18.12.69

On Her Majesty's Secret Service (Peter Hunt, 1969)

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät 

Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«

R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969

17.12.69

Topaz (Alfred Hitchcock, 1969)

Topas

Eine Spionagefilm, der wie ein James-Bond-Abenteuer um die halbe Welt führt – von Kopenhagen über Washington, New York und Kuba nach Paris –, auf genreübliche Spannung und Sensationen jedoch weitgehend verzichtet. »Topaz« handelt von der schwierigen Enttarnung kommunistischer Spitzel in hohen französischen Regierungskreisen sowie von der klandestinen Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, doch mehr als auf die explosive politische Gemengelage des Kalten Krieges richtet Alfred Hitchcock sein Augenmerk auf die zwischenmenschliche Dimension von Lüge und Abtrünnigkeit. Im Mittelpunkt des verzweigten Personengeflechts steht André Devereaux (Frederick Stafford – der sich geheimdienstlich-darstellerische Sporen als Gentleman-Agent OSS 117 verdiente), als französischer Agent in den Vereinigten Staaten stationiert, der nicht nur seine Frau mit einer rassigen kubanischen Freiheitskämpferin betrügt, sondern auch seine berufliche Loyalität (mindestens) halbiert. Der »Held« entpuppt sich dabei als ausgesprochen berechnender Charakter, der (als Spiegelbild der unmenschlichen Verhältnisse) immer wieder andere Figuren aufs Schachbrett schiebt und bisweilen ziemlich ungerührt über die Klinge springen läßt. Hitchcock legt nach den handwerklichen Pfuschereien von »Marnie« und »Torn Curtain« wieder größeren Wert auf sorgfältige Ausstattung und stilvolle Fotografie, inszeniert das breit angelegte, elliptisch strukturierte Werk allerdings bemerkenswert unpersönlich. It’s spy business as usual.

R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor V Leon Uris K Jack Hildyard M Maurice Jarre A Henry Bumstead S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Frederick Stafford, John Forsythe, Dany Robin, Karin Dor, John Vernon | USA | 143/127 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1969

# 936 | 26. Januar 2015

4.12.69

Weite Straßen – stille Liebe (Herrmann Zschoche, 1969)

Der gestandene Trucker Hannes (Manfred Krug) nimmt einen jungen Anhalter als Beifahrer mit auf den Bock seines W50. Herb (Jaecki Schwarz) behauptet, die Schule nach der sechsten Klasse verlassen und seither von diversen Gelegenheitsarbeiten gelebt zu haben; schnell wird allerdings klar, daß es sich bei dem eloquenten Burschen um einen Studenten handelt, dem es an der Uni zu wirklichkeitsfern zuging. Unterwegs loten der Grünschnabel und sein »Chef« immer wieder (spielerisch aber nicht unernst) die Grenzen von Erfahrung und Neugier aus, diskutieren über eingefahrene Routen und neue Wege. Eine Frau gesellt sich zu ihnen: Johanna (Jutta Hoffmann), eine selbstbestimmte Agronomin, die sich kurz zuvor vom Vater ihrer kleinen Tochter getrennt hat. Zu dritt (genau genommen: zu viert) geht es nun weiter, das Herumschnuppern, das Austesten von Möglichkeiten, die Träumerei von einer kleinen Freiheit auf den Straßen der Republik ... Herrmann Zschoches leichthändige Regie und der lyrische Dokumentarismus des Kameramanns Roland Gräf (der schon Jürgen Böttchers (vor der Fertigstellung verbotenes) Berliner Zeitbild »Jahrgang 45« fotografierte) machen das impressionistische DDR-Roadmovie zu einem Musterfall von lässig-genauer Alltagsbeschreibung.

R Herrmann Zschoche B Ulrich Plenzdorf V Hans-Georg Lietz K Roland Gräf M Peter Rabenalt A Alfred Thomalla S Rita Hiller P Erich Kühne D Manfred Krug, Jaecki Schwarz, Jutta Hoffmann, Ulrike Plenzdorf | DDR | 76 min | 1:2,35 | sw | 4. Dezember 1969

# 1010 | 2. August 2016

1.12.69

Le clan des Siciliens (Henri Verneuil, 1969)

Der Clan der Sizilianer

Großer Cast: Jean Gabin (der alte Sizilianer, der sich irgendwann (aber wann?) zur Ruhe setzen will), Alain Delon (der sexy Gewaltverbrecher, der zwei Jahre lang keine Frau mehr hatte), Lino Ventura (der einsilbige Kommissar, der sich das Rauchen (dann doch nicht) abgewöhnt). Tolle Crew: Henri Decaë (distanzierte Kamera), José Giovanni (prägnante Dialoge), Ennio Morricone (»Boing«). Von Henri Verneuil mit fast unpersönlicher Lakonie eingerichtet, variiert »Le clan des Siciliens« schlau die alte Geschichte (besser gesagt: den alten Traum) vom perfekten (letzten) Coup und sinniert abgeklärt über die Konsequenzen mangelnder Beherrschung sowie über das Verhängnis von zu viel Wahrheit zum falschen Zeitpunkt.

R Henri Verneuil B José Giovanni, Henri Verneuil, Pierre Pelegri V Auguste Le Breton K Henri Decaë M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Pierre Gillette P Jacques-Eric Strauss D Jean Gabin, Alain Delon, Lino Ventura, Irina Demick, Amedeo Nazzari | F | 122 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1969

10.11.69

En passion (Ingmar Bergman, 1969)

Passion

Eine weitere Umdrehung von Bergmans Hamsterrad des psychologischen Pessimismus: Kommunikationsstörungen, Beziehungsunfähigkeit, die Unmöglichkeit von Wahrheit. Wieder Fårö, dieser unwirtliche Rand der Welt, der alleweil unter einem schweren, tiefen Himmel liegt, und wieder die üblichen Verdächtigen: Anna Fromm-Ullmann, deren Mann und Kind bei einem Autounfall starben, verfängt sich im selbstgesponnenen Netz der Lügen über ihre gute (?) Ehe; Andreas Winkelman von Sydow verkriecht sich vor einem dunklen Geheimnis in seiner Vergangenheit; Eva Vergérus-Andersson weiß nicht, wer sie ist, sieht sich reduziert aufs Abbild der Vorstellungen von anderen; Elis Vergérus-Josephson, der zynische Künstler, nähert sich den Menschen nur noch, indem er sie fotografiert, und die Bilder nach seltsamen Kriterien ordnet. Nicht nur die Innen-, auch die Außenwelt ist feindlich, von virulenter Bosheit zersetzt: ein Tierquäler treibt sein Unwesen, knüpft Welpen auf, metzelt Schafe, zündet Pferde an; ein Unschuldiger – natürlich – muß für diese Taten büßen. Wahre Leidenschaft ist in »En passion« kaum zu verspüren: Als hätte Ingmar Bergman sich selbst mit seinen Figuren gelangweilt, läßt er die Schauspieler in Interviews über ihre Rollen improvisieren – ein müdes Experiment ohne große Überzeugungskraft.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A P. A. Lundgren S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Bibi Andersson, Erland Josephson, Erik Hell | S | 101 min | 1:1,66 | f | 10. November 1969

14.10.69

La caduta degli dei (Luchino Visconti, 1969)

Die Verdammten

Deutschland – ein Nazimärchen, eine Götterdämmerung, eine Seifenoper (sehr, sehr teure Seife). Die von Essenbecks (≈ die Krupp von Bohlen und Halbachs) auf dem Weg in die Hölle; die Öfen des Ruhrgebiets als funkensprühende Vorboten der Öfen von Auschwitz – Stahl und Rauch: die Elemente des Bösen. Luchino Viscontis schrill-melodramatischer »Verfall einer Familie« handelt von Raffgier, Geltungsdrang und Machtmißbrauch unter (einfluß-)reichen Leuten, vom inzestuös-verbrecherischen Lustprinzip, das dem (groß-)bürgerlichen Arbeitsethos genealogisch auf dem Fuße folgt. Das beeindruckende internationale Ensemble – Berger, Bogarde, Griem, Kolldehoff, Orsini, Rampling, Thulin, Schönhals – zelebriert die Selbstauslöschung einer Sippe, einer Nation, einer Kultur im Zeichen des Faschismus als bavaesk illuminierten Spukhaus-Horror, als faustdick aufgetragene Verwesungstravestie. Maurice Jarres (selbst-)parodistisch plärrender, stampfender Epos-Soundtrack, die stochernden, rührenden Zooms der ruhelosen Kamera erscheinen als kinematographische Entsprechung der dargestellten gesellschaftlichen Dekadenzerscheinungen. Mag der historisch-analytische Mehrwert des fiebrig-exaltierten Films auch zweifelhaft bleiben, gerade wegen der bewußten gestalterischen Ver- und Überzeichnungen verdient »La caduta degli dei« Beachtung – und ist dabei so unterhaltsam wie eine gute (oder auch schlechte) Kolportage. 

 
R
Luchino Visconti B Luchino Visconti, Nicola Badalucco, Enrico Medioli K Pasqualino De Santis, Armando Nannuzzi M Maurice Jarre A Vincenzo Del Prato S Ruggero Mastroianni P Ever Haggiag, Alfred Levy D Ingrid Thulin, Dirk Bogarde, Helmut Berger, Charlotte Rampling, Helmut Griem | I & BRD | 156 min | 1:1,66 | f | 14. Oktober 1969

8.10.69

Katzelmacher (Rainer Werner Fassbinder, 1969)

»Was man macht, ist immer eine Schwierigkeit.« Ein radikales Meisterwerk, so radikal, wie es wohl nur einer unter 30 hinbekommt. Rainer Werner Fassbinders »Comédie humaine« in anderthalb Stunden: zwölf Personen, sieben Frauen und fünf Männer, in wechselnden Konstellationen, in denen der/die Einzelne nie alleine, aber immer einsam bleibt. 107 statische Einstellungen, das Objektiv stets frontal auf die Szenen gerichtet: Totalen oder Halbnahe von Menschen in kargen Wohnungen, in kargen Wirtschaften, in einem kargen Hinterhof, dem archetypischen öffentlichen Raum; dazwischen eingestreut: sieben Rückfahrten der Kamera, alle am selben Ort im selben Tempo gedreht, alle Spaziergänge von sprechenden Paaren zeigend. »Du bist komisch, ich bin normal.« – »Dann leck mich am Arsch.« Die (bundesdeutsche) Gesellschaft in der Nußschale: Einsamkeit und Ressentiment, Erwartung und Mißgunst, Bedürfnis und Demütigung, Gefühl und Besitzdenken. Verhandelt wird dies in einer Sprache, die so künstlich ist, daß sie vollkommen natürlich klingt: »Eine Liebe und so, das hat immer mit Geld was zum tun.« Einer, der von außen kommt, ein »Griech von Griechenland« (Fassbinder als »Katzelmacher« Jorgos), bringt vorübergehend Bewegung in die erstarrten Verhältnisse: »Auf einmal alle machen bumm-bumm.« Die Entladung der aufgestauten sozialen Energie in Form einer kurzen rassistischen Prügelorgie führt unweigerlich zurück in die alte Ordnung und ihre bohrende Unzufriedenheit – doch auch so etwas wie eine Ahnung keimt auf: Es wird plötzlich denkbar, daß es anderswo anders sein könnte. »Ein Mensch braucht halt eine Zeit, bis er was versteht.«

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder V Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Rainer Werner Fassbinder S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peer Raben D Hanna Schygulla, Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Lilith Ungerer, Rainer Werner Fassbinder | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 8. Oktober 1969

# 891 | 30. Juni 2014

2.10.69

Herzblatt oder Wie sag ich’s meiner Tochter? (Alfred Vohrer, 1969)

»Bitte sprechen Sie mir nach: Geschlechtsverkehr.« Im Spannungsfeld von Käte Strobels offiziösem Informationsknaller »Helga«, Oswald Kolles Liebeswundern und der nahenden Welle pseudodokumentarischer Report-Streifen versucht Alfred Vohrer eine parodistische Betrachtung der sexuellen Aufklärung und ihrer filmischen Ausgeburten. Die hinlänglich amüsante (dabei latent inzestuöse) Münchner Geschichte des unschuldig-offenherzigen (bzw. -blusigen) Schulmädchens ›Herzblatt‹ (Mascha Gonska) und ihres alleinerziehend-überforderten Vaters ›Männchen‹ (Georg Thomalla) thematisiert bestenfalls oberflächenphänomenologisch, dabei allemal pubertär-herrenwitzelnd Verklemmungen und Sprachlosigkeiten, Betretenheiten und Übersprungshandlungen auf dem Weg zum heißersehnten, allerfüllenden, erdbebenartigen Liebeserlebnis: »Wo immer du hinsiehst, alles strömt zueinander, alles fließt ineinander. Das Geschlechtliche ist eine Notwendigkeit.«

R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Wolf Englert, Margret Finger S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Georg Thomalla, Mascha Gonska, Siegfried Schürenberg, Paul Esser, Günther Lüders, Olga von Togni | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 2. Oktober 1969

# 1135 | 27. Oktober 2018

12.9.69

L’armée des ombres (Jean-Pierre Melville, 1969)

Armee im Schatten

Scènes de la vie de résistance … Jean-Pierre Melville verfolgt – unpathetisch, aber keinesfalls leidenschaftslos – die Aktivitäten einer Widerstandsgruppe im von Deutschen besetzten Frankreich. Die episodische Erzählung umfaßt einen Zeitraum von vier Monaten zwischen dem 20. Oktober 1942 und dem 23. Februar 1943 und führt von Marseille nach Paris, von Lyon nach London (wo General de Gaulle, der Anführer der France libre, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat), durch Hinterzimmer und Geheimverstecke, durch Internierungslager und Foltergefängnisse. Melville, während des Krieges selbst Mitglied der Résistance, schildert dabei keine Partisanenaktionen im eigentlichen Sinne: keine Nachrichtenbeschaffung, keinen Sabotageakt, kein Attentat; Pierre Lhommes Kamera zeigt, in dunklen, entsättigten Bildern, ausschließlich Menschen in Gefahr, Menschen auf der Flucht, Menschen in der Falle, Menschen, die in Erfüllung einer höheren Pflicht schreckliche Dinge tun müssen. Kaum je verraten die Gesichter von Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret und all den anderen etwas über die Emotionen der Protagonisten dieses bei aller formalen Distanziertheit sehr persönlichen, sehr anrührenden Films. Es ist ein unsichtbares Band von stiller Kameradschaft und wortlosem Mitgefühl, das die Armee der Schatten zusammenhält. Auch wenn ihr klandestines Tun vergeblich scheint, bleibt es doch ohne Alternative – so gehen Gerbier, Jardie, Mathilde und all die anderen den vorgezeichneten Weg, aufrecht und unbeirrt, bis zum bitteren Ende.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Joseph Kessel K Pierre Lhomme M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Françoise Bonnot P Jacques Dorfmann D Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Serge Reggiani | F & I | 145 min | 1:1,66 | f | 12. September 1969

# 949 | 1. Juni 2015

10.9.69

Hibernatus (Edouard Molinaro, 1969)

Der Winterschläfer | Onkel Paul, die große Pflaume 

Surreal-erhellende Familienfarce mit dem unvergleichlichen Kistenteufel Louis de Funès als Nachfahre eines gewissen Paul Fournier, der 65 Jahre nach dem Untergang eines Dampfbootes auf Grönlandfahrt aus dem Packeis geborgen und erfolgreich aufgetaut wird. Eine wissenschaftliche Sensation! Das Fleisch des anno 1905 Tiefgefrorenen ist so jugendfrisch wie am Tag des Schiffbruchs, doch sein Geist scheint akut gefährdet: Könnte der »Hibernatus« den Schock des Zeitsprungs verkraften? Könnte er die brutalen Völkerschlachten begreifen, die während seiner frostigen Abwesenheit abrollten? (»La guerre de 14. PAF! La guerre de 40. PAF!«) Könnte er den Wahnwitz aushalten, den die Moderne inzwischen entfesselt hat? Die Flugzeuge in Zigarrenform (»ZOF!«), die in New York landen, bevor sie in Paris gestartet sind? Die elektrischen Gitarren? Die Atome? Das Fernsehen? »Les hommes deviennent fous! Ils deviennent fous! La, la, la …« Und so mimen die Abkömmlinge eine intakte Welt, eine heile Belle Époque, um dem rührend unverdorben wirkenden Heim(?)kehrer die Absurdität ihrer verrückten Ära zu ersparen. Vergeblich, wie man ahnt, denn zum einen läßt sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, zum anderen ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts Heimliches, das nicht hervorkomme.

R Edouard Molinaro B Jacques Vilfried, Jean Bernard-Luc, Louis de Funès, Jean Harlan V Jean Bernard-Luc K Marcel Grignon, Raymond Pierre Lemoigne M Georges Delerue A François de Lamothe S Monique Isnardon, Robert Isnardon P Alain Poiré D Louis de Funès, Claude Gensac, Michael Lonsdale, Bernard Alane, Pascal Mazzotti | F & I | 82 min | 1:2,35 | f | 10. September 1969

6.9.69

Krasnaja palatka (Michail Kalatosow, 1969)

Das rote Zelt

Ende der sechziger Jahre sprach Jean-Luc Godard vom »gewaltigen Hollywood-Mosfilm-Cinecittà-Pinewood-Imperium«, das weltweit Kunstverständnis und Formgefühl des Kinos präge. Mit seinem letzten Werk, einer opulenten sowjetisch-italienischen Koproduktion über die spektakulär gescheiterte Nordpol-Mission des Luftschiffs ›Italia‹ im Jahr 1928 und die ebenso spektakuläre anschließende Rettungsaktion, liefert Michail Kalatosow ein Paradebeispiel für den von Godard geschmähten »internationalen Stil« filmischer Epik. Aus der hochinteressanten Prämisse – vier Jahrzehnte nach den Ereignissen lädt der von Gewissensbissen geplagte Expeditionsleiter Umberto Nobile (Peter Finch) die Geister der Beteiligten, darunter seinen Freund und Konkurrenten Roald Amundsen (Sean Connery), zu einem imaginären nächtlichen Prozeß – schlägt die Regie kaum Funken: Kalatosow erzählt kon­ventionell nach, reflektiert über die Bürde des Führens, schildert durchaus eindrucksvoll den Durchhaltekampf im ewigen Eis, aber nur selten gewinnen die Bilder jene autonome Kraft, die seine Meisterwerke auszeichnet – das Fehlen des Kameragenies Ussurewski macht sich schmerzlich bemerkbar. Hin und wieder durchbricht Kalatosows inszenatorisches Temperament die formale Solidität von »Krasnaja palatka«: wenn ein verliebtes Paar euphorisch durch den Schnee wirbelt, wenn ein sowjetischer Funkamateur die Signale der Überleben den auffängt, wenn der Leningrader Eisbrecher ›Krassin‹ zur Bergungsfahrt aufbricht, wenn der verschollene Amundsen das bizarre Wrack der ›Italia‹ erkundet, wenn Menschen zu Marginalien unendlicher Landschaften werden.

R Michail Kalatosow B Ennio De Concini, Richard Adams K Leonid Kalaschnikow M Ennio Morricone A Michail Fischgoit S Peter Zinner P Franco Cristaldi, Victor Freilich D Peter Finch, Claudia Cardinale, Sean Connery, Hardy Krüger, Mario Adorf, Eduard Martsewitsch | SU & I | 121 (158) min | 1:1,66 | f | 6. September 1969

5.9.69

Que la bête meure (Claude Chabrol, 1969)

Das Biest muß sterben

»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; / wie dies stirbt, so stirbt er auch.« Das Meer. Ein Kind spielt am Strand. Ein Auto rast die Küstenstraße entlang. Das Kind läuft nach Hause. Das Auto rast in eine Ortschaft. Die Glocken läuten. An einer Kreuzung treffen Kind und Auto aufeinander. Das Kind stirbt. Das Auto rast weiter. Der Vater hält das tote Kind in seinen Armen. Später wird er sich auf die Suche nach dem Fahrer des Autos machen: »Je vais tuer un homme. Je ne connais ni son nom, ni son adresse, ni son apparence. Mais je vais le trouver et le tuer.« Der Zufall – der das einzige ist, was existiert, und in diesem Fall die Gestalt der blonden Hélène (Caroline Cellier) annimmt – führt den introvertierten Einzelgänger Charles (Michel Duchaussoy) zum reizbaren Haustyrannen Paul (Jean Yanne). Die Ausführung des Vorhabens erweist sich indes, obwohl oder gerade weil der Täter ein so unverblümtes (und überaus lebenstüchtiges) Scheusal ist, als problematisch – und peu à peu verwandelt Claude Chabrol den geradlinigen Rachethriller in eine abgründige Reflexion (oder einen ernsten Gesang) über Absicht und Handeln, über Schuld und Verantwortung. Das Ende des Films führt wieder ans Meer. Ein Mann allein. Ein Boot, das hinausfährt. Die Wellen, die Felsen, die Brandung. »Und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh: / denn es ist alles eitel.«

R Claude Chabrol B Paul Gégauff, Claude Chabrol V Nicholas Blake K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Michel Duchaussoy, Jean Yanne, Caroline Cellier, Anouk Ferjac, Maurice Pialat | F & I | 112 min | 1:1,66 | f | 5. September 1969

# 1107 | 8. Mai 2018

3.9.69

Fellini – Satyricon (Federico Fellini, 1969)

Fellinis Satyricon

Jenseits aller bekannten Klischees von Antikenfilmen zaubert Federico Fellini (zusammen mit hochkarätigen künstlerischen Mitstreitern wie dem langjährigen Visconti-Kameramann Giuseppe Rotunno und Pasolinis Chef-Ausstatter Danilo Donati) aus dem fragmentarischen Roman des Petronius seine ureigene Phantasmagorie des römischen Altertums. Die Sprung- und Lückenhaftigkeit des Geschehens wird ebenso zum formalen Prinzip erhoben wie der krasse Anti-Naturalismus des Spiels, der Bauten, der Masken und der Kostüme. In den Fokus geraten immer wieder die beiden gutgebauten Herumtreiber Encolpius und Ascyltus sowie ihr ätherischer Lustknabe Giton, die sich ziellos durch ein archaisches Panoptikum bewegen, dessen grotesk arrangierte lebende Bilder als diffuse Projektionen aktueller gesellschaftlich-kultureller Phänomene erscheinen: die Erosion überkommener Moralvorstellungen und die Auflösung von Geschlechterrollen klingt ebenso an wie radikaler Hedonismus und schöpferische Impotenz. Als metaphorische Analyse gegenwärtiger sozialer Entwicklungen bleibt »Fellini – Satyricon« allerdings unscharf: Etwas zu selbstbesoffen verliert sich der maestro in der entfesselten mythomanischen Bilderflut, in seiner Begeisterung für bizarre Physiognomien und abnorme Körper. Die grelle Schminke, mit der Fellini sein monströses endzeitliches Sittenbild überzieht, mag auch dazu dienen, den einen oder anderen Moment gestalterischer Ermüdung zu kaschieren.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Bernardino Zapponi, Brunello Rondi V Petronius K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Luigi Scaccianoce S Ruggero Mastroianni P Alberto Grimaldi D Martin Potter, Hiram Keller, Max Born, Magali Noël, Capucine | I | 128 min | 1:2,35 | f | 3. September 1969

28.8.69

Une femme douce (Robert Bresson, 1969)

Die Sanfte

»Je suis ici, l’autre est ailleurs, et le silence est terrible.« (Paul Claudel) ... Fahrt durch das nächtliche Paris. Dichter Verkehr, Passanten, Leuchtreklamen. Eine Hand an der Klinke einer Glastür. Der Rücken einer Frau in Schwarz, die durch die Tür in einen Salon tritt. Blick zum Balkon: ein wippender Schaukelstuhl, ein umstürzender Tisch, ein zu Boden fallender Blumentopf. Ein weißer Schal, der vor der Fassade eines Wohnhauses langsam zu Boden schwebt. Das Quietschen von Bremsen. Autos, die am Straßenrand halten. Beine, die über das Trottoir laufen. Die Sirene eines nahenden Krankenwagens. Eine blonde Frau, die mit ausgestreckten Gliedern bäuchlings auf dem Asphalt liegt. Neben ihrem Kopf ein Blutfleck. Am Totenbett der jungen Frau (Dominique Sanda) fragt (sich) ihr Mann – im (Selbst-)Gespräch mit einer alten Haushälterin – weniger nach dem Grund für ihren scheinbar anlaßlosen Selbstmord, als danach, ob sie ihn liebte, ob sie ihn möglicherweise betrog, ob sie wußte, daß er sie liebt. Indem er den Mann Szenen einer Ehe – die sich dem Zuhörer und Betrachter in erster Linie als Momente des Mißverstehens, der Fremdheit, des Schweigens zwischen dem kühlen Pfandleiher und der empfindsamen Träumerin präsentieren – erinnernd rekapitulieren läßt, führt Robert Bresson in seiner freien Bearbeitung einer Dostojewski-Erzählung nicht nur Gegenwart und Vergangenheit parallel, sondern konfrontiert auch das Leben und den Tod, der alle Antworten mit sich nimmt. Ein stilles Meisterwerk über das Geheimnis, den Zweifel, die Einsamkeit zu zweit – und über die Nacht »qui est commune et incommunicable«.

R Robert Bresson B Robert Bresson V Fjodor M. Dostojewski K Ghislain Cloquet M diverse A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Mag Bodard D Dominique Sanda, Guy Frangin, Jane Lobre | F & B | 88 min | 1:1,66 | f | 28. August 1969

# 1128 | 23. Juni 2018

26.7.69

A doppia faccia (Riccardo Freda, 1969)

Das Gesicht im Dunkeln

Eine italienisch-deutsche Koproduktion, in der Bundesrepublik als Edgar-Wallace-Film vermarktet. Zwar basiert das Drehbuch auf einer Vorlage des englischen Kriminalschriftstellers, zwar ist der Handlungsort London, zwar tritt Klaus Kinski (in der Hauptrolle!) auf – aber mit den (selbst-)parodistischen Whodunit-Grusel-Komik-Hybriden der Erfolgsreihe hat »A doppia faccia« nichts zu tun. Riccardo Freda inszeniert eine aparte Sex&Crime-Schimäre, einen süffigen Cocktail aus Harold-Robbins-Kolportage, Giallo und Zeitbild. Trauriger Held der Erzählung ist John Alexander (Kinski), dessen geliebte Frau Helen ihn (offen) mit ihrer besten Freundin betrügt, bevor sie bei einem Autounfall um ihr schönes, reiches Leben kommt. Wenig später sieht der Witwer – ist es Zufall? oder wurde er manipuliert? – die Verstorbene wieder: als Darstellerin in einem lesbischen »Kunstfilm«. Gedreht wurde das Werk nach ihrem Tod … Kinski – so zurückhaltend, so dünnhäutig wie kaum je – spielt einen verletzten Mann, niedergeschlagen von den Erschütterungen in seinem Leben, aus der Bahn geworfen von den Erosionserscheinungen seiner Zeit. Immer wieder treibt es den Desorientierten – auf der Suche nach Erklärung? nach Erlösung? – durch den kalten Neonglanz der Straßen, in halluzinatorische Nachtclubs, in die Einsamkeit der Bars, durch ein dunkles London nach dem Swing. Auch wenn die Intrige, wie es sich für einen (selbstbewußten) Trivialfilm gehört, in eine absurde Auflösung mündet, auch wenn die Trickeffekte aussehen, als wären sie auf der Modellbahnanlage des Produzenten entstanden, auch wenn die meisten Schauspieler wie Marionetten agieren – eines kann diesem filmischen Labyrinth zwischen Schein und Sein, dieser Groschenstudie über Verlorenheit kaum abgesprochen werden: Formgefühl. Fredas mit vulgärer Delikatesse fotografierter Seelenthriller (Kamera: Gábor Pogány) ist so geschmackvoll wie die langstieligen, blutroten Rosen, die immer wieder in die exquisit-schäbigen Bilder ragen.

R Robert Hampton (= Riccardo Freda) B Paul Hengge, Robert Hampton (= Riccardo Freda) V Edgar Wallace K Gábor Pogány M Joan Christian (= Nora Orlandi) A Luciano Spadoni S Anna Amedei, Jutta Hering P Oreste Coltellacci, Horst Wendlandt D Klaus Kinski, Christiane Krüger, Sydney Chaplin, Annabella Incontrera, Margaret Lee | I & BRD | 88 min | 1:1,85 | f | 26. Juli 1969

26.6.69

Liebe ist kälter als der Tod (Rainer Werner Fassbinder, 1969)

»An MPs habe ich nur eine sehr schöne Attrappe da.« Melancholisch-gefrorene Gangsterposen im Frontalstil vor weißen Wänden: Franz (Rainer Werner Fassbinder), mürrischer Kleinkrimineller auf eigene Rechnung und Zuhälter der ergebenen Nutte Joanna (Hanna Schygulla), will nicht fürs Syndikat arbeiten, woraufhin ihm der engelhafte agent provocateur Bruno (mit Trenchcoat und Hut à la Jef Costello: Ulli Lommel) geschickt wird, der ihn eiskalt in Mord und Totschlag verwickelt … Fassbinder zitiert in seinem Regie-Debüt Godard und Melville (die ihrerseits Lang und Tuttle zitierten) arrangiert sich und seine Außenseiterbande zu lebenden Bildern, zu (laien-)bühnenhaften Arrangements, die an Aushangfotos von Remakes von Remakes gemahnen. Irgendwie und sowieso geht es in diesem somnambulen Rollenspiel natürlich auch um Liebe (die nur im gemeinsamen Töten Erfüllung finden kann) und um Verrat (der die kalte Konsequenz der Liebe ist) – radikal-maniriertes Autorenkino als plagiatorische Originalschöpfung, wie sie einem misanthropisch-ichbewußten Filmfreak wohl nur nach der double feature-Spätvorstellung einfallen kann. PS: »Woran denken Sie? Sex?« – »An die Revolution.« – »Schön.« – »Finden Sie?«

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Ulli Lommel, Rainer Werner Fassbinder S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peer Raben D Ulli Lommel, Hanna Schygulla, Rainer Werner Fassbinder, Hans Hirschmüller, Katrin Schaake | BRD | 88 min | 1:1,66 | sw | 26. Juni 1969

25.6.69

The Bed Sitting Room (Richard Lester, 1969)

Danach

Lord Fortnum fühlt sich unwohl, verliert gelegentlich einen Backstein und verwandelt sich in ein Wohnschlafzimmer (leider nicht in guter Gegend). ›Mother‹ erhält ihre Sterbeurkunde ausgehändigt, zieht eine Schublade aus ihrer Brust und metamorphosiert zu einem dreitürigen Kleiderschrank. ›Father‹, der aufgrund gewisser körperlicher Vorzüge politische Ambitionen verspürt, wird zum (wohlschmeckenden) Papagei. Töchterchen Penelope bringt nach anderthalbjähriger Schwangerschaft ein Ding zur Welt, das bis zu seinem frühen Tod in einer Reisetasche umhergetragen wird … Wir schreiben das Jahr 3 (oder 4) nach dem Dritten Weltkrieg, der genau 2 Minuten und 28 Sekunden dauerte. London ist nur mehr eine wüstenhafte Müllkippe, durchzogen von Halden zerbrochenen Porzellans, rostigen Autoschlangen und schwärenden Tümpeln. Die etwa 20 Überlebenden der »nuklearen Meinungsverschiedenheit« hatten alle Hände voll zu tun, die 40 Millionen Toten zu verscharren, jetzt geben sie, mit robuster Ignoranz und unerschütterlicher Würde in allen Lebens(?)lagen, ihr Bestes, die Maschinerie der guten alten Britannia am Laufen zu halten: als Elektrizitätswerk, als BBC oder als Gesundheitssystem. »Keep moving!« ist das Motto der Stunde – bloß kein festes Ziel bieten, falls es zu einem weiteren Angriff auf die stolze Nation und ihre ehernen Werte kommt. Richard Lester läßt seine brillant-zerklüftete postapokalyptische Gesellschaftskomödie mit einem dreifachen happy ending ausklingen: Blumen blühen, ein Baby wird geboren, Großbritannien ist wieder Atommacht.

R Richard Lester B John Antrobus, Charles Wood V Spike Milligan, John Antrobus K David Watkin M Ken Thorne A Assheton Gorton S John Victor-Smith P Oscar Lewenstein, Richard Lester D Rita Tushingham, Michael Hordern, Mona Washbourne, Ralph Richardson, Dudley Moore, Marty Feldman | UK | 90 min | 1:1,66 | f | 25. Juni 1969

# 824 | 9. Januar 2014

18.6.69

La sirène du Mississipi (François Truffaut, 1969)

Das Geheimnis der falschen Braut

»Est-ce que l'amour fait mal?« – »Oui, l’amour fait mal.« Louis Mahé (Jean-Paul Belmondo), alleinstehender Zigarettenproduzent auf der Île de la Réunion im Indischen Ozean, trägt sich mit der Absicht, Julie Roussel zu heiraten, die er per Heiratsanzeige kennen- und brieflich schätzen gelernt hat. Die Frau, die mit dem Liniendampfer eintrifft, ist eine andere als diejenige auf dem Foto, das Louis in den Händen hält, aber da sie dem Bräutigam eine charmante Erklärung geben kann, und weil sie so aussieht wie Catherine Deneuve, wird planmäßig Hochzeit gefeiert … Ein Verbrechen, das steht bald fest, hat auf der ›Mississipi‹ stattgefunden, und als die so schöne wie falsche Braut Marion Bergamo mit dem Vermögen ihres Gatten auf und davon gegangen ist, beginnt die Suche nach einer gewerbsmäßigen Schwindlerin. Doch mit der Enttäuschung, mit dem Betrug kommen, so verschlungen ist der Pfad der Gefühle, auch die wahre Liebe, die große Leidenschaft. François Truffaut vereint Louis und Marion in Hingabe und Schuld, in Euphorie und Haß, in Freude und Schmerz: »C'est une joie et une souffrance.« Ihre Liebe, überbreit wie die Franscope-Bilder, in denen sie geschildert wird, geht über Sinn und Verstand, über Geld und auch über Leichen. Ihre gemeinsame Reise, die zur Flucht wird, führt aus der Hitze der Tropen an die Côte d’Azur, über Aix-en-Provence nach Lyon, bis in die winterlichen Alpen. Durch tiefen, reinweißen Schnee stapfen Marion und Louis in Richtung Grenze. Sie wissen nicht, wohin ihr Weg sie führt. Aber sie gehen ihn zu zweit. »Je vous aime.« – »Je te crois.«

R François Truffaut B François Truffaut V William Irish (= Cornell Woolrich) K Denys Clerval M Antoine Duhamel A Claude Pignot S Agnès Guillemot P François Truffaut D Jean-Paul Belmondo, Catherine Deneuve, Michel Bouquet, Marcel Berbert, Nelly Borgeaud | F & I | 123 min | 1:2,35 | f | 18. Juni 1969

# 959 | 6. Juli 2015

12.6.69

Nebelnacht (Helmut Nitzschke, 1969)

Ein toter Motorradfahrer wird am Straßenrand gefunden; der Lenker eines weißen Wartburg gerät in Verdacht, den nächtlichen Unfall mutwillig verursacht zu haben. Oberleutnant Kreutzer und Unterleutnant Arnold von der volkseigenen Kriminalpolizei haben einige Mühe, die Beziehungsgespinste der außerordentlich schablonenhaft gezeichneten Beteiligten (Ärzte, Binnenschiffer, Autoschlosser, Museumskustoden) zu entwirren und den Täter zu stellen. Helmut Nitzschke setzt die ebenso langwierige wie ermüdende Ermittlungsarbeit der pflichtbewußten Beamten in spießbürgerlicher Provinzgesellschaft und kleinkriminellem Milieu auf bestenfalls hölzernem Fernsehfunkniveau in Szene.

R Helmut Nitzschke B Heiner Rank, Helmut Nitzschke V Heiner Rank K Wolfgang Pietsch M Hans-Dieter Hosalla A Harry Leupold S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Peter Borgelt, Hanjo Hasse, Hans-Peter Minetti, Inge Keller, Rolf Hoppe | DDR | 85 min | 1:1,66 | sw | 12. Juni 1969

# 1012 | 2. August 2016

30.5.69

The Castle of Fu Manchu (Jess Franco, 1969)

Die Folterkammer des Dr. Fu Man Chu

»This is Fu Manchu. Once again the world is at my mercy.« Nicht nur die Welt ist der Gnade des ruchlosen Verbrechers (und seines abermaligen Regisseurs Jess Franco) ausgeliefert, sondern auch das Publikum: Das Scheusal hat sich die Geheimformel eines gewissen Professor Hercules verschafft, die es ermöglicht, das Wasser der Ozeane mithilfe eines kristallinen Opium-Derivats binnen Sekunden in Eis zu verwandeln. Da es noch einige chemische Probleme zu lösen gilt, der Professor jedoch an akuter Herzschwäche leidet, werden kurzerhand ein Chirurg und seine Assistentin entführt, die im Istanbuler Hauptquartier des Schurken eine rettende Organtransplantation durchführen müssen; unterdessen ist Nayland Smith darum bemüht, die Menschheit vor dem ultimativen Gefrierschock zu bewahren … Zu Beginn des Films verwurstet Franco ungeniert die Schlußsequenz des zweiten Teils der Reihe, »The Brides of Fu Manchu«, sowie blau gefärbte Ausschnitte aus dem schwarzweißen Titanic-Drama »A Night to Remember«, um sich sodann lustlos durch die törichte Handlung zu hangeln; lediglich einige im surrealen Ambiente des Gaudíschen Parque Güell in Barcelona gedrehte Szenen und die bavaesk illuminierte Höhlenwelt von Fu Manchus Blubberlaboratorium faszinieren durch ihr phantastisch-geschmackloses Formgefühl. So erfährt die Legende vom gelben Satan schließlich und endlich ihre Entzauberung in kinematographischem Blödsinn: The Folly of Fu Manchu oder Die Debilität des Bösen. The world shall not hear from him again.

R Jess Franco B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K Manuel Merino M Charles Camilleri A Santiago Ontañón S John Colville P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Richard Greene, Günther Stoll, Maria Perschy, Tsai Chin, Howard Marion-Crawford | UK & E & BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 30. Mai 1969

# 868 | 24. Mai 2014

23.5.69

Detektive (Rudolf Thome, 1969)

Münchner Schule in schwarzweiß und Ultrascope. Ein helles Neubaubüro: ein schwarzer Schreibtisch, zwei Sessel, ein Aktenregal, eine Reiseschreibmaschine, ein Bett. Zwei Freunde, Andy Schubert (Marquard Bohm) und Sebastian West (Ulli Lommel), ziemlich entspannte Typen, lümmeln herum, spielen Detektiv – Philip Marlowe und Sam Spade lassen grüßen, Jean-Paul Belmondo und Alain Delon stehen Pate. Dazu die unvermeidliche Sekretärin: Micky (Uschi Obermeier), die ans Telefon geht, die Drinks mixt, die, wie man sehen wird, ein eigenes Süppchen kocht. Ihre Arbeit sehen die Detektive eher sportlich, fahren in offenen Wagen durch die Gegend, sind jederzeit bereit, ihre Auftraggeber zu hintergehen und sich mit den Zielpersonen zu solidarisieren, wenn sie nur hübsch genug sind, wie zum Beispiel Annabella (Iris Berben), die von einem gewissen Busse verfolgt und mit der Waffe bedroht wird. »Ich an deiner Stelle würde ihn ja heiraten«, sagt die pragmatische Micky zu Annabella, »so schnell findest du nicht wieder einen Mann, der auf dich schießt.« Nach und nach entwickelt sich aus dem Geplänkel eine Art Story, mindestens so kompliziert wie bei Raymond Chandler: Liebe, Eifersucht, Intrigen, Betrug, Doppelspiel, Entführung, Erpressung, Gift, Mord. Im Mittelpunkt steht Krüger (Walter Rilla), ein kultivierter alter Herr, der hat, was alle wollen: Geld. 100000 Mark Versicherungssumme sind bei Krügers Tod fällig, egal ob er im Bett stirbt oder einem Verbrechen zum Opfer fällt. Rudolf Thome und Max Zihlmann erzählen in ihrem nüchtern-skurrilen Film-noir-Pastiche keinen einfachen Generationenkonflikt, denn im Kampf um das Erbe der Väter zeigen die Jungen nicht den geringsten Gemeinschaftsgeist: Jeder ist sich selbst der nächste. Geschossen wird mit der gleichen kühlen Selbstverständlichkeit wie geküßt oder geschlafen, wie Whisky getrunken oder Steaks gebraten … Zeitgeist und Kinomythen, zusammengebunden von zwanglosen Bewegungen der Akteure und der Kamera, von vibrierendem Jazzrock und lapidaren Dialogen: »Ich habe auch einmal zu Hoffnungen Anlaß gegeben, ich konnte mich nur nie entscheiden, zu welchen.«

R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Kristian Schultze S Jutta Brandstaedter P Rudolf Thome, Carol Hellman D Marquard Bohm, Ulli Lommel, Chrissie Malberg (= Uschi Obermaier), Walter Rilla, Iris Berben, Elke Hart (= Elke Haltaufderheide) | BRD | 91 min | 1:2,35 | sw | 23. Mai 1969

15.5.69

Ma nuit chez Maud (Éric Rohmer, 1969)

Meine Nacht bei Maud

Six contes moraux, 3: Der von Jean-Louis Trintignant verkörperte Protagonist (und Erzähler) – Mitte 30, Ingenieur bei Michelin in Clermont-Ferrand, praktizierender Katholik – beobachtet in der Messe eine zurückhaltend wirkende (blonde) Frau (Marie-Christine Barrault) – und schlagartig wird ihm bewußt, daß er sie, die er nicht kennt, von der er nichts weiß: heiraten wird. Bevor es soweit ist, verbringt er (ungeplant – heftiger weihnachtlicher Schneefall hindert ihn am Nachhausefahren) eine Nacht und den folgenden Tag bei und mit der freigeistigen (brünetten) Maud (Françoise Fabian), der (geschiedenen) Freundin eines (marxistischen) Bekannten. Die kurze Begegnung gleicht einem gedankenvollen Redestrom, der kontroverse Überlegungen zu Themenpaaren wie Zufall und Bestimmung, ewige Liebe und Abnutzung der Gefühle, Körper und Geist, freier Wille und göttliche Gnade, Religiosität und Unglaube, Prinzipienfestigkeit (= Treue) und Flexibilität (= Seitensprung) heraufspült und wieder ver­schlingt. Éric Rohmer inszeniert seine winterlichen scènes de la vie de province als strenges psychologisches Rezitationsdrama, das dank der stupenden Sensibilität von Kameramann Néstor Almendros trotz entschiedener räumlicher Beschränkung eine erstaunliche visuelle Spannkraft entfaltet. Leise (fast überhörbare) sommerliche Ironie verrät sich erst in der kolportagehaften Schlußpointe. PS: »Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot …«

R Éric Rohmer B Éric Rohmer K Néstor Almendros A Nicole Rachline S Cécile Decugis P Barbet Schroeder, Pierre Cottrell D Jean-Louis Trintignant, Françoise Fabian, Marie-Christine Barrault, Antoine Vitezm Guy Léger | F | 110 min | 1:1,37 | sw | 15. Mai 1969

3.4.69

Sieben Tage Frist (Alfred Vohrer, 1969)

Von Alfred Vohrer weitgehend ohne formale Mätzchen in Szene gesetzt, entwickelt der in einem norddeutschen Nobelinternat angesiedelte Mit-den-Vätern-sterben-die-Söhne-Krimi seine Spannung aus der planvollen Verweigerung von Information und der generationskonfliktgeladenen Stimmung einer gesellschaftlichen Umbruchphase: Joachim Fuchsbergers aufgeklärte Autorität, Konrad Georgs verwundbare Kaltblütigkeit, Horst Tapperts zigarrenstummelspuckendes Amtgehabe stehen gegen die revoluzzerhaft-lässige Unbotmäßigkeit des Nachwuchses. Der leichenreiche Fall, in den gleichermaßen Lehrkörper und Dienstpersonal, Schüler und Elternschaft der Bildungsanstalt verwickelt sind, findet seine nicht gänzlich unerwartete Auflösung schließlich in Bundesdeutschlands tausendjähriger Vorgeschichte.

R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Paul Henricks K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Max Mellin S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Joachim Fuchsberger, Konrad Georg, Horst Tappert, Karin Hübner, Robert Meyn | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 3. April 1969

# 1133 | 21. Oktober 2018

15.3.69

La voie lactée (Luis Buñuel, 1969)

Die Milchstraße 

»Was ist das? Ist hier irgendwo ein Schießplatz?« – »Nein, nein, das bin ich. Ich habe mir gerade vorgestellt, man erschießt einen Papst.« Eine kleine, recht unterhaltsame Pilgerreise durch die Historie (vielleicht auch: Hysterie) der christlichen Prophetien, Dogmen und Häresien: Zwei sympathische Tippelbrüder begegnen auf ihrem Weg von Paris nach Santiago de Compostela Jesuiten und Jansenisten, Todesengeln und Inquisitoren, sie lauschen gelehrten Disputationen bzw. erregten Streitereien über die Transsubstantiation, die Heilige Dreifaltigkeit oder die Jungfrauengeburt Jesu. Luis Buñuel annulliert die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, arrangiert Träume und Legenden, Gegenwart und Episoden aus 2000 Jahren (durchaus blutiger) Kirchengeschichte zu einem ironischen Remix theologischer Irrungen und Wirrungen, zu einem Potpourri des religiösen (in weiterem Sinne auch weltanschaulichen) Feuereifers, für den bis heute gestorben und getötet wird.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Christian Matras A Pierre Guffroy S Louisette Hautecœur P Serge Silberman D Paul Frankeur, Laurent Terzieff, Alain Cuny, Pierre Clémenti, Delphine Seyrig | F & BRD & I | 98 min | 1:1,66 | f | 15. März 1969

7.3.69

Le cerveau (Gérard Oury, 1969)

Das Superhirn

»Don't fool with the Brain!« Der große Eisenbahnraub auf französisch. Gérard Ourys turbulente Big-Caper-Klamotte im Sexy-mini-super-flower-pop-op-Look mit Bebel & Bourvil (als Arthur & Anatole – zwei Pariser Kleinkriminelle wie du & ich), mit Eli Wallach (als cholerisch-sizilianischer Mafiaboß Frankie Scannapieco), mit David Niven (als superklug-britischer Gentleman-Gauner) sonnt sich in der beschwingten Heiterkeit der Trente Glorieuses, einer glücklichen Zeit, die nichts ahnt von Finanzkrisen, von Wertberichtigungen, von Flucht in den Sachwert. Der kultivierte Herr hält einen Leoparden als Haustier, trinkt zum raffiniert geplanten Coup eine Tasse Tee, und die Aussicht auf 5 Millionen Pfund Sterling in Scheinen ist ihm Grund genug, einige Anstrengungen zu unternehmen. »I bet that no-one catches him. / He's too smart for them.«

R Gérard Oury B Gérard Oury, Marcel Jullian, Danièle Thompson K Wladimir Ivanov M Georges Delerue A Jean André S Albert Jurgenson P Alain Poiré D Jean-Paul Belmondo, Bourvil, David Niven, Eli Wallach, Silvia Monti | F & I | 115 min | 1:2,35 | f | 7. März 1969

24.2.69

The Prime of Miss Jean Brodie (Ronald Neame, 1969)

Die besten Jahre der Miss Jean Brodie

»Give me a girl at an impressionable age and she is mine for life.« Edinburgh in den 1930er Jahren: Miss Jean Brodie, Lehrerin an der Marcia Blaine School for Girls, widmet ihre besten Jahre (»I am truly in my prime.«) voller Leidenschaft (»I am a teacher! First, last, always!«) der Erziehung der ihr anbefohlenen Schülerinnen, von denen sie Großes erwartet (»All my pupils are the crème de la crème.«) ... Maggie Smith in der Titelrolle der unkonventionellen Pädagogin verwandelt Ronald Neames Romanadaption in eine kurzweilige One-Woman-Show, wobei die von Muriel Spark erfundene, faszinierend widersprüchliche Figur – ihr theatralischer Snobismus und ihre erotische Einbildungskraft, ihr überspannter Enthusiasmus und ihre Anfälligkeit für faschistische Ideen, ihr sinnenhaftes Schwanken zwischen Kunst (Mr. Lloyd) und Musik (Mr. Lowther) – letztlich zur mal kuriosen, mal grotesken jüngferlich-schwärmerischen Neurotikerin reduziert erscheint, die versäumte Chancen nachträglich im Leben ihrer Zöglinge zu realisieren trachtet. Wichtige Motive dieser Darstellung einer tragikomischen Existenzverfehlung – Liebe und Sex, Führung und Gefolgschaft, Vertrauen und Verrat – finden sich in Jay Presson Allens Bearbeitung zwar wieder, doch Sparks elegant strukturierte Erzählung mit ihren permanenten Zeitsprüngen und ständigen Perspektivwechseln wird umstandslos auf linearen Kurs gebracht, während entscheidende religiöse Aspekte gleich ganz unter den Tisch fallen.

R Ronald Neame B Jay Presson Allen V Muriel Spark K Ted Moore M Rod McKuen A John Howell S Norman Savage P Robert Fryer D Maggie Smith, Robert Stephens, Gordon Jackson, Celia Johnson, Pamela Franklin | UK & USA | 116 min | 1:1,85 | f | 24. Februar 1969

# 1048 | 20. Februar 2017

21.2.69

Der Mann mit dem Glasauge (Alfred Vohrer, 1969)

Fast scheint es, als hätte Alfred Vohrer gewußt, daß er mit dieser kruden Rachegeschichte um Drogen- und Mädchenhandel seinen Edgar-Wallace-Abschied gibt – so spielerisch wirft er die Prämissen der Reihe über den Haufen, so souverän ignoriert er etwaige Erwartungshaltungen. Keine verwinkelten Herrenhäuser, kein wabernder Nebel, kein dämonischer Kinski, kein hochanständiger Fuchsberger. Statt dessen jede Menge schwuler Anzüglichkeiten und Dutzende schwingender Mädchenbeine, viel frivoles Artistenmilieu und wüste Farbexzesse (Kamera: Karl Löb). Die subgenretypische Mischung aus Gemetzel und Klamauk funktioniert (nicht zuletzt Dank ›Hubsi‹ von Meyerinck in der Rolle des hitzig-verkalkten Scotland-Yard-Chefs Sir Arthur) so gut wie selten zuvor; zudem bietet »Der Mann mit dem Glasauge« eine der vielleicht bösesten Mutterfiguren der Filmgeschichte: Die von Friedel Schuster eindrucksvoll gespielte Lady Sharringham (deren eiserne Damenhaftigkeit wie eine unheimliche Vorausblende auf Margaret Thatcher wirkt) kann es durchaus aufnehmen mit matriarchalen Monstren vom Schlage einer Mrs. Iselin oder einer Mrs. Bates selig.

R Alfred Vohrer B Paul Hengge V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Horst Tappert, Karin Hübner, Hubert von Meyerinck, Fritz Wepper, Friedel Schuster | BRD | 87 min | 1:1,85 | f | 21. Februar 1969

11.2.69

Model Shop (Jacques Demy, 1969)

Das Fotomodell

Die Liebe des Auswärtigen, des Besuchers zu einer Stadt ist grundsätzlich anders als die des Einheimischen, des Bewohners: Ohne Erinnerungen, frei von Sehgewohnheiten, gesegnet mit dem unverbrauchten Blick des Fremden, kann sich der Durchreisende, der Gast, der Gestrandete fessellos treiben lassen, kann Oberflächenreize erkunden, kann Erscheinungen studieren. So macht es Jacques Demy, großes Kind, naiv Liebender, mit Los Angeles, dem Objekt seiner amerikanischen Begierde: »Model Shop« ist pure Phänomenologie. Die Figuren des Films – George (zugereist aus San Francisco – Gary Lockwood), ein junger Architekt, der mit seinem Leben gerade nicht besonders viel anzufangen weiß, und Lola (die eigentlich Cécile heißt und aus dem fernen Nantes stammt – Anouk Aimée), die unglückliche, rätselhaft-schöne Französin, der er nachstellt – sind nichts als Katalysatoren, die das neugierige Erkunden der Stadt ermöglichen. Ein Mann, der bald schon in den (Vietnam-)Krieg ziehen muß, eine Frau, die so bald wie möglich in die Heimat zurückkehren will, begegnen sich, verfolgen sich, beäugen sich, finden sich, verlassen sich. 24 Stunden in einer Stadt, die viele für häßlich halten, die aber in der Wirklichkeit des Kinos nur eines ist: reine Poesie. Eine kleine Ewigkeit in einer Stadt, die geschaffen scheint für endlose Fahrten im offenenen Wagen: über vermeintlich monotone Boulevards, vorbei an leuchtenden billboards, entlang des grafischen Liniengewirrs der Stromleitungen, hinauf in die Hügel – von denen sich das grandiose Panorama öffnet auf die magische Geometrie eines urbanen Happenings.

R Jacques Demy B Jacques Demy K Michel Hugo M Spirit A Kenneth A. Reid S Walter Thompson P Jacques Demy D Gary Lockwood, Anouk Aimée, Alexandra Hay, Carole Cole, Tom Holland | USA & F | 95 min | 1:1,85 | f | 11. Februar 1969

29.1.69

Goto, l’île d’amour (Walerian Borowczyk, 1969)

Goto, Insel der Liebe

Vielleicht war es so… Eine stickige, schwarzweiße Nacht. Die Luft vibriert vom Summen der Fliegen. Beckett, Kafka und Jarry kommen aus dem Kino. Der Film hat ihnen nicht gefallen. Nur den Hauptdarsteller, einen gewissen Pierre Brasseur, den mochten sie. Die drei setzen sich auf die Terrasse eines Cafés, bestellen Absinth und beschließen, zusammen ein Drehbuch zu schreiben. Die Geschichte sollte auf einer Insel spielen, die nach einem Erdbeben vom Rest der Welt abgeschnitten wäre. Ein Gouverneur, gütig und sadistisch, herrschte über die kleine Welt. Und eine schöne Frau hätte er. Die liebte aber einen anderen: ihren Reitlehrer. Außerdem gäbe es Fliegen, jede Menge Fliegen. Und da wäre ein Aufzug, mit dem Verurteilte auf eine Bühne gefahren würden, wo sie gegeneinander kämpfen müßten – der Gewinner würde begnadigt, der Verlierer käme aufs Schafott. Der Kellner serviert noch drei Absinth. Und einer, der begnadigt worden wäre, wollte unbedingt die Frau des Despoten für sich haben, und die Macht wollte er auch. Deswegen ginge alles kaputt. Und das Meer rauschte in der Ferne. Und da wären Hunde. Die würde man erschießen, wenn ihr Herr stürbe. Und es gäbe einen Alten, der geniale Fliegenfallen baute. Und alle Namen begännen mit G. Warum G? Warum nicht? Pierre Brasseur müßte die Hauptrolle spielen. Wer aber könnte Regie führen? Der Kellner kennt einen, einen verrückten Polen. Der habe zwar bisher nur Trickfilme gemacht, aber die seien nicht schlecht. Walerian Borowczyk heiße er, und eine schöne Frau habe er auch. Die könne ja die schöne Frau des Herrschers spielen. Beckett, Kafka und Jarry sind begeistert. Der Kellner bringt eine weitere Runde Absinth. Die Fliegen fliegen um den Tisch.

R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk, Dominique Duvergé K Guy Durban M Georg Friedrich Händel A Walerian Borowczyk S Charles Bretoneiche P Louis Duchesne, René Thévenet D Pierre Brasseur, Ligia Branice, Jean-Pierre Andréani, Ginette Leclerc, Fernand Bercher | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1969

22.1.69

La femme infidèle (Claude Chabrol, 1969)

Die untreue Frau

»Je me sens bien comme ça. Le moindre changement dans ma mode de vie pourrait troubler cette harmonie.« Ein Portrait der kultivierten bürgerlichen (Ehe-)Hölle, ganz ohne Heulen und Zähneklappern, stattdessen mit Manieren und Mord. Charles (gefährlich-beherrscht: Michel Bouquet) macht seiner Frau Hélène (kalt-lodernd: Stéphane Audran) wegen ihrer Untreue keine Szene – dafür ist er viel zu gut erzogen. Er tötet den Rivalen Victor (epikureisch-quallig: Maurice Ronet) ganz en passant, nach einem kleinen Plausch unter Männern. Hélène versteht Charles (wortlos) und entdeckt, infolge der Bluttatt, die Hoch­achtung vor und die Liebe zu ihrem Gatten wieder … Die oszillographische Akkuratesse, mit der Claude Chabrol den diskreten Wahn der Bourgeoisie – ihre abgezirkelten Rituale, ihre versteckten Begierden, ihre codierte Kommunikation, ihren genießerischen Ekel vor sich selbst – nachzeichnet, verrät nicht nur eine tiefe Kenntnis der beschriebenen Lebenswelt, sondern auch eine Art zynisches Erbarmen mit ihren entseelten Helden. Die letzte Einstellung des Films, eine Kombination von Distanzierung (Kamerafahrt) und gleichzeitiger Annährung (Zoom), bringt das inszenatorische Programm auf den Punkt: (sachlichen) Abstand wahren bei ungeschönter Betrachtung aller (verräterischen) Details.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Genovès D Stéphane Audran, Michel Bouquet, Michel Duchaussoy, Maurice Ronet, Louise Rioton | F & I | 98 min | 1:1,66 | f | 22. Januar 1969