Ministerium der Angst
»Don’t bother about the past. Tell me the future.« England im Zweiten Weltkrieg: ›The Blitz‹ überzieht das Land mit Fliegerangriffen, Bombenhagel, Verwüstung. In dieser brisanten Atmosphäre erzählt Fritz Lang (nach einem Roman von Graham Greene) einen fabelhaft-verstörenden Thriller um einen desorientierten Mann, der – gerade als vermeintlicher Psychopath aus einer geschlossenen Anstalt entlassen (er hatte zwei Jahre zuvor seiner unheilbar kranken Frau Sterbehilfe geleistet) – aufgrund einer Verwechslung in ein bodenloses Spionage-Komplott gesogen wird: Auf einem Wohltätigkeitsbasar der »Mothers of Free Nations« gewinnt Stephen Neale (Ray Milland) eine Torte, die ein tödliches Geheimnis birgt; in der Folge gerät er nicht nur unter (mehrfachen) Mordverdacht sondern auch unter mondäne Wahrsagerinnen und erstaunlich klarsichtige Blinde, unter obskure Antiquare und kugelsichere Herrenschneider. Gewißheiten und Identitäten lösen sich auf wie Mauerwerk im Luftkrieg: Bücher explodieren als Höllenmaschinen, bedrohliche Gestalten erweisen sich als Hüter von Recht und Ordnung, während sich selbstlose Freunde als Agenten des Feindes entpuppen; daß ein psychologischer Berater der Behörde für Heimatschutz eifrig den Nazis zuarbeitet, kann in dieser Gemengelage nicht überraschen … »Ministry of Fear« schafft, in der modellhaften Künstlichkeit des Studios, ein konfuses Panorama der Paranoia, einen schwarzen Abgrund der Irritation, ein faszinierendes Labyrinth der Angst. PS: Lächelnden Männern, die den Nachnamen ›Hilfe‹ tragen, sollte unbedingt mißtraut werden.
R Fritz Lang B Seton E. Miller V Graham Greene K Henry Sharp M Victor Young A Hans Dreier, Hal Pereira S Archie Marshek P Seton E. Miller D Ray Milland, Marjorie Reynolds, Carl Esmond (= Willy Eichberger), Dan Duryea, Hillary Brooke | USA | 85 min | 1:1,37 | sw | 16. Oktober 1944
16.10.44
11.10.44
To Have and Have Not (Howard Hawks, 1944)
Haben und Nichthaben
»Martinique, in the summer of 1940, shortly after the fall of France …« Auf den ersten Blick wirkt Howard Hawks’ Hemingway-Adaption wie eine Variation von »Casablanca«: im Mittelpunkt ein (von Humphrey Bogart gespielter) Einzelgänger, der zunächst verbissen seine an Herzlosigkeit grenzende Autonomie verteidigt, dann aber um so couragierter für die gute Sache eintritt; ein Handlungsort in den vom Vichy-Regime kontrollierten französischen Kolonien (Karibik statt Nordafrika); ein Freiheitskämpfer (in Begleitung seiner liebenden Ehefrau) auf der Flucht vor Nazi-Schergen (Paul de Bursac statt Victor László); ein schleimig-tückischer Polizeioffizier (Capitaine Renard als Mischung aus Louis Renault, Major Strasser und dem Fettsack Ferrari); ein immer überfülltes Etablissement (mit hauseigenem Pianist), in dem alle Ereignisfäden zusammenlaufen (›Hotel Marquis‹ statt ›Rick’s Café Américain‹). Der entscheidende Unterschied liegt in der völlig anders gearteten zentralen Romanze, die Tonfall und Atmosphäre des Films bestimmt. Harry Morgan (Bogart), der sich und sein Fischerboot an wohlhabende Touristen vermietet, und die coole Herumtreiberin (und behende Gelgenheitsdiebin) Marie Browning (Lauren Bacall in ihrem atemberaubenden Leinwanddebüt) belegen sich schon beim zweiten Zusammentreffen mit frotzelnden Spitznamen (›Steve‹ vs. ›Slim‹), schenken einander nichts in Sachen Unabhängigkeit, Beherrschtheit und Intelligenz. Ihre Liebe erwächst aus gegenseitigem Respekt und bringt in beiden das Beste zum Vorschein – anders als in »Casablanca« ohne jede melancholische Grundierung. »You know how to whistle, don't you, Steve? You just put your lips together and ... blow.«
R Howard Hawks B Jules Furthman, William Faulkner V Ernest Hemingway K Sidney Hickox M Franz Waxman A Charles Novi S Christian Nyby P Howard Hawks D Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Walter Brennan, Dolores Moran, Marcel Dalio, Hoagy Carmichael | USA | 100 min | 1:1,37 | sw | 11. Oktober 1944
# 987 | 2. März 2016
»Martinique, in the summer of 1940, shortly after the fall of France …« Auf den ersten Blick wirkt Howard Hawks’ Hemingway-Adaption wie eine Variation von »Casablanca«: im Mittelpunkt ein (von Humphrey Bogart gespielter) Einzelgänger, der zunächst verbissen seine an Herzlosigkeit grenzende Autonomie verteidigt, dann aber um so couragierter für die gute Sache eintritt; ein Handlungsort in den vom Vichy-Regime kontrollierten französischen Kolonien (Karibik statt Nordafrika); ein Freiheitskämpfer (in Begleitung seiner liebenden Ehefrau) auf der Flucht vor Nazi-Schergen (Paul de Bursac statt Victor László); ein schleimig-tückischer Polizeioffizier (Capitaine Renard als Mischung aus Louis Renault, Major Strasser und dem Fettsack Ferrari); ein immer überfülltes Etablissement (mit hauseigenem Pianist), in dem alle Ereignisfäden zusammenlaufen (›Hotel Marquis‹ statt ›Rick’s Café Américain‹). Der entscheidende Unterschied liegt in der völlig anders gearteten zentralen Romanze, die Tonfall und Atmosphäre des Films bestimmt. Harry Morgan (Bogart), der sich und sein Fischerboot an wohlhabende Touristen vermietet, und die coole Herumtreiberin (und behende Gelgenheitsdiebin) Marie Browning (Lauren Bacall in ihrem atemberaubenden Leinwanddebüt) belegen sich schon beim zweiten Zusammentreffen mit frotzelnden Spitznamen (›Steve‹ vs. ›Slim‹), schenken einander nichts in Sachen Unabhängigkeit, Beherrschtheit und Intelligenz. Ihre Liebe erwächst aus gegenseitigem Respekt und bringt in beiden das Beste zum Vorschein – anders als in »Casablanca« ohne jede melancholische Grundierung. »You know how to whistle, don't you, Steve? You just put your lips together and ... blow.«
R Howard Hawks B Jules Furthman, William Faulkner V Ernest Hemingway K Sidney Hickox M Franz Waxman A Charles Novi S Christian Nyby P Howard Hawks D Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Walter Brennan, Dolores Moran, Marcel Dalio, Hoagy Carmichael | USA | 100 min | 1:1,37 | sw | 11. Oktober 1944
# 987 | 2. März 2016
Laura (Otto Preminger, 1944)
Laura
»I shall never forget the weekend Laura died.« Es beginnt wie ein simpler Whodunit: Eine Frau wurde ermordet; sie starb in ihrer Wohnung durch eine doppelte Schrotladung mitten in ihr schönes Gesicht. Das Portrait dieser Frau, einst gemalt von einem Künstler, der sie liebte, schwebt über den Ermittlungen wie der Geist der faszinierenden Toten (Gene Tierney), beobachtet – aufmerksam, mehrdeutig, herausfordernd – die Herren, die ihr über den Tod hinaus (aus unterschiedlichen Gründen) innig verbunden, ja rettungslos verfallen sind: den blasierten Kolumnisten (Clifton Webb), den fragwürdigen Lebemann (Vincent Price), den bärbeißigen Polizisten (Dana Andrews), der das Verbrechen (zunehmend obsessiv) untersucht … »Out of a misty dream / Our path emerges for a while, then closes / Within a dream.« (Ernest Dowson) … Natürlich steht am Ende von »Laura« die Aufklärung, natürlich bleibt der Täter nicht unentdeckt, mehr (viel mehr) als an der kriminalistischen Recherche (die durch eine überraschende Resurrektion knalleffektiv getwistet wird) liegt Otto Preminger jedoch an der Erforschung geheimnisvoller Tiefen der menschlichen (genauer gesagt: männlichen) Seele, wo romantische Besessenheit Traumbilder zum Leben erweckt, wo unbändige Begierde ihre obskuren Objekte selber schafft, um sie in einem Akt fanatischer Hörigkeit schließlich vor vermeintlicher Schändung zu bewahren und gewaltsam zu verewigen: »Love is stronger than life. It reaches beyond the dark shadow of death.«
R Otto Preminger B Jay Dratler, Samuel Hoffenstein, Elizabeth Reinhardt V Vera Caspary K Joseph LaShelle M David Raksin A Leland Fuller, Lyle R. Wheeler S Louis R. Loeffler P Otto Preminger D Gene Tierney, Dana Andrews, Clifton Webb, Vincent Price, Judith Anderson | USA | 88 min | 1:1,37 | sw | 11. Oktober 1944
»I shall never forget the weekend Laura died.« Es beginnt wie ein simpler Whodunit: Eine Frau wurde ermordet; sie starb in ihrer Wohnung durch eine doppelte Schrotladung mitten in ihr schönes Gesicht. Das Portrait dieser Frau, einst gemalt von einem Künstler, der sie liebte, schwebt über den Ermittlungen wie der Geist der faszinierenden Toten (Gene Tierney), beobachtet – aufmerksam, mehrdeutig, herausfordernd – die Herren, die ihr über den Tod hinaus (aus unterschiedlichen Gründen) innig verbunden, ja rettungslos verfallen sind: den blasierten Kolumnisten (Clifton Webb), den fragwürdigen Lebemann (Vincent Price), den bärbeißigen Polizisten (Dana Andrews), der das Verbrechen (zunehmend obsessiv) untersucht … »Out of a misty dream / Our path emerges for a while, then closes / Within a dream.« (Ernest Dowson) … Natürlich steht am Ende von »Laura« die Aufklärung, natürlich bleibt der Täter nicht unentdeckt, mehr (viel mehr) als an der kriminalistischen Recherche (die durch eine überraschende Resurrektion knalleffektiv getwistet wird) liegt Otto Preminger jedoch an der Erforschung geheimnisvoller Tiefen der menschlichen (genauer gesagt: männlichen) Seele, wo romantische Besessenheit Traumbilder zum Leben erweckt, wo unbändige Begierde ihre obskuren Objekte selber schafft, um sie in einem Akt fanatischer Hörigkeit schließlich vor vermeintlicher Schändung zu bewahren und gewaltsam zu verewigen: »Love is stronger than life. It reaches beyond the dark shadow of death.«
R Otto Preminger B Jay Dratler, Samuel Hoffenstein, Elizabeth Reinhardt V Vera Caspary K Joseph LaShelle M David Raksin A Leland Fuller, Lyle R. Wheeler S Louis R. Loeffler P Otto Preminger D Gene Tierney, Dana Andrews, Clifton Webb, Vincent Price, Judith Anderson | USA | 88 min | 1:1,37 | sw | 11. Oktober 1944
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23.6.44
The Mask of Dimitrios (Jean Negulesco, 1944)
Die Maske des Dimitrios
»There is not enough kindness in the world.« 1938 wird in Istanbul die Leiche eines Mannes an den Strand gespült. Dimitrios Makropoulos war ein in vielen Ländern gesuchter skrupelloser Verbrecher. Der Kriminalschriftsteller Cornelius Leyden (Peter Lorre), vom Chef der türkischen Militärpolizei auf den interessanten Fall aufmerksam gemacht, unternimmt eine Recherchereise, um die Biographie des Toten zu ergründen, eine Reise, die kreuz und quer durch Europa führt: vom Bosporus in Richtung Athen, weiter nach Sofia, Genf (mit einer Reminiszenz an Belgrad) und Paris. Diverse Zeugen (ein ehemaliger Drogenschmuggler, ein Nachrichtenhändler im Ruhestand, eine verblühte Nachtclubbesitzerin) berichten von ihren Begegnungen mit Dimitrios (Zachary Scott), und aus diesen erinnernden Rückblenden entsteht eine Erzählung von Mord und Verrat, Spionage und Erpressung, Geld und Politik … Eric Ambler, Autor der epochalen, multiperspektivischen Romanvorlage (deren Konstruktion Einfluß auf Orson Welles’ »Citizen Kane« und »Mr. Arkadin« gehabt haben mag), entwickelte das niederschmetternde Panorama der Zeit zwischen den Kriegen, indem er seine mysteriöse Titelfigur zum allgegenwärtigen Profiteur von Haß und Gewalt, zum Totengräber einer Welt am Abgrund stilisierte. Jean Negulescos Adaption enthält sich bei aller äußeren Werktreue jeder konkreten Gesellschaftskritik: Zwar offenbart auch die noirische Düsternis der eleganten Inszenierung ein Leben ohne Güte, ohne Freundlichkeit, ohne Miteinander – doch die dargestellte Inhumanität erscheint gleichsam privatisiert, ihrer historischen Beispielhaftigkeit entkleidet.
R Jean Negulesco B Frank Gruber V Eric Ambler K Arthur Edeson M Adolph Deutsch A Ted Smith S Frederick Richards P Henry Blanke D Peter Lorre, Sidney Greenstreet, Zachary Scott, Victor Francen, Faye Emerson | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1944
# 792 | 6. November 2013
»There is not enough kindness in the world.« 1938 wird in Istanbul die Leiche eines Mannes an den Strand gespült. Dimitrios Makropoulos war ein in vielen Ländern gesuchter skrupelloser Verbrecher. Der Kriminalschriftsteller Cornelius Leyden (Peter Lorre), vom Chef der türkischen Militärpolizei auf den interessanten Fall aufmerksam gemacht, unternimmt eine Recherchereise, um die Biographie des Toten zu ergründen, eine Reise, die kreuz und quer durch Europa führt: vom Bosporus in Richtung Athen, weiter nach Sofia, Genf (mit einer Reminiszenz an Belgrad) und Paris. Diverse Zeugen (ein ehemaliger Drogenschmuggler, ein Nachrichtenhändler im Ruhestand, eine verblühte Nachtclubbesitzerin) berichten von ihren Begegnungen mit Dimitrios (Zachary Scott), und aus diesen erinnernden Rückblenden entsteht eine Erzählung von Mord und Verrat, Spionage und Erpressung, Geld und Politik … Eric Ambler, Autor der epochalen, multiperspektivischen Romanvorlage (deren Konstruktion Einfluß auf Orson Welles’ »Citizen Kane« und »Mr. Arkadin« gehabt haben mag), entwickelte das niederschmetternde Panorama der Zeit zwischen den Kriegen, indem er seine mysteriöse Titelfigur zum allgegenwärtigen Profiteur von Haß und Gewalt, zum Totengräber einer Welt am Abgrund stilisierte. Jean Negulescos Adaption enthält sich bei aller äußeren Werktreue jeder konkreten Gesellschaftskritik: Zwar offenbart auch die noirische Düsternis der eleganten Inszenierung ein Leben ohne Güte, ohne Freundlichkeit, ohne Miteinander – doch die dargestellte Inhumanität erscheint gleichsam privatisiert, ihrer historischen Beispielhaftigkeit entkleidet.
R Jean Negulesco B Frank Gruber V Eric Ambler K Arthur Edeson M Adolph Deutsch A Ted Smith S Frederick Richards P Henry Blanke D Peter Lorre, Sidney Greenstreet, Zachary Scott, Victor Francen, Faye Emerson | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1944
# 792 | 6. November 2013
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1.6.44
This Happy Breed (David Lean, 1944)
Wunderbare Zeiten
»This happy breed of men, this little world, / This precious stone set in the silver sea …« Das visionäre Bild eines sterbenden englischen Aristokraten von seiner Heimat (aus Shakespeares Königsdrama »Richard II«) schwebt als Motto über Noël Cowards Familiendramödie, die das Tun und Trachten einer Londoner Durchschnittssippschaft zwischen den Weltkriegen nachzeichnet: mum, dad, granny, aunt, two girls, one boy in einer x-beliebigen Reihenscheibe, dazu die Nachbarn und, little by little, die Schwiegerkinder und Enkel. Es ist die Welt der kleinen Angestellten, der Hausfrauen, der common men und women, die »This Happy Breed« mit (bisweilen garstiger) Liebe zum Detail und einigem Sinn für (mitunter schrille) Zwischentöne ausmalt: viel Grau, viel Beige, ein wenig Rosa und ein Quäntchen Schwarz. David Leans akkurate Leinwandadaption des Stücks zielt – mal heiter, mal bitter – auf das Leben im Allgemeinen und im Besonderen: Liebe und Gewohnheit, Aufregung und Langeweile, Hochzeiten und Todesfälle, arroganter Höhenfurz und Ergebung ins Schicksal, kleinmütiges appeasement und stolze Britishness. Der Film erscheint zwar gelegentlich wie die Kurzfassung einer (patriotischen) soap opera – doch die glänzenden Darsteller formen aus theatralen Scherenschnitten greifbare Charaktere, mit denen man seufzen und lächeln, die Zähne zusammenbeißen und auf bessere Zeiten hoffen darf. »… This blessed plot, this earth, this realm, this England.«
»This happy breed of men, this little world, / This precious stone set in the silver sea …« Das visionäre Bild eines sterbenden englischen Aristokraten von seiner Heimat (aus Shakespeares Königsdrama »Richard II«) schwebt als Motto über Noël Cowards Familiendramödie, die das Tun und Trachten einer Londoner Durchschnittssippschaft zwischen den Weltkriegen nachzeichnet: mum, dad, granny, aunt, two girls, one boy in einer x-beliebigen Reihenscheibe, dazu die Nachbarn und, little by little, die Schwiegerkinder und Enkel. Es ist die Welt der kleinen Angestellten, der Hausfrauen, der common men und women, die »This Happy Breed« mit (bisweilen garstiger) Liebe zum Detail und einigem Sinn für (mitunter schrille) Zwischentöne ausmalt: viel Grau, viel Beige, ein wenig Rosa und ein Quäntchen Schwarz. David Leans akkurate Leinwandadaption des Stücks zielt – mal heiter, mal bitter – auf das Leben im Allgemeinen und im Besonderen: Liebe und Gewohnheit, Aufregung und Langeweile, Hochzeiten und Todesfälle, arroganter Höhenfurz und Ergebung ins Schicksal, kleinmütiges appeasement und stolze Britishness. Der Film erscheint zwar gelegentlich wie die Kurzfassung einer (patriotischen) soap opera – doch die glänzenden Darsteller formen aus theatralen Scherenschnitten greifbare Charaktere, mit denen man seufzen und lächeln, die Zähne zusammenbeißen und auf bessere Zeiten hoffen darf. »… This blessed plot, this earth, this realm, this England.«
R David Lean B David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Ronald Neame M Muir Mathieson A C. P. Norman S Jack Harris P Noël Coward D Robert Newton, Celia Johnson, Kay Walsh, Stanley Holloway, John Mills | UK | 114 min | 1:1,37 | f | 1. Juni 1944
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24.5.44
Junge Adler (Alfred Weidenmann, 1944)
Die Volksgemeinschaft als Erziehungsgemeinschaft: Der präpotente Schnösel Theo (Dietmar Schönherr) brät sich eine Extrawurst zuviel – er wird von seinem Vater, dem Direktor eines Flugzeugwerks, vom Gymnasium genommen und als Lehrling in die Fabrik beordert; die anderen Stifte (darunter Gunnar Möller und Hardy Krüger), der gutgesinnte Ausbildungsleiter (Strahlemann Willy Fritsch) und das herzliche Betriebsfaktotum Vater (!) Stahl (!) (Albert Florath) treiben dem arroganten Überflieger die elitären Flausen aus und erschließen ihm das bereichernde (Er-)Leben in der Gruppe … Herbert Reinecker (Buch: effektiv) und Alfred Weidenmann (Regie: betont schwungvoll), einer wie der andere als Kulturfunktionäre der Hitler-Jugend zu höheren Weihen gelangt, entwerten geschickt die überkommenen familiären und schulischen Autoritäten, installieren stattdessen propagandistisch raffiniert eine (vorgeblich) auf Vertrauen und Glauben basierende Herrschaft der Ideologie über die willfährigen, nach Führung dürstenden jungen Menschen – der Weg vom Ich zum Wir als begeisterte Selbstentmündigung, als Steilflug des Individuums in den Himmel der Kameradschaft, als (durchaus erotisches) Verschmelzen des Einzelnen mit dem großen Ganzen.
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann K Klaus von Rautenfeld M Hans-Otto Borgmann A Wilhelm Vorweg, Rudolf Linnekogel S Walter Wischniewsky P Hans Schönmetzler D Willy Fritsch, Herbert Hübner, Dietmar Schönherr, Albert Florath, Aribert Wäscher | D | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. Mai 1944
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann K Klaus von Rautenfeld M Hans-Otto Borgmann A Wilhelm Vorweg, Rudolf Linnekogel S Walter Wischniewsky P Hans Schönmetzler D Willy Fritsch, Herbert Hübner, Dietmar Schönherr, Albert Florath, Aribert Wäscher | D | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. Mai 1944
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Reinecker,
Weidenmann
24.4.44
Double Indemnity (Billy Wilder, 1944)
Frau ohne Gewissen
»I killed him for money and a woman. And I didn't get the money and I didn't get the woman.« Walter Neff (Fred MacMurray) ist ein sympathischer Typ, ein gewiefter Versicherungsagent, einer, der sich kein X für ein U vormachen läßt. Doch dann trifft er: sie. Sie heißt Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), sie ist die Frau eines wohlhabenden Klienten – sie trägt ein hypnotisierendes Fußkettchen, ihre Brüste dehnen die knappe Bluse wie Spitzsiebe, unter den falschblonden Haaren gärt das tiefe Verlangen nach mehr von allem. Und plötzlich ist Walter gar nicht mehr so nett: In Phyllis’ provozierenden Blicken spiegelt sich sein anderes, sein gieriges Selbst, in ihren tückischen Worten vernimmt er das schallende Echo der eigenen Niedertracht … Billy Wilder und Raymond Chandler schaffen (nach einer Erzählung von James M. Cain) einen, visuell wie psychologisch, atemberaubend schwarzen Straight-down-the-line-Thriller (mit der Betonung auf ›down‹), der den Zuschauer an der Seite des (right from the beginning) unrettbar verlorenen Ich-Erzählers (»Double Indemnity« ist Walters Mord- und Betrugsgeständnis an einen – von Edward G. Robinson verkörperten – väterlichen Freund und Kollegen) mitnimmt auf eine verwünscht-lustvolle Reise in den Untergang: »It's a one-way trip and the last stop is the cemetery.« Die tragische Ironie des Films kulminiert in der Überführung des negativen Helden durch den einzigen Menschen, der ihn wirklich liebt – so endet die bittere menschliche Komödie mit einer doppelten Abfindung: Enttäuschung und Tod. »Pretty, isn't it?«
R Billy Wilder B Raymond Chandler, Billy Wilder V James M. Cain K John F. Seitz M Miklós Rózsa A Hans Dreier, Hal Pereira S Doane Harrison P Joseph Sistrom D Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson, Porter Hall, Jean Heather | USA | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. April 1944
»I killed him for money and a woman. And I didn't get the money and I didn't get the woman.« Walter Neff (Fred MacMurray) ist ein sympathischer Typ, ein gewiefter Versicherungsagent, einer, der sich kein X für ein U vormachen läßt. Doch dann trifft er: sie. Sie heißt Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), sie ist die Frau eines wohlhabenden Klienten – sie trägt ein hypnotisierendes Fußkettchen, ihre Brüste dehnen die knappe Bluse wie Spitzsiebe, unter den falschblonden Haaren gärt das tiefe Verlangen nach mehr von allem. Und plötzlich ist Walter gar nicht mehr so nett: In Phyllis’ provozierenden Blicken spiegelt sich sein anderes, sein gieriges Selbst, in ihren tückischen Worten vernimmt er das schallende Echo der eigenen Niedertracht … Billy Wilder und Raymond Chandler schaffen (nach einer Erzählung von James M. Cain) einen, visuell wie psychologisch, atemberaubend schwarzen Straight-down-the-line-Thriller (mit der Betonung auf ›down‹), der den Zuschauer an der Seite des (right from the beginning) unrettbar verlorenen Ich-Erzählers (»Double Indemnity« ist Walters Mord- und Betrugsgeständnis an einen – von Edward G. Robinson verkörperten – väterlichen Freund und Kollegen) mitnimmt auf eine verwünscht-lustvolle Reise in den Untergang: »It's a one-way trip and the last stop is the cemetery.« Die tragische Ironie des Films kulminiert in der Überführung des negativen Helden durch den einzigen Menschen, der ihn wirklich liebt – so endet die bittere menschliche Komödie mit einer doppelten Abfindung: Enttäuschung und Tod. »Pretty, isn't it?«
R Billy Wilder B Raymond Chandler, Billy Wilder V James M. Cain K John F. Seitz M Miklós Rózsa A Hans Dreier, Hal Pereira S Doane Harrison P Joseph Sistrom D Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson, Porter Hall, Jean Heather | USA | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. April 1944
20.3.44
Cover Girl (Charles Vidor, 1944)
Es tanzt die Göttin
»We’re a fine pair.« – »We’re a wonderful pair.« – »Aren’t we though.« Danny McGuire (Gene Kelly) und Rusty Parker (Rita Hayworth) sind ein Paar – oder sind sie es nicht? Er betreibt einen kleinen Nachtclub in Brooklyn, sie tanzt in seiner Truppe und träumt vom Broadway. Als der grauschläfige Verleger eines Hochglanzmagazins (Otto Kruger) Rusty zum »Cover Girl« kürt (weil sie ihn an den großen Schwarm seiner Jugendzeit erinnert), scheint ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung zu gehen: »A kind of an amazing thing happened last night.« Über Nacht wird das rothaarige Showgirl zum Stadtgespräch, ein namhafter Impressario rollt ihr den roten Teppich zum Ruhm aus – während für Danny (vorerst) nur ein Pas de deux mit dem eigenen Spiegelbild bleibt ... Um schnittige Songs von Jerome Kern und Ira Gershwin arrangiert Charles Vidor einen farbenfroh-ironisches Lehrstück von (un-)erfüllter Sehnsucht und (über-)mäßigem Erfolg (und von der Perle in der Auster).
R Charles Vidor B Virginia Van Upp K Rudolph Maté, Allen M. Davey M Jerome Kern A Lionel Banks, Cary Odell S Viola Lawrence P Arthur Schwartz D Rita Hayworth, Gene Kelly, Phil Silvers, Otto Kruger, Eve Arden | USA | 107 min | 1:1,37 | f | 20. März 1944
# 1145 | 13. Januar 2019
»We’re a fine pair.« – »We’re a wonderful pair.« – »Aren’t we though.« Danny McGuire (Gene Kelly) und Rusty Parker (Rita Hayworth) sind ein Paar – oder sind sie es nicht? Er betreibt einen kleinen Nachtclub in Brooklyn, sie tanzt in seiner Truppe und träumt vom Broadway. Als der grauschläfige Verleger eines Hochglanzmagazins (Otto Kruger) Rusty zum »Cover Girl« kürt (weil sie ihn an den großen Schwarm seiner Jugendzeit erinnert), scheint ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung zu gehen: »A kind of an amazing thing happened last night.« Über Nacht wird das rothaarige Showgirl zum Stadtgespräch, ein namhafter Impressario rollt ihr den roten Teppich zum Ruhm aus – während für Danny (vorerst) nur ein Pas de deux mit dem eigenen Spiegelbild bleibt ... Um schnittige Songs von Jerome Kern und Ira Gershwin arrangiert Charles Vidor einen farbenfroh-ironisches Lehrstück von (un-)erfüllter Sehnsucht und (über-)mäßigem Erfolg (und von der Perle in der Auster).
R Charles Vidor B Virginia Van Upp K Rudolph Maté, Allen M. Davey M Jerome Kern A Lionel Banks, Cary Odell S Viola Lawrence P Arthur Schwartz D Rita Hayworth, Gene Kelly, Phil Silvers, Otto Kruger, Eve Arden | USA | 107 min | 1:1,37 | f | 20. März 1944
# 1145 | 13. Januar 2019
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28.1.44
Die Feuerzangenbowle (Helmut Weiss, 1944)
Weil er privat erzogen wurde, Glanz und Elend einer echten »Penne« mithin nie kennenlernte, wird Erfolgsschriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer (Heinz Rühmann) von einer nostalgisch-beduselten Herrenrunde zurück auf die Schulbank gezaubert: Bart ab, Haare gestutzt, Primanermütze auf den Kopf – und los geht die Reise in eine Vergangenheit, die es nie gab. Die demonstrativ lustigen Abenteuer, die Pfeiffer mit seinen überaus lausbübischen Klassenkameraden und den selten einfältigen Lehrerkarikaturen »Schnauz«, »Bömmel« und »Zeus« erlebt, sind an drolliger Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Angesiedelt in einem illusionär-kleinstädtischen, beschaulich-verträumten Nirgendwo, schleichen sich nichtsdestoweniger die ideologischen Untertöne einer »neuen Zeit« in das selbsternannte »Loblied auf die Schule«: »Junge Bäume, die wachsen wollen, muß man anbinden, daß sie schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen – und genauso ist es mit den jungen Menschen.« Sagt Musterpädagoge Dr. Brett (!), der allseits respektierte »feine Kerl«. Nachdem er seine braven (noch dazu erklärtermaßen fiktiven) Tollheiten genüßlich ausgekostet hat, fügt sich der kleine Waghals Pfeiffer (»mit drei F«) denn auch wieder ins wunschlose Normalmaß: »Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.« Amen. Zu deutsch: So sei es.
R Helmut Weiss B Heinrich Spoerl V Heinrich Spoerl K Ewald Daub M Werner Bochmann A Willi A. Herrmann S Helmuth Schönnenbeck P Heinz Rühmann D Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Leibelt | D | 94 min | 1:1,37 | sw | 28. Januar 1944
R Helmut Weiss B Heinrich Spoerl V Heinrich Spoerl K Ewald Daub M Werner Bochmann A Willi A. Herrmann S Helmuth Schönnenbeck P Heinz Rühmann D Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Leibelt | D | 94 min | 1:1,37 | sw | 28. Januar 1944
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Rühmann,
Schule,
Weiss
19.1.44
The Lodger (John Brahm, 1944)
Scotland Yard greift ein
»Mine, too, are the problems of life and death.« Seit dem Herbst des Jahres 1888, als bei Nacht und Nebel in kurzer Abfolge etwa ein halbes Dutzend Prostituierte aufgeschlitzt wurden, fasziniert der Fall des Londoner Serienmörders ›Jack the Ripper‹ Kriminologen ebensosehr wie Historiker, Künstler und nicht zuletzt eine lustvoll schaudernde weltweite Öffentlichkeit – zumal die nie geklärte Identität des Killers bis heute Anlaß zu immer neuen Spekulationen gibt. Nachdem bereits Alfred Hitchcock, noch zu Stummfilmzeiten, den um diese mythische Figur der Moderne kreisenden Roman »The Lodger« der britischen Autorin Marie Belloc Lowndes auf die Leinwand gebracht hatte, liefert auch John Brahm seine kinematographische Fantasie über die historischen Vorfälle. In der Verkörperung durch Laird Cregar erscheint der legendäre Gewaltverbrecher als kultivierter Koloß mit traurigen Augen und sanfter Stimme, der davon besessen ist, das Böse aus der Schönheit herauszuschneiden, und mit seinen blutigen Taten den unverwundenen Tod des innigst geliebten Bruders rächt. »It’s such lovely women as you who drag men down!« sagt Mr. Slade, wie sich der Ripper bei seiner gutmütigen Vermieterin vorgestellt hat, zu deren Nichte Kitty, einer attraktiven Sängerin (Merle Oberon), die den geheimnisvollen Hausgenossen mit ihren Reizen bestrickt. Brahms Version des Geschehens, von Lucien Ballard in expressivem Helldunkel fotografiert, bereichert die mit Motiven des Horrorfilms ausgestaltete Thrillerhandlung um eine melancholische Reflexion über die unstillbare Sehnsucht nach Reinheit und Frieden: »Have you ever held your face close to the water? Deep water is dark and restful and ... full of peace.«
R John Brahm B Barré Lyndon V Marie Belloc Lowndes K Lucien Ballard M Hugo Friedhofer A James Basevi, John Ewing S J. Watson Webb Jr. P Robert Bassler D Laird Cregar, Merle Oberon, George Sanders, Sir Cedric Hardwicke, Sara Allgood | USA | 84 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1944
# 1086 | 5. Dezember 2017
»Mine, too, are the problems of life and death.« Seit dem Herbst des Jahres 1888, als bei Nacht und Nebel in kurzer Abfolge etwa ein halbes Dutzend Prostituierte aufgeschlitzt wurden, fasziniert der Fall des Londoner Serienmörders ›Jack the Ripper‹ Kriminologen ebensosehr wie Historiker, Künstler und nicht zuletzt eine lustvoll schaudernde weltweite Öffentlichkeit – zumal die nie geklärte Identität des Killers bis heute Anlaß zu immer neuen Spekulationen gibt. Nachdem bereits Alfred Hitchcock, noch zu Stummfilmzeiten, den um diese mythische Figur der Moderne kreisenden Roman »The Lodger« der britischen Autorin Marie Belloc Lowndes auf die Leinwand gebracht hatte, liefert auch John Brahm seine kinematographische Fantasie über die historischen Vorfälle. In der Verkörperung durch Laird Cregar erscheint der legendäre Gewaltverbrecher als kultivierter Koloß mit traurigen Augen und sanfter Stimme, der davon besessen ist, das Böse aus der Schönheit herauszuschneiden, und mit seinen blutigen Taten den unverwundenen Tod des innigst geliebten Bruders rächt. »It’s such lovely women as you who drag men down!« sagt Mr. Slade, wie sich der Ripper bei seiner gutmütigen Vermieterin vorgestellt hat, zu deren Nichte Kitty, einer attraktiven Sängerin (Merle Oberon), die den geheimnisvollen Hausgenossen mit ihren Reizen bestrickt. Brahms Version des Geschehens, von Lucien Ballard in expressivem Helldunkel fotografiert, bereichert die mit Motiven des Horrorfilms ausgestaltete Thrillerhandlung um eine melancholische Reflexion über die unstillbare Sehnsucht nach Reinheit und Frieden: »Have you ever held your face close to the water? Deep water is dark and restful and ... full of peace.«
R John Brahm B Barré Lyndon V Marie Belloc Lowndes K Lucien Ballard M Hugo Friedhofer A James Basevi, John Ewing S J. Watson Webb Jr. P Robert Bassler D Laird Cregar, Merle Oberon, George Sanders, Sir Cedric Hardwicke, Sara Allgood | USA | 84 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1944
# 1086 | 5. Dezember 2017
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8.12.43
Immensee (Veit Harlan, 1943)
»Ein deutsches Volkslied« verheißt der Untertitel, aber Veit Harlan wäre nicht Veit Harlan, würde er nicht die zarte Weise von Liebe, Treue und Verzicht zur volltönenden Schicksalsmelodie aufpumpen. »Immensee« ist der erste Teil eines (parallel produzierten) gefühlsschäumenden Agfacolor-Diptychons über empfindliche Dreiecksbeziehungen: In idyllischer norddeutscher Landschaft steht Elisabeth (Kristina Söderbaum) zwischen zwei Männern – Reinhart, einem angehenden Komponisten (liebenswert und flatterhaft: Carl Raddatz), und Erich, dem Erben eines stattlichen Gutshofes (gutherzig und ein bißchen dröge: Paul Klinger). Während ihr der eine gleich dutzendweise Liebeslieder zueignet, es mit dem »nur du allein« aber nicht allzu genau nimmt, versichert sie der andere in stummer Ergriffenheit seiner unverbrüchlichen Zuneigung. Es kommt, wie es zumeist kommt im großdeutschen Melodram: sie nimmt (unter Tränen) den Langweiler (weil der andere in der Welt herumstreunt), erkennt schließlich (als er ihrer entsagen will) die Tiefe der ehemännlichen Gefühle – und bleibt dem Gatten treu bis über seinen Tod hinaus. Als versierter Kitschier geizt Harlan zwar weder mit Symbolen (Ziervögel in Käfigen, Seerosen im Teich und auf Torten) noch mit dem Einsatz der heißgeliebten Engelschöre, in der künstlerischen Summe bleibt »Immensee« jedoch wesentlich ausgewogener (und erzählerisch konzentrierter) als sein Gegenstück, der unbeherrschte »Opfergang«.
R Veit Harlan B Veit Harlan, Alfred Braun V Theodor Storm K Bruno Mondi M Wolfgang Zeller A Erich Zander, Karl Machus S Friedrich Karl von Puttkammer P Veit Harlan D Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Carola Toelle, Max Gülstorff | D | 95 min | 1:1,37 | f | 8. Dezember 1943
R Veit Harlan B Veit Harlan, Alfred Braun V Theodor Storm K Bruno Mondi M Wolfgang Zeller A Erich Zander, Karl Machus S Friedrich Karl von Puttkammer P Veit Harlan D Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Carola Toelle, Max Gülstorff | D | 95 min | 1:1,37 | f | 8. Dezember 1943
13.10.43
L’éternel retour (Jean Delannoy, 1943)
Der ewige Bann
Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.
R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943
Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.
R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943
4.10.43
Großstadtmelodie (Wolfgang Liebeneiner, 1943)
»Ein Berlin-Film« annonciert der Untertitel, und in der Tat dient die dünn gezwirbelte Handlung vor allem als Aufhänger für vielerlei stimmungsvolle Großstadtimpressionen. Wolfgang Liebeneiner inszeniert den in sonniger Vorkriegszeit spielenden Film um seine Ehefrau Hilde Krahl in der Rolle einer ambitionierten Nachwuchsfotografin: Nachdem sie es mit einer zufällig geschossenen Reportageaufnahme aufs Titelblatt der ›Berliner Illustrirten Zeitung‹ brachte, beschließt Renate, die Enge ihres süddeutschen Heimatstädtchens zu verlassen, um berufliches (und privates) Glück in der großen Stadt zu suchen – und schwupp steht sie mit Tirolerhütchen mitten im Verkehrstrubel auf dem Potsdamer Platz: Straßenbahnen von links, Busse von rechts, Autos von überall. Die Metropole hat nicht auf die Neuzugängerin gewartet, gibt sich hektisch, kaltschnäuzig, abweisend, will erobert werden. Renate nimmt die Herausforderung an, trotzt allen Widerständen, setzt sich durch, indem sie, peu à peu, einen eigenen Blick auf die Stadt entwickelt. In der selbstverständlichen Anerkennung weiblicher Autonomie (ein Respekt, der beispielsweise die im Kino eher seltene Entwicklung einer gleichberechtigten Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau ermöglicht) bewahrt die Erzählung eine Ahnung von urbaner Modernität, indes sich die filmische Betrachtung Berlins weitgehend mit der Aneinanderreihung von Oberflächenreizen begnügt: Renates Auge (und das Objektiv der Kamera) sehen keinen komplexen Organismus sondern ein Potpourri poetischer Motive: Berlin am Wasser, Berlin bei Nacht und, immer wieder, (glückliche) Gesichter in der Menge: begeisterte Zuschauer beim Sechstagerennen, versonnene Arbeiter bei einem Fabrikkonzert der Philharmoniker, jubelnde Menschen bei einer Goebbels-Rede. Liebeneiners beschwingte Melodie der Großstadt ist völlig frei von Dissonanzen, damit letztlich auch frei von Realität – daß zum Zeitpunkt der Uraufführung bereits Zehntausende von jüdischen Berlinern deportiert worden sind, daß schon Dutzende von Bombenangriffen das Antlitz Berlins ramponiert haben, scheint eine gleichnamige Stadt in einem Paralleluniversum zu betreffen.
R Wolfgang Liebeneiner B Wolfgang Liebeneiner, Geza von Cziffra, Maria von der Busche K Walter Pindter, Leo de Laforgue, Richard Angst M Werner Bochmann, Michael Jary A Karl Weber S Marte Rau P Heinrich Jonen D Hilde Krahl, Werner Hinz, Karl John, Will Dohm, Paul Henckels | D | 108 min | 1:1,37 | sw | 4. Oktober 1943
R Wolfgang Liebeneiner B Wolfgang Liebeneiner, Geza von Cziffra, Maria von der Busche K Walter Pindter, Leo de Laforgue, Richard Angst M Werner Bochmann, Michael Jary A Karl Weber S Marte Rau P Heinrich Jonen D Hilde Krahl, Werner Hinz, Karl John, Will Dohm, Paul Henckels | D | 108 min | 1:1,37 | sw | 4. Oktober 1943
28.9.43
Le corbeau (Henri-Georges Clouzot, 1943)
Der Rabe
»Une petite ville, ici ou ailleurs …« Die kleine Stadt will schlafen geh’n … aber einer erlaubt es nicht. Die Lichter löschen aus … und »Le corbeau« läßt hunderte von anonymen Briefen über die friedlichen Mitbürger niederregnen. Es sind giftige Botschaften mit gemeinen Inkriminierungen: Ehebruch, Korruption, Drogensucht, Promiskuität, Diebstahl, verbotene Abtreibungen. Unschuldige werden in die Verzweiflung, Verdächtige durch die Gassen, Kranke in den Tod getrieben. Argwohn macht sich breit, jeder verdächtigt jeden, keiner kann sich sicher fühlen. Henri-George Clouzot malt schwarz in schwarz (Kamera: Nicolas Hayer) das Bild einer nur oberflächlich intakten Gesellschaft, einer Gesellschaft, deren Glieder einander nicht mehr über den Weg trauen, weil jeder einzelne sich persönlich (mit Grund) alles zutrauen würde. Zwei Ärzte, der misanthropische docteur Germain (Pierre Fresnay) und der alterszynische docteur Vorzet (Pierre Larquay), wollen Licht ins Dunkel der Affäre tragen. »Mais où est l’ombre? Où est la lumière?« In einer trostlosen Schlußpointe erweist sich, daß die Vernunft selbst das Ungeheuer gebar. Eh bien …
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Louis Chavance K Nicolas Hayer M Tony Aubin A Andrej Andrejew S Marguerite Beaugé P René Montis, Raoul Ploquin D Pierre Fresnay, Noël Roquevert, Pierre Larquey, Ginette Leclerc, Sylvie | F | 92 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1943
»Une petite ville, ici ou ailleurs …« Die kleine Stadt will schlafen geh’n … aber einer erlaubt es nicht. Die Lichter löschen aus … und »Le corbeau« läßt hunderte von anonymen Briefen über die friedlichen Mitbürger niederregnen. Es sind giftige Botschaften mit gemeinen Inkriminierungen: Ehebruch, Korruption, Drogensucht, Promiskuität, Diebstahl, verbotene Abtreibungen. Unschuldige werden in die Verzweiflung, Verdächtige durch die Gassen, Kranke in den Tod getrieben. Argwohn macht sich breit, jeder verdächtigt jeden, keiner kann sich sicher fühlen. Henri-George Clouzot malt schwarz in schwarz (Kamera: Nicolas Hayer) das Bild einer nur oberflächlich intakten Gesellschaft, einer Gesellschaft, deren Glieder einander nicht mehr über den Weg trauen, weil jeder einzelne sich persönlich (mit Grund) alles zutrauen würde. Zwei Ärzte, der misanthropische docteur Germain (Pierre Fresnay) und der alterszynische docteur Vorzet (Pierre Larquay), wollen Licht ins Dunkel der Affäre tragen. »Mais où est l’ombre? Où est la lumière?« In einer trostlosen Schlußpointe erweist sich, daß die Vernunft selbst das Ungeheuer gebar. Eh bien …
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Louis Chavance K Nicolas Hayer M Tony Aubin A Andrej Andrejew S Marguerite Beaugé P René Montis, Raoul Ploquin D Pierre Fresnay, Noël Roquevert, Pierre Larquey, Ginette Leclerc, Sylvie | F | 92 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1943
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11.8.43
Heaven Can Wait (Ernst Lubitsch, 1943)
Ein himmlischer Sünder
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
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