21.1.59

Der Tiger von Eschnapur (Fritz Lang, 1959)

Indien made in (CCC-)Spandau: Der stolze Maharadscha Chandra liebt die schöne Tempeltänzerin Sitah (Debra Paget), die den deutschen Ingenieur Harald Berger (Paul Hubschmid) liebt, der sie wiederliebt und mit ihr flieht … Natürlich ist »Der Tiger von Eschnapur« naiv, pappig und wüst verkitscht – aber Fritz Lang nimmt die Naivität, die Pappe und den Kitsch ernst, und er tut dabei so, als könnte man Ende der 1950er Jahre (Jean-Luc Godard wird nur ein Jahr später »À bout de souffle« drehen) immer noch Filme machen wie 1920, als könnte man immer noch zu Kino-Abenteuerreisen aufbrechen, die sich um die Wirklichkeit nicht scheren, die statt dessen in vollen Zügen die fantasiegeschwängerte Luft des Studios atmen. Auf diese Weise erschafft er ein wunderbar abgedroschenes Klischee-Epos, so lupenrein wie ein Glasdiamant, eine heillos melodramatische Augenwischerei, so tief­empfunden wie eine Soap Opera. Langs Inder (unter anderem Walter Reyer, René Deltgen, Jochen Brockmann) sind Figurinen aus Straß, bunter Seide und rehbrauner Schuhcreme (fürs Gesicht), seine exotischen Paläste bestehen aus falschgoldenen Säulen, gemaltem Marmor und kunstfelsigen Irrgängen (im Untergrund). Das kinematographische Geheimnis liegt jederzeit offen zu Tage, und doch lädt es ein, sich darin zu verlieren. PS: Fortsetzung folgt – »noch spannender – noch gewaltiger – noch grandioser«.

R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke V Thea von Harbou K Richard Angst M Michel Michelet A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Valerij Ikijinow, René Deltgen | BRD & F & I | 100 min | 1:1,37 | f | 21. Januar 1959

25.12.58

Bell Book and Candle (Richard Quine, 1958)

Meine Braut ist übersinnlich 

»You gave me something wonderful: You made me unhappy.« Magisch-skurrile love story zwischen einem älteren Vernunftmenschen (James Stewart) und einer gutaussehenden jungen Hexe (Kim Novak), angesiedelt im verschneit-weihnachtlichen New York. (Nachdem ihre Romanze in Hitchcocks »Vertigo« kurz zuvor tragisch endete, gewährt Richard Quine dem Paar gleichsam eine zweite Chance…) Hexen, so lernt man anfangs, vermögen weder zu erröten, noch zu weinen – und lieben können sie auch nicht. Zur Vorhersage, daß Novak in »Bell Book and Candle« erröten, weinen und lieben wird, bedarf es mithin keiner übersinnlichen Fähigkeiten. Der Weg ins Glück führt über allerlei Hürden (und durch einige Längen), die von gutaufgelegten Darsteller aus dem Weg geräumt (beziehungsweise charmant verkürzt) werden: Jack Lemmon als bongospielender Nachwuchszauberer, Ernie Kovacs als alkoholischer Sachbuchautor (»Magic in Mexico«, »Voodoo Among the Virgins«), Elsa Lancaster (kichernd) und Hermione Gingold (hochtönend) als Hexen von altem (!) Schrot und Korn. »Ring the bell. Close the book. Quench the candle.«

R Richard Quine B Daniel Taradash V John Van Druten K James Wong Howe M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Julian Blaustein D James Stewart, Kim Novak, Jack Lemmon, Ernie Kovacs, Hermione Gingold, Elsa Lanchester | USA | 106 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1958

18.12.58

Romarei, das Mädchen mit den grünen Augen (Harald Reinl, 1958)

Ein deutscher Abenteuerfilm »nach dem gleichnamigen in der Bild-Zeitung erschienenen Roman« – das klingt doch vielversprechend: abgedroschene Exotik (der Zauber Arabiens und die Geheimnisse der Wüste), tödliche Rivalität unter internationalen Wirtschaftsbossen, eine gehörige Portion Okkultismus (der abergläubische Magnat und das Fräulein mit dem zweiten Gesicht), obendrein wahre Liebe, ein blinder Junge sowie ein treuer Hund – der Stoff, aus dem die guten schlechten Filme sind. Dazu die exzentrischen Rollennamen: Sir Boris Olinzoff, Papas Leonidas, Kees Falkenried, nicht zu vergessen der unsichtbar im Hintergrund spukende Schurke ›Mazareff‹ – was kann da noch schiefgehen? So manches, wie man in dieser erznaiven Geschichte um ein hellseherisch begabtes Waisenkind sieht: Harald Reinl (der Adenauer des bundesrepublikanischen B-Films) eiert unentschlossen zwischen Heimatkitsch, Reißer, Märchen und Romanze. Trotz pappiger Kulissen und billiger Flitterkostüme, trotz hanebüchener Kolonialklischees und hochkarätiger Knallchargen wie Dominique Wilms oder Reggie Nalder sinkt »Romarei, das Mädchen mit den grünen Augen« nur selten auf jenes Niveau, wo schlichter Blödsinn in brillanten Eskapismus umschlägt – wie etwa, wenn der verrückte Hobbybotaniker Baron de Tavel (Kurt Meisel) seinen staunenden Tischgenossen erklärt, daß der Mensch von den Pflanzen abstamme: »Sie sollten einmal die Form einer knospenden Lilia aphrodisia betrachten, wie sich in ihr die Gestalt eines schlanken Mädchenkörpers abzeichnet. Und wenn sich die Blume auftut, dann ...« Mit »Romarei« tut sich leider keine Blume auf.

R Harald Reinl B Gerda Corbett V Gerda Corbett K Hans Schneeberger M Willi Mattes A Ernst H. Albrecht S Johanna Meisel P Gero Wecker D Carola von Kayser, Leonard Steckel, Joachim Hansen, Reggie Nalder, Werner Peters | BRD & I | 89 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1958

Some Came Running (Vincente Minnelli, 1958)

Verdammt sind sie alle 

Tomographie einer amerikanischen Kleinstadt: Nach 16 Jahren kehrt der blockiert-verkrachte Schriftsteller Dave (Frank Sinatra) in seine Heimat zurück; im Gepäck trägt er viel Hader – mit sich und mit der Welt seines älteren Bruders (Arthur Kennedy), eines bigotten Gliedes der sogenannten besseren Gesellschaft. Untermalt von Elmer Bernsteins bald lyrisch-melancholischen, bald bedrohlich stampfenden Kompositionen, entwirft Vincente Minnelli das trostlos-ergreifende Cinema-Scope-Bild (Kamera: William H. Daniels) einer Lebensart, die von Frustration, Kleingeistigkeit, emotionaler Vereisung und Alkohol beherrscht wird. Beziehungen, Talente, Hoffnungen – alles ist irgendwie verpfuscht, und Mitleid scheint auf diesem Jahrmarkt der Traurigkeiten das höchste der möglichen Gefühle. Dean Martin verkörpert (als Inkarnation seiner selbst) einen professionellen Spieler, der – in einer hochprozentigen splendid isolation lebend – niemals den Hut absetzt (nur einmal, ganz zum Schluß, wird er ihn lüften); Martha Hyer flüchtet sich als hochmütig-mutlose Lehrerin ins platonische Unglück; im heimlichen Zentrum der Erzählung steht die von Shirley MacLaine gespielte Ginny: Das (nur vordergründig) sonnige Doofchen mit der rührenden Plüschtiertasche ist weit und breit die einzige, die in der Lage ist, ganz unverstellt Liebe zu geben und zu zeigen – im apokalyptisch illuminierten Finale wird ihr genau das zum Verhängnis. In seiner expressiv-analytischen Überspanntheit wirkt »Some Came Running« wie ein von Frank Tashlin inszeniertes Douglas-Sirk-Melodram.

R Vincente Minnelli B John Patrick, Arthur Sheekman V James Jones K William H. Daniels M Elmer Bernstein A William A. Horning, Urie McCleary S Adrienne Fazan P Sol C. Siegel D Frank Sinatra, Dean Martin, Shirley MacLaine, Arthur Kennedy, Martha Hyer | USA | 137 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1958

17.12.58

Der Schinderhannes (Helmut Käutner, 1958)

»Einmalig in der rheinländischen Kriminalität! Hier werden die schauerlichen und pikanten Einzelheiten enthüllt!« Eine Räuber-Dramödie aus der Franzosenzeit, von Helmut Käutner als komparsenreiches Bauerntheater mit speckigen Wämsern und kecken Filzhütchen, struppigen Perücken und böllernden Doppelflinten dargeboten. Curd Jürgens (in der Titelrolle des legendären Bandenführers, eines vermeintlichen »Robin Hood aus dem Hunsrück«) und Maria Schell (als liebende Kebse des edelmütigen Schurken) plagen sich hörbar mit dem angelernten Dialekt und machen, trotz ihres jeweiligen Star-Nimbus, auch ansonsten keine besonders überzeugende Figur. »Der Schinderhannes« hätte ein interessantes Lehrstück sein können: über einen berühmten Mann, der sich allgemach für denjenigen hält, den die Öffentlichkeit in ihm sieht, der seiner eigenen Legende auf den Leim geht und eben daran scheitert. Käutner jedoch, in anderen Fällen für spöttische Distanz durchaus zu haben, inszeniert einen kreuzbraven Bilderbogen, zeichnet das unkritische Bild eines selbstherrlichen Kerls, der (angeblich) »die Reichen schröpft und den Armen kein Haar krümmt« und deshalb (sowie Verrats wegen) mit seinen Konsorten aufs Schafott steigen muß. So bleibt der Film nichts als eine zweifelhafte Moritat in malerischer Landschaft: »Das ist der Schinderha-hannes, / der Lumpenhund, der Galgenstrick, / der Schrecken jedes Ma-hannes / und auch der Weiber Stück.«

R Helmut Käutner B Georg Hurdalek V Carl Zuckmayer K Heinz Pehlke M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Gyula Trebitsch, Walter Koppel D Curd Jürgens, Maria Schell, Christian Wolff, Fritz Tillmann, Siegfried Lowitz | BRD | 115 min | 1:1,66 | f | 17. Dezember 1958

# 890 | 30. Juni 2014

1.12.58

Murder by Contract (Irving Lerner, 1958)

Der Tod kommt auf leisen Sohlen

»Now why would a stranger kill a stranger? Because somebody’s willing to pay. It's business.« Claude (Vince Edwards), ein adretter junger Mann mit sicherer Stellung und akzeptablem Gehalt, möchte sich verbessern: »I want to be a contractor.« Claude hat einen Traum: ein Haus am Fluß. Jeder Auftrag bringt ihm 500 $. So rückt das Ziel in greifbare Nähe: »When you do a good job, the money comes.« Nachdem er sich – in kurzen, elliptisch gestalteten Episoden – mehrfach bewährt hat (unter anderem durch Beseitigung seines Anwerbers), wird der umsichtige Killer (»I don’t make mistakes.«) nach Los Angeles geschickt, wo er, unterstützt und überwacht von zwei Komplizen, einen Kronzeugen vor der gerichtlichen Vernehmung eliminieren soll … Ein kühler Thriller, schnell produziert, ohne formale Schnörkel, eine existenzialistische Farce voll makabrer Komik und absurder Situationen, das lakonische Porträt eines Loners, der von sich behauptet, jedes persönliche Gefühl ausgeschaltet zu haben: »I feel hot, I feel cold, I get sleepy, and I get hungry.« Claude beginnt bezeichnenderweise die Kontrolle in jenem Moment zu verlieren, da er erfährt, daß der abzuservierende Zeuge eine Zeugin ist: »I don’t like women. They don’t stand still.« Irving Lerner und sein Kameramann Lucien Ballard (der auch Stanley Kubricks meisterlichen Spät-Noir »The Killing« fotografierte) geben diesem B-Movie das Gepräge eines grotesken (Genre-)Totentanzes mit parodistischem Unterton: Eine der schönsten Szenen von »Murder by Contract« spielt in den schäbigen Kulissen eines aufgelassenen Hollywood-Studios. Die kongeniale Endspiel-Musik von Perry Botkin zitiert Anton Karas’ legendären Wiener Zithersound: Ein grandioser, minimalistisch-melancholischer Gitarrenscore (die Tracks tragen so wunderbare Titel wie »The Executioner Theme« und »Waltz of the Hunter«) vereinigt, ebenso wie Lerners souveräne Regie, ironisch gebrochenes Pathos und todtraurigen Humor.

R Irving Lerner B Ben Simcoe K Lucien Ballard M Perry Botkin Sr. A Jack Poplin S Carlo Lodato P Leon Chooluck D Vince Edwards, Philip Pine, Herschel Bernardi, Caprice Toriel, Kathie Browne | USA | 81 min | 1:1,85 | sw | 1. Dezember 1958

# 885 | 25. Juni 2014

7.11.58

Ich werde dich auf Händen tragen (Veit Harlan, 1958)

Ines (Kristina Söderbaum) heiratet Rudolf (Hans Holt) und übersiedelt in die repräsentative Villa des reichen Kunsthändlers oberhalb von Florenz. Dort leben auch dessen 8jährige Tochter Agnes nebst Kinderfräulein Anne (Hilde Körber) – beide in religiöser Schwärmerei der toten Mutter des Mädchens und ersten Frau des Hausherren verbunden (man könnte auch sagen: verfallen). Ines verspürt ihre Ablehnung, ja ihren Haß – und schon bald meint auch sie, das Klavierspiel der Verstorbenen aus dem verschlossenen Gartenpavillon ins Diesseits herüberschallen zu hören ... Die Atmosphäre erinnert an Hitchcocks »Rebecca«, wo gleichfalls der Schatten einer Toten auf die Seelen der Lebenden fällt, doch Veit Harlan mangelt es in »Ich werde dich auf Händen tragen« an Mut (vielleicht auch an Energie oder an Mitteln), die theatralische Konstellation bis zum Letzten aus- und durchzuspielen: Es fehlen die ultimative Bosheit, die unbeherrschten Gefühlsausbrüche, das Zugespitzte, das Hemmungslose. Die Gespenster der Vergangenheit, von denen Gegenwart und Zukunft verdüstert werden, lassen sich so leicht verjagen wie orientierungslose Fledermäuse. Lediglich in den Szenen, in denen der Regisseur die sentimentale Söderbaum und die erbitterte Körber (im richtigen Leben die beiden Mütter seiner Kinder) einander als Rivalinnen gegenüberstellt, entwickelt sein letzter Film eine reizvolle autobiographisch-familiäre Perfidie.

R Veit Harlan B Veit Harlan, Guido Fürst V Theodor Storm K Gerhard Krüger M Werner Eisbrenner A Ernst H. Albrecht, Hans Auffenberg S Klaus M. Eckstein P Gero Wecker D Kristina Söderbaum, Hans Holt, Hans Nielsen, Barbara Haller, Hilde Körber | BRD | 91 min | 1:1,37 | f | 7. November 1958

2.11.58

The Geisha Boy (Frank Tashlin, 1958)

Jerry außer Rand und Band

Weil er in der Heimat kein Engagement findet, geht Bühnenmagier Gilbert »The Great« Wooley (Jerry Lewis) an der Seite seines Partners, des weißen Hasen Harry (der tatsächlich über metaphysische Kräfte zu verfügen scheint), zur Truppenbetreuung in den fernen Osten. Im Land der aufgehenden Sonne trifft Gilbert auf den Waisenjungen Mitsuo Watanabe, den er mit seinem exzentrischen Ungeschick erstmals seit dem Tod der Eltern zum Lachen bringt, woraufhin der bezauberte Sechsjährige den Illusionskünstler nicht mehr aus den Fängen läßt ... Frank Tashlin nutzt die turbulenten Reiseabenteuer des linkischen Frontunterhalters zur Veralberung uramerikanischer Phänomene wie Sexbomben (Marie McDonald als zickige Platinsirene Lola Livingston) und Baseball (die Los Angeles Dodgers als Los Angeles Dodgers) ebenso wie zur Persiflage auf prominente Kinomotive (Sessue Hayakawa karikiert seine Rolle als Colonel Saito in »The Bridge on the River Kwai«, während über dem Fuji die Paramount-Sterne blinken) und zum romantischen Systemvergleich zwischen West und Ost (Suzanne Pleshette als taffe US-Offizierin versus Nobu McCarthy als zutunliche Mademoiselle Butterfly) – all dies wird freilich rigoros überlagert von Lewis’ clownesk-sentimentaler Hingabe an flauschige Langohren und kleine Japaner.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Rudy Makoul K Haskell B. Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macronie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Robert Hirano, Nobu McCarthy, Sessue Hayakawa, Suzanne Pleshette, Marie MacDonald | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 2. November 1958

# 1073 | 3. September 2017

28.10.58

Party Girl (Nicholas Ray, 1958)

Das Mädchen aus der Unterwelt

Ein film noir in leuchtenden Farben (vor allem Rot – in allen Schattierungen), ein revuehaftes gangster movie, ein zuckriges Melodram. Wohl keiner bannte das wilde Chicago der Mobster so märchenhaft-imaginär, so schwärmerisch-sentimental auf Zelluloid wie Nicholas Ray. »Party« Girl handelt von leichten und von schweren Wegen, von alter Partnerschaft und von großer Liebe, vom berechenbaren und vom unberechenbaren Wahnsinn – dies alles veranschaulicht an den Beziehungen zwischen einer innerlich blessierten Tänzerin (Cyd Charisse als ›Vicki Gaye‹), die ihre Gesellschaft verkauft, einem hinkenden Anwalt (Robert Taylor als ›Tommy Farrell‹), der sein Talent feilbietet, und einem Unterweltboss (Lee J. Cobb als ›Rico Angelo‹), der wie ein verrückter König über sein kriminelles Reich herrscht (und schon mal ein Foto von Jean Harlow erschießt, weil sie geheiratet hat – aber nicht ihn). So wie Tommy Geschworene mit rührenden Geschichten einlullt und Freisprüche für sichere Todeskandidaten herausschlägt, so spinnt der große Nick aus dem filmischen Stroh abgedroschener Geschichten und auserzählter Figuren ein hochmusikalisches, schillernd-überkandideltes Breitwand-Prachtstück.

R Nicholas Ray B George Wells K Richard Bronner M Jeff Alexander A Randall Duell, William A. Horning S John McSweeney Jr. P Joe Pasternak D Robert Taylor, Cyd Charisse, Lee J. Cobb, John Ireland, Kent Smith | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 28. Oktober 1958

Wir Wunderkinder (Kurt Hoffmann, 1958)

»Leute, genießt bloß die Nachkriegszeit / denn bald wird sie wieder zur Vorkriegszeit!« Wenn der bundesdeutsche Film der 1950er Jahre gesellschaftskritisch sein will, greift er gerne zu den Mitteln des Kabaretts; so auch Kurt Hoffmann, der das Duo Neuss/Müller als singende Conférenciers einer flotten Epochenrevue besetzt. Die beiden Wolfgangs erzählen launig die Lebensgeschichte zweier Klassenkameraden, die sich – der eine recht, der andere schlecht – durch die Zeitläufte lavieren. Hans (zahnlos: Hansjörg Felmy) – anständig und duckmäuserisch (= gut deutsch) – und Bruno (dynamisch: Robert Graf) – einnehmend und mitlaufend (= böse deutsch) – machen jeweils ihren Weg, wie sie können und wie es ihnen charakterlich gegeben ist. »Wir Wunderkinder« (der so heißt »weil es nach allem, was wir erlebt haben, ein Wunder ist, daß wir Kinder dieses Jahrhunderts überhaupt noch leben«) unterhält auf hohem visuellen und musikalischen Niveau, vermeidet jedoch konsequent den Blick in die historischen Abgründe.

R Kurt Hoffmann B Heinz Pauck, Günter Neumann V Hugo Hartung K Richard Angst M Franz Grothe A Franz Bi, Max Seefelder S Hilwa von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Robert Graf, Johanna von Koczian, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 107 min | 1:1,66 | sw | 28. Oktober 1958

17.10.58

Die Trapp-Familie in Amerika (Wolfgang Liebeneiner, 1958)

Zweiter Teil der Familiensaga: Die sangesfrohen Trapps tun sich schwer in der Neuen Welt – ihre glockenhellen Stimmen lassen sich nicht in klingende Münze umsetzen. Bis die exilierte österreichische Sippschaft (zufällig) erkennt, worauf das zahlende US-Publikum anspringt, braucht es einen ganzen Spielfilm mit vielen frustrierenden Umwegen, inklusive einer kuriosen Lektion in Sachen sex-appeal für die nonnenhafte, doch stets unverzagte Chormutter (Ruth Leuwerik). Herbert Reineckers Drehbuch reiht eher unkonzentriert Episode an Episode, läßt aber gerade durch seine dramaturgische Gleichgültigkeit viel Raum für atmosphärische Impressionen. »Außenaufnahmen in Amerika« verkündet nicht ohne Stolz der Titelvorspann – und genau hier liegt der Reiz des Streifens: Eine neugierige, suchende, mal verblüf­fend freudlose, mal unwillkürlich staunende Kamera (Werner Krien) schafft – zumindest in den an Original-Schauplätzen gedrehten Passagen – eine im bundesdeutschen Kino der 1950er Jahre seltene Unmittelbarkeit. »Die Trapp-Familie in Amerika« ist dabei nicht nur simpler Werbeprospekt für den treuen Glauben an ein besseres Morgen im Pursuit-of-Happiness-Kapitalismus; Wolfgang Liebeneiner beschwört vielmehr (in Zeiten von millionenfacher Entwurzelung und schwierigem Neubeginn) die unverlierbare innere Heimat des Menschen: »Ich hab’ früher ein Lied so gern gehabt: ›Kein schöner Land in dieser Zeit‹.« – »Welches Land meinen Sie denn?« – »Kann das nicht jedes Land sein?«

R Wolfgang Liebeneiner B Herbert Reinecker V Maria Augusta Trapp K Werner Krien M Franz Grothe A Robert Herlth, Gottfried Will S Margot von Schlieffen P Ilse Kubaschewski, Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Hans Holt, Josef Meinrad, Wolfgang Wahl, Adrienne Gessner | BRD | 104 min | 1:1,37 | f | 17. Oktober 1958

16.10.58

Peter Voss, der Millionendieb (Wolfgang Becker, 1958)

»Die Erde«, schrieb E. G. Seeliger, der Erfinder des Millionendiebes Peter Voss, »ist der Omnibus der freien Menschheit auf ihrer Reise durch die Ewigkeit.« Zwischen dieser absurd-poetischen Erkenntnis und Wolfgang Beckers biederbunter Adaption des oft und gern verfilmten deutschen Abenteuerromans liegen Welten. Dabei klingt die Prämisse recht hübsch: Peter Voss (O. W. Fischer) fingiert einen Einbruch, um einem befreundeten Bankier, dem vorübergehend ein größerer Betrag fehlt, aus der Patsche zu helfen, und flieht sodann, verfolgt von echten Räubern und dem leicht vertrottelten Versicherungsdetektiv Bobby Dodd (Walter Giller), rund um den Globus … »Die Außenaufnahmen wurden in Berlin – Hamburg – Genua – Marseille – Barcelona – Lissabon – Rio de Janeiro – Mexico – Tokio und Hongkong gedreht«, prahlt der Vorspann; die Inszenierung läßt sich jedoch zu keinem Zeitpunkt auf die fremden Orte ein, frühstückt nur hektisch ab, findet, wie ein bornierter Tourist, gerade mal obligate Klischees – wenn überhaupt. Hin und wieder läßt der Film comichaften Charme spielen, etwa wenn sich Peter Voss am brennenden Wrack seines Sportwagens eine Zigarette anzündet oder wenn er in die Rolle eines gefeierten Stierkämpfers schlüpft, um seinen Häschern zu entkommen, aber zumeist degradiert Fischers spöttische Monomanie den nonchalanten Glücksritter zum eitlen Gecken.

R Wolfgang Becker B Curt J. Braun, Gustav Kampendonk V E. G. Seeliger K Klaus von Rautenfeld, Günther Senftleben M Hans-Martin Majewskis A Hanns H. Kuhnert S Klaus M. Eckstein P Kurt Ulrich D O. W. Fischer, Ingrid Andrée, Walter Giller, Margit Saad, Peter Mosbacher | BRD | 111 min | 1:1,37 | f | 16. Oktober 1958

10.10.58

Les tricheurs (Marcel Carné, 1958)

Die sich selbst betrügen

»Cinquante ans de pagaille derrière eux … et sans doute autant devant.« Wenn einer, der die Mitte des Lebens hinter sich gelassen hat, über die »Jugend von heute« spricht, wird es schnell fragwürdig. Auch Marcel Carnés bald konsterniert-kritischer, bald wohlmeinend-sentimentaler Blick auf die Kinder des Zeitalters von Angst und Konsum ist nicht frei von Altherrenhaftigkeit. Sein Pariser Sittenbild zeigt eine Bande von spätexistenzialistischen Mädchen und Jungen, die sich mit hektischer Gleichgültigkeit in ihre Tage und Nächte fallen lassen, radikal antiemotional, vom Leben zum Streben gelangweilt. Sie sind nicht unmoralisch, weil konventionelle Wertmaßstäbe für sie überhaupt keine relevante Kategorie mehr darstellen, sie sind nicht revolutionär, weil ihnen die Gesellschaft, die sie umgibt, vollkommen alternativlos erscheint. »Les tricheurs« beschreibt dieses (in allen Rollen hervorragend besetzte) jazzig-indolente Milieu aus der Perspektive des bourgeoisen Abiturienten Bob, der sich in Mic verliebt, die (vermeintlich!) keinen anderen Wunsch hegt, als einen Jaguar zu besitzen. Zwei Szenen stechen heraus: die Rettung einer Katze von einem fast unerreichbaren Dachgesims, ein provokanter Wettkampf mit dem eigenen Tod; ein Wahrheitsspiel, in dem jede Frage mit einer Lüge beantwortet wird, damit ja nicht der Eindruck entstehe, irgendeiner der (Un-)Beteiligten könnte Gefühle hegen. Carné sucht die Erklärung für dieses (auto-)destruktive Verhalten in den Zeitläuften: Nach zwei Weltkriegen und vor einem möglichen dritten – was wolle, könne, solle man da vom Nachwuchs noch erwarten? Mit seiner Betrachtung derer, die sich selbst betrügen, sitzt er jedoch (bei aller formalen Beweglichkeit, die ihm als Meister der Kinematographie zu Gebote steht) einem höchstpersönlichen Selbstbetrug auf: der Vorstellung, ein Mann von fünfzig könnte die Welt der Zwanzigjährigen allein mit der poetisch-realistischen Einfühlung seiner eigenen nachgeträumten Jugend ergründen.

R Marcel Carné B Marcel Carné, Jacques Sigurd K Claude Renoir M diverse A Paul Bertrand S Albert Jurgenson P Robert Dorfmann D Jacques Charrier, Pascale Petit, Laurent Terzieff, Andréa Parisy, Roland Lesaffre | F & I | 120 min | 1:1,66 | sw | 10. Oktober 1958

3.10.58

Popiół i diament (Andrzej Wajda, 1958)

Asche und Diamant

Frieden als Fortsetzung des Krieges mit anderen (?) Mitteln … Polen, 8. Mai 1945. Die Deutschen haben kapituliert, der Kampf geht weiter: Maciek, Soldat der widerständigen nationalen ›Heimatarmee‹, erhält den Auftrag, einen kommunistischen Funktionär zu liquidieren. Andrzej Wajda erzählt die (reichlich schäbige) Geschichte im Stil eines expressiven film noir (Kamera: Jerzy Wójcik), angereichert mit vollfetten Symbolismen: kopfüberhängende Christusfiguren, wehende weiße Wäsche, herrenlos umherirrende Pferde, ein großer Schicksalsdialog auf dem Abort, eine besoffene Polonaise (!) im Morgengrauen, ein wimmernder Tod auf der Müllkippe. In dem Maße wie »Popiół i diament« (statt beflissen-wirklichkeitsheischende Rekonstruktion zu betreiben) das Geschehen als kristallklaren Alptraum entwickelt, weitet sich die historische Fußnote zum großen geschichtlichen Gleichnis – und Zbigniew Cybulski reiht sich mit seiner Darstellung des aus Sein und Zeit gefallenen, sonnenbebrillten Untergrundkämpfers Maciek Chełmicki (neben James Deans Jim Stark und Jean-Paul Belmondos Michel Poiccard) in die Reihe der unsterblichen, immerjungen Helden des (tragischen) filmischen Rebellentums.

R Andrzej Wajda B Jerzy Andrzejewski V Jerzy Andrzejewski K Jerzy Wójcik M Filip Novak A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Zbigniew Cybulski, Ewa Krzyżewska, Wacław Zastrzeżyński, Adam Pawlikowski, Bogumił Kobiela | PL | 103 min | 1:1,66 | sw | 3. Oktober 1958

6.9.58

Les amants (Louis Malle, 1958)

Die Liebenden

»On ne resiste pas au bonheur.« Jeanne Tournier (Jeanne Moreau) lebt als Gattin eines unnahbaren Verlegers und Mutter einer kleinen Tochter in Wohlstand und Langweile. Regelmäßige kleine Fluchten führen sie aus dem verschlafenen Dijon nach Paris, wo sie sich mit einer Freundin in die Vergnügungen der besseren Kreise stürzt und von einem eleganten Polospieler umschwärmen läßt. Die Leere dieses Lebens zwischen Gefühlskälte und Oberflächlichkeit wird ihr schlagartig bewußt durch die zufällige Begegnung mit dem ungezwungenen Studenten Bernard, der die Spielregeln des bürgerlichen Lebens grundlegend in Frage stellt. Louis Malle setzt die plötzliche Leidenschaft seiner Titelhelden (»L’amour peut naître d’un regard.«) in romantisch-weihevollen (fast lächerlich-preziösen) Nachtbildern in Szene und schickt die beiden am Morgen danach – nicht in Jeannes schnittigem Peugeot 203 Cabriolet, sondern in Bernards bravem 2CV – umstandslos auf die gemeinsame Reise ins Land der großen Gefühle. Ob ein glückliches Entkommen aus der guten Gesellschaft (und alten Gewohnheiten) tatsächlich möglich ist, läßt der Film offen, einen Versuch, legt Malle nahe, ist der Neustart aber allemal wert.

R Louis Malle B Louis Malle, Louise de Vilmorin V Dominique Vivant K Henri Decaë M Johannes Brahms A Bernard Evein Ko Renée Pellmoine S Leonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Jean-Marc Bory, Alain Cuny, José Luis de Vilalonga, Gaston Modot | F | 90 min | 1:2,35 | sw | 6. September 1958

# 1193 | 7. Juni 2020