10.11.66

The Quiller Memorandum (Michael Anderson, 1966)

Das Quiller-Memorandum – Gefahr aus dem Dunkel

»That’s where you are, Quiller. In the gap.« Surreal angehauchte Spionagecharade in den Ruinen und Neubauten von (West-)Berlin: Quiller (ein Mann allein: George Segal) auf der Spur einer konspirativen Neonazi-Organisation unter der semmelblonden (Reichs-)Führung eines gewissen ›Oktober‹ (Max von Sydow). Vom modernen Glasturm des Europa-Centers bis zur verranzten Kreuzberger Absteige, von den ausgebombten Gründerzeitvillen im Tiergartenviertel bis zu den Betonbändern der Stadtautobahn nutzt Drehbuchautor Harold Pinter die Halbstadt als Bühne eines absurden Theaters der Undurchschaubarkeit, des Mißtrauens, der Verstellung. Michael Andersons unverspielte Inszenierung der sehr freien Bearbeitung des betont knallharten Agentenromans von Adam Hall wird insbesondere der spröden Ironie der hintergründigen Pinterschen Dialoge gerecht. Mit von der geheimnisvollen Partie: Alec Guinness, erzbritisch und mit einer Vorliebe für Leberwurst, sowie Senta Berger, jung und schön und weniger unschuldig, als man denken möchte. Dazu ein melancholisch aufrauschender Soundtrack von John Barry: »I am wednesday’s child, born to be alone.«

R Michael Anderson B Harold Pinter V Adam Hall (= Elleston Trevor)  K Erwin Hiller M John Barry A Maurice Carter S Frederick Wilson P Ivan Foxwell D George Segal, Senta Berger, Alec Guinness, Max von Sydow, George Sanders | UK & USA | 104 min | 1:2,35 | f | 10. November 1966

18.10.66

Persona (Ingmar Bergman, 1966)

Persona

Es werde Licht: Zwischen den Graphit-Elektroden der Kohlebogenlampe erstrahlt ein flammender Blitz. Ratternd setzt sich der Projektor in Bewegung. Der Zelluloidstreifen fädelt sich in die Führung. Ein Film beginnt. ›Ein‹ Film? ›Der‹ Film beginnt: mit dissonantem Soundtrack und einer Reihe disparater Bilder, gleich einem kinematographischen stream of consciousness – ein Startband, ein erigierter Schwanz, eine Slapstick-Szene, eine Stückchen Animation, eine krabbelnde Spinne, ein Lamm das geschlachtet wird, groß das tote Auge des Tieres, eine Hand, in die ein Nagel getrieben wird, Mauern, Landschaften, Tote, die plötzlich erwachen, ein Junge, der eine Leinwand abtastet, auf der sich in Unschärfe zwei Gesichter überlagern. Nach der hektischen credit sequence entwickelt sich in knappen, kühlen Szenen die Erzählung: Eine Schauspielerin (Liv Ullmann) verstummt auf der Bühne, verweigert sich fortan dem sprachlichen Zugriff der Umwelt. Die Ärztin schickt die körperlich und geistig für gesund Befundene in Begleitung einer Krankenschwester (Bibi Andersson) zur Kur in ein Haus am Meer. – Einschub: Das lateinische Wort ›persona‹ meint: ›Maske‹, ›Rolle‹, ›Charakter‹, aber auch: ›Persönlichkeit‹, ›Individualität‹. »Persona« handelt von Masken, Rollen und Charakteren, von Persönlichkeit und von Individualität. – Im Haus am Meer zunächst inniges Einvernehmen und zärtliches Verständnis zwischen den beiden Frauen: Die eine spricht viel, die andere sagt nichts – ein empfindliches, ein zerbrechliches Gleichgewicht. Dann ein (Film-)Riß: Die Schweigende macht sich (schriftlich) lustig über die Sprechende, die sich von der anderen betrogen, benutzt und beschmutzt fühlt. Sprechen verwandelt sich Bezichtigung und Anklage, aus Schweigen wird Widerstand und Verachtung. Mit dem immer weiteren Auseinanderdriften der Individualitäten entblößen sich die unübersehbaren Ähnlichkeiten – bis hin zur optischen Verschmelzung der Gesichter. »Persona« ist ein behutsames, zugleich schonungsloses Abtasten von Physiognomien, ein subtiles Spiel der Spaltungen und Doppelungen, eine permanente Schärfenverlagerung zwischen peinlicher Nähe und eisiger Distanz, eine hermetische Phantasie über die menschliche Natur, ein geheimnisvoller Kommentar zum Wesen des Kinos. PS: Der Arbeitstitel des Films »Persona« lautete übrigens »Kinematografi«.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Lars Johan Werle A Bibi Lindström S Ulla Ryghe P Lars-Owe Carlberg D Bibi Andersson, Liv Ullmann, Margaretha Krook, Gunnar Björnstrand, Jörgen Lindström | S | 85 min | 1:1,37 | sw | 18. Oktober 1966

16.10.66

Ostře sledované vlaky (Jiří Menzel, 1966)

Scharf beobachtete Züge | Liebe nach Fahrplan

Ort: ein kleiner Bahnhof in Böhmen. Zeit: gegen Ende der großdeutschen Okkupation. Der unbedarfte Jüngling Miloš Hrma (›Golden Kid‹ Václav Neckář) – Sproß einer Familie von Träumern und Faulenzern – tritt, von der Mutter mit einer Schirmmütze gekrönt, seine Stelle als Bahnwärterlehrling an. Umgeben von einem kleintierzüchtenden Stationsvorsteher, einem schürzenjagenden Fahrdienstleiter und einem kollaborateurischen Bahnrat erwirbt Hrma Grundkenntnisse des Eisenbahnwesens, während er gleichzeitig einigermaßen linkische Versuche unternimmt, der angehimmelten Schaffnerin Máša (seelisch wie auch körperlich) näherzukommen. Nach einer Erzählung von Bohumil Hrabal (der während des Zweiten Weltkriegs selbst Dienst auf einem Provinzbahnhof schob) bringt Jiří Menzel eine detailverliebte Bildungsburleske ins Rollen, die den liebeskranken Protagonisten immer neuen (persönlichen wie auch historischen) Bewährungsproben aussetzt und dabei Komik und Schrecken wirkungsvoll miteinander verschmilzt – bis hin zur doppelten Explosion eines sexuellen Erwachens und eines in die Luft fliegenden Munitionszuges.

R Jiří Menzel B Jiří Menzel, Bohumil Hrabal V Bohumil Hrabal K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldrich Bosák Ko Olga Dimitrovová S Jiřina Lukešová P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Václav Neckář, Jitka Bendová, Vladimír Valenta, Josef Somr, Vlastimil Brodský | CS | 92 min | 1:1,37 | sw | 16. Oktober 1966

# 1177 | 3. Oktober 2019

A Funny Thing Happened on the Way to the Forum (Richard Lester, 1966)

Toll trieben es die alten Römer 

»Old situations / New complications …« Auf- und abgedrehtes Sandalen-Vaudeville rund um den charmant-tückischen Sklaven Pseudolus, der (gleichzeitig) Dutzende von Intrigen spinnt, um seine Freiheit zu gewinnen. »A Funny Thing Happened on the Way to the Forum«, Richard Lesters Leinwandadaption einer radikal-klamottigen Stephen-Sondheim-Show (die ungeniert die Scherben antiker Komödienklassiker zusammenkehrt), versammelt mit Zero Mostel, Jack Gilford, Michael Hordern und Buster Keaton (in seinem letzten Film) ein ziemlich einmaliges Ensemble nimmermüder Slapstickhelden vor Nicholas Roegs respektlos-rasanter Kamera. Ein angenehm sinnfreies Tür-auf-Tür-zu-Musical über die Freuden spätrö­mischer Dekadenz, voll von klingelnder Wortakrobatik und brachialem Körperwitz. »… Tragedy tomorrow / Comedy tonight!«

R Richard Lester B Melvin Frank, Michael Pertwee V Plautus K Nicolas Roeg M Stephen Sondheim A Tony Walton S John Victor-Smith P Melvin Frank D Zero Mostel, Jack Gilford, Michael Hordern, Michael Crawford, Buster Keaton | USA & UK | 99 min | 1:1,66 | f | 16. Oktober 1966

5.10.66

Seconds (John Frankenheimer, 1966)

Der Mann, der zweimal lebte

Eine namenlose ›company‹ bietet ihren Kunden die Chance eines zweiten Lebens: mit neuem Gesicht in neuer Umgebung neu anfangen. Doch die Flucht aus dem Alptraum der Gewohnheit endet im Alptraum der verlorenen Identität … Ein auswegloser Thriller, der von der ersten bis zur letzten Sekunde eine ungemütliche Seherfahrung bietet: verzerrte Optik, verzerrte Bühnenbilder, Jump-cuts, dazu eine ziemlich einmalige Anhäufung von sinistren Charakteren. Rock Hudson liefert eine selten uneitle Performance: Welcher andere Star würde es dulden, erst bei Minute 40 mit völlig zerstörtem Gesicht in einem Film aufzutauchen und sich dann auch noch auf eine so erniedrigende Weise aus der Geschichte zu verabschieden wie in diesem Fall?

R John Frankenheimer B Lewis John Carlino V David Ely K James Wong Howe M Jerry Goldsmith A Ted Haworth S David Newhouse, Ferris Webster P Edward Lewis D Rock Hudson, Salome Jens, John Randolph, Jeff Corey, Murray Hamilton | USA | 106 min | 1:1,85 | sw | 5. Oktober 1966

1.10.66

The Deadly Affair (Sidney Lumet, 1966)

Anruf für einen Toten

Der Tod eines anonym des Geheimnisverrats bezichtigten Foreign-Office-Beamten setzt einen kleinen, schmuddligen Spionage-Thriller in Gang, der seine Spannung nicht durch komplizierte Verwicklungen oder raffinierte Plot-Twists entfaltet sondern durch genaue Beobachtung der handelnden (das heißt: der zum Handeln gezwungenen) Personen: James Mason als hitzig-melancholischer Secret-Service-Mann Dobbs, der den Zeiten der Eindeutigkeit nachtrauert, Harry Andrews als ausgebuffter Kommissar im Ruhestand, der einschläft, sobald er mit Hypothesen gelangweilt wird, Simone Signoret als rätselhafte Witwe, die ihre Vergangenheit wie ein Leichenhemd trägt, Maximilian Schell als gefährlicher Charmeur, Harriet Andersson als ausgenutzte Nymphomanin – Figuren eines Spiels, das weder Könige noch Damen kennt, nur Bauern, die auf die eine oder andere Weise zu Opfern der Umstände werden. Sidney Lumets neblig-trübe John-le-Carré-Adaption malt das bis zur Farblosigkeit entsättigte Bild eines unswinging London: Die Kamera (Freddie Young) zeigt trostlose Straßen, düstere Wohnungen, unbehauste Existenzen. »You have no place among real people«, muß sich Agentenjäger Dobbs einmal sagen lassen. »The Deadly Affair« läßt Zweifel daran aufkommen, daß es überhaupt noch »wirkliche Menschen« gibt.

R Sidney Lumet B Paul Dehn V John le Carré K Freddie Young M Quincy Jones A John Howell S Thelma Connell P Sidney Lumet D James Mason, Simone Signoret, Harry Andrews, Maximilian Schell, Harriet Andersson | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 1. Oktober 1966

6.9.66

Fahrenheit 451 (François Truffaut, 1966)

Fahrenheit 451

François Truffauts Ausflug ins Science-Fiction-Genre (der sein einziger bleiben wird) beschreibt (nach dem gleichnamigen Roman von Ray Bradbury) eine Gesellschaft, in der Bücher (wie überhaupt alles Geschriebene) streng verboten sind, da individuelle Lektüre der herrschenden gleichschalterischen Ideologie widerspricht. Jedermann (und jedefrau) soll dasselbe denken, glauben, fühlen: »We've all got to be alike. The only way to be happy is for everyone to be made equal.« Pillen und televisionäre Dauerberieselung sorgen für den gewünschten ausgeglichenen Gemütszustand der Allgemeinheit, während sich die Feuerwehr um die brandheiße Vernichtung (»Fahrenheit four-five-one is the temperature at which book paper catches fire and starts to burn.«) sämtlichen aufgefundenen Schriftgutes kümmert ... Daß Truffaut, seines Zeichens nicht nur ein fanatischer Cinéast sondern auch ein leidenschaftlicher Leser, von diesem Sujet fasziniert war, kann nicht erstaunen, doch erscheint die plötzliche Verwandlung des Feuerwehrmannes Guy Montag (Oskar Werner) vom überzeugten Büttel des System zum souveränen Leser wenig glaubwürdig, und weder das stockpuppenartige Auftreten der Darsteller (neben Werner: Cyril Cusack als väterlich-strenger Feuerwehrhauptmann und Julie Christie in einer wenig sinnvollen Doppelrolle) noch die spielzeuglandhafte Ausstattung oder Bernard Herrmanns exaltierter Soundtrack tragen dazu bei, eine Atmosphäre wahrer Beunruhigung zu schaffen. Allein das winterliche Ende des Films, das Menschen zeigt, die freiwillig zu Büchern werden, um das literarische Erbe zu bewahren, läßt in seiner unheimlichen Konsequenz erschauern.

R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard V Ray Bradbury K Nicolas Roeg M Bernard Herrmann A Syd Cain S Thom Noble P Lewis M. Allen D Julie Christie, Oskar Werner, Cyril Cusack, Anton Diffring, Bee Duffell | UK | 113 min | 1:1,66 | f | 6. September 1966

# 1068 | 31. Juli 2017

Der Bucklige von Soho (Alfred Vohrer, 1966)

Die erste farbige Edgar-Wallace-Adaption, ein Werk des Übergangs – Regisseur Alfred Vohrer testet die neuen Möglichkeiten eher zurückhaltend aus. Das forcierte Helldunkel, das die Bildinszenierungen der Krimi-Reihe bislang beherrschte, findet (noch) keine Entsprechung in der Kolorierung des Schurkenstücks: Orte des Schreckens, wie eine (un-)heimliche Folter-Waschküche, ein intriganter Mädchenschlafsaal oder ein kombinierter Spiel- und Sexclub, zeigen sich in kühlen Grau-, Beige- oder Falschgoldtönen. Auch die Themenwahl verspricht kaum Überraschungen: verfolgte Unschuld und eine satte Erbschaft, ein familiäres Doppelspiel und fiese Verbrechen hinter der (Papp-)Fassade von (christlich verbrämter) Wohlanständigkeit. Einen Coup landet Vohrer allerdings in Fragen der Besetzung: Neben Darstellern, denen die Gemeinheit auf der Stirn geschrieben steht (Pinkas Braun, Hilde Sessak, Gisela Uhlen), verleihen zwei immerkomische Alte und eine ewige Witzfigur dem abgrundtief Bösen ein vertraut lächelndes Gesicht.

R Alfred Vohrer B Herbert Reinecker V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Susanne Paschen P Horst Wendlandt D Günther Stoll, Eddi Arent, Monika Peitsch, Pinkas Braun, Siegfried Schürenberg | BRD | 89 min | 1:1,66 | f | 6. September 1966

# 795 | 10. November 2013

5.9.66

De man die zijn haar kort liet knippen (André Delvaux, 1966)

Der Mann, der sich die Haare kurz schneiden ließ

Liebe, Schönheit und Tod oder Die Ballade vom richtigen Leben … Govert Miereveld, Jurist, Familienvater, Lehrer an einem Mädchengymnasium, verliert sein Herz an die Schülerin Fran, freilich ohne ihr seine Zuneigung zu gestehen. Nach dem Abgang der hoffnungslos Angebeteten (die sich auf dem Diplomfest mit einem brechtisch-weillschen Chanson –»Was morgen kommt, kann schlimmer sein. / Was morgen kommt, kann besser sein.« – verabschiedet), quittiert auch Govert den Schuldienst, um sein Dasein fortan als Gerichtsbeamter zu fristen. André Delvaux erzählt, gleichzeitig als Innenschau und Außenansicht, die Geschichte einer unbezähmbaren Erotomanie, eines süßen Wahns, den der Liebeskranke weniger als rauschhafte Ekstase denn als lähmenden Erschöpfungszustand erlebt … Jahre später, nachdem er kurz zuvor als angewiderter Zeuge der Exhumierung eines mutmaßlichen Bankräubers beigewohnt hatte, trifft Govert die vergötterte Frau (die mittlerweile eine gefeierte Sängerin ist) zufällig wieder. Ob die folgende innige Aussprache tatsächlich stattfindet oder sich nur in der Phantasie eines Verrückten abspielt, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob Govert Fran tatsächlich getötet hat oder lediglich aufgrund seiner geistigen Zerrüttung in eine Heilanstalt eingewiesen wurde. So ambivalent wie die Hauptfigur Govert (≈ göttlicher Friede) Miereveld (≈ Ameisenhaufen) erscheint der ganze Film: Alles in Ghislain Cloquets so einfachen, so rätselhaften Schwarzweißbildern schwebt, schwimmt, schwankt, zwischen Sehnsucht und Begierde, zwischen Wachen und Träumen, zwischen Transparenz und Undurchsichtigkeit, zwischen Märchen und Schreckensnachricht.

R André Delvaux B André Delvaux, Anna de Pagter V Johan Daisne K Ghislain Cloquet M Frédéric Devreese A Jean-Claude Maes S Suzanne Baron P Paul Louyet, Jos Op De Beek D Senne Rouffaer, Beata Tyskiewicz, Hector Camerlynck, Paul s’Jongers, François Bernard | B | 98 min | 1:1,66 | sw | 5. September 1966

# 846 | 15. März 2014

Abschied von gestern (Alexander Kluge, 1966)

»Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage.« Der ziellose Weg einer jungen Frau durch die Bundesrepublik: Anita G., jüdischer Herkunft, Zonenflüchtling, ohne festen Wohnsitz, lebt aus dem Koffer, sucht eine Perspektive, will Anschluß und Austausch, eckt jedoch ständig an, bleibt außen vor, rutscht ab. Die filmische Aufbereitung ihres »Falls«, vorgetragen als fragmentarisches Protokoll, als ausschnitthafte Bewegungsstudie, als soziales Rollenspiel, erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit – Anita dient nicht als Exempel, sie bleibt Unikat. Alexander Kluge beobachtet allerdings, indem er sich seiner Zielperson an die Fersen heftet, ihr durch Hotels, Kaffeehäuser, Apartments, Universitäten, Gefängnisse folgt, eine Vielzahl von Situationen, die beispielhaft gesellschaftliche Gegebenheiten (Verdinglichung, Fremdbestimmung, Kontaktarmut) beschreiben; überhaupt ist der Autor ein begeisterter Sammler – von Gegenständen und Typen, von Zitaten und Momenten –, der aus seinen objets trouvés eine Art kinematographisches Fundbüro errichtet: »Abschied von gestern« gleicht einem assoziativen Depot des Alltags, ist hypothetisches Dokument und konkrete Fiktion westdeutscher Wirklichkeiten. Die Unbehaustheit der Protagonistin (≈ ihre dornige, allseits schief beäugte Freiheit) manifestiert sich dabei immer wieder in starken Bildern, etwa wenn die heimatlose Anita ihren Koffer über eine nicht enden wollende Brücke trägt, oder wenn sie ihre Morgentoilette am Ufer eines Flusses erledigt. PS: »Jeder ist an allem schuld, aber wenn das jeder wüßte, hätten wir das Paradies auf Erden.«

R Alexander Kluge B Alexander Kluge V Alexander Kluge K Edgar Reitz, Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge, Heinz Angermeyer D Alexandra Kluge, Hans Korte, Günther Mack, Werner Kreindl, Alfred Edel | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 5. September 1966

2.9.66

The Brides of Fu Manchu (Don Sharp, 1966)

Die 13 Sklavinnen des Dr. Fu Man Chu

»You have no will, no mind of your own.« Fu Manchu, in giftig glänzendes Smaragdgrün gewandet, will einmal mehr die Weltherrschaft an sich reißen und erweist sich dabei als östlicher Pervertierer westlicher Fortschrittseuphorie: Seine Schergen entführen zu Erpressungszwecken die Töchter genialer (wiederum europäischer) Wissenschaftler, deren kombinierte Forschungsergebnisse die Übermittlung von Zerstörungsenergie via Radiowellen ermöglichen. Am Fuße des marokkanischen Atlasgebirges unterhält der Teufel in Chinesengestalt in einer umgenutzten antiken Tempelanlage seine hochmoderne Leitzentrale, in der zum einen die schönen Frauen als lebende (und hörige) Faustpfände einsitzen, von der aus zum anderen die tödlichen Strahlen in den Äther gefunkt werden. Abermals von Don Sharp ins Werk gesetzt, entbehrt der zweite Teil der Reihe leider sowohl der gelassenen Stilsicherheit des Vorgängers wie auch der kühl-effektvollen Ausmalung von Gefahr: Weder jene Szene, die die ostentative Zerstörung eines Dampfschiffs zeigt, noch der Angriff auf eine hochkarätig besetzte Arms Conference, deren Teilnehmer sich in der Londoner St. Paul’s Cathedral versammeln, schöpfen das vorhandene Spannungspotential auch nur ansatzweise inszenatorisch aus. »In a few moments the entire world will capitulate to me«, phantasiert Fu Manchu; seinem entschlossenen Verfolger Nayland Smith (Sherlock-Holmes-Darsteller Douglas Wilmer ersetzt Nigel Green) gelingt es, wie zu erwarten war, eben dies zu verhindern, freilich ohne das schlitzäugige Grundübel endgültig ausmerzen zu können: »The world shall hear from me again.«

R Don Sharp B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K Ernest Steward M Bruce Montgomery A Frank White S Allan Morrison P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Douglas Wilmer, Heinz Drache, Maria Versini, Tsai Chin | UK & BRD | 93 min | 1:1,85 | f | 2. September 1966

# 865 | 22. Mai 2014

26.8.66

La voleuse (Jean Chapot, 1966)

Schornstein Nr. 4

1966. Was macht eigentlich Romy Schneider? Sie ist längst nicht mehr Sissi, und die skandalträchtige Liaison mit Alain Delon liegt ebenfalls hinter ihr. Sie ist auch noch nicht der große französische Star in Meisterwerken von Sautet, Chabrol, Zulawski. Mitte der 60er Jahre lebt Romy Schneider in Berlin. Eigentlich will sie Theater spielen. Stattdessen dreht sie einen Film: die französisch-deutsche Koproduktion »La voleuse«. Schneider ist Julia Kreuz, eine junge Berlinerin, die ihrem Gatten Werner, einem leitenden Angestellten (Michel Piccoli), eines Tages mitteilt, daß sie aus der Zeit vor ihrer Ehe einen siebenjährigen Sohn habe, ein Kind, das nach der Geburt zu Pflegeeltern im Ruhrgebiet gegeben wurde. Jetzt fordert sie den Jungen zurück. Der polnischstämmige Stahlarbeiter Kostrowicz (Hans-Christian Blech) wehrt sich nach Kräften gegen das Ansinnen der leiblichen Mutter. Als ihm der Kleine weggenommen wird, droht er, sich vom höchsten Schornstein seines Werkes in den Tod zu stürzen … Ein Film zwischen allen Stühlen: zwischen den Sprachen, zwischen den Klassen, zwischen den Zeiten, zwischen Großstadt und Industrierevier, zwischen Gefühlsexplosion und Abstraktion, zwischen formierter Gesellschaft und maßlosem Individualismus. Die hochbewußt komponierten schwarzweißen Franscope-Bilder (Kamera: Jean Penzer), die literarischen Wortwechsel (Dialoge: Marguerite Duras), die Auflösung der Erzählung in Szenenbruchstücke (Regie: Jean Chapot) enträtseln – bewußt, wie zu vermuten ist: – nicht den Impuls, der die weibliche Hauptfigur treibt: Ist ihre Obsession Spätfolge eines nichtgelebten Lebens? Oder pathologisches Alleshabenwollen? Oder Leiden an den Verhältnissen? Oder ein Überschuß an Liebe? Julia Kreuz bleibt unerklärlich. Vielleicht spielt Schneider vor den weißen Wänden des Neubau-Apartments ein wenig zu offensichtlich gegen ihr vormaliges Herziges-Mädel-Image an, vielleicht duftet die Beschwörung von Leere und Desorientierung, von Entfremdung und Fragmentierung ein bißchen zu sehr nach ›Antonioni Nº 5‹ oder ›Miss Resnais‹ – dabei aber entwirft »La voleuse« sowohl ein außergewöhnliches Frauenportrait als auch eine bemerkenswerte Darstellung der Bundesrepublik zwischen wirtschaftswunderlicher Restauration und kulturrevolutionärem Umbruch.

R Jean Chapot B Marguerite Duras, Jean Chapot K Jean Penzer M Antoine Duhamel A Willy Schatz S Ginette Boudet P Claude Jaeger, Hans Oppenheimer D Romy Schneider, Michel Piccoli, Hans-Christian Blech, Sonia Schwarz, Mario Huth | F & BRD | 88 min | 1:2,35 | sw | 26. August 1966

24.8.66

Fantastic Voyage (Richard Fleischer, 1966)

Die phantastische Reise

Kaum ist der Weltraum mittels Raketentechnik in greifbare Nähe gerückt, wendet sich das Kino nach Innen: Der menschliche Körper wird zum Universum, dessen unendliche Weiten gefahrvolle Abenteuer bereithalten. Dank der Möglichkeit, jedes beliebige Objekt (wenn auch nur für eine Zeitspanne von 60 Minuten) auf Mikrobengröße zu miniaturisieren, kann ein U-Boot mit fünfköpfiger Besatzung ins Gehirn eines eminent wichtigen Gelehrten entsandt werden, um dort ein von außen nicht operables Blutgerinsel zu entfernen. Richard Fleischer überspielt die spinnerte Prämisse der Story durch eine betont sachlich inszenierte, auf jede Musikuntermalung verzichtende erste halbe Stunde, die gleichsam die realistische Rampe für die folgende sagenhafte Fahrt durch Blutbahnen und Lungenbläschen, Gehörgänge und Sehnerven bildet. Auf der Reise offeriert Fleischer reichlich Lavalampen-Psychedelik (die Ausstattung besorgte Jack Martin Smith, der unter anderem Minnellis bunt-nostalgisches St. Louis und Cleopatras überkandideltes Ägypten entwarf) sowie manchen pseudophilosophischen Gemeinplatz (»We stand in the middle of infinity between outer and inner space, and there’s no limit to either.«), doch die wirkungsvoll mit Thriller- und Actionelementen angereicherte, in Echtzeit erzählte Wissenschaftsphantasmagorie bietet auch unvergeßliche Momente: Raquel Welch von Antikörpern gewürgt, Arthur Kennedy im Laserkampf gegen einen Thrombus, Donald Pleasence von Leukozyten attackiert, zu guter Letzt Menschen im Tränenbad – »things no one has ever seen before«.

R Richard Fleischer B Harry Kleiner, David Duncan K Ernest Laszlo M Leonard Rosenman A Jack Martin Smith, Dale Hennesy S William B. Murphy P Saul David D Stephen Boyd, Donald Pleasence, Arthur Kennedy, Raquel Welch, Edmond O’Brien | USA | 100 min | 1:2,35 | f | 24. August 1966

# 1080 | 12. Oktober 2017

22.8.66

Lange Beine – lange Finger (Alfred Vohrer, 1966)

»Heller Kopf und edle Rasse – / ja, dann stimmt es mit der Kasse.« Die junge, hübsche Baronesse Holberg steht in einer dreihundertjährigen Familientradition des Schmuck- und Taschendiebstahls; von ihrer Großmutter erbte sie das Anderthalb-Finger-System, das sie virtuos zur Perfektion brachte. Der stolze Vater (Martin Held) muß zu seinem Entsetzen erleben, daß sich die kriminell hochtalentierte Tochter (Senta Berger) ausgerechnet in einen Anwalt aus angesehener englischer Unternehmerfamilie (Joachim Fuchsberger) verliebt und beschließt, bürgerlich zu werden. Welche Schande! … Zwischen seine zahllosen Edgar-Wallace-Variationen schiebt Alfred Vohrer eine kreuzbrave, wenig trickreiche Liebes- und Diebeskomödie, die nicht ungeschickt internationales Flair, anrüchiges Laissez-faire und satirischen Aufmupf vortäuscht. Doch auch ein ausgelassenes Ensemble, ein courrègeskes Kostümbild und die Erkenntnis, daß die Ehrlichen den Unehrlichen längst überlegen sind, weil sie gelernt haben, auf ehrliche Weise unehrlich zu sein, verwandeln die biedersinnigen Gewagtheiten einer ungelüfteten Boulevardbühne nicht in zubeißende Gesellschaftspersiflage.

R Alfred Vohrer B Peter Lambda, Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius K Karl Löb M Martin Böttcher A Isabella Schlichting, Werner Schlichting S Jutta Hering P Artur Brauner D Senta Berger, Martin Held, Joachim Fuchsberger, James Robertson Justice, Irene von Meyendorff | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 26. August 1966

12.8.66

Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden? (Kurt Hoffmann, 1966)

Noch einmal inszeniert Kurt Hoffmann die Justizkomödie »Hokuspokus« von Curt Goetz, wobei er sich weniger geschmackssicher zeigt als bei seiner ersten Adaption 13 Jahre zuvor: Ein überflüssiger Prolog breitet Nebenumstände der zu verhandelnden Tat aus (wenn es denn überhaupt eine »Tat« gibt) und verzögert den Einstieg in die eigentliche Handlung; weder der gutbürgerlich-onkelhafte Heinz Rühmann noch die affektiert-neckische Liselotte Pulver treffen den weltläufigen Goetz-Ton. Hohen visuellen Reiz entfaltet indes das von Otto Pischinger entworfene Bühnenbild, das für Außen- und Innenszenen des Stücks eine gleichermaßen modernistisch-artifizielle Kulissenwelt schafft und das Lustspiel um hypothetische Tatsachen und tatsächliche Hypothesen stellenweise in eine schicke Rechtsgroteske verwandelt. Helmut Käutners verspielte Scribe-Verfilmung »Das Glas Wasser« (1960) oder die antiillusionistischen Ausstattungen zeitgenössischer Fernsehspiele mögen hier Pate gestanden haben.

R Kurt Hoffmann B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V Curt Goetz K Richard Angst M Franz Grothe A Otto Pischinger S Dagmar Hirtz P Hans Domnick, Heinz Angermeyer D Heinz Rühmann, Liselotte Pulver, Fritz Tillmann, Richard Münch, Stefan Wigger | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 12. August 1966

# 816 | 19. Dezember 2013