Eine sentimentale Komödie über Etikette und Skandal, über Malerei und Diplomatie, über Zauber und Wunder: Ein berühmter Künstler langweilt sich im Ballett, skizziert das Gesicht einer Unbekannten in der Nachbarloge, plaziert den Kopf später im Atelier auf einen hüllenlosen Körper; die unwissentlich Porträtierte ist die Frau eines Botschaftsattachés, und als das Aktgemälde anläßlich einer Wohltätigkeitsgala versteigert wird, kommt es zum gesellschaftlichen Eklat … »Selbst wenn ich für das Bild Modell gestanden hätte, wäre das denn so schlimm?« protestiert das ohnmächtige Opfer der Umstände, die aparte Nicole (Ruth Leuwerik), die früher als Chansonette Kolibri in einem Pariser Nachtclub auftrat (»Ich lag wie jede Nacht an deiner Seite, / doch ich war nicht in deinem Traum.«), die auch schon mal ein Glas Champagner zu viel trinkt, die das ganze sittliche Getue für »finstertes Mittelalter« hält. Nicoles rechtschaffen-bigotter Ehemann (Erich Schellow) kapituliert vor der Problematik der delikaten Situation, den verantwortlichen Nacktmaler (mit keckem Artistenbärtchen: O. W. Fischer) treibt zunächst das schlechte Gewissen, dann die wahre Liebe … Mit dem sogenannten richtigen Leben hat Helmut Käutners Film so viel zu tun wie Außenpolitik mit dem Weltfrieden, seine ironische Romanze ist ein köstlich falscher, beschwingt um sich selbst kreisender Kinotraum, ein irreales Licht- und Schattenspiel (Kamera: Werner Krien) in scheinbar realen Kulissen, eine kompromißlos weltferne Erzählung, so märchenhaft wie Schnee im August: »Der Tag war silberblau, / und uns zur Seite / ging wie ein Schattenbild das Glück.«
R Helmut Käutner B Hans Jacoby, Helmut Käutner K Werner Krien M Franz Grothe A Ludwig Reiber S Anneliese Schönnenbeck P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, O. W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Albrecht Schoenhals | BRD | 108 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1954
# 874 | 4. Juni 2014
27.8.54
Alarm im Zirkus (Gerhard Klein, 1954)
Ost-westliche Räuberpistole mit viel neorealistisch inspiriertem Berlin-Grau und noch mehr Werbung (vulgo: Propaganda) für die roten Sieger der Geschichte. Klaus und Max, zwei Jungs aus einfachen Verhältnissen, leben im amerikanischen Sektor und träumen vom Erfolg im Boxring – welche andere Zukunft böte der Kapitalismus seinen verlorenen Kindern? Die beiden werden in die üblen Machenschaften von Herrn Klott (Erwin Geschonneck) verwickelt, der nicht nur Klaus’ kleine, vaterlose Familie wegen Mietrückstands aus der düsteren Hinterhofwohnung setzen will, sondern auch einen gemeinen Pferdediebstahl plant: Stolze sozialistische Zirkusrösser sollen über die Grenze in eine Wildwest-Cowboy-Show verschleppt werden! Der Kalte Krieg hat die Stadt und den Film fest im Griff – dennoch setzen Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase (Buch) ihre intime Milljöh-Kenntnis und ihre tiefe Liebe zum (geteilten) Ort des Geschehens in lebendige Detailskizzen um. PS: Das Gute siegt nach Verfolgungsjagd über nachtglänzendes Pflaster und Schußwechsel in dramatisch beleuchteten Ruinen – um den jugendlichen Helden das Versprechen auf ein glückliches Morgen zu geben.
R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Hans Kubisch K Werner Bergmann M Günter Klück A Willy Schiller S Ursula Kahlbaum P Paul Ramacher D Hans Winter, Ernst-Georg Schwill, Erwin Geschonneck, Uwe-Jens Pape, Ulrich Thein | DDR | 83 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1954
R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Hans Kubisch K Werner Bergmann M Günter Klück A Willy Schiller S Ursula Kahlbaum P Paul Ramacher D Hans Winter, Ernst-Georg Schwill, Erwin Geschonneck, Uwe-Jens Pape, Ulrich Thein | DDR | 83 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1954
15.8.54
L'air de Paris (Marcel Carné, 1954)
Die Luft von Paris
Anderthalb Jahrzehnte nach »Le jour se lève« bringt Marcel Carné das Traumpaar des poetischen Realismus noch einmal zusammen: Jean Gabin und Arletty (»C’est peut-être pas la première fraîcheur«, wie sie bei einem gemeinsamen Blick in den Spiegel feststellt, »mais malgré tout c’est pas si mal.«) als mäßig erfolgreicher Boxtrainer Victor Le Garrec und dessen resignierte Ehefrau Blanche. Die Erzählung entwickelt sich nicht mehr ganz so poetisch wie einst und etwas weniger realistisch, der Ton klingt eine Spur trockener als früher, und die Fabel wirkt ein bißchen konstruierter: Der angegraute Coach trifft auf einen vielversprechenden jungen Mann (Roland Lesaffre), für den er ein starkes (nicht nur) professionelles Interesse entwickelt; seine Gattin sieht es erst mit spöttischem Verdruß, läßt dann ihrer (durchaus verständlichen) Eifersucht freien Lauf; der attraktive Nachwuchsboxer verliebt sich in eine feine Dame (Marie Daëms), steht somit vor der Entscheidung zwischen sportlicher Zukunft und Frau des Lebens … Immerhin nutzt Carné die im emotionalen Karree springende, kolportagehafte Story von »L’air (= ›die Luft‹, aber auch: ›das Aussehen‹ oder: ›die Melodie‹) de Paris« als Aufhänger für sorgfältige Milieuschilderungen – die Kamera (Roger Hubert) erkundet die kleinbürgerliche Enge hinter dem boulevard de Grenelle und die kalte Pracht auf der Île Saint-Louis, die tristen Massenquartiere der Nordafrikaner und die metropolitane Geschäftigkeit von Les Halles – sowie für die akkurate, sachlich-ironische Beschreibung einer in die Jahre gekommenen Ehe. PS: »L’amitié, c’est comme l’amour, c’est bien souvent à sens unique …«
R Marcel Carné B Marcel Carné, Jacques Sigurd V Jacques Viot K Roger Hubert M Maurice Thiriet A Paul Bertrand S Henri Rust P Robert Dorfmann, Cino Del Duca D Jean Gabin, Arletty, Roland Lesaffre, Marie Daëms, Maria Pia Casilio | F & I | 110 min | 1:1,37 | sw | 15. August 1954
Anderthalb Jahrzehnte nach »Le jour se lève« bringt Marcel Carné das Traumpaar des poetischen Realismus noch einmal zusammen: Jean Gabin und Arletty (»C’est peut-être pas la première fraîcheur«, wie sie bei einem gemeinsamen Blick in den Spiegel feststellt, »mais malgré tout c’est pas si mal.«) als mäßig erfolgreicher Boxtrainer Victor Le Garrec und dessen resignierte Ehefrau Blanche. Die Erzählung entwickelt sich nicht mehr ganz so poetisch wie einst und etwas weniger realistisch, der Ton klingt eine Spur trockener als früher, und die Fabel wirkt ein bißchen konstruierter: Der angegraute Coach trifft auf einen vielversprechenden jungen Mann (Roland Lesaffre), für den er ein starkes (nicht nur) professionelles Interesse entwickelt; seine Gattin sieht es erst mit spöttischem Verdruß, läßt dann ihrer (durchaus verständlichen) Eifersucht freien Lauf; der attraktive Nachwuchsboxer verliebt sich in eine feine Dame (Marie Daëms), steht somit vor der Entscheidung zwischen sportlicher Zukunft und Frau des Lebens … Immerhin nutzt Carné die im emotionalen Karree springende, kolportagehafte Story von »L’air (= ›die Luft‹, aber auch: ›das Aussehen‹ oder: ›die Melodie‹) de Paris« als Aufhänger für sorgfältige Milieuschilderungen – die Kamera (Roger Hubert) erkundet die kleinbürgerliche Enge hinter dem boulevard de Grenelle und die kalte Pracht auf der Île Saint-Louis, die tristen Massenquartiere der Nordafrikaner und die metropolitane Geschäftigkeit von Les Halles – sowie für die akkurate, sachlich-ironische Beschreibung einer in die Jahre gekommenen Ehe. PS: »L’amitié, c’est comme l’amour, c’est bien souvent à sens unique …«
R Marcel Carné B Marcel Carné, Jacques Sigurd V Jacques Viot K Roger Hubert M Maurice Thiriet A Paul Bertrand S Henri Rust P Robert Dorfmann, Cino Del Duca D Jean Gabin, Arletty, Roland Lesaffre, Marie Daëms, Maria Pia Casilio | F & I | 110 min | 1:1,37 | sw | 15. August 1954
8.8.54
Brigadoon (Vincente Minnelli, 1954)
Brigadoon
Die Fabel von den zwei New Yorkern Tommy und Jeff (Gene Kelly und Van Johnson), die auf einer Wanderung durch die schottischen Highlands vom Weg abkommen und in ein verwunschenes Dorf geraten, das nur alle hundert Jahre für einen Tag aus dem Nebel der Zeit auftaucht, thematisiert (in süffigen Farben, inszenatorisch jedoch sehr bedächtig) die Relation von Vernunft und Glauben, den Widerstreit von Zynismus und Romantik. Komplett im Studio realisiert (Bauten: Preston Ames), erzählt das wehmütig-zarte Musical-Märchen von einem langsamen, aber letztlich entschlossenen Abschied aus der wirklichen Welt. Die luftige Wahrheit des Traums triumphiert über die schweren Dinge des Lebens: Tommy und Fiona (Cyd Charisse als ländliche Schöne) tanzen über die synthetische Heide und durch das künstliche Dorf hinein ins ewige Glück: »There’s a smile on my face for the whole human race!«
R Vincente Minnelli B Alan Jay Lerner K Joseph Ruttenberg M Frederick Loewe A Preston Ames, Cedric Gibbons S Albert Akst P Arthur Freed D Gene Kelly, Cyd Charisse, Van Johnson, Elaine Stewart, Barry Jones | USA | 108 min | 1:2,35 | f | 8. September 1954
Die Fabel von den zwei New Yorkern Tommy und Jeff (Gene Kelly und Van Johnson), die auf einer Wanderung durch die schottischen Highlands vom Weg abkommen und in ein verwunschenes Dorf geraten, das nur alle hundert Jahre für einen Tag aus dem Nebel der Zeit auftaucht, thematisiert (in süffigen Farben, inszenatorisch jedoch sehr bedächtig) die Relation von Vernunft und Glauben, den Widerstreit von Zynismus und Romantik. Komplett im Studio realisiert (Bauten: Preston Ames), erzählt das wehmütig-zarte Musical-Märchen von einem langsamen, aber letztlich entschlossenen Abschied aus der wirklichen Welt. Die luftige Wahrheit des Traums triumphiert über die schweren Dinge des Lebens: Tommy und Fiona (Cyd Charisse als ländliche Schöne) tanzen über die synthetische Heide und durch das künstliche Dorf hinein ins ewige Glück: »There’s a smile on my face for the whole human race!«
R Vincente Minnelli B Alan Jay Lerner K Joseph Ruttenberg M Frederick Loewe A Preston Ames, Cedric Gibbons S Albert Akst P Arthur Freed D Gene Kelly, Cyd Charisse, Van Johnson, Elaine Stewart, Barry Jones | USA | 108 min | 1:2,35 | f | 8. September 1954
Labels:
Charisse,
Gene Kelly,
Lerner,
Musical,
Phantastik,
Romanze,
Schottland,
Vincente Minnelli
4.8.54
Rear Window (Alfred Hitchcock, 1954)
Das Fenster zum Hof
»We've become a race of Peeping Toms.« Ein heißer Sommer in New York. Bildreporter L. B. ›Jeff‹ Jeffries (James Stewart) liegt mit gebrochenem Bein in seinem Apartment in Greenwich Village. Während er sich, mehr oder weniger gnädig, von seiner mondänen Freundin Lisa (Grace Kelly) und der patenten Krankenpflegerin Stella (Thelma Ritter) umsorgen läßt, nimmt der Fotograf in Ermangelung anderer Motive die Nachbarschaft auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes ins Visier. Der von Hal Pereira und Joseph McMillan Johnson errichtete Set ist der eigentliche Star des Films, eine gigantische, detailfreudig ausgestattete Kulisse voller kleiner Bühnen, auf denen simultan diverse Alltagsdramen ablaufen, heitere und weniger heitere Szenen, die bisweilen wie Kommentare auf Jeffs eigenes Leben und seine nicht unkomplizierte Beziehung zu Lisa wirken: die alkoholgetränkte Einsamkeit einer Dame mittleren Alters, das abwechslungsreiche Gesellschaftsleben einer jungen Tänzerin, die Schaffenskrise eines Komponisten, das angespannte Eheleben eines vierschrötigen Kerls und seiner kränklichen Gattin. Das sang- und klanglose Verschwinden der maladen Frau und das sonderbare Gebaren ihres Mannes wecken Jeffs professionellen Jagdinstinkt: Er glaubt, daß sich ein Verbrechen ereignet hat. »That's a secret private world you’re looking into out there. People do a lot of things in private they couldn't possibly explain in public«, belehrt ein befreundeter Polizist den immobilen Beobachter, dessen Ansicht gleichwohl nicht zu erschüttern ist … Virtuos spielt Alfred Hitchcock mit subjektiven Blickwinkeln und eingeschränkten Perspektiven, mit den zweifelhaften Freuden der Schaulust und dem Dilemma des Augenzeugen, der zum machtlosen Zuschauen verurteilt ist, zu einer Unbeweglichkeit, die im selben Moment Entsetzen und Erregung verursacht.
R Alfred Hitchcock B John Michael Hayes V Cornell Woolrich K Robert Burks M Franz Waxman A Hal Pereira, J. McMillan Johnson Ko Edith Head S George Tomasini P Alfred Hitchcock D James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr, Wendell Corey | USA | 112 min | 1:1,66 | f | 4. August 1954
# 937 | 26. Januar 2015
»We've become a race of Peeping Toms.« Ein heißer Sommer in New York. Bildreporter L. B. ›Jeff‹ Jeffries (James Stewart) liegt mit gebrochenem Bein in seinem Apartment in Greenwich Village. Während er sich, mehr oder weniger gnädig, von seiner mondänen Freundin Lisa (Grace Kelly) und der patenten Krankenpflegerin Stella (Thelma Ritter) umsorgen läßt, nimmt der Fotograf in Ermangelung anderer Motive die Nachbarschaft auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes ins Visier. Der von Hal Pereira und Joseph McMillan Johnson errichtete Set ist der eigentliche Star des Films, eine gigantische, detailfreudig ausgestattete Kulisse voller kleiner Bühnen, auf denen simultan diverse Alltagsdramen ablaufen, heitere und weniger heitere Szenen, die bisweilen wie Kommentare auf Jeffs eigenes Leben und seine nicht unkomplizierte Beziehung zu Lisa wirken: die alkoholgetränkte Einsamkeit einer Dame mittleren Alters, das abwechslungsreiche Gesellschaftsleben einer jungen Tänzerin, die Schaffenskrise eines Komponisten, das angespannte Eheleben eines vierschrötigen Kerls und seiner kränklichen Gattin. Das sang- und klanglose Verschwinden der maladen Frau und das sonderbare Gebaren ihres Mannes wecken Jeffs professionellen Jagdinstinkt: Er glaubt, daß sich ein Verbrechen ereignet hat. »That's a secret private world you’re looking into out there. People do a lot of things in private they couldn't possibly explain in public«, belehrt ein befreundeter Polizist den immobilen Beobachter, dessen Ansicht gleichwohl nicht zu erschüttern ist … Virtuos spielt Alfred Hitchcock mit subjektiven Blickwinkeln und eingeschränkten Perspektiven, mit den zweifelhaften Freuden der Schaulust und dem Dilemma des Augenzeugen, der zum machtlosen Zuschauen verurteilt ist, zu einer Unbeweglichkeit, die im selben Moment Entsetzen und Erregung verursacht.
R Alfred Hitchcock B John Michael Hayes V Cornell Woolrich K Robert Burks M Franz Waxman A Hal Pereira, J. McMillan Johnson Ko Edith Head S George Tomasini P Alfred Hitchcock D James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr, Wendell Corey | USA | 112 min | 1:1,66 | f | 4. August 1954
# 937 | 26. Januar 2015
Magnificent Obsession (Douglas Sirk, 1954)
Die wunderbare Macht
»… damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.« So etwas muß man sich erst einmal trauen: Der so reiche wie leichtfertige Playboy Bob Merrick (Rock Hudson) verursacht nicht nur indirekt den Tod eines karitativen Philanthropen, er verwickelt auch noch dessen tugendsame Witwe Helen (Jane Wyman) in einen Unfall, der sie um ihr Augenlicht bringt. Von all dem Unheil, das er anrichtete, zur Besinnung gebracht, verliebt er sich aufrichtig in sein erblindetes Opfer und verwandelt sich durch ein unerforschliches Erweckungserlebnis in einen großherzigen Wohltäter sowie (dramaturgisch nicht ohne Grund) in einen brillanten Gehirnchirurgen … Im üppig wuchernden Schwulst der Erzählung findet die Kamera (Russell Metty) kristallklare Bilder für die gewichtigen Themen des Films: Verblendung und Erkenntnis, Schwachheit und Läuterung, Flucht vor sich selbst und Zulassen des großen, rätselhaften, beschwerlichen Glücks. »Du mußt dein Leben ändern«, scheint es aus jeder Einstellung von »Magnificent Obsession« lautstark zu flüstern. Dazu lassen silberhelle Engelschöre eine süßliche Verbrämung der ›Ode an die Freude‹ erschallen. Es ist kaum auszuhalten.
R Douglas Sirk B Robert Blees V Lloyd C. Douglas K Russell Metty M Frank Skinner A Bernard Herzbrun, Emrich Nicholson S Milton Carruth P Ross Hunter D Jane Wyman, Rock Hudson, Barbara Rush, Agnes Moorehead, Otto Krueger | USA | 108 min | 1:2,0 | f | 4. August 1954
»… damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.« So etwas muß man sich erst einmal trauen: Der so reiche wie leichtfertige Playboy Bob Merrick (Rock Hudson) verursacht nicht nur indirekt den Tod eines karitativen Philanthropen, er verwickelt auch noch dessen tugendsame Witwe Helen (Jane Wyman) in einen Unfall, der sie um ihr Augenlicht bringt. Von all dem Unheil, das er anrichtete, zur Besinnung gebracht, verliebt er sich aufrichtig in sein erblindetes Opfer und verwandelt sich durch ein unerforschliches Erweckungserlebnis in einen großherzigen Wohltäter sowie (dramaturgisch nicht ohne Grund) in einen brillanten Gehirnchirurgen … Im üppig wuchernden Schwulst der Erzählung findet die Kamera (Russell Metty) kristallklare Bilder für die gewichtigen Themen des Films: Verblendung und Erkenntnis, Schwachheit und Läuterung, Flucht vor sich selbst und Zulassen des großen, rätselhaften, beschwerlichen Glücks. »Du mußt dein Leben ändern«, scheint es aus jeder Einstellung von »Magnificent Obsession« lautstark zu flüstern. Dazu lassen silberhelle Engelschöre eine süßliche Verbrämung der ›Ode an die Freude‹ erschallen. Es ist kaum auszuhalten.
R Douglas Sirk B Robert Blees V Lloyd C. Douglas K Russell Metty M Frank Skinner A Bernard Herzbrun, Emrich Nicholson S Milton Carruth P Ross Hunter D Jane Wyman, Rock Hudson, Barbara Rush, Agnes Moorehead, Otto Krueger | USA | 108 min | 1:2,0 | f | 4. August 1954
2.8.54
Sabrina (Billy Wilder, 1954)
Sabrina
Es war einmal auf Long Island: Chauffeurstochter (rehisch: Audrey Hepburn) will partout nicht bei ihren Felgen bleiben, sondern sich stattdessen den seit Kindertagen angeschwärmten, moralisch ziemlich aufgelockerten jüngeren Sohn (filouesk: William Holden) der großkapitalistischen Herrschaften angeln. Der ältere Sohn (sehr viel älter: Humphrey Bogart) hat andere Pläne für seinen Bruder (Zweckehe mit Fusion und so) und versucht, die Liebschaft unter Einsatz aller Mittel (auch seines gereiften Körpers!) zu verhindern. »Isn’t it romantic?« Billy Wilders protoliberales Märchen erzählt weltfremd aber herzbewegend von der Versöhnung der Klassen (und Generationen) auf der ›Liberté‹ und singt voll spöttischer Inbrunst ein Hohelied auf das Paris, das wir alle im Herzen tragen sollten: »It's for changing your outlook! For throwing open the windows and letting in la vie en rose.« Eh oui …
R Billy Wilder B Billy Wilder, Ernest Lehman, Samuel A. Taylor V Samuel A. Taylor K Charles Lang M Friedrich Hollaender A Hal Pereira, Walter Tyler S Arthur P. Schmidt P Billy Wilder D Humprey Bogart, Audrey Hepburn, William Holden, John Williams, Walter Hampden | USA | 113 min | 1:1,37 | sw | 2. August 1954
Es war einmal auf Long Island: Chauffeurstochter (rehisch: Audrey Hepburn) will partout nicht bei ihren Felgen bleiben, sondern sich stattdessen den seit Kindertagen angeschwärmten, moralisch ziemlich aufgelockerten jüngeren Sohn (filouesk: William Holden) der großkapitalistischen Herrschaften angeln. Der ältere Sohn (sehr viel älter: Humphrey Bogart) hat andere Pläne für seinen Bruder (Zweckehe mit Fusion und so) und versucht, die Liebschaft unter Einsatz aller Mittel (auch seines gereiften Körpers!) zu verhindern. »Isn’t it romantic?« Billy Wilders protoliberales Märchen erzählt weltfremd aber herzbewegend von der Versöhnung der Klassen (und Generationen) auf der ›Liberté‹ und singt voll spöttischer Inbrunst ein Hohelied auf das Paris, das wir alle im Herzen tragen sollten: »It's for changing your outlook! For throwing open the windows and letting in la vie en rose.« Eh oui …
R Billy Wilder B Billy Wilder, Ernest Lehman, Samuel A. Taylor V Samuel A. Taylor K Charles Lang M Friedrich Hollaender A Hal Pereira, Walter Tyler S Arthur P. Schmidt P Billy Wilder D Humprey Bogart, Audrey Hepburn, William Holden, John Williams, Walter Hampden | USA | 113 min | 1:1,37 | sw | 2. August 1954
Labels:
Audrey Hepburn,
Bogart,
Gesellschaft,
Holden,
Komödie,
Lehman,
New York,
Paris,
Romanze,
Samuel A. Taylor,
Villa,
Wilder
29.5.54
Dial M for Murder (Alfred Hitchcock, 1954)
Bei Anruf Mord
Dial M for Meisterstück. Mit seiner konzentrierten Verfilmung eines gutgebauten Bühnenthrillers will Alfred Hitchcock offenbar weder sich noch dem Publikum etwas beweisen: Eine straffe Regie ohne visuelle Pirouetten und ein erstklassiges Ensemble (Ray Milland als tödlicher Ehemann, Grace Kelly als wehrlose wife in distress, Robert Cummings als verliebter Amateurdetektiv, John Williams als erzkorrekter Chief Inspector, Anthony Dawson als verhinderter Täter und nützliches Opfer) variieren (mit viel Sinn für boulevardeske Pointierung) das Hitchcock’sche Lieblingsthema der Übertragung von Schuld – diesmal erzählt aus der Perspektive des kultivierten Schurken, verdichtet auf einen einzigen Set, dessen inszenatorische Möglichkeiten klug ausgeschöpft werden. Dazu ein Telefon, ein Paar Strümpfe, ein Brief, eine Schere, zwei Schlüssel – und fertig ist das (fast) perfekte Film-Verbrechen: »In stories things usually turn out the way the author wants them to; and in real life they don't … always.«
R Alfred Hitchcock B Frederick Knott V Frederick Knott K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Edward Carrere Ko Moss Mabry S Rudi Fehr P Alfred Hitchcock D Ray Milland, Grace Kelly, Robert Cummings, John Williams, Anthony Dawson | USA | 105 min | 1:1,37 | f | 29. Mai 1954
Dial M for Meisterstück. Mit seiner konzentrierten Verfilmung eines gutgebauten Bühnenthrillers will Alfred Hitchcock offenbar weder sich noch dem Publikum etwas beweisen: Eine straffe Regie ohne visuelle Pirouetten und ein erstklassiges Ensemble (Ray Milland als tödlicher Ehemann, Grace Kelly als wehrlose wife in distress, Robert Cummings als verliebter Amateurdetektiv, John Williams als erzkorrekter Chief Inspector, Anthony Dawson als verhinderter Täter und nützliches Opfer) variieren (mit viel Sinn für boulevardeske Pointierung) das Hitchcock’sche Lieblingsthema der Übertragung von Schuld – diesmal erzählt aus der Perspektive des kultivierten Schurken, verdichtet auf einen einzigen Set, dessen inszenatorische Möglichkeiten klug ausgeschöpft werden. Dazu ein Telefon, ein Paar Strümpfe, ein Brief, eine Schere, zwei Schlüssel – und fertig ist das (fast) perfekte Film-Verbrechen: »In stories things usually turn out the way the author wants them to; and in real life they don't … always.«
R Alfred Hitchcock B Frederick Knott V Frederick Knott K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Edward Carrere Ko Moss Mabry S Rudi Fehr P Alfred Hitchcock D Ray Milland, Grace Kelly, Robert Cummings, John Williams, Anthony Dawson | USA | 105 min | 1:1,37 | f | 29. Mai 1954
Labels:
Geld,
Grace Kelly,
Hitchcock,
Kammerspiel,
Krimi,
London,
Milland,
Mord,
Polizei,
Thriller
26.5.54
Johnny Guitar (Nicholas Ray, 1954)
Wenn Frauen hassen
Eine Westernlandschaft. Ein Mann reitet ins Bild. Im Hintergrund explodiert ein Berg – später ist zu erfahren, daß die Trasse der Eisenbahn durchs Terrain gesprengt wird. »Johnny Guitar« erzählt von existenzieller (aber auch selbstgewählter) Einsamkeit (»I’m a stranger here myself.«) in einer Welt des unaufhaltsamen Umbruchs. Nicholas Ray malt die Geschichte von Vienna, die dem Abenteuer der Zukunft die Türen ihres Saloons öffnet, und von Emma Small, deren Ängste und Verletzungen zu titanischem Haß komprimiert sind, als große Oper in fiebrigen Farben – Joan Crawford läßt dabei Hollywood weit hinter sich und gibt eine Vorahnung von Maria Callas bei Pasolini, Mercedes McCambridge reduziert sich wirkungsvoll auf eine irre lachende Fratze des Zorns. Männer (der von Sterling Hayden (nicht ohne Grund etwas lustlos) verkörperte Titelheld des Films inbegriffen) dienen hier bestenfalls als Auslöser der Raserei und stellen lediglich die Hilfstruppen eines von Frauen angezettelten und ausgefochtenen Gefühlskrieges – bei dessen Inszenierung Ray im übrigen keinerlei Scheu vor exaltierter Überdeutlichkeit zeigt. Die Szene, in der Vienna, in einem üppigen weißen Kleid vor einer roten Felswand sitzend, Klavier spielt, während sie die, an Totenvögel gemahnenden, schwarzgekleideten Häscher um Emma erwartet, mag dafür ein Beispiel geben: »I'm going to kill you.« – »I know. If I don't kill you first.«
R Nicholas Ray B Philip Yordan V Roy Chanslor K Harry Stradling M Victor Young A James Sullivan S Richard L. Van Enger P Herbert J. Yates D Joan Crawford, Sterling Hayden, Mercedes McCambridge, Ward Bond, Ernest Borgnine | USA | 110 min | 1:1,37 | f | 26. Mai 1954
Eine Westernlandschaft. Ein Mann reitet ins Bild. Im Hintergrund explodiert ein Berg – später ist zu erfahren, daß die Trasse der Eisenbahn durchs Terrain gesprengt wird. »Johnny Guitar« erzählt von existenzieller (aber auch selbstgewählter) Einsamkeit (»I’m a stranger here myself.«) in einer Welt des unaufhaltsamen Umbruchs. Nicholas Ray malt die Geschichte von Vienna, die dem Abenteuer der Zukunft die Türen ihres Saloons öffnet, und von Emma Small, deren Ängste und Verletzungen zu titanischem Haß komprimiert sind, als große Oper in fiebrigen Farben – Joan Crawford läßt dabei Hollywood weit hinter sich und gibt eine Vorahnung von Maria Callas bei Pasolini, Mercedes McCambridge reduziert sich wirkungsvoll auf eine irre lachende Fratze des Zorns. Männer (der von Sterling Hayden (nicht ohne Grund etwas lustlos) verkörperte Titelheld des Films inbegriffen) dienen hier bestenfalls als Auslöser der Raserei und stellen lediglich die Hilfstruppen eines von Frauen angezettelten und ausgefochtenen Gefühlskrieges – bei dessen Inszenierung Ray im übrigen keinerlei Scheu vor exaltierter Überdeutlichkeit zeigt. Die Szene, in der Vienna, in einem üppigen weißen Kleid vor einer roten Felswand sitzend, Klavier spielt, während sie die, an Totenvögel gemahnenden, schwarzgekleideten Häscher um Emma erwartet, mag dafür ein Beispiel geben: »I'm going to kill you.« – »I know. If I don't kill you first.«
R Nicholas Ray B Philip Yordan V Roy Chanslor K Harry Stradling M Victor Young A James Sullivan S Richard L. Van Enger P Herbert J. Yates D Joan Crawford, Sterling Hayden, Mercedes McCambridge, Ward Bond, Ernest Borgnine | USA | 110 min | 1:1,37 | f | 26. Mai 1954
Labels:
19. Jahrhundert,
Crawford,
Hayden,
Melodram,
Nicholas Ray,
Western
20.5.54
Three Coins in the Fountain (Jean Negulesco, 1954)
Drei Münzen im Brunnen
»Three coins in the fountain / Each one seeking happiness.« Sentimentale Komödie um drei amerikanische Tippfräulein in Rom, die sich ihre Traumprinzen an den Haaren einer hauchdünnen Story herbeiziehen: Die eine liebt einen misanthropischen Schriftsteller, die zweite einen armen italienischen Schlucker, die dritte einen waschechten principe mit steinaltem palazzo und eigenem Flugzeug. Jean Negulesco inszeniert eine bonfortionöse CinemaScope-Sightseeing-Tour durch die ewige Stadt (inklusive Tagestrip nach Venedig, der Perle der Adria), präsentiert jede Menge stolze antike Ruinen, lustig sprudelnde Brunnen (in denen – fünf Jahre vor »La dolce vita« – auch schon mal jemand baden geht) sowie fotogene Pärchen vor malerischen Kulissen (Kamera: Milton Krasner). Ein konservativ-selbstüberzeugter Kitsch-as-kitsch-can-Film (fast) ohne doppelten ironischen Boden.
R Jean Negulesco B John Patrick V John H. Secondari K Milton Krasner M Victor Young A John DeCuir, Lyle Wheeler S William Reynolds P Sol C. Siegel D Clifton Webb, Dorothy McGuire, Jean Peters, Louis Jordan, Maggie McNamara | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 20. Mai 1954
»Three coins in the fountain / Each one seeking happiness.« Sentimentale Komödie um drei amerikanische Tippfräulein in Rom, die sich ihre Traumprinzen an den Haaren einer hauchdünnen Story herbeiziehen: Die eine liebt einen misanthropischen Schriftsteller, die zweite einen armen italienischen Schlucker, die dritte einen waschechten principe mit steinaltem palazzo und eigenem Flugzeug. Jean Negulesco inszeniert eine bonfortionöse CinemaScope-Sightseeing-Tour durch die ewige Stadt (inklusive Tagestrip nach Venedig, der Perle der Adria), präsentiert jede Menge stolze antike Ruinen, lustig sprudelnde Brunnen (in denen – fünf Jahre vor »La dolce vita« – auch schon mal jemand baden geht) sowie fotogene Pärchen vor malerischen Kulissen (Kamera: Milton Krasner). Ein konservativ-selbstüberzeugter Kitsch-as-kitsch-can-Film (fast) ohne doppelten ironischen Boden.
R Jean Negulesco B John Patrick V John H. Secondari K Milton Krasner M Victor Young A John DeCuir, Lyle Wheeler S William Reynolds P Sol C. Siegel D Clifton Webb, Dorothy McGuire, Jean Peters, Louis Jordan, Maggie McNamara | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 20. Mai 1954
5.5.54
Les femmes s’en balancent (Bernard Borderie, 1954)
Serenade für zwei Pistolen
Lemmy Caution ermittelt gewohnt salopp in einem Fall, der sowohl Geldfälschung als auch den (vermeintlichen) Selbstmord des Blütendruckers umfaßt; im Mittelpunkt von Lemmys investigativem (und libidinösem) Interesse stehen Ehefrau (Nadia Gray) und Geliebte (Dominique Wilms) des toten (?) Verbrechers. Schauplatz der kuddelmuddeligen Handlung ist die Pontinische Ebene bei Rom, ein unwirtliches Ödland, das an die kargen Szenerien Becketts erinnert und jene geisterhaften Zonen antizipiert, durch die Michelangelo Antonioni seine unbehausten Gestalten streifen lassen wird. Der G-Man kreuzt in seinem voluminösen Amischlitten durch diese tristen Gefilde – von antikisierenden Nachtlokalen (mit Spielhölle im ersten Stock) zu den hypermodernen Villen der nouveaux riches – wie ein kühner Seefahrer durch das gefahrvolle Meer. Eddie ›Pigez?‹ Constantine stellt mit seiner grinsend-abstrakten Interpretation des amerikanischen Hau-drauf-Ermittlers die karikierende Rollendistanz über (oder neben) die identifikatorische Einfühlung und schafft – begleitet vom nervösen Schlagzeug und der schrillen Trompete des jazzig-atonalen Soundtracks von Paul Misraki – so etwas wie knallharte Brechtsche Verfremdung in einem weichbirnigen Pulp-Universum.
R Bernard Borderie B Bernard Borderie, Jacques Vilfrid V Peter Cheney K Jacques Lemare M Paul Misraki A René Moulaert S Jean Feyte P Raymond Borderie, Robert Bossis D Eddie Constantine, Nadia Gray, Dominique Wilms, Jacques Castelot, Nicolas Vogel | F | 109 min | 1:1,37 | sw | 5. Mai 1954
Lemmy Caution ermittelt gewohnt salopp in einem Fall, der sowohl Geldfälschung als auch den (vermeintlichen) Selbstmord des Blütendruckers umfaßt; im Mittelpunkt von Lemmys investigativem (und libidinösem) Interesse stehen Ehefrau (Nadia Gray) und Geliebte (Dominique Wilms) des toten (?) Verbrechers. Schauplatz der kuddelmuddeligen Handlung ist die Pontinische Ebene bei Rom, ein unwirtliches Ödland, das an die kargen Szenerien Becketts erinnert und jene geisterhaften Zonen antizipiert, durch die Michelangelo Antonioni seine unbehausten Gestalten streifen lassen wird. Der G-Man kreuzt in seinem voluminösen Amischlitten durch diese tristen Gefilde – von antikisierenden Nachtlokalen (mit Spielhölle im ersten Stock) zu den hypermodernen Villen der nouveaux riches – wie ein kühner Seefahrer durch das gefahrvolle Meer. Eddie ›Pigez?‹ Constantine stellt mit seiner grinsend-abstrakten Interpretation des amerikanischen Hau-drauf-Ermittlers die karikierende Rollendistanz über (oder neben) die identifikatorische Einfühlung und schafft – begleitet vom nervösen Schlagzeug und der schrillen Trompete des jazzig-atonalen Soundtracks von Paul Misraki – so etwas wie knallharte Brechtsche Verfremdung in einem weichbirnigen Pulp-Universum.
R Bernard Borderie B Bernard Borderie, Jacques Vilfrid V Peter Cheney K Jacques Lemare M Paul Misraki A René Moulaert S Jean Feyte P Raymond Borderie, Robert Bossis D Eddie Constantine, Nadia Gray, Dominique Wilms, Jacques Castelot, Nicolas Vogel | F | 109 min | 1:1,37 | sw | 5. Mai 1954
Labels:
Borderie,
Constantine,
Krimi,
Lemmy Caution,
Nachtclub
4.5.54
Rosen-Resli (Harald Reinl, 1954)
»Hat man nicht manchmal den Wunsch, ganz neu zu beginnen?« (West-)Deutschland, ein knappes Jahrzehnt nach dem Krieg: emsige Geschäftigkeit und drückende Sorgen, zerrissene Bindungen und Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit, hinterhältige Spekulation und blindes Vertrauen in einen lieben Gott, der weiß, wozu es (= alles) gut ist. Harald Reinl verbindet die Widersprüche zu einem blühenden Kitsch-Film der konsequent falschen Töne, zu einem brennend süßen Kinder-Mütter-Rosen-Melodram, so atemberaubend unecht, so schmalzig, so künstlich, daß es auf schrille Weise wahrhaftig, entlarvend, ehrlich klingt. Das Personal der allegorischen Erzählung um eine herzige Kriegswaise (Christine Kaufmann), die zur Rettung ihrer herzkranken Pflegemutter (Käte Haack) Himmel, Menschen und Blumen in Bewegung setzt: patente Frauen, die ihren Mann stehen, aber (natürlich) viel lieber einen hätten, ein beschädigter Herr, dessen Unglück (natürlich) nicht aus eigenem Versagen sondern aus der edelmütigen Übernahme von fremder Schuld erwuchs, ein böser Verführer, der letzten Endes (natürlich) in seinem öligen Charme ertrinkt, ein guter, betagter Gärtner (Otto Gebühr, der ewige »Alte Fritz« des (reichs-)deutschen Films, »in der letzten Rolle seines Lebens«), der (natürlich) weiß, wie man den (immer noch) kostbaren Stock veredelt. Es ist das unschuldige, selbstlose Resli, das die wertvollen Kenntnisse des Vorvaters zu frischer, neuer Blüte treibt; die mittlere Generation nimmt das Wunder des sprießenden Rosenbuschs dankbar an.
R Harald Reinl B Maria Osten-Sacken, Harald Reinl V Johanna Spyri K Walter Riml M Bernhard Eichhorn A Heinrich Beisenherz S Gertrud Petermann P Paul Hans Fritsch D Christine Kaufmann, Josefin Kipper, Paul Klinger, Käte Haack, Arno Assmann, Otto Gebühr | BRD | 85 min | 1:1,37 | sw | 4. Mai 1954
R Harald Reinl B Maria Osten-Sacken, Harald Reinl V Johanna Spyri K Walter Riml M Bernhard Eichhorn A Heinrich Beisenherz S Gertrud Petermann P Paul Hans Fritsch D Christine Kaufmann, Josefin Kipper, Paul Klinger, Käte Haack, Arno Assmann, Otto Gebühr | BRD | 85 min | 1:1,37 | sw | 4. Mai 1954
14.4.54
Eine Frau von heute (Paul Verhoeven, 1954)
Der Krieg als Vater der Emanzipation: Die heimgekehrten Männer, gebrochen und desillusioniert, kommen mit der neugewonnenen Selbständigkeit ihrer Frauen nicht klar. Luise Ullrich spielt »Eine Frau von heute« mit Verve und antinaturalistischem Charme; ihre erfolgreiche Gemüse-Großhändlerin Toni Bender ist eine 50er-Jahre-Ausgabe der Maria Braun, die Fassbinder ein Vierteljahrhundert später erfinden wird, züchtiger natürlich, nachdenklicher, bescheidener und ohne Pelz – aber vielleicht genau deshalb um einiges authentischer. Als desorientierter Gatte sucht Curd Jürgens sein Heil (vorübergehend) bei einer anderen und steht ansonsten tumb und klobig in den Dekorationen herum – eine bedauerliche Fehlbesetzung in einem ansonsten ansehnlichen Ensemble: Carsta Löck gibt eine frauensolidarische Freundin, die begnadete Annie Rosar eine kupplerische Zimmerwirtin. Paul Verhoeven bleibt inszenatorisch ganz nah bei seinen Akteuren, und wenn Toni auf der Suche nach einer liegengebliebenen Zitronenlieferung Italien bereist, wittert das Adenauerkino sogar ein klein wenig neoveristische Morgenluft. Die wie mit Pattex angeklebte Schlußapotheose des Eheglücks folgt dann wieder dem Reglement des guten, alten deutschen Films.
R Paul Verhoeven B Juliane Kay, Paul Verhoeven K Franz Weihmayr M Fritz Wenneis A Franz Bi, Bruno Monden S Klaus Dudenhöfer P Friedrich A. Mainz D Luise Ullrich, Curd Jürgens, Carsta Löck, Robert Freitag, Annie Rosar | BRD | 95 min | 1:1,37 | sw | 14. April 1954
R Paul Verhoeven B Juliane Kay, Paul Verhoeven K Franz Weihmayr M Fritz Wenneis A Franz Bi, Bruno Monden S Klaus Dudenhöfer P Friedrich A. Mainz D Luise Ullrich, Curd Jürgens, Carsta Löck, Robert Freitag, Annie Rosar | BRD | 95 min | 1:1,37 | sw | 14. April 1954
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Romanze,
Tragikomödie,
Ullrich,
Wirtschaftswunder
3.4.54
Monsieur Ripois (René Clément, 1954)
Liebling der Frauen
Die Geschichte eines Verführers, vorgetragen von ihm selbst in Form einer Beichte, die wiederum eine Verführung ist. »Monsieur Ripois« (wehmütig-getrieben: Gérard Philipe), ein Franzose in London, öffnet sein Herz, erzählt sein Leben. Sein Leben, das sind die Frauen (und ihr Geld): die herbe Bürovorsteherin, die empfindsame Naive, die herzensgute Hure, die kultivierte Dame und eben diejenige, der er sich rückhaltlos anvertraut, die ihn – glaubt er, was er sagt? – bessern, retten, erlösen soll. Ripois ist kein wahlloser Aufreißer, er ist ein arme Seele, ein gequälter Tage- und Herzensdieb auf der Flucht vor Langeweile, ein Süchtiger, dessen übermäßiges Verlangen sich weniger auf die Objekte der Begierde richtet als auf den Akt des Eroberns selbst, ein trauriger Don Juan, der alle lieben will, aber niemanden lieben kann, nicht einmal sich selbst. René Cléments melancholische Komödie hält bis zur bösen Pointe meisterlich die Waage zwischen Leichtigkeit und Schwermut, vermeidet achtsam jede abgedroschene Psychologisierung; Gérard Philipes differenzierte Darstellung legt einfühlsam Begeisterung und Fragilität, Ehrlichkeit und Verlogenheit des Protagonisten bloß. Zur besonderen Qualität dieses höchst verführerischen englischen Films mit französischem Akzent trägt entscheidend Oswald Morris’ sensible On-location-Fotografie bei: Die Kamera erkundet neugierig das Londoner Straßenleben, porträtiert eine Stadt, über der die Grauschleier von Nachkrieg und austerity liegen, eine Stadt, die noch nichts weiß (vielleicht aber schon etwas ahnt) von hedonistischer Hipness, von Versuchung und Verlangen der kommenden Dekade.
R René Clément B Hugh Mills, Raymond Queneau, René Clément V Louis Hémon K Oswald Morris M Roman Vlad A Ralph W. Brinton S Françoise Javet P Paul Graetz D Gérard Philipe, Valerie Hobson, Natasha Parry, Joan Greenwood, Margaret Johnston | F & UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 3. April 1954
Die Geschichte eines Verführers, vorgetragen von ihm selbst in Form einer Beichte, die wiederum eine Verführung ist. »Monsieur Ripois« (wehmütig-getrieben: Gérard Philipe), ein Franzose in London, öffnet sein Herz, erzählt sein Leben. Sein Leben, das sind die Frauen (und ihr Geld): die herbe Bürovorsteherin, die empfindsame Naive, die herzensgute Hure, die kultivierte Dame und eben diejenige, der er sich rückhaltlos anvertraut, die ihn – glaubt er, was er sagt? – bessern, retten, erlösen soll. Ripois ist kein wahlloser Aufreißer, er ist ein arme Seele, ein gequälter Tage- und Herzensdieb auf der Flucht vor Langeweile, ein Süchtiger, dessen übermäßiges Verlangen sich weniger auf die Objekte der Begierde richtet als auf den Akt des Eroberns selbst, ein trauriger Don Juan, der alle lieben will, aber niemanden lieben kann, nicht einmal sich selbst. René Cléments melancholische Komödie hält bis zur bösen Pointe meisterlich die Waage zwischen Leichtigkeit und Schwermut, vermeidet achtsam jede abgedroschene Psychologisierung; Gérard Philipes differenzierte Darstellung legt einfühlsam Begeisterung und Fragilität, Ehrlichkeit und Verlogenheit des Protagonisten bloß. Zur besonderen Qualität dieses höchst verführerischen englischen Films mit französischem Akzent trägt entscheidend Oswald Morris’ sensible On-location-Fotografie bei: Die Kamera erkundet neugierig das Londoner Straßenleben, porträtiert eine Stadt, über der die Grauschleier von Nachkrieg und austerity liegen, eine Stadt, die noch nichts weiß (vielleicht aber schon etwas ahnt) von hedonistischer Hipness, von Versuchung und Verlangen der kommenden Dekade.
R René Clément B Hugh Mills, Raymond Queneau, René Clément V Louis Hémon K Oswald Morris M Roman Vlad A Ralph W. Brinton S Françoise Javet P Paul Graetz D Gérard Philipe, Valerie Hobson, Natasha Parry, Joan Greenwood, Margaret Johnston | F & UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 3. April 1954
2.4.54
Prince Valiant (Henry Hathaway, 1954)
Prinz Eisenherz
Die sagenhaften Abenteuer eines pagenschnittigen Prinzen (Robert Wagner) in einem fantastischen Frühmittelalter: zottige Wikinger, der illustre König Artus, edle Fräuleins (u. a. Janet Leigh), die glorreichen Ritter der Tafelrunde (u. a. Sterling Hayden) mit ihren klirrenden Schwertern und scheppernden Schilden – eine breitwandige Bildergeschichte von Verschwörung und Thronraub, Knechtschaft und Krieg, Treue und Tapferkeit. Im Geiste der sonntäglichen Comic-Saga von Hal Forster betreibt Regisseur Henry Hathaway mit halbernstem Pathos Schwarzweißmalerei in leuchtenden Farben: der jugendliche Held reift an den Prüfungen des Schicksals, der Herrscher waltet mit strenger Güte, das Böse (James Mason) trägt Schwarz und die Liebe den Sieg davon.
R Henry Hathaway B Dudley Nichols V Hal Forster K Lucien Ballard M Franz Waxman A Lyle Wheeler, Mark-Lee Kirk Ko Charles Le Maire S Robert L. Simpson P Robert L. Jacks D Robert Wagner, James Mason, Janet Leigh, Sterling Hayden, Debra Paget | USA | 100 min | 1:2,35 | f | 2. April 1954
# 1187 | 9. Januar 2020
Die sagenhaften Abenteuer eines pagenschnittigen Prinzen (Robert Wagner) in einem fantastischen Frühmittelalter: zottige Wikinger, der illustre König Artus, edle Fräuleins (u. a. Janet Leigh), die glorreichen Ritter der Tafelrunde (u. a. Sterling Hayden) mit ihren klirrenden Schwertern und scheppernden Schilden – eine breitwandige Bildergeschichte von Verschwörung und Thronraub, Knechtschaft und Krieg, Treue und Tapferkeit. Im Geiste der sonntäglichen Comic-Saga von Hal Forster betreibt Regisseur Henry Hathaway mit halbernstem Pathos Schwarzweißmalerei in leuchtenden Farben: der jugendliche Held reift an den Prüfungen des Schicksals, der Herrscher waltet mit strenger Güte, das Böse (James Mason) trägt Schwarz und die Liebe den Sieg davon.
R Henry Hathaway B Dudley Nichols V Hal Forster K Lucien Ballard M Franz Waxman A Lyle Wheeler, Mark-Lee Kirk Ko Charles Le Maire S Robert L. Simpson P Robert L. Jacks D Robert Wagner, James Mason, Janet Leigh, Sterling Hayden, Debra Paget | USA | 100 min | 1:2,35 | f | 2. April 1954
# 1187 | 9. Januar 2020
Labels:
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