6.10.59

Pillow Talk (Michael Gordon, 1959)

Bettgeflüster

Die erste Komödien-Kollaboration des Trios Day/Hudson/Randall schleicht um ihr großes Thema (SEX!SEX!SEX!) wie die Katze um den heißen Brei – ohne dabei das Mausen zu lassen. »Pillow Talk« verzichtet sinnvollerweise auf jegliche sinnvolle Handlung, und Regisseur Michael Gordon nutzt den entstehenden Freiraum, um drei großstädtisch-burleske Archetypen – Teflon-Blondine (Doris), Salon-Beefcake (Rock), Screwball-Neurotiker (Tony) – zur vollsten Entfaltung zu bringen, indem er sie in immer neuen Konstellationen auf- und gegeneinanderhetzt. Neben einem Feuerwerk von Frotzeleien und Anzüglichkeiten ist Thelma Ritter als dauerverkaterte Zugehfrau ein weiterer Aktivposten dieses Werks, das sehr gelungen eine ver­gnügliche Summe der Fifties zieht. PS: »There must be a boy! There MUST!«

R Michael Gordon B Stanley Shapiro, Maurice Richlin K Arthur E. Arling M Frank De Vol A Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter, Martin Melcher D Doris Day, Rock Hudson, Tony Randall, Thelma Ritter, Nick Adams | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 6. Oktober 1959

5.10.59

Maibowle (Günter Reisch, 1959)

»Der junge Vater Mai ist ein Kollege. / Er kommt im hellen Hemd und roten Schlips.« Zum 10. Jahrestag der DDR (und zur Beflügelung des staatlichen Chemieprogramms) legt die Defa ein leicht angeschwipstes Lustspiel auf den Gabentisch der Republik: Der alte Herzenskommunist Meister Lehmann (knorrig: Erich Franz) wird zum 65. Geburtstag mit dem ›Banner der Arbeit‹ ausgezeichnet; seine vielen Kinder erfinden zunächst allerlei Ausreden, um dem Ehrenfest fernzubleiben, versammeln sich dann aber doch vor der Kulisse des fröhlich dampfenden Werks zum Anstoßen mit der traditionellen »Maibowle« … Der Schauplatz der musikalischen Klamotte, die sich redlich müht, einige Entartungen des sozialistischen Alltags aufzuspießern, heißt Grünefeld (ein Schelm, wer Böses (= Bitterfeld) dabei denkt); die Stimmung ist so gelöst wie beim vorgärtlichen Tischtennismatch zwischen Walter Ulbricht und seiner Lotte. PS: »Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit«, dichten die Planakrobaten – »… und Kunst!« möchte der neue (= rote) Mensch zukunftsfreudig ergänzen.

R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Otto Merz M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ekkehard Schall | DDR | 94 min | 1:1,37 | f | 5. Oktober 1959

1.10.59

Das Totenschiff (Georg Tressler, 1959)

»Kamele und Esel legen sich hin, wenn sie nicht mehr können. Aber der Mensch läßt sich martern. Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnungen macht.« Eine Nutte klaut dem amerikanischen Matrosen Philip Gale (Horst Buchholz) in Antwerpen die Börse samt Seefahrtbuch. Seiner Papiere (= seiner Tatsächlichkeit) beraubt, sitzt der Schiffer auf dem Trockenen und wird zur Unperson. Ein kafkaesker Alptraum beginnt: ohne Ausweis keine Arbeit, kein Aufenthalt, kein Leben. Es bleibt die Flucht mit unbekanntem Ziel – der Weg führt vorbei an einem zarten, sommerlichen, hoffnungslosen Versprechen auf Liebe; am Ende wartet das Schicksal in Form eines rostigen Frachters, der den Tod geladen hat: Der Dienst auf der ›Yorikke‹ verheißt nichts als »blood, toil, tears and sweat«, doch ohne Erlösung, ohne Sieg, ohne Chance auf Überstehen: »Who enters here / Will no longer have existence; / His name and soul have vanished / And are gone for ever.« Georg Tresslers Adaption des Romans von B. Traven verzichtet auf den sozialkritisch-antikapitalistischen Impetus der Vorlage zugunsten der Gestaltung eines (im Camus’schen Sinne) absurden Abenteuerfilms: Die Erzählung zerfällt in einzelne, immer bedrückender werdende Episoden, um schließlich im Bild eines verzweifelten Mannes inmitten der grenzenlosen Einsamkeit des offenen Meeres zu kulminieren. Von Heinz Pehlke mit sensibler Strenge fotografiert, gewährt »Das Totenschiff« nur einen Trost: ob arme Schweine (Mario Adorf, Helmut Schmid und Günter Meisner als geknechete Maschinisten) oder fiese Ratten (Werner Buttler und Alf Marholm als befehlshabende Exploiteure) – am Ende sind sie alle gleich. Nämlich tot.

R Georg Tressler B Hans Jacoby, Georg Tressler V B. Traven K Heinz Pehlke M Roland Kovac A Emil Hasler, Walter Kutz S Ilse Voigt P Georg Tressler, José Kohn D Horst Buchholz, Mario Adorf, Helmut Schmid, Werner Buttler, Elke Sommer | BRD & MEX | 98 min | 1:1,37 | sw | 1. Oktober 1959

24.9.59

Rosen für den Staatsanwalt (Wolfgang Staudte, 1959)

Deutsche Karrieren im Gegenschnitt. Gefreiter Rudi Kleinschmidt (schlurfig-gewitzt: Walter Giller) wird kurz vor Kriegsende wegen Diebstahls zweier Dosen Fliegerschokolade auf Betreiben des fanatischen Militärjuristen Wilhem Schramm (hochtönend-zackig: Martin Held) wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Fünfzehn Jahre später schlägt sich der seiner Hinrichtung durch glücklichen Zufall (alliierte Tiefflieger!) knapp entronnene Delinquent als Handelsreisender in Sachen Zauberkarten und Selbstbinder eher erfolglos durchs Wirtschaftswunder, während es der unverbesserliche Justizmörder (unter Verschweigung seiner beruflichen Vorgeschichte) zum Oberstaatsanwalt in einer aufstrebenden Großstadt gebracht hat. Die beiden treffen sich zufällig wieder, und noch einmal kommt es zur Gerichtsverhandlung … Wolfgang Staudtes ironisch-süffisante Betrachtung der seilschaftendurchzogenen, vergangenheitsverstrickten, maulheldenhaften bundesdeutschen Nachkriegswirklichkeit folgt – zum Wohle eines gesellschaftspolitisch-romantischen happy endings (im Rückspiegel!) nicht ganz konsequent – dem berühmten Diktum von Bertolt Brecht: »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.« (Oder vielleicht doch?)

R Wolfgang Staudte B Georg Hurdalek K Erich Claunigk M Raimund Rosenberger A Walter Haag S Klaus M. Eckstein P Kurt Ulrich D Martin Held, Walter Giller, Ingrid van Bergen, Camilla Spira, Werner Peters | BRD | 98 min | 1:1,37 | sw | 24. September 1959

9.9.59

125, rue Montmartre (Gilles Grangier, 1959)

Tatort Paris

Pascal verdingt sich als Zeitungsverkäufer, ruft auf den Straßen von Paris mehrmals täglich die neuesten Nachrichten aus; Lino Ventura (dessen kompakte Figur in Windjacke und Turnschuhen steckt) spielt den crieur de journaux als harten Hund mit weichem Kern, großstädtisch und bodenständig, aufbrausend und mitmenschlich. Als sich ein Unbekannter in die Seine stürzt, fischt Pascal den Ertrinkenden beherzt wieder heraus, kümmert sich bäßbeißg-mitfühlend um den verzweifelten Mann, läßt sich dessen dramatische Lebens-(und Liebes-)geschichte erzählen und von ihm in eine (bürgerliche) Intrige verstricken – wobei der (proletarischen) Samariter schließlich als vermeintlicher Raubmörder verhaftet wird … Der Titel des ironischen kleinen Thrillers (der mit Detailfreude die gegensätzlichen Milieus (über-)zeichnet und zur Auflösung in einen Zirkus führt) benennt nicht den Schauplatz der Handlung: 125, rue Montmartre ist die Adresse eines Pressevertriebs, ein Haus im Herzen des alten Zeitungsviertels der französischen Hauptstadt. Nicht ohne Süffisanz beobachtet Gilles Grangier (an zahlreichen Originalschauplätzen), wie der burschikose Held seines fait divers zum Protagonisten einer jener Revolvergeschichten wird, die er ansonsten der sensationslüsternen Leserschaft zum Fraß vorwirft.

R Gilles Grangier B Michel Audiard, Jacques Robert, André Gillois, Gilles Grangier V André Gillois K Jacques Lemare M Jean Yatove A Robert Bouladoux S Jacqueline Sadoul P Lucien Villard D Lino Ventura, Robert Hirsch, Andréa Parisy, Jean Desailly, Dora Doll | F | 85 min | 1:1,66 | sw | 9. September 1959

# 820 | 31. Dezember 2013

6.9.59

Pociąg (Jerzy Kawalerowicz, 1959)

Nachtzug

Ein überfüllter Zug fährt durch eine heiße Sommernacht, an Bord eine Gruppe bunt zusammengewürfelter Menschen: katholische Priester auf Pilgerreise, ein alter Mann, der nicht schlafen kann, weil ihn die Stockbetten der Abteile an Buchenwald erinnern, eine junge Frau, die sich aus ihrer langweiligen Ehe in eine x-beliebige Affäre stürzen möchte, eine andere, die vor ihrem fordernden Geliebten (gespielt vom »polnischen James Dean« Zbigniew Cybulski) flüchtet, ein ruppiger Mann, der aus unbestimmtem Grund alleine sein will und schließlich für den Mörder seiner Gattin gehalten wird – ihre Schicksale laufen zusammen und wieder auseinander wie Gleise in einsamer Landschaft. Jerzy Kawalerowicz entfaltet in dichten, schummrigen Bilder (Jan Laskowski) zu melancholischen Cool-Jazz-Klängen (Andrzej Trzaskowski) ein sprödes, leises Drama der gleichzeitigen Angst vor und Sehnsucht nach Nähe. Nur einmal verläßt die Erzählung die Enge des Schauplatzes: wenn die Fahrgäste bei Tagesanbruch dem (wirklichen) Verbrecher hinterjagen und (auf einem Friedhof!) wie eine Meute toller Hunde über ihn herfallen… Am Morgen erreicht der Nachtzug das Meer. Die Reisenden gehen auseinander – jeder zurück in sein Alleinsein.

R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Jerzy Lutowski K Jan Laskowski M Andrzej Trzaskowski A Ryszard Potocki S Wiesława Otocka P Jerzy Rutowicz D Lucyna Winnicka, Leon Niemczyk, Teresa Szmigielówna, Zbigniew Cybulski, Helena Dabrowska | PL | 99 min | 1:1,37 | sw | 6. September 1959

4.9.59

Der Frosch mit der Maske (Harald Reinl, 1959)

»Der Frosch! Der Frosch mit der Ma...« Harald Reinls sauber exekutierter Westentaschenkrimi nach Edgar Wallace spielt in einem ziemlich bundesdeutsch wirkenden Phantasie-London, das von einem maskierten Schwerverbrecher und seiner Bande in japsendem Atem gehalten wird. »Der Frosch mit der Maske« führt in ein (nur oberflächlich betrachtet) idyllisches Landhaus (wo Eva Anthes (= Elfi von Kalckreuth), eine Volksausgabe von Romy Schneider, ihre Unschuld hütet) und in eine verruchte Nachtbar (wo Eva Pflug als vollreife ›Lolita‹ in rasantem Kleid »Nachts im Nebel an der Themse« singt), auf begüterte Schlösser und in kahle Todeszellen – es ist ein Reich der ironisch zugespitzten Krimi-Stereotypen, des rechtschaffenen Schreckens, der sorgsam geordneten Unordnung (als deren definitiver Protagonist sich Joachim Fuchsberger präsentiert). Die kriminelle Allgegenwart des Schurken, der aus der Anonymität seine tödlichen Fäden zieht, erinnert von Ferne an Norbert Jacques' Zersetzungsgenie Dr. Mabuse, doch der ›Frosch‹ verfolgt letztlich keine asozial-ideologischen sondern (passend zur Entstehungszeit des Films mitten im glitzernden Wirtschaftswunder) ausschließlich eigennützig-finanzielle Interessen.

R Harald Reinl B Trygve Larsen (= Egon Eis), J. Joachim Bartsch V Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Willi Mattes A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Siegfried Lowitz, Joachim Fuchsberger, Jochen Brockmann, Karl Lange, Eva Anthes (= Elfi von Kalckreuth) | DK | 90 min | 1:1,37 | sw | 4. September 1959

Arzt ohne Gewissen (Falk Harnack, 1959)

Der deutsche Arztfilm gefällt sich für gewöhnlich in der Apotheose des integren Heilkünstlers, der stets als unfehlbare Autorität zwischen den Sterblichen schwebt. »Arzt ohne Gewissen« stellt sich genretechnisch quer, bekleckert zum einen den blütenreinen Kittel der Mediziner mit häßlichen braunen Flecken und läßt überdies den Herzspezialisten Dr. Lund (Ewald Balser, der fünf Jahre zuvor noch den legendären Prof. Sauerbruch als archetypischen Halbgott in Weiß gab) in seinem heroischen Kampf gegen Krankheit und Tod die Grenze von Genie zu Wahnsinn überschreiten. Als Pionier der Transplantationschirugie kennt Lund – dem ein ehemaliger KZ-Arzt (sinister: Wolfgang Kieling) wertvolle Assistenzdienste leistet – kein Pardon für »lebensunwertes Leben« (in diesem Fall das eines (von Karin Baal verkörperten) leichten Mädchens), wenn es um die Rettung einer superioren Existenz (genauer gesagt einer (von Cornell Borchers gespielten) begnadeten Opernsängerin) geht. Falk Harnack erzählt mit sicherem Gespür für die aus Forscherehrgeiz und Gewissenskonflikten entspringenden Spannungs- und Horrormomente. Helmuth Ashleys Fotografie bleibt bei alldem betont sachlich – der gotische Grusel steigt allein aus der moralischen Problematik des Stoffes empor.

R Falk Harnack B Werner P. Zibaso K Helmuth Ashley M Siegfried Franz A Hans Berthel, Robert Stratil S Walter Boos P Ilse Kubaschewski D Ewald Balser, Wolfgang Preiss, Barbara Rütting, Cornell Borchers, Wolfgang Kieling | BRD | 95 min | 1: 1,37 | sw | 4. September 1959

3.9.59

Labyrinth (Rolf Thiele, 1959)

Nadja Tiller als neurotisch-alkoholische Jet-Set-Lyrikerin Georgia Gale, die sich im exklusiven Schweizer Sanatorium von Dr. de Lattre (Amedeo Nazzari) körperlich und seelisch entgiften lassen will. Die ausgebrannt-selbstmitleidige Schnepfe durchläuft das titelgebende Labyrinth der Irrungen und Wirrungen (inklusive einer kurzen Flucht in religiöse Erlösungsphantasien), bis sie der malerische Selbstmord einer depressiven Mitpatientin endlich zur Besinnung bringt. Rolf Thiele visualisiert die gutgenährte Lebensnot und -leere der (nicht nur) bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft mit gewohnt exaltierten Regieeinfällen. Modernistisches l’art pout l’art à l’allemande.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Gregor von Rezzori V Gladys Baker K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon, Peter Röhrig S Anneliese Schönnenbeck P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Peter von Eyck, Amedeo Nazzari, Nicole Badal, Hanne Wieder | BRD & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 3. September 1959

2.9.59

Maigret et l’affaire Saint-Fiacre (Jean Delannoy, 1959)

Maigret kennt kein Erbarmen 

Vierzig Jahre nachdem er seine Heimat (in der Auvergne) verließ, kehrt Maigret zurück auf das Schloß, wo sein Vater einst als Verwalter diente. Die lange schon verwitwete Gräfin de Saint-Fiacre (als Junge war Maigret ein wenig in sie verliebt) hat ihn gerufen, weil sie einen anonymen Brief erhielt, der ihren Tod für den Aschermittwoch verkündet – und tatsächlich stirbt die fromme Dame mit dem Aschenkreuz auf der Stirn während der Heiligen Messe … Maigret hat nicht nur den Heimgang einer alten Flamme zu beklagen (und kriminalistisch zu untersuchen), er sieht (s)ein (jedenfalls gefühlt) besseres Gestern in Scherben liegen: Der Herrensitz wurde leergeplündert, um die Verschwendungssucht des Sohnes (Michel Auclair) zu befriedigen; statt Klasse, Stolz und Tugend walten nur mehr Gier, Zynismus und Herzlosigkeit hinter der vornehmen Fassade. Jean Delannoy taucht »Maigret et l’affaire Saint-Fiacre« in novembrige Stimmung, in erschöpftes Grau, in ländliche Tristesse; Jean Gabin spielt den Kommissar mit leiser Resignation, die peu à peu in einen doppelten Zorn umschlägt: Zorn (und Degout) über die heruntergekommene Provinzgesellschaft, Zorn (und Schmerz) über die zweite Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Jean Prodromidès A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Robert Gascuel D Jean Gabin, Michel Auclair, Robert Hirsch, Valentine Tessier, Paul Frankeur | F & I | 101 min | 1:1,66 | sw | 2. September 1959

20.8.59

Blind Date (Joseph Losey, 1959)

Die tödliche Falle 

»We are having a party / Myself and I.« Fröhlich eilt der arme Schlucker Jan van Rooyer (Hardy Krüger) quer durch London zum Rendezvous mit seiner Geliebten. Als er ihr Apartment betritt, ist die Heißbegehrte noch nicht da. Statt ihrer erscheint die Polizei. Im Nebenzimmer wird die Leiche der Wohnungsbesitzerin gefunden. Jan bricht fassungslos zusammen und steht unter dringendem Verdacht, seine reiche Freundin mit einem Kissen erstickt zu haben … Joseph Loseys ambitionierter Versuch, aus billigem Whodunit-Stoff filmische Haute-Couture zu schneidern, gelingt insofern erstaunlich gut, als er die unlogische Intrige fast vollständig ignoriert, sich stattdessen auf die Charakterisierung der drei Prota­gonisten konzentriert: Jan, zorniger junger Künstler, idealistisch und impulsiv; Jacqueline (Micheline Presle), das Opfer (?), klassische Schönheit, glühend erkaltet an der Seite eines einflußreichen Mannes; Inspector Morgan (Stanley Baker), störrisch-brillanter Kriminalist, gesnobt von seinen gesellschaftlich gutvernetzten Kollegen – ein Holländer, eine Französin, ein Waliser, allesamt und jeder für sich gestrandet in einer fremden Umgebung, auf Grund gelaufen in ihrem Leben, gefangengesetzt in der eigenen Existenz. Losey entwickelt aus diesem Dreieck eine facettenreiche, visuell exakt durchkomponierte Studie der Einsamkeit, die Topographie einer Welt ohne wirkliche Nähe, ohne tiefe Berührung, ohne verstehenden Blick. Nicht von ungefähr ist »Blind (!) Date« ein Film der Spiegel – das reflektierende Glas wird zum bildlichen Ausdruck der gebrochenen Kommunikation zwischen den entzwei geschlagenen Menschen.

R Joseph Losey B Ben Barzman, Millard Lampell V Leigh Howard K Christopher Challis M Richard Rodney Bennett A Harry Pottle S Reginald Mills P David Deutsch D Hardy Krüger, Stanley Baker, Micheline Presle, Gordon Jackson, John Van Eyssen | UK | 95 min | 1:1,66 | sw | 20. August 1959

24.7.59

Die Nackte und der Satan (Victor Trivas, 1959)

»Was ist meine Vergangenheit? Die meines Körpers oder die meines Kopfes?« ¾ Mad-Scientist-Horror-SciFi + ¼ Unterwäsche-Revue, made in Adenauer-Deutschland: Mittels ›Serum Z‹ gelingt es dem genialen Mediziner Prof. Abel (legendär: Michel Simon), einen Hundekopf getrennt vom Körper am Leben zu halten. Kurz darauf muß Abels eigener Kopf mitansehen, wie er von seinem begabten, aber leider völlig verrückten Assistenten Dr. Ood (satanisch: Horst Frank) dem gleichen Experiment unterzogen wird. Außerdem verpflanzt der irre Arzt – mit Erfolg! – den bildschönen Kopf einer buckligen Krankenschwester auf den makellosen Körper einer Stripteasetänzerin aus dem ›Tam-Tam‹ (mehr oder weniger nackt: Christiane Maybach) ... Unter der Ägide des späteren »Schulmädchen«-Reporters Wolf C. Hartwig versammelt Remigrant Victor Trivas nicht nur einen illustren Cast sondern vor allem eine filmhistorisch imposante Crew – Kamera: Georg Krause (»Paths of Glory«) / Bauten: Hermann Warm (»Dr. Caligari«) / Effekte: Theo Nischwitz (»Münchhausen«). Heulen und Zähneklappern wollen sich zwar nicht einstellen, für makabres Amüsement sorgt »Die Nackte und der Satan« aber allemal. Auf die alte Frage, wie weit Wissenschaftler gehen dürfen, gibt der Film im übrigen eine klare, moralisch-fundierte Antwort: bis in die nächste Nachtbar.

R Victor Trivas B Victor Trivas K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Friedel Buckow P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Michel Simon, Paul Dahlke, Karin Kernke, Christiane Maybach | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 24. Juli 1959

23.7.59

Menschen im Netz (Franz Peter Wirth, 1959)

Einer der ganz wenigen Versuche des bundesdeutschen Nachkriegskinos, sich mit der Wirklichkeit des geteilten Landes auseinanderzusetzen. Anders als für das DDR-Filmstudio Defa spielt die Existenz zweier deutscher Staaten mit gegensätzlichen (und gegnerischen) Gesellschaftssystemen für westliche Produzenten jahrzehntelang praktisch keine Rolle. »Menschen im Netz« verarbeitet die Problematik zu einem kolportagehaften Genrestück mit zaghaft veristischen Ansätzen: Nach fünf Jahren Bautzen-Haft wird Klaus Martens (Hansjörg Felmy) vorzeitig entlassen und reist zu seiner Frau Gitta (Johanna von Koczian) nach München. Die Wiedersehensfreude ist groß, doch schon bald fallen Schatten auf das wiedervereinigte Eheglück. Klaus ist mißtrauisch: Wovon bezahlt seine Frau ihre schicke Wohnung? Warum erzählt sie nie von ihrer Arbeit im ›Schreib- und Übersetzungsbüro Fischer‹? Wohin geht sie Abend für Abend wirklich? Die traurige Wahrheit: Um ihren Mann freizubekommen, trat Gitta in den Dienst des ostzonalen Geheimdienstes – eine Kooperation, die tödlich endet … Franz Peter Wirth inszeniert das (auf einem Illustriertenroman basierende) Kriminaldrama straff und unsentimental, mit Blick aufs »Menschliche« und Sinn für stimmige Alltagsimpressionen, jedoch ohne politische Vertiefung und weitgehend beherrscht von gattungstypischen Klischees. Die Ostagenten heißen Olga, Karel, Janosch – und sehen auch so aus. Ihre Treffpunkte sind Hotellobbys, Bumslokale, Lagerhallen. Interessant allerdings, daß die westliche Konkurrenz auch nicht einnehmender ist: Ein gewisser Herr Braun von der Spionageabwehr (Hannes Messemer) fällt stets mit der Tür ins Haus, erklärt sich nicht, stellt ohne Umschweife bohrende Fragen, droht mit bellender Wochenschaustimme Unangenehmes an, wirft, wie seine Gegenspieler, Netze aus, in denen sich Unschuldige verfangen.

R Franz Peter Wirth B Herbert Reinecker V Will Tremper, Erich Kern K Günther Senftleben M Hans-Martin Majewski A Franz Bi S Claus von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Hannes Messemer, Ingeborg Schöner, Olga von Togni | BRD | 96 min | 1:1,66 | sw | 23. Juli 1959

17.7.59

North by Northwest (Alfred Hitchcock, 1959)

Der unsichtbare Dritte

Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«

R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye Ko Harry Kress S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959

1.7.59

Der Rest ist Schweigen (Helmut Käutner, 1959)

Die Bundesrepublik statt Dänemark, Essen statt Helsingør: John H. (!) Claudius (≈ Hamlet = Hardy Krüger) kehrt nach langjähriger Abwesenheit aus amerikanischer Emigration heim (?) ins wirtschaftswunderliche Deutschland, um den 15 Jahre zurückliegenden Tod seines Vaters, eines ehemaligen Reichswirtschaftsführers, zu untersuchen und (nachdem sich das Ableben des Ruhrbarons als heimtückischer Brudermord erwiesen hat) zu rächen – wobei, wie zu erwarten, Unentschlossenheit und Zweifel aufkommen… Helmut Käutner verschiebt das Shakespeare-Stück recht klug in die Villa einer Industriellensippschaft der Nachkriegszeit, deren blutig-intrigante Geschichte durchaus zur Allegorie der versuchten Verdrängung von Schuld und des eitrigen Hervorquellens einer unbewältigten Vergangenheit taugt. Hartes Licht (Kamera: Igor Oberberg), ungemütliche elektronische Klänge (Musik: Bernhard Eichhorn), ein sehenswertes Ensemble – darunter Peter van Eyck, Rudolf Forster und Ingrid Andrée (als erst ent-, dann verrückte Fee ≈ Ophelia) – sowie der flackernde Schein der Hochöfen am nächtlichen Himmel sorgen für eine explosive Atmosphäre, in der unbequeme Wahrheiten über die (verbrecherische) Verstrickung von Politik und Wirtschaft ans Licht gebracht werden; doch vor allem in der zweiten Hälfte des erstaunlich bitteren Films drängelt sich der familiäre Krimiplot vor die gesellschaftliche Tragödie, und ohne die stilistische Brillanz und die erleuchtende Tiefe der dichterischen Sprache des großen englischen Dramatikers entgeht »Der Rest ist Schweigen« nicht ganz dem Schematismus einer Seifenoper.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner V William Shakespeare K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Helmut Käutner, Harald Braun, Wolfgang Staudte D Hardy Krüger, Peter van Eyck, Ingrid Andrée, Adelheid Seeck, Rudolf Forster | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1959