7.2.67

Katz und Maus (Hansjürgen Pohland, 1967)

Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende reist Pilenz (Wolfgang Neuss) in seine Heimatstadt Danzig, nunmehr Gdańsk, um sich auf die Spuren des Schulkameraden Joachim Mahlke zu begeben. Mahlke, ein distanzierter Sonderling mit sportlichem Ehrgeiz, leidet unter einem übergroßen Adamsapfel, den er durch allerlei Zierat zu kaschieren sucht: Schraubenzieher, Wollbommeln, Ritterkreuze. Pilenz denkt zurück an die Zeit Anfang der vierziger Jahre, an sommerliche Schwimmausflüge mit der Clique, hinaus zum Wrack eines polnischen Minensuchers, wo Mahlke nach Schrott und Krempel tauchte, denkt an die Ansprachen ordensgeschmückter Offiziere in der Schulaula, die Mahlkes Appetit auf das »Bonbon« anregten … Hansjürgen Pohlands Adaption der Novelle von Günter Grass überblendet satirisch soldatische Ideale und eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung, ignoriert dabei die Konventionen des historischen Ausstattungskinos, arbeitet mit swingenden Jazz und skizzenhaften Bildern, holt die Vergangenheit in die Gegenwart der Rahmenhandlung: Pilenz befindet sich als Erwachsener mitten unter den Freunden von damals, die Stadt von heute wird zur Stadt von einst – ein überzeugender Distanzierungseffekt, der Erinnerung als Form von Fiktion ausweist (allerdings durch surrealistische Mätzchen mit lebensgroßen Puppen und ausgestopften Katzen etwas verunklart wird). Als Glücksgriff erweist sich die Besetzung der Willy-Brandt-Söhne Lars und Peter (als jüngerer und älterer Mahlke), deren eckiges Spiel der ratlos zwischen Ruhmsucht und Verweigerung driftenden Hauptfigur witzig-spröde Glaubwürdigkeit verleiht.

Katz und Maus | R Hansjürgen Pohland B Hansjürgen Pohland V Günter Grass K Wolf Wirth M Attila Zoller A Jerzy Szeski S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Lars Brandt, Peter Brandt, Wolfgang Neuss, Claudia Bremer, Herbert Weißbach | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 7. Februar 1967

# 925 | 12. Dezember 2014

Kommentare:

  1. Den hab ich vor ein paar Wochen im Fernsehen gesehen, und er hat mir auch gut gefallen (hier ein paar Zeilen dazu). Schon die schöne Montage-Sequenz am Anfang hat mich richtig in den Film hineingezogen.

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    1. Interessanter Mann, der Pohland – wie so viele aus der Zeit leider weitgehend vergessen*. Im Zeughaus-Kino in Berlin läuft dankenswerterweise gerade eine Pohland-Retro. Da hatte ich Gelegenheit, den Film zu sehen. Vielleicht schaue ich mir noch »Tamara« (nach einem Roman von Hansjörg Martin) an.

      * hier der Link zu einem von ihm produzierten Werbefilm mit reichlich Westberlin-Flair: www.youtube.com/watch?v=-jBIyqcw9A8&spfreload=10

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    2. wie so viele aus der Zeit leider weitgehend vergessen

      Ja, wie ich schon im verlinkten Text schrieb: Wer kennt noch Namen wie Bodo von Blüthner, Boris von Borresholm, Heinz Tichawsky oder Detten Schleiermacher?

      Pohland hat zusammen mit George Sluizer auch den Film über das holländische Kralingen-Festival gemacht, das erste kontinentaleuropäische Rockfestival der Monterey/Woodstock-Klasse (die Englander waren auf der Isle of Wight schon vorangegangen).

      Der Werbefilm ist wirklich cool. Aber welcher Schwachkopf hat den in die Breite gezogen? Die 16:9eritis entwickelt sich zu einer Massenpsychose.

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    3. 2012 ist in der »Edition Filmmuseum« eine DVD zum 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests erschienen. Da habe ich zum ersten Mal Werke von einigen der ins Film-Nirwana entschwundenen Unterzeichner gesehen. Vorher kannte ich die Namen Borresholm, Strobel/Tichawsky, Schleiermacher auch nur aus der Literatur.

      Wg. 16:9: Wirklich eine Pest! Hier ist noch ein Pohland-Film (leider auch falschen Format … am besten runterlasen und im Mediaplayer ansehen): https://www.youtube.com/watch?v=VHjR8Ot6qKg&spfreload=10

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