8.2.80

Cruising (William Friedkin, 1980)

Cruising

»I am with someone.« – »Aren’t we all?« William Friedkins in eiskaltes Blau und ledernes Schwarz getauchter Großstadt-Thriller bietet zwar eine Reihe von brutal abgestochenen schwulen Leichen auf, aber mehr als für die Identität des Täters interessiert sich »Cruising« für die Identität des (verdeckten) Ermittlers: Steve Burns (Al Pacino) entdeckt als Undercover-Cop nicht nur eine fremde, seltsame Welt, sondern stößt dort vor allem auf ihm bislang unbekannte Seiten seiner selbst. Während die hochempfindliche Kamera (James Contner) sowie der flimmernd-nächtliche Score (Jack Nitzsche) zu jedem Zeitpunkt das Schlimmste erwarten lassen, verstört die (niemals abschätzige) Inszenierung immer wieder gezielt durch radikale Ellipsen, in denen fünfaktige persönliche Dramen verschwunden sein könnten, und durch unbegreifliche Momente, die keinerlei Erklärung erfahren – wie zum Beispiel der Deus-ex-machina-Auftritt eines muskelbepackten, Cowboyhut, Jockstrap und Stiefel tragenden Schwarzen, der beim Verhör auf dem Polizeirevier schallende Ohrfeigen verabfolgt. Wenn Steve am Ende der Erzählung sich selbst – und damit dem Zuschauer – via Spiegel in die Augen schaut, scheint er weniger zu fragen, wer er (geworden) ist, als vielmehr die – vielleicht unbequeme, vielleicht befreiende – Antwort zu kennen. Seine Freundin (Karen Allen) probiert unterdessen die Ledermütze auf … »Who’s here? I’m here. You’re here.«

R William Friedkin B William Friedkin V Gerald Walker K James Contner M Jack Nitzsche A Bruce Weintraub Ko Robert De Mora S Bud Smith P Jerry Weintraub D Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox, Don Scardino | USA & BRD | 102 min | 1:1,85 | f | 8. Februar 1980

6.2.80

On a volé la cuisse de Jupiter (Philippe de Broca, 1980)

Wer hat den Schenkel von Jupiter geklaut?

»Quel voyage de noces!« Le retour du »Tendre poulet«: Nachdem sie noch schnell ein paar Drogendealer hopsgenommen hat, eilt Kommissarin Tanquerelle aufs Rathaus, um ihren geliebten Professor Lemercier zu ehelichen. Gleich nach dem Jawort reisen Lise (Annie Girardot) und Antoine (Philippe Noiret) in die Flitterwochen nach Griechenland, wo sie – zusammen mit einem anderen französischen Paar – unversehens in einen Fall von mörderischem Kunstraub und internationalem Antikenschmuggel verwickelt werden. Statt über dem (nicht mehr ganz so) jungen Glück den ägäischen Honigmond scheinen zu lassen, schickt Philippe de Broca seine Protagonisten in halsbrecherischem Schweinsgalopp durch ein bald postkartenidyllisches, bald gefahrenträchtiges Klischeehellas voller klassischer Altertümer und sirtakidurchklungener Landschaften, malerischer Sonnenuntergänge und begriffsstutziger Beamter. Ein mediterranes Divertimento ohne störenden Tiefsinn.

R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca K Jean-Paul Schwartz M Georges Hatzinassios A Mikes Karapiperis Ko Catherine Leterrier S Henri Lanoë P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Francis Perrin, Marc Dudicourt | F | 100 min | 1:1,66 | f | 6. Februar 1980

# 1002 | 15. Mai 2016

1.2.80

American Gigolo (Paul Schrader, 1980)

Ein Mann für gewisse Stunden

»Emotions come, I don't know why.« Paul Schrader präsentiert in überaus geschmackvollen Bildern, erzählerisch aber relativ mitleidlos die thrillereske Höllenfahrt eines schönen, eitlen, dummen Mannes, des professionellen Frauenbeglückers Julian Kay (für die Rolle geboren: Richard Gere). Etwas gemildert wird die Fallhöhe allein dadurch, daß Los Angeles, der Ort, an dem dieser Pfau seine Federn spreizt, selbst wie ein Kreis der Hölle wirkt. Gerettet (jedenfalls emotional) wird der tief (auf sich selbst zurück-)gefallene Engel des Hochmuts durch die (echte) Liebe einer (verheirateten) Frau (mit sexy Zahnlücke: Lauren Hutton). Was durch Look (John Bailey), Outfits (Giorgio Armani) und (freundlich gesagt) Musik (Giorgio Moroder) ganz dem Geist (?) seiner Zeit verhaftet scheint, erhält durch Schraders präzisen, gleichwohl transzendentalen Style überraschend gül­tige, dem flüchtigen Moment enthobene Bedeutung. PS: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« (Nichts.)

R Paul Schrader B Paul Schrader K John Bailey M Giorgio Moroder A Edward Richardson Ko Giorgio Armani, Alice Rush S Richard Halsey P Jerry Bruckheimer D Richard Gere, Lauren Hutton, Hector Elizondo, Nina Van Pallandt, Bill Duke | USA | 117 min | 1:1,85 | f | 1. Februar 1980

17.1.80

Solo Sunny (Konrad Wolf, 1980)

»Blue – the dawn is growing blue. / A dream is coming true / when you will come away / some sweet day.« Sunny (fulminant-verletzlich: Renate Krößner) hat ihre Stelle in einem volkseigenen Betrieb gekündigt, um als Frontfrau einer (durchaus mittelmäßigen) Musikcombo kreuz und quer durch die Tristesse der ostdeutschen Provinz zu tingeln und im Rahmen eines »kleinen Programms von ausgewogener Qualität« die Arbeitermacht zu unterhalten. Auf dem Weg vom Wir zum Ich bleibt der (in jeder Beziehung) leidenschaftlichen Sängerin (»Ich nenne einen Eckenpinkler einen Eckenpinkler.«) nicht viel erspart. Der Humor des Films ist so trocken wie ein Hansa-Keks, und der real-existierende Alltag der bleiernen Honecker-Jahre wird von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase (Regie und Buch) mit freundlicher Härte abgeschildert. Zum Beispiel so: Sunny erwacht morgens in ihrer Wohnung neben irgendeinem Kerl, steht auf, sagt zu ihm, der sich erwartungsvoll räkelt: »Is’ ohne Frühstück.« Der Kerl will protestieren. Sunny legt nach: »Is’ auch ohne Diskussion.« Oder so: Sunnys ungetreuer Liebhaber (Alexander Lang als Diplom-Philosoph Ralph) findet im Bett ein Messer. Das Messer, mit dem sie ihn umbringen wollte. »Und warum«, fragt er entsetzt, »hast du es nicht gemacht?« – »Ich bin eingeschlafen.« Eine anrührende Geschichte vom Hinfallen und Aufstehen, von großer Erwartung und tiefer Enttäuschung, von beschwerlichen Umständen und vom schwierigen Glauben an sich selbst; einer der schönsten, aufrichtigsten und – bei aller Problematik – optimistischsten deutschen Filme überhaupt. Is’ auch ohne Diskussion. PS: »›She’s Sunny‹ they will say / someday.«

R Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase B Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf K Eberhard Geick M Günther Fischer A Alfred Hirschmeier Ko Rita Bieler S Evelyn Carow P Herbert Ehler D Renate Krößner, Alexander Lang, Heide Kipp, Dieter Montag, Klaus Brasch | DDR | 104 min | 1:1,66 | f | 17. Januar 1980

20.12.79

All That Jazz (Bob Fosse, 1979)

Hinter dem Rampenlicht

»It’s showtime, folks!« Egomaner Workaholic, unersättlicher Schürzenjäger, ketterauchender Amphetamin-Junkie, perfektionistischer Alleskönner (und -woller) – Joe Gideon (Roy Scheider als Bob-Fosse-Substitut), als Regisseur am Broadway so erfolgreich wie in Hollywood, emotional hin- und hergerissen zwischen Exfrau und Freundin, Betthäschen und Tochter, probt seine neue Bühnenshow, während er seinen zuletzt abgedrehten Film ein ums andere Mal umschneidet ... und in den Kulissen seines Lebens schon ein lächelnder Todesengel (Jessica Lange) auf ihn wartet. »Sometimes I don’t know where the bullshit ends and the truth begins.« Fosse knallt eine radikal narzißtische, um nicht zu sagen: eine einmalig eitle Selbstbespiegelung in der Tradition von Federico Fellinis »8 ½ « auf die Leinwand – und durch seine traumwandlerisch sichere Beherrschung der erzählerischen und formalen Mittel schlägt der im Übermaß versprühte Flitter dieses autobiographischen Backstage-Musicals in fröhliche, traurige, glamouröse, herzergreifende Wahrheit (und atemberaubende Filmkunst) um. Das Porträt des Künstlers als sterbender Mann gipfelt –konsequent makaber – in einer fulminanten Abschiedsnummer (»Bye-bye, my life, goodbye!«), die unmißverständlich klarmacht: There’s no people like show people.

R Bob Fosse B Bob Fosse, Robert Alan Aurthur K Giuseppe Rotunno M Ralph Burns A Philip Rosenberg S Alan Heim P Robert Alan Aurthur D Roy Scheider, Jessica Lange, Leland Palmer, Ann Reinking, Ben Vereen | USA | 123 min | 1:1,85 | f | 20. Dezember 1979

19.12.79

I… comme Icare (Henri Verneuil, 1979)

I wie Ikarus

Auf dem Weg zur Vereidigung für die zweite Amtszeit wird der Präsident eines westlichen Landes erschossen, am hellichten Tag, im offenen Wagen. Kurz darauf finden Polizisten den vermeintlichen Todesschützen mit einer Kugel im Kopf. Nach einem Jahr erklärt die offizielle Untersuchungskommission, ein psychopathischer Einzeltäter habe zuerst den Präsidenten und danach sich selbst getötet. Ein Mitglied des Gremiums, Staatsanwalt Henri Volnay (Yves Montand), ist nicht überzeugt und ermittelt weiter … Trotz der sonderbaren Prämisse des Films – warum beginnt der rechtschaffene Staatsanwalt seine Nachforschungen erst nach Abschluß der eigentlichen Untersuchung? – gelingt Henri Verneuil ein packender, wenn auch partiell etwas schulmäßiger Paranoia-Thriller über das Verhältnis von Autorität und Gehorsam und die Heraufkunft postdemokratischer Verhältnisse. Deutlich inspiriert von den Umständen des Mordes an John F. Kennedy, leuchtet »I… comme Icare« hinter die Kulisse der verfassungsmäßigen Ordnung, wo Geheimdienste und Sicherheitskräfte einen mafiotisch organisierten Staat im Staate errichten, der sich jeder gesetzlichen Kontrolle entzieht. Wer dieser Wahrheit zu nahe kommt, so Verneuil, muß sterben, wie Ikarus, der zu dicht an die Sonne flog.

R Henri Verneuil B Henri Verneuil, Didier Decoin K Jean-Louis Picavet M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Henri Lanoë P Henri Verneuil D Yves Montand, Pierre Vernier, Jean Négroni, Jacques Seyres, Didier Sauvegrain | F | 126 min | 1:1,66 | f | 19. Dezember 1979

# 838 | 21. Februar 2014

22.11.79

Die Hamburger Krankheit (Peter Fleischmann, 1979)

»Man muß die Abenteuer in seinem eigenen Land bestehen, auch wenn es manchmal nur kleine, graue Abenteuer sind.« Von Hamburg aus tritt eine geheimnisvolle Krankheit ihren tödlichen Siegeszug durch die Republik an: Menschen sterben wie die Fliegen, vor dem Exitus krümmen sie sich zusammen wie Embryos im Mutterleib. Die Medizin ist ratlos, die Politik errichtet ein autoritäres Gesundheitsregime mit Massenquarantänen und zwangsweisen Breitbandimpfungen. Einem bunt zusammengewürfelten Haufen – junge Naive, geschäftstüchtiger Würstchenbrater, seriöser Wissenschaftler, boshafter Krüppel (¡Fernando Arrabal!) – gelingt die Flucht. Wohin? Ganz egal. Nur weg. Peter Fleischmann folgt dieser sonderbaren Schar, die sich im Verlauf des zunehmend konfusen Geschehens immer wieder neu formiert, auf dem Weg durch die Schneise des zivilisatorischen Zerfalls, den die Epidemie hinterläßt. Auch wenn »Die Hamburger Krankheit« einige Motive aufgreift, die in Erzählungen über die großen Seuchen stets eine Rolle spielen – gemeine Beutelschneiderei, verzweifete Lustigkeit, verquaste Spiritualität –, richtet sich das künstlerische Augenmerk weniger auf sozialkritische Analyse oder gar moralische Bewertung sondern vielmehr auf das Entwickeln einer speziellen Form von filmischem Aktionismus, auf die genüßliche Dekonstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit (durch deren Trümmer unter anderem Peter von Zahn, Rainer Langhans, Romy Haag und Evelyn Künneke irrlichtern). Den adäquat deplazierten Synthie-Sound zu dieser seltsamen Borderline-Satire liefert Jean-Michel Jarre.

R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Otto Jägersberg, Roland Topor K Colin Mounier M Jean Michel Jarre S Susan Zinowsky P Peter Fleischmann D Helmut Griem, Carline Seiser, Ulrich Wildgruber, Fernando Arrabal, Rainer Langhans | BRD & F | 118 min | 1:1,66 | f | 22. November 1979

27.10.79

Der Willi-Busch-Report (Niklaus Schilling, 1979)

»Mädchen, 5, sagt Wiedervereinigung voraus! Wie verhält sich Bonn?« Was der Antike die Säulen des Herakles waren, bedeutet zu Zeiten des Kalten Krieges der Eiserne Vorhang: non plus ultra … Friedheim ist ein Nest an der innerdeutschen Grenze; die ›Werra-Post‹ ist ein Provinzblättchen, dessen Verlaufszahlen seit Jahrzehnten rückläufig sind. Willi Busch (Tilo Prückner) und seine Schwester Adelheid betreiben die ererbte ›Werra-Post‹ im abgeschiedenen Friedheim mit dem liebenswert-vernagelten Eigensinn echter Hinterwäldler. Weil im Nichts der welthistorischen Peripherie nichts passiert, erfindet Lokalreporter Willi (»Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann!«) zur Steigerung der Auflage kurzerhand packende Neuigkeiten: einen mysteriösen Telefonzellenvandalen, ein politisches Verkündigungswunder, die mörderischen Aktivitäten eines Agentenrings. Die journalistische Imagination wird schließlich von der Wirklichkeit ein- und überholt: Das Leben ahmt nicht nur die Kunst nach sondern auch die Sensationspresse … In Niklaus Schillings schizophrener Heimat-Humoreske knattert (oder fliegt?) der rasende Berichterstatter in einem Messerschmitt Kabinenroller durch das Zonenrandgebiet; dem besessenen Nachrichtenjäger folgt, gleichsam schwerelos, das erste Steadicam-Equipment der Kinogeschichte (Kamera: Wolfgang Dickmann). Die ins Surreal-Hysterische kippende Borderline-Story verquickt Liebe und Spionage, Geschichte und Geschichten, Schöpfergeist und Wahnsinn; am Ende der mehr und mehr zerflatternden Schose steigen Wahrlügner Willi die selbsterdachten Nachrichten derart zu Kopfe, daß er nach einem schweren Anfall von Grenzkoller abtransportiert werden muß: »Na, jetzt hat er seine Ruh! / Ratsch! Man zieht den Vorhang zu.«

R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Wolfgang Dickmann M Patchwork A Christa Molitor S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Tilo Prückner, Dorothea Moritz, Kornelia Boje, Hannes Kaetner, Klaus Hoser | BRD | 103 min | 1:1,85 | f | 27. Oktober 1979

# 775 | 21. September 2013  

29.6.79

Bloodline (Terence Young, 1979)

Blutspur

Nach dem Mord an ihrem Vater sieht sich die Erbin eines Schweizer Pharmakonzerns tödlichen Nachstellungen aus der geldgeilen Verwandtschaft ausgesetzt; alle sind verdächtig, denn jeder hat triftigen Grund, das traditionsreiche Familienunternehmen an der Börse in Cash zu verwandeln … Die Panik in den Augen von Audrey Hepburn ist vermutlich nicht der Höllenangst der von ihr gespielten Elizabeth Roffe geschuldet sondern dem blanken Entsetzen über das hirnverbrannte Unterfangen, auf das sie sich eingelassen hat, als sie die (Haupt-)Rolle in diesem Film annahm. »Bloodline«, eine konfuse amerikanisch-bundesdeutsche Coproduktion mit apathischem All-Star-Cast, geht bei aller handwerklichen Stümperhaftigkeit und erzählerischen Idiotie leider nicht als guilty pleasure durch: Auch wenn Gert Fröbe als Kommissar neckische Zwiesprache mit einem Ermittlungscomputer hält oder, in einer völlig unerklärlichen Parallelhandlung, ein Frauenkiller seine Taten snuff-cinéastisch auswertet, versandet in diesem Fall das heimliche Vergnügen, das manch andere filmische Entartung mit sich bringt, in hochgestochener Langeweile und in der Erschütterung, Profis wie Terence Young, Ennio Morricone, Freddie Young und Schauspiellegenden wie Romy Schneider, James Mason, Maurice Ronet so tief sinken zu sehen.

R Terence Young B Laird Koenig V Sidney Sheldon K Freddie Young M Ennio Morricone A Ted Haworth S Bud Molin P Sidney Beckermann, David V. Picker D Audrey Hepburn, Ben Gazarra, James Mason, Omar Sharif, Gert Fröbe | USA & BRD | 116 min | 1:1,66 | f | 29. Juni 1979

26.6.79

Moonraker (Lewis Gilbert, 1979)

James Bond 007 – Moonraker – Streng geheim

James Bonds unheimliche Begegnungen der vierten Art – und quasi eine Spiegelung des Vorgängers »The Spy Who Loved Me«: oben statt unten, Kosmos statt Tiefsee. 007s Widersacher Sir Hugo Drax (ominös: Michael Lonsdale) plant die Auslöschung der Menschheit (immerhin 4,4 Milliarden) und die Züchtung einer perfekten Herren-(und Damen-)Rasse im keimfreien Orbit. Übermensch Bond (mit jeder Faser in seiner Rolle: Roger Moore) kann dies natürlich nicht dulden. Das Drehbuch (Christopher Wood) ist angemessen schwerelos und bar jeder Dreingabe von störendem Realismus, die surreal-elegante Verknüpfung von französischem Barock und Space-Shuttle-Futurismus, von venezianischer Noblesse und brasilianischer Sinnlichkeit schafft einen fantastisch-grenzenlosen Welt-Raum, ergo ein angemessenes Spiel-Feld für den legendären Agenten Ihrer Majestät. Im gleichen Maße, wie allen Beteiligten nach und nach sämtliche Sicherungen durchknallen, entwickelt sich »Moonraker« zu einem stratosphärischen Höhepunkt der unsterblichen Filmreihe. Sonstige Bond-Spezifika: letzte Einsätze von Bernard Lee (›M‹), Ken Adam (Bauten), Shirley Bassey (Stimme) und Lewis Gilbert (Regie) – somit auch das Ende einer Ära. 

R
Lewis Gilbert B Christopher Wood V Ian Fleming K Jean Tournier M John Barry A Ken Adam S John Glen P Albert R. Broccoli D Roger Moore, Lois Chiles, Michael Lonsdale, Richard Kiel, Bernard Lee | UK & F | 126 min | 1:2,35 | f | 26. Juni 1979

13.5.79

Die dritte Generation (Rainer Werner Fassbinder, 1979)

»Ich hatte neulich einen Traum, da hat das Kapital den Terrorismus erfunden, um den Staat zu zwingen, es besser zu schützen. Ist sehr komisch, nicht?« Terror als einzig verbliebenes Abenteuer, (Selbst-)Auslöschung als letztmögliche Lebensäußerung; mit anderen Worten: Furcht als Chance, Schrecken als Weg. Parole: »Die Welt als Wille und Vorstellung.« Kino als politische Seifenoper: Rainer Werner Fassbinder schickt den trüben Rest des ausgebrannten (Westberliner) Bürgertums (Baer, Carstensen, Kaufmann, Kier, Ogier, Schygulla) auf die finale Mission – aber die Revolution ist nur noch eine leere Pose, die Wahrheit ist eine nicht allzu schöne Lüge, und der Tod ist kein Wunschkonzert; will sagen: Widerstand ist lediglich eine Variable in der Gleichung, die das herrschende System (hier verkörpert von Hark Bohm und Eddie Constantine) beschreibt. PS: »Am Ende braucht man, was man früher zum Kotzen fand.«

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Rainer Werner Fassbinder M Peer Raben A Raúl Gimenez S Juliane Lorenz P Rainer Werner Fassbinder D Hanna Schygulla, Eddie Constantine, Volker Spengler, Udo Kier, Bulle Ogier | BRD | 110 min | 1:1,37 | f | 13. Mai 1979

25.4.79

Série noire (Alain Corneau, 1979)

»Nous serons, toi et moi, les plus riches du monde.« Eine schlammige Brachfläche, irgendwo in der Pariser Banlieue, im Hintergrund Kräne und seelenlose Wohnblocks. Ein junger Mann im Trenchcoat steigt aus seinem Simca und improvisiert unter regenschwerem Himmel eine sonderbare Choreographie, spielt mit sich selbst Räuber und Gendarm, mimt zu den Klängen von Duke Ellingtons »Moonlight Fiesta« einen leidenschaftlichen Musiker, einen mondänen Tänzer, einen galanten Liebhaber. Der Prolog des Films gibt einen Vorgeschmack auf die Rollenspiele, die Franck Poupart, genannt »Poupée« (frenetisch: Patrick Dewaere), im Laufe der folgenden schmutzig-bizarren Geschichte darbieten wird. Franck ist ein Mann am Rand: am Rand der Stadt, am Rand der Gesellschaft, am Rand des Nervenzusammenbruchs; unterwegs als Handelsvertreter des Kaufmanns Staplin (aasig: Bernard Blier), gefangen in einer heruntergekommenen Ehe, trifft er eines Tages auf Mona (somnambul: Marie Trintignant), eine Halbwüchsige, die von ihrer schmierigen (und überraschend begüterten) Tante als Prostituierte gehalten wird – die ebenso lebhafte wie klägliche, zwischen Ekel und Ekstase schwankende Beziehung der beiden führt fast unweigerlich zu (Raub-)Mord und Totschlag ... Alain Corneau inszeniert Georges Perecs freie Adaption des Jim-Thompson-Romans »A Hell of a Woman« als pechschwarze Komödie, als hysterische Genreparodie, als galgenhumorige soziologische Betrachtung, als bis zur Kenntlichkeit verzerrtes Zeitbild voller Gewalt und Niedertracht. Aus Transistorradios plärren fröhliche Schlager und beschwingte Chansons von Boney M. und Gérard Lenorman, von Dalida und Sacha Distel, während Francks kaputte Welt restlos in Stücke fällt. Immerhin scheint im Totalverlust so etwas wie eine letzte Hoffnung auf: »On a plus rien à craindre, maintenant.«

R Alain Corneau B Georges Perec, Alain Corneau V Jim Thompson K Pierre-William Glenn M diverse S Thierry Derocles P Maurice Bernart D Patrick Dewaere, Marie Trintignant, Bernard Blier, Myriam Boyer, Andreas Katsulas | F | 111 min | 1:1,66 | f | 25. April 1979

# 1060 | 22. Juni 2017

Manhattan (Woody Allen, 1979)

Manhattan

»He was as tough and romantic as the city he loved. Behind his black-rimmed glasses was the coiled sexual power of a jungle cat. New York was his town, and it always would be.« Der Film eines großen Könners im Einklang mit seiner Zeit – und seiner Stadt: eine messerscharfe Analyse der Lebens-, Liebes- und Leidenswelt urbaner Intellektueller in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, umgesetzt in brillant-abgründige Komik. Alles stimmt: Drehbuch (Dialoge: geschliffen / Konstruktion: vorbildlich), Photographie (Gordon Willis: ein Gott des Schwarzweiß), Darsteller (Allen, Michael Murphy, Meryl Streep: umwerfend / Diane Keaton, Mariel Hemingway: nie zuvor, nie danach so gut), Inszenierung. Woody Allen zeigt nichts anderes als Leute, die gehen, sitzen, stehen, essen, fernsehen, Auto fahren, lieben, leiden, reden – vor allem reden; aber wie er das tut … »Why is life worth living?« Wegen Filmen wie »Manhattan« zum Beispiel. PS: »I think people should mate for life, like pigeons or Catholics.«

R Woody Allen B Woody Allen, Marshall Brickman K Gordon Willis M diverse A Mel Bourne S Susan E. Morse P Jack Rollins, Charles H. Joffe D Woody Allen, Diane Keaton, Michael Murphy, Mariel Hemingway, Meryl Streep | USA | 96 min | 1:2,35 | sw | 25. April 1979

23.2.79

Kassbach – Ein Portrait (Peter Patzak, 1979)

Walter Kohut als Wiener Greißler Karl Kassbach, dem sklavische Gier auf weibliches Fleisch und schwelende Wut auf alles, was gedanklich jenseits seines Horizonts liegt, aus sämtlichen Poren dampft. Mit kämpferischen Kameraden gründet der zum Äußersten entschlossene Kleinbürger die »Initiative«, eine kryptofaschistische Vereinigung, die den Tschuschen, den Sozen, den Gammlern, kurz: dem ganzen Gesindel den Garaus machen will. Peter Patzak und Helmut Zenker entwerfen ein grimmig-sarkastisches Sittenbild zwischen Ordnung und Amok, Ohnmacht und Übergriff, Gemütlichkeit und Terror; sie porträtieren Kassbach als sozialen Prototypen in charakteristischen Situationen: mit frustrierter Ehefrau und widerständigem Sohn, mit klatschsüchtigen Kunden und ideologischen Gefährten, im stickigen Zuhause, im schäbigen Geschäft, im trüben Vereinszimmer, beim Sex mit wahllosen Lustobjekten, beim massenhaften Abschuß von Meerschweinchen, bei der finalen Attacke auf den Feind. Eingestreute Statements von Angehörigen und Bekannten, Einschätzungen von Experten zur Person des Protagonisten sowie direkte Aussagen der Hauptfigur (»Erbsen mit Speck kennt i essen bis zur Vergasung.«) schaffen gleichermaßen kalte Distanz und peinliche Nähe: Kassbach ist ein Randphänomen, Kassbach ist mitten unter uns.

R Peter Patzak B Peter Patzak, Helmut Zenker V Helmut Zenker K Dietrich Lohmann M Peter Zwetkoff A Elisabeth Klobassa S Traudl Gruber P Peter Patzak D Walter Kohut, Immy Schell, Konrad Becker, Hanno Pöschl, Erni Mangold | A | 110 min | 1:1,66 | f | 23. Februar 1979

20.2.79

Die Ehe der Maria Braun (Rainer Werner Fassbinder, 1979)

»Ich mache die Wunder lieber, als daß ich auf sie warte.« Ein Zeitbild, ein Entwicklungsroman, eine Dreiecksgeschichte, ein »women’s picture«. Es ist Krieg, als Maria und Hermann Braun heiraten. Bomben fallen, das Standesamt fliegt in die Luft. Die Ehe dauert einen halben Tag und eine ganze Nacht, dann hört sie auf und geht doch immer weiter: durch Zusammenbruch und Nachkrieg, Besatzung und Wiederaufbau. Hermann (Klaus Löwitsch) gilt für tot, taucht unerwartet auf, geht für Maria (Hanna Schygulla) ins Gefängnis, verschwindet, kommt zurück. Ein Wechselbad von Verschollensein und Heimkehr, Verlust und Wiederfinden: »Es ist keine gute Zeit für Gefühle.« Derweil macht Maria Karriere, wird die wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte des Unternehmers Oswald (Ivan Desny), schuftet wie eine Besessene, schafft Geld heran, für später: »Mit dem Leben fangen wir an, wenn wir wieder zusammen sind«, sagt sie zu Hermann. Rainer Werner Fassbinder präsentiert Maria als Bahnbrecherin und Produkt ihrer Zeit, unabhängig und ausgeliefert, weitsichtig und blind. Sie spricht von Liebe und denkt an Besitz, sie trennt Emotion von Geschäft und vermischt Glück mit Interessen: eine »Meisterin der Verstellung«, der das Rollenspiel zur Natur wird, eine »Mata Hari des Wirtschaftswunders«, die sich vor allem selbst verrät. »Ich hab mich gemacht«, behauptet Maria stolz von sich, ohne zu ahnen, daß sie das Objekt eines Handels ist. Fassbinder zeigt, mokant und bekümmert, gefühlvoll und gallig, die Gründungsjahre der Bundesrepublik, mit ihren Menschen, die immer kälter, immer dicker, einander immer fremder werden: Bewohner eines Landes, das Wahnsinn heißt. Die komplexe Tonspur bettet die Dialoge in zeitgenössische Musik, ins Knattern der Preßlufthämmer, in bedeutungsvolle historische Tondokumente: Suchmeldungen des Rundfunks, widersprüchliche Kanzlerreden, euphorische Reportagen: »Aus! Aus! Aus! Deutschland ist Weltmeister!«

R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich K Michael Ballhaus M Peer Raben A Norbert Scherer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Michael Fengler D Hanna Schygulla, Ivan Desny, Klaus Löwitsch, Gisela Uhlen, Elisabeth Trissenaar, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,85 | f | 20. Februar 1979

# 893 | 5. Juli 2014