21.12.67

Rheinsberg (Kurt Hoffmann, 1967)

Die Welt von gestern in einem Film von vorgestern. Kurt Hoffmann und Herbert Reinecker entkleiden Kurt Tucholskys ironisch-zärtliches ›Bilderbuch für Verliebte‹ von jeder kritischen Anzüglichkeit, konzentrieren sich stattdessen aufs illustrativ-episodische Abfeiern der guten alten Zeit. Die Kamera (Richard Angst) schlägt dabei die eine oder andere Kapriole, ein perlender Samstagabendsound (Hans-Martin Majewski) und diverse Schnittfrivolitäten mühen sich redlich, den befreiten Ton der späten 1960er Jahre zu treffen. Die Akteure bieten im besten Falle solides Kabarett, nur Cornelia Froboess (deren Talent deutsche Filmregisseure unverzeihlicherweise kaum je mit angemessenen Rollen zu würdigen wissen) leistet mehr: Ihre hochkultivierte Kodderschnauze hält die ganze Chose souverän zusammen.

R Kurt Hoffmann B Herbert Reinecker V Kurt Tucholsky K Richard Angst M Hans-Martin Majewski A Werner Schlichting S Gisela Haller P Heinz Angermeyer D Cornelia Froboess, Christian Wolff, Werner Hinz, Agnes Windeck, Ehmi Bessel | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 21. Dezember 1967

16.12.67

Playtime (Jacques Tati, 1967)

Tatis herrliche Zeiten

Monsieur Hulots aberwitzige Karussellfahrt um das kalte Herz der Moderne. Mit der gleichen künstlerischen Radikalität wie Stanley Kubrick (dessen »2001: A Space Odyssey« parallel entsteht) fegt Jacques Tati alle Regeln der klassischen Filmdramaturgie beiseite und stellt einen einzigartigen Monolithen in die Kinogeschichte. »Playtime« hat keinen Plot sondern ein Thema, vielmehr einen Betrachtungsgegenstand: die eloxierte Welt des Spätkapitalismus, den samtgrauen internationalen Stil des materialistischen Rationalismus. »Playtime« ist eine Art Neuauflage von »Modern Times« – aber während Charlie sich noch ganz anschaulich und geradezu rührend naiv im Räderwerk altertümlicher Maschinen verhakelte, liefert Tati seine Figuren einer allesverschlingenden Abstraktion des Daseins aus, einer minutiös durchgeplanten Abwesenheit von Lebensfreude, einer eisgrauen Unlust, die bestenfalls gelegentlich durch gezielte Subversion oder schlichte Ignoranz aufzubrechen ist. In locker miteinander verbundenen Szenen, mit einem unbestechlichen Auge für architektonische Grausamkeiten und einem feinen Ohr für absurde Alltagsgeräusche werden die anonymen Orte der zeitgenössischen Existenz, die Transitstationen des unpersönlichen Lebens durchdekliniert: der Flughafen, das Büro, das Apartment, das Hotel, die Straße, das Restaurant. Tatis choreographische Komik zeigt sich auf ihrem Höhe- und Endpunkt: ultraminimalistisch und supertotal zugleich. Mit anderen Worten: es ist so lustig, daß es nichts mehr zu lachen gibt

R Jacques Tati B Jacques Tati, Jacques Lagrange K Jean Badal, Andréas Winding M Francis Lemarque A Eugène Romand S Gérard Pollicand P Bernard Maurice D Jacques Tati, Barbara Dennek, Billy Kearns, Georges Montand, Reinhard Kolldehoff | F & I | 126 min | 1:1,85 (70 mm) | f | 16. Dezember 1967

6.12.67

Théâtre de Monsieur & Madame Kabal (Walerian Borowczyk, 1967)

Jeux de massacre oder Schmetterlinge weinen nicht. Ein Film »dessiné pour les adultes« – ohne faßliche Handlung, ohne erkennbaren Sinn; stattdessen rudimentäre Figuren (Madame: eine roboterhafte Xanthippe mit mächtigem Vorbau / Monsieur: ein abgebrochener Riese mit Hang zu knusprigen Mädchen), die ein absurdes Beziehungstheater aufführen, ein mechanisches Endspiel der Gefühle. Walerian Borowczyk, polnisch-französicher Plakatgrafiker und Trickfilmer, gibt mit seinen »Bruchstücken einer Ehe« nicht nur den sardonischen Dada-Disney, er kreiert ein ganz persönliches Genre, das man vielleicht »Antimation« nennen könnte: eine Synthese aus abstrahierender Illustrationskunst und unsentimentaler Betrachtung der Welt. Mit frostigem Witz entlarven die Kabals menschliche Zwangshandlungen in einem (von unkontrollierbaren Um- und Zuständen) völlig verzeichneten Alltag.

R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Guy Durban, Francis Pronier M Avenir de Monfred S Claude Blondel P Jacques Forgeot | F | 80 min | 1:1,37 | f | 6. Dezember 1967

5.12.67

Billion Dollar Brain (Ken Russell, 1967)

Das Milliarden-Dollar-Gehirn

»Billion Dollar Brain« setzt den absurden Schlußpunkt unter die Harry-Palmer-Trilogie und funktioniert dabei in gewisser Weise als Kommentar auf die ins Kraut schießenden Bond-Phantasien der Ära (wozu auch der schicke Maurice-Binder-Titel paßt): Palmer (einmal mehr einmalig: Michael Caine) wird (von unbekannter Seite) mit dem Transport einiger mysteriöser Hühnereier von London nach Helsinki betraut und so in die Pläne des fanatisch-antikommunistisch-texanischen Ölmilliardärs General Midwinter (durchgeknallt: Ed Begley) verwickelt, der fest von der Verseuchung der amerikanischen Ostküste durch die Roten überzeugt ist und im Rahmen seines ganz persönlichen »Kreuzzugs für die Freiheit« mit Privattruppen in die Sowjetunion einzumarschieren gedenkt … Mit von der Partie: Karl Malden (als zwielichtig-eigennütziger Büttel des Bösen) Oskar Homolka (als gutmütig-gefährlicher russischer Bär) und die absolut wundervolle Françoise Dorléac (als lasziv-letale Doppelagentin). Ken »third-rate cliché« Russell dreht inszenatorisch irgendwann völlig ab (besser gesagt: auf), um sich in poppigen Riefenstahl- und Eisenstein-Parodien zu ergehen – die überspannte Spionage-Groteske verwandelt die genrepersiflierenden Elemente in pure Subversion, brilliert als entlarvender Zerrspiegel zeithistorischer Realitäten, als opulentes Politmärchen aus dem Winter unseres (Miß-)Vergnügens.

R Ken Russell B John McGrath V Len Deighton K Billy Williams M Richard Rodney Bennett A Syd Cain S Alan Osbiston P Harry Saltzman D Michael Caine, Karl Malden, Ed Begley, Oskar Homolka, Françoise Dorléac | UK | 111 min | 1:2,35 | f | 5. Dezember 1967