30.12.59

Our Man in Havana (Carol Reed, 1959)

Unser Mann in Havanna 

Der Kalte Krieg als karibische Farce: Ein britischer Staubsaugervertreter im vorrevolutionären Kuba (grandios durchschnittlich: Alec Guinness), der wegen seiner pferdenärrischen Tochter anhaltend in pekuniären Schwierigkeiten lebt, läßt sich als Geheimdienstagent anheuern und füttert die Zentrale mit (zu gut) erfundenen Informationen; obwohl die nach London gelieferten Pläne militärischer Anlagen fatal an Haushaltsgeräte erinnern, wächst sich die Fiktion zur blutigen Realität aus… »Our Man in Havana«, eine weitere Expedition des »The Third Man«-Regisseurs Carol Reed nach Greeneland, legt sarkastisch dar, daß ›intelligence‹ nichts mit Intelligenz zu tun haben muß, und bietet darüberhinaus einige prononcierte Schauspielerleistungen: Noël Coward als aufgeblasener Führungsoffizier ohne jede Menschenkenntnis, Burl Ives als sentimental-konspirativer Fettsack auf der Suche nach dem Geheimnis des Käseblaus, Ernie Kovacs als korrupter Bluthund mit Hang zu Klosterschülerinnen, Ralph Richardson als entrückter Spionagechef, der den Unterschied zwischen West- und Ostindien wohl nicht mehr lernen wird. Die Verschiebung der erzählerischen Tonlage von der politischen Satire zum moralischen Drama (und wieder zurück) irritiert zwar zunächst, macht aber auch die Hintergründigkeit des Films aus.

R Carol Reed B Graham Greene V Graham Greene K Oswald Morris M Frank Deniz, Laurence Deniz A John Box S Bert Bates P Carol Reed D Alec Guiness, Burl Ives, Maureen O’Hara, Ernie Kovacs, Noël Coward, Ralph Richardson | UK | 111 min | 1:2,35 | sw | 30. Dezember 1959

28.12.59

Voulez-vous danser avec moi? (Michel Boisrond, 1959)

Wollen Sie mit mir tanzen?

Gefällig arrangierte Petitesse mit BB in der Rolle einer amateurdetektivischen Ehefrau, die die Unschuld ihres (noch gar nicht verdächtigten) Ehemannes (massig: Henri Vidal) in einer Mordsache beweisen will. Tatort ist eine Tanzschule, deren nebenberuflich als Erpresserin tätige Chefin (rassig: Dawn Addams) schnöde abgeknallt wurde. Hauptattraktionen der possenhaften (und leicht homophoben) Thriller-Romanze sind weder intelligente Handlung noch nervenzerreißende Spannung sondern (neben dem Kurzauftritt von Serge Gainsbourg als segelohriger Kleinganove und einem verruchten Ausflug ins Pariser Transvestitenlokal ›Fétiche bleue‹) sinnliche Unbefangenheit und entspannte Körperlichkeit der BB. Nur wenige flirten so unverblümt mit der Kamera (und werden so aufrichtig von ihr geliebt), kaum ein anderer Star des (kommerziellen) Kinos verwandelt Drehbuchkonstruktionen und Inszenierungsplatitüden so einnehmend und restlos in (auf-)reizende Natürlichkeit wie Brigitte Bardot.

R Michel Boisrond B Gérard Oury, Jean-Charles Tachella, Michel Boisrond, Annette Wademant V Kelley Roos K Robert Lefebvre M Henri Crolla, André Hodeir A Jean André S Claudine Bouché P François Cosne D Brigitte Bardot, Henri Vidal, Dawn Addams, Paul Frankeur, Noël Roquevert | F & I | 91 min | 1:1,37 | f | 28. Dezember 1959

26.12.59

Ansiktet (Ingmar Bergman, 1958)

Das Gesicht

Schweden, Mitte des 19. Jahrhunderts: »Doktor« Vogler, ein reisender Schausteller und Magnetiseur (Max von Sydow), und seine Truppe müssen sich, bevor sie in einem Provinznest auftreten dürfen, von den Honoratioren des Städtchens – Konsul, Polizeichef und Medizinalrat – examinieren lassen. Ingmar Bergman entwickelt einen bald farcenhaften, bald pathetischen Künstler-Bürger-Konflikt, in dem die Gaukelspieler als Projektionsfläche geheimer bürgerlicher Begierden herhalten, während sie sich gleichzeitig höhnischen Erniedrigungen durch die sogenannte bessere Gesellschaft ausgesetzt sehen. Noch eine weitere Kontroverse wird ausgetragen: die zwischen dem Glauben an das Unerklärliche und einem ganz und gar diesseitigen Rationalismus. Vor allem der schmallippige Dr. Vergérus (Gunnar Björnstrand) erweist sich als brutaler Entzauberer, der die Vernunft mit perfider Lust zur Waffe schmiedet – und selbst für die eigene Todesangst noch wissenschaftliche Erklärungen beibringt. Zum Ende naht dem fahrenden Volk Rettung (= Anerkennung) durch reitende Boten: Der König lädt Vogler und sein Ensemble zum Auftritt im Schloß. Wahre Noblesse, scheint diese märchenhafte Wendung zu sagen, erkennt sich gegenseitig – sei es der Adel des Blutes oder der Adel der (künstlerischen) Seele.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnar Björnstrand, Naima Wifstrand, Erland Josephson | S | 100 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1958

16.12.59

Pickpocket (Robert Bresson, 1959)

Pickpocket

Ein Ballett der Hände, eine Choreographie von Griffen. Michel ist ein Taschendieb, sein Revier sind die Rennbahn, die Métro, die Rummelplätze, die Bahnhöfe von Paris. Michel ist davon besessen zu stehlen, er reklamiert für sich die Freiheit, die einem überragenden Wesen zustehe. Sein Antrieb liegt nicht im geldlichen Gewinn (er bleibt, trotz steigender Einkünfte, in seiner ärmlichen Dachstube, behält den abgetragenen Anzug) sondern in der Ästhetik der verbotenen Tat, in der kalten Lust, die ritualisierte Bewegungen verschaffen. Michels so obsessives wie hochmütiges Tun gleicht einer Flucht: vor sich selbst, vor den Menschen, vor der Liebe. Aber, wie Jeanne, die weibliche Gegenfigur des Protagonisten, vermutet: »Tout a peut-être une raison.« Den Alptraum des jungen Mannes, dieses Abenteuer, in das er aus Schwäche gerät, für das er nicht gemacht ist, das ihm schließlich die angemaßte Freiheit nimmt, versteht Robert Bresson als notwendigen Umweg, an dessen Ziel erst Michel die Seele finden kann, die ihn erlöst. Ein Film von heiligem Ernst, von spröder Feierlichkeit, ein Film der abgezirkelten Gesten, der fragmenta­rischen Ausschnitte. Am Ende ist es ein eisernes Gitter, das die Vereinzelung aufhebt, das die Getrennten verbindet.

R Robert Bresson B Robert Bresson K Léonce-Henri Burel M Jean-Bapstiste Lully A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Agnès Delahaie D Martin LaSalle, Marika Green, Pierre Leymarie, Jean Pélégri, Kassagi, Pierre Étaix | F | 76 min | 1:1,37 | sw | 16. Dezember 1959

# 955 | 19. Juni 2015

4.12.59

À double tour (Claude Chabrol, 1959)

Schritte ohne Spur 

Als Prolog eine lange Kamerafahrt, über einen Teich mit künstlichen Blumen, durch einen Garten, in ein gelbes Haus, das an einen japanisches Teepavillon erinnert, vorbei an einer Staffelei, über einen blauen Teppich voller verstreuter Gegenstände, Kleidungsstücke, umgestürzte Gläser und Figuren, bis zu einem kinetischen Objekt, einer rotierenden polychromen Scheibe, die einen hypnotischen Effekt erzeugt. Die eigentliche Erzählung beginnt mit einem Fensterladen, der geöffnet wird, und endet mit einer aufflammenden Laterne; dazwischen ein Frühlingstag in der Provence, strahlender Himmel, blühender Mohn, eine große Villa, eine kaputte Familie, eine attraktive Nachbarin, ein Mord, ein Geständnis … Mittels durchdachter Farbdramaturgie, einer originellen Rückblendenkonstruktion und dem exzessiven Einsatz von Spiegeln schafft Claude Chabrol ein südfranzösisches Äquivalent zur amerikanischen Southern Gothic. »À double tour« präsentiert, in stellenweise grotesker Überzeichnung, eine dysfunktionale Sippschaft – repressive Mutter, blockierter Vater, verweichlichter Sohn, indifferente Tochter – in vollgestopften Interieurs, auf die farbige Glasfenster grünliche Verwesungsschimmer werfen. Zwei Katalysatoren, der impertinente Schwiegersohn in spe (Belmondo gibt dem Affen Zucker), und eine Künstlerin sans gêne, lassen die erstarrten Konventionen, die Verkarstung der Gefühle, die Zerrüttung und die Häßlichkeit der bürgerlichen Lebenswelt sichtbar werden. Vor der Tat betrachtet der Mörder sein Gesicht im Spiegel und stellt fest: »C’est le visage d’un mort vivant, la négation, la laideur.« Also muß die Schönheit sterben, und mit ihr vergeht das Versprechen auf Freiheit.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff V Stanley Ellin K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Raymond Hakim, Robert Hakim D Jean-Paul Belmondo, Madeleine Robinson, Antonella Lualdi, Jacques Dacqmine, André Jocelyn | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 4. Dezember 1959

1.12.59

Ballada o soldatje (Grigori Tschuchrai, 1959)

Die Ballade vom Soldaten

Eine alte Frau sieht in die Ferne, ihr Blick folgt einer Straße. Vor Jahren ist ihr Sohn auf dieser Straße weggefahren und nicht zurückgekommen … Für seine Tapferkeit vor dem Feind (er hat »aus Angst« zwei deutsche Panzer abgeschossen) erhält der 19jährige Funker Aljoscha (blühend: Wladimir Iwaschow) sechs Tage Heimaturlaub: zwei Tage für den Weg ins Dorf, zwei Tage zum Reparieren von Mutters Dach, zwei Tage für den Weg zurück zur Front. Doch dieselbe Unbekümmertheit, die ihn zum Helden machte, verhindert, daß der junge Rotarmist seine strenge Reiseplanung einhält. Immer wieder läßt er sich vom Moment forttragen: Wenn er einen vergrämten Invaliden begleitet und ihm neuen Lebensmut gibt, wenn er die Frau eines Kameraden aufsucht, um ihr ein Stück Seife als (kostbares!) Geschenk zu bringen, wenn er für das Mädchen Schura (anmutig: Schanna Prochorenko), dem er unterwegs begegnete, Wasser holt und die Weiterfahrt seines Zuges verpaßt. Als er schließlich sein Dorf erreicht, bleiben ihm nur wenige Minuten: Das kurze Wiedersehen zwischen Aljoscha und seiner Mutter ist ein Abschied für immer … Ein paar Tage zwischen Krieg und Liebe, ein paar Tage, die zur Lebensreise werden: Bei allem Sinn für realistische Dramatik und die Poesie des Augenblicks beweist Grigori Tschuchrai gesunden Mut zum großen Gefühl, um seine humanistische Botschaft ans Publikum zu bringen. Er kann es sich erlauben, denn die Natürlichkeit der jugendlichen Hauptdarsteller bewahrt den Film vor jedem falschen Ton platter Sentimentalität. »Ballada o soldatje« betört und erschüttert als komprimierter Bildungsroman zwischen condition humaine und éducation sentimentale, als pikareske Fahrt durch zerstörte Städte und geschundene Landschaften, als unschuldig-zärtliche Romanze, als Hohelied auf Offenheit, Menschlichkeit und Individualismus, als bewegender Nachruf auf einen wundervollen Jungen, der vielleicht ein wundervoller Mann geworden wäre.

R Grigori Tschuchrai B Walentin Jeschow, Grigori Tschuchrai K Wladimir Nikolajew, Era Saweljewa M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Wladimir Iwaschow, Schanna Prochorenko, Antonina Maximowa, Jewgeni Urbanski, Nikolai Krjutschkow | SU | 88 min | 1:1,37 | sw | 1. Dezember 1959

22.11.59

Am Tag, als der Regen kam (Gerd Oswald, 1959)

»Charlie Brown, der hat nur immer Unsinn im Sinn.« Eine Jugendbande in (West-)Berlin: Unter Führung des herrischen, dabei höchst ver­letzbaren Werner (trinkt nur Milch: Mario Adorf), überfallen manierliche Rowdys (alle gehen – der Tarnung halber – ordentlichen Berufen nach) lüsterne Autofahrer oder mürrische Geldboten (ausnahmslos unsympathische, bezasterte Kleinbürgertypen), planen schließlich einen bewaffneten Coup auf die Abendkasse eines Autobusdepots; sie wollen alles und zwar sofort, das schöne Leben heute und nicht später – schließlich weiß niemand, ob es nicht vielleicht morgen schon den großen (atomaren) Knall gibt. Einer der Jungs, Bob (Christian Wolff), der sich verliebt hat (in ein nettes Mädchen aus dem Osten), einer, der weiter denkt als an den Kick, an den Augenblick, will aussteigen, was natürlich nicht erlaubt ist, weswegen sein verzweifeltes Befreiungsmanöver in einer Tragödie enden muß … Gerd Oswald – gebürtiger Berliner, Emigrant, Regisseur von Genrefilmen in Hollywood – nutzt die äußerlich und innerlich kaputte Stadt (die schäbigen Wohnlauben, die schuttigen Brachen, die Katakomben des zerstörten Reichstags) als Schauplatz eines dichten, visuell pointierten Noir-Krimis, der von Verlangen und Verbrechen erzählt, von abgewirtschafteten Vätern (schmierig-suberb: Gert Fröbe als versoffener Arzt ohne Approbation) und skeptischen Söhnen, die nicht so taff sind, wie sie glauben – und auch (metaphorisch) vom Regen, vom lang ersehnten, heiß erflehten, der eines Tages die Bäume erblühen, die Träume erwachen, die Glocken erklingen, von Liebe sie singen lassen wird.

R Gerd Oswald B Heinz-Oskar Wuttig, Gerd Oswald, Will Berthold K Karl Löb M Martin Böttcher A Paul Markwitz, Hans-Jürgen Kiebach S Brigitte Fredersdorf P Artur Brauner D Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 22. November 1959

20.11.59

Buddenbrooks – II. Teil (Alfred Weidenmann, 1959)

Alfred Weidenmanns Verfilmung der »Buddenbrooks« überzeugt weder als künstlerisch geglückte Transponierung des Erzählstoffes in ein anderes Medium noch als reine Inhaltsangabe: Nachdem schon die joviale Großelterngeneration des Romans komplett aus der Leinwandadaption gestrichen wurde, verkürzt der zweite Teil das Leben des kleinen Hanno, reduziert den Letzten des Stammes zur gescheiterten Hoffnung seines Vaters Thomas (der den ungeratenen Sohn, anders als im Buch, überlebt). Die Besetzungsliste wartet mit großen Namen auf, doch Hansjörg Felmys gequälter Dackelblick läßt so wenig hanseatisches Patriziertum ahnen wie Liselotte Pulvers honigkuchenpferdige Einfalt oder Lil Dagovers überlagerte Kurfürstendamm-Mondänität in der Rolle Konsulin; Nadja Tiller hat schlicht zu wenig Zeit, die über und neben den Dingen des Lebens schwebende Gerda zu entwickeln; allein Hanns Lothar gelingt es, das Wesen eines Charakters, Christians hoffnungslos-lustige Melancholie, spürbar zu machen. Interessant ist eine formale Parallele zum ersten Teil des Films: Wieder gibt es eine (einzige) sommerliche Freiluftszene – Thomas’ Kutschfahrt durch wogendes Getreide, das er auf dem Halm zum Schnäppchenpreis zu kaufen gedenkt –, wieder führt die lichtdurchflutete Außenaufnahme auf direktem Wege in den (diesmal geschäftlichen) Mißerfolg.

R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Günther Lüders | BRD | 107 min | 1:1,37 | sw | 20. November 1959

# 823 | 6. Januar 2014

17.11.59

Ukigusa (Yasujiro Ozu, 1959)

Abschied in der Dämmerung 

Ein Mann und sein Sohn –
zusammen allein auf der 

Bühne des Lebens.

R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Kazuo Miyagawa M Kojun Saito A Tomoo Shimogawara S Toyo Suzuki P Masaichi Nagata D Ganjiro Nakamura, Machiko Kyo, Ayako Wakao, Hiroshi Kawaguchi, Haruko Sugimura | JP | 119 min | 1:1,37 | f | 17. November 1959

12.11.59

La notte brava (Mauro Bolognini, 1959)

Wir von der Straße

Mauro Bolognini inszeniert, nach einem Drehbuch des Romanautors, gleichsam die Alta-moda-Version von Pier Paolo Pasolinis römischer Lumpenproletariatsapotheose »Ragazzi di vita«. Die jugendlichen Straßenmädchen und Gassenjungen des Films – verkörpert von kommenden Stars des internationalen Kinos wie Laurent Terzieff und Jean-Claude Brialy, Elsa Martinelli und Rosanna Schiaffino – entbehren jeglicher randständigen Ungeschliffenheit, ihre stolze Obszönität erscheint eher als trendige Pose denn als Ausdruck von Herkunft oder Naturell. Die Schauplätze der episodischen, einen Tag und eine Nacht umspannenden Handlung, trostlose Vororte, enge Sozialwohnungen, struppige Brachflächen, wirken wie dekorative Kulissen für das ziellose Treiben der Protagonisten, für Diebstähle und Betrügereien, Hurerei und Gewaltausbrüche. Unter der (von Armando Nannuzzi effektvoll fotografierten) Oberfläche zeigt sich indes das Drama eines Daseins am Rande – der Stadt, der Gesellschaft, der Hoffnung –, das Drama eines Daseins, das bei aller Abwesenheit von Freundschaft, von Solidarität, von Perspektive so etwas wie Momente einer glanzvollen, schäbigen, wilden Freiheit kennt, Momente, die zwar mit Geld zu bezahlen, aber in Wahrheit unbezahlbar sind.

R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Jacques-Laurent Bost V Pier Paolo Pasolini K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Antonio Cervi, Alessandro Jacovini D Laurent Terzieff, Jean-Claude Brialy, Rosanna Schiaffino, Elsa Martinelli, Antonella Lualdi, Mylène Demongeot | I & F | 95 min | 1:1,85 | sw | 12. November 1959

# 919 | 18. November 2014

11.11.59

Buddenbrooks – I. Teil (Alfred Weidenmann, 1959)

Nicht den »Verfall einer Familie« schildert Alfred Weidenmanns Adaption des Jahrhundertromans von Thomas Mann, statt von schwindender Lebenstüchtigkeit bei gleichzeitiger musischer Verfeinerung über vier Generationen hinweg erzählt die Verfilmung (ohne viel gesellschaftliches Bewußtsein) vom Scheitern dreier Geschwister aus großbürgerlichem Hause, die die Last ihres Erbes nicht zu tragen wissen: Thomas (Hansjörg Felmy) versagt als Geschäftsmann und Vater, Tony (Liselotte Pulver) verfehlt im Standesdünkel die Liebe; ihr Bruder Christian (Hanns Lothar) verweigert sich gleich ganz, flieht erst hinaus in die Welt, dann in den Suff und weiter in die geistige Umnachtung. Bemerkenswert hermetisch sind die von Robert Herlth gebauten Kulissen: leere Wände, schwere Möbel, wenige Durchblicke, fast keine Aussicht nach draußen – Räume wie Gruften, in denen alles Leben begraben liegt. (Das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte) Lübeck erscheint in engen Ausschnitten von Fassaden und Giebeln, in Architekturfragmenten, aus denen sich keine Stadt zusammensetzen will. Alles macht den Eindruck des Ungelüfteten, Verbauten, Sterilen. Weidenmann trifft kaum je den Ton der Vorlage; von Mannscher Ironie zeugt immerhin jene Sequenz, die (als beinahe einzige Freiluftszene des Films) Tonys zukunftslose Begegnung mit einem revolutionären Medizinstudenten in strahlend sonniges Tageslicht taucht.

R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Werner Hinz, Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Hanns Lothar, Robert Graf | BRD | 99 min | 1:1,37 | sw | 11. November 1959

# 822 | 6. Januar 2014

29.10.59

Die Wahrheit über Rosemarie (Rudolf Jugert, 1959)

Jeder sein eigenes Wirtschaftswunder … Wie alle, verkauft auch Rosemarie Nitribitt, was sie hat. Indem sie ihr körperliches Potential ausschöpft, kommt sie zu einem schicken Apartment, zu üppigen Pelzen, zu einem schwarzen Mercedes 190 SL. Rosemarie ist das ideale Glied der Konsumgesellschaft: Der Sinn ihres Lebens liegt im Anhäufen von Waren, während sie sich selbst zum Verbrauch freigibt. Rosemaries (gewaltsamer) Tod erscheint insofern nur konsequent: Ihre Existenz endet, als sie alles für sie Erreichbare erreicht hat, als ihre Substanz aufgezehrt ist … Rudolf Jugerts Verfilmung DES bundesdeutschen Skandalstoffs der fünfziger Jahre, der sich um den unaufgeklärten Mord an einer Frankfurter Luxushure aus einfachsten Verhältnissen rankt, enthält sich aller kabarettistischen Stilisierungen, mit der Rolf Thiele den gerichtsnotorischen Fall ein Jahr zuvor zum soziologisch-satirischen Zeitbild formte. Jugert erzählt die Trivialgeschichte konsequent trivial, mit abgedroschenen Kunstmitteln, als hechelnd-billige Boulevardphantasie, als kurvenreich-pralle Auf- und Abstiegsstory, als ordinär-moralisierendes Sittentraktat voller platter Charaktere, die platte Dialoge führen: »Kehren Sie um!« – »Und wie stellen Sie sich das vor?« – »Gehe hin und liebe. Denn helfen wird dir keines Menschen Hand.« Gekonnt wuchert »Die Wahrheit über Rosemarie« mit den Pfunden seiner vulgär-sensiblen Hauptdarstellerin: Belinda Lee läßt gleichermaßen den kurzatmigen Furor des Alles-und-zwar-sofort-Habenwollens wie auch die hundserbärmliche Leere einer nur materiellen Wunschbefriedigung beeindruckend spürbar, ja beinahe schmerzhaft fühlbar werden.

R Rudolf Jugert B J. Joachim Bartsch K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig, Dieter Fritko D Belinda Lee, Jan Hendriks, Hans Nielsen, Lina Carstens, Karl Lieffen | D | 101 min | 1:1,37 | sw | 29. Oktober 1959

6.10.59

Pillow Talk (Michael Gordon, 1959)

Bettgeflüster

Die erste Komödien-Kollaboration des Trios Day/Hudson/Randall schleicht um ihr großes Thema (SEX!SEX!SEX!) wie die Katze um den heißen Brei – ohne dabei das Mausen zu lassen. »Pillow Talk« verzichtet sinnvollerweise auf jegliche sinnvolle Handlung, und Regisseur Michael Gordon nutzt den entstehenden Freiraum, um drei großstädtisch-burleske Archetypen – Teflon-Blondine (Doris), Salon-Beefcake (Rock), Screwball-Neurotiker (Tony) – zur vollsten Entfaltung zu bringen, indem er sie in immer neuen Konstellationen auf- und gegeneinanderhetzt. Neben einem Feuerwerk von Frotzeleien und Anzüglichkeiten ist Thelma Ritter als dauerverkaterte Zugehfrau ein weiterer Aktivposten dieses Werks, das sehr gelungen eine ver­gnügliche Summe der Fifties zieht. PS: »There must be a boy! There MUST!«

R Michael Gordon B Stanley Shapiro, Maurice Richlin K Arthur E. Arling M Frank De Vol A Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter, Martin Melcher D Doris Day, Rock Hudson, Tony Randall, Thelma Ritter, Nick Adams | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 6. Oktober 1959

5.10.59

Maibowle (Günter Reisch, 1959)

»Der junge Vater Mai ist ein Kollege. / Er kommt im hellen Hemd und roten Schlips.« Zum 10. Jahrestag der DDR (und zur Beflügelung des staatlichen Chemieprogramms) legt die Defa ein leicht angeschwipstes Lustspiel auf den Gabentisch der Republik: Der alte Herzenskommunist Meister Lehmann (knorrig: Erich Franz) wird zum 65. Geburtstag mit dem ›Banner der Arbeit‹ ausgezeichnet; seine vielen Kinder erfinden zunächst allerlei Ausreden, um dem Ehrenfest fernzubleiben, versammeln sich dann aber doch vor der Kulisse des fröhlich dampfenden Werks zum Anstoßen mit der traditionellen »Maibowle« … Der Schauplatz der musikalischen Klamotte, die sich redlich müht, einige Entartungen des sozialistischen Alltags aufzuspießern, heißt Grünefeld (ein Schelm, wer Böses (= Bitterfeld) dabei denkt); die Stimmung ist so gelöst wie beim vorgärtlichen Tischtennismatch zwischen Walter Ulbricht und seiner Lotte. PS: »Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit«, dichten die Planakrobaten – »… und Kunst!« möchte der neue (= rote) Mensch zukunftsfreudig ergänzen.

R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Otto Merz M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ekkehard Schall | DDR | 94 min | 1:1,37 | f | 5. Oktober 1959

1.10.59

Das Totenschiff (Georg Tressler, 1959)

»Kamele und Esel legen sich hin, wenn sie nicht mehr können. Aber der Mensch läßt sich martern. Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnungen macht.« Eine Nutte klaut dem amerikanischen Matrosen Philip Gale (Horst Buchholz) in Antwerpen die Börse samt Seefahrtbuch. Seiner Papiere (= seiner Tatsächlichkeit) beraubt, sitzt der Schiffer auf dem Trockenen und wird zur Unperson. Ein kafkaesker Alptraum beginnt: ohne Ausweis keine Arbeit, kein Aufenthalt, kein Leben. Es bleibt die Flucht mit unbekanntem Ziel – der Weg führt vorbei an einem zarten, sommerlichen, hoffnungslosen Versprechen auf Liebe; am Ende wartet das Schicksal in Form eines rostigen Frachters, der den Tod geladen hat: Der Dienst auf der ›Yorikke‹ verheißt nichts als »blood, toil, tears and sweat«, doch ohne Erlösung, ohne Sieg, ohne Chance auf Überstehen: »Who enters here / Will no longer have existence; / His name and soul have vanished / And are gone for ever.« Georg Tresslers Adaption des Romans von B. Traven verzichtet auf den sozialkritisch-antikapitalistischen Impetus der Vorlage zugunsten der Gestaltung eines (im Camus’schen Sinne) absurden Abenteuerfilms: Die Erzählung zerfällt in einzelne, immer bedrückender werdende Episoden, um schließlich im Bild eines verzweifelten Mannes inmitten der grenzenlosen Einsamkeit des offenen Meeres zu kulminieren. Von Heinz Pehlke mit sensibler Strenge fotografiert, gewährt »Das Totenschiff« nur einen Trost: ob arme Schweine (Mario Adorf, Helmut Schmid und Günter Meisner als geknechete Maschinisten) oder fiese Ratten (Werner Buttler und Alf Marholm als befehlshabende Exploiteure) – am Ende sind sie alle gleich. Nämlich tot.

R Georg Tressler B Hans Jacoby, Georg Tressler V B. Traven K Heinz Pehlke M Roland Kovac A Emil Hasler, Walter Kutz S Ilse Voigt P Georg Tressler, José Kohn D Horst Buchholz, Mario Adorf, Helmut Schmid, Werner Buttler, Elke Sommer | BRD & MEX | 98 min | 1:1,37 | sw | 1. Oktober 1959

24.9.59

Rosen für den Staatsanwalt (Wolfgang Staudte, 1959)

Deutsche Karrieren im Gegenschnitt. Gefreiter Rudi Kleinschmidt (schlurfig-gewitzt: Walter Giller) wird kurz vor Kriegsende wegen Diebstahls zweier Dosen Fliegerschokolade auf Betreiben des fanatischen Militärjuristen Wilhem Schramm (hochtönend-zackig: Martin Held) wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Fünfzehn Jahre später schlägt sich der seiner Hinrichtung durch glücklichen Zufall (alliierte Tiefflieger!) knapp entronnene Delinquent als Handelsreisender in Sachen Zauberkarten und Selbstbinder eher erfolglos durchs Wirtschaftswunder, während es der unverbesserliche Justizmörder (unter Verschweigung seiner beruflichen Vorgeschichte) zum Oberstaatsanwalt in einer aufstrebenden Großstadt gebracht hat. Die beiden treffen sich zufällig wieder, und noch einmal kommt es zur Gerichtsverhandlung … Wolfgang Staudtes ironisch-süffisante Betrachtung der seilschaftendurchzogenen, vergangenheitsverstrickten, maulheldenhaften bundesdeutschen Nachkriegswirklichkeit folgt – zum Wohle eines gesellschaftspolitisch-romantischen happy endings (im Rückspiegel!) nicht ganz konsequent – dem berühmten Diktum von Bertolt Brecht: »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.« (Oder vielleicht doch?)

R Wolfgang Staudte B Georg Hurdalek K Erich Claunigk M Raimund Rosenberger A Walter Haag S Klaus M. Eckstein P Kurt Ulrich D Martin Held, Walter Giller, Ingrid van Bergen, Camilla Spira, Werner Peters | BRD | 98 min | 1:1,37 | sw | 24. September 1959

9.9.59

125, rue Montmartre (Gilles Grangier, 1959)

Tatort Paris

Pascal verdingt sich als Zeitungsverkäufer, ruft auf den Straßen von Paris mehrmals täglich die neuesten Nachrichten aus; Lino Ventura (dessen kompakte Figur in Windjacke und Turnschuhen steckt) spielt den crieur de journaux als harten Hund mit weichem Kern, großstädtisch und bodenständig, aufbrausend und mitmenschlich. Als sich ein Unbekannter in die Seine stürzt, fischt Pascal den Ertrinkenden beherzt wieder heraus, kümmert sich bäßbeißg-mitfühlend um den verzweifelten Mann, läßt sich dessen dramatische Lebens-(und Liebes-)geschichte erzählen und von ihm in eine (bürgerliche) Intrige verstricken – wobei der (proletarischen) Samariter schließlich als vermeintlicher Raubmörder verhaftet wird … Der Titel des ironischen kleinen Thrillers (der mit Detailfreude die gegensätzlichen Milieus (über-)zeichnet und zur Auflösung in einen Zirkus führt) benennt nicht den Schauplatz der Handlung: 125, rue Montmartre ist die Adresse eines Pressevertriebs, ein Haus im Herzen des alten Zeitungsviertels der französischen Hauptstadt. Nicht ohne Süffisanz beobachtet Gilles Grangier (an zahlreichen Originalschauplätzen), wie der burschikose Held seines fait divers zum Protagonisten einer jener Revolvergeschichten wird, die er ansonsten der sensationslüsternen Leserschaft zum Fraß vorwirft.

R Gilles Grangier B Michel Audiard, Jacques Robert, André Gillois, Gilles Grangier V André Gillois K Jacques Lemare M Jean Yatove A Robert Bouladoux S Jacqueline Sadoul P Lucien Villard D Lino Ventura, Robert Hirsch, Andréa Parisy, Jean Desailly, Dora Doll | F | 85 min | 1:1,66 | sw | 9. September 1959

# 820 | 31. Dezember 2013

6.9.59

Pociąg (Jerzy Kawalerowicz, 1959)

Nachtzug

Ein überfüllter Zug fährt durch eine heiße Sommernacht, an Bord eine Gruppe bunt zusammengewürfelter Menschen: katholische Priester auf Pilgerreise, ein alter Mann, der nicht schlafen kann, weil ihn die Stockbetten der Abteile an Buchenwald erinnern, eine junge Frau, die sich aus ihrer langweiligen Ehe in eine x-beliebige Affäre stürzen möchte, eine andere, die vor ihrem fordernden Geliebten (gespielt vom »polnischen James Dean« Zbigniew Cybulski) flüchtet, ein ruppiger Mann, der aus unbestimmtem Grund alleine sein will und schließlich für den Mörder seiner Gattin gehalten wird – ihre Schicksale laufen zusammen und wieder auseinander wie Gleise in einsamer Landschaft. Jerzy Kawalerowicz entfaltet in dichten, schummrigen Bilder (Jan Laskowski) zu melancholischen Cool-Jazz-Klängen (Andrzej Trzaskowski) ein sprödes, leises Drama der gleichzeitigen Angst vor und Sehnsucht nach Nähe. Nur einmal verläßt die Erzählung die Enge des Schauplatzes: wenn die Fahrgäste bei Tagesanbruch dem (wirklichen) Verbrecher hinterjagen und (auf einem Friedhof!) wie eine Meute toller Hunde über ihn herfallen… Am Morgen erreicht der Nachtzug das Meer. Die Reisenden gehen auseinander – jeder zurück in sein Alleinsein.

R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Jerzy Lutowski K Jan Laskowski M Andrzej Trzaskowski A Ryszard Potocki S Wiesława Otocka P Jerzy Rutowicz D Lucyna Winnicka, Leon Niemczyk, Teresa Szmigielówna, Zbigniew Cybulski, Helena Dabrowska | PL | 99 min | 1:1,37 | sw | 6. September 1959

4.9.59

Der Frosch mit der Maske (Harald Reinl, 1959)

»Der Frosch! Der Frosch mit der Ma…« Harald Reinls sauber exekutierter Westentaschenkrimi nach Edgar Wallace spielt in einem ziemlich bundesdeutsch wirkenden Phantasie-London, das von einem maskierten Schwerverbrecher und seiner Bande in japsendem Atem gehalten wird. »Der Frosch mit der Maske« führt in ein (nur oberflächlich betrachtet) idyllisches Landhaus (wo Eva Anthes (= Elfi von Kalckreuth), eine Volksausgabe von Romy Schneider, ihre Unschuld hütet) und in eine verruchte Nachtbar (wo Eva Pflug als vollreife ›Lolita‹ in rasantem Kleid »Nachts im Nebel an der Themse« singt), auf begüterte Schlösser und in kahle Todeszellen – es ist ein Reich der ironisch zugespitzten Krimi-Stereotypen, des rechtschaffenen Schreckens, der sorgsam geordneten Unordnung (als deren definitiver Protagonist sich Joachim Fuchsberger präsentiert). Die kriminelle Allgegenwart des Schurken, der aus der Anonymität seine tödlichen Fäden zieht, erinnert von Ferne an Norbert Jacques' Zersetzungsgenie Dr. Mabuse, doch der ›Frosch‹ verfolgt letztlich keine asozial-ideologischen sondern (passend zur Entstehungszeit des Films mitten im glitzernden Wirtschaftswunder) ausschließlich eigennützig-finanzielle Interessen.

R Harald Reinl B Trygve Larsen (= Egon Eis), J. Joachim Bartsch V Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Willi Mattes A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Siegfried Lowitz, Joachim Fuchsberger, Jochen Brockmann, Karl Lange, Eva Anthes (= Elfi von Kalckreuth) | DK | 90 min | 1:1,37 | sw | 4. September 1959

Arzt ohne Gewissen (Falk Harnack, 1959)

Der deutsche Arztfilm gefällt sich für gewöhnlich in der Apotheose des integren Heilkünstlers, der stets als unfehlbare Autorität zwischen den Sterblichen schwebt. »Arzt ohne Gewissen« stellt sich genretechnisch quer, bekleckert zum einen den blütenreinen Kittel der Mediziner mit häßlichen braunen Flecken und läßt überdies den Herzspezialisten Dr. Lund (Ewald Balser, der fünf Jahre zuvor noch den legendären Prof. Sauerbruch als archetypischen Halbgott in Weiß gab) in seinem heroischen Kampf gegen Krankheit und Tod die Grenze von Genie zu Wahnsinn überschreiten. Als Pionier der Transplantationschirugie kennt Lund – dem ein ehemaliger KZ-Arzt (sinister: Wolfgang Kieling) wertvolle Assistenzdienste leistet – kein Pardon für »lebensunwertes Leben« (in diesem Fall das eines (von Karin Baal verkörperten) leichten Mädchens), wenn es um die Rettung einer superioren Existenz (genauer gesagt einer (von Cornell Borchers gespielten) begnadeten Opernsängerin) geht. Falk Harnack erzählt mit sicherem Gespür für die aus Forscherehrgeiz und Gewissenskonflikten entspringenden Spannungs- und Horrormomente. Helmuth Ashleys Fotografie bleibt bei alldem betont sachlich – der gotische Grusel steigt allein aus der moralischen Problematik des Stoffes empor.

R Falk Harnack B Werner P. Zibaso K Helmuth Ashley M Siegfried Franz A Hans Berthel, Robert Stratil S Walter Boos P Ilse Kubaschewski D Ewald Balser, Wolfgang Preiss, Barbara Rütting, Cornell Borchers, Wolfgang Kieling | BRD | 95 min | 1: 1,37 | sw | 4. September 1959

3.9.59

Labyrinth (Rolf Thiele, 1959)

Nadja Tiller als neurotisch-alkoholische Jet-Set-Lyrikerin Georgia Gale, die sich im exklusiven Schweizer Sanatorium von Dr. de Lattre (Amedeo Nazzari) körperlich und seelisch entgiften lassen will. Die ausgebrannt-selbstmitleidige Schnepfe durchläuft das titelgebende Labyrinth der Irrungen und Wirrungen (inklusive einer kurzen Flucht in religiöse Erlösungsphantasien), bis sie der malerische Selbstmord einer depressiven Mitpatientin endlich zur Besinnung bringt. Rolf Thiele visualisiert die gutgenährte Lebensnot und -leere der (nicht nur) bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft mit gewohnt exaltierten Regieeinfällen. Modernistisches l’art pout l’art à l’allemande.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Gregor von Rezzori V Gladys Baker K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon, Peter Röhrig S Anneliese Schönnenbeck P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Peter von Eyck, Amedeo Nazzari, Nicole Badal, Hanne Wieder | BRD & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 3. September 1959

2.9.59

Maigret et l’affaire Saint-Fiacre (Jean Delannoy, 1959)

Maigret kennt kein Erbarmen 

Vierzig Jahre nachdem er seine Heimat (in der Auvergne) verließ, kehrt Maigret zurück auf das Schloß, wo sein Vater einst als Verwalter diente. Die lange schon verwitwete Gräfin de Saint-Fiacre (als Junge war Maigret ein wenig in sie verliebt) hat ihn gerufen, weil sie einen anonymen Brief erhielt, der ihren Tod für den Aschermittwoch verkündet – und tatsächlich stirbt die fromme Dame mit dem Aschenkreuz auf der Stirn während der Heiligen Messe … Maigret hat nicht nur den Heimgang einer alten Flamme zu beklagen (und kriminalistisch zu untersuchen), er sieht (s)ein (jedenfalls gefühlt) besseres Gestern in Scherben liegen: Der Herrensitz wurde leergeplündert, um die Verschwendungssucht des Sohnes (Michel Auclair) zu befriedigen; statt Klasse, Stolz und Tugend walten nur mehr Gier, Zynismus und Herzlosigkeit hinter der vornehmen Fassade. Jean Delannoy taucht »Maigret et l’affaire Saint-Fiacre« in novembrige Stimmung, in erschöpftes Grau, in ländliche Tristesse; Jean Gabin spielt den Kommissar mit leiser Resignation, die peu à peu in einen doppelten Zorn umschlägt: Zorn (und Degout) über die heruntergekommene Provinzgesellschaft, Zorn (und Schmerz) über die zweite Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Jean Prodromidès A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Robert Gascuel D Jean Gabin, Michel Auclair, Robert Hirsch, Valentine Tessier, Paul Frankeur | F & I | 101 min | 1:1,66 | sw | 2. September 1959

20.8.59

Blind Date (Joseph Losey, 1959)

Die tödliche Falle 

»We are having a party / Myself and I.« Fröhlich eilt der arme Schlucker Jan van Rooyer (Hardy Krüger) quer durch London zum Rendezvous mit seiner Geliebten. Als er ihr Apartment betritt, ist die Heißbegehrte noch nicht da. Statt ihrer erscheint die Polizei. Im Nebenzimmer wird die Leiche der Wohnungsbesitzerin gefunden. Jan bricht fassungslos zusammen und steht unter dringendem Verdacht, seine reiche Freundin mit einem Kissen erstickt zu haben … Joseph Loseys ambitionierter Versuch, aus billigem Whodunit-Stoff filmische Haute-Couture zu schneidern, gelingt insofern erstaunlich gut, als er die unlogische Intrige fast vollständig ignoriert, sich stattdessen auf die Charakterisierung der drei Prota­gonisten konzentriert: Jan, zorniger junger Künstler, idealistisch und impulsiv; Jacqueline (Micheline Presle), das Opfer (?), klassische Schönheit, glühend erkaltet an der Seite eines einflußreichen Mannes; Inspector Morgan (Stanley Baker), störrisch-brillanter Kriminalist, gesnobt von seinen gesellschaftlich gutvernetzten Kollegen – ein Holländer, eine Französin, ein Waliser, allesamt und jeder für sich gestrandet in einer fremden Umgebung, auf Grund gelaufen in ihrem Leben, gefangengesetzt in der eigenen Existenz. Losey entwickelt aus diesem Dreieck eine facettenreiche, visuell exakt durchkomponierte Studie der Einsamkeit, die Topographie einer Welt ohne wirkliche Nähe, ohne tiefe Berührung, ohne verstehenden Blick. Nicht von ungefähr ist »Blind (!) Date« ein Film der Spiegel – das reflektierende Glas wird zum bildlichen Ausdruck der gebrochenen Kommunikation zwischen den entzwei geschlagenen Menschen.

R Joseph Losey B Ben Barzman, Millard Lampell V Leigh Howard K Christopher Challis M Richard Rodney Bennett A Harry Pottle S Reginald Mills P David Deutsch D Hardy Krüger, Stanley Baker, Micheline Presle, Gordon Jackson, John Van Eyssen | UK | 95 min | 1:1,66 | sw | 20. August 1959

24.7.59

Die Nackte und der Satan (Victor Trivas, 1959)

»Was ist meine Vergangenheit? Die meines Körpers oder die meines Kopfes?« ¾ Mad-Scientist-Horror-SciFi + ¼ Unterwäsche-Revue, made in Adenauer-Deutschland: Mittels ›Serum Z‹ gelingt es dem genialen Mediziner Prof. Abel (legendär: Michel Simon), einen Hundekopf getrennt vom Körper am Leben zu halten. Kurz darauf muß Abels eigener Kopf mitansehen, wie er von seinem begabten, aber leider völlig verrückten Assistenten Dr. Ood (satanisch: Horst Frank) dem gleichen Experiment unterzogen wird. Außerdem verpflanzt der irre Arzt – mit Erfolg! – den bildschönen Kopf einer buckligen Krankenschwester auf den makellosen Körper einer Stripteasetänzerin aus dem ›Tam-Tam‹ (mehr oder weniger nackt: Christiane Maybach) ... Unter der Ägide des späteren »Schulmädchen«-Reporters Wolf C. Hartwig versammelt Remigrant Victor Trivas nicht nur einen illustren Cast sondern vor allem eine filmhistorisch imposante Crew – Kamera: Georg Krause (»Paths of Glory«) / Bauten: Hermann Warm (»Dr. Caligari«) / Effekte: Theo Nischwitz (»Münchhausen«). Heulen und Zähneklappern wollen sich zwar nicht einstellen, für makabres Amüsement sorgt »Die Nackte und der Satan« aber allemal. Auf die alte Frage, wie weit Wissenschaftler gehen dürfen, gibt der Film im übrigen eine klare, moralisch-fundierte Antwort: bis in die nächste Nachtbar.

R Victor Trivas B Victor Trivas K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Friedel Buckow P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Michel Simon, Paul Dahlke, Karin Kernke, Christiane Maybach | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 24. Juli 1959

23.7.59

Menschen im Netz (Franz Peter Wirth, 1959)

Einer der ganz wenigen Versuche des bundesdeutschen Nachkriegskinos, sich mit der Wirklichkeit des geteilten Landes auseinanderzusetzen. Anders als für das DDR-Filmstudio Defa spielt die Existenz zweier deutscher Staaten mit gegensätzlichen (und gegnerischen) Gesellschaftssystemen für westliche Produzenten jahrzehntelang praktisch keine Rolle. »Menschen im Netz« verarbeitet die Problematik zu einem kolportagehaften Genrestück mit zaghaft veristischen Ansätzen: Nach fünf Jahren Bautzen-Haft wird Klaus Martens (Hansjörg Felmy) vorzeitig entlassen und reist zu seiner Frau Gitta (Johanna von Koczian) nach München. Die Wiedersehensfreude ist groß, doch schon bald fallen Schatten auf das wiedervereinigte Eheglück. Klaus ist mißtrauisch: Wovon bezahlt seine Frau ihre schicke Wohnung? Warum erzählt sie nie von ihrer Arbeit im ›Schreib- und Übersetzungsbüro Fischer‹? Wohin geht sie Abend für Abend wirklich? Die traurige Wahrheit: Um ihren Mann freizubekommen, trat Gitta in den Dienst des ostzonalen Geheimdienstes – eine Kooperation, die tödlich endet … Franz Peter Wirth inszeniert das (auf einem Illustriertenroman basierende) Kriminaldrama straff und unsentimental, mit Blick aufs »Menschliche« und Sinn für stimmige Alltagsimpressionen, jedoch ohne politische Vertiefung und weitgehend beherrscht von gattungstypischen Klischees. Die Ostagenten heißen Olga, Karel, Janosch – und sehen auch so aus. Ihre Treffpunkte sind Hotellobbys, Bumslokale, Lagerhallen. Interessant allerdings, daß die westliche Konkurrenz auch nicht einnehmender ist: Ein gewisser Herr Braun von der Spionageabwehr (Hannes Messemer) fällt stets mit der Tür ins Haus, erklärt sich nicht, stellt ohne Umschweife bohrende Fragen, droht mit bellender Wochenschaustimme Unangenehmes an, wirft, wie seine Gegenspieler, Netze aus, in denen sich Unschuldige verfangen.

R Franz Peter Wirth B Herbert Reinecker V Will Tremper, Erich Kern K Günther Senftleben M Hans-Martin Majewski A Franz Bi S Claus von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Hannes Messemer, Ingeborg Schöner, Olga von Togni | BRD | 96 min | 1:1,66 | sw | 23. Juli 1959

17.7.59

North by Northwest (Alfred Hitchcock, 1959)

Der unsichtbare Dritte

Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«

R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959

1.7.59

Der Rest ist Schweigen (Helmut Käutner, 1959)

Die Bundesrepublik statt Dänemark, Essen statt Helsingør: John H. (!) Claudius (≈ Hamlet = Hardy Krüger) kehrt nach langjähriger Abwesenheit aus amerikanischer Emigration heim (?) ins wirtschaftswunderliche Deutschland, um den 15 Jahre zurückliegenden Tod seines Vaters, eines ehemaligen Reichswirtschaftsführers, zu untersuchen und (nachdem sich das Ableben des Ruhrbarons als heimtückischer Brudermord erwiesen hat) zu rächen – wobei, wie zu erwarten, Unentschlossenheit und Zweifel aufkommen… Helmut Käutner verschiebt das Shakespeare-Stück recht klug in die Villa einer Industriellensippschaft der Nachkriegszeit, deren blutig-intrigante Geschichte durchaus zur Allegorie der versuchten Verdrängung von Schuld und des eitrigen Hervorquellens einer unbewältigten Vergangenheit taugt. Hartes Licht (Kamera: Igor Oberberg), ungemütliche elektronische Klänge (Musik: Bernhard Eichhorn), ein sehenswertes Ensemble – darunter Peter van Eyck, Rudolf Forster und Ingrid Andrée (als erst ent-, dann verrückte Fee ≈ Ophelia) – sowie der flackernde Schein der Hochöfen am nächtlichen Himmel sorgen für eine explosive Atmosphäre, in der unbequeme Wahrheiten über die (verbrecherische) Verstrickung von Politik und Wirtschaft ans Licht gebracht werden; doch vor allem in der zweiten Hälfte des erstaunlich bitteren Films drängelt sich der familiäre Krimiplot vor die gesellschaftliche Tragödie, und ohne die stilistische Brillanz und die erleuchtende Tiefe der dichterischen Sprache des großen englischen Dramatikers entgeht »Der Rest ist Schweigen« nicht ganz dem Schematismus einer Seifenoper.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner V William Shakespeare K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Helmut Käutner, Harald Braun, Wolfgang Staudte D Hardy Krüger, Peter van Eyck, Ingrid Andrée, Adelheid Seeck, Rudolf Forster | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1959

18.6.59

The Nun’s Story (Fred Zinnemann, 1959)

Geschichte einer Nonne

»There is no resting place. Ever.« Brügge, Anfang der 1920er Jahre: Gabrielle van der Mal (Audrey Hepburn), Tochter eines namhaften Arztes, entscheidet sich für das Leben als Nonne, bewegt von der (nicht allzu) stillen Hoffnung, ihr Orden möge sie als Krankenschwester in den Kongo entsenden. Gabrielles angeborener Eigensinn bringt sie vom ersten Tag an immer wieder in Konflikt mit dem strengen Reglement der klösterlichen Gemeinschaft, das Demut und Gehorsam bis hin zur Aufgabe der individuellen Persönlichkeit verlangt. Fred Zinnemann erzählt die Geschichte der Nonne als unsentimentales Gewissensdrama in rigidem Schwarz-Weiß-Grau (Ausstattung: Alexandre Trauner), das vorübergehend durch die vitale Farbigkeit der Tropen befreiend aufgerissen wird, als Abfolge von Prüfungen, deren tieferer (oder höherer) Sinn letzten Endes rätselhaft bleibt. So ist Schwester Lukas’ schließliche Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – insbesondere nach der Begegnung mit dem ausgesprochen diesseitigen Dr. Fortunati (Peter Finch), der ihre religiöse Bestimmung mitmenschlich-kritisch hinterfragt –, nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als mutige Behauptung von Souveränität: »Dear Lord, forgive me, I cannot obey anymore. What I do from now on is between You and me alone.«

R Fred Zinnemann B Robert Anderson V Kathryn Hulme K Franz Planer M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Walter Thompson P Henry Blanke D Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger | USA | 149 min | 1:1,78 | f | 18. Juni 1959

# 1102 | 2. März 2018

10.6.59

Hiroshima, mon amour (Alain Resnais, 1959)

Hiroshima, mon amour

Über das Unsagbare sprechen, das nicht Darstellbare zeigen, das Unmögliche wagen: »Hiroshima, mon amour« – der Ort der totalen Zerstörung und das höchste der Gefühle. Körperteile, in Asche gehüllt, Fleisch, bedeckt mit Schweiß, verschlungene Leiber: Sie (Emmanuelle Riva) ist eine französische Schauspielerin, er (Eiji Okada) ist ein japanischer Architekt. Sie ist nach Hiroshima gekommen, um in einem Film mitzuwirken, in einem Film über den Frieden. Sie hat das Krankenhaus gesehen und das Museum und den Fluß und das Denkmal und den Park und die Kraniche aus Papier. Alain Resnais zeigt alles, was sie gesehen hat, zeigt es in dokumentarischen Bildern. »Tu n’a rien vu à Hiroshima, rien«, sagt er zu ihr. »J’ai tout vu, tout«, sagt sie zu ihm. Sie lieben sich. Es ist der letzte Drehtag. Er fordert sie auf zu bleiben. Bei ihm. In Hiroshima. Sie will nach Hause zurückkehren. Sie ist glücklich verheiratet. So wie er. Marguerite Duras’ Dialoge klingen wie Opernduette, unwirklich-klar, sachlich-pathetisch. Er fragt sie, wo sie war, als in Hiroshima die Bombe fiel. Sie war in Paris, antwortet sie. Sie war glücklich. Weil der Krieg vorbei war. Weil ihr Unglück vorbei war. Ihr Unglück, das war auch und vor allem ihr Glück. Ein deutscher Soldat. Ihre erste Liebe. In ihrer Heimatstadt. In Nevers in Frankreich. Der deutsche Soldat wurde erschossen. Sie wurde geschoren. Sie wurde in einen Keller gesperrt. Weil sie einen Feind geliebt hatte. Sie wurde verrückt. Sie kam wieder zur Vernunft. Als sie ihre Liebe vergessen hatte. In Hiroshima, am Ort der Katastrophe, findet sie ihre erste Liebe wieder, ihr Glück, ihren Schmerz, ihr Leben. »Hi-ro-shi-ma … c’est ton nom«, sagt sie zu ihm. Und er sagt zu ihr: »Ton nom à toi est Nevers. Ne-vers-en-Fran-ce.« Hiroshima. Nevers. Erinnern. Vergessen. Liebe. Tod. Gestern. Heute. Immer. Überall.

R Alain Resnais B Marguerite Duras K Michio Takahashi, Sacha Vierny M Giovanni Fusco, Georges Delerue A Minoru Esaka, Mayo (= Antoine Malliarakis) S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Samy Halfon D Emmanuelle Riva, Eiji Okada, Bernard Fresson | F & JP | 91 min | 1:1,37 | sw | 10. Juni 1959

# 842 | 7. März 2014

12.5.59

Ohayo (Yasujiro Ozu, 1959)

Guten Morgen

Nachbarn und Kinder:
Sie sägen an den Nerven, 

auch wenn sie schweigen.

R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Yuharu Atsuta M Toshiro Mayuzumi A Tatsuo Hamada S Yoshiyasu Hamamura P Shizuo Yamanouchi D Keji Sada, Yoshiko Kuga, Chishu Ryu, Kuniko Miyake, Haruko Sugimura | JP | 94 min | 1:1,37 | f | 12. Mai 1959

4.5.59

Les 400 coups (François Truffaut, 1959)

Sie küßten und sie schlugen ihn 

François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.

R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959

21.4.59

Sapphire (Basil Dearden, 1959)

Das Mädchen Saphir


»You always can tell.« Latenter Rassismus, aufbereitet in einem formal stilsicheren, positionell zeitweilig indifferenten Londoner Problemkrimi: Eine junge Frau liegt ermordet unter einem Busch in Hampstead Heath. Die polizeilichen Ermittler registrieren Anspannung beim Verlobten der Toten und dessen Angehörigen, doch erst als der Bruder des Opfers zur Aussage erscheint, platzt die Bombe: Die Tote war »coloured«, Tochter eines britischen Arztes und einer schwarzen Tänzerin. Irgendwann hatte Sapphire, die temperamentvolle Musikstudentin, entdeckt, daß sie mit ihrer »lily skin« als Weiße durchgehen konnte, ihr Leben daraufhin radikal geändert und neue Chancen ergriffen. Nicht einmal ihr Verlobter David, Sproß einer engstirnigen Kleinbürgerfamilie, hatte etwas von der (menschlich und sozial gespaltenen) Identität seiner Liebsten bemerkt. Als er es erfuhr, war es ihm egal – jemand anderem allerdings nicht … Basil Dearden nutzt das Whodunit-Format geschickt, um beim nachforschenden Zug durch die Gemeinde eingefleischte Vorurteile und unterschwellige wie offene Verachtung gegenüber »Fremden« zu desavouieren (vor allem die verkniffenen landladies bekommen ihr Fett weg), hin und wieder jedoch rutscht er bei der Darstellung des »Anderen« selbst ins Stereotypische: Der Schwarze wippt »naturgemäß« im jazzigen Rhythmus der Musik, bleckt bei Gefahr die Zähne und rollt die Augen, wenn er lustig ist (oder umgekehrt). Unsentimentale Blicke in enge Stuben, trübgraue Straßen und bittere Seelen machen den Reiz von »Sapphire« aus, als Beitrag zum Kampf gegen ethnische Diskriminierung stößt der Film jedoch an seine immanenten Grenzen – oder wie der abgeklärte Superintendent nach der Lösung des Falls zu seinem jungen Kollegen sagt: »We didn't solve anything, Phil. We just picked up the pieces.«

R Basil Dearden B Janet Green, Lukas Heller K Harry Waxman M Philip Green A Carmen Dillon S John D. Guthridge P Michael Relph D Nigel Patrick, Paul Massie, Bernard Miles, Yvonne Mitchell, Earl Cameron | UK | 92 min | 1:1,66 | f | 21. April 1959

17.4.59

Imitation of Life (Douglas Sirk, 1959)

Solange es Menschen gibt

»Without love you’re only living / an imitation, an imitation of life.« Zwei Frauen, zwei Mädchen, zehn Jahre – Armut und Ambition, Hoffnung und Leid, Ruhm und Tod. Die erfolglose, aber brennend ehrgeizige Schauspielerin Lora Meredith (Lana Turner) trifft auf die heimatlose, aber herzensgute Annie Johnson (Juanita Moore). Die beiden alleinerziehenden Mütter sind sich sympathisch, und so beschließen die Platinblondine und die Farbige fortan zusammenzuleben: Die eine will Karriere machen, die andere wird sich um die Kinder und um den Haushalt kümmern. Lora, deren Stern zu leuchten beginnt, weist die Zuneigung eines fordernden Verehrers zurück und bemerkt nicht, wie sie sich im Emporkommen von ihrer Tochter Susie entfremdet; Annie muß schmerzlich erkennen, daß sie von ihrer hellhäutigen Tochter Sarah Jane verleugnet wird, die nach einem weißen Leben fiebert: »I'm someone else.« … Mit den Diamanten, die sich unter den Anfangstiteln häufen, gibt Douglas Sirk einen Vorgeschmack auf den funkelnden Look dieses Hochglanz-Melodramas über Selbstbetrug und die Leere des Triumphs, über Einsamkeit und die Trivialität eines Daseins ohne Liebe, über die Relationen von Dienen und Gebieten, von Mann und Frau, von Weiß und Schwarz. Ja, auch »Rassenfragen« werden gestellt, allerdings weniger in gesellschaftspolitischer Hinsicht, eher unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Problematik von Identität und Fremdheit. Das Ende des Films – das alle Tränenschleusen öffnet, wenn Mahalia Jackson von der finalen Überwindung der »troubles of the world« singt – bringt eine bemerkenswerte Mischung der Farben (und eine definitive Synthese von Ironie und Seifenoper): reinweiße Blumen und weiße Pferde für eine tote Schwarze, tiefschwarze Kleider und eine schwarze Limousine für die trauernden Weißen. Nach »Imitation of Life« wird Sirk keinen weiteren Spielfilm inszenieren: »No more weepin' and wailin' …«

R Douglas Sirk B Eleanor Griffin, Allan Scott V Fannie Hurst K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter D Lana Turner, Juanita Moore, Susan Kohner, Sandra Dee, John Gavin | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 17. April 1959

1.4.59

Whirlpool (Lewis Allen, 1959)

Die schwarze Lorelei

»He’s got me spinning in a whirlpool of love.« Ein Rheinfahrt gegen den Strom, ein Strudel von Kitsch und Existenzialismus, eine Drift durch die Schatten der Vergangenheit in die Sehnsucht nach einem besseren Morgen, eine schwarzromantische Heimatmär, die Ahnung gibt, was der bundesdeutsche Film der Nachkriegszeit auch hätte sein können, wenn er hin und wieder so englisch gewesen wäre wie der Regisseur von »Whirlpool« (Lewis Allen), so amerikanisch wie der Autor (Lawrence P. Bachmann), so französisch wie der weibliche Star (Juliette Gréco als Frau auf der Flucht), so verschroben wie der österreichische Hauptdarsteller (O. W. Fischer als Kapitän ohne Hafen) – und: wenn er ab und zu so frei, so frech, so frivol gewesen wäre zu mischen, was nach landläufiger Auffassung nicht zu mischen ist: Weinseligkeit und Traumata, Sentimentalität und Schroffheit, Plein-air-Realismus und travelling mattes. So bleibt es diesem wundersam-uneinheitlichen, ruhelos-schlafwandlerischen (britischen) B-Film vorbehalten einen schießwütigen Maniac in Tiroler Tracht zu stecken, eine unnahbare Pariser Bohémienne als Schankfräulein in Köln anzuheuern, ein Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe eines Kahnschiffers namens Rolf sprießen zu lassen, einen Showdown am Fuße der Loreley in Szene zu setzen.

R Lewis Allen B Lawrence P. Bachmann V Lawrence P. Bachmann K Geoffrey Unsworth M Ron Goodwin A Jack Maxsted S Russell Lloyd P George Pitcher D O. W. Fischer, Juliette Gréco, William Sylvester, Marius Goring, Muriel Pavlow | UK | 95 min | 1:1,37 | f | 1. April 1959

13.3.59

Ware für Katalonien (Richard Groschopp, 1959)

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Zum Beispiel die Geschichte von Hasso Schützendorf, der große Mengen optischer Geräte (Fotoapparate, Feldstecher, Fernrohre) aus der Deutschen Demokratischen Republik ins kapitalistische Ausland schmuggelt (bzw. von Spießgesellen schmuggeln läßt) und dortselbst mit Millionengewinn verscherbelt. Das volkseigene Kino der solchermaßen ökonomisch geschädigten DDR kann diese schöne Geschichte natürlich nicht ungestraft geschehen lassen und schreibt (= filmt) sie deswegen entschieden um. Auf der Defa-Leinwand kommen zwei VP-Offiziere den kriminellen Aktivitäten des Optik-Schiebers Hasso Teschendorf (genannt »der Spanier«) gewitzt auf die Schliche und souverän in die Quere. Die Karriere des unlizensierten Interzonenhändlers endet (ganz anders als in der Wirklichkeit), nach einer dramatischen Verfolgungsjagd, auf der Ostseite des Brandenburger Tores. Richard Groschopp setzt diesen frommen Wunschtraum vom Sieg der sozialistischen Gerechtigkeit mit politisch bewußtem Genreschmackes und einer gehörigen Portion Hintertreppenwitz in Szene.

R Richard Groschopp B Lothar Creutz, Carl Andrießen, Richard Groschopp K Eugen Klagemann M Hans Hendrik Wehding A Erich Zander S Helga Emmrich P Willi Teichmann D Hartmut Reck, Heinz-Dieter Knaup, Eva-Maria Hagen, Ivan Malré, Wilfried Ortmann, Hanna Rimkus | DDR | 99 min | 1:1,37 | sw | 13. März 1959

# 978 | 21. November 2015

12.3.59

Der Mann, der sich verkaufte (Josef von Báky, 1959)

»Wenn man bedenkt, wo wir waren, und wo wir jetzt sind.« Niko Jost, junger, hungriger Journalist bei der »FWZ« (mit geblähten Nüstern: Hansjörg Felmy) kommt zufällig der Schiebervergangenheit eines erfolgreichen Hoteliers auf die Schliche, wittert die große Story, schreibt mit Feuereifer (»Da ist was faul, wenn einer derart hochkommt!«) die Serie »Schwarzer Markt und weiße Westen« – und läuft doch eigentlich nur an der (kurzen) Leine seines bedenkenlos-auflagengeilen Herausgebers (wohlgenährt: Ernst Schröder) ... Autor Erich Kuby (der seinem gesellschaftskritischen Unmut zuvor bereits mit »Das Mädchen Rosemarie« Luft machte) feuert eine Breitseite auf Medien, Politik und Wirtschaft, Regisseur Josef von Báky inszeniert das zeitdiagnostische Traktat über Seilschaftsdenken, Pharisäertum und Futterneid in der jungen Bundesrepublik mit der kühlen, schwarzen Präzision des späten Fritz Lang. In pointierten Nebenrollen treten auf: Hildegard Knef als vornehme Dame mit Vergangenheit, Kurt Ehrhardt als Unternehmer in plötzlichen Nöten und Hans Paetsch (der nachmalige »Märchenonkel der Nation«) als ebenso abgewogener wie abgemeldeter Chefredakteur.
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959

11.3.59

Les cousins (Claude Chabrol, 1959)

Schrei, wenn du kannst

Eine Art Gegenstück zu Claude Chabrols Erstling »Le beau Serge«: wieder Jean-Claude Brialy und Gérard Blain in den Hauptrollen zweier gegensätzlicher junger Männer, die diesmal allerdings nicht in der Provinz sondern in Paris aufeinandertreffen. Charles (Blain), Muttersöhnchen und Unschuld vom Lande, zieht zu seinem extravaganten Vetter Paul (Brialy), um, wie dieser, an der Sorbonne die Rechte zu studieren, versinkt jedoch bald schon im hektischen Vergnügungsbetrieb der hauptstädtischen jeunesse dorée. Auf feuchtfröhlichen Partys, bei nächtlichen Spritztouren, insbesondere aber im rivalisierenden Werben um die Gunst der flatterhaften Florence (Juliette Mayniel) treten die konträren Charaktere der Cousins deutlich zu Tage. Der neutrale Beobachter Chabrol und sein unbarmherziger Koautor Paul Gégauff lassen keinen Zweifel daran, wer das (Ratten-)Rennen macht, wenn ein oberflächlich-charmanter Zyniker (der schon mal einen dösenden jüdischen Freund mit geschnarrten deutschen Kommandorufen aus dem Schlaf reißt) und ein strebsam-naiver Idealist (der an die Offenheit des Herzens wie auch an den Nutzeffekt von Redlichkeit und Fleiß glaubt) miteinander im Wettbewerb stehen.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Jean-Claude Brialy, Gérard Blain, Juliette Mayniel, Claude Cerval, Guy Decomble | F | 108 min | 1:1,37 | sw | 11. März 1959

# 999 | 9. Mai 2016

5.3.59

Das indische Grabmal (Fritz Lang, 1959)

»Die wunderbare Rettung der Liebenden« versprachen die Schlußtitel von »Der Tiger von Eschnapur«, nachdem die indische Tänzerin Sitah (Debra Paget) und ihr deutscher Geliebter Harald Berger (Paul Hubschmid), auf der Flucht vor dem eifersüchtigen Maharadscha Chandra (Walter Reyer) entkräftet in der Wüste zusammengebrochen waren … Im zweiten Teil seiner fernwehtrunkenen Epos-Illusion verschiebt Fritz Lang den dramaturgischen Akzent von der lebensgefährlichen Romanze zum höfischen Ränkespiel: Sitah wird zum Dreh- und Angelpunkt einer Palastintrige gegen den Fürsten – für Lang eine willkommene Gelegenheit, ausgiebig durch das doppelte Kulissen-Labyrinth der prächtig-kalten Korridore und Säle des Schlosses sowie der darunterliegenden düster-feuchten Grotten und Gänge zu streifen. Erzählerisch und visuell weitgehend eine Reprise des ersten Teils, bietet »Das indische Grabmal« zwei Szenen, die als Steigerung des schon Gesehenen filmischen Eindruck hinterlassen: Zum einen Sithas in rasantem Show-off-Kostüm dargebotener Schlangentanz auf Leben und Tod unter den Augen einer bühnen­umnebelten Pappmaché-Göttin (die deutlich sichtbaren Fäden der zu beschwörenden Marionetten-Kobra mögen als Brechtscher Verfremdungseffekt durchgehen); zum anderen der Sturz einer properen, weißen Frau (Bergers besorgte Schwester auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder) in die unter Eschnapur gelegene Höhle der Leprakranken – die schockierende Begegnung einer sozial Bevorzugten mit den gesellschaftlich Verges­senen wirkt wie das klamottige Menetekel einer drohenden Konfrontation von Unten und Oben.

R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke, Fritz Lang V Thea von Harbou K Richard Angst M Gerhard Becker A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann | BRD & F & I | 101 min | 1:1,37 | f | 5. März 1959

25.2.59

Some Like It Hot (Billy Wilder, 1959)

Manche mögen’s heiß

Chicago, 1929: Die Bande von ›Toothpick Charlie‹ fällt einer Maschinengewehrattacke der rivalisierenden Gang von ›Spats Colombo‹ (George Raft als seine eigene Legende) zum Opfer. Eher selten beginnen Komödien mit einem Blutbad – hier dient es vor allem dazu, die Zeugen des Mafia-Shootouts, zwei arbeitslose Musiker, einen Film lang in tarnender Frauengarderobe festzuhalten. Die beiden tauchen kurzerhand in einer Damenkapelle ab – unter den Solistinnen: Sugar Kowalski alias Marilyn Monroe (»I always get the fuzzy end of the lollipop.«) –, wo Joe/Josephine (Tony Curtis/Saxophon) lediglich eine Rolle spielt, während Jerry/ Daphne (Jack Lemmon/Baßgeige) voll und ganz in der Maske aufgeht: Jerry: »I’m engaged.« – Joe: »Congratulations. Who's the lucky girl?« – Jerry: »I am!« Billy Wilders »Some Like It Hot« feuert – seiner Zeit weit voraus, will sagen: lange vor der Entwicklung von Gendertheorien – eine Garbe von Pointen auf die klassischen Geschlechtsbilder ab: Joe: »Why would a guy wanna marry a guy?« – Jerry: »Security!«

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond K Charles Lang M Adolph Deutsch A Ted Haworth S Arthur P. Schmidt P Billy Wilder D Marilyn Monroe, Tony Curtis, Jack Lemmon, George Raft, Joe E. Brown | USA | 120 min | 1:1,66 | sw | 25. Februar 1959

11.2.59

Die Halbzarte (Rolf Thiele, 1959)

Romy Schneider, wild entschlossen, sich vom Sissi-Image zu befreien, spielt für Rolf Thiele eine resche Tochter aus musischem Wiener Hause, die – um die stets klamme Familienkasse aufzubessern – einen rattenscharfen »autobiographischen« Bestseller verfaßt. Der erhoffte Skandal tritt ein, das Geld sprudelt, das Buch wird ein Bühnenerfolg, ein Broadway-Produzent (Carlos Thompson) will die Rechte kaufen – und Romy hat ein Problem. Glaubt doch jetzt alle Welt, sie sei das lüsterne junge Ding mit viel Erfahrung, (über) das (sie) geschrieben hat. Interessant an »Die Halbzarte« sind neben Bele Bachems zuckerbäckerhafter Ausstattung vor allem die Haken, die ein sogenannter erotischer Film in den 1950er Jahren schlagen muß, um alles zu behaupten und nichts zu zeigen.

R Rolf Thiele B Hans Jacoby K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Bele Bachem, Otto Pischinger, Herta Pischinger S Henny Brünsch P Karl Ehrlich D Romy Schneider, Carlos Thompson, Magda Schneider, Josef Meinrad, Gertraud Jesserer | A | 91 min | 1:1,37 | f | 11. Februar 1959

1.2.59

City of Fear (Irving Lerner, 1959)

Stadt in Gefahr

»I’m not an animal. I’m a person. I want things.« Vince Ryker (Vince Edwards), entflohener Sträfling aus San Quentin, taucht in Los Angeles unter. Seine ganze Habe ist eine gestohlene Metallbüchse, von der er annimmt, sie enthalte ein Pfund reinen Heroins – in Wirklichkeit aber birgt sie hochradioaktives Cobalt-60. Verschlossen bedeutet der Behälter den sicheren Tod für seinen nichtsahnenden Besitzer, würde der Deckel geöffnet, bestünde akute Kontaminierungsgefahr für die Millionenstadt … Irving Lerners straffes Krimidrama zeigt in wirkungsvollen Parallelmontagen die kriminelle Geschäftstätigkeit des vergifteten, immer schwächer werdenden Flüchtlings (der glaubt, sich eine schwere Erkältung eingefangen zu haben) und die zunehmend verzweifelten (vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen) polizeilichen Anstrengungen, das verhängnisvolle Gefäß aufzuspüren. Überhaupt bestimmen gestalterische Kontraste die Inszenierung: Kameramann Lucien Ballard kombiniert die statische Tristesse steriler Innenräume mit hektischen Autofahrten durch die Stadt, mischt funktionale On-location-Fotografie und expressive Low-key-Aufnahmen; die fulminante Tonspur verbindet Jerry Goldsmiths bald fiebrig treibende, bald gespenstisch schwebende Musik mit dem aufgeregten Sirenengeheul der Einsatzwagen und dem unheilverkündenden Knirschen der Geigerzähler. Dabei steuert »City of Fear« (dessen Story Erinnerungen an zwei andere Nuklear-Thriller wachruft: Matés fatalistischen »D.O.A.« und Aldrichs exaltierten »Kiss Me Deadly«) ohne Umschweife auf sein süffisantes Ende zu: Vince, starrsinnig davon überzeugt, das große Los gezogen zu haben, klammert sich bis zuletzt, keuchend, schwitzend, stöhnend, an sein Verderben: »It’s worth a million!«

R Irving Lerner B Steven Rich, Robert Dilllon K Lucien Ballard M Jerry Goldsmith A Jack Poplin S Robert Lawrence P Leon Chooluck D Vince Edwards, Lyle Talbot, John Archer, Steven Ritch, June Marlowe, Joseph Mell | USA | 75 min | 1:1,85 | sw | 1. Februar 1959

# 886 | 25. Juni 2014

21.1.59

Der Tiger von Eschnapur (Fritz Lang, 1959)

Indien made in (CCC-)Spandau: Der stolze Maharadscha Chandra liebt die schöne Tempeltänzerin Sitah (Debra Paget), die den deutschen Ingenieur Harald Berger (Paul Hubschmid) liebt, der sie wiederliebt und mit ihr flieht … Natürlich ist »Der Tiger von Eschnapur« naiv, pappig und wüst verkitscht – aber Fritz Lang nimmt die Naivität, die Pappe und den Kitsch ernst, und er tut dabei so, als könnte man Ende der 1950er Jahre (Jean-Luc Godard wird nur ein Jahr später »À bout de souffle« drehen) immer noch Filme machen wie 1920, als könnte man immer noch zu Kino-Abenteuerreisen aufbrechen, die sich um die Wirklichkeit nicht scheren, die statt dessen in vollen Zügen die fantasiegeschwängerte Luft des Studios atmen. Auf diese Weise erschafft er ein wunderbar abgedroschenes Klischee-Epos, so lupenrein wie ein Glasdiamant, eine heillos melodramatische Augenwischerei, so tief­empfunden wie eine Soap Opera. Langs Inder (unter anderem Walter Reyer, René Deltgen, Jochen Brockmann) sind Figurinen aus Straß, bunter Seide und rehbrauner Schuhcreme (fürs Gesicht), seine exotischen Paläste bestehen aus falschgoldenen Säulen, gemaltem Marmor und kunstfelsigen Irrgängen (im Untergrund). Das kinematographische Geheimnis liegt jederzeit offen zu Tage, und doch lädt es ein, sich darin zu verlieren. PS: Fortsetzung folgt – »noch spannender – noch gewaltiger – noch grandioser«.

R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke V Thea von Harbou K Richard Angst M Michel Michelet A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Valerij Ikijinow, René Deltgen | BRD & F & I | 100 min | 1:1,37 | f | 21. Januar 1959