29.12.72

Ludwig (Luchino Visconti, 1972)

Ludwig II. 

Beklemmendes Panorama und pompöses Kammerspiel: der Verfall eines Monarchen vom hoffnungsvollen Tag der Krönung bis zum geheimnisumwitterten Ertrinkungstod. Im abschließenden Teil seiner »deutschen Trilogie« begibt sich Luchino Visconti auf die Spuren des – zu Beginn der Erzählung berückend schönen – Bayernkönigs Ludwig II. (Helmut Berger), der – voller Pläne und erfüllt von Ängsten, zugleich scheu und gebieterisch ­– seinen von schöpferischem Wollen angetriebenen Herrschaftsanspruch in konstitutionellen Zeiten nicht leben kann, dem – zerrieben zwischen dem Drang nach Selbstentfaltung und staatspolitischem Erwartungsdruck – Freundschaft (zum hochverehrten Richard Wagner, zum angeschwärmten Josef Kainz) und Liebe (zur seelenverwandten Elisabeth von Österreich, der komplexesten Figur des Dramas, von Romy Schneider als Dementi ihrer eigenen Sissi-Vergangenheit gespielt) durchweg mißglücken, der sich schließlich – aufgedunsen und zahnlückig – in asymmetrische Techtelmechtel und die Errichtung (seifen-)opernhafter Phantasiewelten flüchtet. Kein herkömmliches Epos, eher eine ausufernde Fallstudie, zusammengefügt aus (mehr oder weniger fiktionalisierten) biographischen Episoden, locker strukturiert von in die Kamera gesprochenen Stellungnahmen der Wegbegleiter und Widersacher des royalen Protagonisten, ein schwelgerisch-distanziertes Schaustück vom (traurigen) Glanz und (prunkvollen) Elend eines radikalen Ästheten und antisozialen Träumers.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Enrico Medioli, Suso Cecchi D’Amico K Armando Nannuzzi M diverse A Mario Chiari S Ruggero Mastroianni P Ugo Santalucia, Dieter Geissler D Helmut Berger, Romy Schneider, Trevor Howard, Umberto Orsini, Silvana Mangano, Gert Fröbe | I & F & BRD | 235 min | 1:2,35 | f | 29. Dezember 1972

# 1136 | 8. November 2018

26.12.72

Dr. M schlägt zu (Jess Franco, 1972)

Gemeingefährliche Industriespionage als deutsch-spanischer Sleaze-Alptraum: Aus dem Forschungsinstitut von Professor Orloff (Siegfried Lowitz) werden die Pläne einer supergeheimen Strahlenwaffe gestohlen – dumm nur, daß die Unterlagen verschlüsselt sind. Die Verbrecher unter Führung von Dr. Krenko (Jack Taylor spielt eine Mischung aus überfordertem Dr. Mabuse und zahnlosem Charles Manson) unternehmen nun alles (Un-)Menschenmögliche, um sich den Code zu verschaffen … Artur Brauner wird seinem Ruf als gnadenloser Nachzehrer einmal mehr gerecht, indem er den Kinomythos »M« = Mabuse (der von ihm zuvor schon mehrfach gefleddert wurde) endgültig ausplündert und alles Titanischen entkleidet. Dem lächerlichen Dilettantismus der Schurken – ein unfähiger Hypnose»spezialist«, eine fiese Handlangerin und ein täppisches Kraftmonster treiben ihr unsinniges Wesen – entsprechen die atemberaubende Inkonsistenz des (vom Produzenten mitverfaßten) Drehbuchs und die radikale Dürftigkeit der Regiebemühungen von Jess Franco (der, wenn nichts mehr hilft, dralle Schönheiten entführen und in verzerrter Weitwinkeloptik piesacken läßt). Auf ihre Art finden Brauner und Franco damit ein künstlerisches Äquivalent zum asozialen Zerstörungsfuror des legendären Anarchokriminellen.

R Jess Frank (= Jess Franco) B Art Bernd (= Artur Brauner), Jess Frank (= Jess Franco) K Manuel Merino M Rolf Kühn A Hans-Jürgen Kiebach S Renate Engelmann P Artur Brauner D Fred Williams, Jack Taylor, Ewa Strömberg, Siegfried Lowitz, Moisés Augusto Rocha | BRD & E | 80 min | 1:1,66 | f | 26. Dezember 1972

# 905 | 1. September 2014

21.12.72

Viskningar och rop (Ingmar Bergman, 1972)

Schreie und Flüstern

Ein Traumspiel der Emotionen. Ein Totentanz der Lebenden. Eine Gespenstersonate in Rot. Drei Schwestern in einem Landhaus: Agnes (Harriet Andersson) stirbt einen langsamen, qualvollen Tod, Karin (Ingrid Thulin) und Maria (Liv Ullmann) stehen dabei, sitzen daneben, schauen hin und doch weg. Das glühende Innere des vornehmen Baus – rote Wände, rote Böden, rot bezogene Möbel – als Inneres des Schmerzes, der die drei Frauen umfängt, als Bühne eines Kammerspiels der falschen Liebe und des echten Zorns: Maria, oberflächlich-kokett, verheiratet mit einem weinerlichen Schwächling, sucht vergebens Bestätigung bei einem Geliebten, der ihr (als Arzt) mit wissenschaftlicher Präzision die Spuren ihres körperlichen Verfalls erläutert; Karin, an der Seite eines eisigen Karrieristen selbst bis aufs Blut erkaltet, findet sinnliches Erleben nur mehr in selbst beigebrachten Verletzungen; Agnes krümmt sich in körperlicher Qual, schreit nach Hilfe, fragt nach dem Sinn ihres unverdienten Leidens. Wahre Berührungen scheinen unter den Schwestern unmöglich, bleiben der in ihrer Natürlichkeit ruhenden Zofe Anna überlassen, die die Sterbende in den Armen wiegt wie die Schmerzensmutter den Gekreuzigten… Mit der Sicherheit des großen Meisters flicht Ingmar Bergman Gestern und Heute seiner Erzählung kunstvoll ineinander, läßt eine Tote auferstehen und Rechenschaft fordern, wirft, nach einer Überfahrt über das Meer der Tränen, Anker an der Insel der seligen Erinnerung: Agnes, die vielleicht aufrichtigste, unverdorbenste der drei Schwestern, die einzige anscheinend, die sich selbst (und damit anderen) im Leben nahe kommen konnte, beschreibt (imaginiert?) – nach ihrem Tod noch einmal lebendig geworden in den Zeilen ihres Tagebuchs – einen fast überirdischen Moment des Glücks: drei Schwestern auf einer Schaukel vereint, sanft bewegt im weichen Licht eines heiteren Frühlingstages. Nach den Exzessen der Kälte und Fremdheit, die »Viskningar och rop« ausgebreitet hat, kann diese Reminiszenz eigentlich nur eine schöne Lüge sein – aber wen sollte es kümmern, wenn sie denn tief empfunden ist…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A Marik Vos S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Harriet Andersson, Ingrid Thulin, Liv Ullmann, Kari Sylwan, Erland Josephson | S | 91 min | 1:1,66 | f | 21. Dezember 1972

17.12.72

Avanti! (Billy Wilder, 1972)

Avanti, Avanti! 

Ein sittenstrenger Geschäftsmann (Jack Lemmon) muß erkennen, daß sein verstorbener sittenstrenger Vater regelmäßig Urlaub von den strengen Sitten nahm – und tut’s dem teuren Toten sodann mit der Tochter der (nicht zufälligerweise ebenfalls verstorbenen) langjährigen väterlichen Geliebten (Juliet Mills) fröhlich nach … In seinem mediterran-legeren Alterswerk reiht Billy Wilder einen italienischen Moment an den anderen und läßt seinen linden Hauch von Story zweieinhalb Stunden lang zart über den Betrachter hinstreichen – ohne daß zu irgend einem Zeitpunkt die liebenswürdige Spannung zwischen den Figuren nachließe oder der feingesponnene Erzählfaden durchhinge. Vergnügen (beinahe) senza fine.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Samuel A. Taylor K Luigi Kuveiller M Carlo Rustichelli A Fernandino Scarfiotti S Ralph E. Winters P Billy Wilder D Jack Lemmon, Juliet Mills, Clive Revill, Edward Andrews, Gianfranco Barra | USA | 140 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1972

10.12.72

Sleuth (Joseph L. Mankiewicz, 1972)

Mord mit kleinen Fehlern

»Once, she was in love with me.« – »And now she’s in love with me.« Zwei Männer rivalisieren um eine Frau. Das (abwesende) Streitobjekt dient indes lediglich als Katalysator, der Aktionen und Reaktionen der (einander ebenbürtigen) Gegner provoziert. Joseph L. Mankiewicz inszeniert Anthony Shaffers wechselvolles Rollen-/Doppel-/Mörder-Spiel, das sich peu à peu von der kultivierten Konversation zum tödlichen Machtkampf entwickelt, auch als Wettstreit zweier überragender Schauspieler: Laurence Olivier, Inbegriff des britischen Gentleman, als exzentrischer Kriminalschriftsteller gegen Michael Caine, waschechter Cockney, als flotter Society-Friseur mit italienischen Wurzeln. Die ohne Milde geführte Auseinandersetzung zwischen Andrew Wyke und Milo Tindel (geborener Tindolini) impliziert zahlreiche, einander überlagernde Kontroversen: aristokratischer Konservativismus gegen selbstbewußtes Plebejertum, Besitzstandswahrung gegen Aufstiegsorientierung, Eingesessenheit gegen Zuwanderung, Künstlichkeit gegen Authentizität. Der eine sieht das Leben als Scharade, der andere kennt den Ernst des Lebens; für den einen ist Erniedrigung ein amüsanter Zeitvertreib, für den anderen alltägliche Realität … Als dritter Protagonist des konfliktären Stücks figuriert Ken Adams beziehungsreiches Bühnenbild: ein verwinkeltes Herrenhaus, vollgestopft mit Automaten, Puppen und Marionetten, ein klaustrophobisch-labyrinthisches Kabinett der Irreführung und der Hinterlist. PS: »Remember ... be sure and tell them ... it was only a bloody game.«

R Joseph L. Mankiewicz B Anthony Shaffer V Anthony Shaffer K Oswald Morris M John Addison A Ken Adam S Richard Marden P Morton Gottlieb D Laurence Olivier, Michael Caine | USA & UK | 138 min | 1:1,85 | f | 10. Dezember 1972

# 992 | 12. März 2016

7.12.72

Che? (Roman Polanski, 1972)

Was?

Statt »Was?« könnte Roman Polanskis Erotikfarce auch »Wie jetzt?« heißen oder »Sydne Rome zeigt in Carlo Pontis Villa ihre Möpse«: Auf der Flucht vor drei Vergewaltigern gerät die junge und knackige Nancy in das topographisch und zwischenmenschlich verwinkelte Domizil eines sterbenskrank-endgeilen Kunstsammlers (Hugh Griffith), der mit einer illustren Rotte dekadenter Erbschleicher (unter ihnen Marcello Mastroianni als Ex-Zuhälter, Tigerfellträger und Uniformfetischist) seine letzten Tage verbringt. Die assoziativ-absurde Szenenfolge erscheint wie eine comichafte Jet-Set-Variation von »Alice in Wonderland« oder – mit all den Déjà-vus und Sado-Maso-Obsessionen – wie eine Hommage an Alain Robbe-Grillets kunstvollen Trivialroman »La maison de rendez-vous«. Polanskis Gesellschaftskritk geht nicht tiefer als die Poritze seiner Hauptdarstellerin, aber der Film macht den Eindruck, als hätten alle Beteiligten eine tolle Zeit auf dem Sommersitz des Produzenten verbracht.

R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Giuseppe Ruzzolini, Marcello Gatti M Claudio Gizzi A Aurelio Crugnola S Alastaire McIntyre P Carlo Ponti D Marcello Mastroianni, Sydne Rome, Hugh Griffith, Guido Alberti, Gianfranco Piacentini | I & F & BRD | 114 min | 1:2,35 | f | 7. Dezember 1972

6.12.72

Le grand blond avec une chaussure noire (Yves Robert, 1972)

Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh

Hübscher kleiner spy-spoof über das Phänomen der déformation professionelle: Spionagechef Toulouse (gepflegt-ödipal: Jean Rochefort), muß die Karriere-Ambitionen seines Stellvertreters Milan (gefährlich-verbissen: Bertrand Blier) abwehren; ein Köder in Gestalt eines (bis (fast) zum Schluß) völlig ahnungslosen, großen blonden Geigers (albern-verträumt: Pierre Richard) läßt den untergebenen Widersacher erst die Nerven verlieren und schließlich über die eigene Leiche gehen ... Der ganze Irrwitz geheimdienstlicher Tätigkeit zeigt sich, wenn in der Wohnung des Violinisten eine Fotografie mit Liebesschwur (»Deux cœurs qui s’aiment finissent toujours par se rencontrer.«) gefunden wird, und Milan von seinen Leuten verlangt, die Botschaft umgehend zu »entschlüsseln«. PS: Ein atemberaubender Moment der Filmgeschichte: wie die erst so hochgeschlossen wirkende agente provocatrice (Mireille Darc) einen sensationellen Blick auf ihren Rücken samt Poritzenansatz gewährt.

R Yves Robert B Yves Robert, Francis Veber K René Mathelin M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Ghislaine Desjonquères P Alain Poiré, Yves Robert D Pierre Richard, Bernard Blier, Jean Rochefort, Mireille Darc, Paul Le Person | F | 90 min | 1:1,66 | f | 6. Dezember 1972

9.11.72

Der Todesrächer von Soho (Jess Franco, 1972)

Das Kino wurde erfunden, um A) akklamierten Genies wie Fellini, Hitchcock oder Ophüls eine große Bühne respektive eine silberne Leinwand zu bieten und um B) immer wieder wundervoll konfusen, grandios kindischen, unentbehrlich überflüssigen Zelluloid-Tinnef, der sich, wie etwa »Der Todesrächer von Soho«, als staunenswert surreale cinématographie automatique entpuppt, in die Annalen der Kulturgeschichte zu schummeln. Handlung? Irgendwie schon. Form? So könnte man es auch nennen. Ist es ein Krimi? Ist es ein Drogentrip? Ist es London? Ist es Barcelona? Ist es nicht völlig egal? Schon die erste Einstellung, in der ein (natürlich!) blinder Drehorgelmann in einer (natürlich!) dunklen Gasse seinem Instrument einen leiernden marche funèbre entlockt und damit (natürlich!) einen unmittelbar bevorstehenden gewaltsamen Tod annonciert, setzt Maßstäbe für das Kommende, das in exaltierten Weitwinkelbildern und willkürlicher Psychedelik um Rauschgift und Rache kreist. Es gibt kaum ein »Was«, kein nachvollziehbares »Wie« in dieser benebelt-hispanischen Bryan-Edgar-Wallace–Phantasie (einem ausgetickten Remake des »seriösen« Groschenfilms »Das Geheimnis der schwarzen Koffer« von 1962) – dazu paßt, daß der einmalige Jess Franco den gestandenen Darstellern (Horst Tappert, Barbara Rütting, Wolfgang Kieling, Siegfried Schürenberg) gestattet, alle Seriosität fahren zu lassen, daß er ihnen erlaubt, zu spielen wie Kinder. Wie Kinder, die schon viel gesehen haben.

R Jess Frank (= Jess Franco) B Jess Frank, Art Bernd (= Artur Brauner) V Bryan Edgar Wallace K Manuel Merino M Rolf Kühn A Hans-Jürgen Kiebach S Renate Engelmann P Artur Brauner, Arturo Marcos D Horst Tappert, Fred Williams, Elisa Montés, Barbara Rütting, Siegfried Schürenberg | BRD & E | 87 min | 1:1,66 | f | 9. November 1972

27.10.72

César et Rosalie (Claude Sautet, 1972)

César und Rosalie

… und David. Ein Mann und eine Frau und ein Mann. Zwei Liebesgeschichten und eine Rivalität, aus der eine Freundschaft wird. Rosalie (Romy Schneider) lebt mit César (Yves Montand), Schrotthändler, Großschnauze und Charmebolzen, vollblütig, laut und empfindlich, und sie verliert ihr Herz (wieder) an David (Sami Frey), Comickünstler, Träumer und Freigeist, ironisch, leise und empfindsam. Die Gefühle wogen wie das Korn auf dem Feld, ziehen wie Wolken am Himmel, rauschen wie die Brndung am Meer. Claude Sautet entwickelt seine Romanze wie ein Musikstück, wie ein Konzert, er arrangiert Schneiders erotische Nonchalance, Montands Körperlichkeit, Freys Zurückhaltung zu heiteren, spannungsreichen, melancholischen Solos, Duetten, Terzetten, die immer wieder in choralische Szenen mit Freunden und Familie gebettet werden. Sommerliche und herbstliche Momente, Allegro- und Adagio-Stimmungen wechseln einander ab, die Erzählung endet – adäquat – ohne Auflösung, mit einem Dreiklang, der alles offen läßt.

R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie, Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Pierre Guffroy S Jacqueline Thiédot P Michelle de Broca D Romy Schneider, Yves Montand, Sami Frey, Umberto Orsini, Eva Maria Meineke, Isabelle Huppert | F & I & BRD | 110 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1972

25.10.72

Un flic (Jean-Pierre Melville, 1972)

Der Chef

»Wo man zu zweit ist, gibt es einen Verräter.« – Mit »Un flic« illustriert Jean-Pierre Melville sein fatalistisches Diktum in kältesten Farben. Die einzigen warmen Tupfer setzen die Rotlichter der Verkehrsampeln. Alain Delon als Pariser Bulle Édouard Coleman, Richard Crenna als Gangster Simon – Freunde, Gegenspieler, Meister ihres Fachs, austauschbar in Garderobe, Mimik und Stoizismus. Dazwischen: Catherine Deneuve als beider Geliebte Cathy – ein perlmuttblonder Engel des Todes. Abgesehen von einer ans Lächerliche grenzenden Modelleisenbahnsequenz, die den Genuß des Werkes passagenweise empfindlich trübt, treibt der eisige Professionalismus des »aristokratischen Anarchisten« (Melville über Melville) die Möglichkeiten des Mediums noch einmal gnadenlos an den kinematographischen Gefrierpunkt. Delons leerer Blick im letzten Bild dieses letzten Melville-Films bleibt unvergeßlich: Der flic hat das Ende des Kinos gesehen.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Walter Wottitz M Michel Colombier A Théobald Meurisse S Patricia Nény P Robert Dorfman D Alain Delon, Richard Crenna, Catherine Deneuve, Paul Crauchet, Jean Desailly | F & I | 98 min | 1:1,85 | f | 25. Oktober 1972

21.9.72

Eolomea (Herrmann Zschoche, 1972)

»Kindliche Phantasien, eine romantische Legende.« Weltraumstation ›Margot‹ meldet den sukzessiven Verlust von acht Schiffen. Die Amtsträger des Wissenschaftlichen Rates sind ratlos. Zusammen mit einem Havariekommando machen sich die resolut-patente Astronautikerin Dr. Maria Scholl (Cox Habbema) und der vital-ironische Kosmonaut Dan Lagny (mit der Stimme von Manfred Krug: Iwan Andonow) auf der Weg, das Geheimnis zu lüften. Eine wichtige Rolle scheint ein von Marias Mentor Professor Odo Tal (Rolf Hoppe) erwähnter mythischer Himmelskörper zu spielen. Schon vor Jahrzehnten waren von Raumforschern Signale aus dem Sternbild Schwan aufgefangen worden, die auf die Existenz eines symmetrischen Pendants der Erde hindeuteten: Eolomea … Regisseur Herrmann Zschoche und Autor Angel Wagenstein (der mehrfach für Konrad Wolf arbeitete) schenken den techni­schen Aspekten der Utopie kaum Beachtung; ihr, von Günther Fischer popmusikalisch untermaltes, Zukunftsbild ist eher trashig-ironischer Spiegel der real-sozialistischen Gegen wart als seriös-perfektionistische Imagination kommender Zeiten: Im Mittelpunkt von »Eolomea« stehen Portraits von sympathischen Wunschträumern, die, hinter dem Rücken einer verkniffen-phantasielosen Bürokratie, losziehen (= abfliegen), um einen Planeten des ewigen Frühlings zu entdecken.

Eolomea | R Herrmann Zschoche B Angel Wagenstein, Willi Brückner K Günter Jaeuthe M Günther Fischer A Erich Krüllke, Werner Pieske S Helga Gentz P Dorothea Hildebrandt D Cox Habbema, Iwan Andonow, Rolf Hoppe, Wsewolod Sanajew, Petar Slabakow | DDR & BG & SU | 79 min | 1:2,2 (70 mm) | f | 21. September 1972

15.9.72

La course du lièvre à travers les champs (René Clément, 1972)

Treibjagd

Trilogie des contes policiers (3) … »We are but older children dear / Who fret to find our bedtime near.« Wiederum unter ein Lewis-Carroll-Motto gestellt, ist René Cléments dritter und letzter polar de fées das elegischste und zugleich radikalste Werk der Trilogie. »La course du lièvre à travers les champs« erdichtet die Realität als Kinderspiel: »Ich habe mich häufig gefragt«, schreibt Drehbuchautor Sébastien Japrisot, »ob das Kind die Erwachsenen imitiert oder ob nicht die Wirklichkeit eine verzweifelte Kopie der kindlichen Träume ist.« Eine Clique von Kindern und Halbwüchsigen spielt am Hafen von Marseille. Sie tun so, als wären sie Banditen, die den Überfall auf einen Wolkenkratzer in Amerika planen. René Clément folgt diesen Träumern hinter den Spiegel der Einbildung und erzählt ihre Phantasie mit höchster formaler Delikatesse: Tony (Jean-Louis Trintignant) gerät auf der Flucht vor rachsinnigen Zigeunern an den alten Gauner Charley (Robert Ryan), der mit seiner bunt zusammengewürfelten Bande in einer abgelegenen Kaschemme (namens »The Cheshire Cat Inn«!) an der kanadisch-amerikanischen Grenze haust. Als unwillkommener Eindringling muß sich Tony den Respekt der Gruppe sauer verdienen, macht schließlich mit bei der, im Auftrag eines Gangsterbosses organisierten, spektakulären Entführung einer Kronzeugin aus dem obersten Stockwerk eines Hochhauses in Montréal … Clément zitiert ungeniert Klischeebilder (und -töne) des Genrekinos: Western, Kriminalfilme und Romanzen haben die juvenile Einbildungskraft beflügelt. Spiel und Erzählung kennen keine festen Regeln, die Geschichte schlägt Haken (wie der Hase des Titels), schweift durch ihr selbstentdecktes Wunderland, unterliegt plötzlichen Stimmungsschwankungen (wie ihre Erfinder). In Bildern von magischer Klarheit (Kamera: Edmond Richard) entspinnt sich ein Abenteuer von idyllischem Schrecken, eine imaginäre Identitätssuche zwischen Unschuld und Schuld, ein originäres filmisches Kunstwerk zwischen melvillescher Stilisierung und buñuelesker Surrealität. »Ils ont bien joué.«

R René Clément B Sébastien Japrisot V David Goodis K Edmond Richard M Francis Lai A Pierre Guffroy S Roger Dwyre P Serge Silberman D Jean-Louis Trintignant, Robert Ryan, Lea Massari, Aldo Ray, Jean Gaven, Tisa Farrow | F & I | 140 min | 1:1,85 | f | 15. September 1972

Le charme discret de la bourgeoisie (Luis Buñuel, 1972)

Der diskrete Charme der Bourgeosie

Ein bürgerliches Lustspiel oder Sechs Personen suchen einen Eßtisch. Am Beispiel eines kleinen Freundeskreises, dem er konsequent und einfallsreich das Einnehmen einer Mahlzeit verweigert, portraitiert Luis Buñuel sein Lieblingshaßobjekt: die parasitäre Oberschicht. Elegant läßt der Meister Realität und Traum ineinanderfließen, schafft – so mühelos wie phantasievoll – eine vieldimensionale filmische Bühne, auf der er seine charmanten Kriminellen, seine wohlerzogenen Heuchler, seine kultivierten Materialisten mit der kühlen Freundlichkeit des Käferforschers betrachten (und sezieren) kann. Am Ende des (im Wortsinne) abwechslungsreichen Stücks wird doch noch serviert (Hammelkeule), und prompt fällt die ganze diskret-charmante Blase (der selbstgefällige Fernando Rey, die alkoholische Bulle Ogier, der flotte Jean-Pierre Cassel, die nuancierte Stephane Audran, der joviale Paul Frankeur, die erlesene Delphine Seyrig) einem bewaffneten Überfall zum Opfer. Natürlich stehen sie alle wieder auf – die Bourgeoisie ist unverwüstlich. PS: À bas Lénine, ou la vierge à l'écurie. (Zu deutsch: Nieder mit Lenin oder Die Jungfrau im Pferdestall.) Was das bedeuten soll? Fragen Sie Buñuel.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Paul Frankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Jean-Pierre Cassel | F & I & E | 102 min | 1:1,66 | f | 15. September 1972

7.7.72

Der Stoff, aus dem die Träume sind (Alfred Vohrer, 1972)

Schon der knallharte Gegenschnitt von einem tödlich endenden Fluchtversuch an der deutsch-tschechischen Grenze (kurz nach dem Prager Frühling) auf eine Revolverblatt-Redaktionskonferenz zum Thema Verkaufsförderung durch Tittentitel (mit jeder Menge marktforscherisch präzise aufbereitetem Anschauungsmaterial) gleich zu Beginn des Films läßt Alfred Vohrers souverän-triviale Meisterschaft erkennen. In der Romanvorlage verarbeitete Johannes Mario Simmel seine langjährigen Erfahrungen als rasender Reporter und Allesschreiber der Illustrierten »Quick« zu einer (hypo-)kritischen Abrechnung mit den Boulevardmedien und ihrem unstillbaren Hunger auf menschliches Schicksal. »Der Stoff, aus dem die Träume sind« verbindet – vor allem Dank der delirierenden (Hand-)Kamera von Charly Steinberger – ohne große Anstrengung Themen wie Schizophrenie, Spionage, Scheckbuchjournalismus, sexuelle Befreiung, politischen Mord, ideologischen Verrat und Nackttanz zu einem filmischen Quodlibet der Sonderklasse. Dazu kommen eine Reihe eindrücklicher Schauspielerleistungen: Neben alten Kämpen wie Arno Assmann, Paul Edwin Roth oder Walter Buschhoff geht insbesondere Edith Heerdegen als betagte Jugendpflegerin mit dem zweiten Gesicht zu Herzen – ihr stimmenhörendes, langsam in ein (hoffentlich) besseres Jenseits abdriftendes Fräulein Luise bleibt als eine der spukhaftesten Erscheinungen der deutschen Filmgeschichte im Gedächtnis.

R
Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Peter Thomas A Günther Kob S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Herbert Fleischmann, Paul Neuhaus, Edith Heerdegen, Hannelore Elsner, Arno Assmann | BRD | 142 min | 1:1,85 | f | 7. Juli 1972

2.7.72

Nachtschatten (Niklaus Schilling, 1972)

Blaß ist die Heide, mondbleich und berückend, irgendwie jenseitig. Langsam ist die Heide, todmüde und weltvergessen, seltsam aus der Zeit gefallen. Von Hamburg kommt der Musikverleger Jan Eckmann (John van Dreelen) in die Heide, um ein zum Verkauf stehendes Gutshaus zu besichtigen. Elena Berg (Elke Haltaufderheide), die Besitzerin des Hauses gibt sich merkwürdig spröde, desinteressiert am Geschäft, sie wirkt zerstreut, mysteriös, auf geisterhafte Art absent, ständig verbrennt sie etwas im Kamin, verweigert ohne Erklärung den Zugang zu bestimmten Zimmern, und eben wegen ihrer sonderbaren Abwesenheit entfaltet Elena eine unentrinnbare verführerische Wirkung auf den diesseitigen Besucher, fesselt ihn magisch an den ihm so fremden, so vertrauten Ort. Des Nachts träumt Jan von einem weißen Stein, auf dem sein Name steht, er träumt von seinem eigenen Grab, über das sich die Gastgeberin beugt, über das sie blutrote Mohnblüten streut. Ist er vielleicht schon seit drei Jahren tot? Oder ist er der Wiedergänger eines längst Verstorbenen? Ein schlafwandlerischer Heimatfilm um eine sirenenhafte blonde Schönheit, die einen kreglen Geschäftsmann in ihren gespenstigen Abgrund zieht. Am Ende enthüllt Niklaus Schilling das Rätsel seiner ätherischen Heldin. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr Geheimnis zu bewahren, den erzählerischen Zauber nicht zu brechen. Die Auflösung stellt indes klar, daß Heimat kein Idyll ist, sondern ein Reich der Schatten, ein tiefes Moor, in dem man restlos versinken kann. Das solide Haus ist kein geschützter Raum, und der Liebreiz der Landschaft erweist sich als verderbliche Illusion.

R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Ingo Hamer M Edvard Grieg S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Elke Hart (= Elke Haltaufderheide), John van Dreelen, Max Krügel | BRD | 96 min | 1:1,37 | f | 2. Juli 1972

# 776 | 27. September 2013  

28.6.72

Die bitteren Tränen der Petra von Kant (Rainer Werner Fassbinder, 1972)

»Der Mensch ist so gemacht, daß er den anderen Menschen braucht, doch hat er nicht gelernt, wie man zusammen ist.« Hochfrisiert-pelzkragenumbauschtes Edel-Melo-Kammerspiel im Appartement der kultivierten Petra von Kant (Margit Carstensen), die bislang nur lieben ließ und nun zum ersten Male selbst in die Verlegenheit kommt, ihr Herz zu verlieren. Rainer Werner Fassbinder bringt sein eigenes Theaterstück auf die Leinwand, ohne der Versuchung zu erliegen, den intimen Rahmen der Bühne aufzubrechen: In der drückenden Ausweglosigkeit des luft- und blickdichten Settings, halb Boudoir, halb Atelier, erlebt die Titelheldin den emotionalen Abstieg von der umhätschelten Prinzessin auf der Erbse zum besoffenen Wrack, das sich hysterisch auf dem Flokati wälzt und das Telefon anwimmert, endlich zu klingeln – an ihrer Seite: Hanna Schygulla als kalkulierend-lässige Geliebte sowie Irm Hermann als stumm-devote Dienerin. Synthetisch-eindringlich, aber auch nicht ganz ohne die Dialog-Häme eines Joseph L. Mankiewicz (an dessen Bitchiness-Studie »All About Eve« die zentrale Konstellation erinnert) veranschaulicht Fassbinder fatale Wechselwirkungen der Paarbeziehung: Verehrung und Demütigung, Abhängigkeit und Ausbeutung, Verlustangst und Distanzierung, Dominanz und Unterwerfung. Petra von Kant wird die Liebe dennoch überleben, denn wie sagt sie selbst: »Der Mensch ist schlimm. Letztlich erträgt er alles. Alles.«

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder V Rainer Werner Fassbinder K Michael Ballhaus M diverse A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann, Katrin Schaake, Gisela Fackeldey | BRD | 124 min | 1:1,37 | f | 28. Juni 1972

23.6.72

Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (Hans-Jürgen Syberberg, 1972)

Wundersame Vermählung von epischem Theater und großer Oper. Hans-Jürgen Syberbergs Traum vom Traum des Märchenkönigs Ludwig (wächsern: Harry Baer) zieht unwirkliche historische Fakten und glaubwürdige biographische Illusionen wie bizarre objets trouvés auf eine vieldeutig schimmernde Assoziationskette. Die Kamera (Dietrich Lohmann) steht in frontaler Schockstarre vor den schrulligen kinematographischen Landschaften: romantische Schlösser der Umnachtung erheben sich aus dem wabernden Bühnennebel der Einsicht; Abgründe von gähnender Langeweile klaffen neben steilen Gipfeln des unterhaltsamen Kitsches, während in der Ferne die tiefen Seen der Mystifikation glitzern. »Ludwig« pfeift auf Erzählung, auf Einfühlung, auf Erklärung. »Ludwig« ist travestiertes Heiligenbild, jodelnde Seelenschau, verschlungener Zeittunnel, exklusive Leichenschändung, schwüles Passionsspiel, königlich-bayerisches Laientheater, campy-intellektuelles Panoptikum. »Ludwig« ist deutsch. (Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.) Und: »Ludwig« ist schön – so schön wie (um es mit einem Zeitgenossen des verewigten Monarchen zu sagen) die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch.

R Hans-Jürgen Syberberg B Hans-Jürgen Syberberg K Dietrich Lohmann M Richard Wagner S Peter Przygodda P Hans-Jürgen Syberberg D Harry Baer, Ingrid Caven, Balthasar Thomass, Oskar von Schab, Gerhard März | BRD | 140 min | 1:1,37 | f | 23. Juni 1972

2.6.72

Malpertuis (Harry Kümel, 1972)

Malpertuis

»Life, what is it but a dream?« Leider nur selten verliert das Kino völlig den Verstand. Manchmal aber tut es das doch – und entführt dann beispielsweise die griechischen Götter in ein verwunschenes, labyrinthisches Haus irgendwo in Belgien, wo sie von einem sterbenden steinreichen Mann mit fettigen Haaren (den der versoffene späte Orson Welles mit der ganzen Wucht seines eigenen grandiosen Scheiterns gibt) in erniedrigender Gefangenschaft gehalten – und damit zugleich vor dem endgültigen Vergessen bewahrt – werden. Der Neffe des Alten (der junge, künstlich erblondete Mathieu Carrière als unbedarfter Seemann) soll das zweifelhafte Erbe antreten und die Welt der Mythen für die Ewigkeit konservieren … Harry Kümel (einer der großen Untoten unter den europäischen Regisseuren) und mit ihm Gerry Fisher (Kamera), Georges Delerue (Musik) sowie Michel Bouquet, Jean-Pierre Cassel, Susan Hampshire (in vielen Rollen) schaffen – fast ohne Effekte und ganz ohne Erklärung – eine der sonder­barsten Phantasmagorien der Filmgeschichte, ein kinematographisches Zwischenreich des ganz leisen Schreckens, des entschiedenen Glaubens, der surrealen Verzauberung.

R Harry Kümel B Jean Ferry V Jean Ray K Gerry Fisher M Georges Delerue A Pierre Cadiou de Condé S Richard Marden P Paul Laffarguev, Pierre Levie D Orson Welles, Susan Hampshire, Michel Bouquet, Mathieu Carrière, Jean-Pierre Cassel | B & F & BRD | 125 min | 1:1,85 | f | 2. Juni 1972

25.5.72

Frenzy (Alfred Hitchcock, 1972)

Frenzy

»Just thinking about the lusts of men makes me want to heave.« Unter den Fanfarenklängen des Titelvorspanns rühmlich heimgekehrt in die Vaterstadt London, erzählt Alfred Hitchcock mit »Frenzy« die ultimative Version seiner immer wieder variierten Lieblingsgeschichte: Der unschuldig in Verdacht Geratene ist in diesem Fall der abgehalfterte, stets mißgelaunte Ex-Offizier Richard Blaney (»Do I look like a sex murderer to you?« – Jon Finch), der fälschlicherweise für einen Serienkiller gehalten wird; als wahrer Mörder (der seine weiblichen Opfer mit Krawatten stranguliert) entpuppt sich schon bald dessen bester Freund Bob Rusk (»Don't forget, Bob's your uncle.« – Barry Foster), ein leutseliger, allseits geschätzter Obst- und Gemüsegroßhändler in Covent Garden – R. B., B. R. … die spiegelbildliche Symmetrie der Initialen gibt einen Hinweis auf Nähe (und Austauschbarkeit) von Verbrechen und Lauterkeit, von Reinheit und Sünde. Hitchcock – der mit kulinarischer Lust das Schreckbild geschlechtlicher Entartung malt und sich mit sinnenhafter Wonne den Freuden (und Alpträumen) des Essens ergibt – schwelgt in nostalgischen Heimatgefühlen, während er zugleich eine beklemmende (und weitsichtige) Studie des Zerfalls gesellschaftlicher Zusammenhänge auftischt: »Frenzy« schildert nicht einfach den schockierenden Einzelfall eines wahnsinnigen Sexualwürgers, sondern stellt die Untaten in den Zusammenhang von antisozialen Phänomenen wie krankhafter Ichbezogenheit und latenter Gewaltbereitschaft, Beziehungslosigkeit und Kontaktunfähigkeit. Das auffallend bieder gezeichnete Milieu der Handlung und die betonte Humorigkeit des Tonfalls wirken dabei so zweischneidig wie doppelbödig: Einerseits verschleiern sie konsumentenfreundlich die allumfassende Tristesse, andererseits lassen sie die detailliert geschilderten Brutalitäten um so greller (und vielsagender) aufscheinen. PS: »Dear Jesus, help me. Help me!«

R Alfred Hitchcock B Anthony Shaffer V Arthur La Bern K Gil Taylor M Ron Goodwin A Syd Cain S John Jympson P Alfred Hitchcock D Jon Finch, Barry Foster, Anna Massey, Barbara Leigh-Hunt, Alex McCowen | UK | 116 min | 1:1,85 | f | 25. Mai 1972

4.5.72

Play It Again, Sam (Herbert Ross, 1972)

Mach’s noch einmal, Sam

Woody-Allen-Boulevard-Cocktail mit reichlich Charme, Esprit, (Kino-)Nostalgie, einem guten Schuß Klamauk und einem kleinen Spritzer Weltschmerz, von Herbert Ross einfühlsam-kompetent gemischt und formbewußt inszeniert: Filmkritiker Allan Felix wird von seiner Frau Nancy verlassen (»Oh, face it, Allan. You may be very sweet but you're not sexy.«), fällt in ein tiefes Loch des Selbstzweifels, aus dem ihm die guten Ratschläge seines Idols Huphrey Bogart (»I never saw a dame yet that didn't understand a good slap in the mouth or a slug from a 45.«), vor allem aber die Zuneigung von Linda (Diane Keaton), der Frau seines besten Freundes Dick, heraushelfen … Liebe und Leid, Leben und Kunst, gefühlsmäßige Irrungen und zwischenmenschliche Wirrungen spätmodern-neurotischer Großstädter – all die Themen, die Woody Allen in zahllosen Variationen immer wieder durchspielen wird, klingen an, zurückhaltend instrumentiert, noch ohne die kompositorische Finesse und die psychologischen Zwischentöne, die Filme wie »Manhattan« oder »Hannah and Her Sisters« in den Rang von Meisterwerken heben werden … »If that plane leaves the ground, and you're not on it with him, you'll regret it. Maybe not today, maybe not tomorrow, but soon, and for the rest of your life.« – »That's beautiful!« – »It's from ›Casablanca‹. I waited my whole life to say it.«

R Herbert Ross B Woody Allen V Woody Allen K Owen Roizman M Billy Goldenberg A Ed Wittstein S Marion Rothman P Arthur P. Jacobs D Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Jerry Lacy, Susan Anspach | USA | 85 min | 1:1,85 | f | 4. Mai 1972

# 825 | 10. Januar 2014

27.3.72

Sonnensucher (Konrad Wolf, 1958/1972)

Fast 15 Jahre lang lag Konrad Wolfs Urangräberdrama auf Eis, bevor es seine Uraufführung erleben durfte. Zu ungeschminkt vielleicht schildert »Sonnensucher« die rauhe Atmosphäre der beschwerlichen Suche nach dem strahlenden Erz, zu offen möglicherweise spricht der Film von den Konflikten zwischen deutschen Arbeitern und sowjetischen Offizieren, die den Rohstoff für Stalins Bombe herbeischaffen sollen: Felsach, das (fiktive) erzgebirgische Bergbaustädtchen mit seinen schlammigen Straßen und hölzernen Baracken, mit seinen platzhirschhaften Rivalitäten und handgreiflichen Vergnügungen gleicht eher einer Westernkulisse als einem Ort, an dem der Sozialismus aufgebaut wird. Die Perspektive der Erzählung ist mehrfach gebrochen – im Mittelpunkt steht mal der »starke Mann« und Herzenskommunist Jupp (Erwin Geschonneck), dann wieder das herumgeschubste Waisenmädchen Lutz (Ulrike Germer), die zwischen drei Männer gerät: einen lieben, aber unbedarften Kumpel, einen sensiblen russischen Ingenieur und einen reizbaren, geistig wie heimatlich entwurzelten Obersteiger (Günther Simon) – deren diffizilen Charakteren Drehbuch und Regie allesamt verstehend Rechnung tragen. Von gelegentlichen agitatorischen Ausführungen unterbrochen, glückt Wolf ein formal beherrschtes, zwar strikt parteiliches, dabei aber inhaltlich nuanciertes Kaleidoskop des mühevollen Neuanfangs, der menschlichen (und politischen) Widersprüche, des ehrgeizigen Vorhabens, die nachkriegerische Unordnung in ein neues Gleichmaß zu bringen.

R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Joachim Werzlau, Hans-Dieter Hosalla A Karl Schneider S Christa Wernicke P Hans-Joachim Schoeppe D Ulrike Germer, Erwin Geschonneck, Günther Simon, Manja Behrens, Wiktor Awdjuschko | DDR | 116 min | 1:1,37 | sw | 27. März 1972

23.3.72

Das Unheil (Peter Fleischmann, 1972)

»Denn Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unheil wächst nicht aus dem Acker; / sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unheil ...« (Hiob 5, 6 und 7) Notizen aus der bundesdeutschen Provinz der frühen 1970er Jahre: Peter Fleischmann und DKP-Sympathisant Martin Walser beschreiben (am Beispiel der hessischen Stadt Wetzlar) eine Wachstumsgesellschaft an den Grenzen des Wachstums, ein (Wirtschafts-)Wunderland nach dem Wunder, eine verpestete Gegenwart, über der die Glocken einer unbewältigten Vergangenheit dröhnen. Dreh- und Angelpunkt der Begebnisse ist Hille Vavra (Vitus Zeplichal), Abiturient und Pfarrerssohn, unbeschriebenes Blatt und gelähmter Rebell; er versucht sich durchzuschlagen in einer Welt, in der die eigene Meinung mehr kostet, als sie wert ist, wo man zu schlucken bekommt, was einem nicht schmeckt, wo sich der Müll in den Straßen türmt, wo die Fische in den Flüssen und die Topfpflanzen auf den Blumentischen verrecken, wo sich die Alten zu Tode husten, wo über den Dächern unaufhörlich die Hubschrauber knattern. Das Gift des Wohlstands und der Verdrängung sammelt sich überall – zu Lande, zu Wasser, in der Luft und in den Köpfen –, während die Revolte in Lethargie versandet. »Das Unheil«: ein Bewußtseinsstrom aus einem Milieu ohne Bewußtsein, ein Album entlarvender Schnappschüsse, ein apokalyptischer Heimatfilm über eine Heimsuchung, die keine Katharsis kennt.

R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Martin Walser K Dib Lufti M Xhol Caravan, Max Reger A Heinz Eickmeier S Odile Faillot P Peter Fleischmann D Vitus Zeplichal, Reinhard Koldehoff, Helga Riedel-Hassenstein, Silke Kulik, Ingmar Zeisberg | BRD & F | 96 min | 1:1,66 | f | 23. März 1972

16.3.72

Der Dritte (Egon Günther, 1972)

Die Frau in der wissenschaftlich-technischen Revolution oder: Mutti füttert nicht nur die Kinder sondern auch den Computer. Aus rein männlicher Perspektive (Regisseur, Autoren, Dramaturg, Kameramann – alles Herren) wird die Geschichte einer »emanzipierten« Programmiererin (Jutta Hoffmann) aufgerollt, die zwei Töchter von zwei Männern hat und sich nun auf die Suche nach dem Dritten (und hoffentlich Richtigen) macht – Kybernetik und Liebe. Formal nicht frei von modischem Schnickschnack wie bewußten Unschärfen, schnellen Zooms, wilden Reißschwenks und vibraphonigem Fahrstuhljazz, überzeugt Egon Günthers kurzweilige Romanze erzählerisch durch eine ausgetüftelte Struktur, die nicht nur einen ebenso exemplarischen wie ungewöhnlichen Lebensweg im DDR-Sozialismus nachzeichnet, sondern auch Raum läßt für mitunter recht ironische Skizzen des real-existierenden Alltags zwischen Werkskantine und Konfliktkommission, Kegelbahn und Plattenbau.

R Egon Günther B Günther Rücker, Egon Günther V Eberhard Panitz K Erich Gusko M Karl-Ernst Sasse A Harald Horn S Rita Hiller P Heinz Mentel D Jutta Hofmann, Barbara Dittus, Rolf Ludwig, Armin Mueller-Stahl, Peter Köhncke | DDR | 111 min | 1:1,37 | f | 16. März 1972

14.3.72

Roma (Federico Fellini, 1972)

Fellinis Roma

Die ewige Stadt als große Mutter und heilige Hure, als Schmelztiegel von Vergangenheit und Gegenwart – Federico Fellinis episodische Metropolen-Revue folgt kompromißlos der narrativen Libido: Reminiszenzen des Regisseurs an die Ankunft auf der Stazione Termini als junger, unbedarfter Provinzler und an die ersten, tastenden Schritte des staunenden Zugereisten auf dem schlüpfrigen Pflaster der Kapitale stehen unvermittelt neben zeitgenössischen Erkundungen der römischen Unterwelt, einer barock-klerikalen Modenschau sowie einem (an Godards »Week-End« gemahnenden) Höllenritt über den apokalyptischen Stadtautobahnring. In seiner gestalterischen Wahl- und Zügellosigkeit riskiert »Roma« jederzeit (und konsequent) den Umschlag der ›Sinfonie der Großstadt‹ in die urbane Kakofonie: Der allgegenwärtige Ich-Erzähler spricht in vielen Zungen, so als wolle er das Stimmengewirr Babylons ganz alleine in der ersten Person erzeugen … Grandios ist der Film immer dann, wenn Fellinis Jugenderinnerungen an das Rom der 1940er Jahre – an volkstümliche Vaudeville-Theater und schmierige Familienpensionen, an die Verlockungen der Bordelle und die Panik des Krieges – zu prallem Leben erweckt werden; banal wird es, wenn der Autor in der (allzu durchsichtig gefakten) Pose des Dokumentaristen so tut, als führe er einen interessierten Dialog mit der »Jugend von heute«, oder (noch nichtssagender) wenn er des Nachts berühmte Bekannte – wie den amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal oder ›Mamma Roma‹ Anna Magnani (in ihrem letzten Leinwandauftritt) – abpaßt und ihnen belanglose Sentenzen aus dem Mund leiert (besser gesagt: in den Mund legt). Fellini spricht von Rom: der Dichter als Schwadroneur – oder umgekehrt.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Bernardino Zapponi K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Danilo Donati S Ruggero Mastroianni P Turi Vasile D Peter Gonzales, Fiona Florence, Pia De Doses, Renato Giovannoli, Britta Barnes | I & F | 128 min | 1:1,66 | f | 14. März 1972

10.3.72

Leichensache Zernik (Helmut Nitzschke, 1972)

Fast scheint es so, als mache sich der Serienmörder das aus der Teilung des zerstörten Berlin erwachsende Bürokratie-Chaos bewußt zunutze: Zwischen sowjetischem, amerikanischem, englischem und französischem Sektor unerkannt und tödlich hin- und herwechselnd, sucht und findet der grausam-raffinierte Täter seine weiblichen Opfer – passend zur wirtschaftlich äußerst mageren Lage der unmittelbaren Nachkriegszeit steht ihm der Sinn nicht nach Befriedigung sexueller Obsessionen, sondern nach profitabler Erschließung pekuniärer Quellen… In protokollartig-strengem Erzählduktus breitet Helmut Nitzschke (basierend auf historischen Tatsachen sowie einem Projekt des frühverstorbenen Gerhard Klein) einen kuriosen Kriminal- und Ermittlungsfall aus – und richtet dabei ein höhnisches Schlaglicht auf den politischen Surrealismus der leidvoll geteilten deutsch-deutschen Geschichte.

R Helmut Nitzschke B Helmut Nitzschke, Gerhard Klein, Joachim, Plötner, Wolfgang Kohlhaase K Claus Neumann M Hans-Dieter Hosalla A Georg Kranz S Evelyn Thieme P Horst Dau D Alexander Lang, Gert Gütschow, Kurt Böwe, Hans Hardt-Hardtloff, Annemone Haase | DDR | 100 min | 1: 1,37 | sw | 10. März 1972

9.3.72

Cosa avete fatto a Solange? (Massimo Dallamano, 1972)

Das Geheimnis der grünen Stecknadel

»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«

R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972

# 800 | 16. November 2013

What’s Up, Doc? (Peter Bogdanovich, 1972)

Is’ was, Doc?

»Once upon a time, there was a plaid overnight case …« Aus einer einzelnen karierten Reisetasche ließe sich wohl keine Komödie zaubern, aber mit vier identischen Taschen, deren vier Besitzer vier benachbarte Zimmer in einem Hotel bewohnen, heißt es: »Anything Goes«. Eine Tasche enthält streng geheime Dokumente, eine andere kostbare Juwelen, die dritte Tasche enthält die Sammlung prähistorischen Eruptivgesteins des weltentrückten Musikologen Howard Bannister (Ryan O’Neal), die vierte die Unterwäsche von Bannisters willensstarker Nemesis Judy Maxwell (Barbra Streisand). Sicherlich geht es Peter Bogdanovich zunächst einmal darum, die filmischen Prinzipien der screwball comedy (à la »Bringing Up Baby«) durchzudeklinieren, die frotzelnden Rollenspiele und geräuschvollen Beziehungskrisen, die idiotischen Verwicklungen und absurden Verwechslungen, das gehetzte Tür auf und Tür zu, das panische Rein und Raus, ganz offenkundig macht er sich einen Mordsspaß daraus, seine Figuren den groben Körperlichkeiten des Slapstick wie auch dem galoppierenden Irrwitz der Warner Cartoons auszusetzen, bis hin zu einer fulminant inszenierten Verfolgungsjagd durch die Straßen und über die Hügel von San Francisco, aber recht eigentlich erzählt er von einem netten jungen Mann, der eine nette junge Frau trifft, und von dem Wahnsinn, den ein solch alltägliches Ereignis zur Folge hat: »This is a one way street!« – »We're only going one way.«

R Peter Bogdanovich B David Newman, Robert Benton, Buck Henry, Peter Bogdanovich K Laszlo Kovacs M Artie Butler A Polly Platt S Verna Fields P Peter Bogdanovich D Barbra Streisand, Ryan O’Neal, Madeline Kahn, Austin Pendleton, Kennth Mars, Michae Murphy | USA | 94 min | 1:1,85 | f | 9. März 1972

# 960 | 10. Juli 2015

29.2.72

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (Wim Wenders, 1972)

»Es ist sehr schwierig, von den Stürmern und vom Ball wegzuschauen und dem Tormann zuzuschauen.« Bei einem Auswärtsspiel in Wien gerät der Tormann Bloch (Arthur Brauss) mit dem Schiedsrichter aneinander und wird vom Spielfeld geschickt. Wim Wenders läßt darauf Szenen folgen, die sich kaum zu einer konsistenten Handlung fügen: Begebenheiten, Momente, Beobachtungen, durch Schwarzblenden mehr getrennt als verbunden, Fragmente eines »Thrillers ohne Spannung«. Bloch streift durch die Stadt, mietet sich in einem schäbigen Hotel ein, geht ins Kino (»Rote Linie 7000«), bändelt mit der Kassiererin (Erika Pluhar) an, die ihn mitnimmt in ihre Wohnung am Flughafen und die er am nächsten Morgen erwürgt, nach dem gemeinsamen Frühstück, einfach so, ohne erkennbares Motiv, woraufhin er oberflächlich seine Spuren verwischt und weiterzieht, zu einer Bekannten von früher (Kai Fischer), die einen Gasthof in einem Dorf an der Grenze bewirtschaftet, wo er die Zeit totschlägt, Unruhe verbreitet, ins Kino geht (»Nur 72 Stunden«), die Zeitungsnachrichten über die Suche nach einem verschwundenen stummen Schüler und die Fahndung nach dem Mörder der Kassiererin verfolgt, ein Fußballspiel besucht, den Tormann beobachtet, der einen Elfmeter hält. Ebensosehr wie für die vereinzelten Menschen, die in Robby Müllers kühlen Bildern aneinander vorbeireden, vorbeisehen, vorbeihören, interessiert sich Wim Wenders für die Objekte, die das entfremdete Leben möblieren, den Fotoautomat, das Transistorradio, die Telefonzelle, den Fernsehapparat und, nicht zu vergessen, immer wieder: die Musikboxen. »Drücken Sie Q4.«

R Wim Wenders B Wim Wenders, Peter Handke V Peter Handke K Robby Müller M Jürgen Knieper A Rudolf Schneider-Manns Au, Burghard Schlicht S Peter Prygodda P Peter Genée D Arthur Brauss, Kai Fischer, Erika Pluhar, Libgart Schwarz, Marie Bardischewski | BRD & A | 100 min | 1:1,37 | f | 29. Februar 1972

# 1036 | 28. November 2016

24.2.72

Sette orchidee macchiate di rosso (Umberto Lenzi, 1972)

Das Rätsel des silbernen Halbmonds

In Rom geht ein rätselhafter Frauenkiller um (sein klassisches Outfit: schwarzer Hut, schwarzer Mantel, schwarze Handschuhe). Er tötet eine Nutte in freier Natur, eine Malerin in ihrem Atelier, dann versucht er Giulia (Uschi Glas), die frischvermählte Ehefrau des Modemachers Mario (Antonio Sabàto) in einem Eisenbahnabteil zu schlitzen. Signatur des Täters: ein halbmondförmiges Amulett, zurückgelassen am jeweiligen Ort des Verbrechens. Auch nach dem mißglückten Anschlag auf die junge Gattin, deren Mann fortan auf eigene Faust ermittelt, geht das Metzeln weiter … Eine komplizierte Recherche fördert die noch komplizierteren Hintergründe eines Rachefeldzugs zu Tage, in die unter anderem sieben Frauen, ein schwuler Partyhengst, ein toter Amerikaner und ein protestantischer Priester verwickelt sind. Umberto Lenzi kümmert sich erst gar nicht um plausible Gestaltung der Handlungsabläufe, er konzentriert sich – begünstigt von schönen Mordopfern (Rosella Falk, Marisa Mell, Petra Schürmann) und einem cool perlenden Score (Riz Ortolani) – ganz auf stimmungsvolle Verwirrung und bohrende Schau(er)effekte. PS: Mit Edgar Wallace hat dieser gediegene Giallo, außer der in der (gekürzten) deutschen Version untergejubelten »Hallo, hier spricht …«-Kennung, rein gar nichts zu tun.

R Umberto Lenzi B Umberto Lenzi, Roberto Gianviti, Paul Hengge K Angelo Lotti M Riz Ortolani A Giacomo Calò Carducci S Eugenio Alabiso, Clarissa Ambach P Lamberto Palmieri, Horst Wendlandt D Uschi Glas, Antonio Sabàto, Pier Paolo Capponi, Marisa Mell, Rosell Falk | I & BRD | 92 min | 1:2,35 | f | 24. Februar 1972

# 801 | 18. November 2013

13.2.72

Cabaret (Bob Fosse, 1972)

Cabaret

»I am a camera with its shuter open, quite passive, recording, not thinking«, heißt es am Anfang von Christopher Isherwoods Roman »Goodbye to Berlin«, auf dem »Cabaret« sehr frei basiert (man könnte auch sagen: aus dem es sich bedient). Genau wie das Buch bleibt der Film betont zurückhaltend in der Bewertung des Aufgezeichneten, auch wenn Regisseur Bob Fosse mitunter eine leicht verzerrende Linse vor seine Optik schraubt. Der Ort des Geschehens: Berlin, kurz vor dem Machtantritt der Nazis. Das Personal: ein Querschnitt durch die damalige Spaßgesellschaft, die puppenlustig ins Verderben schwoft. »Cabaret« nimmt die abgedroschene Formulierung vom »Tanz auf dem Vulkan« konsequent wörtlich und erzählt die Höllenfahrt in die historische Katastrophe als mitreißendes Musical (das zudem einiges über die nostalgische Gefühlswelt der 1970er Jahre verrät). Vor allem die durchweg herausragenden Darsteller und die exzellenten Choreographien machen den Film zum Klassiker (nicht nur) seines Genres. Neben Liza Minnellis und Joel Greys fulminanten Kit-Kat-Club-Auftritten brennt sich besonders jene Szene ins Gedächtnis, in der (fast) alle Besucher eines Biergartens nach und nach in den sentimentalen, national-erweckten Gesang eines Hitlerjungen einstimmen: »Tomorrow belongs to me!« – tja, wie man’s nimmt... Ganz ohne jede Gefühlsduselei, fast wie nebenbei, beobachtet »Cabaret« auch noch zwei sehr schöne, sehr wehmütige Liebes geschichten.

R Bob Fosse B Jay Presson Allen V Christopher Isherwood, John Van Druten K Geoffrey Unsworth M John Kander A Rolf Zehetbauer S David Bretherton P Cy Feuer D Liza Minnelli, Michael York, Joel Grey, Helmut Griem, Marisa Berenson, Fritz Wepper | USA | 124 min | 1:1,85 | f | 13. Februar 1972

10.2.72

Händler der vier Jahreszeiten (Rainer Werner Fassbinder, 1972)

»Alles, was man will, das kann man nicht haben.« Hans Epp (Hans Hirschmüller), der von seiner Umgebung (von Mutter, Geschwistern, Ehefrau) in Rollen gedrängt wird, die ihm nicht wesensgemäß sind, sieht sich außer Stande, Pressionen und Zwängen etwas anderes entgegenzusetzen als seinen Tod … Mechaniker möchte Hans werden, aber die Mutter akzeptiert für ihren Sohn keinen schmutzigen Beruf; nach dem Gymnasium geht er aus verzweifeltem Protest zur Fremdenlegion, später zur Polizei, wird nach unehrenhafter Entlassung aus dem Staatsdienst schließlich ambulanter Obsthändler (en français: ›marchand des quatre-saisons‹), weswegen ihn seine »große Liebe« (Ingrid Caven) als Gatten verschmäht, und heiratet eine mißfällige Frau (Irm Hermann) … Die traurige Geschichte eines Überflüssigen, das tödliche Melodram einer unerwiderten Zuneigung zum Leben. Hans, der Sensible, der so viel Warmherzigkeit in seine Stimme zu legen weiß, wenn er auf den Höfen Birnen feilbietet, wird zum Säufer, zum Schläger, zum Herzkranken, zum Schwermütigen, der nicht mehr will, weil seine anpasserisch-kleinbürgerliche Welt ihn verachtet für eben das, was er sich von ihr hat überstülpen lassen. Rainer Werner Fassbinder wartet auf mit trister Alltagsprosa aus poetisch überhöhten Wirtschaftswunderzeiten, mit einfachen, klaren Bilder (Kamera: Dietrich Lohmann) von deprimierend prekären (Familien-)Verhältnissen, mit überreicher arte povera, die auch den Überlebenden des Dramas wenig Hoffnung macht: »Deine Sehnsucht kann keiner stillen, / Wenn die Träume sich auch erfüllen.«

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Klaus Löwitsch, Ingrid Caven, Hanna Schygulla | BRD | 88 min | 1:1,37 | f | 10. Februar 1972

# 896 | 14. Juli 2014

Der Mann, der nach der Oma kam (Roland Oehme, 1972)

Die Piesolds – er (Rolf Herricht): Fernsehkomiker; sie (Marita Böhme): Schauspielerin – sind in ernsten Schwierigkeiten: Omi, die bislang den Künstlerhaushalt ihrer Kinder schmiß, heiratet erneut und kann sich fortan weder um Putzen/Waschen/Kochen/Bügeln noch um das Wohl der drei Enkel kümmern. Ersatz muß her und wird per Annonce gefunden: Erwin Graffunda, ein anstelliger (und ziemlich gutaussehender) junger Mann (Wilfried Glatzeder), tritt als Mädchen für alles in den Dienst der ansprüchlichen Bohemiens … Unter dem fadenscheinigen Vorwand, Geschlechterrollenmuster in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ironisch-kritisch zu überprüfen, läßt Roland Oehme eine launige (und recht dialogwitzige) Familenklamotte abrollen, in der Mixer explodieren und Waschmaschinen überschäumen, in der ungehemmt gestolpert und mißverstanden, mit den Augen gerollt und mit den Händen gefuchtelt wird, wobei einige spöttische Seitenblicke auf kleinbürgerliche Verhaltsformen wie Klatschsucht und Eigennutz geworfen werden. Manfred Krug singt (im Off) die aufklärerisch-lehrhaften Begleitschlager zur soziologischen Recherche: »Denn Männer sind tüchtig, / es fragt sich nur, wo.«

R Roland Oehme B Mauriycy Janowski, Lothar Kusche V Renate Holland-Moritz K Wolfgang Braumann M Gert Natschinski A Hans Poppe S Hildegard Conrad P Siegfried Kabitzke D Wilfried Glatzeder, Rolf Herricht, Marita Böhme, Ilse Voigt, Herbert Köfer | DDR | 93 min | 1:1,66 | f | 10. Februar 1972

28.1.72

Blanche (Walerian Borowczyk, 1972)

Blanche

Es war einmal im 13. Jahrhundert: Ein (sehr) alter Burgherr (gespielt von Michel Simon, einer der unglaublichsten Fressen der Filmgeschichte) ist verheiratet mit der jungen, schönen Blanche, die nicht nur so rein ist wie eine weiße Taube, sondern der auch alles nachsteigt, was einen Schwanz hat: der Sohn des Alten aus erster Ehe, der König, der herzensbrecherische Page des Souveräns (Jacques Perrin). Was wie eine burleske Tür-auf-Tür-zu-Komödie beginnt, entwickelt sich langsam aber sicher zum ergreifenden Alles-oder-nichts-Drama. In zauberhaft schlichten Bildern (die ebenso an mittelalterliche Buchmalerei wie an frühe Stummfilmoptik erinnern) erzählt Walerian Borowczyk eine naive und zugleich preziöse Fabel von brennender Liebe und wahrer Unschuld, von lodernder Eifersucht und tödlicher Rache. Die Männer – triebgesteuerte und ehrpusselige Monstren – sind hier wirklich an allem (Unglück) schuld. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann … nein, nicht in diesem Fall.

R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk V Juliusz Slowacki K André Dubreuil, Guy Durban M diverse A Walerian Borowczyk, Jacques D’Ovidio S Walerian Borowczyk, Charles Bretoneiche P Philippe d’Argila, Dominique Duvergé D Michel Simon, Georges Wilson, Jacques Perrin, Ligia Branice, Denise Péronne | F | 92 min | 1:1,66 | f | 28. Januar 1972

13.1.72

Trotz alledem! (Günter Reisch, 1972)

Während seine revisionistischen Ex-Genossen Ebert (Knebelbart), Scheidemann (Halbglatze) und Noske (Zwicker) vor dem verfaulten Gestern (= dem bourgeoisen Kapital und seinen fuchskragenbesetzten militärischen Schergen) zu Kreuze kriechen, ist der Blick des zuverlässigen Karl Liebknecht unbeirrt auf die rote Zukunft gerichtet, auf jene Zeit, da Klarheit und Wahrheit gesiegt haben werden. Von den diesbezüglichen revolutionären Kämpfen der Jahreswende 1918/1919 zur »geistigen und materiellen Erlösung der darbenden Massen« berichtet Günter Reischs zweites Liebknecht-Epos »Trotz alledem!« – der todgeweihte Held, den die Erzählung zum deutschen Lenin hochzustilisieren sich müht, agiert wiederum in erster Linie als Redner, schwärmt von »Feuer und Geist, Seele und Herz, Wille und Tat«. Manchmal wendet sich die Kamera (Jürgen Brauer) vom Vortragenden ab und der Hörerschaft zu – dann findet sie überraschend starke Bilder: mitreißende Massenchoreographien, aber auch intime, hintergründige Arrangements. PS: Der gesellschaftliche Umsturz bleibt letztlich aus, doch merke: »Wir werden geschlagen, aber wir sind nicht besiegt. Das ist nicht der letzte Kampf.«

R Günter Reisch B Michael Tschesno-Hell, Günter Karl K Jürgen Brauer M Ernst Hermann Meyer A Dieter Adam, Georg Kranz S Monika Schindler P Manfred Renger D Horst Schulze, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Jutta Hoffmann, Ludmilla Kasjanowa | DDR | 125 min | 1:2,35 | f | 13. Januar 1972