27.12.63

Le mépris (Jean-Luc Godard, 1963)

Die Verachtung 

»Une tragique histoire d’amour dans un décor merveilleux.« Jean-Luc Godards Film-Film: Hinrichtung und Neuerfindung des Kinos. Michel Piccoli als Drehbuchautor, der sein Talent auf den Markt der Lügen trägt. BB als seine Geliebte, die sich von ihm verraten und verkauft fühlt. Jack Palance als Produzent, der, wenn er das Wort ›Kultur‹ hört, sein Scheckbuch zückt. Fritz Lang als Fritz Lang – ein Gott, der seinen Tod überlebt hat. Mit der künstlichen Wahrhaftigkeit der billigen Melodramen erzählt »Le mépris« (weitgehend ohne formale Sperenzchen und intellektuelle Taschenspielertricks) von Zärtlichkeit und Trauer, von Alfa Romeos und griechischen Statuen, von Leiden und Rache, von Ohrfeigen und Revolvern, von Irrfahrten und Inseln, von Helden und Losern, von Männern und Frauen (und anderen Männern). Dans toute la magie de Franscope et Technicolor (Kamera: Raoul Coutard) stirbt in qualvoller Schönheit eine Liebe – und kehrt das wiedergeborene Kino triumphierend aus dem Meer zurück. »Une merveilleuse histoire d’amour dans un décor tragique.«

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Alberto Moravia K Raoul Coutard M Georges Delerue S Agnès Guillemot P Georges de Beauregard, Carlo Ponti, Joseph E. Levine D Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Giorgia Moll, Fritz Lang | F & I | 103 min | 1:2,35 | f | 27. Dezember 1963

20.12.63

O něčem jiném (Věra Chytilová, 1963)

Von etwas anderem

Zwei Frauen im Gegenschnitt: Eva, eine Kunstturnerin (Olympia-Goldmedaillengewinnerin Eva Bosáková), die von unerbittlichen Trainern auf die Weltmeisterschaft (Prag 1962) vorbereitet wird, sowie Věra, Hausfrau und Mutter, die ihres gutbürgerlichen Ehelebens überdrüssig ist – dokumentarische Beobachtung auf der einen, dramödiantische Alltagsfiktion auf der anderen Ebene. Während die eine fortdauernd einem rigiden Übungsprogramm unterworfen ist, sieht sich die andere mit einem gleichgültigen Gatten und einem verzogenen Sohn konfrontiert. Auch wenn die Protagonistinnen der Erzählung(en) einander nicht begegnen (lediglich zu Beginn sieht Věra Eva kurz im Fernsehen), schafft Regisseurin und Autorin Věra Chytilová in ihrem ersten Spielfilm pointierte thematische und emotionale Bezüge, erforscht – aus weiblicher Perspektive – das Walten von Fremdbestimmung und Unzufriedenheit, studiert die Möglichkeiten von Autonomie und Emanzipation, zeigt den Preis des Erfolges und die Versuchung des Scheiterns, stellt – ohne eine Antwort vorgeben zu wollen – die Frage, ob und wie es sich richtig leben läßt.

R Věra Chytilová B Věra Chytilová K Jan Čuřík M Jiří Šlitr A Vladimír Labský Ko Dagmar Cejnková S Miroslav Hájek P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Eva Bosáková, Věra Uzelacová, Josef Langmiler, Jiří Kodet, Milivoj Uzelac jun. | CS | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. Dezember 1963

# 1175 | 18. August 2019

5.12.63

Charade (Stanley Donen, 1963)

Charade

»Why do people have to tell lies?« Parodistisch-romantische Thrillerkomödie in der Tradition von »North by Northwest«, voller falscher Fährten (Drehbuch: Peter Stone und Marc Behm), stilvoller Roben (Kostüme: Hubert de Givenchy) und exquisiter Bilder (Kamera: Charles Lang). Reggie Lampert (fashionable: Audrey Hepburn), eine in Paris lebende Amerikanerin, deren Mann kürzlich ermordet wurde, sieht sich den gemeinen Nachstellungen einer Reihe von pittoresk-sinistren Gestalten (James Coburn, George Kennedy, Ned Glass) ausgesetzt, die hinter dem angeblich vorhandenen nachgelassenen Geld (250.000 $) des Verblichenen her sind. Cary Grant wechselt als ebenso charmanter wie schleierhafter Gentleman im Laufe des komplexen Geschehens mehrmals den Namen (Peter Joshua – Alexander Dyle – Adam Canfield – Brian Cruikshank) und die Seiten, während Walter Matthaus einprägsame Performance zwischen beamtenhafter Jovialität und kalter Wut schillert. Stanley Donen – herausragender Choreograph und Musical-Regisseur des klassischen Hollywood – beweist ein einzigartiges Gefühl für den Zauber des Drehortes (selten sah die französische Hauptstadt so verführerisch gut, so märchenhaft pariserisch aus), für die spezifischen Qualitäten der Darsteller, vor allem aber für Rhythmus und Timing der Erzählung. »Charade« ist nicht nur eine Hitchcock-Hommage von tänzerischer Leichtigkeit, sondern einer der elegantesten Filme ever made. »Do you know what's wrong with you?« – »No, what?« – »Nothing!«

R Stanley Donen B Peter Stone, Marc Behm K Charles Lang M Henry Mancini A Jean d’Eaubonne S Jim Clark P Stanley Donen D Cary Grant, Audrey Hepburn, Walter Matthau, James Coburn, George Kennedy | USA | 113 min | 1:1,85 | f | 5. Dezember 1963

4.12.63

Judex (Georges Franju, 1963)

Judex

Poetische Reanimation eines Stummfilm-Mythos: Georges Franju läßt Louis Feuillades rächenden Serienhelden ›Judex‹ als romantischen Richter von eigenen Gnaden wiederauferstehen (die Titelrolle spielt der amerikanische Magier Channing Pollock, der für Präsidenten und Königinnen zauberte). Die Handlung verwickelt einen bösen Bankier und seine ätherische Tochter, ein gieriges Frauenzimmer und ihren verschlagenen Liebhaber, einen vorwitzgen Bengel und einen gutmütigen Detektiv in ein naiv-spukhaftes Abenteuer voller Camouflagen (u. a. falsche Nonnen) und Enthüllungen (z. B. verlorene Söhne), voller doppelter Böden und ungestorbener Tode. »Judex« sucht die Atmosphäre einer verlorenen Zeit (»qui ne fut pas heureuse – 1914«) und findet sie wieder als zärtlichen Alptraum, als schwarz-weiße Dichtung über Rache und Gerechtigkeit sowie (indirekt) über das Geld, jene dämonische Kraft, die alles bewegt und vieles zerstört. Franju, ein später Surrealist, nimmt gestalterischen Bezug auf die unheimliche Klarheit des ganz frühen Kinos, auf die Collagen von Max Ernst, in der sich die Gespenster der Vergangenheit zu beklemmenden Gegenwarten formieren, und auf die animalisch-anthropomorphen Figurationen des Illustrators Grandville: In der vielleicht schönsten und geheimnisvollsten des Szene dieses schönen und geheimnisvollen Werks werden, anläßlich eines festlichen Kostümballs, die Protagonisten mittels realistischer Vogelmasken in phantastische Tierwesen verwandelt – das Sichtbare (die Gestalt) und das Unsichtbare (der Gehalt) verschmelzen bildhaft zu filmischer Einheit.

R Georges Franju B Jacques Champreux, Francis Lacassin V Louis Feuillade K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Robert Giordani S Gilbert Natot P Robert de Nesle D Channing Pollock, Francine Bergé, Edith Scob, Michel Vitold, Jacques Jouanneau | F & I | 104 min | 1:1,66 | sw | 4. Dezember 1963

28.11.63

Who’s Minding the Store? (Frank Tashlin, 1963)

Der Ladenhüter

»There’s nothing ›to‹ sale. Everything is ›on‹ sale and automatically sales itself.« Das New Yorker Kaufhaus ›Tuttle‹ als Inbild der kapitalistischen (Waren-)Welt. Alles wird verramscht, aber wenig ist zu haben – schon gar nicht Vertrauen oder Herzlichkeit oder Rückgrat. Norman Phiffier (Jerry Lewis) pfeift auf diese Welt, auf ihren Hang und Drang zum großen Geld. Er will nur 850 Dollar sparen, um ein nettes Mädchen zu heiraten. Das Tolle: Er hat ein nettes Mädchen (Jill St. John). Allerdings ist Barbara die Erbin des Konsumtempels (wo sie inkognito als Fahrstuhlführein arbeitet). Was sie (aus gutem Grund) vor ihm geheimhält. Und was der Kaufhauskönigin (sowie Mutter) Phoebe Tuttle (beinhart: Agnes Moorehead) schwer zu schaffen macht … Frank Tashlin schickt seinen (bedrohlich) gutmütigen Helden durch einen Bazar des galoppierenden Wahnsinns, durch ein Inferno der Verbrauchsprodukte (»I want you to give this nut every impossible, dirty job there is.«), läßt den armen Teufel sämtliche Stockwerke des Erniedrigungsangebots durchlaufen: Feinkost und Schlafmöbel, Herrenkonfektion und Damenschuhe, Waffen und andere Haushaltsgeräte (zum Beispiel ein verrückter Staubsauger als alles verschlingender und zerstört wieder ausspeiender Leviathan). Norman besteht die ihm auferlegten Prüfungen (»This boy has character, and I know what character is! I remember when I had it!«), und er gewinnt sein nettes Mädchen. Wahre Liebe triumphiert über die Liebe zu den Waren. Tashlin, der zynische Romantiker, macht es möglich. Bar oder auf Rechnung. PS: »The Typewriter«!

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Harry Tugend K W. Wallace Kelley M Joseph J. Liley, Leroy Anderson A Hal Pereira, Roland Anderson S John Woodcock P Paul Jones D Jerry Lewis, Jill St. John, Agnes Moorehead, John McGiver, Ray Walstone | USA | 90 min | 1:1,85 | f | 28. November 1963

# 787 | 31. Oktober 2013

22.11.63

Der Henker von London (Edwin Zbonek, 1963)

Täuschend echte Edgar-Wallace-Kopie aus dem Hause ›Atze‹ Brauner über ein anonym-klandestines Konsortium, das Kriminelle, die ihrer gerechten (= tödlichen) Strafe entgehen konnten, ebenderselben zuführt. (Nur scheinbar) parallel zu diesem Fall von Schattenjustiz entwickelt sich der Erzählstrang um einen ruchlosen Frauenkiller (Wolfgang Neuss würde sagen: »Was soll’s? Der Mörder ist Dieter Borsche.«), der ständigen Nachschub an Blondinen benötigt, um seine wissenschaftlichen Studien zur Trennung von Geist (= Kopf) und Körper voranzutreiben. Inspektor Hillier von Scotland Yard (engagiert: Hansjörg Felmy), dessen eigene Schwester Opfer des pathologischen Verbrechers wurde, tritt ermittlungstechnisch auf der Stelle, bis er seine (blonde) Verlobte Ann (Maria Perschy), die Tochter des pensionierten Richters Sir Francis Elliott (Rudolf Forster), eines Juristen, der zu Amtszeiten keine Gnade kannte, als Lockvogel ins Rennen schickt … Chris Howlands original-englische Scherzkeks-Auftritte erweisen sich als würdiger Eddi-Arendt-Ersatz; Kameramann Richard Angst trägt seinen Nachnamen völlig zurecht; mit hohem Sinn für makabre Stimmungsmalerei inszeniert Edwin Zbonek einen charmant-obszönen Talmi-Grusler alter Schule. 

R
Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Rudolf Forster | BRD | 94 min | 1:2,35 | sw | 22. November 1963

15.10.63

Le feu follet (Louis Malle, 1963)

Das Irrlicht 

»Pauvre Alain, comme vous êtes mal.« Als er jung und schön war, hat Alain Leroy fröhlich gefeiert, hat die Frauen reihenweise flachgelegt, hat gesoffen wie ein Loch. Die Zeit verging. Die Freunde wurden ernsthaft – seriöse Bürger, salbungsvolle Intellektuelle, echte Verbrecher. Alain verabscheut dies alles, findet es hohl, verlogen, medioker, dumm. Erwachsen werden ist für ihn keine Option: »Difficile d’être un homme. Il faut avoir envie.« Die Freunde, die Frauen, sie sind auf der Strecke seines Lebens geblieben, nur die Flasche, sie steht immer noch auf dem Tisch … Der Anfang von »Le feu follet« findet Alain (versteinert: Maurice Ronet) am Ende einer Entziehungskur, die er scheinbar erfolgreich hinter sich brachte. Doch Alain ist nicht nüchtern, er ist leer, ohne jede Hoffnung, kann weniger als je zuvor die Dinge, die Menschen berühren, spürt nichts im Gegenüber, fühlt nichts in seinem Inneren. »Alain, la vie est bonne«, behauptet sein Arzt. »Dites-moi en quoi, docteur«, antwortet der an sich selbst und der Menschheit zutiefst Verzweifelnde. Das Datum seines Todes (23 juillet) fest notiert, macht Alain eine letzte Runde durch alte Zeiten, streift noch einmal durch die Stadt vormaliger Abenteuer, besucht die Kameraden, die Geliebten von einst. Als wandelnder Vorwurf sitzt, steht, geht er zwischen den Gespenstern seiner Vergangenheit, empört sich über ihre Ruhe, ihre Zufriedenheit, ihre Selbstgewißheit: »Croyez-vous dans vos actes?« Louis Malle schildert die letzten 48 Stunden seines unglücklichen Protagonisten mit lakonischer Anteilnahme, äußerster Akribie und formaler Strenge, hält dabei die Quintessenz der Erzählung diskret in der in der Schwebe: Ist Alain das Irrlicht? Oder die Welt, die ihn umgibt? Kennzeichnet Alains stolze Verweigerung die anderen als Kompromißler, die einen falschen Seelenfrieden in ewiger Langeweile akzeptiert haben? Oder ist Alain ein anmaßender Feigling, der nicht wahrhaben will, daß Glück nicht immer lustig ist, ein Dandy, der sein Scheitern zur tödlichen Krankheit stilisiert? Ob es sich um wirkliches Leiden oder um einen Phantomschmerz handelt, spielt letzten Endes keine Rolle – für Alain gibt es nur einen (Aus-)Weg: »C’est fini pour moi. Je m’en vais.«

R Louis Malle B Louis Malle V Pierre Drieu la Rochelle K Ghislain Cloquet A Bernard Evein S Suzanne Baron P Alain Quefféléan D Maurice Ronet, Bernard Noël, Jacques Sereis, Alexandra Stewart, Jeanne Moreau | F | 108 min | 1:1,66 | sw | 15. Oktober 1963

10.10.63

From Russia with Love (Terence Young, 1963)

James Bond 007 – Liebesgrüße aus Moskau

»I've seen places, faces and smiled for a moment / But oh, you haunted me so.« SPECTRE spielt Briten und Russen gegeneinander aus, um in den Besitz einer Verschlüsselungsmaschine aus der Istanbuler Sowjet-Botschaft zu gelangen – und um James Bond in die Pfanne zu hauen… Ein klarer, kühler, trockener »007«, frei von Superstar-Allüren und Welteroberungsphantastereien: Bond (Sean Connery – the one and only) trinkt keinen einzigen Martini, konzentriert sich stattdessen (so wie der Rest der Crew) ganz auf die effiziente Erledigung seines Jobs. Abgesehen von einem überflüssigen ethnographischen Intermezzo im Zigeunerlager (inklusive Bauchtanz und Damen-Catchen), stimmt so ziemlich alles: die villainess (Lotte Lenya als stalinistische Kampflesbe Rosa Klebb: »Training is useful, but there is no substitute for experience.«), der henchman (Robert Shaw als (fast) perfekter, blondierter Schlagetot Donald Grant: »My orders are to kill you. How I do it is my business. It'll be slow and painful.«), der sidekick (Pedro Armendáriz als väterlicher Kontaktmann Kerim Bey: »All of my key employees are my sons. Blood is the best security in this business.«), das girl (Daniela Bianchi als ergebene Russin Tatiana Romanova: »Oh James, will you make love to me all the time in England?«). Auch wenn »From Russia with Love« (in Form von explosiven Koffern, Hubschrauberattacken sowie Bootsrennen) einen Ausblick auf die things to come der unsterblichen Reihe gibt, dominiert mit Touren durch jahrhundertealte Geheimgänge und Prügelei im Orientexpreß ein sympathisch-anschaulicher Naturalismus das Geschehen.

R Terence Young B Richard Maibaum, Johanna Herwood V Ian Fleming K Ted Moore M John Barry A Syd Cain S Peter Hunt P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Daniela Bianchi, Pedro Armendáriz, Lotte Lenya, Robert Shaw | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 10. Oktober 1963

9.10.63

Le mani sulla città (Francesco Rosi, 1963)

Hände über der Stadt

Ein Politdrama ohne all das, was Politdramen allzuoft verwässert, was sie leichter konsumierbar und damit letzten Endes unergiebig macht, ein Politdrama ohne love interest, ohne human touch, ohne happy ending. »Le mani sulla città« zeigt nichts als die Mechanik der Macht, das Triebwerk der Gier, das Ballett der Interessen, die Verhöhnung des Rechts. Francesco Rosi zergliedert das System, in dem es nur eine Sünde gibt: zu verlieren. Ort der Enquête ist Neapel. Es könnte jeder andere Ort im Reich des Geldes sein. Zeit ist die Gegenwart des demokratischen Kapitalismus. Anlaß der Recherche: Einsturz einer altersschwachen Mietskaserne neben einer Baustelle des Immobilienlöwen und Abgeordneten Eduardo Nottola (Rod Steiger). Ein gegen den Widerstand der (rechten) Regierungsfraktionen von der (linken) Opposition durchgesetzter Parlamentsausschuß soll die Hintergründe des Unglücks ermitteln. Doch im Zirkus der administrativen Zuständigkeiten ist keine Verantwortung auszumachen, im geölten Räderwerk des politischen Betriebes kann kein Schuldiger benannt werden … In einem Schlüsselmoment des Films erklärt ein Verwaltungsbeamter der Untersuchungskommission, daß es zwei Städte gebe: die oberirdische, sichtbare Stadt und die subterrane, verborgene Stadt, die sei wie ein Schweizer Käse, voller unbekannter Gänge, Tunnel und Spalten: »Voi non avete idea, voi non sapete che cosa nel sottosuolo esiste.« Ihr habt keine Ahnung, was sich da unten tut. Im Gegensatz zu den versteckten Schlünden der Topographie liegen die Abgründe der Politik offen zu Tage. Aber das spielt keine Rolle. Denn wie sagt ein Volksvertreter: Die öffentliche Meinung, das sind wir … Ein kalter, kluger Film in analytisch-entlarvenden Bildern (Gianni Di Venanzo), getrieben von einem brutalistisch-dissonanten Score (Piero Piccioni), ein leidenschaftlicher, zeitloser Film über Häuser und Menschen, Gesetz und Vorteil, Hände und Taschen.

R Francesco Rosi B Francesco Rosi, Raffaele La Capria, Enzo Forcella, Enzo Provenzale K Gianni Di Venanzo M Piero Piccioni A Massimo Rosi S Mario Serandrei P Lionello Santi D Rod Steiger, Carlo Fermariello, Guido Alberti, Salvo Randone, Angelo D’Alessandro| I & F | 105 min | 1:1,85 | sw | 9. Oktober 1963

4.10.63

Schloß Gripsholm (Kurt Hoffmann, 1963)

Sie heißt Lydia, aber er nennt sie »Prinzessin« oder »Alte«; er heißt Kurt, aber sie nennt ihn »Daddy« oder »Peter«. Die beiden (abgeklärt gespielt von Jana Brejchová und Walter Giller) sind ein Liebespaar; ihrer Romanze eignet – die wechselseitigen Spitznamen lassen es anklingen – eine gewisse ironische Reserve. Kurt Hoffmann verlegt Kurt Tucholskys beschwingt-wehmütige Sommergeschichte aus den krisengeschüttelten frühen 1930ern in die wirtschaftswunderlichen frühen 1960er Jahre, übernimmt aus der Vorlage die erotischen Kabbeleien und das verbale Geschmuse, die illustren Nebenfiguren – Peters kauzigen Kumpel Karlchen (Hanns Lothar) und Lydias aufgeschlossene Freundin Billie (Nadja Tiller) – sowie das ländliche Schwedenidyll, läßt die dunkleren Aspekte der Geschichte (die um ein freudloses Kinderheim kreisen) kurzerhand weg, arrangiert solchermaßen – in Ultrascope und Eastmancolor – eine adrette Gefühlskomödie von mildem Humor und dezenter Frivolität, ohne unliebsame Tiefschürfigkeit oder gar scharfe Ecken und Kanten.

R Kurt Hoffmann B Herbert Reinecker V Kurt Tucholsky K Günther Anders M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger S Ursula Kahlbaum P Heinz Angermeyer, Kurt Hoffmann D Walter Giller, Jana Brejchová, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Carl-Gustaf Lindstedt | BRD | 99 min | 1:2,35 | f | 4. Oktober 1963

# 1074 | 4. September 2017

Les tontons flingueurs (Georges Lautner, 1963)

Mein Onkel, der Gangster

»Non, mais t’as déjà vu ça?« Seit fünfzehn Jahren ist Fernand Naudin (Lino Ventura) raus aus dem krummen Geschäft, handelt er in der südfranzösischen Provinz mit Baumaschinen, als ihn der Ruf seines im Sterben liegenden Kumpanen Louis le Mexicain erreicht, der den alten Freund bittet, nicht nur seinen illegal wirtschaftenden Betrieb (Alkohol, Glücksspiel, Sex) zu übernehmen, sondern sich auch um die Erziehung seiner flott-halbwüchsigen Tochter zu kümmern, die von der ungesetzlichen Natur des väterlichen Business nichts ahnt ... Frei nach einem Roman von Albert Simonin (der auch die Vorlage zum Klassiker »Touchez pas au grisbi« lieferte): eine Noir-Travestie, die mit tödlicher Rohheit nicht geizt, ein Gangsterfilm, der jede Niedertracht als Scherz betrachtet, eine Familiengeschichte, in der kein Konflikt unterdrückt wird. Der beschwingt-geniale Aberwitz der »tontons flingueurs« (≈ Killer-Onkels) liegt zuallererst in Michel Audiards Dialogen, dem rasanten Wechsel von absurden Tiraden und furztrockenen Repliken, dem kapriziösen Mix aus verballhornten philosophischen Sentenzen und kunstvoll überhöhtem Rotwelsch, auch in Georges Lautners Fähigkeit, Genrekonventionen im selben Moment ironisch zu bedienen und entschlossen zu unterlaufen, last but not least im sichtbaren Vergnügen der Schauspieler (allen voran Bernard Blier als ewiger Prügelknabe), mit (un-)feierlichem Bier-(bzw. Schnaps-)ernst den allergrößten Quatsch darzubieten und dabei die eigenen Leinwandmythen durchaus würdevoll auf die Schippe zu nehmen.

R Georges Lautner B Michel Audiard, Albert Simonin, Georges Lautner V Albert Simonin K Maurice Fellous M Michel Magne A Jean Mandaroux S Michelle David P Robert Sussfeld, Irenée Leriche D Lino Ventura, Bernard Blier, Jean Lefebvre, Claude Rich, Sabine Sinjen, Horst Frank | F & I & BRD | 105 min | 1:1,66 | sw | 4. Oktober 1963

# 1051 | 27. Mai 2017

2.10.63

Muriel ou le temps d'un retour (Alain Resnais, 1963)

Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr 

Boulogne-sur-Mer, Herbst 1962: Die Stadt trägt die neonglänzenden Wunden des Weltkrieges – der Wiederaufbau war in Wirklichkeit eine zweite Zerstörung. Hier lebt Hélène, Antiquitätenhändlerin, die ihre Wohnung zum Geschäft gemacht hat – an jedem ihrer alten Möbel hängt ein Preisschild. Sie wohnt mit ihrem Stiefsohn Bernard, den die Erinnerung an Algerien nicht losläßt, wo er im Krieg gekämpft hat – und am grausamen Tod des Mädchens Muriel (mit-)schuldig wurde. Hélène wird besucht von Alphonse, dem Geliebten ihrer Jugend, einem Windbeutel und Großsprecher, der von seiner großen Zeit in Afrika schwadroniert – wo er nie war. Mit ihm kommt Françoise, die er als seine Nichte vorstellt – und die seine Geliebte ist. Alain Resnais (Regie) und Jean Cayrol (Buch) berichten14 Tage aus dem äußerlich banalen Alltag der Protagonisten, doch der Fluß der Erzählung wird – durch brüsk wechselnde Perspektiven, durch sprunghafte Schnitte, durch Zerfetzen der Handlung in kleinste Einheiten – fragmentiert und verfremdet. »Muriel« thematisiert die Verfassung des Menschen in der Moderne, wo Leben nicht mehr als Einheit zu begreifen ist, sondern in eine Abfolge von Momenten zerfällt, schildert eine Gegenwart – Städte, Biographien, Beziehungen –, die vom Gestern in Stücke geschlagen wurde, umschreibt am Beispiel von vier Figuren auf der Flucht vor der verlorenen Zeit: Erinnern und Verdrängen, panische Angst und hektische Lustigkeit, die richtungslose Bewegung der Gefühle und die fatale Bewußtlosigkeit des Denkens. Die visuellen und inhaltlichen Dissonanzen dieses einfachen, schwierigen Films werden immer wieder von einem lyrischen Lamento (zur Musik von Hans Werner Henze) akzentuiert: »Man verliert sich / verirrt sich im Leben. / Wer zog denn den Pfad / die Spur eines Körpers? / War es Traum / war es Ahnung? / Das Unwetter schläft unterdes / schläft in der Sonne.«

R Alain Resnais B Jean Cayrol K Sacha Vierny M Hans Werner Henze A Jacques Saulnier S Kenout Peltier, Eric Pluet P Pierre Braunberger, Anatole Dauman D Delphine Seyrig, Jean-Pierre Kérien, Nita Klein, Jean-Baptiste Thiérée, Claude Sainval | F & I | 115 min | 1:1,85 | f | 2. Oktober 1963

25.9.63

L’aîné des Ferchaux (Jean-Pierre Melville, 1963)

Die Millionen eines Gehetzten

Es gebe drei Sorten von Menschen, behauptet Dieudonné Ferchaux (Charles Vanel): Leoparden, Schafe und Schakale. Der reiche Pariser Geschäftsmann (der wegen Ermittlungen in einer uralten Mordsache überstürzt in Richtung Amerika – und seiner dortigen Bankguthaben – abreist) läßt keinen Zweifel daran, zu welcher Gruppe er sich zählt. Doch was für einer ist der ehemalige Fallschirmspringer Michel Maudet (Jean-Paul Belmondo), der (nach einer glücklos beendeten Boxkarriere) als Sekretär und Begleiter des knorrigen alten Herrn anheuert? Zwar geht es in Jean-Pierre Melvilles Adaption eines Romans von Georges Simenon auch um (viel) Geld und die damit verbundenen Begehrlichkeiten, doch mehr als die kriminalistischen Aspekte des Stoffes interessieren den Regisseur die spannungsvolle intergenerationelle Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, deren Kräfteverhältnis sich im Laufe ihrer Bekanntschaft peu à peu verschiebt, sowie die Entdeckungen, Zwischenfälle, Begegnungen am Wegesrand der Reise, die von New York entlang der Appalachen ins schwüle New Orleans führt: das Geburtshaus von Frank Sinatra, eine beiläufige Kneipenschlägerei, der Auftritt (und Abgang) einer kessen Anhalterin. So verbindet Melville gleichsam en passant mood piece, road movie und love story zur Geschichte einer (doppelten) Desillusionierung.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Georges Simenon K Henri Decaë M Georges Delerue A Daniel Guéret S Monique Bonnot P Charles Lumbroso D Jean-Paul Belmondo, Charles Vanel, Todd Martin, Michèle Mercier, Stefania Sandrelli | F & I | 105 min | 1:2,35 | f | 25. September 1963

# 1129 | 23. Juni 2018

À toi de faire … mignonne (Bernard Borderie, 1963)

Zum Nachtisch blaue Bohnen

Ein genialer New Yorker Professor, der an der Entwicklung eines festen Treibstoffs arbeitet, wird aus seinem Laboratorium entführt. Lemmy Constantine (Eddie Caution), seinerseits stimuliert von großen Mengen flüssigen Treibstoffs, nimmt die Fährte des Verschleppten auf und reist nach Paris, wo er von diversen zwielichtigen Gestalten (darunter drei außerordentlich kratzbürstigen jungen Damen) in eine seiner üblichen Beat-’em-up-Affären verwickelt wird: Männer fliegen gegen Wände, eine Villa in die Luft, die Miezen auf Lemmy. Der unzerstörbare Lakoniker mit der gußeisernen Leber zitiert zu (fast) jedem Faustschlag (mehr oder weniger passend) Konfuzius und entlarvt das Kidnapping des Experten schlußendlich als (un-)wissenschaftliches Abzockmanöver. Bernard Borderies schlanke Inszenierung verwirrt nicht durch künstlerische Inspiration; lediglich der in einer Camembert-Käserei ausgetragene Prügel-Showdown von »À toi de faire … mignonne« läuft – als Action-Paraphrase slapstickhafter Stummfilm-Tortenschlachten – zu anarchisch-absurder Hochform auf.

R Bernard Borderie B Bernard Borderie, Marc-Gilbert Sauvajon V Peter Cheyney K Henri Persin M Paul Misraki A René Moulaert S Christian Gaudin P Raymond Borderie D Eddie Constantine, Philippe Lemaire, Gaia Germani, Christiane Minazzoli, Guy Delorme | F & I | 93 min | 1:2,35 | sw | 25. September 1963

23.9.63

Tystnaden (Ingmar Bergman, 1963)

Das Schweigen

»Nitsel stantnjon palik.« Eine fremde Stadt, eine unverständliche Sprache, drückende Hitze, drohender Krieg. Die Schwestern Ester (Ingrid Thulin) und Anna (Gunnel Lindblom) sowie Annas Sohn Johan (Jörgen Lindström) verbringen auf der Durchreise (Woher kommen sie? Wohin gehen sie?) einen Tag und eine Nacht in einem labyrinthischen Hotel, das von Ferne an den luxuriösen Palast aus »L’année dernière à Marienbad« erinnert. Die beiden ungleichen Frauen – die eine blond, die andere brünett, die eine lebensgefährlich erkrankt, die andere krankhaft lebendig – fechten symbolisch den (so permanenten wie nutzlosen) Kampf widerstreitender Lebensprinzipien aus: Kontrolliertheit vs. Freiheitsdrang, Intellektualität vs. Sinnlichkeit, Liebe vs. Haß. (Daß ihr Vater (ein Mensch voller Euphorie, wie es heißt) verstorben ist, mag eine schlichte biographische Tatsache sein, vielleicht ist es auch von metaphysischer Bedeutung.) Während Kampfflugzeuge über die Dächer der fremden Stadt Timoka donnern und Panzer durch die Straßen rollen, während sich seine Mutter lustvoll-heulend einem anonymen Liebhaber hingibt (»Es ist so schön, daß wir einander nicht verstehen.«), während die kluge Tante säuft und masturbiert und lautlos-schreiend zu ersticken droht, streift der Junge durch die Korridore des Hotels, trifft auf einen greisen Etagenkellner, der Fotos toter Verwandter herzeigt, und auf eine Truppe spanischer Liliputaner, die rätselhafte Späße mit ihm treiben … Die Zeit vergeht vernehmlich tickend, Einsamkeit und Unbehaustheit, Verständnislosigkeit und tiefe menschliche Not sind die Parameter des Alptraums, dessen zuckende Irrlichter Ingmar Bergman auf die Leinwand wirft. In dieser Atmosphäre unentrinnbarer Angst konstatiert Ester: »Dies ist nun die Ewigkeit.« Doch sie notiert zugleich – als könnte dies ein erster Schritt auf dem Weg zur Erlösung sein – für ihren Neffen die wenigen Wörter in der fremden Sprache, deren Bedeutung sie während des Aufenthaltes entschlüsseln konnte. »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« (Hebräer 13,14) – Timoka, so scheint es, ist eine der vielen schrecklichen Transitstationen auf dem trostlosen Weg nach Hause. PS: ›Kasi‹ bedeutet übrigens ›Hand‹ in der fremden Sprache, und ›kaigo‹ heißt ›Gesicht‹.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Ivan Renliden A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Birger Malmsten, Håkan Jahnberg, Jörgen Lindström | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. September 1963

20.9.63

Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (Paul May, 1963)

Nach der erfrischend respektlosen Remake-Travestie »Das Testament des Dr. Mabuse« (er)schlägt Produzent Artur Brauner zwei Fliegen mit einer Klappe, indem er den unsterblichen Super-Verbrecher in einen (ziemlich banalen) Reißer aus der Feder seines Hausautoren Bryan Edgar Wallace versetzt. Kinematographische Gesellschaftskritik war in den Mabuse-Filmen längst nicht mehr im Spiel, doch mit dem holprigen Crossover aus elektronischer Gedankenkontrolle, seniler Allmachtsphantasie und konventionellem Postraub erreicht die Reihe einen eklatanten Tiefpunkt. Das triste Einerlei aus einfallsarmem Buch (Ladislas Fodor) und lustloser Inszenierung (Paul ›08/15‹ May), aus gelangweiltem Spiel und fader Fotografie durchbricht gelegentlich Agnes Windeck (als kriminalistisch instinktsichere Mutter des ermittelnden Geheimdienstmannes Peter van Eyck) mit der outrierten Zelebrierung jenes Humors, den deutsche Filmschaffende, warum auch immer, für britisch halten.

R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963

# 860 | 8. Mai 2014

Pasazerka (Andrzej Munk, 1963)

Die Passagierin

Fragmentarisches Holocaust-Drama und letztes Werk des während der Dreharbeiten tödlich verunglückten Wajda-Weggenossen Andrzej Munk: Die frühere Auschwitz-Aufseherin Lisa sieht Jahre nach dem Krieg (während einer Schiffsreise) einer Frau in die Augen, die große Ähnlichkeit mit der von ihr totgeglaubten polnischen Gefangenen Marta hat. Der Schock der Wiederbegegnung mit dem einstigen Opfer setzt bei der damaligen Täterin eine Gewissenserforschung in Gang, die ein komplexes Beziehungsgespinst aus Mitleid und Arroganz, Begehren und Verweigerung, Abhängigkeit und Stolz beleuchtet. Der halbfertige Film wurde nach dem Ableben des Regisseurs mittels Standfotos und Off-Kommentaren bewußt provisorisch vollendet – wobei die Notlösung zum plausiblen Kunstgriff wird: In einer assoziativ-sprunghaften Abfolge von düsteren Impressionen, die sich um handelsübliche Dramaturgie (= Sinnzusammenhänge) nicht schert, findet »Pasazerka« zum Alptraum des Holocaust eine (wenn auch ursprünglich nicht intendierte) nachdrücklich-irrationale Entsprechung.

R Andrzej Munk, Witold Lesiewicz B Andrzej Munk, Zofia Posmysz V Zofia Posmysz K Krzysztof Winiewicz M Tadeusz Baird A Tadeusz Wybult S Zofia Dwornik P Wilhelm Hollender D Aleksandra Slaska, Anna Ciepielewska, Janusz Bylczynski, Krzesislawa Dubielówna, Anna Golebiowska | PL | 62 min | 1:1,66 | sw | 20. September 1963

13.9.63

Das indische Tuch (Alfred Vohrer, 1963)

Edgar Wallace bittet zehn kleine Negerlein zur geschlossenen Gesellschaft: Nach dem gewaltsamen Tod des Familienoberhauptes reist die liebe Verwandtschaft zur Testamentseröffnung aufs Stammschloß, um dortselbst zu erfahren, daß erst dann geerbt wird, wenn es alle Hinterbliebenen eine Woche lang miteinander ausgehalten haben … Wie zu erwarten, stirbt einer nach dem anderen (per Würgetuch), wobei – mangels gelungener Typisierung der Opfer – schon bald das Interesse an Fortgang und Auflösung des bühnenhaft-mörderischen Geschehens erlischt. Einzig Elisabeth Flickenschildt und Hans Clarin (als gebieterische Übermutter und wahnsinnig begnadeter Sohn) entwickeln aus der ödipalen Konstellation ihrer Rollen so etwas wie Charakter, während der Rest der Truppe (unter anderem Arent, Berber, Drache, Kinski, Schürenberg) inklusive Regisseur Alfred Vohrer serienmäßiges business as usual betreibt.

R Alfred Vohrer B Georg Hurdalek, Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kurz S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Eddi Arent, Hans Clarin, Klaus Kinski | BRD | 86 min | 1:2,35 | sw | 13. September 1963

3.9.63

The Servant (Joseph Losey, 1963)

Der Diener 

Der reiche Schnösel Tony (James Fox) bezieht ein Haus in schicker Londoner Gegend und engagiert den Diener Barrett (Dirk Bogarde) zur persönlichen Rundumversorgung: »I need everything«, gibt der junge Herr dem dienstbaren Geist im Einstellungsgespräch offenherzig zu verstehen – wobei schon in dieser ersten Szene des Films die Frage im Raum steht, wer sich hier eigentlich wen aussucht. Mit formvollendeter Servilität und ausgekochter Resolutheit – sowie unter wohlbedachtem Einsatz des triebhaft-erbötigen Flittchens Vera (Sarah Miles) – übernimmt der Untergebene peu à peu das Regiment im Heim und im Leben des Hausherrn. Tonys mißtrauische (= eifersüchtige) Verlobte Susan (Wendy Craig), von Barrett souverän ins Aus manövriert, stellt ihm die entscheidende Frage: »What do you want from this house?« Die heimtückisch-devote Antwort: »I'm the servant, Miss.« … Zuvörderst läßt sich »The Servant« als Allegorie des Klassenkampfes lesen: Tony als Symbol der dekadenten upper crust, Barrett als Personifikation der dynamischen Unterschicht. Jenseits gesellschaftswissenschaftlicher Veranschaulichung setzen Regisseur Joseph Losey und Drehbuchautor Harold Pinter zudem ein ironisch-ausgeklügeltes Machtspiel in Szene, ein explosiv-doppelbödiges Beziehungsballett um Dominanz und Unterwerfung. Dann ist da die boshaft-klaustrophobische Travestie einer Ehegeschichte: Tony und Barrett als Paar, das sich gesucht und gefunden hat, das sich bis zur letzten Konsequenz pervers-perfekt ergänzt. Und schließlich läuft ein tiefenscharf-neoexpressionistischer (Kamera: Douglas Slocombe) Psycho-Horror-Streifen ab: Barrett als Vampir, der sich von Tonys Lebensenergie nährt, der ihn aussaugt, bis lediglich die leere Hülle bleibt, die der feine Pinkel von vorneherein nur war.

R Joseph Losey B Harold Pinter V Robin Maugham K Douglas Slocombe M John Dankworth A Richard Macdonald S Reginald Mills P Joseph Losey, Norman Priggen D Dirk Bogarde, James Fox, Sarah Miles, Wendy Craig | UK | 112 min | 1:1,66 | sw | 3. September 1963

2.9.63

I basilischi (Lina Wertmüller, 1963)

Die Basilisken 

Mittagessen. Eine Familie schlürft wortlos die Suppe in sich hinein. Dann legt man sich hin. Schläft. Schnarcht. So wie es alle tun in der kleinen süditalienischen Stadt. Morpheus sollte zum Schutzheiligen des Ortes ernannt werden, meint eine weibliche Stimme gleich zu Beginn des Films aus dem Off. Zu sagen, es passiere nicht viel in dem abgelegenen Kaff, wäre eine Übertreibung. Es passiert nichts. Gar nichts. Antonio, Francesco und Sergio, junge Männer ohne Eigenschaften, ohne Interessen, ohne Ziele geraten in den Fokus der Wahrnehmung; ihre Spaziergänge, ihre Langeweile, ihr endloses Geschwätz bilden so etwas wie den Drehpunkt von Lina Wertmüllers beiläufigen Szenen aus dem Leben der Provinz. Die drei streifen umher, setzen Mädchen nach, lassen es aber auch gleich wieder sein, wenn es zu kompliziert wird, haben vage Ideen, wie ihr Leben zu verändern, zu verbessern wäre, doch beim kleinsten Widerstand geben sie auf, fallen zurück in dösige Passivität. Ein Ausbruch, selbst wenn er gewagt wird, endet unvermeidbar am Ausgangspunkt … Mit sicherem Zugriff auf die monotone Wirklichkeit des Hinterlandes verbeugt sich Wertmüller vor ihrem Lehrmeister Fellini (ohne ihn zu imitieren), Gianni Di Venanzos unbestechliches Kameraauge beobachtet Erschöpfung und Ödnis mit dokumentarischer Poesie (eher im Sinne von Rosi als von Antonioni), Ennio Morricone legt einen bittersüß-mokanten Soundtrack darunter (oder darauf). »I basilischi« zeigt das tranige Treiben ohne Dünkel, ohne Mißbilligung, ohne Urteil, erforscht die Sackgasse(n) des Lebens mit ironischer Präzision, mit kritischer Zuneigung, mit heiterem Pessimismus: Alles dreht sich im Kreis. Vermutlich für immer.

R Lina Wertmüller B Lina Wertmüller K Gianni Di Venanzo M Ennio Morricone A Antonio Visone S Ruggero Mastroianni P Luigi Giacosi D Toni Petruzzi, Stefano Satta Flores, Sergio Ferranino, Flora Carabella, Luigi Barbieri | I | 85 min | 1:1,66 | sw | 2. September 1963

30.8.63

Sonntagsfahrer (Gerhard Klein, 1963)

Der Mauerbau war an und für sich keine lustige Sache. Nach dem alten Schillerwort »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst« unternimmt die ostzonale Defa zwei Jahre nach Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls dennoch eine affirmativ-satirische Annährung an das heikle Thema: Acht Personen machen sich am 12. August 1961 zwecks Republikflucht auf den Weg von Leipzig nach Berlin – ein wortheldenhafter Innenarchitekt (und ehemaliger Wehrmachtsoffizier), ein gemütlicher Frisör, ein nachdenklicher Arzt, ein (eingebildet) herzkranker Wissenschaftler, nebst dazugehörigen bornierten Ehefrauen und kritischem Nachwuchs (ein junger Mann und eine junge Frau – wie passend). Die Fahrt erweist sich als abenteuerlich (für die Flüchtlingsgesellschaft) und lehrreich (fürs Publikum): Kühler kochen, Achsen brechen, Panzer rollen und (Charakter-)Masken fallen … So zusammengewürfelt wie die Reisegruppe, so divergent sind die von Regisseur Gerhard Klein und seinen Autoren bemühten gestalterischen Mittel – das Repertoire reicht von feinem Dialogwitz bis zum plumpen Kalauer, von stramm politischem Kabarett bis zum subtilen sittenkomödiantischen Spott, von billigen Namenswitzen (Spiessack, Denker, Rosentreter) bis zum didaktischen Aufsager. Am Ende von »Sonntagsfahrer« steht die Mauer, ist der Frieden gesichert, suchen die jungen Leute, die sowieso nicht mitwollten auf die andere Seite der Geschichte, ihr Heil lachend im Sozialismus – und auch den Alten (den Verbohrten, den Unbefriedigten, den Ewiggestrigen) bleibt nichts anderes übrig, als zu bleiben und sich (vielleicht) vom real-existierenden Glück überzeugen zu lassen.

R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Karl Georg Egel K Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Paul Lehmann S Evelyn Carow P Bernhard Gelbe D Harald Halgardt, Herwart Grosse, Angelika Domroese, Gerrd Ehlers, Irene Korb | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 30. August 1963

29.8.63

La frustra e il corpo (Mario Bava, 1963)

Der Dämon und die Jungfrau

Mario Bavas Ballade von der sexuellen Hörigkeit: In schillernden Verwesungsfarben erzählt »La frusta e il corpo« (= Peitsche und Körper) eine sado-masochistisch grundierte Beziehungsgeschichte über den Tod hinaus. Ort der (stellenweise blutigen) Handlung ist ein Spukschloß am Meer, die Bilder sind von schlichter, dämonischer Schönheit, der sehr dezente, romantische Horror findet seinen Ausdruck in der haßerfüllt-wollüstigen Besessenheit, mit der sich die anmutige Nevenka (Daliah Lavi) unter der Knute von Kurt Menliff (Christopher Lee) windet – das kommt in den besten Familien vor …

R Mario Bava B Ernesto Gastaldi, Ugo Guerra, Luciano Martino K Ubaldo Terzano M Carlo Rustichelli A Ottavio Scotti S Renato Cinquini P Federico Magnaghi D Daliah Lavi, Christopher Lee, Tony Kendall, Ida Galli, Harriet Medin | I & F | 91 min | 1:1,85 | f | 29. August 1963

23.8.63

Moral 63 (Rolf Thiele, 1963)

Trevira-Satire über Doppel- und Dreifachmoral im späten Adenauer-Deutschland. Nadja Tiller gibt mit stoischer Miene eine Edelpuffmutter im Bundesdorf Bonn – gutbürgerliche Herkunft und solide humanistische Halbbildung garantieren ihre geschäftliche und gesellschaftliche réussite. Kecke Kameramätzchen (Wolf Wirth) und abgedrehte Montagesequenzen verhüllen Rolf Thieles sozialkritische Botschaft eher, als daß sie sie verdeutlichen. Aber der piefige Bombast und das aufgeschmackte Provinzlertum der guten alten BRD vor dem kommenden 1968er-Knall werden in »Moral 63« recht unterhaltsam klargelegt. PS: Lobende Erwähnung für Buschi und Muschi, die wohlerzogen-liederlichen Zwillinge.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele K Wolf Wirth M Nobert Schultze A Walter Haag S Ira Oberberg P Franz Seitz D Nadja Tiller, Mario Adorf, Charles Regnier, Fritz Tillmann, Peter Parten | BRD | 100 min | 1:1,66 | sw | 23. August 1963

17.8.63

I tre volti della paura (Mario Bava, 1963)

Die drei Gesichter der Furcht 

Ein korrekt gekleideter alter Herr steht in einer pulsierend illuminierten Kunstlandschaft und begrüßt das Publikum: »Signore i signori, io sono Boris Karloff.« Freundlich annonciert die Horrorlegende drei Nachtstücke über Terror und Supranaturales … Den (zeitgenössisch-irdischen) Auftakt von Mario Bavas Episodenfilm bildet die elegante Thriller-Etüde »Il telefono«, ein Proto-Giallo im Kurzformat: Nacht, Schatten, ein luxuriöses Apartment, hübsche Frauen, ein blitzendes Messer, ein zur Schlinge gezogener Seidenstrumpf – und ein penetrant schrillender knallroter Telefonapparat, der Todesdrohungen übermittelt … »I Wurdalak«, die zweite und längste Geschichte, führt an den östlichen Rand Europas, in ein dämonisches 19. Jahrhundert: Blutsauger nähren sich vom Lebenssaft derjenigen, die sie am meisten lieben – Roger Cormans irreale Poe-Adaptionen mögen Pate gestanden haben für diesen melodramatischen Familienspuk ohne Ausweg … Als Höhepunkt der kleinen Anthologie schildert »La goccia d’acqua« eine Rache aus dem Jenseits: Eine jüngst verblichene Spiritistin verfolgt die diebische Leichenfrau wegen eines gestohlenen Ringes – es sind vor allem die ausgefransten, in allen Farben eines toten Herings ausgeleuchteten bürgerlichen Interieurs, die dieser Erzählung ein extraordinäres Flair von Dekadenz und Fäulnis verleihen … Nach dem Übersinnlichen folgt die ironische »Entzauberung«: Karloff, im Kostüm des Wurdalak, reitet auf einer struppigen Pferdeattrappe, winkt den Zuschauern zum Abschied, während die Kamera langsam zurückfährt und die Betriebsamkeit des Filmstudios offenbart – ein würdige Schlußpointe für dieses üppige Bouquet bavaesker Stilübungen.

R Mario Bava B Marcello Fondato, Alberto Bevilacqua, Mario Bava V F. G. Snyder, Alexei Tolstoi, Anton Tschechow K Ubaldo Terzani M Roberto Nicolosi A Riccardo Domenici S Mario Serandrei P Salvatore Billitteri, Paolo Mercuri D Boris Karloff, Michèle Mercier, Mark Damon, Susy Andersen, Jacqueline Pierreux | I & F & UK | 92 min | 1:1,85 | f | 17. August 1963

19.7.63

For Eyes Only (János Veiczi, 1963)

»Euer Dienst ist die Aufklärung, / Namen bleiben geheim. / Unauffällig die Leistungen, / Stets im Blickfeld der Feind.« – Nur für Augen oder Defa goes Bond. Sein Name ist Lorenz, Genosse Lorenz. Gespielt wird er von Müller, Alfred Müller. Schon die ostentative Durchschnittlichkeit der Namen verrät: Hier geht es nicht um einen versnobten Glamour-Spion, hier geht es um einen Kundschafter wie du und ich. Der Stasi-Kämpfer an der unsichtbaren Front (Würzburg!) versucht, den Amis die geheimen Pläne zum Angriff auf das Weltfriedenslager abzuluchsen. Der Westen sieht aus, wie ihn sich der kleine Nikita vorstellt (Nachtbars mit Ponyreiten!), und alle englischen Dialoge werden von einer blechernen Wochenschaustimme deutsch übersprochen. Die Dramaturgie knattert wie ein Trabant auf den unausweichlichen Sieg des Sozialismus zu, während irgendwo im Dunkel der Kulissen Mischa Wolf zufrieden in sich hineingrinst. Ein unterhaltsames Agentenstück aus dem kühlschrankkalten Krieg, das zur Festigung des Klassenstandpunkts bestens geeignet ist und nebenbei noch eine Rechtfertigung des Mauerbaus nachliefert. PS: »Wachsam sein, immerzu — wachsam sein!«

R János Veiczi B Harry Thürk, János Veiczi K Karl Plintzner M Günter Hauk A Alfred Drosdek S Christel Ehrlich P Siegfried Kabitzke D Alfred Müller, Helmut Schreiber, Hans Lucke, Werner Lierck, Martin Flörchinger | DDR | 103 min | 1:2,35 | sw | 19. Juli 1963

17.7.63

The Thrill of It All (Norman Jewison, 1963)

Was diese Frau so alles treibt

»I’m Beverly Boyer and I’m a pig.« Es ist nicht ohne Reiz, sich diese von Ross Hunter produzierte Komödie als Douglas-Sirk-Melodram vorzustellen: Eine latent unterforderte Arztfrau und Mutter (vielleicht gespielt von Dorothy Malone) erhält das überraschende Angebot, die Präsentation einer Werbesendung (für ›Happy‹-Seife – was für ein Symbol!) zu übernehmen; sie hat (beruflichen und finanziellen) Erfolg, wird berühmt, gewinnt Selbstständigkeit, während ihr platzhirschhafter Gatte (vielleicht gespielt von Robert Stack) mit der Metamorphose seines Weibchens zur ernstzunehmenden Partnerin nicht klarkommt und in eine tiefe Identitätskrise gerät … Norman Jewisons »The Thrill of It All« will von der Hinterfragung (oder gar Infragestellung) geschlechtlicher Rollenmuster selbstverständlich nichts wissen. Überkommene Stereotypen werden mit schaumweicher Gnadenlosigkeit bestätigt: Das, was eine Frau außerhalb von Küche und Schlafzimmer tut, kann niemals glücklich machen, kann keinesfalls so relevant sein wie die Tätigkeit eines Mannes. So kehrt Beverly Boyer (gespielt von Doris Day), nach einem kurzen, aufregenden Ausflug in die (großstädtische) Souveränität, artig zurück unter die (suburbane) Fuchtel ihres gönnerhaft-repressiven Herrn und Meisters (gespielt von James Garner). »What did mommy say?« – »She said she was a pig.«

R Norman Jewison B Carl Reiner, Larry Gelbart K Russell Metty M Frank De Vol A Alexander Golitzen, Robert F. Boyle S Milton Carruth P Ross Hunter, Martin Melcher D Doris Day, James Garner, Arlene Francis, Edward Andrews, Elliot Reid, Zasu Pitts | USA | 108 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1963

# 827 | 13. Januar 2014

5.7.63

Der schwarze Abt (Franz Josef Gottlieb, 1963)

Nebelhafter Edgar-Wallace-Mummenschanz ohne viel Sinn und mit noch weniger Verstand: ein Schloß im englischen Irgendwo, ein spleeniger Lord (der 18. (und wohl letzte) seines degenerierten Stammes), ein mythischer Schatz, hinter dem alle her sind. Die Zwangslagen, Intrigen, Begierden der miteinander ungut verstrickten Beteiligten überlagern, kreuzen, hintertreiben sich, ohne daß Regisseur Franz Josef Gottlieb daraus viel Spannungskapital zu schlagen vermöchte; unter der Kutte des »schwarzen Abtes« verbirgt sich mal dieser, mal jener; am Ende sind, bis auf das glücklich vereinte Paar (Joachim Fuchsberger & Grit Boettcher) und die Ermittler (Charles Regnier & Eddi Arent), alle über die Klinge einer wirren Dramaturgie gesprungen, und das begehrte Gold begräbt seinen beharrlichsten Sucher. Die Abwesenheit von erzählerischer Prägnanz wird freilich als Spielraum für das eine oder andere schauspielerische Kabinettstückchen genutzt – etwa von Werner Peters (als liebestoll-entschlossener Fettwanst), vor allem aber von Dieter Borsche, der den unbeirrbaren Weg eines (aristokratischen) Fanatikers in den Wahnsinn mit Lust und Verve gestaltet.

R Franz Josef Gottlieb B Johannes Kai, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Martin Böttcher A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Dieter Borsche, Grit Boettcher, Werner Peters, Charles Regnier | BRD | 88 min | 1:2,35 | sw | 5. Juli 1963

4.7.63

Verspätung in Marienborn (Rolf Hädrich, 1963)

Eine bundesdeutsche Film-Fernsehen-Koproduktion mit internationaler Beteiligung und einem veritablen Oscar-Preisträger in einer Hauptrolle. Basierend auf einem Drehbuch von Will Tremper (der den Film wegen des Konkurses der vorgesehenen Produktionsfirma nicht selbst realisieren konnte) inszeniert TV-Regisseur Rolf Hädrich auf engem Raum eine spannende deutsch-deutsch-alliierte Flüchtlingsstory, die einem Ereignis aus dem Dezember 1961 folgt: Bei einem kurzen Zwischenhalt irgendwo in der Zone springt ein junger DDR-Bürger auf den US-Militärzug von Berlin nach Frankfurt; seine Anwesenheit bleibt nicht unbemerkt: Eine Krankenschwester hilft ihm sich zu verstecken; ein mitreisender Journalist (knurrig: José Ferrer) wittert einen Knüller und führt mit dem Republikflüchtling, der seinen Eltern in den Westen folgen will, ein exklusives Tonband-Interview; schließlich schöpfen auch östliche Transportpolizisten Verdacht und melden die Sache ihren Vorgesetzten. Nur der junge amerikanische Kommandant (Sean Flynn, ein Sohn von Errol) ahnt von alldem nichts, schwört Stein und Bein, daß sich kein blinder Passagier an Bord befände, als die Sowjets den Zug am Kontrollpunkt festhalten und die Lokomotive abkoppeln … Als Musterbeispiel eines geschlossenen Dramas wahrt »Verspätung in Marienborn« strikt die Einheit von Zeit (eine Nacht und ein Tag), Ort (ein versiegelter Zug und ein abgeriegelter Grenzbahnhof) und Handlung. Von Interesse erscheinen weniger die Überzeugungen oder Motivationen der knapp gezeichneten Charaktere, sondern ihre Gefangenschaft in einem abstrakten System technisch-administrativer Mechanismen, das weder persönlichen Handlungsspielraum noch individuelle Rücksichtnahme zuläßt – nicht einmal die rivalisierenden Ideologien der feindlichen Mächte spielen in diesem kalten (Nerven-)Krieg noch eine wesentliche Rolle. Am Ende sind es folgerichtig nicht die Personen des Stücks sondern anonyme Instanzen, die per Telefonbefehl das Schicksal des Flüchtlings besiegeln.

R Rolf Hädrich B Will Tremper, Victor Vicas (englische Fassung »Stop Train 349«) K Roger Fellous M Peter Thomas, Claude Vasori A Dieter Bartels, Albrecht Hennings S Margot Jahn, Georges Arnstam P Hans Oppenheimer, Hessischer Rundfunk D José Ferrer, Sean Flynn, Nicole Courcel, Jess Hahn, Hans-Joachim Schmiedel | BRD & F & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1963

24.6.63

Murder at the Gallop (George Pollock, 1963)

Der Wachsblumenstrauß

Miss Marple hoch zu Roß – natürlich nicht rittlings und in neumodischen Reithosen, sondern, wie es sich für eine traditionsbewußte Sportsfrau gehört, kultiviert gewandet im Damensitz. Noch lieber als ein Vollblut reitet die rüstige Amateurdetektivin (in allen Sätteln gerecht: Margaret Rutherford) freilich ihr Steckenpferd: die Aufklärung von Gewaltverbrechen in gepflegt-ländlicher Atmosphäre. »Murder at the Gallop« erlaubt es ihr, das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden, und so untersucht sie ein, zwei, drei rätselhaften Todesfälle, in die (neben diversen raffgierigen Mitgliedern einer (nicht besonders) respektablen Familie) auch eine Katze, eine Hutnadel und ein Gemälde verwickelt sind. Im Zuge der (selbstverständlich erfolgreichen) Ermittlungen erliegt – außer dem bänglich-zuverlässigen Gefolgsmann Mr. Stringer (Davis) und dem liebenswert-beschränkten Inspektor Craddock (Charles Tingwell) – auch ein beleibter Pferdenarr (Robert Morley) dem resoluten Charme des altehrwürdigen Fräuleins. Wer könnte es ihm verdenken?

R George Pollock B James P. Kavanagh V Agatha Christie K Arthur Ibbetson M Ron Goodwin A Frank White S Bert Rule P George H. Brown, Lawrence P. Bachmann D Margaret Rutherford, Stringer Davis, Robert Morley, Flora Robson, Charles Tingwell | UK | 81 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1963

21.6.63

Der Würger von Schloß Blackmoor (Harald Reinl, 1963)

Kurz vor Erhebung in den Adelsstand wird der steinreiche Lucius Clark (Rudolf Fernau) von einem maskierten Unbekannten bedroht: Der Nabob müsse dafür bezahlen, daß er sein Vermögen durch tödlichen Verrat an einem früheren Partner gemacht habe. Alle Versuche Clarks, seinen Edelsteinschatz zu verhökern, werden von dem anonymen Rächer hintertrieben … Zwar schleppt sich die Story ein wenig lustlos durch die vertrauten Gruselkulissen des bundesdeutschen Britenkrimis (Schloß, Park, Spelunke, Friedhof, Keller), aber Harald Reinl darf, auf Schloß Blackmoor und im ›Old Scavenger (≈ Aasfresser) Inn‹, ein stimmiges Ensemble fragwürdiger Typen inszenieren: Hans Nielsen als raffgieriger Hehler, Richard Häussler als wendiger Anwalt, Ingmar Zeisberg als zweideutiges Weibsbild und vor allem Dieter Eppler als diamantenfetischistischer Butler Anthony. Ein besonders schräges Highlight des Films ist zudem die Elektronenmusik von Oskar Sala, ein am Mixturtrautonium erzeugtes Klanggewebe aus Klirren, Sirren, Scheppern und Blubbern, Gurgeln, Pochen.

R Harald Reinl B Gustav Kampendonk, Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Oskar Sala A Werner Achmann S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Karin Dor, Harry Riebauer, Rudolf Fernau, Walter Giller, Dieter Eppler | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 21. Juni 1963

12.6.63

Cleopatra (Joseph L. Mankiewicz, 1963)

Cleopatra

Tage und Nächte einer Königin: nachdem sie ihren Bruder und Mitregenten mit Hilfe Cäsars (Rex Harrison) in die Wüste geschickt hat, strebt die ägyptische Pharaonin Cleopatra (Elizabeth Taylor) nach der Weltherrschaft. Dazu hängt sie sich zunächst an den liebestollen römischen Diktator, nach dessen Meucheltod an den Feldherrn Marc Anton (Richard Burton), der zwar das Schwert zu führen weiß, auf dem politischen Kampfplatz jedoch konsequent die falschen Entscheidungen trifft ... Joseph L. Mankiewicz’ vierstündiges Spektakel um Macht und Gier, Ehrgeiz und Leidenschaft offeriert Weltgeschichte als kolossale Seifenoper, als multiplen Kulissenorgasmus, als römisch-ägyptische Modenschau in DeLuxe Color und 70mm Todd-AO. Taylor, bis zum finalen Schlangenbiß variantenreich coiffiert, stets exaltiert geschminkt und in jeder Szene aufregend neu gewandet, gibt mit der Inbrust des millionenteuren Superstars das widerspenstig-ungestüme royale Vollweib: »My breasts are full of love and life. My hips are rounded and well apart.«

R Joseph L. Mankiewicz B Joseph L. Mankiewicz, Ranald MacDougall, Sidney Buchman V Plutarch, Sueton, Carlo Maria Franzero K Leon Shamroy M Alex North A John DeCuir S Dorothy Spencer P Walter Wanger D Elizabeth Taylor, Rex Harrison, Richard Burton, Hume Cronyn, Martin Landau, Roddy McDowall | USA | 248 min | 1:2,20 | f | 12. Juni 1963

# 995 | 10. April 2016

6.6.63

Reserviert für den Tod (Heinz Thiel, 1963)

Trau! Schau! Wem? Ein artifizielles Agentendrama im Interzonenzug D 104 zwischen Frankfurt am Main und Erfurt. DDR-Wissenschaftler Jadenburg soll in den Westen gelockt werden. Zwei seiner ehemaligen Assistenten, die beide mittlerweile im Sold des Bundesnachrichtendienstes stehen, sowie Jadenburgs eigene (politisch-moralisch gefallene) Tochter sind auf das wertvolle Zielobjekt angesetzt … Regisseur Heinz Thiel erörtert in kammerspielhafter, beinahe klaustrophobischer Verdichtung Fragen von Vertrauen und Zweifel, von Verrat und (zu) später Einsicht. Natürlich erscheint die Wühlarbeit des imperialistischen Klassenfeindes in einem Defa-Film als mieses Komplott der Niedertracht, während den Mitarbeitern der Staatssicherheit aus ihrer gesinnungsmäßigen Überlegtheit die (vorläufige) historische Überlegenheit zuwächst. In den bedrückend kalt arrangierten Schwarzweiß-Bildern des Kameramanns Horst E. Brandt wirkt allerdings das geheimdienstlich-ideologischen Gegenspiel insgesamt wie in ein unmenschliches Raster der Ausweglosigkeit gepreßt.

R Heinz Thiel B Gerhard Bengsch K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolowa P Erich Kühne D Hans-Peter Minetti, Peter Herden, Irma Münch, Martin Flörchinger, Hannjo Hasse | DDR | 85 min | 1:1,37 | sw | 6. Juni 1963

# 808 | 27. November 2013

5.6.63

Irma la Douce (Billy Wilder, 1963)

Das Mädchen Irma la Douce

Die Geschichte der Irma la Douce, »a story of passion, bloodshed, desire and death ... everything, in fact, that makes life worth living«. In Alexandre Trauners verwinkelt-pittoresken Studionachbauten des quartier des Halles entfaltet sich, zwischen Theke und Stundenhotel, Mansarde und Marktständen, ein Possenspiel um die ganz große (und ziemlich verrückte) Liebe, eine Tragikomödie der Eifersucht und vor allem ein Loblied auf die Philosophie des Lebens und Lebenlassens, die vom charmanten Bistrowirt Moustache (schnauzbärtig-weise: Lou Jacobi) postuliert wird. Billy Wilder gestaltet die menschlich und erzäh­lerisch vertrackte Romanze zwischen einem gefallenen Mädchen (reizend-vulgär: Shirley MacLaine) und einem gefallenen Polizisten (arglos-raffiniert: Jack Lemmon) als grell-melan­cholische Hommage an den legendären Bauch von Paris, so als ahnte er, daß das quirlig-sündige Viertel nur wenig später dem rigiden Säuberungsfuror moderner Stadtplaner zum Opfer fallen würde. »But that's another story.«

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Alexandre Breffort K Joseph LaShelle M André Previn, Marguerite Monnod A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Billy Wilder D Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Lou Jacobi, Bruce Yarnell, Herschel Bernardi | USA | 147 min | 1:2,35 | f | 5. Juni 1963

4.6.63

The Nutty Professor (Jerry Lewis, 1963)

Der verrückte Professor

»Are you tired of being a square? Are you tired of a dull, dull, dull existence?« Nach drei Werken, die auf Entwicklung einer Fabel mehr oder weniger entschlossen verzichteten, unternimmt »total film-maker« Jerry Lewis erstmals den Versuch, seine Gags in eine (halbwegs) konventionell aufgebaute Handlung zu integrieren. Durch erzählerische Konzentration und eine exstatische Farbdramaturgie nähert sich Lewis’ Inszenierung dabei deutlich dem Vorbild seines Regie-Mentors Frank Tashlin. »The Nutty Professor« schildert (inspiriert von Stevensons »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«) einen krassen Fall von Persönlichkeitsstörung (»split, schizo, and all that jazz«): Um das Herz einer Studentin zu erobern und einigen jugendlichen Raufbolden zu trotzen, befreit Chemielehrer Julius F. Kelp (Lewis), ein kurzsichtiger, hasenzähniger, piepsstimmiger Katheder-Tolpatsch, mittels einer selbstgebrauten Wundermixtur sein Alter Ego Buddy Love (Lewis), einen schmalzlockigen, großmäuligen, schlagkräftigen nightclub-crooner … Basierte der Erfolg seiner zehnjährigen Komikerehe mit Dean Martin in erster Linie auf den lustvoll ausgereizten Gegenspielen zweier antithetischer Typen (»a handsome man and a monkey«), bündelt Jerry Lewis den Dualismus nunmehr in einer einzigen, in seiner eigenen Person: Der nette, gute Trottel und der große, böse Wolf erscheinen als zwei widerstreitende Seiten desselben (Show-)Charakters; jeder von beiden ist der »inner man« des anderen … Der Film endet (nach dem larmoyanten Vorbild des späten Chaplin) mit einer überlangen, belehrenden Botschaft von Professor Kelp: »You might as well like yourself. If you don’t think much of yourself, how can others?« Der Geist von Buddy Love obsiegt jedoch in einem fiebrig-zynischen Nachklapp: »Try Kelp’s Kool Tonic! You too can be the life of a party.«

R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Walter Tyler S John Woodcock P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Kathleen Freeman, Howard Morris | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 4. Juni 1963

# 794 | 9. November 2013

19.5.63

The Damned (Joseph Losey, 1963)

Sie sind verdammt

»When the time comes …« Joseph Losey goes Hammer. Das spröde Science-fiction-Drama (in schwarzweißem ›Hammerscope‹) beginnt ungemütlich in scheinbar heiterer südenglischer Ferienatmosphäre: Ein amerikanischer Tourist gabelt ein Mädchen auf, das ihn in einen Hinterhalt der Rockergang ihres latent inzestuösen Bruders lockt. Übel zugerichtet muß sich das Opfer von einem soignierten Herrn darüber aufklären lassen, daß auch Merry England im Zeitalter der sinnlosen Gewalt angekommen sei. Bei der nächsten Begegnung der Männer erweist sich der beredte Gentleman als genial-kaltblütiger Wissenschaftler, der in einer geheimen unterirdischen Forschungsstätte das Überleben der Menschheit nach einem Atomkrieg vorbereitet. Thinking about the unthinkable! Ein knappes Dutzend radioaktiv mutierter Kinder wird darauf eingestimmt, die strahlenden Trümmer unserer Zivilisation zu erben: »Life has the power to change.« Am Ende sind sich der triebgesteuerte Bandenführer King (Oliver Reed), der nur, indem er zerstört, so etwas wie Lust erleben kann, und der von seiner Mission besessene Gelehrte Bernard (Alexander Knox), der auch vor der Liquidierung seiner Geliebten Freya (Viveca Lindfors), einer prä-apokalyptischen Künstlerin, nicht zurückschreckt, erstaunlich ähnlich: Sie sind zwei Seiten einer Medaille, verkörpern zwei Spielarten von Nötigung, von Verrohung, von Angst im Angesicht einer kommenden Katastrophe. PS: »Black leather, black leather! / Kill, kill, kill!«

R Joseph Losey B Evan Jones V H. L. Lawrence K Arthur Grant M James Bernard A Bernard Robinson S Reginald Mills P Anthony Hinds D Macdonald Carey, Shirley Ann Field, Viveca Lindfors, Alexander Knox, Oliver Reed | UK | 105 min | 1:2,35 | sw | 19. Mai 1963

8.5.63

Die endlose Nacht (Will Tremper, 1963)

Der unprätentiösere Arbeitstitel des Films lautete »Nebel über Tempelhof« und beschreibt die Ausgangssituation des episodenhaften Geschehens: Wegen schlechten Wetters werden sämtliche Flüge von und nach (West-)Berlin gestrichen – Reisende hängen am Flughafen fest, erwartete Gäste bleiben aus. Will Tremper, rasender Klatschreporter (»Deutschland deine Sternchen«) und Drehbuchautor am Puls der Zeit (»Die Halbstarken«), beobachtet in seiner zweiten Regiearbeit bald boulevardesk, bald lakonisch, immer aber atmosphärisch genau: einen Pleitier (Harald Leipnitz), der auf die Ankunft eines potentiellen Geldgebers brennt (und zu dessen Beglückung seine Freundin (Karin Hübner) in Stellung bringt), einen alten Schauspieler, der den seit Jahren herbeigesehnten König-Lear-Auftritt verpassen wird, einen Farmer (Bruce »Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand« Low), der ein wildfremdes Mädchen (atemberaubend schön: Alexandra Stewart) dazu überreden möchte, mit ihm nach Afrika zu gehen, ein abgebranntes Starlet (keß-melancholisch: Hannelore Elsner), das hände- und körperringend Anschluß sucht, zwei Düsseldorfer Geschäftsleute, die für ein paar Stunden in ihrer alten Berliner Heimat stranden. »Die endlose Nacht«, stimmungsvoll fotografiert in schwarzweißem Ultrascope, hat weder Anliegen noch Botschaft, schaut einfach nur neugierig hin, nimmt sich Zeit und dabei nicht besonders ernst, zeigt flüchtige Momente, Ausschnitte aus dem Leben.

R Will Tremper B Will Tremper K Hans Jura M Peter Thomas S Susanne Paschen P Hans Eckelkamp, Wenzel Lüdecke, Will Tremper D Karin Hübner, Harald Leipnitz, Paul Esser, Werner Peters, Hannelore Elsner | BRD | 86 min | 1:2,35 | sw | 8. Mai 1963

26.4.63

Der Zinker (Alfred Vohrer, 1963)

»CinemaScope«, so Regielegende Fritz Lang in Jean-Luc Godards Film-Film »Le mépris«, »ist nichts für menschliche Wesen, es ist nur gut für Schlangen und Begräbnisse.« Mit anderen Worten: Breitwand ist das perfekte Format für einen Edgar-Wallace-Reißer, durch den sich eine Schwarze Mamba schlängelt, deren Gift zahlreiche Herrschaften vom Leben zum Tode befördert. Ansonsten bieten die wohlkomponierten Bilder von Karl Löb viel Raum für Kinskis Wahnsinn, für Arents Possen, für Draches eckige Bewegungen, für Schürenbergs exaltierten Dünkel – vor allem aber für die prächtige Performance von Agnes Windeck, dieser liebenswürdigsten aller komischen Alten des bundesdeutschen Films, die wie keine andere ein nicht existentes Orchester zu dirigieren versteht. Alfred Vohrer inszeniert den Fall des geheimnisvoll hinter den Gittern einer Raubtierhandlung wirkenden erpresserischen Absah­ners fachmäßig mit der serientypischen grob-ironischen Munterkeit. PS: Der Butler ist nicht der Mörder (und somit auch nicht »Der Zinker«).

R Alfred Vohrer B Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Herbert Kirchhoff, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt, Jacques Willemetz D Heinz Drache, Barbara Rütting, Günter Pfitzmann, Eddi Arent, Agnes Windeck | BRDF | 89 min | 1:2,35 | sw | 26. April 1963

17.4.63

The Man from the Diners’ Club (Frank Tashlin, 1963)

Der Mann vom Diners Club

Heute leben, später zahlen – auch ein auf Kaution freigelassener Gangster (Telly Savalas) träumt den verlockenden Kreditkartentraum, um sich auf Pump nach Mexico abzusetzen, doch: »What idiot can approve a Diners’ Club card for ›Foots‹ Pulardos?« Es ist der neurasthenische Angestellte Ernest Klenk (Danny Kaye), dem das folgenschwere Versehen unterläuft, den Antrag des Banditen zu bewilligen. Mit boshaften Seitenblicken auf die absurden Begleiterscheinungen des modernen Lebens (Hochzeitsproben, Fitneßtraining, Datenverarbeitung), aber ohne allzu große kinematographische Verve schildert Frank Tashlin die zunehmend verzweifelten Bemühungen des zappeligen Ernest, seinen Fehler auszubügeln, bevor die Vorgesetzten Wind von der Sache bekommen – während der hartgesottene ›Foots‹ den Mann, der ihm nachsetzt (und mit dem er eine anatomische Besonderheit teilt), kaltmachen will, um so den eigenen Tod vorzutäuschen. Höhepunkte der mild-verwegenen Jagd: die schneesturmartige Entladung eines computergesteuerten Karteikartensystems (»It’s a gorgeous, complicated brain with delicate little nerve endings.«), die Hatz durch ein tortureskes Sportstudio (»Your Loss is Our Gain«), eine Soirée bei freidichtenden Beatniks (»This is the way the world ends, not with a bang but a weeding fork.«)

R Frank Tashlin B Bill Blatty (= William Peter Blatty), John Fenton Murray K Hal Mohr M Stu Phillips A Don Ament S William A. Lyon P Bill Bloom (= William Bloom) D Danny Kaye, Telly Savalas, Cara Williams, Martha Hyer, Everett Sloane | USA | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. April 1963

# 1077 | 16. September 2017

28.3.63

Il gattopardo (Luchino Visconti, 1963)

Der Leopard

Sizilien im Jahr 1860: an der Seite einheimischer Rebellen kämpfen Garibaldis Rothemden gegen die Bourbonenherrschaft für ein vereinigtes Italien unter savoyischer Führung. Luchino Visconti, Sproß eines bedeutenden Mailänder Adelshauses, inszeniert seine Adaption des ersten (und einzigen) Romans des sizilianischen Aristokraten Giuseppe Tomasi di Lampedusa als bild- und tongewaltiges Panorama eines Epochenbruchs: eine alte Welt versinkt, eine neue Welt entsteht, eingefangen in Giuseppe Rotunnos brüchig-opulenten Technirama-Malereien, begleitet von Nino Rotas schwelgerisch-melancholischen Kompositionen. Im Mittelpunkt des episodisch strukturierten Epos: Don Fabrizio, Fürst von Salina (Burt Lancaster), als würdevoller Repräsentant einer abtretenden Klasse nicht nur Protagonist der Erzählung, sondern auch gefaßter Beobachter eines historischen Dramas, illusionsloser Kommentator politischer Umwälzungen, selbstreflektierter Rollenspieler in einem vielschichtigen Gesellschaftsstück. Wenn alles bleiben solle, wie es ist, müsse sich alles ändern, wird der alternde Fürst von seinem ehrgeizigen jungen Neffen belehrt – und tatsächlich ändert sich trotz gewaltig scheinender Verwerfungen im Grunde nichts, bleibt realiter alles beim Alten, abgesehen davon vielleicht, daß Ideale verraten werden, daß die Macht den Namen und das Geld die Taschen wechselt, daß die Leoparden, die Löwen, die Adler den Platz räumen für Schafe, Hyänen, Schakale. Neben Lancaster brillieren Alain Delon als aalglatter Karrierist, Claudia Cardinale als durchsetzungskräftige Schönheit, Serge Reggiani als standhafter Reaktionär, Rina Morelli als nervöse Frömmlerin, Paolo Stoppa als durchtriebener Emporkömmling in einem filmischen Fest, das die Feiernden konsequent mit der Ahnung des Todes umgibt.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Enrico Medioli, Massimo Franciosa V Giuseppe Tomasi di Lampedusa K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Rina Morelli, Romolo Valli, Serge Reggiani | I & F | 187 min | 1:2,35 | f | 28. März 1963

# 1158 | 19. April 2019

The Birds (Alfred Hitchcock, 1963)

Die Vögel

»Why are they doing this? Why are they doing this?« Beinahe eine Stunde lang nimmt Alfred Hitchcock sich Zeit, eine in sich ruhende, um sich selbst kreisende Welt zu entwerfen. Mit fast ermüdender Weitschweifigkeit schildert »The Birds« das zugleich heile und unheile Dasein der (fast beliebig wirkenden) Protagonisten, widmet sich ausführlich ihren kleinen Vergnüglichkeiten und belastenden Kümmernissen, breitet eingehend Biographien aus, die nicht frei sind von Ängsten und Beklemmung, aber letztlich, im Rahmen einer berechenbaren Unberechenbarkeit, durchaus geregelt verlaufen: Da ist Melanie (›Tippi‹ Hedren), die verwöhnte Erbin, der es an Verantwortungsbewußtsein mangelt, dort ist Mitch (Rod Taylor), der forsche Rechtsanwalt, der ernsthafte Bindungen scheut, da ist Lydia (Jessica Tandy), die Witwe, die ihren Sohn nicht loslassen kann, dort ist Annie (Suzanne Pleshette), die Lehrerin, die sich an eine verlorene Liebe klammert. Kaum merklich durchzucken Momente von Irritation den langen, ruhigen Fluß des Geschehens: eine Seemöwe, die aus heiterem Himmel eine Bootsfahrerin attackiert, Hühner, die nicht fressen wollen, ein Vogel, der nachts bei hellem Mondschein gegen eine geschlossene Haustür knallt. Ganz allmählich nimmt das Unbegreifliche seinen Lauf, schrittweise gerät die Welt aus den Fugen, sukzessive sinkt das Faßliche ins Unfaßbare. Aus gefiederten Freunden werden gnadenlose Killer, harmlose Geschöpfe mausern sich zu Gesandten der Apokalypse. Die Erklärung für die immer brutaleren Angriffe der Vögelschwärme bleibt aus. »The very concept is unimaginable«, befindet eine Expertin. Es geschieht, was geschieht. Der Schrecken ist vollkommen. »It's the end of the world!« ruft ein betrunkener Prophet. Hitchcock legt sich in dieser Hinsicht nicht fest: Er verzichtet auf die Einblendung des »The End«-Inserts.

R Alfred Hitchcock B Evan Hunter V Daphne du Maurier K Robert Burks M Oskar Sala, Remi Gassmann A Robert Boyle Ko Edith Head, Rita Riggs S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Tippi Hedren, Rod Taylor, Jessica Tandy, Veronica Cartwright, Suzanne Pleshette | USA | 119 min | 1:1,85 | f | 28. März 1963

# 935 | 26. Januar 2015

27.3.63

L'immortelle (Alain Robbe-Grillet, 1963)

Die Unsterbliche

L’année dernière à Istanbul: N, ein Lehrer aus Frankreich, begegnet L, einer schönen, geheimnisvollen Frau – ihr »wirklicher« Name (Leila oder Lale (was auf Türkisch ›Tulpe‹ bedeutet) oder vielleicht auch Lucille) bleibt ebenso unbestimmt wie ihre Herkunft, ihre Absichten, ihre Identität. L ihrerseits wird von M, einem Mann, der stets zwei Dobermänner an der Leine führt, begleitet oder überwacht oder verfolgt. Als L, nach einer Reihe gemeinsam verbrachter Tage (und Nächte), plötzlich verschwindet (oder bei einem Unfall stirbt), begibt sich N auf die Spur der Verschollenen (oder Toten) – bis L eines Tages (oder Nachts) unvermittelt wieder auftaucht … Alain Robbe-Grillet präsentiert sein Regiedebüt als imaginatives Rätselspiel, als unterkühlt-erotisches Abenteuer, als extravaganten »film intérieur«: »L'immortelle« – die unsterbliche Frau, die unsterbliche Stadt – wird von N gesehen, gehört, erdacht – Wahrnehmung und Einbildung sind dabei eins, Objektivität und subjektives Empfinden verschwimmen. L changiert unter Ns insistierenden Blicken zwischen Dame der Gesellschaft, herabgestiegener Göttin und Luxusprostituierter; Istanbul erscheint als betont exotische Kulisse, als Melange aus historisch-literarischer Phantasie, Bühne eines mysteriösen Melodrams und Kitschpostkarte der Moscheen, Paläste, Ruinen. Neben den stilvoll gestalteten, immer wieder zu lebenden Bildern gefrierenden Oberflächenreizen und den beschwörenden erzählerischen Wiederholungen (oder Variationen oder Echos oder Déjà-vus) ist es vor allen Dingen die sorgfältig komponierte Tonspur – das unaufhörliche Knattern der Bootsmotoren auf dem Bosporus, das Schlagen der Wellen gegen die Kaimauern, der schrille Gesang der Grillen, das bedrohliche Bellen der Hunde, die monotonen Rufe der Muezzine –, die eine höchst eigentümliche, traumhaft-sinnliche Atmosphäre schafft. 

R
Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Maurice Barry M Georges Delerue A Konnell Melissos S Bob Wade P Émile Breysse D Françoise Brion, Jacques Doniol-Valcroze, Guido Celano, Sezer Sezin, Catherine Robbe-Grillet | F & TR & I | 101 min | 1:1,66 | sw | 27. März 1963

21.3.63

La jetée (Chris Marker, 1963)

Am Rande des Rollfelds 

Orly. Sonntag. Der Flughafen in der Sonne. Blicke von einer Terrasse aufs Rollfeld. Eine Frau am Geländer. Ihre Haare im Wind. Ein Augenblick der Gewalt. Ahnung von kommendem Unheil. Einige Jahre später. Krieg. Zerstörung. Millionenfacher Tod. Vernichtung von Geschichte und Kultur. Von Leben und Glück. Überlebende in den Katakomben. Auf der Suche nach Rettung. In der Vergangenheit. In der Zukunft. Ein Reisender durch die Zeit. Auf der Suche nach einem verlorenen Bild. Nach einem verlorenen Gesicht. Strom der Gedanken. Sog der Bilder. Passagen durch Gesehenes. Nacherlebtes. Vorgestelltes. Chris Markers photo-roman »La jetée« ist visionäres Kino von größter Einfachheit. Von höchster Komplexität. Kino der gefrorenen Augenblicke. Der fließenden Erinnerung. Durch die Szenen hallen Echos von Auschwitz. Von Hiroshima. Es herrscht der Wahnsinn des Fortschritts. Die Auflösung von Kontinuität. Dazwischen Eindrücke, Ahnungen, Illusionen von Heil. Ein Morgen im Frieden. Ein Zimmer im Frieden. Kinder. Vögel. Katzen. Auch Gräber. Richtige Gräber. Oder eine schlafende Frau. Die die Augen aufschlägt. Und dich ansieht. Wirklich ansieht. Am Ende aber erkennst du dich selbst. Als Gefangener der Zeit. Im Augenblick der Wahrheit. An einem Sonntag. In Orly.

R Chris Marker B Chris Marker K Chris Marker M Trevor Duncan A Jean-Pierre Sudre S Jean Reval P Anatole Dauman D Hélène Chatelain, Davos Hanich, Jacques Ledoux, Jean Négroni | F | 28 min | 1:1,66 | sw | 21. März 1963

19.3.63

Mélodie en sous-sol (Henri Verneuil, 1963)

Lautlos wie die Nacht

Analog zum Spätwestern gibt es so etwas wie den Spät-Gangsterfilm – »Held« des melancholischen Subgenres ist der alternde, mehr oder weniger blessierte Ganove, der es noch einmal wissen will, obwohl er es besser wissen müßte. Auch Monsieur Charles (Jean Gabin), um die 60 und gerade aus dem Knast in eine freudlose Vorstadtwirklichkeit entlassen, träumt den Traum vom letzten großen Coup, dessen Gelingen einen Lebensabend in luxuriöser Abgeschiedenheit sichern soll. Weil er es nicht allein riskieren will (und kann), das Casino an der Côte d’Azur um die fetten Gewinne zu erleichtern, sucht er einen Partner und findet ihn in Francis Verlot (Alain Delon), einem jungen Heißsporn, den sich der alte Profi freilich erst zurechtbiegen muß ... Henri Verneuil betrachtet die kriminelle Geschäftigkeit seiner Figuren zugleich mit ironischer Distanz und diskreter Sympathie; die sachlich-poetische Schwarzweiß-Kamera (Louis Page), der symphonisch-jazzige Score (Michel Magne), insbesondere aber die Lakonie, die Gabin auch dann noch an den Tag legt, wenn Monsieur Charles seine Hoffnungen zu dummer Letzt davonschwimmen sieht, machen den cool-melancholischen Reiz dieses eleganten film de casse aus.

R Henri Verneuil B Michel Audiard, Albert Simonin, Henri Verneuil V John Trinian K Louis Page M Michel Magne A Robert Clavel S Françoise Bonnot P Jacques Bar D Jean Gabin, Alain Delon, Maurice Biraud, Viviane Romance, Carla Marlier, José Luis de Vilallonga | F & I | 118 min | 1:2,35 | sw | 19. März 1963

# 1057 | 21. Juni 2017

1.3.63

La baie des anges (Jacques Demy, 1963)

Die blonde Sünderin

»Ce que j'aime dans le jeu, c'est cette existence idiote faite de luxe et de pauvreté et aussi de mystère.« Jean (Claude Mann), Sohn aus rechtschaffenem Haus, der als Bankangestellter das Geld anderer Leute zählt, verfällt, von einem Kollegen angefixt, dem geheimnisvollen Reiz des Spiels, zumal da er ›Jackie‹ (Jeanne Moreau) begegnet, einer platinblonden Hasardeurin, der Reichtum so wenig bedeutet wie Verlust, die Mann und Kind zurückließ, um sich immer wieder und absolut im Augenblick des Vabanque zu verlieren. Apropos Augen blick: Das Glück (= le bonheur), sagte einmal ein bedeutender Hochstapler, sei immer ein einzelner, ein besonderer Moment (für das Vergnügen (= le plaisir) hingegen brauche man ein ganzes Leben) – der Begriff des »Glücksspiels« gewinnt im Hinblick auf diese Überlegung vielleicht seine eigentliche, doppelbödige Bedeutung. Ohne sich über Fragen der Moral zu echauffieren, inszeniert Jacques Demy einen cool-kühnen Ausbruch aus der Vernunft ins Abenteuer, einen manisch-depressiven Trip aus dem geordneten Alltag in die Gefilde der bodenlosen Passion. Und wenn sich, zu Michel Legrands berauschendem Klavierspiel, an einem strahlenden Tag, von der Terrasse einer Suite im ›Hôtel de Paris‹, unversehens der Ausblick auf das glitzernde Mittelmeer bietet – wer wollte da an die bleiernen Nächte denken, in denen das Kleingeld für einen zweiten Drink nicht reicht …

R Jacques Demy B Jacques Demy K Jean Rabier M Michel Legrand A Bernard Evein S Anne-Marie Cotret P Paul-Edmond Decharme D Jeanne Moreau, Claude Mann, Paul Guers, Henri Nassiet, Conchita Parodi | F | 90 min | 1:1,66 | sw | 1. März 1963

28.2.63

Liebe will gelernt sein (Kurt Hoffmann, 1963)

Besorgte Mutter (Fita Benkhoff) gibt ihren erwachsenen Sohn (Götz George), einen Studenten, der sich so gar nicht für die Freuden des Lebens und die Vertreterinnen des anderen Geschlechts zu interessieren scheint, in die erzieherische Obhut ihres lebemännischen Bruders (Martin Held), eines umschwärmt-erfolgreichen Schriftstellers; der Jüngling entpuppt sich als nicht ganz so unerfahren wie gedacht, und die Mutter steht plötzlich als Großmutter da … Kurt Hoffmann inszeniert Erich Kästners wenig pointierte Boulevard-Komödie ohne große innere Beteiligung und weiß auch mit dem ansehnlichen Ensemble (darunter die stupsnäsige Grit Böttcher als liebestolle Tippse und die aparte Barbara Rütting als männer­verstehender Filmstar) kaum etwas anzufangen. Die Jungen sind in »Liebe will gelernt sein« noch konservativer als die Alten – das will 1963 etwas heißen. Ein Film wie angebranntes Gulasch. PS: Daß Sven Nykvist, der Magier des natürlichen Lichts, der intensive Erforscher von Gesichtslandschaften, die Kamera führt, ist dem umständlichen Stück (leider) in keiner Weise anzumerken.

R Kurt Hoffmann B Erich Kästner V Erich Kästner K Sven Nykvist M Hans-Martin Majewski A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Ursula Kahlbaum P Heinz Angermeyer D Martin Held, Götz George, Loni von Friedel, Fita Benkhoff, Grit Böttcher | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 28. Februar 1963

22.2.63

Der Fluch der gelben Schlange (Franz Josef Gottlieb, 1963)

Die »Gelbe Gefahr« – eine unverwüstliche Angstfantasie der abendländischen Zivilisation. Schon Napoleon Bonaparte mahnt: »Laßt China schlafen. Wenn es erwacht, wird die Welt es bedauern.« Während des Kalten Krieges kursiert im Westen das Scherzwort: »Der Optimist lernt Russisch, der Pessimist Chinesisch.« Hergé-Schüler Edgar P. Jacobs eröffnet seine grandiose Comic-Serie »Blake und Mortimer« mit einem Angriff des »gelben Reiches« auf die »freie Welt«. Und auch der Berliner Produzent Artur Brauner warnt eindringlich vor der asiatischen Bedrohung: In der CCC-Edgar-Wallace-Adaption »Der Fluch der gelben Schlange« formiert sich unter Führung des spinnerten britisch-chinesischen Halbblutes Fing-Su (Pinkas Braun mit künstlichen Schlitzaugen) eine Untergrundarmee, die dem Reich der Mitte wieder alte Geltung verschaffen will; mit Goebbels-Timbre schwört der Eiferer seine Jünger auf das blutige Endspiel um die Weltherrschaft ein. (Joachim Fuchsberger und Eddi Arent machen dem bösen Chink freilich einen Strich durch die Rechnung.) … In den besseren Momenten des reichlich zerfahren erzählten Films transzendiert Regisseur Franz Josef Gottlieb den rabiaten Rassismus des Drehbuchs in kryptopolitisches Paranoiakino zwischen Fritz-Lang-Papp-Exotismus und dämonisch-parodistischer »Fantômas«-Maskerade.

R Franz Josef Gottlieb B Janne Furch, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Siegfried Hold M Oskar Sala A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Joachim Fuchsberger, Pinkas Braun, Brigitte Grothum, Eddi Arent, Werner Peters | BRD | 98 min | 1:1,66 | sw | 22. Februar 1963

14.2.63

8 ½ (Federico Fellini, 1963)

Achteinhalb

Vordergründig die Seelenschau eines Filmregisseurs in der Schaffenskrise – Guido Anselmi (Marcello Mastroianni mit Fellini-Hütchen): »Ich hab’ halt einfach nichts zu sagen ... Und doch will ich etwas sagen!« –, weitet sich »8 ½« zur großen Ich-(= (Innen-) Welt-)Erzählung, die Realität nicht nur als greifbares Hier und Jetzt versteht, sondern als In-, Durch- und Miteinander von Erleben, Erinnerung und Traum, von Diesseits und Jenseits, von Gestern, Heute und (vielleicht) Morgen. Federico Fellini, der große Zampanò des modernen Kinos, handelt dies alles (natürlich) nicht theoretisch ab – ganz im Gegenteil: Er fabuliert dem Teufel das Ohrläppchen ab, greift ins pralle (eigene) Leben, läßt einprägsame Charaktere aufmarschieren: das hysterische Starlet und den altersgeilen Narren, die bittere Ehefrau und die aufgeschminkte Geliebte, die ätherische Muse und den verkniffenen Intellektuellen, das mystische Superweib und den heuschreckenhaften Parapsychologen – Dämonen, Spiegelungen, Korrelate seines filmischen (Alter) Ego. In Bildern von traumhafter Klarheit (Gianni di Venanzo) und zu einer Musik von sentimentalem Überschwang (Nino Rota) zeigt »8 ½« einen (= den?) Menschen als Kosmonauten auf der Reise durch das Universum seiner selbst, als Clown im Zirkus der eigenen Existenz.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Gianni Di Venanzo M Nino Rota A Piero Gherardi S Leo Cattozzo P Angelo Rizzoli D Marcello Mastroianni, Claudia Cardinale, Anouk Aimée, Sandra Milo, Rossella Falk | I & F | 138 min | 1:1,85 | sw | 14. Februar 1963

11.2.63

Nattvardsgästerna (Ingmar Bergman, 1963)

Licht im Winter 

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ein dunkler Sonntag im November: Pastor Tomas (!) Ericsson (Gunnar Björnstrand) zelebriert die Messe in einer fast leeren Kirche. Nach dem Abendmahl wird in kargen Szenen das Drama entrollt: Der Geistliche, vom Tod seiner Frau nachhaltig erschüttert, fühlt sich von Gott verlassen, ist außerstande, einem am ›Zeitalter der Angst‹ verzweifelnden Fischer (Max von Sydow) seelischen Beistand zu leisten, klagt stattdessen über die eigene Glaubenskrise, weist angeekelt die opferbereite Zuneigung seiner ehemaligen Geliebten, einer altjüngferlichen Lehrerin (Ingrid Thulin), zurück. Mit »Nattvardsgästerna« (= Abendmahlsgäste – der Originaltitel weiß nichts von einem »Licht im Winter«), einem unfaßbar (und unnahbar) präzise exekutierten Thesenstück, beginnen Bergman und sein Kameramann Sven Nykvist ihre Erkundungsfahrten in die menschliche Physiognomie: Insistierende Großaufnahmen dringen in psychologische Tiefen vor, die mit Dialogen kaum zu ergründen wären. (Überhaupt Nykvist: Was wären Bergmans Filme ohne sein unendlich fein moduliertes Licht, ohne seinen Mut zur Leere, ohne seinen durchdringenden Blick, der Gedanken in Bilder verwandelt?) Das eisige Endspiel mündet (nach wenigen Stunden erzählter Zeit) in einen niederschmetternden Zirkelschluß: Wieder steht der Pastor vor einer »Gemeinde«; die Bänke sind nun (bis auf eine nicht zu beirrende Ungläubige) vollkommen verwaist. Doch der Dienst an einem schweigenden Gott geht weiter… Wie es bei Beckett heißt: »Man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen.«

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Max von Sydow, Allan Edwall | S | 81 min | 1:1,37 | sw | 11. Februar 1963

1.2.63

Machorka-Muff (Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, 1963)

»Wird die Öffentlichkeit … wird sie es schlucken?« – »Sie wird es schlucken. Sie schluckt alles.« Bonn, in den Jahren der Wiederaufrüstung: Der einst unfreiwillig retirierte Oberst Erich von Machorka-Muff (»Hin und wieder habe ich Appetit auf die derbe Erotik der niederen Klassen.« – Erich Kuby), standesbewußter Offizier aus altem katholischen Adel, kehrt als General zur neuformierten Truppe zurück, um zum Zwecke der Traditionspflege in der Hauptstadt die »Akademie für militärische Erinnerungen« zu begründen: Gestern und Heute, Krieg und Verteidigung, Gewaltherrschaft und Demokratie in jeweils trauter Zweisamkeit. 17 lächerlich spröde inszenierte, ergreifend schlicht kadrierte, schnarrend laienhaft gespielte Minuten von satirischer Vollendung. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet verfeinern die launige Böllsche Stichelei (mit schlichten Namenswitzen à la »Murcks-Maloche« und »von Zaster-Pehnunz«) durch bildhaft-abstrakten Zugriff zur lakonisch entlarvenden Travestie bundesrepublikanischer Verhältnisse: »Opposition – was ist das? Haben wir die Mehrheit, oder haben wir sie nicht?«

R Jean-Marie Straub, Danièle Huillet B Jean-Marie Straub, Danièle Huillet V Heinrich Böll K Wendelin Sachtler M François Louis S P. C. Lemmer P Walter Krüttner D Erich Kuby, Renate Langsdorff, Rolf Thiede, Guenther Strupp | BRD | 17 min | 1:1,37 | sw | 1. Februar 1963

25.1.63

Landru (Claude Chabrol, 1963)

Der Frauenmörder von Paris

Henri Désiré Landru war ein notorischer Betrüger und Heiratsschwindler. Aber war er auch ein Serienkiller? 1922 schlug man ihm wegen der Ermordung von zehn verschwunde­nen Frauen den Kopf ab. Die Leichen der mutmaßlichen Opfer wurden nie gefunden … Claude Chabrol und seine Szenaristin Françoise Sagan lassen die Affäre Landru in Form einer hochstilisierten Schwarzkomödie aus der nicht besonders guten alten Zeit Revue passieren; die an Zeitschriftenillustrationen erinnernden Dekors (Jacques Saulnier), die theatralen Dialoge, das distanzierte, oftmals outrierte, hin und wieder sogar slapstickhafte Spiel der Darsteller (allen voran Charles Denner in der diabolisch-spitzbärtigen Titelrolle) verwandeln den legendären Kriminalfall aus den Jahren des Ersten Weltkriegs in ein elegant-moritatenhaftes Schauerstück. Der unklaren Beweislage folgend, zeigt Chabrol keine einzige Bluttat, nur die einfrierenden Gesichter liebeshungriger Damen (darunter Michèle Morgan und Danielle Darrieux) und immer wieder einen rauchenden Schornstein. Kurze Einschübe historischen Bildmaterials setzen das politisch legitimierte Massensterben des Krieges ins Verhältnis zum inkriminierten zivilen Tötungsdelikt: »Quelle horreur, 10000 morts.« – »Et alors, la vie est faite de sang et de terreur, ma chère amie.« Denner gestaltet Landru als Phänotypen der Epoche: charmanter Bonhomme und gefühlloser Profiteur, sorgender Familienvater und zynischer Pedant, sanftes Monster und beschränktes Genie. Die Wahrheit über sich und seine Machenschaften mag der Mythos zu Lebzeiten auch angesichts des bevorstehenden Todes unter dem Fallbeil nicht preisgeben: »C’est mon petit bagage.«

R Claude Chabrol B Françoise Sagan K Jean Rabier M Pierre Jansen A Jacques Saulnier S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Charles Denner, Stéphane Audran, Danielle Darrieux, Michèle Morgan, Hildegard Knef | F & I | 115 min | 1:1,66 | f | 25. Januar 1963

Le petit soldat (Jean-Luc Godard, 1963)

Der kleine Soldat

»À bout de souffle« mit einer Art Handlung – erzählt in einer großen Rückblende vom tristen Ende her. Genf, während des Algerienkrieges: Bruno Forestier (sieht fast noch besser aus als Belmondo: Michel Subor), Fotograf und Agent der kryptofaschistischen französischen »Geheimarmee« OAS, soll einen algerienfreundlichen Journalisten abknallen. Er verliebt sich in Véronica Dreyer (!) (mit Wind in den Haaren: Anna Karina), die, wie sich herausstellt, für die andere Seite arbeitet. Als Bruno aussteigen will, kidnappen seine »Freunde« das Mädchen, um ihn zum Mord zu pressen … Intrigen, Folter, Tod, aber auch Liebe, Kunst, Reflexion und (wie anders bei JLG?) Spiel, Posen, Gerede. Neben Überlegungen zur Verwandtschaft von Kamera und Revolver formuliert Godard in »Le petit soldat« zudem seinen berühmten – in den Posiealben der Cinéasten mittlerweile mausetotzitierten – Film=24xWahrheit/Sekunde-Satz. Von Ex-Kriegsberichter Roaul Coutard gut ge­schossener Intello-Pulp, der wegen seiner vermeintlichen politischen Brisanz drei Jahre im französischen Giftschrank lag.

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Maurice Leroux S Agnès Guillemot, Lila Herman P Georges de Beauregard D Michel Subor, Anna Karina, Henri-Jacques Huet, Paul Beauvais, László Szabó | F | 88 min | 1:1,37 | sw | 25. Januar 1963

15.1.63

Beschreibung eines Sommers (Ralf Kirsten, 1963)

»Wir bauen hier den Sozialismus auf!« – »Wir bauen hier erstmal ein Chemiewerk.« Bewußtsein und Beton: die (rot-)glühende FDJlerin und der unsentimentale Ingenieur, die feingliedrige Grit und der massige Tom, Christel Bodenstein und Manfred Krug. Ralf Kirstens »Beschreibung eines Sommers« (nach dem Ankunftsroman von Karl-Heinz Jakobs) ist die Schilderung des Lebens und Arbeitens auf einer Großbaustelle irgendwo in der jungen DDR, die Geschichte einer unmöglichen und doch unausweichlichen Liebe, ein bald zarter, bald ruppiger Film, ein sensibles, neugieriges Abtasten von Gesichtern und Landschaften. Es ist viel euphorische Hoffnung in dieser Erzählung (»Wie lange wird’s wohl dauern, bis wir im Kommunismus leben?« – »Hundert Jahre …« – »Viel früher!«), viel linientreue Romantik (Lagerfeuer, Klampfenklänge, Umgestaltung von Natur und Mensch), aber auch eine große Offenheit des Blicks, ein selbstverständliches Zulassen von Zweifeln, Konflikten, Ängsten und, am Wichtigsten vielleicht: glaubwürdige Gefühle, aufrichtiges Empfinden. Ein intimes Meisterstück des nachdenklichen Optimismus.

R Ralf Kirsten B Karl-Heinz Jakobs, Ralf Kirsten V Karl-Heinz Jakobs K Hans Heinrich M Wolfgang Lesser A Hans Poppe, Jochen Keller S Christel Röhl P Werner Liebscher D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Günther Grabbert, Marita Böhme, Johanna Clas | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1963