19.11.65

Return from the Ashes (J. Lee Thompson, 1965)

Eine Tür fällt zu

»What I am about to propose to you is bizarre, grotesque.« In der Tat: Stanislaus will eine Unbekannte, die seiner totgeglaubten Ehefrau Michelle verblüffend ähnlich sieht, dazu überreden, in die Rolle der Verstorben zu schlüpfen, um deren von Staats wegen eingefrorenen Vermögens habhaft zu werden. Stanislaus’ Angebot erscheint umso bizarrer, grotesker, da Michelle einst als Jüdin in ein deutsches Konzentrationslager verschleppt wurde. Am bizarrsten, groteskesten ist freilich der Umstand, daß die Unbekannte niemand anderes ist als die Ehefrau selbst, die sich als Holocaust-Überlebende – »rewarded, curious, shocked, even thrilled« – auf das morbide Manöver einläßt … »Return from the Ashes«, eine Erzählung vom Leben nach dem Tod, spielt kurz nach dem Ende der Okkupation in Paris; eine Rückblende führt in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als der mittellose Schachspieler Stanislaus (Maximilian Schell) und die wohlhabende Röntgenärztin Michelle (Ingrid Thulin) einander kennenlernten. »If there is no god, no devil, no heaven, no hell, no immortality, then everything is permissible« – eine Dostojewski-Paraphrase steht als Motto über ihrer ersten Begegnung, eine eisige Mordintrige (in die auch Michelles biestige Stieftochter Fabienne (Samantha Eggar) verwickelt ist) bildet den Abschluß der leidenschaftlich-lieblosen Beziehung. J. Lee Thompson experimentiert in seinem melodramatischen Thriller – nicht immer ganz überzeugend, bisweilen die Lächerlichkeit streifend – mit der filmischen Umsetzung der Spezifika von Schach und Röntgenstrahlung: Kalte Berechnung und ungerührte Bloßlegung prägen den Film auf formaler und erzählerischer Ebene. Der (gewissermaßen post-apokalyptische) Plot erscheint bizarr, grotesk – aber war der Holocaust nicht auch unbegreiflich?

R J. Lee Thompson B Julius J. Epstein V Hubert Monteilhet K Christopher Challis M John Dankworth A Michael Stringer S Russell Lloyd P J. Lee Thompson D Ingrid Thulin, Maximilian Schell, Samantha Eggar, Herbert Lom | UK | 105 min | 1:2,35 | sw | 19. November 1965

# 903 | 21. August 2014

5.11.65

Le tigre se parfume à la dynamite (Claude Chabrol, 1965)

Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit

In seinem zweiten (und letzten) Abenteuer verschlägt es den ›Tiger‹ Louis Rapière (Roger Hanin, der auch wieder das Drehbuch schrieb) nach Südamerika; der französische Agent soll den Rücktransport eines Goldschatzes überwachen, der aus einer einstmals vor Cayenne gesunkenen Galeone geborgen wurde. Das Gold wird gestohlen, und schon bald tut sich der Abgrund einer revolutionären Verschwörung auf: Die kryptofaschistische Geheimorganisation ›Orchidee‹ (unter Führung eines gewissen Hans Heinz von Wünschendorf) plant, nach dem Motto »heute gehört uns Guayana und morgen die ganze Welt«, den Umsturz in der Dschungelkolonie. Claude Chabrol verrührt Waffenschmuggel, Atomsprengköpfe und eine vage Rasseideologie zu einem klumpig-faden (im sonnigen Andalusien gedrehten) Thrillerpotpourri, das weder Michel Bouquet (als fanatischer Zoodirektor) noch Margaret Lee (als suspekte Amerikanerin Pamela Mitchum) und auch nicht ein Kurzauftritt des Regisseurs (als versoffener Röntgenarzt, der einen toten Hai durchleuchtet) aufwürzen können. Einzig die in Bouquets Tierpark spielende Schlußszene des Films erreicht eine gewisse surreale Qualität: Die Showdown-Montage, die statt des eigentlichen Schußwechsels Bilder eingesperrter, brüllender, flatternder Kreaturen zeigt, mag Stanley Donen und Luis Buñuel als Inspiration für ähnliche Sequenzen in »Arabesque« und »Le fantôme de la liberté« gedient haben.

R Claude Chabrol B Antoine Flachot (=Roger Hanin), Jean Curtelin K Jean Rabier M Jean Wiener A Juan Alberto Soler S Jacques Gaillard P Christine Gouze-Rénal D Roger Hanin, Margaret Lee, Michel Bouquet, Roger Dumas, Dodo Assad Bahador | F & I & E | 86 min | 1:1,66 | f | 5. November 1965