnal Green geehelicht hat. Um die zentrale Storyline von Flucht und Verstecken und wieder Flucht komponiert Regisseur Robert Hamer eine ganze Reihe intensiver Milieu- und Charakterstudien – es riecht förmlich aus diesem poetisch-realistischen (Studio-)Film: nach ungelüfteten Zimmern und unterdrückten Gefühlen, nach feuchten Klamotten und verlorenen Illusionen. Über »It Always Rains on Sunday« hängen, zwischen Ruinenstaub und Mangel der Nachkriegszeit, die verblassende Erinnerung an ein glückverheißendes Gestern und die trügerische Hoffnung, daß sich irgendwann einmal etwas ändern könnte. Emotionen haben in diesem tristen, geordneten Kosmos den zweifelhaften Ruch (und den verzweifelten Reiz) des Verbotenen; Auswege gibt es nicht – nicht einmal Selbstmord: Jenseits des Gasofens und der Schienen liegt das unvermeidliche Grau des nächsten Morgens.
R Robert Hamer B Angus MacPhail, Robert Hamer, Henry Cornelius V Arthur La Bern K Douglas Slocombe M George Auric A Duncan Sutherland S Michael Truman P Michael Balcon, Henry Cornelius D Googie Withers, John McCallum, Edward Chapman, Susan Shaw, Jack Warner | UK | 92 min | 1:1,37 | sw | 25. November 1947
»What's wrong with the East End, anyway?« — »It smells.« Sonntag in einer Londoner Arme-Leute-Gegend. Dämmrige Straßen, enge Behausungen, bleierne Wolken und Regen, Regen, Regen, von morgens bis spät in die Nacht … Tommy Swann (John McCallum) ist aus dem Gefängnis ausgebrochen; er sucht Unterschlupf bei seiner ehemaligen Geliebten Rose Sandigate (Googie Withers), einer schroffen Schönheit, die mittlerweile einen phlegmatisch-achtbaren Kleinbürger aus Bethnal Green geehelicht hat. Um die zentrale Storyline von Flucht und Verstecken und wieder Flucht komponiert Regisseur Robert Hamer eine ganze Reihe intensiver Milieu- und Charakterstudien – es riecht förmlich aus diesem poetisch-realistischen (Studio-)Film: nach ungelüfteten Zimmern und unterdrückten Gefühlen, nach feuchten Klamotten und verlorenen Illusionen. Über »It Always Rains on Sunday« hängen, zwischen Ruinenstaub und Mangel der Nachkriegszeit, die verblassende Erinnerung an ein glückverheißendes Gestern und die trügerische Hoffnung, daß sich irgendwann einmal etwas ändern könnte. Emotionen haben in diesem tristen, geordneten Kosmos den zweifelhaften Ruch (und den verzweifelten Reiz) des Verbotenen; Auswege gibt es nicht – nicht einmal Selbstmord: Jenseits des Gasofens und der Schienen liegt das unvermeidliche Grau des nächsten Morgens.
R Robert Hamer B Angus MacPhail, Robert Hamer, Henry Cornelius V Arthur La Bern K Douglas Slocombe M George Auric A Duncan Sutherland S Michael Truman P Michael Balcon, Henry Cornelius D Googie Withers, John McCallum, Edward Chapman, Susan Shaw, Jack Warner | UK | 92 min | 1:1,37 | sw | 25. November 1947
Abonnieren
Posts (Atom)