27.2.70

Le boucher (Claude Chabrol, 1970)

Der Schlachter

Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Lehrzeit beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970

# 1106 | 25. April 2018

Das gelbe Haus am Pinnasberg (Alfred Vohrer, 1970)

»Die Idee ist so alt wie die Menschheit.« Am Pinnasberg auf St. Pauli wird die alte Idee leicht variiert: Werner Zibell (Siegfried Schürenberg), der »General« (so genannt, weil er es im letzten Weltkrieg beinahe bis zu diesem Dienstgrad gebracht hätte), hat in der titelgebenden Immobilie kurz nach der Währungsreform einen Männerpuff aufgezogen, ein Etablissement, das dem Gründer (und seiner Familie) soliden Wohlstand und der chronisch untervögelten weiblichen Kundschaft eindringliche Wohltaten beschert. Eine Riege sogenannter Eros-Brüder, souverän dirigiert von Majordomus »Paganini« (Eddi Arent), sorgt im Bordell Paradox für das Amüsement der zahlenden Besucherinnen; das leidlich erotische Geschehen im plüschigen Ambiente sowie (sehr vorhersehbare) zwischenmenschliche Verwicklungen geben Regisseur Alfred Vohrer Gelegenheit für das Abfeiern mehr oder weniger wohlgeformter Männerkörper und das Abfeuern einiger Rotlicht-Pointen von tantenhafter Anzüglichkeit. Der bisweilen ins surreale Kraut schießende Witz des sexklamottigen Ganzen liegt in der grundehrlichen Naivität der Vorlage, eines Romans der (von Peter Rühmkorf entdeckten) schreibenden Hamburger Kapitänswitwe Bengta Bischoff, die als schrullige (und vorurteilsfreie) Erzählerin höchstpersönlich durch den Film lustwandelt.

R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970

# 984 | 9. Januar 2016