9.9.59

125, rue Montmartre (Gilles Grangier, 1959)

Tatort Paris

Pascal verdingt sich als Zeitungsverkäufer, ruft auf den Straßen von Paris mehrmals täglich die neuesten Nachrichten aus; Lino Ventura (dessen kompakte Figur in Windjacke und Turnschuhen steckt) spielt den crieur de journaux als harten Hund mit weichem Kern, großstädtisch und bodenständig, aufbrausend und mitmenschlich. Als sich ein Unbekannter in die Seine stürzt, fischt Pascal den Ertrinkenden beherzt wieder heraus, kümmert sich bäßbeißg-mitfühlend um den verzweifelten Mann, läßt sich dessen dramatische Lebens-(und Liebes-)geschichte erzählen und von ihm in eine (bürgerliche) Intrige verstricken – wobei der (proletarischen) Samariter schließlich als vermeintlicher Raubmörder verhaftet wird … Der Titel des ironischen kleinen Thrillers (der mit Detailfreude die gegensätzlichen Milieus (über-)zeichnet und zur Auflösung in einen Zirkus führt) benennt nicht den Schauplatz der Handlung: 125, rue Montmartre ist die Adresse eines Pressevertriebs, ein Haus im Herzen des alten Zeitungsviertels der französischen Hauptstadt. Nicht ohne Süffisanz beobachtet Gilles Grangier (an zahlreichen Originalschauplätzen), wie der burschikose Held seines fait divers zum Protagonisten einer jener Revolvergeschichten wird, die er ansonsten der sensationslüsternen Leserschaft zum Fraß vorwirft.

R Gilles Grangier B Michel Audiard, Jacques Robert, André Gillois, Gilles Grangier V André Gillois K Jacques Lemare M Jean Yatove A Robert Bouladoux S Jacqueline Sadoul P Lucien Villard D Lino Ventura, Robert Hirsch, Andréa Parisy, Jean Desailly, Dora Doll | F | 85 min | 1:1,66 | sw | 9. September 1959

# 820 | 31. Dezember 2013

6.9.59

Pociąg (Jerzy Kawalerowicz, 1959)

Nachtzug

Ein überfüllter Zug fährt durch eine heiße Sommernacht, an Bord eine Gruppe bunt zusammengewürfelter Menschen: katholische Priester auf Pilgerreise, ein alter Mann, der nicht schlafen kann, weil ihn die Stockbetten der Abteile an Buchenwald erinnern, eine junge Frau, die sich aus ihrer langweiligen Ehe in eine x-beliebige Affäre stürzen möchte, eine andere, die vor ihrem fordernden Geliebten (gespielt vom »polnischen James Dean« Zbigniew Cybulski) flüchtet, ein ruppiger Mann, der aus unbestimmtem Grund alleine sein will und schließlich für den Mörder seiner Gattin gehalten wird – ihre Schicksale laufen zusammen und wieder auseinander wie Gleise in einsamer Landschaft. Jerzy Kawalerowicz entfaltet in dichten, schummrigen Bilder (Jan Laskowski) zu melancholischen Cool-Jazz-Klängen (Andrzej Trzaskowski) ein sprödes, leises Drama der gleichzeitigen Angst vor und Sehnsucht nach Nähe. Nur einmal verläßt die Erzählung die Enge des Schauplatzes: wenn die Fahrgäste bei Tagesanbruch dem (wirklichen) Verbrecher hinterjagen und (auf einem Friedhof!) wie eine Meute toller Hunde über ihn herfallen… Am Morgen erreicht der Nachtzug das Meer. Die Reisenden gehen auseinander – jeder zurück in sein Alleinsein.

R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Jerzy Lutowski K Jan Laskowski M Andrzej Trzaskowski A Ryszard Potocki S Wiesława Otocka P Jerzy Rutowicz D Lucyna Winnicka, Leon Niemczyk, Teresa Szmigielówna, Zbigniew Cybulski, Helena Dabrowska | PL | 99 min | 1:1,37 | sw | 6. September 1959

4.9.59

Der Frosch mit der Maske (Harald Reinl, 1959)

»Der Frosch! Der Frosch mit der Ma...« Harald Reinls sauber exekutierter Westentaschenkrimi nach Edgar Wallace spielt in einem ziemlich bundesdeutsch wirkenden Phantasie-London, das von einem maskierten Schwerverbrecher und seiner Bande in japsendem Atem gehalten wird. »Der Frosch mit der Maske« führt in ein (nur oberflächlich betrachtet) idyllisches Landhaus (wo Eva Anthes (= Elfi von Kalckreuth), eine Volksausgabe von Romy Schneider, ihre Unschuld hütet) und in eine verruchte Nachtbar (wo Eva Pflug als vollreife ›Lolita‹ in rasantem Kleid »Nachts im Nebel an der Themse« singt), auf begüterte Schlösser und in kahle Todeszellen – es ist ein Reich der ironisch zugespitzten Krimi-Stereotypen, des rechtschaffenen Schreckens, der sorgsam geordneten Unordnung (als deren definitiver Protagonist sich Joachim Fuchsberger präsentiert). Die kriminelle Allgegenwart des Schurken, der aus der Anonymität seine tödlichen Fäden zieht, erinnert von Ferne an Norbert Jacques' Zersetzungsgenie Dr. Mabuse, doch der ›Frosch‹ verfolgt letztlich keine asozial-ideologischen sondern (passend zur Entstehungszeit des Films mitten im glitzernden Wirtschaftswunder) ausschließlich eigennützig-finanzielle Interessen.

R Harald Reinl B Trygve Larsen (= Egon Eis), J. Joachim Bartsch V Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Willi Mattes A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Siegfried Lowitz, Joachim Fuchsberger, Jochen Brockmann, Karl Lange, Eva Anthes (= Elfi von Kalckreuth) | DK | 90 min | 1:1,37 | sw | 4. September 1959

Arzt ohne Gewissen (Falk Harnack, 1959)

Der deutsche Arztfilm gefällt sich für gewöhnlich in der Apotheose des integren Heilkünstlers, der stets als unfehlbare Autorität zwischen den Sterblichen schwebt. »Arzt ohne Gewissen« stellt sich genretechnisch quer, bekleckert zum einen den blütenreinen Kittel der Mediziner mit häßlichen braunen Flecken und läßt überdies den Herzspezialisten Dr. Lund (Ewald Balser, der fünf Jahre zuvor noch den legendären Prof. Sauerbruch als archetypischen Halbgott in Weiß gab) in seinem heroischen Kampf gegen Krankheit und Tod die Grenze von Genie zu Wahnsinn überschreiten. Als Pionier der Transplantationschirugie kennt Lund – dem ein ehemaliger KZ-Arzt (sinister: Wolfgang Kieling) wertvolle Assistenzdienste leistet – kein Pardon für »lebensunwertes Leben« (in diesem Fall das eines (von Karin Baal verkörperten) leichten Mädchens), wenn es um die Rettung einer superioren Existenz (genauer gesagt einer (von Cornell Borchers gespielten) begnadeten Opernsängerin) geht. Falk Harnack erzählt mit sicherem Gespür für die aus Forscherehrgeiz und Gewissenskonflikten entspringenden Spannungs- und Horrormomente. Helmuth Ashleys Fotografie bleibt bei alldem betont sachlich – der gotische Grusel steigt allein aus der moralischen Problematik des Stoffes empor.

R Falk Harnack B Werner P. Zibaso K Helmuth Ashley M Siegfried Franz A Hans Berthel, Robert Stratil S Walter Boos P Ilse Kubaschewski D Ewald Balser, Wolfgang Preiss, Barbara Rütting, Cornell Borchers, Wolfgang Kieling | BRD | 95 min | 1: 1,37 | sw | 4. September 1959

3.9.59

Labyrinth (Rolf Thiele, 1959)

Nadja Tiller als neurotisch-alkoholische Jet-Set-Lyrikerin Georgia Gale, die sich im exklusiven Schweizer Sanatorium von Dr. de Lattre (Amedeo Nazzari) körperlich und seelisch entgiften lassen will. Die ausgebrannt-selbstmitleidige Schnepfe durchläuft das titelgebende Labyrinth der Irrungen und Wirrungen (inklusive einer kurzen Flucht in religiöse Erlösungsphantasien), bis sie der malerische Selbstmord einer depressiven Mitpatientin endlich zur Besinnung bringt. Rolf Thiele visualisiert die gutgenährte Lebensnot und -leere der (nicht nur) bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft mit gewohnt exaltierten Regieeinfällen. Modernistisches l’art pout l’art à l’allemande.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Gregor von Rezzori V Gladys Baker K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon, Peter Röhrig S Anneliese Schönnenbeck P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Peter von Eyck, Amedeo Nazzari, Nicole Badal, Hanne Wieder | BRD & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 3. September 1959

2.9.59

Maigret et l’affaire Saint-Fiacre (Jean Delannoy, 1959)

Maigret kennt kein Erbarmen 

Vierzig Jahre nachdem er seine Heimat (in der Auvergne) verließ, kehrt Maigret zurück auf das Schloß, wo sein Vater einst als Verwalter diente. Die lange schon verwitwete Gräfin de Saint-Fiacre (als Junge war Maigret ein wenig in sie verliebt) hat ihn gerufen, weil sie einen anonymen Brief erhielt, der ihren Tod für den Aschermittwoch verkündet – und tatsächlich stirbt die fromme Dame mit dem Aschenkreuz auf der Stirn während der Heiligen Messe … Maigret hat nicht nur den Heimgang einer alten Flamme zu beklagen (und kriminalistisch zu untersuchen), er sieht (s)ein (jedenfalls gefühlt) besseres Gestern in Scherben liegen: Der Herrensitz wurde leergeplündert, um die Verschwendungssucht des Sohnes (Michel Auclair) zu befriedigen; statt Klasse, Stolz und Tugend walten nur mehr Gier, Zynismus und Herzlosigkeit hinter der vornehmen Fassade. Jean Delannoy taucht »Maigret et l’affaire Saint-Fiacre« in novembrige Stimmung, in erschöpftes Grau, in ländliche Tristesse; Jean Gabin spielt den Kommissar mit leiser Resignation, die peu à peu in einen doppelten Zorn umschlägt: Zorn (und Degout) über die heruntergekommene Provinzgesellschaft, Zorn (und Schmerz) über die zweite Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Jean Prodromidès A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Robert Gascuel D Jean Gabin, Michel Auclair, Robert Hirsch, Valentine Tessier, Paul Frankeur | F & I | 101 min | 1:1,66 | sw | 2. September 1959

20.8.59

Blind Date (Joseph Losey, 1959)

Die tödliche Falle 

»We are having a party / Myself and I.« Fröhlich eilt der arme Schlucker Jan van Rooyer (Hardy Krüger) quer durch London zum Rendezvous mit seiner Geliebten. Als er ihr Apartment betritt, ist die Heißbegehrte noch nicht da. Statt ihrer erscheint die Polizei. Im Nebenzimmer wird die Leiche der Wohnungsbesitzerin gefunden. Jan bricht fassungslos zusammen und steht unter dringendem Verdacht, seine reiche Freundin mit einem Kissen erstickt zu haben … Joseph Loseys ambitionierter Versuch, aus billigem Whodunit-Stoff filmische Haute-Couture zu schneidern, gelingt insofern erstaunlich gut, als er die unlogische Intrige fast vollständig ignoriert, sich stattdessen auf die Charakterisierung der drei Prota­gonisten konzentriert: Jan, zorniger junger Künstler, idealistisch und impulsiv; Jacqueline (Micheline Presle), das Opfer (?), klassische Schönheit, glühend erkaltet an der Seite eines einflußreichen Mannes; Inspector Morgan (Stanley Baker), störrisch-brillanter Kriminalist, gesnobt von seinen gesellschaftlich gutvernetzten Kollegen – ein Holländer, eine Französin, ein Waliser, allesamt und jeder für sich gestrandet in einer fremden Umgebung, auf Grund gelaufen in ihrem Leben, gefangengesetzt in der eigenen Existenz. Losey entwickelt aus diesem Dreieck eine facettenreiche, visuell exakt durchkomponierte Studie der Einsamkeit, die Topographie einer Welt ohne wirkliche Nähe, ohne tiefe Berührung, ohne verstehenden Blick. Nicht von ungefähr ist »Blind (!) Date« ein Film der Spiegel – das reflektierende Glas wird zum bildlichen Ausdruck der gebrochenen Kommunikation zwischen den entzwei geschlagenen Menschen.

R Joseph Losey B Ben Barzman, Millard Lampell V Leigh Howard K Christopher Challis M Richard Rodney Bennett A Harry Pottle S Reginald Mills P David Deutsch D Hardy Krüger, Stanley Baker, Micheline Presle, Gordon Jackson, John Van Eyssen | UK | 95 min | 1:1,66 | sw | 20. August 1959

24.7.59

Die Nackte und der Satan (Victor Trivas, 1959)

»Was ist meine Vergangenheit? Die meines Körpers oder die meines Kopfes?« ¾ Mad-Scientist-Horror-SciFi + ¼ Unterwäsche-Revue, made in Adenauer-Deutschland: Mittels ›Serum Z‹ gelingt es dem genialen Mediziner Prof. Abel (legendär: Michel Simon), einen Hundekopf getrennt vom Körper am Leben zu halten. Kurz darauf muß Abels eigener Kopf mitansehen, wie er von seinem begabten, aber leider völlig verrückten Assistenten Dr. Ood (satanisch: Horst Frank) dem gleichen Experiment unterzogen wird. Außerdem verpflanzt der irre Arzt – mit Erfolg! – den bildschönen Kopf einer buckligen Krankenschwester auf den makellosen Körper einer Stripteasetänzerin aus dem ›Tam-Tam‹ (mehr oder weniger nackt: Christiane Maybach) ... Unter der Ägide des späteren »Schulmädchen«-Reporters Wolf C. Hartwig versammelt Remigrant Victor Trivas nicht nur einen illustren Cast sondern vor allem eine filmhistorisch imposante Crew – Kamera: Georg Krause (»Paths of Glory«) / Bauten: Hermann Warm (»Dr. Caligari«) / Effekte: Theo Nischwitz (»Münchhausen«). Heulen und Zähneklappern wollen sich zwar nicht einstellen, für makabres Amüsement sorgt »Die Nackte und der Satan« aber allemal. Auf die alte Frage, wie weit Wissenschaftler gehen dürfen, gibt der Film im übrigen eine klare, moralisch-fundierte Antwort: bis in die nächste Nachtbar.

R Victor Trivas B Victor Trivas K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Friedel Buckow P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Michel Simon, Paul Dahlke, Karin Kernke, Christiane Maybach | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 24. Juli 1959

23.7.59

Menschen im Netz (Franz Peter Wirth, 1959)

Einer der ganz wenigen Versuche des bundesdeutschen Nachkriegskinos, sich mit der Wirklichkeit des geteilten Landes auseinanderzusetzen. Anders als für das DDR-Filmstudio Defa spielt die Existenz zweier deutscher Staaten mit gegensätzlichen (und gegnerischen) Gesellschaftssystemen für westliche Produzenten jahrzehntelang praktisch keine Rolle. »Menschen im Netz« verarbeitet die Problematik zu einem kolportagehaften Genrestück mit zaghaft veristischen Ansätzen: Nach fünf Jahren Bautzen-Haft wird Klaus Martens (Hansjörg Felmy) vorzeitig entlassen und reist zu seiner Frau Gitta (Johanna von Koczian) nach München. Die Wiedersehensfreude ist groß, doch schon bald fallen Schatten auf das wiedervereinigte Eheglück. Klaus ist mißtrauisch: Wovon bezahlt seine Frau ihre schicke Wohnung? Warum erzählt sie nie von ihrer Arbeit im ›Schreib- und Übersetzungsbüro Fischer‹? Wohin geht sie Abend für Abend wirklich? Die traurige Wahrheit: Um ihren Mann freizubekommen, trat Gitta in den Dienst des ostzonalen Geheimdienstes – eine Kooperation, die tödlich endet … Franz Peter Wirth inszeniert das (auf einem Illustriertenroman basierende) Kriminaldrama straff und unsentimental, mit Blick aufs »Menschliche« und Sinn für stimmige Alltagsimpressionen, jedoch ohne politische Vertiefung und weitgehend beherrscht von gattungstypischen Klischees. Die Ostagenten heißen Olga, Karel, Janosch – und sehen auch so aus. Ihre Treffpunkte sind Hotellobbys, Bumslokale, Lagerhallen. Interessant allerdings, daß die westliche Konkurrenz auch nicht einnehmender ist: Ein gewisser Herr Braun von der Spionageabwehr (Hannes Messemer) fällt stets mit der Tür ins Haus, erklärt sich nicht, stellt ohne Umschweife bohrende Fragen, droht mit bellender Wochenschaustimme Unangenehmes an, wirft, wie seine Gegenspieler, Netze aus, in denen sich Unschuldige verfangen.

R Franz Peter Wirth B Herbert Reinecker V Will Tremper, Erich Kern K Günther Senftleben M Hans-Martin Majewski A Franz Bi S Claus von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Hannes Messemer, Ingeborg Schöner, Olga von Togni | BRD | 96 min | 1:1,66 | sw | 23. Juli 1959

17.7.59

North by Northwest (Alfred Hitchcock, 1959)

Der unsichtbare Dritte

Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«

R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye Ko Harry Kress S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959

1.7.59

Der Rest ist Schweigen (Helmut Käutner, 1959)

Die Bundesrepublik statt Dänemark, Essen statt Helsingør: John H. (!) Claudius (≈ Hamlet = Hardy Krüger) kehrt nach langjähriger Abwesenheit aus amerikanischer Emigration heim (?) ins wirtschaftswunderliche Deutschland, um den 15 Jahre zurückliegenden Tod seines Vaters, eines ehemaligen Reichswirtschaftsführers, zu untersuchen und (nachdem sich das Ableben des Ruhrbarons als heimtückischer Brudermord erwiesen hat) zu rächen – wobei, wie zu erwarten, Unentschlossenheit und Zweifel aufkommen… Helmut Käutner verschiebt das Shakespeare-Stück recht klug in die Villa einer Industriellensippschaft der Nachkriegszeit, deren blutig-intrigante Geschichte durchaus zur Allegorie der versuchten Verdrängung von Schuld und des eitrigen Hervorquellens einer unbewältigten Vergangenheit taugt. Hartes Licht (Kamera: Igor Oberberg), ungemütliche elektronische Klänge (Musik: Bernhard Eichhorn), ein sehenswertes Ensemble – darunter Peter van Eyck, Rudolf Forster und Ingrid Andrée (als erst ent-, dann verrückte Fee ≈ Ophelia) – sowie der flackernde Schein der Hochöfen am nächtlichen Himmel sorgen für eine explosive Atmosphäre, in der unbequeme Wahrheiten über die (verbrecherische) Verstrickung von Politik und Wirtschaft ans Licht gebracht werden; doch vor allem in der zweiten Hälfte des erstaunlich bitteren Films drängelt sich der familiäre Krimiplot vor die gesellschaftliche Tragödie, und ohne die stilistische Brillanz und die erleuchtende Tiefe der dichterischen Sprache des großen englischen Dramatikers entgeht »Der Rest ist Schweigen« nicht ganz dem Schematismus einer Seifenoper.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner V William Shakespeare K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Helmut Käutner, Harald Braun, Wolfgang Staudte D Hardy Krüger, Peter van Eyck, Ingrid Andrée, Adelheid Seeck, Rudolf Forster | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1959

18.6.59

The Nun’s Story (Fred Zinnemann, 1959)

Geschichte einer Nonne

»There is no resting place. Ever.« Brügge, Anfang der 1920er Jahre: Gabrielle van der Mal (Audrey Hepburn), Tochter eines namhaften Arztes, entscheidet sich für das Leben als Nonne, bewegt von der (nicht allzu) stillen Hoffnung, ihr Orden möge sie als Krankenschwester in den Kongo entsenden. Gabrielles angeborener Eigensinn bringt sie vom ersten Tag an immer wieder in Konflikt mit dem strengen Reglement der klösterlichen Gemeinschaft, das Demut und Gehorsam bis hin zur Aufgabe der individuellen Persönlichkeit verlangt. Fred Zinnemann erzählt die Geschichte der Nonne als unsentimentales Gewissensdrama in rigidem Schwarz-Weiß-Grau (Ausstattung: Alexandre Trauner), das vorübergehend durch die vitale Farbigkeit der Tropen befreiend aufgerissen wird, als Abfolge von Prüfungen, deren tieferer (oder höherer) Sinn letzten Endes rätselhaft bleibt. So ist Schwester Lukas’ schließliche Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – insbesondere nach der Begegnung mit dem ausgesprochen diesseitigen Dr. Fortunati (Peter Finch), der ihre religiöse Bestimmung mitmenschlich-kritisch hinterfragt –, nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als mutige Behauptung von Souveränität: »Dear Lord, forgive me, I cannot obey anymore. What I do from now on is between You and me alone.«

R Fred Zinnemann B Robert Anderson V Kathryn Hulme K Franz Planer M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Walter Thompson P Henry Blanke D Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger | USA | 149 min | 1:1,78 | f | 18. Juni 1959

# 1102 | 2. März 2018

10.6.59

Hiroshima, mon amour (Alain Resnais, 1959)

Hiroshima, mon amour

Über das Unsagbare sprechen, das nicht Darstellbare zeigen, das Unmögliche wagen: »Hiroshima, mon amour« – der Ort der totalen Zerstörung und das höchste der Gefühle. Körperteile, in Asche gehüllt, Fleisch, bedeckt mit Schweiß, verschlungene Leiber: Sie (Emmanuelle Riva) ist eine französische Schauspielerin, er (Eiji Okada) ist ein japanischer Architekt. Sie ist nach Hiroshima gekommen, um in einem Film mitzuwirken, in einem Film über den Frieden. Sie hat das Krankenhaus gesehen und das Museum und den Fluß und das Denkmal und den Park und die Kraniche aus Papier. Alain Resnais zeigt alles, was sie gesehen hat, zeigt es in dokumentarischen Bildern. »Tu n’a rien vu à Hiroshima, rien«, sagt er zu ihr. »J’ai tout vu, tout«, sagt sie zu ihm. Sie lieben sich. Es ist der letzte Drehtag. Er fordert sie auf zu bleiben. Bei ihm. In Hiroshima. Sie will nach Hause zurückkehren. Sie ist glücklich verheiratet. So wie er. Marguerite Duras’ Dialoge klingen wie Opernduette, unwirklich-klar, sachlich-pathetisch. Er fragt sie, wo sie war, als in Hiroshima die Bombe fiel. Sie war in Paris, antwortet sie. Sie war glücklich. Weil der Krieg vorbei war. Weil ihr Unglück vorbei war. Ihr Unglück, das war auch und vor allem ihr Glück. Ein deutscher Soldat. Ihre erste Liebe. In ihrer Heimatstadt. In Nevers in Frankreich. Der deutsche Soldat wurde erschossen. Sie wurde geschoren. Sie wurde in einen Keller gesperrt. Weil sie einen Feind geliebt hatte. Sie wurde verrückt. Sie kam wieder zur Vernunft. Als sie ihre Liebe vergessen hatte. In Hiroshima, am Ort der Katastrophe, findet sie ihre erste Liebe wieder, ihr Glück, ihren Schmerz, ihr Leben. »Hi-ro-shi-ma … c’est ton nom«, sagt sie zu ihm. Und er sagt zu ihr: »Ton nom à toi est Nevers. Ne-vers-en-Fran-ce.« Hiroshima. Nevers. Erinnern. Vergessen. Liebe. Tod. Gestern. Heute. Immer. Überall.

R Alain Resnais B Marguerite Duras K Michio Takahashi, Sacha Vierny M Giovanni Fusco, Georges Delerue A Minoru Esaka, Mayo (= Antoine Malliarakis) S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Samy Halfon D Emmanuelle Riva, Eiji Okada, Bernard Fresson | F & JP | 91 min | 1:1,37 | sw | 10. Juni 1959

# 842 | 7. März 2014

12.5.59

Ohayo (Yasujiro Ozu, 1959)

Guten Morgen

Nachbarn und Kinder:
Sie sägen an den Nerven, 

auch wenn sie schweigen.

R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Yuharu Atsuta M Toshiro Mayuzumi A Tatsuo Hamada S Yoshiyasu Hamamura P Shizuo Yamanouchi D Keji Sada, Yoshiko Kuga, Chishu Ryu, Kuniko Miyake, Haruko Sugimura | JP | 94 min | 1:1,37 | f | 12. Mai 1959

4.5.59

Les 400 coups (François Truffaut, 1959)

Sie küßten und sie schlugen ihn 

François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.

R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959