27.10.82

Une chambre en ville (Jacques Demy, 1982)

Ein Zimmer in der Stadt

»Le ciel de Nantes rend mon cœur chagrin.« (Barbara) ... Eine einfache Geschichte von Liebe und Tod: Ein unbemittelter Arbeiter, dessen Freundin ein Kind erwartet, und eine Frau aus sogenannten besseren Kreisen, deren Ehemann vor Eifersucht rast, entbrennen füreinander in unbändiger Leidenschaft. Der Schauplatz ist die westfranzösische Hafenstadt Nantes. Das Jahr ist 1955. Jacques Demy siedelt seine (nicht unblutige) tragi-comédie enchantée im historisch-politischen Umfeld des großen Streiks der Werftarbeiter an. Handlung und Charaktere sind so schlicht wie ergreifend: Wie von den Karten geweissagt, rauschen François (Richard Berry als sexy-sensibler Proletarier) und Edith (Dominique Sanda als auserlesen-unbürgerliche Venus im Pelz) aufeinander zu wie zwei aus der Bahn geratene Himmelskörper, und mit ebendieser Wucht erfüllt sich ihr irdisches Schicksal. An ihrer Seite agieren Danielle Darrieux als aristokratische Zimmerwirtin und besorgte Mutter, die nicht ganz so sittenfest ist, wie sie vorgibt, Michel Piccoli als besitzergreifender Fernsehhändler, dessen Impotenz sich in (Selbst-)Zerstörungswut verwandelt, und Fabienne Guyon als veilchenhaftes Geschöpf, das seinen rosa Traum vom kleinbürgerlichen Glück zerplatzen sieht. Mit »Une chambre en ville« kehrt Demy zurück, in die Zeit seiner Jugend, in seine Heimatstadt, zur Form der »opéra populaire«, die er mit »Les parapluies de Cherbourg« erfand, zurück auch in die passage Pommeraye, durch die einst Lola, die Heldin seines ersten Spielfilms, flanierte. Doch es ist keine fröhliche Heimkehr, kein glückliches Wiedersehen, es ist ein trauriger letzter Besuch, um (singend) Abschied zu nehmen. PS: Demys Haus- und Herzenskomponist Michel Legrand findet das alles zu dunkel, zu schwer; die Musik des Films schreibt ein anderer: Michel Colombier, der schon für Schattenmänner wie Melville, Labro und Friedkin gearbeitet hat.

R Jacques Demy B Jacques Demy K Jean Penzer M Michel Colombier A Bernard Evein S Sabine Mamou P Christine Gouze-Rénal D Dominique Sanda, Richard Berry, Danielle Darrieux, Michel Piccoli, Fabienne Guyon | F | 90 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1982

# 1122 | 5. Juni 2018

18.2.82

Die Sehnsucht der Veronika Voss (Rainer Werner Fassbinder, 1982)

»Memories are made of this.« Nach Maria Braun und Lola, deren Blicke starr in die Zukunft gerichtet sind, stellt das zuletzt gedrehte Mittelstück von Rainer Werner Fassbinders BRD-Trilogie, angelehnt an das Schicksal des Ufa-Stars Sybille Schmitz, eine Frau ins Zentrum, die von der Vergangenheit beherrscht wird. München, 1955: Eine gewesene Filmgröße kauft sich die künstlichen Paradiese von Flucht (ins strahlende Gestern) und Vergessen (der tristen Gegenwart) bei einer alles Unglück sorgfältig berechnenden Nervenärztin. Ein Sportreporter verliebt sich in die strahlend-kaputte Diva, will sie retten, scheitert, verliert alles, macht irgendwie weiter. Mehr als die anderen Teile der Reihe ist »Die Sehnsucht der Veronika Voss« ein grandioser Schauspielerfilm: Rosel Zech (in der Titelrolle): wunderschön, depressiv, hysterisch; Hilmar Thate (als Journalist Robert Krohn): zerknautscht, alkoholisch, verunsichert; Cornelia Froboess (als Roberts Freundin Henriette): ironisch, klug, abgekämpft; Annemarie Düringer (als Veronikas Ärztin Dr. Katz): kalt, lächelnd, tödlich. Die Zeit, in der diese Menschen leben, ist friedlich, verlogen, sentimental. Das Land, das sie bevölkern, ist geschunden, grausam, verstört. Erinnerungen an früher sind nicht totzukriegen, nur mit Morphium zu ertragen. Die einen denken zurück an Babelsberg, die anderen an Treblinka. Massenkunst und Massenvernichtung – Traumfabrik und industrielle Tötung erscheinen als zwei Seiten einer Medaille, und den Überlebenden ist in beiden Fällen nur Aufschub gewährt: »You can't beat the me­mo­ries you gave-a me.« Das Werk ähnelt einer Frottage: die Schrecken der vierziger Jahre durchgerieben auf die Oberfläche der fünfziger. Fassbinder bedient sich, um Traditionslinien kenntlich zu machen, offensiv traditioneller kinematographischr Mittel: Trickblenden und Sternchenfilter, artifizielle Bauten und dramatische Beleuchtungseffekte. Sein Film ist überdeutlich »gemacht«, ausdrücklich »hergestellt«: ein giftiges Melodram, ein weißlackierter Film noir, eine Erzählung über Licht und Schatten, Schmerz und Rausch, über den Irrglauben an den Sieg und die Realität der Niederlage.

R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz P Thomas Schühly D Rosel Zech, Hilmar Thate, Annemarie Düringer, Cornelia Froboess, Doris Schade | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Februar 1982

# 1116 | 29. Mai 2018

15.1.82

One from the Heart (Francis Ford Coppola, 1982)

Einer mit Herz

»Is there any way out of this dream?« Kaum erholt von den Strapazen seines höchstpersönlichen Dschungelkrieges (widely known as »Apocalypse Now«), stürzt sich Francis (Ford) Coppola in die nächste extravagante Maßlosigkeit: auch die ultrabanale Las-Vegas-Lovestory um Hank und Frannie, die am fünften Jahrestag ihres Kennenlernens im Streit auseinandergehen, um einander nach kurzen amourösen Abstechern wieder tränenreich in die Arme zu sinken, gerät dem Zampano des »New Hollywood« zur überkandidelten Superproduktion. Zugleich auf der Suche nach dem Glanz längst vergangener Traumfabrik-Zeiten und besessen von den unbegrenzten (?) Möglichkeiten des elektronischen Filmemachens, generiert Coppola eine neo(n)-barocke Farborgie (Kamera: Vittorio Storaro), ein popartiges Album sensationeller set pieces (Bauten: Dean Tavoularis), eine – streckenweise erstaunlich behäbig inszenierte – Revue romantischer Musterbilder (Musik: Tom Waits). Zusammengehalten durch nichts als den schieren Willen zur Größe, mangelt es dem retro-avantgardistischen Panoptikum alles in allem – ausgerechnet – an Herz: weder Frederic Forrest (als selbstgefälliger Spießer) noch Teri Garr (als oberflächliche Eskapistin) entwickeln mehr Attraktion als austauschbare Lichtdoubles, und ihre Liebe erscheint so tief wie der Widerschein von Leuchtreklamen im nassen Asphalt einer Kulissenstraße.

R Francis Ford Coppola B Francis Ford Coppola, Armyan Bernstein K Vittorio Storaro, Ronald Víctor García M Tom Waits A Dean Tavoularis S Anne Goursaud, Randy Roberts, Rudi Fehr P Fred Roos, Gray Frederickson D Teri Garr, Frederic Forrest, Raul Julia, Nastassja Kinski, Harry Dean Stanton | USA | 108 min | 1:1,37 | f | 15. Januar 1982

# 1130 | 28. Juni 2018