21.12.67

Rheinsberg (Kurt Hoffmann, 1967)

Die Welt von gestern in einem Film von vorgestern. Kurt Hoffmann und Herbert Reinecker entkleiden Kurt Tucholskys ironisch-zärtliches ›Bilderbuch für Verliebte‹ von jeder kritischen Anzüglichkeit, konzentrieren sich stattdessen aufs illustrativ-episodische Abfeiern der guten alten Zeit. Die Kamera (Richard Angst) schlägt dabei die eine oder andere Kapriole, ein perlender Samstagabendsound (Hans-Martin Majewski) und diverse Schnittfrivolitäten mühen sich redlich, den befreiten Ton der späten 1960er Jahre zu treffen. Die Akteure bieten im besten Falle solides Kabarett, nur Cornelia Froboess (deren Talent deutsche Filmregisseure unverzeihlicherweise kaum je mit angemessenen Rollen zu würdigen wissen) leistet mehr: Ihre hochkultivierte Kodderschnauze hält die ganze Chose souverän zusammen.

R Kurt Hoffmann B Herbert Reinecker V Kurt Tucholsky K Richard Angst M Hans-Martin Majewski A Werner Schlichting S Gisela Haller P Heinz Angermeyer D Cornelia Froboess, Christian Wolff, Werner Hinz, Agnes Windeck, Ehmi Bessel | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 21. Dezember 1967

16.12.67

Playtime (Jacques Tati, 1967)

Tatis herrliche Zeiten

Monsieur Hulots aberwitzige Karussellfahrt um das kalte Herz der Moderne. Mit der gleichen künstlerischen Radikalität wie Stanley Kubrick (dessen »2001: A Space Odyssey« parallel entsteht) fegt Jacques Tati alle Regeln der klassischen Filmdramaturgie beiseite und stellt einen einzigartigen Monolithen in die Kinogeschichte. »Playtime« hat keinen Plot sondern ein Thema, vielmehr einen Betrachtungsgegenstand: die eloxierte Welt des Spätkapitalismus, den samtgrauen internationalen Stil des materialistischen Rationalismus. »Playtime« ist eine Art Neuauflage von »Modern Times« – aber während Charlie sich noch ganz anschaulich und geradezu rührend naiv im Räderwerk altertümlicher Maschinen verhakelte, liefert Tati seine Figuren einer allesverschlingenden Abstraktion des Daseins aus, einer minutiös durchgeplanten Abwesenheit von Lebensfreude, einer eisgrauen Unlust, die bestenfalls gelegentlich durch gezielte Subversion oder schlichte Ignoranz aufzubrechen ist. In locker miteinander verbundenen Szenen, mit einem unbestechlichen Auge für architektonische Grausamkeiten und einem feinen Ohr für absurde Alltagsgeräusche werden die anonymen Orte der zeitgenössischen Existenz, die Transitstationen des unpersönlichen Lebens durchdekliniert: der Flughafen, das Büro, das Apartment, das Hotel, die Straße, das Restaurant. Tatis choreographische Komik zeigt sich auf ihrem Höhe- und Endpunkt: ultraminimalistisch und supertotal zugleich. Mit anderen Worten: es ist so lustig, daß es nichts mehr zu lachen gibt

R Jacques Tati B Jacques Tati, Jacques Lagrange K Jean Badal, Andréas Winding M Francis Lemarque A Eugène Romand S Gérard Pollicand P Bernard Maurice D Jacques Tati, Barbara Dennek, Billy Kearns, Georges Montand, Reinhard Kolldehoff | F & I | 126 min | 1:1,85 (70 mm) | f | 16. Dezember 1967

6.12.67

Théâtre de Monsieur & Madame Kabal (Walerian Borowczyk, 1967)

Jeux de massacre oder Schmetterlinge weinen nicht. Ein Film »dessiné pour les adultes« – ohne faßliche Handlung, ohne erkennbaren Sinn; stattdessen rudimentäre Figuren (Madame: eine roboterhafte Xanthippe mit mächtigem Vorbau / Monsieur: ein abgebrochener Riese mit Hang zu knusprigen Mädchen), die ein absurdes Beziehungstheater aufführen, ein mechanisches Endspiel der Gefühle. Walerian Borowczyk, polnisch-französicher Plakatgrafiker und Trickfilmer, gibt mit seinen »Bruchstücken einer Ehe« nicht nur den sardonischen Dada-Disney, er kreiert ein ganz persönliches Genre, das man vielleicht »Antimation« nennen könnte: eine Synthese aus abstrahierender Illustrationskunst und unsentimentaler Betrachtung der Welt. Mit frostigem Witz entlarven die Kabals menschliche Zwangshandlungen in einem (von unkontrollierbaren Um- und Zuständen) völlig verzeichneten Alltag.

R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Guy Durban, Francis Pronier M Avenir de Monfred S Claude Blondel P Jacques Forgeot | F | 80 min | 1:1,37 | f | 6. Dezember 1967

5.12.67

Billion Dollar Brain (Ken Russell, 1967)

Das Milliarden-Dollar-Gehirn

»Billion Dollar Brain« setzt den absurden Schlußpunkt unter die Harry-Palmer-Trilogie und funktioniert dabei in gewisser Weise als Kommentar auf die ins Kraut schießenden Bond-Phantasien der Ära (wozu auch der schicke Maurice-Binder-Titel paßt): Palmer (einmal mehr einmalig: Michael Caine) wird (von unbekannter Seite) mit dem Transport einiger mysteriöser Hühnereier von London nach Helsinki betraut und so in die Pläne des fanatisch-antikommunistisch-texanischen Ölmilliardärs General Midwinter (durchgeknallt: Ed Begley) verwickelt, der fest von der Verseuchung der amerikanischen Ostküste durch die Roten überzeugt ist und im Rahmen seines ganz persönlichen »Kreuzzugs für die Freiheit« mit Privattruppen in die Sowjetunion einzumarschieren gedenkt … Mit von der Partie: Karl Malden (als zwielichtig-eigennütziger Büttel des Bösen) Oskar Homolka (als gutmütig-gefährlicher russischer Bär) und die absolut wundervolle Françoise Dorléac (als lasziv-letale Doppelagentin). Ken »third-rate cliché« Russell dreht inszenatorisch irgendwann völlig ab (besser gesagt: auf), um sich in poppigen Riefenstahl- und Eisenstein-Parodien zu ergehen – die überspannte Spionage-Groteske verwandelt die genrepersiflierenden Elemente in pure Subversion, brilliert als entlarvender Zerrspiegel zeithistorischer Realitäten, als opulentes Politmärchen aus dem Winter unseres (Miß-)Vergnügens.

R Ken Russell B John McGrath V Len Deighton K Billy Williams M Richard Rodney Bennett A Syd Cain S Alan Osbiston P Harry Saltzman D Michael Caine, Karl Malden, Ed Begley, Oskar Homolka, Françoise Dorléac | UK | 111 min | 1:2,35 | f | 5. Dezember 1967

30.11.67

48 Stunden bis Acapulco (Klaus Lemke, 1967)

Bundesdeutscher High-End-Pulp: Schwarzweiß, Breitwand, Krimiposen. Es beginnt mit einer stilisierten credit sequence, die (untermalt von Roland Kovacs furios trompetendem Cool-Jazz-Score, der an Miles Davis’ »Sketches of Spain« oder einen Morricone-B-Movie-Soundtrack denken läßt) das ultrafiktive Geschehen grafisch antizipiert: Ein junger Typ, der schlauer sein möchte, als er ist (Dieter Geissler), wittert das große Geschäft, das schnelle Geld, gerät zwischen zwei schöne, blonde Frauen (die eine liebt ihn, die andere liebt er – weitere Unterschiede sind kaum zu erkennen) und an einen Alten (›Swing-König‹ Teddy Stauffer), der so gnadenlos-lässig ist, wie es der nachwachsende Gernegroß nie werden könnte, nicht einmal, wenn er das gefährliche Vabanquespiel – das von Schliersee über München, Rom und Mexico City in »48 Stunden bis Acapulco« führt – überlebte … Klaus Lemke (Regie) und Max Zihlmann (Buch) transponieren ihre unübersehbaren Vorbilder – Nouvelle Vague und film noir – in den saloppen sound of Munich, träumen sich, wie Zuschauer im Dunkel des Saals, in ein rein kinematographisches Abenteuer, in eine schick rhythmisierte Bildstrecke ohne Anspruch auf Abbildung von platter Wirklichkeit, in eine endlose Fahrt in einem Alfa Romeo Giulietta Cabrio, in einen Düsenflug auf die andere Seite der Welt. Das Sehnsuchtsziel aber wird zur Endstation – die Zeit der romantischen Abenteu(r)er, sie ist lange schon vorbei.

R Klaus Lemke B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Roland Kovac S Wolfgang Limmer P Joseph ›Peps‹ Kommer D Dieter Geissler, Christiane Krüger, Monika Zinnenberg, Alexander Kerst, Teddy Stauffer | BRD | 81 min | 1:2,35 | sw | 30. November 1967

13.11.67

Dance of the Vampires (Roman Polanski, 1967)

Tanz der Vampire

»That night, penetrating deep into the heart of Transylvania, Professor Abronsius was unaware that he was on the point of reaching the goal of his mysterious investigations.« Wie kommt das Böse in die Welt? Vielleicht durch das Gute, durch die Kräfte der Vernunft, die irrtümlich glauben, das Dunkel, den Wahnsinn, das Verderben mit dem Licht der Erkenntnis blenden zu können, und in stolzem Übereifer am Ende selbst zum Helfershelfer des Erzübels werden – so wie der besessene Fledermausforscher (»The Bat and Its Mysteries«) Professor Abronsius (Jack MacGowran), der mit seinem verschreckten Gehilfen Alfred (Roman Polanski) in die Einsamkeit der winterlichen Karpaten reist, um der weltbedrohenden vampiristischen Sippschaft des Grafen Krolock (»I am a night bird. I am not much good in the daytime.«) den Garaus zu machen, und das genaue Gegenteil erreicht. Polanskis, von Douglas Slocombe in Chagallblau und Blutrot getauchte, slapstickhaft-surreale genreparodistische Horrorfarce enthüllt geistreich die Verrücktheit der Ratio, deren Destruktionspotential mindestens so groß ist wie dasjenige der Mächte der Finsternis. »That night, fleeing from Transylvania, Professor Abronsius never guessed he was carrying away with him the very evil he had wished to destroy.«

R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Douglas Slocombe M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Wilfred Shingleton S Alastair McIntyre P Gene Gutowski, Martin Ransohoff D Jack MacGowran, Roman Polanski, Ferdy Mayne, Sharon Tate, Iain Quarrier | UK & USA | 108 min | 1:2,35 | f | 13. November 1967

# 1014 | 9. August 2016

10.11.67

Tony Rome (Gordon Douglas, 1967)

Der Schnüffler

Locker-leichte Late-60s-Variation der verwinkelten Chandler-Plots: Frank Sinatra, arch-crooner und leader of the (rat) pack, ermittelt als Tony Rome (Privatdetektiv mit starkem Hang zu Pferdewetten) in einer unübersichtlichen Familienangelegenheit, in der es unter anderem um teuren Schmuck, Erpressung sowie Bigamie geht, und stolpert dabei über eine stattliche Zahl von Leichen. Ort des Geschehens ist Miami Beach (»20 miles of sand looking for a city.«), die Stimmung ist groovy, die Ladies – Lyon, Rowlands, St. John – haben Bond-appeal. Gordon Douglas inszeniert mit unspektakulärem Formgefühl, Joseph Biroc fotografiert in glasklarem Sunny-noir-Stil, Nancy Sinatra steuert den Titelsong bei: »Love is for those who have the time to / Rome is for those who are inclined to.«

R Gordon Douglas B Richard Breen V Marvin H. Albert K Joseph Biroc M Billy May A Jack Martin Smith, Jim Roth S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Jill St. John, Richard Conte, Gena Rowlands, Simon Oakland | USA | 110 min | 1:2,35 | f | 10. November 1967

27.10.67

La route de Corinthe (Claude Chabrol, 1967)

Die Straße von Korinth

»Je ne vous demande pas d’y croire, je vous propose d’y rêver.« Die Schweiz bei Hitchcock, das sind Berge, Seen und Schokolade. Claude Chabrol macht es ähnlich: Griechenland, das sind Marmor und Tempel, das blaue Meer und der zirpende Klang der Bouzouki. Die amüsant-nichtige Handlung seiner visuell recht attraktiven kleinen Spy-spoof-Etüde dreht sich um irgendwelche schwarzen Kästchen, die auf mysteriöse Weise die in der Ägäis stationierten NATO-Raketen stören. Ein Abwehrmann geht tot. Dessen naiv-beherzte Witwe Shanny (Jean Seberg) klärt den Fall auf – mehr oder weniger gegen den Willen des aalglatten Sektionschefs Sharps (Michel Bouquet), der lieber seiner Loukoum-Sucht frönt als den nachrichtendienstlichen Pflichten nachzukommen, dafür unterstützt von Dex (Maurice Ronet), einem Kollegen des Verstorbenen und baldigen love interest der Hinterbliebenen … Zum zweiten Mal nach »Marie-Chantal contre Dr. Kha« stellt Chabrol eine Frau, die wie ein schutzengelbehütetes Kind durch die Traumlandschaften des Verrats wandelt, in den Mittelpunkt einer parodistischen Spionageerzählung, und wiederum geht das Konzept auf. Zwar entwickelt der Regisseur die filmische Spannung bestenfalls theoretisch, schafft aber, vermittels dubioser Zauberkünstler und mörderischer Popen, weißer Kaninchen und Gräbern mit Telefonanschluß, verstreuter Rosenblätter, die den richtigen Weg weisen, und Statuen, die dunkle Geheimnisse bergen, eine Atmosphäre von lyrischer Absurdität.


R
Claude Chabrol B Daniel Boulanger, Claude Brulé V Claude Rank K Jean Rabier M Pierre Jansen A Marilena Aravantinou S Jacques Gaillard P André Genovès D Jean Seberg, Maurice Ronet, Michel Bouquet, Christian Marquand, Saro Urzì | F & I & GR | 105 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1967

25.10.67

Le samouraï (Jean-Pierre Melville, 1967)

Der eiskalte Engel

»Qu’est-ce que vous pensez de Costello?« – »Je ne pense jamais.« Jean-Pierre Melvilles zeremonielle Studie über die totale Einsamkeit, über die Fremdheit unter anderen und in sich selbst, begleitet den Killer Jef Costello auf (s)einer Reise in den Tod. Jef (Alain Delon spielt ihn mit maskenhafter Ungerührtheit) ist ein Mann, der weder Vergangenheit noch Zukunft hat; seine Gegenwart kennt nur Aufträge und Gewohnheit, abgezirkelte Gesten und makellosen Stil. Die Erzählung – mit einem Kommissar, der niemals denkt (François Périer), mit einer Verlobten, die es mag, gebraucht zu werden (Nathalie Delon), mit einer Zeugin, die sphinxhaft schweigt (Cathy Rosier) – kombiniert bekannte Versatzstücke aus film noir und gangster movies, aber Melville geht es gar nicht um Handlung, sondern, wie seinem Protagonisten, um die vollendete Form der (Selbst-)Darstellung, um die fast parodistische Reduktion des Zeigens von Emotion. François de Roubaix trägt zu diesem Spiel der leeren Blicke und kalkulierten Bewegungen einen minimalistisch-elektronischen Soundtrack bei. Henri Decaës Kamera schwelgt in müdem Beige, staubigem Grau und frostigem Blau. Näher zum absoluten Nullpunkt drang das Kino selten vor – »Le samouraï« ist ein Film, der nichts gibt und nichts will, ein Film, der sich selbst genügt.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville, Georges Pellegrin V Joan McLeod K Henri Decaë M François de Roubaix A François de Lamothe S Monique Bonnot, Yolande Maurette P Raymond Borderie, Eugène Lépicier D Alain Delon, François Périer, Nathalie Delon, Cathy Rosier, Michel Boisrond | F & I | 105 min | 1:1,85 | f | 25. Oktober 1967

Die Fahne von Kriwoj Rog (Kurt Maetzig, 1967)

»Ich trage eine Fahne / und diese Fahne ist rot. / Es ist die Arbeiterfahne / die Vater trug durch die Not. / Die Fahne ist niemals gefallen / so oft auch ihr Träger fiel. / Sie weht heute über uns allen / und sieht schon der Sehnsucht Ziel.« Kommunistische Bergleute aus dem Mansfelder Land (= die Guten) verstecken eine ihnen (»damals, im Jahre 1929«) von sowjetischen Klassenbrüdern geschenkte Fahne (Symbol!) erfolgreich vor Grubenherren, Nazis und Amerikanern (= den Bösen). Am Ende (des Zweiten Weltkriegs / der Erzählung) kommen die heißersehnten Befreier, und das kostbare Tuch knattert fröhlich im Wind: schöne rote Welt! Jenseits der politischen Schlichtheit ein erstklassig besetztes, hervorragend fotografiertes (Kamera: Erich Gusko), von Kurt Maetzig souverän und spannend inszeniertes Epos – so macht sozialistischer Realismus Spaß.

R Kurt Maetzig B Hans Albert Pederzani V Otto Gotsche K Erich Gusko M Gerhard Rosenfeld A Dieter Adam S Brigitte Krex P Manfred Renger D Erwin Geschonneck, Marga Legal, Harry Hindemith, Eva-Maria Hagen, Manfred Krug | DDR | 108 min | 1:2,35 | sw | 25. Oktober 1967

14.10.67

Herbst der Gammler (Peter Fleischmann, 1967)

»Seit wann gammeln Sie?«
– »Seit 14 Monaten.«
– »Und wie lange wollen Sie’s noch machen?«
– »Das weiß ich nicht. Das ist unbestimmt.« München, 1966. Peter Fleischmann und sein Kameramann Klaus Müller-Laue nähern sich mit forschender Zuneigung einer Gruppe jugendlicher Aussteiger: gemütliche Milchbärte, melancholische Langhaarige, schluffige Parkatypen, die partout keine Lust auf Erwerbsarbeit haben, lieber nachts unter Bäumen im Englischen Garten schlafen und vom Winter im Süden träumen, von einem warmen Plätzchen in Spanien oder in Istanbul. Für den ›Brisk‹-frisierten Bürger und seine ondulierte Gattin hört der Spaß genau an dieser Stelle auf. Denn gingen alle einer geregelten Tätigkeit nach, bräuchte man ja die ganzen Ausländer nicht – und überhaupt: »Die Gammler sind keine Menschen. Die könnte man notfalls auch vergasen.« Früher, ja, da habe es das alles nicht gegeben – ein »kleiner Führer« müßte wieder her, der das ganze Kroppzeug ins Lager sperrt. »Herbst der Gammler« breitet sein dokumentarisches Material eher unsortiert vor dem Betrachter aus, doch gerade die formale Sprödigkeit erlaubt eindringliche Blicke auf den ewigen Abscheu des Normalverbrauchers vor dem Systemverweigerer und auf die stolze (dabei auch ein wenig traurige) Renitenz all jener, die am Rande stehen oder sich bockbeinig selbst dort hinstellen.

R Peter Fleischmann K Klaus Müller-Laue S Peter Fleischmann P Hubert Schonger | BRD | 67 min | 1:1,37 | sw | 14. Oktober 1967

12.10.67

Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn (Rolf Olsen, 1967)

»Dieser Film ist ein Tatsachenbericht. Er schildert Begebenheiten der jüngsten Zeit.« Kiez-Reporter Danny Sonntag (Erik Schumann) auf der Spur einer brandheißen Story: Jungs aus gutem Hause (unter ihnen Fritz Wepper) versorgen bemittelte ältere Lustmolche mit Partyspaß und flotten Bienen, wobei die Mädchen unter Zuhilfenahme von selbstdestilliertem LSD gefügig gemacht werden, was wiederum nicht ohne gelegentliche (tödliche) Reibungsverluste abgeht. Väter und Söhne zwischen Elbchaussee und Großer Freiheit – in der Hamburger Gesellschaft bleiben das Verlangen in der Familie und der Generationenkonflikt eine Sache des Geschäfts … Rolf Olsen (der in einer markanten Nebenrolle als unsentimentaler Arzt im Hafenkrankenhaus auftritt) erzählt zügig und effizient, dabei streng pseudoauthentisch und vergnügt doppelmoralisch von netten Ganoven und eiskalten Rebellen, läßt Titten hüpfen und Messer blitzen wie ein gewiefter Boulevardjournalist, springt wendig aus dem Puff ins Polizeipräsidium, von der Luxusyacht auf den Schulhof, aus der Unternehmervilla ins Bumslokal. Die Männer in diesem herzlich-harten St.-Pauli-Nachtstück sind brutal oder geil oder sensibel (oder alles zusammen), die Frauen sind naiv oder berechnend oder willig (oder alles zusammen), und das Verbrechen ist die unvermeidliche Zivilisationskrankheit dieser besten aller käuflichen Welten, in der die wahren Monster niemals auf die Titelseite geknallt werden.

R Rolf Olsen B Rolf Olsen K Franz X. Lederle M Erwin Halletz A Günther Kob S Renate Willeg P Heinz Willeg D Erik Schumann, Fritz Wepper, Jürgen Draeger, Konrad Georg, Marianne Hoffmann | BRD | 98 min | 1:1,66 | f | 12. Oktober 1967

11.10.67

Oscar (Edouard Molinaro, 1967)

Oscar

»Je suis zinzin!« Ein Vormittag im Hause des Unternehmers Bertrand Barnier (Louis de Funès): Barniers minderjährige Tochter verkündet greinend, ein Kind von Barniers gefeuertem Chauffeur Oscar zu erwarten, der wiederum vor lauter Kummer über seine Entlassung zum Nordpol aufgebrochen ist, Barniers Angestellter Martin verkündet fröhlich, seinem Chef (Barnier) 600.000 Francs gestohlen zu haben, um Barniers Tochter, die er zu ehelichen gedenkt, die aber gar nicht Barniers Tochter ist, ein angemessenes Leben bieten zu können, Barniers Dienstmädchen verkündet stolz ihre Kündigung, um den aristokratischen Verlobten der Tochter Barniers zu heiraten; drei Koffer kursieren, einer voller Banknoten, einer voller Diamanten, einer voller Damenwäsche; Barnier verliert immer wieder den Verstand, fegt immer wieder die Bruchstücke auf, setzt sich immer wieder neu zusammen. Längst ist der Irrsinn des bürgerlichen Lebens zur Normalität geworden, wenn es nicht sowieso immer schon so war. Star der subtilen Holzhammerkomödie ist, neben dem hochexplosiven Hausherrn, das von Georges Wakhévitch, in einer Art Markart-Stil des Nuklearzeitalters, entworfene Interieur: ein innenarchitektonischer Amoklauf zwischen Plüsch und Pop-Art, ein piranesieskes Luftschloß des modernistischen Barock, ein grellbunter Fiebertraum des bourgeoisen Futurismus. »Silence!«

R Edouard Molinaro B Jean Halain, Edouard Molinaro, Louis de Funès V Claude Magnier K Raymond Pierre Lemoigne M Georges Delerue A Georges Wakhéwitch S Monique Isnardon, Robert Isnardon P Alain Poiré D Louis de Funès, Claude Rich, Mario David, Claude Gensac, Dominique Page | F | 85 min | 1:2,35 | f | 11. Oktober 1967

9.10.67

Peppermint frappé (Carlos Saura, 1967)

Pfefferminz Frappé

Eine einfache Geschichte: Julián, alleinstehender Radiologe in einer zentralspanischen Provinzstadt, trifft seinen besten Freund aus Kindertagen wieder und verfällt dessen attraktiver junger Ehefrau, die in ihm Erinnerungen an eine vorzeiten beobachtete Karfreitagstrommlerin wachruft … Juliáns gespaltene Persönlichkeit – erzkatholischer Kulturbürger und heimlicher Erotomane – spielt die (beiden) Hauptrolle(n) in einem intimen Gesellschafts- und Beziehungsthriller, der Motive aus Buñuels Kriminalpersiflage »Ensayo de un crimen« und Hitchcocks surrealer Totenmesse »Vertigo« variiert. Der (Bieder-)Mann erscheint als Gefangener seiner Obsession, wird zwangsgesteuert von Gespenstern der Vergangenheit. Symbole dieser Besessenheit sind ein Paar falscher Wimpern und das penetrant oft ausgeschenkte altmodische Getränk, das dem Film seinen Titel gibt: giftgrüner Pfefferminzlikör auf gestoßenem Eis … »Yo voy soñando caminos
de la tarde«, heißt es in einem mehrfach zitierten Gedicht von Juliáns Lieblingslyriker Antonio Machado: Träumend gehe ich Wege im Abend. Carlos Saura folgt diesen Wegen über Grate zwischen Geist und Fleisch, zwischen Vorstellung und Gier, sowie zwischen Tradition und Moderne, womit sich die Innenschau des doppelgesichtigen Röntgenarztes zum allegorischen Zeitbild weitet. Die Kameraarbeit kombiniert ruhiges Betrachten und erregte (Kreis-)Bewegungen; die Zerrissenheit des Helden spiegelt sich in den beiden von Geraldine Chaplin gespielten Frauenfiguren: die rasante (blonde) Elena verkörpert das (sich spöttisch entziehende) Ideal, in deren Persona peu à peu die unscheinbare (brünette) Ana gedrängt wird. Das Ende ist konsequent zweideutig: Der Eintritt des ersehnten Fetischs in die greifbare Wirklichkeit bedeutet ebenso sehr triumphale Befreiung wie Sieg der Knechtschaft. Keine einfache Geschichte.

R Carlos Saura B Carlos Saura, Rafael Azcona, Angelino Fons K Luis Cuadrano M Luis de Pablo A Emilio Sanz de Soto S Pablo G. del Amo P Elías Querjeta D Geraldine Chaplin, José Luis López Vázquez, Alfredo Mayo, Emiliano Redondo, Ana María Custodio | E | 92 min | 1:1,66 | f | 9. Oktober 1967

# 832 | 23. Januar 2014

2.9.67

Muri shinju: Nihon no natsu (Nagisa Oshima, 1967)

Japanischer Sommer: Doppelselbstmord unter Zwang

1967 – Summer of Hate. Eine Achtzehnjährige, die mit allen Männern schlafen will, und ein Namenloser, der sich töten lassen möchte, geraten an eine Gruppe von Bewaffneten (Gangster? Terroristen?), die sich in einer schier endlosen Folge von Shootouts gegenseitig dezimieren, während die (wie ausgestorben daliegende) Stadt gleichzeitig von einem Heckenschützen heimgesucht wird... Weniger Action-Kino denn absurdes Theater, verbindet Nagisa Oshimas Film (in hochstilisierten Schwarzweiß-Bildern) system­kritische Ausbrüche von Haß und anarchisch-sexualisierte Gewaltphantasien zu einer apokalyptischen Amok-Farce, in der sich die gesellschaftlichen Erschütterungen der späten 1960er Jahre zerrspiegeln.

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima, Mamoru Sasaki, Takeshi Tamura K Yasuhiro Yoshioka M Hikaru Hayashi A Shigemasa Toda S Keiichi Uraoka P Masayuki Nakajima, Takuji Yamaguchi D Keiko Sakurai, Kei Sato, Rokko Toura, Shunsuke Mizoguchi, Bunya Ozawa | JP | 98 min | 1:2,35 | sw | 2. September 1967

31.8.67

Heißes Pflaster Köln (Ernst Hofbauer, 1967)

»Man ist nicht sehr fein im ›Chicago am Rhein‹.« Köln – das bedeutet Dom und ›4711‹, Karneval und Millowitsch. Aber die Stadt hat auch eine andere Seite: Klingelpütz und Bandenkriege, gewerbsmäßige Unzucht und sittliche Verrohung. Da erweisen sich gutkatholische Hausväter als regelmäßige Bordellgänger, da peitschen Ganoven hohnlachend ihre Rivalen zu Tode, da wird ein rechtschaffener Staatsanwalt von Halunken terrorisiert, da foltern sadistische Teenagerinnen ein armes, altes Tantchen mit dem Toaster … Zentralfigur der kriminalistischen Milieustudie ist der proletenhafte Zuhälter Paul Keil (Arthur Brauss), der einerseits mit allen Mitteln die Verurteilung seines unter Mordanklage stehenden Bruders verhindern will, sich andererseits zugewanderter Konkurrenz erwehren muß: Der geleckte Wiener Strizzi Poldi (Walter Kohut) wirbt ohne jede Scheu Straßendirnen für einen neu errichteten Luxuspuff: »Hier ist alles exklusiv und exquisit.« Geschickt verknüpft Ernst Hofbauer seinen Zug durch die Kölner Unterwelt mit Seitenblicken auf gefallene Mädchen und feige Bürgersöhne, in triste Hinterhöfe und tiefe Ausschnitte. Herbert Fux, Klaus Löwitsch und der fette Eric Pohlmann machen gute Figur in markanten Nebenrollen; Hans Jura, dessen filmpreisgekrönte Kameraarbeit schon Will Trempers ironischem Westberliner Sittenbild »Die endlose Nacht« den authentischen Schliff gab, verleiht auch Hofbauers Sex-and-Crime-Reißer einen kühlen dokumentarischen Anstrich. Zwar bringt der Showdown (wie zu erwarten war) die (vermutlich nur vorübergehende) Wiederherstellung von Recht und Ordnung, doch ein illustriertenmoralischer Schlußkommentar fordert den Zuschauer auf, sich damit nicht zufrieden zu geben: »Könnten wir alle nicht mehr, als wir es tun, dazu beitragen, Auswüchse zu bekämpfen, Verbrechen zu verhindern?«

R Ernst Hofbauer B Claus Tinney, Ernst Hofbauer K Hans Jura M Claudius Alzner A Karl Schneider S Ilse Wilken P Karl Spiehs D Richard Münch, Arthur Brauss, Beate Hasenau, Klaus Löwitsch, Monika Zinnenberg, Doris Kunstmann | BRD | 90 min | 1:1,66 | sw | 31. August 1967

# 917 | 13. November 2014

30.8.67

Point Blank (John Boorman, 1967)

Point Blank

»I want my money.« Ein abstrakter Pop-Noir-Thriller über Verrat und Vergeltung. Walker (als loner ohne Vornamen: Lee Marvin) beteiligt sich an einem Raubüberfall (im aufgelassenen Gefängnis Alcatraz), wird nach dem Coup von seinem Partner um den Anteil betrogen, verliert die Frau und beinahe das Leben. Der Partner kauft sich mit der Beute in das alles beherrschende Syndikat ein. Walker kehrt zurück, um die ihm zustehenden 93.000 Dollar zu holen: »I want my money.« Unterstützt von einem interessierten Hintermann, rollt Walker auf seinem Rachefeldzug die »organization«, die »corporation«, die »financial structure« von unten nach oben auf: der Einzelne gegen das System (und dabei – bewußt oder unbewußt – integraler Bestandteil desselben) … John Boorman inszeniert einen Film der kalten Oberflächen, der fragmentierten Erinnerungen, der gestorbenen Gefühle, ein American nightmare zwischen emotionaler Versteinerung und explosionsartigen Gewaltausbrüchen: »I want my money.« Walker zieht wie ein Geist, rastlos und unverwundbar, durch ein modern-menschenfeindliches Los Angeles, durch coole Luxusapartments, psychedelische Nachtclubs, ausgetrocknete Betonkanäle, ein entschlossener Todesengel, der Betten und Telefone erschießt, Werkzeug und Katalysator der (Selbst-)Zerstörung: »Walker is beautiful«, wird einem Mitglied des Syndikats höhnisch beschieden, »he’s just tearing you apart.«

R John Boorman B Alexander Jacobs, David Newhouse, Rafe Newhouse V Richard Stark (= Donald E. Westlake) K Philip H. Lathrop M Johnny Mandel A Albert Brenner, George W. Davis S Henry Berman P Robert Chartoff, Judd Bernard, Irwin Winkler D Lee Marvin, Angie Dickinson, Keenan Wynn, John Vernon, Lloyd Bochner | USA | 92 min | 1:2,35 | f | 30. August 1967

# 964 | 10. Juli 2015

11.8.67

Der Mönch mit der Peitsche (Alfred Vohrer, 1967)

Der »Mönch« des Titels sieht aus wie ein spanischer Spitzhaubenbüßer in blutroter Kutte; mit ihrer weißen Peitsche würgt die fotogene Spukgestalt diverse Opfer zu Tode. Andere Figuren dieser Edgar-Wallace-Scharteke sterben durch ein gasförmiges Gift, das den Betroffenen entweder direkt ins überraschte Gesicht geblasen wird oder aber unerwartet aus einem Gebetsbuch aufsteigt. So enthusiastisch er in ausgeklügelten Meucheltechniken und schreienden Farben (Kamera: Karl Löb) schwelgt, so virtuos er ein neogotisches Mädchenpensionat und ein modernes Hallenbad oder eine pompöse Villenruine und ein unterirdisches Aquarium samt Krokodilhalle zu surrealen Architekturbastarden verkreuzt, so energisch treibt Alfred Vohrer die Akteure – neben den üblichen Verdächtigen (Fuchsberger und Schürenberg, Glas und Böttcher) auch Tilly Lauenstein (als Heimleiterin mit verborgenen Talenten) und Günter Meisner (als diskreter Chauffeur des Todes) – durch die (geläufig-abstruse Erbschafts-)Fabel bis zur (lachhaften Kaninchen-aus-dem-Zylinder-)Auflösung. Style over substance? Eher chic without content. Mit anderen Worten: bloody charming.

R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Karl Löb M Martin Böttcher A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Uschi Glas, Tilly Lauenstein, Konrad Georg, Siegfried Schürenberg | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 11. August 1967

10.8.67

Mister Dynamit – Morgen küßt Euch der Tod (Franz Josef Gottlieb, 1967)

»Stirb langsam, du hast mehr davon.« Bob Urban (Lex Barker), der »beste Mann des BND« (und ein hochbegabter Bauchredner), leistet der überforderten CIA Amtshilfe bei der Jagd auf einen infamen Erpresser, der die Regierung der Vereinigten Staaten mittels einer entwendeten Atombombe um eine Milliarde Dollar erleichtern will … Franz Josef Gottliebs launig-quatschiger Beitrag zum Eurospy-Genre ist der einzige Leinwandauftritt des langlebigen Pabel-Pulp-Protagonisten »Mister Dynamit« (dessen Schöpfer Karl-Heinz Günther auch den New Yorker Privatdetektiv »Kommissar X« erfand): Zu Armando Trovajolis prickelnden Easy-Listening-Klängen kämpft sich der bundesdeutsche Nachrichtendienstler durch allerlei gefahrvolle Abenteuer (und ein paar Schlafzimmer), um den Plan des öligen Erzschurken Bardo Baretti (Amedeo Nazzari), eines Exzentrikers, der leidenschaftlich gerne mit seiner Modelleisenbahn spielt und sich bisweilen in einen Perserteppich einrollt, zu vereiteln. Gottlieb dekliniert mit kindlicher Freude (und eingeschränkten Mitteln) die bekannten Motive des Agententhrillers Bond’scher Prägung durch: exotische Schauplätze und geschmackvolle Brutalität, fiese Schergen und widerspenstig-willige Frauen. Sogar ein veritables »Q«-Äquivalent tritt auf: Professor Strahlmann (Eddi Arent) stattet den Helden der westlichen Welt mit Nebelpillen, Minibandgerät, Tauchnuß und einem Schlauchboot im Aktenkoffer aus.

R Franz Josef Gottlieb B Franz Josef Gottlieb V C. H. Guenter (= Karl-Heinz Günther) K Siegfried Hold M Armando Trovajoli A Juan Alberto Soler S Gisa Radicilevi P Theo Maria Werner D Lex Barker, Amedeo Nazzari, Maria Perschy, Ullrich Haupt, Siegfried Rauch, Eddi Arent | BRD & E & I | 111 min | 1:1,66 | f | 10. August 1967

# 926 | 28. Dezember 2014

3.8.67

La chinoise (Jean-Luc Godard, 1967)

Die Chinesin

Ein Jahr vor 1968 nimmt Jean-Luc Godard in einem spröden Lehrstück Hoffnungen, Verzettelung und Scheitern der Revolte vorweg. Auf der Bühne eines gutbürgerlichen Pariser Appartements führt eine Clique von fünf Akteuren (neben Jean-Pierre Léaud und Juliette Berto auch Anne Wiazemsky, die zweite Mme Godard) das ewige Theater der Linken auf: ihr weltfernes Theoretisieren, ihre nervtötende Besserwisserei, ihre selbstzerstörerischen Fraktionsbildungen, ihren nonchalanten Umgang mit anderer Leute Leben, ihr uneinsichtiges Selbstmitleid am Morgen nach dem historischen Fehlschlag. »La chinoise«: ein prophetisches Zeitdokument.

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard S Agnès Guillemot, Delphine Desfons P Philippe Dussart D Anne Wiazemsky, Jean-Pierre Léaud, Juliette Berto, Michel Semeniako, Lex de Bruijn | F | 96 min | 1:1,37 | f | 3. August 1967

14.7.67

Tätowierung (Johannes Schaaf, 1967)

»Glaub’ mir, ich verstehe dich.« Westberlin, Mitte der 1960er Jahre. Herr und Frau Lohmann, kinderlose Besitzer einer traditionsreichen Mosaikfabrik (die sich wie ein wilhelminisches Spukschloß direkt an der Mauer erhebt), adoptieren den 16jährigen Fürsorgezögling Benno (Christof Wackernagel); zusammen mit Frau Lohmanns Nichte Gaby (Helga Anders), die dem Ehepaar in der Firma zur Hand geht, bilden sie fortan eine Patchworkfamilie avant la lettre. Der kommende gesellschaftliche Umbruch ist, ohne sich zunächst noch, in Worten oder Handlungen, konkret zu artikulieren oder zu manifestieren, latent spürbar: in der bald bockbeinigen, bald aufreizenden Verweigerungshaltung der Nachwachsenden gegen das repressive Wohlwollen und die penetrante Nachsicht der Älteren. »Du mußt nichts erzählen, wenn du nicht willst«, sagt der joviale Lohmann und erwartet nichts anderes als Anpassung und Einordnung seines Mündels in bestehende Muster. Benno aber sucht Abstand und Auslauf; Wackernagel (der einige Jahre später Mitglied der Rote Armee Fraktion werden wird) spielt den so energiegeladenen wie ziellosen Jugendlichen mit einem flunschmündigen Trotz, der nur aufbricht, wenn das frisierte Moped knattert, oder wenn die Leuchtraketen der Grenzer über dem Mauerstreifen aufsteigen, oder wenn ein blutiger Italowestern über die Leinwand des Autokinos flimmert. Johannes Schaaf zeigt – mit der passenden visuellen und musikalischen Erregung –, daß Menschen nicht zu Rebellen werden, sondern zu Rebellen gemacht werden: Die gutbürgerliche Nachsicht, die ihn tragen und formen will, treibt den desorientierten Benno zielsicher in die Verzweiflung und, an einem kirschblühenden, goetheversgeschwängerten Frühlingstag, zur radikalen Befreiungstat: »Macht kaputt, was euch kaputt macht.«

R Johannes Schaaf B Günter Herburger, Johannes Schaaf K Wolf Wirth M George Gruntz A Götz Heymann S Dagmar Hirtz P Rob Houwer D Christof Wackernagel, Helga Anders, Alexander May, Rosemarie Fendel, Heinz Meier | BRD | 86 min | 1:1,66 | f | 14. Juli 1967

# 965 | 1. August 2015

29.6.67

Alle Jahre wieder (Ulrich Schamoni, 1967)

»Entweder regnet’s hier, oder die Glocken läuten, oder es wird mal wieder ’ne Kneipe eröffnet.« ›Hier‹, das ist Münster, wohin alljährlich zu Weihnachten Hannes Lücke (Hans Dieter Schwarze) zurückkehrt, der schon seit Jahren als erfolgreicher Werbetexter in Frankfurt lebt, um mit Frau Lore (Ulla Jacobsson) und Kindern die Feiertage zu verbringen – und um sich im Kreise alter Saufkumpane einen (oder zwei oder drei) hinter die Binde zu gießen. Erstmals kommt Hannes nicht allein, sondern in Begleitung seiner jungen Freundin Inge (Sabine Sinjen); ihre hellhörig-kritische Außenseiterperspektive auf Sitten und Bräuche der westfälischen Kapitale machen sich auch die Erzähler zu eigen, die gleichwohl über eine intime Kennerschaft des geschilderten Milieus verfügen: Ulrich Schamoni (Regie) und Michael Lentz (Buch) wuchsen in Münster auf, sind der Stadt und ihren Bewohnern in zärtlich-bissiger Haßliebe verbunden. »Alle Jahre wieder« beschreibt, in scheinbar beiläufigen Beobachtungen, eine Gesellschaft, deren moralische Normen und überkommene Etiketteregeln nur mehr als historische Fassade aufrecht erhalten werden, zugleich zeichnet der Film das ironisch-trostlose Bild einer arrivierten und doch verlorenen (Männer-)Generation. »Wir sind vierzig geworden« lautet der Titel eines melancholischen Gedichts, das einer von Hannes’ Zechbrüdern vorträgt: »Ihr habt recht, wenn ihr denkt / der Rest unserer Träume / schmücke die Weihnachtsbäume. / Ja, alle Hoffnungen trügen. / Warum sollen wir lügen?« Die antibürgerlichen Sehnsüchte der ehemaligen Flakhelfer, aus denen Notare oder Bauunternehmer oder Steuerberater wurden (sie erinnern trotz ihrer gehobenen sozialen Stellung an Fellinis desorientierte »Vitelloni«), ertrinken im ritualisierten Rausch. »Jetzt singen sie wieder«, spottet eine ernüchterte Ehefrau, »da kann’s nicht mehr lange dauern.« Ein Jahr später wird in Berlin das Springer-Hochhaus brennen. In Münster bleibt es weitgehend ruhig.

R Ulrich Schamoni B Michael Lentz, Ulrich Schamoni K Wolfgang Treu M Hans Posegga S Heidi Genée P Peter Schamoni D Hans Dieter Schwarze, Sabine Sinjen, Ulla Jacobsson, Johannes Schaaf, Hans Posegga | BRD | 91 min | 1:1,66 | sw | 29. Juni 1967

15.6.67

Koroshi no rakuin (Seijun Suzuki, 1967)

Branded to Kill

Goro Hanada alias Killer No. 3 – eiskalter Hitman mit Fetisch für den Geruch von kochendem Reis – vergeigt einen Job, fällt in Ungnade und wird zum Hatzobjekt des legendären Killer No. 1 … Seijun Suzuki zerschlägt das Yakuza-Genre, um die Bruchstücke in eine dadaistische Collage aus Brutalität und Slapstick, Desorientierung und Sex zu verwandeln. Surreale Nikkatsuscope-Bilder phantasieren über Wasserstrahlen und Professionalität, über Schmetterlinge und Todessehnsucht. Ein filmisches objet trouvé in knallhartem Schwarzweiß.

R Seijun Suzuki B Hachiro Guryu, Takeo Kimura, Chusei Sone, Atsushi Yamatoya K Kazue Nagatsuka M Naozumi Yamamoto A Sukezo Kawahara S Matsuo Tanji P Kaneo Iwai, Takiko Mizunoe D Jo Shishido, Koji Nanbara, Isao Tamagawa, Anne Mari, Mariko Ogawa | JP | 98 min | 1:2,35 | sw | 15. Juni 1967

12.6.67

You Only Live Twice (Lewis Gilbert, 1967)

James Bond 007 – Man lebt nur zweimal

»Allow me to introduce myself: I am a man of wealth and taste.« Stop! – zurück: »Allow me to introduce myself: I am Ernst Stavro Blofeld.« Mit diesen Worten bekommt James Bonds katzenkraulende Nemesis erstmals ein Gesicht – und als reichte die psychopathische Fresse von Donald Pleasence nicht aus, wird ihm auch noch eine monokelartige Narbe ins Antlitz geschnitten: Erich von Stroheim meets Mao Tse-tung. Abgesehen von diesem bemerkenswerten Auftritt – und von Ken Adams todschicken, modern-byzantinischen Bauten – hat der, im Fernen Osten angesiedelte, fünfte »007«-Einsatz eher wenig zu bieten: Bond verwandelt sich aus Gründen der Tarnung in einen Japaner (der aussieht wie Sean Connery im Kimono), und vor dem Hintergrund des amerikanisch-sowjetischen space race konstruiert Roald Dahls umständliches Szenarium einen Konflikt zwischen den Supermächten, die von interessierten Kreisen gegeneinander ausgespielt werden, um einen Weltkrieg zu provozieren – alles schön und gut, aber so betriebsblind, wie sie in »You Only Live Twice« vorgeführt werden, waren die Herren in Washington und Moskau nicht einmal bei Kubrick. PS: Daß Karin Dor an die Fische verfüttert wird, liegt ebenso in der Natur des Genres wie die notorische Bereitwilligkeit aller anderen Damen in emotionaler (und sonstiger) Hinsicht – aber die penetranten weiberfeindlichen Sottisen von Bond & Co. verursachen bisweilen dezente Übelkeit.

R Lewis Gilbert B Roald Dahl V Ian Fleming K Freddie Young M John Barry A Ken Adam S Peter Hunt P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Akiko Wakabayashi, Karin Dor, Donald Pleasence, Bernard Lee | UK | 117 min | 1:2,35 | f | 12. Juni 1967

6.6.67

Das Rasthaus der grausamen Puppen (Rolf Olsen, 1967)

Daß Schmutz-und-Schund-Maestro Rolf Olsen seine Zuchthäuslerinnen-auf-der-Flucht-Ballade in Schottland ansiedelt und nicht dort, wo der Streifen gedreht wurde (in Triest und trister Umgebung), mag dem konstanten Erfolg bundesdeutscher Leinwand-Anglizismen geschuldet sein – der chauvinistische Trivialkosmos der wüsten Erzählung ist allemal zeitlos, ortlos, herzlos: So spart die knallige Blei-und-Busen-Geschichte der vom Geliebten (Erik Schumann als selten dämlicher Ganove Bob Fishman) schmählich im Stich gelassenen, von der Staatsgewalt (Ellen Schwiers als notgeile Gefängnisdirektorin Francis Nipple) emotional verhärteten Ausbrecherin Betty Williams (Schweden-Beauty Essy Persson), die am Ende ihres leichengepflasterten Weges konsequenterweise in die eigene Grube fährt, weder mit krokodilstränenseligem Wer-einmal-aus-dem-Blechnapf-frißt-Voyeurismus noch mit zeigefingerfertiger Unrecht-Gut-gedeihet-nicht-Moral. Zielstrebige Frauenpower kann bei dieser (unverblümt sensationslüsternen) Betrachtungsweise natürlich nur als psychische Störung begriffen werden.

R Rolf Olsen B Rolf Olsen K Karl Löb M Erwin Halletz A Nino Borghi S Lilo Krüger P Karl Spiehs D Essy Persson, Erik Schumann, Helga Anders, Margot Trooger, Ellen Schwiers | BRD & I | 96 min | 1:1,66 | sw | 6. Juni 1967

# 1134 | 21. Oktober 2018

27.5.67

Belle de jour (Luis Buñuel, 1967)

Belle de Jour – Schöne des Tages 

»A quoi penses-tu, Séverine?« Nun, offen gesagt denkt sie daran, von zwei Kutschern ausgepeitscht und vergewaltigt zu werden, während ihr Mann dabei zusieht. Séverine (Catherine Deneuve), großbürgerliche Pariser Ehefrau, von guter Erziehung und gesellschaftlicher Norm in ein strenges Verhaltenskorsett gezwängt, sucht ihre masochistischen Triebphantasien zu realisieren, indem sie sich allnachmittags in einem maison de passe prostituiert … Luis Buñuel eröffnet mit »Belle de jour« sein streng-verspieltes Spätwerk: In hellen, schnörkellosen Bildern (in der Art einer kinematographischen ligne claire) und unter fast vollständigem Verzicht auf musikalische Akzentuierung wird die Trennung von »Wirklichkeit« und »Imagination« aufgehoben. Der hohe ästhetische und intellektuelle Reiz der künstlerischen Methode liegt im Kontrast zwischen strikter Kontrolle (der visuellen Kompositionen, der präzisen Gesten und Bewegungen aller Akteure) und lustvoller Willkür (des assoziativen Erzählens, der abrupten Stimmungs- und Themenwechsel) – Kino als geistreich-verrätselter pas de deux von Über-Ich und Es.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Joseph Kessel K Sacha Vierny A Robert Clavel S Louisette Hautecœur P Raymond Hakim, Robert Hakim D Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli, Geneviève Page, Pierre Clémenti | F & I | 101 min | 1:1,66 | f | 27. Mai 1967

25.5.67

The Vengeance of Fu Manchu (Jeremy Summers, 1967)

Die Rache des Dr. Fu Man Chu

»World domination? That means Fu Manchu!« Ein Film über Vergeltungsgelüste und über Organisationsstrukturen in einer sich dramatisch wandelnden Welt. Fu Manchu, der sein Hauptquartier in der nordchinesichen Provinz aufgeschlagen hat, schwört blutige Rache an seinem hartnäckigsten Gegner, dem britischen Ordnungshüter Nayland Smith. Gleichzeitig formieren sich zwei antagonistische Interessengemeinschaften: Auf der einen Seite bilden die nationalen Sicherheitskräfte eine globale Polizeibehörde (genannt: »Interpol«) zur vereinten Bekämpfung des weltweiten Verbrechens, welches auf der anderen Seite im Begriffe steht, sich unter einem gemeinsamen Führer (wem wohl?) zusammenzuschließen, um im Kollektiv vernichtende Schlagkraft zu gewinnen. Fu Manchu, das kriminelle Superhirn, das seine asiatischen Zerstörungstaten als »work of infinite pleasure« bezeichnet, plant, die Polizeichefs aller Staaten gegen hypnotisierte Doppelgänger auszutauschen, die ihrerseits brutale Straftaten verübten, wodurch sich das Gesetz gleichsam selbst untergrübe … Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Zum ersten Opfer ist kein anderer als Nayland Smith auserkoren, und in schöner Serientradition muß ein durch Bedrohung seiner Tochter gefügig gemachter westlicher Spezialist widerwillige Hilfsdienste leisten. Von Jeremy Summers professionell aber weitgehend ohne schöpferische Inspiration eingerichtet, läuft das Schurkenstück mit ein paar dezent-grausamen Einlagen auf das planmäßige Finale zu: Fu Manchus ehrgeizige Ideen verpuffen ebenso wie sein palastartiges Befehlszentrum, und durch quellende Rauchschwaden klingt das vertraute Schlußwort: »The world shall hear from me again.«

R Jeremy Summers B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K John von Kotze M Malcolm Lockyer A Scott MacGregor, Peggy Gick S Allan Morrison P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Douglas Wilmer, Wolfgang Kieling, Horst Frank, Tsai Chin | UK & BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 25. Mai 1967

# 866 | 22. Mai 2014

27.4.67

Two for the Road (Stanley Donen, 1967)

Zwei auf gleichem Weg 

Joanna: »They don't look very happy.« Mark: »Why should they? They just got married.« … Szenen einer Ehe – vor zwölf Jahren haben sie sich kennengelernt, rein zufällig; zwölf Jahre später kennen sie sich, durch und durch. »Two for the Road« erzählt die Geschichte einer Zweisamkeit, in fünf paralellgeführten (Sommerreise-)Kapiteln: die zufällige Begegnung, das rauschende Verknalltsein, die ganz große Liebe, das Versprechen auf ewige Treue, die erste Enttäuschung, die sich einschleichende Gewohnheit, die unvermeidliche Ernüchterung, die schmerzhafte Erkenntnis, nicht miteinander, nicht ohne einander sein zu können. Stanley Donen (Regie) und Frederic Raphael (Drehbuch) interpretieren Partnerschaft als abwechslungsreiche Fahrt, als ermüdenden Weg, als bewußtseinserweiternden Trip, als kurvige Straße ohne bekanntes Ziel, als immerwährendes Unterwegs. Joanna (Audrey Hepburn) und Mark (Albert Finney) begegnen sich, kommen sich näher, entfernen sich, finden zusammen, werden einander umso fremder, je besser sie sich gegenseitig verstehen. Die Ehe: ein Bund, ein Joch, ein Band, ein Bruch. Eine Beziehung: unendlicher Spaß und abgrundtiefer Frust, berechneter Kurs und zufällige Drift, tränenreiche Komödie und saukomisches Trauerspiel. Happy ending nicht ausgeschlossen … Mark: »Bitch!« Joanna: »Bastard!«

R Stanley Donen B Frederic Raphael K Christopher Challis M Henry Mancini A Willy Holt S Madeleine Gug, Richard Marden P Stanley Donen D Audrey Hepburn, Albert Finney, Eleanor Bron, William Daniels, Claude Dauphin | UK | 111 min | 1:2,35 | f | 27. April 1967

# 835 | 16. Februar 2014

26.4.67

Die blaue Hand (Alfred Vohrer, 1967)

Das Irrenhaus und der Familiensitz – zwei Horte des Wahnsinns. Alfred Vohrer macht zwischen den beiden Spielorten des Films sinnigerweise kaum einen Unterschied: hier Keller und Verliese, dort Geheimgänge und Gruften, überall Ratten und Gier, Schlangen und Mord. Passend zu den spiegelbildlichen Schauplätzen des Stücks: die Doppelrolle von Klaus Kinski. David und Richard sind Zwillingsbrüder – der eine angeblich geistesgestört, aber vollkommen klar im Kopf, der andere vermeintlich normal, doch was heißt das schon? Die Story kreist (wie in sämtlichen synthetisch-lebensnahen bundesdeutschen Horrorkomödien nach Edgar Wallace) um den Treibstoff allen Handelns: So verrückt, daß er (oder sie) den Wert des Geldes nicht mehr begriffe, ist niemand, nicht der hinterlistige Anwalt, nicht der undurchsichtige Butler, nicht der Psychiater mit dem Monokel, nicht die Lady im Ozelotmantel, schon gar nicht der anonyme Mann im Hintergrund, dessen eisige Stimme die lukrativen Verbrechen befiehlt.

R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Martin Böttcher A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Klaus Kinski, Harald Leipnitz, Siegfried Schürenberg, Carl Lange, Ilse Steppat | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 26. April 1967

# 799 | 15. November 2013

24.4.67

The Sailor from Gibraltar (Tony Richardson, 1967)

Nur eine Frau an Bord

»What do you do when you don’t know what you want.« Alan, in seinem Behördenjob gelangweilt, von seiner putzmunteren Freundin Sheila (Vanessa Redgrave) angeödet, mit seinem Leben generell unzufrieden, begegnet während eines Italienurlaubs der schönen, reichen Anna (Jeanne Moreau), die, auf der Suche nach einem verlorenen Geliebten, mit ihrer Segelyacht die Weltmeere durchkreuzt. Alan nutzt die sich ihm unverhofft bietende Chance und begleitet Anna, ihrerseits erotischen Eskapaden durchaus nicht abgeneigt, auf große Fahrt. In Athen, in Alexandria, in Äthiopien verfolgen sie vage Spuren des Verschwundenen, gehen Auskünften nach, die ihnen von mehr oder weniger zuverlässigen Informanten (darunter Orson Welles mit Fez und Kaftan als »Louis of Mozambique«) zugetragen werden. Tony Richardsons Adaption eines frühen Romans von Marguerite Duras läßt bewußt offen, ob es den Matrosen von Gibraltar (angeblich ein aus der Fremdenlegion geflohener Mörder) tatsächlich gab, oder ob er Annas Phantasie entsprungen ist, ein romantisches Ideal, Wunschbild der absoluten Liebe, Symbol für Geheimnis, Abenteuer, Freiheit, Unschuld. Auch wenn Ian Bannen in der (einigermaßen undankbaren) Rolle des mürrischen Alan kaum greifbare Präsenz entwickelt, gelingt Richardson, insbesondere dank Moreaus enigmatischer Strahlkraft, Raoul Coutards dokumentarisch-einfühlsamer Kamera und Antoine Duhamels mediterran-melancholischem Score, eine streckenweise reizvolle Reiseerzählung über Sehnsucht und Vorstellungen von Glück, über Illusionen und unbekannte Ziele: »It would be terrible if sailors didn’t exist.« – »We would have to invent them.«

R Tony Richardson B Christopher Isherwood, Don Magner, Tony Richardson V Marguerite Duras K Raoul Coutard M Antoine Duhamel A Josie MacAvin S Antony Gibbs P Oscar Lewenstein D Jeanne Moreau, Ian Bannen, Vanessa Redgrave, Orson Welles, Hugh Griffith | UK | 91 min | 1:1,66 | sw | 24. April 1967

# 1069 | 21. August 2017

18.4.67

Caprice (Frank Tashlin, 1967)

Caprice

»I'm the spy who came in from the cold cream.« Ein Doris-Day-Film, der beginnt wie ein James-Bond-Abenteuer: mit einem tödlichen Ski-Verfolgungsrennen in den Schweizer Alpen … Frank Tashlin verwickelt die (mittlerweile über 40jährige) ewige Jungfrau in einen vor allem theoretisch guten spy spoof um Geheimformeln und Jugendkult, um Liebestraum und Doppelspiel, um Narkotika und geschäftliche Konkurrenz, die über Leichen geht. »To die, to sleep;
 to sleep: perchance to dream« – das Hamlet-Zitat wird nicht ohne Grund mehrfach vorgetragen. Patricia Foster (alias Philippa Fowler) jagt als Industriespionin einerseits nach der Rezeptur eines wasserfesten Haarsprays, andererseits will sie den Mord an ihrem Vater aufklären. Dabei trifft die Beton-Blondine auf einen attraktiv-zupackenden Counter-Spitzel (Richard Harris), auf einen hochstaplerisch-cholerischen Chemiker (Ray Walston) und auf einen soigniert-skrupellosen Unternehmer (Edward Mulhare) … Tashlin, der Grandseigneur des zynischen Slapstick, der Meister der grafischer Stilisierung, ist immer gut für grotesk-dekorative Bilderfindungen – so auch (unterstützt von den psychedelischen Kreationen des Kostümbildners Ray Aghayan) in diesem bonbonbunten Fall –, aber Tashlin, der Brachial-Tati des Konsumzeitalters, der systemkritische Vaudeville-Bruder von Godard und Antonioni, zeigt sich in »Caprice« (trotz passender Themenwahl) nicht mehr ganz auf der Höhe seiner subversiven Kunst.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Jay Jayson K Leon Shamroy M Frank De Vol A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Martin Melcher, Aaron Rosenberg D Doris Day, Richard Harris, Ray Walston, Jack Kruschen, Edward Mulhare | USA | 98 min | 1:2,35 | f | 18. April 1967

13.4.67

St. Pauli zwischen Nacht und Morgen (José Bénazeraf, 1967)

Ein Gangsterfilm zwischen Nacht und Morgen. Ein nebelfeuchter Traum von harten Kerlen, von schönen Frauen, von ehrgeizigen Polizisten. Eine kalte Halluzination vom großen Geld, von der großen Liebe, vom großen Spiel. Helmut Schmidt (!), ein Schweizer Interpol-Inspektor, kommt nach Hamburg, um eine Bande von Drogenhändlern auszuheben, die sich als Betreiber einer Nachtbar tarnen. Der ehrgeizige Helmut (Helmut Förnbacher) verfällt dem traurigen Zauber der schönen Arlette (Eva Christian) und dem rauhen Charme des harten Bernie (Rolf Eden) – und schließlich verfällt er seiner Bestimmung … José Bénazeraf mag seine Figuren. Deswegen sieht er sie lange an. Er betrachtet ausführlich, wie sie sitzen, wie sie laufen, wie sie reden, wie sie trinken, wie sie baden, wie sie weinen, wie sie küssen, wie sie rauchen, wie sie schlagen, wie sie schießen, wie sie sterben. In seinen Wahrnehmungen läßt sich der leidenschaftliche Beobachter von so etwas Banalem wie Handlung kaum stören. Ja, er erzählt. Auch. Nebenbei. Notgedrungen. Für all jene, die einen Anlaß brauchen um hinzugucken: wie sich ein Paar in einer Pfütze spiegelt, wie ein Auto ausbrennt, wie Kiffer in den Rausch sinken, wie eine Möwe über dem Hafen kreist, wie Mädchen tanzen, wie Koks aus dem Brennofen eines Gaswerks fällt, wie St. Pauli aus dem vielverheißenden Schwarz der Nacht dem toten Grau des Morgens entgegengeht.

R José Bénazeraf B Wolfgang Steinhardt K Peter Baumgartner, George Balogh M Frank Valdor S Eva Zeyn P Erwin C. Dietrich D Helmut Förnbacher, Eva Christian, Rolf Eden, Dunja Rajter, Bob Iller | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 13. April 1967

# 810 | 2. Dezember 2013

31.3.67

Le scandale (Claude Chabrol, 1967)

Champagner-Mörder
 
Der Wahnsinn des Geldadels, dargestellt an Hand einer serienmörderischen Familienintrige unter Champagner-Produzenten: Maurice Ronet als dekadenter Lebemann mit (vielleicht todbringenden) Absencen, Anthony Perkins als hochgeschlafener Gigolo mit weit­reichenden Ambitionen, Yvonne Furneaux als ehrgeizige Geschäftsfrau ohne Fortune, Stéphane Audran als eiskaltes Biest mit vielen Talenten. Leider entwickelt der (reichlich unübersichtliche) satirisch-schwarzhumorige Krimiplot – trotz mehrerer Strangulierungen sowie Ausflügen in neppige Hamburger Vergnügungstempel und auf radikalschicke Pariser Künstlerpartys – kaum prickelnde Spannung. Claude Chabrols Gesellschaftskritik bleibt dekoratives L’art pour l’art (immerhin in eleganten Techniscope-Kompositionen von Jean Rabier), und lediglich die Schlußszene des Films findet für die (selbst-)zerstörerische Energie der gehobenen Klasse ein überzeugendes Bild.

R Claude Chabrol B Claude Brulé, Derek Prouse K Jean Rabier M Pierre Jansen A Rino Mondellini S Jacques Gaillard P Raymond Eger D Anthony Perkins, Maurice Ronet, Yvonne Furnaux, Stéphane Audran, Henry Jones | f | 99 min | 1:2,35 | f | 31. März 1967

16.3.67

Fantômas contre Scotland Yard (André Hunebelle, 1967)

Fantomas bedroht die Welt 

Maske in Blau – Teil 3. Nach Abenteuern in Paris und Rom wird die Jagd auf den metamorphischen Bösewicht im schottischen Hochland fortgesetzt. Das Genie des zweckfreien Verbrechens hat sein Interesse auf schnöden Gelderwerb verlagert und plant, den vermögendsten Männern der Welt eine Sonderabgabe auf ihr Leben abzupressen – Motto: »Das Funktionieren jeder Gesellschaftsform basiert auf einem straffen Steuersystem.« Die räumliche Beschränkung der Erzählung auf Schloß und Park eines steinreichen Landedelmannes rückt »Fantômas contre Scotland Yard« vollends in die Nähe gediegen-spleeniger Krimiunterhaltung, die durch zahlreiche ungebremste Auftritte von Louis de Funès schwere Schlagseite ins Drollig-Burleske bekommt.

R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Max Douy S Pierre Gillette P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Françoise Christophe, Jean-Roger Caussimon | F & I | 104 min | 1:2,35 | f | 16. März 1967

15.3.67

In Like Flint (Gordon Douglas, 1967)

Derek Flint – hart wie Feuerstein

»An actor? As president?« Auch im Sequel darf James Coburn als Derek Flint alle 64 Zähne blecken und die Welt vor dem Verderben retten. Diesmal geht es gegen eine internationale Schar von Amazonen, die während einer Golfpartie den US-Präsidenten kidnappen (und durch einen Schauspieler ersetzen – wie unwahrscheinlich!), danach die amerikanische Weltraumstation samt Nuklearwaffen unter ihre Kontrolle bringen, um die allgemeine Weiberherrschaft zu errichten. Flint kann nicht nur mit Delphinen sprechen, er versteht es auch, die (von Ray Aghayan absurd-stylisch gewandeten) machthungrigen Megären von den Qualitäten des männlichen Geschlechts zu überzeugen – womit er die Sache noch einmal (ein letztes Mal?) zugunsten des Patriarchats wendet. Lee J. Cobb gibt in »In Like Flint« (neben­bei: ein toller Titel!) einmal mehr den väterlichen Chef und entnervten Bewunderer des geheim­dienstlichen Supermannes (und -machos).

R Gordon Douglas B Hal Fimberg K William H. Daniels M Jerry Goldsmith A Dale Hennessy, Jack Martin Smith S Hugh S. Fowler P Saul David D James Coburn, Lee J. Cobb, Jean Hale, Andrew Duggan, Anna Lee | USA | 114 min | 1:2,35 | f | 15. März 1967

8.3.67

Les demoiselles de Rochefort (Jacques Demy, 1967)

Die Mädchen von Rochefort

»Aimer la vie, aimer les fleurs, / Aimer les rires et les pleurs, / Aimer le jour, aimer la nuit, / Aimer le soleil et la pluie …« Gewiß, es gibt auch so etwas wie eine Fabel in »Les demoiselles de Rochefort« – Delphine und Solange, Zwillingsschwestern (gespielt von den Schwestern Catherine Deneuve und Françoise Dorléac in ihrem einzigen gemeinsamen Film), geboren unter dem Zeichen der Zwillinge, blonde Tänzerin die eine, rothaarige Pianistin die andere, sind auf der Suche nach dem Traumprinzen, derweil zwei Männer, Maxence (Jacques Perrin), ein romantischer Seemann, und Andy (Gene Kelly), ein amerikanischer Komponist, nach der Frau fürs Leben fahnden –, aber wie in (fast) jeder musikalischen Komödie dient das Handlungsgerüst in allererster Linie als Schnur, auf die, mit poetischem Stilwillen und unbändiger Spielfreude, Situationen und Gefühle, Augenblicke und Energien gefädelt werden. »… Aimer l'hiver, aimer le vent, / Aimer les villes et les champs, / Aimer la mer, aimer le feu, / Aimer la terre pour être heureux.« Jacques Demy setzt eine ganze Stadt Bewegung, streicht Fassaden und Fensterläden in süßesten Pastelltönen (Dekor: Bernard Evain – inspiriert von Raoul Dufy), er steckt die Frauen in knallbunte Kleider und setzt ihnen fantastische Hüte auf, er läßt die Herren durch Straßen und über Plätze tanzen, während Michel Legrand die furiose Jagd nach dem Glück in überirdisch-außerzeitliche, dabei ganz im Hier und Jetzt eines hochsommerlichen Provinznests verortete Melodien kleidet – Herzen im Fieber, Transzendenz der Existenz. Eine wolkenlose Breitwand-Vision von Schaustellern und Matrosen, von Müttern und Mördern, von Künstlern und Krämern, von lächerlichen Namen und von der Liebe, die (wohlmeinend, wie es scheint) ihr Gesetzt diktiert. PS: »Dans la vie tout nous est facile.«

R Jacques Demy B Jacques Demy K Ghislain Cloquet M Michel Legrand A Bernard Evein S Jean Hamon P Mag Bodard D Catherine Deneuve, Françoise Dorléac, Jacques Perrin, Gene Kelly, Danielle Darrieux, Michel Piccoli | F | 120 min | 1:2,35 | f | 8. März 1967

23.2.67

Nihon shunka-ko (Nagisa Oshima, 1967)

Über japanische Lieder der Unzucht

Vier Studienanwärter träumen und singen (ausführlich) von Sex. Nagisa Oshimas spröde-surreale Improvisation – eine Art musikalisches Lehrstück ohne Lehre – mischt Realität, Phantasien und die Nachinszenierung von Phantasien in der Realität. (Der nicht gezeigte) Sex erscheint gleichermaßen als Flucht aus und Widerstand gegen eine graue Wirklichkeit, die von politischer Naivität, latenter Gewalt, enttäuschten Hoffnungen und allgemeiner Gleichgültigkeit beherrscht wird. Leider hat letztere auch das filmische Regiment übernommen – so mäandert »Nihon shunka-ko« formal apart aber gedanklich ziemlich indifferent vor sich hin.

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima, Mamoru Sasaki, Toshio Tajima, Takeshi Tamura K Akira Takada M Hikaru Hayashi A Jusho Toda S Keiichi Uraoka P Masayuki Nakajima D Ichiro Araki, Juzo Itami, Koji Iwabuchi, Akiko Koyama, Kazuyoshi Kushida | JP | 103 min | 1:2,35 | f | 23. Februar 1967

22.2.67

Le voleur (Louis Malle, 1967)

Der Dieb von Paris 

Georges Randal (Jean-Paul Belmondo) ist ein Dieb. Er nimmt keine großen Rücksichten, wenn er auf Beutezug geht: »Je fais un sale métier, mais j’ai une excuse. Je le fait salement.« Nach dem Tod der Eltern von seinem habsüchtig-philiströsen Onkel ums Erbe und, schlimmer noch, um die Liebe zur entzückenden Cousine Charlotte (Geneviève Bujold) gebracht, entdeckt Georges seine kriminelle Berufung – und die Lust, die Autonomie, die nackte Wahrheit, die sie ihm bringt. Louis Malle erzählt den pikaresken Belle-Époque-Roman ganz aus der Perspektive der Hauptfigur, verzichtet dabei auf die emotionalisierende Beigabe von Musik, senkt die äußere Dramatik auf ein beinahe bressonsches Minimum, meidet jede Form von Robin-Hood-Romantik: Georges stiehlt nicht, um die sozialen Verhältnisse zu verändern, er stiehlt, weil er lebt, wenn er stiehlt. Seine Arbeit erledigt er diszipliniert, planvoll, zielstrebig, mit elementarer Begierde nach fremdem Geld und Gut, mit lässiger Verachtung für das Eigentum an sich. Der Dieb ein Anarchist? Eher ein radikaler Individualist – aber auch ein Schatten des Bourgeois. Tragische Ironie: Die Gesellschaft der Diebe erscheint als seitenverkehrtes Ebenbild der bürgerlichen Welt. Oder wie es Georges’ Lehrmeister, der weltkluge Abbé La Margelle (Julien Guiomar), poetisch ausdrückt: »Le voleur est le clair de lune de l’honnête homme.«

R Louis Malle B Jean-Claude Carrière, Louis Malle, Daniel Boulanger V Georges Darien K Henri Decaë A Jacques Saulnier S Henri Lanoë P Hubert Mérial D Jean-Paul Belmondo, Geneviève Bujold, Jean Guimoar, Marie Dubois, Paul Le Person | F & I | 120 min | 1:1,66 | f | 22. Februar 1967

A ciascuno il suo (Elio Petri, 1967)

Zwei Särge auf Bestellung

Perlende Klavierläufe, unterlegt von sehnsüchtigen Streichern. Langsam schwebt die Kamera über einen majestätischen Bergfelsen hinunter auf ein pittoreskes Städtchen am blauen Meer. Eine mächtige Kirche, enge Gassen, alte Häuser mit undurchdringlichen Fassaden. Die Musik verdunkelt sich. Der Postbote überbringt dem Apotheker Manno einen anonymen Brief – es ist schon die sechste Todesdrohung an den notorischen Schürzenjäger. Am nächsten Morgen wird der Weiberheld zusammen mit einem Begleiter, dem Arzt Dr. Roscio, auf der Geflügeljagd erschossen. Ein sizilianischer Ehrenmord? Professore Laurana (Gian Maria Volonté) will daran nicht glauben, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Elio Petri nimmt die Nachforschungen des eigenbrötlerischen Linksintellektuellen zum Anlaß, das detailfreudig-gallige Bild einer versteinerten, mafiotisch-inzestuösen Gesellschaft zu entwerfen, in der noch »auf die alte Art« getötet wird: »A ciascuno il suo« – jedem das Seine. Im zwielichtigen Mittelpunkt der Affäre stehen ein geschäftstüchtig-öliger Rechtsanwalt (Gabriele Ferzetti) und dessen Cousine, die von Laurana still verehrte, herb-sinnliche Arztwitwe Luisa (Irene Papas). Politisches und Privates verschwimmen, und mit jedem Schritt zur Aufklärung nähert sich der blinde Ermittler seinem eigenen Grab. »Era un cretino«, wird es, nicht zu Unrecht, am Ende über den professore heißen, wenn sich, zur karnevalesken Travestie der Anfangsklänge, die Einwohner des Städtchens vor der Kirche versammeln, um ein großes Familienfest zu feiern.

R Elio Petri B Elio Petri, Ugo Pirro V Leonardo Sciascia K Luigi Kuveiller M Luis Bakalov A Sergio Canevari S Ruggero Mastroianni P Giuseppe Zaccariello D Gian Maria Volonté, Irene Papas, Gabriele Ferzetti, Mario Scaccia, Leopoldo Trieste | I | 90 min | 1:1,85 | f | 22. Februar 1967

7.2.67

Katz und Maus (Hansjürgen Pohland, 1967)

Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende reist Pilenz (Wolfgang Neuss) in seine Heimatstadt Danzig, nunmehr Gdańsk, um sich auf die Spuren des Schulkameraden Joachim Mahlke zu begeben. Mahlke, ein distanzierter Sonderling mit sportlichem Ehrgeiz, leidet unter einem übergroßen Adamsapfel, den er durch allerlei Zierat zu kaschieren sucht: Schraubenzieher, Wollbommeln, Ritterkreuze. Pilenz denkt zurück an die Zeit Anfang der vierziger Jahre, an sommerliche Schwimmausflüge mit der Clique, hinaus zum Wrack eines polnischen Minensuchers, wo Mahlke nach Schrott und Krempel tauchte, denkt an die Ansprachen ordensgeschmückter Offiziere in der Schulaula, die Mahlkes Appetit auf das »Bonbon« anregten … Hansjürgen Pohlands Adaption der Novelle von Günter Grass überblendet satirisch soldatische Ideale und eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung, ignoriert dabei die Konventionen des historischen Ausstattungskinos, arbeitet mit swingenden Jazz und skizzenhaften Bildern, holt die Vergangenheit in die Gegenwart der Rahmenhandlung: Pilenz befindet sich als Erwachsener mitten unter den Freunden von damals, die Stadt von heute wird zur Stadt von einst – ein überzeugender Distanzierungseffekt, der Erinnerung als Form von Fiktion ausweist (allerdings durch surrealistische Mätzchen mit lebensgroßen Puppen und ausgestopften Katzen etwas verunklart wird). Als Glücksgriff erweist sich die Besetzung der Willy-Brandt-Söhne Lars und Peter (als jüngerer und älterer Mahlke), deren eckiges Spiel der ratlos zwischen Ruhmsucht und Verweigerung driftenden Hauptfigur witzig-spröde Glaubwürdigkeit verleiht.

Katz und Maus | R Hansjürgen Pohland B Hansjürgen Pohland V Günter Grass K Wolf Wirth M Attila Zoller A Jerzy Szeski S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Lars Brandt, Peter Brandt, Wolfgang Neuss, Claudia Bremer, Herbert Weißbach | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 7. Februar 1967

# 925 | 12. Dezember 2014

6.2.67

Accident (Joseph Losey, 1967)

Accident – Zwischenfall in Oxford

Ein Sonntagnachmittag im Garten. Es ist Sommer. Die Sonne scheint. Rosalind macht ein Nickerchen, Stephen jätet Unkraut, Anna flicht einen Kranz aus Gänseblümchen, Charley erklärt William, wie einfach es ist, einen Roman zu schreiben: »Child’s play. All you need is a starting point. Here for instance.« – »Where?« – »Here, on this lawn. What are we all up to?« Rosalind (Vivien Merchant) ist hochschwanger, ihr introvertierter Ehemann Stephen (Dirk Bogarde), Dozent in Oxford, lechzt nach seiner attraktiven Studentin Anna (Jacqueline Sassard), die mit ihrem blaublütigen Kommilitonen William (Michael York) zusammen ist und mit Stephens großspurigem Kollegen Charley (Stanley Baker) ins Bett geht … Die Emotionen, die dieser spannungsreichen Konstellation innewohnen, werden fast vollständig kaschiert vom jederzeit angemesenen Verhalten der wohlerzogenen Beteiligten, sind zwischen den Zeilen der herausfordernd belanglosen Konversationen (Drehbuch: Harold Pinter) lediglich zu erahnen, entladen sich jedoch schließlich im titelgebenden Unfall, der per se nichts weiter ist als einer der vielen scheinbar zufälligen Umstände, der vermeintlich unbedeutenden Momente, die sich, von Joseph Losey demaskierend präzise inszeniert, in »Accident« zur elliptischen Erzählung reihen. »Philosophy«, erläutert Stephen in einer Tutorenstunde, »is a proces of inquiry only. It doesn’t attempt to find specific answers to specific questions.« Losey und Pinter tun im Grunde nichts anderes: Sie untersuchen an ihren Studienobjekten Phänomene wie Verlangen und Frustration, Ehrgeiz und Entwürdigung, Contenance und Grausamkeit – daß dabei das (nicht gänzlich unironische) Portrait einer Gesellschaft von (hochkultivierten) Zombies entsteht, ist wohl so wenig akzidentiell wie der Crash, mit dem der Film beginnt und endet.

R Joseph Losey B Harold Pinter V Nicholas Mosley K Gerry Fisher M John Dankworth A Carmen Dillon S Reginald Beck P Joseph Losey, Norman Priggen D Dirk Bogarde, Stanley Baker, Jacqueline Sassard, Michael York, Vivien Merchant, Delphine Seyrig | UK | 105 min | 1:1,85 | f | 6. Februar 1967

29.1.67

The Night of the Generals (Anatole Litvak, 1967)

Die Nacht der Generale 

»What is admirable on the large scale is monstrous on the small.« Im allgemeinen Gemetzel des Zweiten Weltkriegs geht ein Abwehroffizier der Wehrmacht (Omar Sharif) auf die Jagd nach einem Lustmörder im Generalsrang. Drei Verdächtige stehen zur Auswahl: der bärbeißige Charles Gray (General von Seydlitz-Gabler), der zwielichtige Donald Pleasence (Generalmajor Kahlenberg), der unerbittliche Peter O’Toole (Generalleutnant Tanz). Die Nachforschung führt von Warschau über Paris (wo der Ermittler vom Täter zur Strecke gebracht wird) bis in das Hamburg der Nachkriegszeit … Abgesehen von der Verwurstung hochdramatischen zeitgeschichtlichen Materials zu schnöden Unterhaltungszwecken und der der Tatsache, daß alle Deutschen von in der Wolle gefärbten Engländern (bzw. einem Ägypter) gespielt werden, bietet Anatole Litvaks »The Night of the Generals« beste, küchenpsychologisch fundierte Thrillerkolportage.

R Anatole Litvak B Joseph Kessel, Paul Dehn V Hans Hellmut Kirst K Henri Decaë M Maurice Jarre A Alexandre Trauner S Alan Osbiston P Anatole Litvak, Sam Spiegel D Peter O’Toole, Omar Sharif, Tom Courtenay, Donald Pleasence, Joanna Petit | UK & F | 148 min | 1:2,35 | f | 29. Januar 1967

25.1.67

Trans-Europ-Express (Alain Robbe-Grillet, 1967)

Trans-Europ-Express

»Quel sujet?« – »Trafic de drogues. Tu sais … quelque chose d’animé, des bagarres, des viols, des truc qui sautent.« Alain Robbe-Grillet würde – mit Produzent und Assistentin – in den Trans-Europ-Express von Paris nach Antwerpen steigen und ersönne, weil ein Schnellzug ein attraktives Setting und »Trans-Europ-Express« ein guter Titel wäre, eine Filmhandlung aus, die im Trans-Europ-Express von Paris nach Antwerpen spielte (oder jedenfalls dort begänne): irgendetwas mit Drogenhandel, Krawall, Vergewaltigung – eine handfeste (und dabei amüsant paradoxe) Räuberpistole. Die Hauptrolle, einen Mann namens Elias, spielte Jean-Louis Trintignant, der als Kurier eines Kokainschmugglerrings anheuerte und einen Koffer mit doppeltem Boden von Paris nach Antwerpen zu bringen hätte, wo er – Beobachtungen, Verfolgungen und Prüfungen seiner Loyalität ausgesetzt – auf die schöne Eva träfe, deren Rolle Marie-France Pisier übernähme, Eva, die sich Elias für Geld anböte und dessen (sowie Robbe-Grillets) sado-erotischen Phantasien zu Willen wäre. Die Filmemacher würden den ausgesponnenen Plot ihres Thriller-Pasticcios fortwährend reflektieren, korrigieren, verkomplizieren, zum Beispiel dahingehend, daß der Schmuggel gar kein Schmuggel wäre sondern die Generalprobe eines Schmuggels, was der Schmuggler selbst aber erst erführe, wenn er den Koffer mit dem doppelten Boden bei seinen Auftraggebern ablieferte. »Trans-Europ-Express« verwebte – als parodistisch-klischierte Fiktion, sowohl des erdachten Kriminalfalles als auch des schöpferischen Prozesses – Rahmenhandlung und imaginiertes Geschehen immer wieder glasklar-verwirrend ineinander, um nach zweifachem (einmal unbewußten, einmal vorsätzlichen) Verrat sowie zwei Morden – einer lustvollen Erdrosselung und einem gezielten Todesschuß – mit einer doppelten Wiederauferstehung zu enden.

R
Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Willy Kurant M Michel Fano S Bob Wade P Samy Halfon D Jean-Louis Trintignant, Marie-France Pisier, Christiane Barbier, Daniel Emilfork, Alain Robbe-Grillet | F & B | 96 min | 1:1,66 | sw | 25. Januar 1967

21.1.67

Romy – Portrait eines Gesichts (Hans-Jürgen Syberberg, 1967)

»Ich bin 27. Das ist ja nicht so alt.« Romy Schneider wirkt in diesem schau- und hörlustigen, privatim-insistierenden, gelegentlich überaus penetranten Filmportrait nur selten wie 27. Sie wirkt eher wie 16 oder wie 45, manchmal auch wie 80. Der vitale Schwung, die muntere Selbstüberschätzung einer erfolgreichen Zwanzigerin geht der geborenen Schauspielerin (fast) völlig ab. Romy unter den Augen von Hans Jürgen Syberberg – das ist ein verwirrter Backfisch, der ein überragendes Talent in sich spürt, aber keine Ahnung hat, wie es zu wecken wäre, das ist eine gestandene Diva, die in ihrem Leben vieles richtig gemacht hat, das sich in der Rückschau als zweifelhaft, wenn nicht gar als grundverkehrt, erweist, das ist eine alte junge Frau mit naiver Begeisterungsfähigkeit, mit tiefer Skepsis, mit überkandidelt-mürber Stimme, eine Frau, deren schlummernde Möglichkeiten sich schon als desillusionierende Erfahrungen manifestiert haben. Drei Tage in Kitzbühel: Schnappschüsse im glitzernden Schnee, Großaufnahmen am knisternden Kamin … ein Gesicht: traurig und schön, enorm dünnhäutig und unverhohlen professionell … ein televisionäres Lied von der Sehnsucht nach einem Platz, der einem gehört, wo man seine Ruhe hat, wo man hingehen kann …

R Hans Jürgen Syberberg K Kurt Lorenz, Klaus König S Barbara Mondry, Michaela Berchtold D Romy Schneider P Rob Houwer | BRD | 60 min | 1: 1,37 | sw | 21. Januar 1967