14.7.71

Beröringen (Ingmar Bergman, 1971)

Berührungen

Andreas (abgeklärt: Max von Sydow) und Karin (aufgeräumt: Bibi Andersson) leben mit zwei Kindern nebst Hund in einem hübschen Haus am Stadtrand. Gemeinsam liest man im Garten das Fallobst auf. Abends wird Schach gespielt. Es herrscht gutbürgerliche Harmonie – präsentiert wie ein Ikea-Glücksprospekt, unterlegt mit beschwingter Fahrstuhlmusik. Dann kommt der große Gefühlsknall in Gestalt des amerikanischen Archäologen David (rauhbautzig: Elliot Gould), der eine nahegelegene Kirche restauriert. Karin – sie weiß zunächst selbst nicht, warum – beginnt eine Affäre mit dem fordernden, zwischen Handgreiflichkeit und Depression, Hingabe und Verweigerung schwankenden Fremd-Körper. Andreas verhält sich indifferent, überläßt die Entscheidung über die eheliche Zukunft allein seiner Frau. Daß Ingmar Bergman sich in grellen Symbolismen ergeht (eine lächelnde gotische Madonna, Bild der Beziehung zwischen Karin und David, wird von Parasiten zerfressen; das Geschrei einer Kreissäge begleitet den Ehebruch) wäre vielleicht leichter zu akzeptieren, würde die existentielle Erschütterung aller Beteiligten nicht nur kühl behauptet sondern filmisch erfahrbar gemacht – doch »Beröringen« bleibt (trotz Anderssons beeindruckender Performance) eine Konstruktion vom emotionalen Reißbrett.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Carl Michael Bellman A P. A. Lundgren, Ann-Christin Lobråten S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg, Ingmar Bergman D Elliott Gould, Bibi Andersson, Max von Sydow, Sheila Reid, Barbro Hiort af Ornäs | S & USA | 115 min | 1:1,85 | f | 14. Juli 1971

7.7.71

Two-Lane Blacktop (Monte Hellman, 1971)

Asphaltrennen

»Just passin’ through.« Der ›Driver‹ und der ›Mechanic‹, zwei wortkarge Langhaartypen, unterwegs in einem gepimpten 1955er Chevrolet: sie verdienen ihr Geld mit illegalen Autorennen, schlafen in Motels, gabeln irgendwo das spröde ›Girl‹ auf, das sich ihnen bis auf weiteres anschließt, fordern den Besitzer eines 1970er Pontiac GTO, einen schrägen Mythomanen (Warren Oates liefert eine eindrucksvolle Darstellung des Großtuers als armes Würstchen), zur Wettfahrt quer durch die Staaten heraus. Je näher das Ziel rückt, desto gleichgültiger wird den Rivalen der Gewinn. Sie sind Drifter, Getriebene, Möchtegerne auf einer Reise ohne Bestimmung: Kalifornien, Arizona, New Mexico, Oklahoma, Arkansas, Tennessee – eine Sequenz abseitiger Straßen, gottverlassener Nester, weltflüchtiger (amerikanischer) Träume. Monte Hellmans existentialistisches Roadmovie zelebriert, so aufgedreht wie abgeklärt, die Ortlosigkeit, das Immerweiter, die unstillbare Sehnsucht nach dem Anderswo. »Well, here we are on the road.« – »Yup, that’s where we are all right.«

R Monty Hellman B Rudy Wurlitzer, Will Corry K Jack Deerson M Billy James S Monte Hellman P Michael Laughlin D James Taylor, Dennis Wilson, Warren Oates, Laurie Bird, Harry Dean Stanton | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 7. Juli 1971

# 1164 | 3. Juli 2019

4.7.71

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (Rosa von Praunheim, 1971)

»Sind Sie Berliner?« – »Nein. Isch bin zum ersten Mal in Berlin.« – »Und? Gefällt es Ihnen?« – »Ja, wie soll isch das jetzt schon sagen?« Daniel kommt aus der Provinz in die Großstadt. Während ihm monströse Koteletten sprießen und eine üppige Mähne wächst, durchläuft der junge Homosexuelle die schwule (Parallel-)Welt wie ein Fegefeuer der schrillen Trostlosigkeit. Ob Einzimmerwohnung oder Villa, ob Bar oder Freibad, ob Klappe oder Park: überall herrschen Gefühlskälte, Eitelkeit, Jugendkult, Modewahn, Körperterror, Liebesunfähigkeit; Tunte und Lederkerl, Paradiesvogel und warmer Spießer, sie alle fallen trotz, nein: wegen ihres gehetzten Herumfickens, wegen ihrer fanatischen Schwanzfixierung in bodenlose Einsamkeit … Exaltiertes Laientheater, asynchron nachvertonte Dialoge, komplett stumme Schausequenzen, unterrichtsfilmhafte Off-Kommentare – Rosa von Praunheim fügt vollendeten Dilettantismus und ultrakünstlichen Dokumentarstil zu einem sarkastischen Lehrstück der Isolation, zu einer absurden Revue der Deformierung – aber auch zu einem kämpferischen Pamphlet: Am Ende landet der von Szene und Dauergeilheit ausgelaugte Anti-Held auf dem fliederfarbenen Matratzenlager einer schwulen Wohngemeinschaft, die besser, sozialer, bewußter sein, handeln, lieben will: »Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!
 Freiheit für die Schwulen!« PS: Ob die Situation heute, über 40 Jahre nach der Uraufführung des Films, weniger pervers ist als damals, mag jeder, der in ihr lebt, selbst beurteilen.

R Rosa von Praunheim B Rosa von Praunheim, Martin Dannecker, Sigurd Wurl K Robert van Ackeren M diverse S Jean-Claude Peroué P Werner Kließ D Bernd Feuerhelm, Berryt Bohlen, Ernst Kuchling, Volker Eschke | BRD | 67 min | 1:1,37 | f | 4. Juli 1971

2.7.71

Wer im Glashaus liebt … (Der Graben) (Michael Verhoeven, 1971)

Michael Verhoevens dokumentarisch angetäuschte Bemühung, die Auswirkungen der sexuellen Revolution und des Erodierens gesellschaftlicher Verbindlichkeiten auf die Seele eines hippen, seiner beruflichen sowie erotischen Bestimmung überdrüssigen Werbefuzzis (Hartmut Becker) zu beschreiben, wirkt ein wenig so, als hätte Ingmar Bergman, unter Androhung von Waffengewalt, ein Szenario von Ernst Hofbauer verfilmt: ein klassisches Dreieck – Mann, Ehefrau (unglaublich sexy: Senta Berger), Geliebte; ein dekoratives Setting – rundum verglastes Atelier über den Dächern von Wien; taktvoll ins Bild gesetzte primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale. »Wer im Glashaus liebt … (Der Graben)« bricht nicht ohne Scharfsinn und dramaturgische Finesse die allgemeine Post-1968er-Erschütterung auf die konkreten (wenn auch reichlich abgehobenen) Spannungen zwischen drei Personen herunter, die ihre Bestimmung (= die Autorschaft über ihr Leben) suchen – wobei die Darsteller, zeitgemäß, im Off über ihre Rollen reflektieren dürfen. Am Ende läuft ein emanzipierter Nackter (ganz echt mit baumelndem Schwanz) durch die belebte (und konsternierte) Innenstadt: »Bilden Sie sich doch nicht so viel auf Ihre häßliche Konfektionskleidung ein! Sie sind doch unfrei und eingeengt!«

R Michael Verhoeven B Michael Verhoeven K Igor Luther M Axel Linstädt S Michael Verhoeven P Michael Verhoeven, Senta Berger D Senta Berger, Hartmut Becker, Marianne Blomquist | BRD | 85 min | 1:1,37 | f | 2. Juli 1971

1.7.71

Sunday Bloody Sunday (John Schlesinger, 1971)

Sunday Bloody Sunday

»Weht leise, ihr Winde, / Sanft schaukle die Welle, / Seid freundlich und linde / Ihr wogenden Fluten, / Seid hold ihrer Fahrt!« – London. Herbst. Zehn Tage. Drei Menschen. Alex, Mitte 30 (Glenda Jackson), und Daniel, um die 50 (Peter Finch), lieben den jungen Bob (Murray Head). Bob schläft mit beiden (die voneinander wissen, ohne sich zu kennen), liebt sie parallel wieder, bleibt in dieser emotionalen Spaltung nur einem treu: sich selbst. John Schlesinger (Regie) und Penelope Gilliat (Drehbuch) fügen mit distanzierter Empathie eine Reihe von konzentriert beobachteten Alltagssituationen zur Rundsicht auf eine komplexe Gefühlslandschaft, kennen dabei weder Vorbehalte noch Vorurteile. Vor dem Objektiv der insistierenden Kamera, in den ausgewaschenen Farben der Erzählung, sind sie alle gleich – und werden in ihren Zweifeln, in ihren Hoffnungen, in ihren widersprüchlichen Wesensarten gleichermaßen ernst genommen: die (fordernde) geschiedene Arbeitsberaterin, der (zurückhaltende) schwule Arzt, der (autonome) ambitionierte Künstler. »Sunday Bloody Sunday« zeigt die Dinge des Lebens, die Fragilität der Beziehungen, die Strömungen der Liebe in den Zeiten der relativen Wahrheit: eine Symphonie der Zwischentöne, eine Anatomie der Kommunikation, ein Dreieck mit unendlich vielen Seiten. PS: »All my life, I've been looking for somebody courageous, resourceful. He's not it … but something. We were something.«

R John Schlesinger B Penelope Gilliat K Billy Williams M Wolfgang Amadeus Mozart, Ron Geesin A Luciana Arrighi S Richard Marden P Joseph Janni D Peter Finch, Glenda Jackson, Murray Head, Peggy Ashcroft, Tony Britton | UK | 110 min | 1:1,66 | f | 1. Juli 1971