31.7.70

Ovoce stromů rajských jíme (Věra Chytilová, 1970)

Die Früchte des Paradiesbaums

Die Geschichte des Sündenfalls als avantgardistische Beziehungsdramödie. Nach einem pastoral-brakhagesken Prolog, der das erste Paar der Menschheitshistorie in abstrakt-überzeitlicher Sphäre präsentiert, erscheint der Versucher in Gestalt des rotgewandeten Robert, der die neugierige Eva ihrem Gefährten Josef (der es mit der Treue seinerseits nicht allzu genau nimmt) durch allerlei Verführungstricks zu entfremden sucht. Ort der Ereignisse ist eine Art Kurbad inmitten einer zauberischen Landschaft von Wäldern, Wiesen, Seen, Sandgruben, nahe einer verfallenen Villa, wo Eva auf Indizien für die serienmörderische Natur ihres ominösen Anbeters stößt. Věra Chytilová und ihre künstlerische Mitstreiterin Ester Krumbachová fügen Elemente aus Horrorfarce und Liebesabenteuer und Gesellschaftsstück zu einer symbolträchtig-mythopoetischen Collage über den heißen Wunsch nach Erkenntnis sowie das harte Leben in der Wahrheit. Die visuelle Experimetierfreude des eigenwilligen Werks sekundiert der ironisch-pathetische Score von Zdenek Liska, der mit überdrehter Sentimentalität und kakophonischer Morbidezza und feierlicher Archaik ein delikates Vielerlei musikalischer Früchte von den paradiesischen Bäumen pflückt.

R Věra Chytilová B Věra Chytilová, Ester Krumbachová K Jaroslav Kučera M Zdenek Liska A Vladimír Labský Ko Ester Krumbachová, Bohumila Marsalková S Miroslav Hájek P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Jitka Nováková, Karel Novák, Jan Schmid | CS & B | 99 min | 1:1,37 | f | 31. Juli 1970

# 1176 | 6. September 2019

Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)

»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.

»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970