»Er war einer von uns.« Kurzweilig-systemkonformer Schelmenroman querfeldein durch die Geschichte der DDR: Anton Grubke (Ulrich Thein), begeisterter Autoschrauber, gewinnender Charmeur und fassungsvermögender Biertrinker, unterstützt auf seine (recht eigennützige Weise) den Aufbau des sozialistischen Vaterlandes – nicht der Mensch, das Geld steht (zunächst) im Mittelpunkt seiner privaten Planwirtschaft. Durch eine Haftstrafe auf den rechten (= linken) Weg gebracht, wird der begnadete Selbsthelfer zum revolutionären Zauberer des Glücks für alle, das heißt (in der Logik der (ideologischen) Erzählung): auch für sich persönlich. Wo der Jäger von Ersatzteilen zuvor nur den eigenen Vorteil (= das eigene Konto) im Auge hatte, nutzt er nach der (Selbst-)Erweckung sein Talent zur Verwandlung von Alt in Neu nur mehr im Sinne (= zum Wohle) des großen Ganzen. Günter Reischs Film kapituliert bei allem kritischen Anspruch letzten Endes vor der eigenen, allumfassenden Nettigkeit, die jeden satirischen Funken im Keim erstickt; zudem triumphiert die parteiliche Didaktik über die historische Atmosphärenmalerei: die 40er, die 50er, die 60er – alle Jahrzehnte sehen aus wie die 70er.
R Günter Reisch B Karl Georg Egel, Günter Reisch K Günter Haubold M Wolfram Heicking A Hans-Jörg Mirr S Bärbel Weigel P Manfred Renger D Ulrich Thein, Anna Dymna, Erwin Geschonneck, Barbara Dittus, Erik S. Klein | DDR | 106 min | 1:2,35 | f | 22. September 1978
22.9.78
28.7.78
The Driver (Walter Hill, 1978)
Driver
»I respect a man that’s good at what he does.« – »The Driver« erzählt kaum etwas, verzichtet auf jede Form von Psychologisierung, ist first and foremost: ein ›movie‹. Die minimalistische Handlung setzt drei abgeklärte Figuren zueinander in (höchst (auto-)mobile) Beziehung: den ›driver‹ (Ryan O’Neal), der als bezahlter Profi Gangster vom Tatort wegschafft, den ›detective‹ (Bruce Dern), dessen obsessives Ziel es ist, den ›driver‹ zu stellen, den (einigermaßen rätselhaften) weiblichen ›player‹ (Isabelle Adjani), die gegen Geld Alibis liefert, aber letztlich ihr eigenes Süppchen kocht … Stark beeinflußt von Jean-Pierre Melvilles abstrakten Unterwelt-Balladen, setzt Walter Hill den Fuß aufs filmische Gaspedal und treibt (in immer neuen Variationen von Abbremsen und Beschleunigung) sein Bewegungsspiel zu extremer Geschwindigkeit. Die nächtliche Stadt (L.A.) bereitet das Terrain für die rasant inszenierten car chases; ein gegen Null gehender Score (Michael Small), ultralakonische Dialoge und die No-Face-Performances aller Akteure unterstreichen die distinguierte Bedeutungslosigkeit des Geschehens.
R Walter Hill B Walter Hill K Philip H. Lathrop M Michael Small A Harry Horner S Tina Hirsch, Robert K. Lambert P Lawrence Gordon D Ryan O’Neal, Bruce Dern, Isabelle Adjani, Ronee Blakley, Matt Clark | USA | 91 min | 1:1,85 | f | 28. Juli 1978
»I respect a man that’s good at what he does.« – »The Driver« erzählt kaum etwas, verzichtet auf jede Form von Psychologisierung, ist first and foremost: ein ›movie‹. Die minimalistische Handlung setzt drei abgeklärte Figuren zueinander in (höchst (auto-)mobile) Beziehung: den ›driver‹ (Ryan O’Neal), der als bezahlter Profi Gangster vom Tatort wegschafft, den ›detective‹ (Bruce Dern), dessen obsessives Ziel es ist, den ›driver‹ zu stellen, den (einigermaßen rätselhaften) weiblichen ›player‹ (Isabelle Adjani), die gegen Geld Alibis liefert, aber letztlich ihr eigenes Süppchen kocht … Stark beeinflußt von Jean-Pierre Melvilles abstrakten Unterwelt-Balladen, setzt Walter Hill den Fuß aufs filmische Gaspedal und treibt (in immer neuen Variationen von Abbremsen und Beschleunigung) sein Bewegungsspiel zu extremer Geschwindigkeit. Die nächtliche Stadt (L.A.) bereitet das Terrain für die rasant inszenierten car chases; ein gegen Null gehender Score (Michael Small), ultralakonische Dialoge und die No-Face-Performances aller Akteure unterstreichen die distinguierte Bedeutungslosigkeit des Geschehens.
R Walter Hill B Walter Hill K Philip H. Lathrop M Michael Small A Harry Horner S Tina Hirsch, Robert K. Lambert P Lawrence Gordon D Ryan O’Neal, Bruce Dern, Isabelle Adjani, Ronee Blakley, Matt Clark | USA | 91 min | 1:1,85 | f | 28. Juli 1978
30.5.78
Fedora (Billy Wilder, 1978)
»Just a dream ago, when the world was young.« Die Frau im Sarg oder Das Geheimnis der weißen Handschuhe: Ein has-been Produzent am Abgrund der Pleite (William Holden) versucht, eine legendäre Hollywood-Diva (Marthe Keller – ?) noch einmal vor die Kamera locken, wobei er unwillentlich das Mysterium der Zeitlosigkeit von Stars ergründet. »The Snows of Yesteryear« heißt das Drehbuch, das Barry Detweiler verfilmen will, die x-te Adaption von »Anna Karenina«, ein üppiges costume drama, wie in den alten Tagen, die längst vergangen sind. (»It’s a whole different business now. The kids with beards have taken over.«) Fedora soll die Hauptrolle spielen, Fedora (»You are Fedora.« – »Yes, of course.«), »the star of all stars«, so groß wie Garbo, Dietrich, Harlow, Monroe zusammen, Fedora (»You are Fedora.« – »I was Fedora.«), die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere von der Leinwand zurückzog. Ihr Domizil, die ›Villa Kalypso‹ (benannt nach jener Nymphe, die dem schiffbrüchigen Odysseus einst Unsterblichkeit und immerwährende Jugend versprach), auf einer winzigen Insel vor Korfu gelegen, gleicht einer Gruft, wo die Legende (»I am Fedora.«), in glanzvolle Vergangenheit eingemauert, ihre eigene Zeit überlebt. Doch: »You can’t cheat nature without paying the price.« Billy Wilder erzählt von der ewigen Wiederkehr falscher Hoffnungen, von Traum und Trug, von Glanz und Verhängnis. »Fedora« ist der Film eines alten Regisseurs über alte Menschen, die nicht wahrhaben wollen, daß sie nicht jung geblieben sind, ein elegisch-ironischer Abgesang auf (vermeintlich?) bessere Zeiten, ein letzter Walzer am späten Nachmittag, »when the light starts to go«. Das ist traurig, aber traurig schön, wie eine Beerdigung im Sommer, »wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.«
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Tom Tryon K Gerry Fisher M Miklós Rózsa A Robert André S Stefab Arnsten, Fredric Steinkamp P Billy Wilder D William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef, José Ferrer, Frances Sternhagen, Mario Adorf | BRD & F | 116 min | 1:1,85 | f | 30. Mai 1978
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Tom Tryon K Gerry Fisher M Miklós Rózsa A Robert André S Stefab Arnsten, Fredric Steinkamp P Billy Wilder D William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef, José Ferrer, Frances Sternhagen, Mario Adorf | BRD & F | 116 min | 1:1,85 | f | 30. Mai 1978
19.5.78
Despair – Eine Reise ins Licht (Rainer Werner Fassbinder, 1978)
»Der perfekte Mord wäre der, der nie stattgefunden hat, aber dennoch verübt worden ist.« Berlin, um 1930 – Krise der Wirtschaft, Niedergang der Demokratie, Morgenröte der Nazis: Der russische Emigrant Hermann (disparat und desperat: Dirk Bogarde), »Sohn eines Deutschbalten und einer Rothschild«, bedrückt von den politischen Zeitumständen, von der ererbten Schokoladenfabrik, von seiner sinnlichen, aber hoffnungslos beschränkten Ehefrau Lydia (Andréa Ferréol), vor allem aber von der totalen Hohlheit der eigenen Existenz, sucht ein Entkommen aus seinem Dilemma – und findet es in einem Spiegelkabinett … »Sie wissen doch sicher, was ein Double ist?« fragt der vornehme Hermann den abgerissenen Felix (Klaus Löwitsch), den Mann, in dem er seinen Doppelgänger zu erkennen glaubt. »Nein«, sagt Felix. Darauf Hermann: »Aber Sie waren doch schon mal im Kino!?« Rainer Werner Fassbinders ultrakünstliche Adaption eines Romans von Vladimir Nabokov (nach einem Drehbuch des englischen Dramatikers Tom Stoppard) – ein metaphysisches Kriminalspiel, ein sperrig-luxuriöses, radikal überhöhtes Zeitbild, die psychopathologische Studie einer sich spaltenden Persönlichkeit – gleicht einem filmischen Labyrinth, das aus der hermetischen Art-Déco-Welt (Bauten: Rolf Zehetbauer) eines entwurzelten Ästheten ins schneeweiße Licht der erlösenden (Selbst-)Zerstörung führt: Verzweiflung als Chance, Wahnsinn als Weg.
R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978
# 897 | 22. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978
# 897 | 22. Juli 2014
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5.4.78
La chambre verte (François Truffaut, 1978)
Das grüne Zimmer
François Truffauts dunkel umflortes, nur vom Schein Dutzender Altarkerzen illuminiertes Requiem erscheint erfüllt von der Ahnung des eigenen frühen Todes, der den Regisseur nur wenige Jahre später antreten wird ... Julien Davenne, Veteran des Ersten Weltkriegs, als Redakteur einer würdevoll verdämmernden Provinzzeitschrift hauptamtlicher Verfasser von Nachrufen, widmet sein Leben (sofern man diese Existenz überhaupt noch »Leben« nennen kann) der Erinnerung an seine hingeschiedenen Frau und dem Kult um jene Heimgegangenen, die ihm einst lieb und teuer waren. Alles, was atmet und blutet, was lacht und weint, läßt er peu à peu hinter sich, bis er seinen teuren Verstorbenen über die große Grenze folgt. Nathalie Baye, als junge Seelenfreundin des Todestrunkenen zwar auch dem Jenseits hingegeben, haucht dieser auf Motiven von Henry James basierenden Erzählung ein gewisses (und gebotenes) Maß an Wärme ein, während die finstere Energie, mit der Truffaut den Protagonisten spielt (seine dritte Hauptrolle nach »L’enfant sauvage« und »La nuit américaine«), trotz des bedrückenden Themas paradoxerweise zu keinem Zeitpunkt Trübsinn aufkommen läßt.
R François Truffaut B Jean Gruault, François Truffaut V Henry James K Néstor Almendros M Maurice Jaubert A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Martine Barraqué P François Truffaut D François Truffaut, Nathalie Baye, Jean Dasté, Patrick Maléon, Jeanne Lobre | F | 94 min | 1:1,66 | f | 5. April 1978
François Truffauts dunkel umflortes, nur vom Schein Dutzender Altarkerzen illuminiertes Requiem erscheint erfüllt von der Ahnung des eigenen frühen Todes, der den Regisseur nur wenige Jahre später antreten wird ... Julien Davenne, Veteran des Ersten Weltkriegs, als Redakteur einer würdevoll verdämmernden Provinzzeitschrift hauptamtlicher Verfasser von Nachrufen, widmet sein Leben (sofern man diese Existenz überhaupt noch »Leben« nennen kann) der Erinnerung an seine hingeschiedenen Frau und dem Kult um jene Heimgegangenen, die ihm einst lieb und teuer waren. Alles, was atmet und blutet, was lacht und weint, läßt er peu à peu hinter sich, bis er seinen teuren Verstorbenen über die große Grenze folgt. Nathalie Baye, als junge Seelenfreundin des Todestrunkenen zwar auch dem Jenseits hingegeben, haucht dieser auf Motiven von Henry James basierenden Erzählung ein gewisses (und gebotenes) Maß an Wärme ein, während die finstere Energie, mit der Truffaut den Protagonisten spielt (seine dritte Hauptrolle nach »L’enfant sauvage« und »La nuit américaine«), trotz des bedrückenden Themas paradoxerweise zu keinem Zeitpunkt Trübsinn aufkommen läßt.
R François Truffaut B Jean Gruault, François Truffaut V Henry James K Néstor Almendros M Maurice Jaubert A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Martine Barraqué P François Truffaut D François Truffaut, Nathalie Baye, Jean Dasté, Patrick Maléon, Jeanne Lobre | F | 94 min | 1:1,66 | f | 5. April 1978
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22.3.78
La zizanie (Claude Zidi, 1978)
Der Querkopf
Guillaume Daubray-Lacaze (Louis de Funès), Kleinfabrikant mit einem Bein im Konkursgericht und Bürgermeister einer beschaulichen Provinzstadt, verkauft unverhofft 3000 Stück seines Rauchverzehrers CX-22 an japanische Geschäftsleute. Weil die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, funktioniert der Boß sein Wohnhaus kurzerhand zur Werkstatt um; Gattin Bernadette (Annie Girardot) trägt die Prüfung mit ehefraulicher Geduld – bis ihr hingebungsvoll gepflegter Gemüsegarten und das geliebte Gewächshaus Raub der ungezügelten unternehmerischen Aktivitäten werden … Der schlagartig ausbrechende Ehekrieg, in dessen Verlauf Bernadette als Vertreterin der Liste »Défense de la nature« bei den Gemeinderatswahlen gegen ihren wachstumsorientierten Mann (»Mon programme en trois points : premièrement, le plein emploi, deuxièmement, le plein emploi et troisièmement, le plein emploi!«) antritt, umschreibt in Form einer quatschigen Groteske den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der die zunehmend im Wohlstandsmüll versinkenden westlichen Konsumgesellschaften in den 1970er Jahren erfaßt. Claude Zidi ist an zivilisationskritischen Untertönen allerdings nur in dem Maße gelegen, wie sie das ungebremste Spiel der temperamentvollen Hauptdarsteller nicht stören.
R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre, Pascal Jardin K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théobald Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Annie Girardot, Julien Guiomar, Maurice Risch, Daniel Boulanger, Geneviève Fontanel | F | 97 min | 1:2,35 | f | 22. März 1978
# 901 | 4. August 2014
Guillaume Daubray-Lacaze (Louis de Funès), Kleinfabrikant mit einem Bein im Konkursgericht und Bürgermeister einer beschaulichen Provinzstadt, verkauft unverhofft 3000 Stück seines Rauchverzehrers CX-22 an japanische Geschäftsleute. Weil die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, funktioniert der Boß sein Wohnhaus kurzerhand zur Werkstatt um; Gattin Bernadette (Annie Girardot) trägt die Prüfung mit ehefraulicher Geduld – bis ihr hingebungsvoll gepflegter Gemüsegarten und das geliebte Gewächshaus Raub der ungezügelten unternehmerischen Aktivitäten werden … Der schlagartig ausbrechende Ehekrieg, in dessen Verlauf Bernadette als Vertreterin der Liste »Défense de la nature« bei den Gemeinderatswahlen gegen ihren wachstumsorientierten Mann (»Mon programme en trois points : premièrement, le plein emploi, deuxièmement, le plein emploi et troisièmement, le plein emploi!«) antritt, umschreibt in Form einer quatschigen Groteske den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der die zunehmend im Wohlstandsmüll versinkenden westlichen Konsumgesellschaften in den 1970er Jahren erfaßt. Claude Zidi ist an zivilisationskritischen Untertönen allerdings nur in dem Maße gelegen, wie sie das ungebremste Spiel der temperamentvollen Hauptdarsteller nicht stören.
R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre, Pascal Jardin K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théobald Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Annie Girardot, Julien Guiomar, Maurice Risch, Daniel Boulanger, Geneviève Fontanel | F | 97 min | 1:2,35 | f | 22. März 1978
# 901 | 4. August 2014
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18.1.78
Tendre poulet (Philippe de Broca, 1978)
Ein verrücktes Huhn
»Croyez-moi, nous sommes la carpe et le lapin.« Nach 25 Jahren treffen sie sich zufällig (besser gesagt: unfällig) wieder: Lise Tanquerelle (quirlig: Annie Girardot) und Antoine Lemercier (gemächlich: Philippe Noiret); damals waren sie Studenten, heute ist die eine Kriminalkommissarin der Pariser Polizei, der andere Professor für Altgriechisch an der Sorbonne. Philippe de Broca inszeniert die romantische Begegnung von Karpfen und Kaninchen, das Aufeinandertreffen von Gemütsmensch und Energiebündel als emotional-skurrile Kurvenfahrt mit permanenten Tempowechseln zwischen Hochgeschwindigkeit und Vollbremsung (inklusive der wahrscheinlich langsamsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte). Während Lise eine rätselhafte Mordserie an Abgeordneten der Nationalversammlung aufzuklären hat (»Immer wenn wir uns treffen«, bemerkt Antoine, »stirbt ein Parlamentarier.«), ziehen sich die Gegensätze unweigerlich an, um in einer finalen Karambolage endgültig zueinanderzufinden.
R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca V Jean-Paul Rouland, Claude Olivier K Jean-Paul Schwartz M Georges Delerue A François de Lamothe S Françoise Javet P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Hubert Deschamps, Guy Marchand, Paulette Dubost | F | 105 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1978
# 1001 | 15. Mai 2016
»Croyez-moi, nous sommes la carpe et le lapin.« Nach 25 Jahren treffen sie sich zufällig (besser gesagt: unfällig) wieder: Lise Tanquerelle (quirlig: Annie Girardot) und Antoine Lemercier (gemächlich: Philippe Noiret); damals waren sie Studenten, heute ist die eine Kriminalkommissarin der Pariser Polizei, der andere Professor für Altgriechisch an der Sorbonne. Philippe de Broca inszeniert die romantische Begegnung von Karpfen und Kaninchen, das Aufeinandertreffen von Gemütsmensch und Energiebündel als emotional-skurrile Kurvenfahrt mit permanenten Tempowechseln zwischen Hochgeschwindigkeit und Vollbremsung (inklusive der wahrscheinlich langsamsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte). Während Lise eine rätselhafte Mordserie an Abgeordneten der Nationalversammlung aufzuklären hat (»Immer wenn wir uns treffen«, bemerkt Antoine, »stirbt ein Parlamentarier.«), ziehen sich die Gegensätze unweigerlich an, um in einer finalen Karambolage endgültig zueinanderzufinden.
R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca V Jean-Paul Rouland, Claude Olivier K Jean-Paul Schwartz M Georges Delerue A François de Lamothe S Françoise Javet P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Hubert Deschamps, Guy Marchand, Paulette Dubost | F | 105 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1978
# 1001 | 15. Mai 2016
25.12.77
High Anxiety (Mel Brooks, 1977)
Mel Brook’s Höhenkoller
Parodistisches Kompendium von Hitchcock-Motiven, zusammengehalten durch Mel Brooks’ Talent, charmant auf die Nerven zu fallen: die Klinik aus »Spellbound«, die Akrophobie aus »Vertigo«, die Duschszene aus »Psycho«, der (un-)sinnige middle name aus »North by Northwest« (in diesem Falle kein ›O.‹ = »nothing« sondern ein ›H.‹ = ›Harpo‹), die Vögel aus »The Birds« (scheißende Tauben statt tödlicher Krähen), die unvermeidliche Blondine (Madeline Kahn); ferner eine sadistische Oberschwester und ein schmerzgeiler Irrenarzt, ein Industrieller, der sich für einen Cockerspaniel hält, und ein verzückter Killer mit Zahnspange. Die Geheimnisse, die das von Nobelpreisträger Dr. Richard H. Thorndyke (Brooks) übernommene ›Psycho-Neurotic Institute for the Very, Very Nervous‹ birgt, sind so rätselhaft, wie »High Anxiety« subtil ist: Nur selten stößt der Film auf eine satirische Metaebene vor (etwa wenn der Anstaltsleiter und sein Chauffeur während einer Autofahrt durch dramatische Thriller-Musik aufgeschreckt werden und bemerken, daß gerade ein Bus mit einem musizierenden Orchester überholt), zumeist geben sich Drehbuch und Inszenierung mit dem erst besten Kalauer zufrieden. PS: »I got it. I got it. I got it … I ain't got it.«
R Mel Brooks B Mel Brooks, Ron Clark, Rudy De Luca, Barry Levinson K Paul Lohmann M John Morris A Peter Wooley S John C. Howard P Mel Brooks D Mel Brooks, Madeline Kahn, Cloris Leachman, Harvey Korman, Howard Morris | USA | 94 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1977
Parodistisches Kompendium von Hitchcock-Motiven, zusammengehalten durch Mel Brooks’ Talent, charmant auf die Nerven zu fallen: die Klinik aus »Spellbound«, die Akrophobie aus »Vertigo«, die Duschszene aus »Psycho«, der (un-)sinnige middle name aus »North by Northwest« (in diesem Falle kein ›O.‹ = »nothing« sondern ein ›H.‹ = ›Harpo‹), die Vögel aus »The Birds« (scheißende Tauben statt tödlicher Krähen), die unvermeidliche Blondine (Madeline Kahn); ferner eine sadistische Oberschwester und ein schmerzgeiler Irrenarzt, ein Industrieller, der sich für einen Cockerspaniel hält, und ein verzückter Killer mit Zahnspange. Die Geheimnisse, die das von Nobelpreisträger Dr. Richard H. Thorndyke (Brooks) übernommene ›Psycho-Neurotic Institute for the Very, Very Nervous‹ birgt, sind so rätselhaft, wie »High Anxiety« subtil ist: Nur selten stößt der Film auf eine satirische Metaebene vor (etwa wenn der Anstaltsleiter und sein Chauffeur während einer Autofahrt durch dramatische Thriller-Musik aufgeschreckt werden und bemerken, daß gerade ein Bus mit einem musizierenden Orchester überholt), zumeist geben sich Drehbuch und Inszenierung mit dem erst besten Kalauer zufrieden. PS: »I got it. I got it. I got it … I ain't got it.«
R Mel Brooks B Mel Brooks, Ron Clark, Rudy De Luca, Barry Levinson K Paul Lohmann M John Morris A Peter Wooley S John C. Howard P Mel Brooks D Mel Brooks, Madeline Kahn, Cloris Leachman, Harvey Korman, Howard Morris | USA | 94 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1977
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7.12.77
Mort d’un pourri (Georges Lautner, 1977)
Der Fall Serrano
»Nous n’avons plus d’amis, nous avons des partenaires. Nous n’avons plus d’ennemis, nous avons des clients.« Frankreich am Ende der Trente Glorieuses: Die wirtschaftliche Explosion des Nachkriegs hat das Land wohlhabend gemacht und ein paar pourris stinkreich. Der Tod eines dieser Dreckskerle (Maurice Ronet spielt ihn als lässig-verdorbenen Archetypen der Ära) wirft ein trübes Licht auf das Gewebe von Gefälligkeiten und Vorteilsnahmen, von politischen und finanziellen Geschäftemachereien, das die ganze Gesellschaft krankhaft durchzieht – und längst weitergewuchert ist, über nationale Grenzen hinaus: »Le capital ne connaît plus de frontières.« Alles hängt mit allem ungut zusammen. Xav (Alain Delon – wortkarg, loyal, schlagkräftig) versucht das Knäuel zu entwirren, um den Mörder seines alten Weggefährten zu stellen; als er den Täter gefunden hat (ohne den Knoten zu durchschlagen), blickt er ins blanke Antlitz eines Terroristen der Tugend, das die Fratze der Korruption beinahe sympathisch erscheinen läßt ... Georges Lautner führt seinen erstklassigen Cast – Stéphane Audran (als lustig-verzweifelte Witwe), Jean Bouise (als Hüter einer verdorbenen Ordnung), Julien Guiomar (als (zu) siegessicheres Schwein), Klaus Kinski (als mysteriöser Strippenzieher auf Enten(?)jagd), Ornella Muti (als aufrechte Gefährtin) – präzise und schnörkellos, die Bilder von Henri Decaë beschönigen nichts, der nächtlich-jazzige Score von Philippe Sarde und Stan Getz (!) kommentiert die Nutzlosigkeit von Integrität in einer Welt des exquisiten Amoralismus mit stillem Bedauern.
R Georges Lautner B Michel Audiard V Raf Vallet K Henri Decaë M Philippe Sarde S Michelle David P Alain Delon D Alain Delon, Ornella Muti, Stéphane Audran, Klaus Kinski, Maurice Ronet, Mireille Darc | F | 120 min | 1:1,66 | f | 7. Dezember 1977
»Nous n’avons plus d’amis, nous avons des partenaires. Nous n’avons plus d’ennemis, nous avons des clients.« Frankreich am Ende der Trente Glorieuses: Die wirtschaftliche Explosion des Nachkriegs hat das Land wohlhabend gemacht und ein paar pourris stinkreich. Der Tod eines dieser Dreckskerle (Maurice Ronet spielt ihn als lässig-verdorbenen Archetypen der Ära) wirft ein trübes Licht auf das Gewebe von Gefälligkeiten und Vorteilsnahmen, von politischen und finanziellen Geschäftemachereien, das die ganze Gesellschaft krankhaft durchzieht – und längst weitergewuchert ist, über nationale Grenzen hinaus: »Le capital ne connaît plus de frontières.« Alles hängt mit allem ungut zusammen. Xav (Alain Delon – wortkarg, loyal, schlagkräftig) versucht das Knäuel zu entwirren, um den Mörder seines alten Weggefährten zu stellen; als er den Täter gefunden hat (ohne den Knoten zu durchschlagen), blickt er ins blanke Antlitz eines Terroristen der Tugend, das die Fratze der Korruption beinahe sympathisch erscheinen läßt ... Georges Lautner führt seinen erstklassigen Cast – Stéphane Audran (als lustig-verzweifelte Witwe), Jean Bouise (als Hüter einer verdorbenen Ordnung), Julien Guiomar (als (zu) siegessicheres Schwein), Klaus Kinski (als mysteriöser Strippenzieher auf Enten(?)jagd), Ornella Muti (als aufrechte Gefährtin) – präzise und schnörkellos, die Bilder von Henri Decaë beschönigen nichts, der nächtlich-jazzige Score von Philippe Sarde und Stan Getz (!) kommentiert die Nutzlosigkeit von Integrität in einer Welt des exquisiten Amoralismus mit stillem Bedauern.
R Georges Lautner B Michel Audiard V Raf Vallet K Henri Decaë M Philippe Sarde S Michelle David P Alain Delon D Alain Delon, Ornella Muti, Stéphane Audran, Klaus Kinski, Maurice Ronet, Mireille Darc | F | 120 min | 1:1,66 | f | 7. Dezember 1977
28.10.77
Die Vertreibung aus dem Paradies (Niklaus Schilling, 1977)
Nach dem Tod der Mutter kehrt Filmschauspieler Andy Pauls (Geburtsname: Anton Paulisch) abgebrannt in seine Geburtsstadt München zurück. Mit der großen Karriere hat es weder in Rom noch in Hollywood geklappt; über Nebenrollen in Italowestern und einen TV-Auftritt als »Mechanical Man« ist Andy Pauls nie hinausgekommen. Herb Andress (Geburtsname: Herbert Andreas Greuz), mit dessen großer Karriere es auch nicht so recht geklappt hat, der sich als Nebendarsteller in Italowestern verdingte und als »Mechanical Man« im Fernsehen auftrat, spielt Andy Pauls, dem statt des erhofften Geldes als Erbe lediglich eine dickgerahmte Reproduktion von Gustave Dorés Bibelgraphik »Die Vertreibung aus dem Paradies« zufällt … Niklaus Schilling erzählt in einer Abfolge von kurzen, mal ironischen, mal elegischen, bald zugespitzt sketchartigen, bald opernhaft surrealen Szenen aus dem Leben der Vertriebenen – neben Andy Pauls sind das dessen sanftmütige Schwester Astrid (Elke Haltaufderheide), die sich redlich müht, das verschuldete mütterliche Fotogeschäft weiterzuführen, und der schmierige Bankfilialleiter Berens und die mondäne Heiratsschwindlerin Isolde Gräfin zu Rosenburg und das allzeitbereite Starlet Evi. Die Personen der Handlung verwickeln sich in eine inszestuöse Liebesgeschichte und in eine gallige Satire auf den mausetoten bundesdeutschen Filmbetrieb und in ein schwüles Hochstapler(innen)drama und in einen kleinbürgerlichen Betrugsthriller. Auf allen Ebenen geht es um Geld und Träume, um Kunst und Wirklichkeit, um Spiel und Zwang. Am Ende weist ein Engel den Weg zurück ins Paradies; die Insel der Seligen aber ist nichts anderes als das Kino selbst.
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Igor Luther M Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti, Drupi A Christa Molitor S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Herb Andress, Elke Haltaufderheide, Jochen Busse, Ksenija Protic, Andrea Rau | BRD | 119 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
# 774 | 19. September 2013
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Igor Luther M Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti, Drupi A Christa Molitor S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Herb Andress, Elke Haltaufderheide, Jochen Busse, Ksenija Protic, Andrea Rau | BRD | 119 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
# 774 | 19. September 2013
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The Serpent’s Egg (Ingmar Bergman, 1977)
Das Schlangenei
»Go to hell!« – »Where do you think we are?« Ingmar Bergman schickt Dr. Mabuse ins Cabaret. »The scene is Berlin, the evening of Saturday, November 3, 1923.« Abel Rosenberg (mit versoffener Klarheit: John Carradine), Jude, Amerikaner, abgetakelter Trapezartist, stromert nach dem Selbstmord seines Bruders durch das Inflationschaos der Reichshauptstadt. Seine Exschwägerin, die Tingeltangeldiseuse und Gelegenheitsnutte Manuela (mit grüner Lockenperücke: Liv Ullmann), und der Arzt und (Menschen-)Forscher Dr. Hans Vergérus (mit gefährlich-randloser Brille: Heinz Bennent), ein geheimnisvoll-unheimlicher Bekannter aus sonnigen Jugendjahren, kreuzen Abels Wege durch das irdische Jammertal. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die Ahnung von der kommenden großen Katastrophe ziehen wie giftige Nebelschwaden durch die Seelen der Menschen – und durch die Straßen der Stadt, in die sich ein Sturzbach von übel zugerichteten Leichen ergießt, allesamt Opfer unverständlicher Gräueltaten: Verbrechen, die der aufrechte Inspektor Bauer (Gert Fröbe), seiner preußischen Beamtenpflicht folgend, mit trübsinniger Hartnäckigkeit aufzuklären versucht … Bergman, von schwedischen Steuerbürokraten ins Münchner Exil getrieben, inszeniert, fern der Heimat, in einer der grandiosesten jemals in Deutschland errichteten Filmarchitekturen (Rolf Zehetbauer), einmal mehr eine Vision der Hölle auf Erden – eine Gesellschaft in Auflösung, Menschen in Angst, Körper in Qualen – und einen poetisch-politischen rückblickenden Ausblick auf den (aus der Furcht und dem Entsetzen der von Gott verlassenen Kreaturen) heraufsteigenden Faschismus: »I wake up from a nightmare and find that real life is worse than the dream.«
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Rolf A. Wilhelm A Rolf Zehetbauer S Jutta Hering P Dino De Laurentiis D Liv Ullmann, David Carradine, Gert Fröbe, Heinz Bennent, James Whitmore | USA & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
»Go to hell!« – »Where do you think we are?« Ingmar Bergman schickt Dr. Mabuse ins Cabaret. »The scene is Berlin, the evening of Saturday, November 3, 1923.« Abel Rosenberg (mit versoffener Klarheit: John Carradine), Jude, Amerikaner, abgetakelter Trapezartist, stromert nach dem Selbstmord seines Bruders durch das Inflationschaos der Reichshauptstadt. Seine Exschwägerin, die Tingeltangeldiseuse und Gelegenheitsnutte Manuela (mit grüner Lockenperücke: Liv Ullmann), und der Arzt und (Menschen-)Forscher Dr. Hans Vergérus (mit gefährlich-randloser Brille: Heinz Bennent), ein geheimnisvoll-unheimlicher Bekannter aus sonnigen Jugendjahren, kreuzen Abels Wege durch das irdische Jammertal. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die Ahnung von der kommenden großen Katastrophe ziehen wie giftige Nebelschwaden durch die Seelen der Menschen – und durch die Straßen der Stadt, in die sich ein Sturzbach von übel zugerichteten Leichen ergießt, allesamt Opfer unverständlicher Gräueltaten: Verbrechen, die der aufrechte Inspektor Bauer (Gert Fröbe), seiner preußischen Beamtenpflicht folgend, mit trübsinniger Hartnäckigkeit aufzuklären versucht … Bergman, von schwedischen Steuerbürokraten ins Münchner Exil getrieben, inszeniert, fern der Heimat, in einer der grandiosesten jemals in Deutschland errichteten Filmarchitekturen (Rolf Zehetbauer), einmal mehr eine Vision der Hölle auf Erden – eine Gesellschaft in Auflösung, Menschen in Angst, Körper in Qualen – und einen poetisch-politischen rückblickenden Ausblick auf den (aus der Furcht und dem Entsetzen der von Gott verlassenen Kreaturen) heraufsteigenden Faschismus: »I wake up from a nightmare and find that real life is worse than the dream.«
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Rolf A. Wilhelm A Rolf Zehetbauer S Jutta Hering P Dino De Laurentiis D Liv Ullmann, David Carradine, Gert Fröbe, Heinz Bennent, James Whitmore | USA & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
Labels:
20er Jahre,
Berlin,
Bühne,
Drama,
Fröbe,
Horror,
Ingmar Bergman,
Mad scientist,
Medizin,
Nationalsozialismus,
Serienmörder,
Thriller,
Ullmann
5.10.77
L’animal (Claude Zidi, 1977)
Ein irrer Typ
Hyperaktive Zappelkomödie mit Jean-Paul Belmondo in einer Doppelrolle als tollkühner Stuntman Mike Gaucher und effeminierter Megastar Bruno Ferrari. »L’animal« pfeift fröhlich auf die psychologischen Möglichkeiten dieser Konstellation, bietet stattdessen dem Hauptdarsteller zahlreiche Gelegenheiten, seine Physis zu präsentieren. Die unegale Handlung begnügt sich mit umwerfend plumpen Klischees, zeigt das Filmgeschäft als liebenswert geistlose Kulissenwelt, in der rohe Kräfte sinnlos walten, als wilden Zoo voller großer und kleiner Idioten, die, jeder auf seine Art, in ihren Käfigen verrückt spielen. Claude Zidi ist sich für keinen Kalauer zu schade, setzt ganz auf brachialen Körperwitz, exploitiert genüßlich jedes Stereotyp: Der Produzent schreit, der Regisseur hat keinen Plan, der Schwule trägt ein rosa Rüschenhemd, die schöne Widerspenstige (Raquel Welch) wird gezähmt, der Kaskadeur nimmt jede Hürde. Mit der Wirklichkeit (des Gewerbes) hat das nicht viel zu tun. Aber wen interessiert (im Kino) schon die Wirklichkeit?
R Claude Zidi B Michel Audiard, Dominique Fabre, Claude Zidi K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Jean-Paul Belmondo, Raquel Welch, Charles Gérard, Julien Guiomar, Aldo Maccione | F | 100 min | 1:2,35 | f | 5. Oktober 1977
Hyperaktive Zappelkomödie mit Jean-Paul Belmondo in einer Doppelrolle als tollkühner Stuntman Mike Gaucher und effeminierter Megastar Bruno Ferrari. »L’animal« pfeift fröhlich auf die psychologischen Möglichkeiten dieser Konstellation, bietet stattdessen dem Hauptdarsteller zahlreiche Gelegenheiten, seine Physis zu präsentieren. Die unegale Handlung begnügt sich mit umwerfend plumpen Klischees, zeigt das Filmgeschäft als liebenswert geistlose Kulissenwelt, in der rohe Kräfte sinnlos walten, als wilden Zoo voller großer und kleiner Idioten, die, jeder auf seine Art, in ihren Käfigen verrückt spielen. Claude Zidi ist sich für keinen Kalauer zu schade, setzt ganz auf brachialen Körperwitz, exploitiert genüßlich jedes Stereotyp: Der Produzent schreit, der Regisseur hat keinen Plan, der Schwule trägt ein rosa Rüschenhemd, die schöne Widerspenstige (Raquel Welch) wird gezähmt, der Kaskadeur nimmt jede Hürde. Mit der Wirklichkeit (des Gewerbes) hat das nicht viel zu tun. Aber wen interessiert (im Kino) schon die Wirklichkeit?
R Claude Zidi B Michel Audiard, Dominique Fabre, Claude Zidi K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Jean-Paul Belmondo, Raquel Welch, Charles Gérard, Julien Guiomar, Aldo Maccione | F | 100 min | 1:2,35 | f | 5. Oktober 1977
Labels:
Action,
Audiard,
Belmondo,
Film,
Filmstudio,
Homosexualität,
Komödie,
Paris,
Romanze,
Zidi
Valentino (Ken Russell, 1977)
Valentino
»To my public, I will never die!« Sanft lächelnd liegt die geschminkte Leiche der Leinwandikone im Sarg: Rudolph Valentino ist tot – und damit unsterblich. In Citizen-Kane-Manier wirft Ken Russell aus der Aufbahrungshalle Rückblicke in die turbulente Vergangenheit des entschlafenen Kinogottes – auffälligerweise sind es nur Frauen, die wichtige Stationen seiner Vita in Erinnerung rufen: eine frühe Geliebte und eine hellwache Drehbuchautorin, eine exaltierte Schauspielerin und die hochambitiöse Ehefrau entsinnen sich an Valentinos Zeiten als Gigolo und als Nachtclubtänzer, als Kleindarsteller in Hollywood und als sexsymbolische Weltberühmtheit. Valentino (Rudolf Nurejew) geht durch dieses sein Leben seltsam reglos, wie eine Puppe am Faden – lediglich der öffentliche Zweifel an seiner Männlichkeit (was auch immer das sein soll) bringen ihn in eine Rage, die letztlich den frühen Tod befördert. Trotz treffender Seitenhiebe auf Traumfabrik (»Every day is Halloween in Tinseltown.«), Starkult (»YOU – are the fount of all pleasure.«), Sexismus (»We hate him now / he uses talcum powder.«) zeigt Russels Methode der grellen Überzeichnung biographischer Sachverhalte gewisse Ermüdungstendenzen; entfesselte Massenchoreographien, wüste Art-Deco-Reminiszenzen, outrierte Darstellerleistungen (all over the top: Leslie Caron als Alla Nazimowa) verleihen dem pop-erotischen Schauspielerportrait immerhin den soliden Unterhaltungswert einer Beerdigung erster Klasse.
R Ken Russell B Ken Russell, Mardik Martin V Chaw Mank, Brad Steiger K Peter Suschitzky M Stanley Black A Philip Harrison S Stuart Baird P Irwin Winkler, Robert Chartoff D Rudolf Nurejew, Michelle Phillips, Felicity Kendal, Leslie Caron, Seymour Cassel | USA & UK | 128 min | 1:1,85 | f | 5. Oktober 1977
# 1144 | 13. Januar 2019
»To my public, I will never die!« Sanft lächelnd liegt die geschminkte Leiche der Leinwandikone im Sarg: Rudolph Valentino ist tot – und damit unsterblich. In Citizen-Kane-Manier wirft Ken Russell aus der Aufbahrungshalle Rückblicke in die turbulente Vergangenheit des entschlafenen Kinogottes – auffälligerweise sind es nur Frauen, die wichtige Stationen seiner Vita in Erinnerung rufen: eine frühe Geliebte und eine hellwache Drehbuchautorin, eine exaltierte Schauspielerin und die hochambitiöse Ehefrau entsinnen sich an Valentinos Zeiten als Gigolo und als Nachtclubtänzer, als Kleindarsteller in Hollywood und als sexsymbolische Weltberühmtheit. Valentino (Rudolf Nurejew) geht durch dieses sein Leben seltsam reglos, wie eine Puppe am Faden – lediglich der öffentliche Zweifel an seiner Männlichkeit (was auch immer das sein soll) bringen ihn in eine Rage, die letztlich den frühen Tod befördert. Trotz treffender Seitenhiebe auf Traumfabrik (»Every day is Halloween in Tinseltown.«), Starkult (»YOU – are the fount of all pleasure.«), Sexismus (»We hate him now / he uses talcum powder.«) zeigt Russels Methode der grellen Überzeichnung biographischer Sachverhalte gewisse Ermüdungstendenzen; entfesselte Massenchoreographien, wüste Art-Deco-Reminiszenzen, outrierte Darstellerleistungen (all over the top: Leslie Caron als Alla Nazimowa) verleihen dem pop-erotischen Schauspielerportrait immerhin den soliden Unterhaltungswert einer Beerdigung erster Klasse.
R Ken Russell B Ken Russell, Mardik Martin V Chaw Mank, Brad Steiger K Peter Suschitzky M Stanley Black A Philip Harrison S Stuart Baird P Irwin Winkler, Robert Chartoff D Rudolf Nurejew, Michelle Phillips, Felicity Kendal, Leslie Caron, Seymour Cassel | USA & UK | 128 min | 1:1,85 | f | 5. Oktober 1977
# 1144 | 13. Januar 2019
Labels:
20er Jahre,
Biographie,
Caron,
Drama,
Ehe,
Erinnerung,
Film,
Gesellschaft,
Los Angeles,
New York,
Romanze,
Russell,
Satire,
Schauspieler,
Tod
28.9.77
La menace (Alain Corneau, 1977)
Lohn der Giganten
Beschrieb »Police Python 357« die verzweifelte Bemühungen eines unter Mordverdacht Geratenen, seine Unschuld zu beweisen, schildert »La menace« (≈ die Bedrohung) den Versuch eines Mannes, seine Geliebte von dem Verdacht zu entlasten, ein Verbrechen begangen zu haben, das nie stattgefunden hat ... Nachdem sich der Ex-Trucker Henri Savin (Yves Montand) von seiner wohlhabenden Lebensgefährtin Dominique (Marie Dubois) getrennt hat, fällt diese in eine Depression und bringt sich schließlich um – ein Suizid, der wie ein Mord aussieht, für den Savins neue Freundin Julie (Carole Laure) zur Rechenschaft gezogen werden soll. Savin, Alleinerbe der Verstorbenen, legt Spuren, die ihn als Täter ausweisen, und setzt sich nach Kanada ab, um dort, in einem risikoreichen Befreiungsmanöver, seinen Tod zu inszenieren und ein neues Leben zu beginnen … Alain Corneau knüpft zunächst mit geduldiger Akribie das fatale Netz der irreführenden Hinweise, der falschen Schlüsse, der schicksalhaften Bedrängnisse, um im letzten Viertel des Films ein furioses Actionfinale zu entfesseln, das einen Vergleich mit kinematographischen Vorbilder wie Henri-Georges Clouzots »Le salaire de la peur« und Steven Spielbergs »Duel« nicht zu scheuen braucht. Gerry Mulligans bald lyrisch-introspektiver, bald fiebrig-nervöser Jazz-Soundtrack begleitet und treibt das heikle Geschehen bis zur sarkastischen Pointe.
R Alain Corneau B Daniel Boulanger, Alain Corneau K Pierre-William Glenn M Gerry Mulligan A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Henri Lanoë P Denise Petitdidier, Léo L. Fuchs D Yves Montand, Carol Laure, Marie Dubois, Jean-François Balmer, Jacques Rispal | F & CDN | 117 min | 1:1,66 | f | 28. September 1977
# 1059 | 22. Juni 2017
Beschrieb »Police Python 357« die verzweifelte Bemühungen eines unter Mordverdacht Geratenen, seine Unschuld zu beweisen, schildert »La menace« (≈ die Bedrohung) den Versuch eines Mannes, seine Geliebte von dem Verdacht zu entlasten, ein Verbrechen begangen zu haben, das nie stattgefunden hat ... Nachdem sich der Ex-Trucker Henri Savin (Yves Montand) von seiner wohlhabenden Lebensgefährtin Dominique (Marie Dubois) getrennt hat, fällt diese in eine Depression und bringt sich schließlich um – ein Suizid, der wie ein Mord aussieht, für den Savins neue Freundin Julie (Carole Laure) zur Rechenschaft gezogen werden soll. Savin, Alleinerbe der Verstorbenen, legt Spuren, die ihn als Täter ausweisen, und setzt sich nach Kanada ab, um dort, in einem risikoreichen Befreiungsmanöver, seinen Tod zu inszenieren und ein neues Leben zu beginnen … Alain Corneau knüpft zunächst mit geduldiger Akribie das fatale Netz der irreführenden Hinweise, der falschen Schlüsse, der schicksalhaften Bedrängnisse, um im letzten Viertel des Films ein furioses Actionfinale zu entfesseln, das einen Vergleich mit kinematographischen Vorbilder wie Henri-Georges Clouzots »Le salaire de la peur« und Steven Spielbergs »Duel« nicht zu scheuen braucht. Gerry Mulligans bald lyrisch-introspektiver, bald fiebrig-nervöser Jazz-Soundtrack begleitet und treibt das heikle Geschehen bis zur sarkastischen Pointe.
R Alain Corneau B Daniel Boulanger, Alain Corneau K Pierre-William Glenn M Gerry Mulligan A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Henri Lanoë P Denise Petitdidier, Léo L. Fuchs D Yves Montand, Carol Laure, Marie Dubois, Jean-François Balmer, Jacques Rispal | F & CDN | 117 min | 1:1,66 | f | 28. September 1977
# 1059 | 22. Juni 2017
17.8.77
Cet obscur objet du désir (Luis Buñuel, 1977)
Dieses obskure Objekt der Begierde
Souveräner Schlußpunkt unter ein frappantes Lebenswerk. Anhand der einfachen Geschichte eines Mannes (bemitleidenswert: Fernando Rey), der zahlreiche ergebnislose Versuche unternimmt, sich in den Besitz des Körpers einer Frau (zwiespältig: Carole Bouquet und Angela Molina) zu bringen (während die Gesellschaft im Chaos des Terrors versinkt – doch das nur nebenbei), gibt Luis Buñuel ein treffendes Beispiel für die (Un-) Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens: Bei aller Auf- und Abgeklärtheit zutiefst irrational handelnd, uns dieses Umstandes jederzeit bewußt und doch nicht in der Lange, etwas daran zu ändern, jagen wir den obskuren Objekten unserer Begierden nach, mit deren (in Wirklichkeit unmöglicher) Berührung wir hoffen, unser Glück zu erlangen. Ein lebenskluges Satyrspiel zur lächerlichen Tragödie der condition humaine.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Pierre Louÿs K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Carole Bouquet, Ángela Molina, Julien Bertheau, André Weber | F & E | 102 min | 1:1,66 | f | 17. August 1977
Souveräner Schlußpunkt unter ein frappantes Lebenswerk. Anhand der einfachen Geschichte eines Mannes (bemitleidenswert: Fernando Rey), der zahlreiche ergebnislose Versuche unternimmt, sich in den Besitz des Körpers einer Frau (zwiespältig: Carole Bouquet und Angela Molina) zu bringen (während die Gesellschaft im Chaos des Terrors versinkt – doch das nur nebenbei), gibt Luis Buñuel ein treffendes Beispiel für die (Un-) Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens: Bei aller Auf- und Abgeklärtheit zutiefst irrational handelnd, uns dieses Umstandes jederzeit bewußt und doch nicht in der Lange, etwas daran zu ändern, jagen wir den obskuren Objekten unserer Begierden nach, mit deren (in Wirklichkeit unmöglicher) Berührung wir hoffen, unser Glück zu erlangen. Ein lebenskluges Satyrspiel zur lächerlichen Tragödie der condition humaine.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Pierre Louÿs K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Carole Bouquet, Ángela Molina, Julien Bertheau, André Weber | F & E | 102 min | 1:1,66 | f | 17. August 1977
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