28.2.65

Shunpu den (Seijun Suzuki, 1965)

Nackt und verdammt 

Hochexplosives Melodram, situiert in einem staubigen Drecknest an der Front des japanisch-chinesischen Krieges: Harumi, kämpferisch-selbstbewußte Prostituierte in einem Soldatenbordell, muß dem einnehmend-brutalen Offizier Narita zu Willen sein und verliebt sich in dessen servil-handzahmen Burschen Mikami. Als ihr Angebeteter in die Gefangenschaft des Gegners gerät, eröffnet ihm (und damit letztlich auch ihr) der strikte militärische Ehrenkodex nur einen einzigen – tödlichen – Ausweg… Seijun Suzuki läßt die Leidenschaften in seiner bühnenhaft formalisierten Tragödie auf höchster Flamme sprudelnd überkochen – und verliert im Eifer des Gefühlsgefechts auch noch ein paar kritische Worte über die fragwürdige Banzai-Mentalität der kaiserlichen Armee, in der Sterben als Feigheit vor einem Feind erscheint, der Leben heißt.

R Seijun Suzuki B Hajime Takaiwa V Taijiro Tamura K Kazue Nagatsuka M Naozumi Yamamoto A Takeo Kimura S Akira Suzuki P Kaneo Iwai D Yumiko Nogawa, Tamio Kawaji, Isao Tamagawa, Shoichi Ozawa, Tomiko Ishikawa | JP | 96 min | 1:2,35 | sw | 28. Februar 1965

15.2.65

Lord Jim (Richard Brooks, 1965)

Lord Jim

»Maybe cowards and heroes are just ordinary men who, for a split second, do something out of the ordinary. That’s all.« Eher breites als großes Abenteuerkino nach Joseph Conrad, das vom offenen Meer in den realen und in den inneren Dschungel führt. Die Erzählung dreht sich um Versagen und Mut, um Ehre und Stolz, um die Hoffnung auf die zweite Chance. Peter O’Toole in der zwiespältigen Titelrolle des Seemannes, dem aufgrund einer Übersprungshandlung das Patent entzogen wird, vergißt auch in dramatischen Situationen nicht, Eyeliner aufzutragen, und bebt ansonsten allzu sichtbar vor moralischer Anspannung. Richard Brooks’ Regie ist stellenweise überraschend ungeschickt, während der wagnerianische Score von Bronislau Kaper mit seinem Schicksalsrauschen nicht nur die Protagonisten an ihre Grenzen treibt. Getragen wird »Lord Jim« allein von seinen prachtvollen Schurken: Eli Wallach als brutaler Ausbeuter, Curd Jürgens als versoffener Raffzahn, Akim Tamiroff als schwitzender Hehler des Todes, James Mason als bibelfester Auftragsmörder, der die Problematik der tragischen Hauptfigur wie folgt erklärt: »His Lordship has pretensions to heroism – a form of mental disease induced by vanity.«

R Richard Brooks B Richard Brooks V Joseph Conrad K Freddie Young M Bronislau Kaper A Geoffrey Drake S Alan Osbiston P Richard Brooks D Peter O’Toole, Eli Wallach, Curd Jürgens, Akim Tamiroff, James Mason | UK & USA | 154 min | 1:2,20 | f | 15. Februar 1965

9.2.65

Rekopis znaleziony w Saragossie (Wojciech Has, 1965)

Die Handschrift von Saragossa

Dieser Film mag dem Betrachter spanisch vorkommen, aber er ist so polnisch wie die Sierra Morena: Konstruiert nach dem Prinzip der Puppe in der Puppe, tut sich in jeder Episode von »Rekopis znaleziony w Saragossie« – das titelgebende Manuskript folgt der verschlungenen Spur des Hauptmanns der wallonischen Garde Alfons van Worden (viril-naiv: Zbigniew Cybulski) durch ein karstig-geheimnisvolles Phantasie-Spanien des 18. Jahrhunderts – ein weiteres Abenteuer auf, darin das nächste, und so weiter – bis die Inquisition kommt oder ein Zigeunerkönig oder ein verlotterter Aristokrat, der zwar keinen Real in der Tasche hat, aber stets eine Anekdote auf den Lippen ... Bevölkert wird das Geschichtenlabyrinth außerdem von lebendigen Gehenkten und unersättlichen Duellisten, von lüsternen Schwestern und Muselmanen im Untergrund. Wojciech Has, dem Regisseur dieses tollkühn-romantischen Kaleidoskops, liegt, wie dem Autor der Romanvorlage, Jan (Graf) Potocki, weniger an der Erzählung als am Erzählen selbst: am Fabulieren, Spintisieren und Abschweifen, am Verschieben von Perspektiven, am Springen von Gedanken und am Auflösen von Grenzen – zwischen Realität und Traum, Erkenntnis und Spekulation, geschlossenen Räumen und Unendlichkeit, Gotteswerk und Teufelskunst. »Wir sind wie Blinde, verloren in den Straßen einer großen Stadt«, heißt es einmal – und es ist eine wahre Lust (= ein traumhafter Schrecken), sich in diesem Irrgarten (= in der Welt) zu verlieren.

R Wojciech Has B Tadeusz Kwiatkowski V Jan Potocki K Mieczysław Jahoda M Krzysztof Penderecki A Tadeusz Myszorek, Jerzy Skarzynski S Krystyna Komosinska P Ryszard Straszewski D Zbigniew Cybulski, Kazimierz Opaliński, Iga Cembrzyńska, Joanna Jedryka, Leon Niemczyk | PL | 182 min | 1:2,35 | sw | 9. Februar 1965

18.12.64

Das Verrätertor (Freddie Francis, 1964)

Ein trockenes heist movie, das sich von den üblichen Manierismen der Edgar-Wallace-Reihe bewußt absetzt. Zwar gibt Klaus Kinski einen preziösen Killer, zwar darf Eddi Arent als deutscher Tourist in London seinen Schabernack treiben, doch verzichtet die deutsch-britische Koproduktion gänzlich auf familiäre Intrigen, auf Erbinnen in Not, auf persönlich engagierte Inspektoren: Im Zentrum stehen die Aktivitäten einer hochorganisierten Bande, die sich unter Führung eines ehrenwerten Geschäftsmannes (Albert Lieven) anschickt, die Kronjuwelen ihrer Majestät zu stehlen. Die professionell coole Inszenierung von Freddie Francis (einem maßgeblichen Bildgestalter des Free Cinema) lädt nicht zur Identifikation mit Tätern oder Ermittlern ein; die Kamera (geführt von Denys Coop, einem weiteren Wegbereiter des kitchen sink realism der früher 1960er Jahre) beobachtet reserviert die Mechanik der minutiös geplanten Abläufe. Aufgrund seiner visuellen Qualitäten entwickelt »Das Verrätertor« spröde B-Film-Eleganz, auch wenn die Dramatik rein äußerlich, die Story sichtbar konstruiert, die Figuren gänzlich schablonenhaft bleiben und der Wechsel der erzählerischen Tonlagen gelegentlich eher atmosphärischen Dissonanzen als Spannung erzeugt.

R Freddie Francis B John Sansom (= Jimmy Sangster) V Edgar Wallace K Denys Coop M Peter Thomas A Tony Inglis S Oswald Hafenrichter P Horst Wendlandt D Albert Lieven, Margot Trooger, Gary Raymond, Eddi Arent, Klaus Kinski | BRD & UK | 87 min | 1:1,66 | sw | 18. Dezember 1964

# 821 | 4. Januar 2014

16.12.64

The Disorderly Orderly (Frank Tashlin, 1964)

Der Tölpel vom Dienst

»Don’t try so hard!« Weil Arztsohn Jerome Littlefield (Jerry Lewis) zu empathisch auf Krankheit und Leid reagiert, kann er selbst nicht Doktor werden; er schlägt sich (und andere) ersatzweise als Pfleger durch, wobei aus seiner psychischen Verklemmung ein geradezu apokalyptisches Helfersyndrom entspringt … Es dauert ein Weilchen, bis es Frank Tashlin gelingt, den Hauptdarsteller halbwegs zu disziplinieren, dessen hysterischen Hang zu ichsüchtiger Grimassenschneiderei sowie beliebigen Slapstickdarbietungen in den Griff zu bekommen, um so etwas wie Richtung und Rhythmus einer Story zu generieren, einer Story, die zunächst Blindheit und Hypochondrie, dann das Freimachen von zwanghaften Blockaden und den Aufbruch zu neuen (romantischen wie beruflichen) Ufern ins Bild setzt. Andererseits pfeift Tashlin selbst immer wieder fröhlich auf Erzähldisziplin, klopft Situationen nur allzugern auf ihre absurden filmischen Möglichkeiten ab: Fernsehschnee weht wie ein Blizzard durch ein Krankenzimmer, ein Ganzkörperverband erweist sich als leere Gipshülle, ein gebrochener Knöchel schwillt an wie ein Luftballon. Das wahnsinnige Finale vereint alle Beteiligten in einer furiosen Verfolgungsjagd, hügelauf und hügelab: Mediziner und Patienten, in Rettungsfahrzeugen und auf Rollbahren, Liebende und Geliebte, zwischen Mülltonnen, Einkaufswagen und Konservendosen.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Norm Liebman, Ed Haas K W. Wallace Kelley M Joseph J. Lilley A Hal Pereira, Tambi Larsen S John Woodcock P Paul Jones D Jerry Lewis, Glenda Farrell, Susan Oliver, Karen Sharp, Kathleen Freeman, Everett Sloane | USA | 89 min | 1:1,85 | f | 16. Dezember 1964

# 785 | 28. Oktober 2013

Kiss Me, Stupid (Billy Wilder, 1964)

Küß mich, Dummkopf

»If you’ve got what it takes, sooner or later, somebody will take what you’ve got.« Seit Jahren schreiben Orville J. Spooner und Barney Milsap, Klavierlehrer und Tankstellenbesitzer in Climax, Nevada, unverdrossen einen Schlager nach dem anderen (mit so vielversprechenden Titeln wie »Pretzels in the Moonlight« oder »Two Coins in the Fountain«), ohne daß sich der erhoffte Erfolg einstellen würde. Als eines Tages der berühmte Entertainer Dino (ölig: Dean Martin) auf dem Weg von Las Vegas nach Hollywood in ihrem abgelegenen Wüstenkaff strandet, beschließen Komponist und Textdichter, die einmalige Chance zu nutzen und dem saufgierigen Weiberhelden einen ebenso anregenden wie einbringlichen Aufenthalt zu bereiten: Ein (herzensgutes) leichtes Mädchen (Kim Novak als ›Polly the Pistol‹) wird aus dem örtlichen Amüsierschuppen »Belly Bottom« (»Drop in and get lost!«) herbeigeschafft, eine (ziemlich weltkluge) Ehefrau aus dem Haus expediert, dann nimmt das erfolgsgierige songwriting team den durchreisenden Star in die erotisch-musikalische Zange: »If I’m all agitato, / Every heartstring vibrato.« Billy Wilder betrachtet seine männlichen Protagonisten mit illusionslosem Wohlwissen, während er den weiblichen Figuren eine Art biestiger Zärtlichkeit angedeihen läßt. Trotz oder gerade wegen der unausgewogenen (und bemerkenswert kaltschnäuzigen) Inszenierung entwirft diese in schmuddelig-grauen Panavision-Bildern ausgerollte Vulgärromanze über Hingabe und Eifersucht, diese ätzende Sozialstudie über Angebot und Nachfrage ein Menschenbild von ungeschminkter Ehrlichkeit: »Every look passionato, / Who but you made me so?«

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Anna Bonacci K Joseph La Shelle M André Prévin, George Gershwin A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Billy Wilder D Dean Martin, Kim Novak, Ray Walston, Felicia Farr, Cliff Osmond | USA | 125 min | 1:2,35 | sw | 16. Dezember 1964

# 1078 | 11. Oktober 2017


15.12.64

Hush … Hush, Sweet Charlotte (Robert Aldrich, 1964)

Wiegenlied für eine Leiche

»You weep because you had a dream last night …« Zwei Jahre nach »What Ever Happened to Baby Jane?« wollte Robert Aldrich die Band wieder zusammenbringen, um in puncto Grand-Guignol-Grusel noch einen draufzusetzen. Leider warf Joan Crawford kurz nach Drehbeginn das Handtuch. Praktisch jeder abgelegte Star weiblichen Geschlechts wurde angebettelt, ihre Rolle zu übernehmen – bis sich Olivia de Havilland erbarmte … Bette Davis diesmal als verdatterte (und sehr reiche) alte Jungfer, deren – kurz vor der Hochzeit (von wem?) ermordeter – Verlobter sich 40 Jahre später überraschend aus dem Reich der Toten meldet. Aldrich mixt aus Familienintrigen, Südstaaten-Dekadenz, abgehackten Händen und wandelnden Wasserleichen einen noch hämischeren Gothic-Punch in noch härterem Schwarzweiß (Kamera: Joseh Biroc). Neben dem Duo infernal Davis / de Havilland tragen weitere namhafte has beens – brüchig: Mary Astor; zerlumpt: Agnes Moorehead; verlebt: Joseph Cotten – das Ihre zum wohligen Entsetzen bei.

R Robert Aldrich B Lukas Heller, Henry Farrell K Joseph Biroc M Frank De Vol A William Glasgow S Michael Luciano P Robert Aldrich D Bette Davis, Olivia de Havilland, Joseph Cotten, Agnes Moorehead, Mary Astor | USA | 133 min | 1:1,66 | sw | 15. Dezember 1964

10.12.64

Les barbouzes (Georges Lautner, 1964)

Mordrezepte der Barbouzes 

Der internationale Waffenhändler Benar Shah stirbt à la Félix Faure in einem Pariser Bordell. Ohne Einhaltung der Trauerfrist bemühen sich Nachrichtendienstler diverser Nationen bei der hübschen jungen Witwe Amaranthe (Mireille Darc) um die explosive Hinterlassenschaft des Verblichenen: Patente für Massenvernichtungswaffen der Marken A, B, C und H. Natürlich hat in einem französischen Film der sympathisch-kantige »barbouze« Francis Lagneau (Lino Ventura), der so sprechende Aliasnamen trägt wie ›Petit Marquis‹ oder ›Belles Manières‹ oder ›Bazooka‹ oder ›La Praline‹, die Nase vorn – während der blutrünstig-wahrheitssuchende Deutsche (genannt ›le bon docteur‹), der ungestüm-ästhetische Sowjet (bekannt als ›Trinitrotoluène‹), der scholastisch-neutrale Schweizer Mystizist (Bernard Blier), der amerikanische Scheckbuch-Agent mit dem kleinkarierten Hütchen (Jess Hahn) und Dutzende von kampfschreienden Abziehbild-Chinesen das Nachsehen haben … Georges Lautner (Regie) und Michel Audiard (Dialoge) veräppeln mit sarkastischem Charme das zweitälteste Gewerbe der Welt, machen sich lustig über das brettharte Getue und den bigotten Nationalismus der verbissen konkurrierenden und doch denkbar ähnlich gestrickten (Kino-)Geheimagenten aller Provenienz, dieser sonderbaren Spezies, die sich durch eine »faszinierende Synthese von Gehirn und Muskeln« auszeichnet.

R Georges Lautner B Michel Audiard, Albert Simonin K Maurice Fellous M Michel Magne A Jacques D’Ovidio S Michelle David P Alain Poiré D Lino Ventura, Bernard Blier, Mireille Darc, Jess Hahn, Noël Roquevert | F & I | 109 min | 1:1,66 | sw | 10. Dezember 1964

4.12.64

Une femme mariée (Jean-Luc Godard, 1964)

Eine verheiratete Frau

»Je ne sais pas.« (Hände finden zueinander.) ... Madame Bovary im Zeitalter des Nylons. Fragmente eines Film, gedreht in Paris im Jahr 1964: Teile von Körpern, Splitter von Gedanken, Anflüge von Empfindungen. Ein Ausschnitt aus dem Leben von Charlotte (Macha Méril): sie trifft sich mit ihrem Liebhaber (in dessen Wohnung), sie verbringt die Nacht mit ihrem Mann (zuhause), sie trifft sich mit ihrem Liebhaber (im Flughafenhotel); dazwischen: hektische Fluchtmanöver (Charlotte fühlt sich verfolgt), Schmökern in Magazinen (Charlotte mißt sich an Idealfiguren), ein Besuch beim Frauenarzt (Charlotte fragt nach der Verbindung von Liebe, Empfängnis und Vergnügen). Am Bespiel seiner (fremdgängerischen) Protagonistin reflektiert Jean-Luc Godard über Gedächtnisverlust, S(t)imulation und Fernsteuerung in der Konsumgesellschaft: Charlotte lebt (nur allzu gerne) in einer hermetisch-materialistischen Gegenwart der stilvollen Oberflächen, der systematischen Manipulation, der mentalen Gleichschaltung. Godards Ekel vor diesem Zustand offenbart sich in der gewagten Parallelisierung der von ihm konstatierten (Selbst-)Demontage des Individuums zugunsten vorfabrizierter Wunschbilder, Verhaltensmuster und Denkschablonen mit der Vernichtungslogik der Konzentrationslager. Ein Trost zum Schluß: Umdenken (Befreiung durch Verzicht) scheint immerhin möglich ... (Hände lösen sich voneinander.) »C’est fini.«

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Ludwig van Beethoven, Claude Nougaro A Henri Nogaret S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Philippe Dussart, Maurice Urbain D Macha Méril, Bernard Noël, Philippe Leroy, Roger Leenhardt, Rita Maiden | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 4. Dezember 1964

# 1191 | 18. Januar 2020

27.11.64

Das siebente Opfer (Franz Josef Gottlieb, 1964)

Im herrschaftlichen Umfeld von Lord Mant (Walter Rilla), einem pensionierter Kronrichter und siegesbewußten Rennstallbesitzer, ereignet sich ein Mord nach dem anderen; schließlich fällt der ehrenwerte Pferdefreund selbst einer (Heugabel-)Attacke zum Opfer, ohne daß das Meucheln damit zu einem Ende käme … Bis fast zum Schluß des Films bleibt unklar, worum es eigentlich geht, Franz Josef Gottlieb läßt die Handlung seiner Bryan-Edgar-Wallace-Bearbeitung lässig unter den Tisch fallen, verbrät stattdessen die üblichen Sujets des (Sub-Sub-)Genres (Zwistigkeiten in komplizierten Familienverhältnissen, (Blut-)Rache für frühere Ungerechtigkeit, allgemeine Undurchsichtigkeit von Beweggründen, anonyme Auftritte des großen Unbekannten) in einem freien Spiel der Themen und Motive, schafft viel Raum für die stereotypen Krimifiguren und ihre gut aufgelegten Darsteller: die kantige Adelsfrau (Alice Treff), den honorigen Geistlichen (Hans Nielsen), den fragwürdigen Veterinär (Harry Riebauer), die undurchsichtige Schönheit (Ann Savo), den fiesen Gauner (Wolfgang Lukschy), den verlotterten Erben (Helmuth Lohner), den suspekten Butler (Peter Vogel). Mit wohldosiert-plattem Humor (Trude Herr als beleibte »Diätschwester«!) gerät »Das siebente Opfer« zum originellen billigen Abklatsch eines nicht viel wertvolleren Originals.

R Franz Josef Gottlieb B Franz Josef Gottlieb V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Hans Nielsen, Ann Smyrner, Wolfgang Lukschy, Heinz Engelmann | BRD | 93 min | 1:1,37 | sw | 27. November 1964

18.11.64

Le tigre aime la chair fraîche (Claude Chabrol, 1964)

Der Tiger liebt nur frisches Fleisch

Roger Hanin ist Louis Rapière (= der Degen), genannt ›le tigre‹, ein taffer französischer Geheimdienstler, der freudig austeilt, sich aber, wie es scheint, ab und zu auch ganz gern mal durchprügeln läßt. Der ›Tiger‹ hat den Auftrag, einen Waffendeal zwischen der Grande Nation und der Türkei abzusichern, den eine Handvoll (rivalisierender) Finsterlinge hintertreiben will; insbesondere gilt es, die attraktive Frau und die hübsche Tochter des angereisten Kriegsministers vor den Nachstellungen der Halunken zu beschützen … Claude Chabrol betrachtet die Mechanismen des Spionagefilms mit der ihm eigenen spöttischen Distanz und fabriziert (nach einem Drehbuch des Hauptdarstellers) einen kauzigen 007-Aufguß im Westentaschenformat, wobei er dem Vorbild unumwunden Reverenz erweist: Ian Flemings Roman »From Russia with Love« wird prominent ins Bild gerückt, der platinblonde Schlagetot Dombrovsky (Mario David) ist eine parodistische ›Red‹-Grant-Imitation, und Bond girl Daniela Bianchi spielt gleich selber mit. Die läppische Intrige zerfällt schnell in x-beliebige Erzählbausteine, was – dank Jean Rabiers stilvoller Schwarzweiß-Fotografie, dank eines wachen Sinns für die Inszenierung von Schauplätzen (eine überschwemmte Villa, der Flughafen Orly, ein Autofriedhof mit Schrottpresse) und dank des kuriosen Schurkenkabinetts (unter anderem ein Zwerg namens Jean-Luc) – nicht besonders unangenehm auffällt.

R Claude Chabrol B Antoine Flachot (= Roger Hanin), Jean Halain K Jean Rabier M Pierre Jansen S Jacques Gaillard P Christine Gouze-Rénal D Roger Hanin, Mario David, Daniela Bianchi, Maria Mauban, Jimmy Karoubi | F & I | 86 min | 1:1,66 | sw | 18. November 1964

4.11.64

Fantômas (André Hunebelle, 1964)

Fantomas

Wer hat Angst vorm Blauen Mann? oder Die Wiedergeburt eines genußvoll-sadistischen Superverbrechers als vermummungslustiger Kinderschreck: André Hunebelle erweckt die Stummfilmlegende »Fantômas«, die das Paris der späten Belle Époque unsicher machte und den Surrealisten Begeisterungsseufzer entlockte, als konsumierbaren Antihelden einer modischen (streckenweise recht behäbig inszenierten) Actionklamotte zu neuem Leben. Drei Gerechte ziehen gegen den Schurken zu Felde: ein alerter Journalist (Jean Marais), eine platinblonde Fotografin (Mylène Demongeot) und ein Gesetzeshüter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Louis de Funès in der Rolle des fratzenschneidenden, wild gestikulierenden Kommissar Juve hat den Film fest im Griff und stiehlt dem statuarischen, mimisch durch die Latexmaske arg eingeschränkten Titelhelden die kriminelle Schau. Vor allem durch de Funès' Turbo-Performance verwandelt sich der schwarze Pulp-Anarchismus der Vorlage in einen neckischen Pop-Mummenschanz ohne Bedrohungspotential. PS: »Non, ce n’est pas fini! Nous nous retrouverons, Fantômas!«

R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 100 min | 1:2,35 | f | 4. November 1964

2.11.64

Topkapi (Jules Dassin, 1964)

Topkapi

Formal und erzählerisch unausgewogene Gaunerkomödie über einen Einbruch ins Istanbuler Topkapi-Museum. Jules Dassin parodiert sein eigenes, klassisches, schwarzes 1955er heist movie »Du rififi chez les hommes« als bonbonbunt-polternde Diebesclownerie; schmuddlige Ironie und diskrete Boshaftigkeit der Vorlage von Eric Ambler gehen dabei im Bosporus baden. Der Raubzug selbst (von oben, an Seilen hängend, über trittempfindlichem Fußboden) ist, wenn auch nicht gerade nervenzerreißend, so doch zumindest professionell inszeniert, und der mopsfidele Cast – Melina Mercouri (kleptoman und mannstoll), Peter Ustinov (scheinheilig und akrophob), Maximilian Schell (gründlich und improvisationsfreudig), Robert Morley (ausgetüftelt und vollfett), Akim Tamiroff (immer besoffen) – lohnt durchaus einen Blick (oder zwei).

R Jules Dassin B Monja Danischewsky V Eric Ambler K Henri Alekan M Manos Hatzidakis A Max Douy S Roger Dwyre P Jules Dassin D Melina Mercouri, Peter Ustinov, Maximilian Schell, Robert Morley, Jess Hahn | USA | 120 min | 1:1,66 | f | 2. September 1964

21.10.64

My Fair Lady (George Cukor, 1964)

My Fair Lady

Die Tatsache, daß an George Cukor kein großer Musicalregisseur verlorengegangen ist, wird durch ein fideles Ensemble, durch die unausrottbaren Ohrwürmer von Lerner und Loewe, vor allem aber durch Gene Allens künstlich-elegante Bauten und Cecil Beatons parodistisch-exaltiertes Kostümbild halbwegs kaschiert. Die soziale Veredelung des Cockney-Blumenmädchens Eliza (»I'm a good girl, I am!« – Audrey Hepburn) durch den arrogant-eigenbrötlerischen Stimmbildner Professor Higgins (»Why can't a woman be more like a man?« – Rex Harrison) entbehrt jeder gesellschaftssatirischen Schärfe, stattdessen wirft sich »My Fair Lady« ganz auf das gemächliche Herzeigen nostalgischer production values und die Entwicklung einer eher unglaubwürdigen love story. Höhepunkte des Film sind – neben den visuell imposanten Tableaus der Ascot Gavotte – die Auftritte von Elizas Vater, des Müllkutschers Alfred P. Doolittle (Stanley Holloway), eines immer leicht angetüterten Rinnstein-Philosophen mit gesundem Vorbehalt gegen jede Form von middle-class morality, der das überlange Geschehen (leider zu selten) mit flotten Weisheiten aufmischt: »The Lord above made man to help his neighbor – but / With a little bit of luck, with a little bit of luck / When he comes around you won't be home!«

R George Cukor B Alan Jay Lerner V George Bernard Shaw K Harry Stradling M Frederick Loewe A Gene Allen, Cecil Beaton S William H. Ziegler P Jack L. Warner D Audrey Hepburn, Rex Harrison, Stanley Holloway, Wilfrid Hyde-White, Gladys Cooper | USA | 170 min | 1:2,35 | f | 21. Oktober 1964

14.10.64

Send Me No Flowers (Norman Jewison, 1964)

Schick mir keine Blumen

»When he tells me he's dying and he doesn't die ... wouldn't he know that I'd get suspicious?« Day/Hudson/Randalls dritter flotter Dreier, ein drolliger Versuch über Leben und Sterben in Suburbia, wird ihr letztes Teamwork bleiben: Doris als vorörtliche Hausfrau, Rock als ihr hypochondrischer Ehemann mit einem gefühlten Bein im Sarg, Tony als nachbarlicher Freund und Buffo. Handwerklich wohl der beste Film des Trios, entbehrt diese schwarze Komödie in Pastell leider ein wenig die urbane Überspanntheit ihrer beiden Vorgänger. Milkman statt door man, Country Club statt Night Club, Gesichter und Lichter der Vorstadt.

R Norman Jewison B Julius Epstein V Norman Barasch, Carroll Moore K Daniel L. Fapp M Frank De Vol A Alexander Golitzen S J. Terry Williams P Harry Keller D Doris Day, Rock Hudson, Tony Randall, Paul Lynde, Hal March | USA | 100 min | 1:1,85 | f | 14. Oktober 1964