19.12.71

A Clockwork Orange (Stanley Kubrick, 1971)

Uhrwerk Orange

»Viddy well, little brother, viddy well.« Nachdem er sich mit dem speziellen Angebot der Korova Milk Bar für »a bit of the old ultraviolence« in Stimmung gebracht hat, kommt Alex (»your humble narrator«: Malcolm McDowell) mit seinen droogs Pete, Georgie und Dim einmal mehr auf den ultimativen Trip: Gewalt und Sex und Musik – Tritte, Schläge, Stöße gegen, auf, in alles, was da geht, steht, liegt, dazu ein paar Takte vom alten Ludwig Van. Stanley Kubricks brutal-ironischer Zukunfts- und Entwicklungsroman (nach der Vorlage von Anthony Burgess) verfolgt Alex’ Weg von der lustvollen Enthemmung des soziopathischen Individuums, über die staatlicherseits verfügte Transformation des juvenilen Delinquenten (mittels »Ludovico technique«) in ein zwangsweise friedfertiges Wesen und dessen totale Erniedrigung, bis hin zum Wiedererwachen des freien Willens in allseitigem Einvernehmen: »real horrorshow« … In einer beklemmend präzise choreographierten Orgie aus plakativen Weitwinkel-Bildern und klirrenden Synthesizer-Klängen, aus quietschbuntem Carnaby-Street-Kitsch und bleierner New-Town-Tristesse pointiert »A Clockwork Orange« den Konflikt von gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien und irrationalem menschlichen Verhalten, von moralischer Wahlmöglichkeit und administrativer Bestimmung, zeigt die Erosion sozialer Einheiten, die Auflösung von männlicher Selbstgewißheit in zügellosen Exzeß, stotternde Feigheit, törichten Drill, aasige Berechnung. Für Alex, den attraktiv-sadistischen malchick mit Stock und Melone, mit Suspensorium und Springerstiefeln, mit weißem Overall und falschen Wimpern am rechten Auge, zugleich Protagonist und Opfer der modernen Zeit, geht Kubricks böse coming-of-age-story in jeder Beziehung gut aus: »I was cured, all right!«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick V Anthony Burgess K John Alcott M diverse A John Barry S Bill Butler P Stanley Kubrick D Malcolm McDowell, Patrick Magee, Anthony Sharp, Michael Bates, Philip Stone | UK & USA | 136 min | 1:1,66 | f | 19. Dezember 1971

# 968 | 9. August 2015

17.12.71

Diamonds Are Forever (Guy Hamilton, 1971)

James Bond 007 – Diamantenfieber

»And for dessert la pièce de résistance: la bombe surprise.« … »Diamonds Are Forever«, diese zwiefache Rückkehr – die des originalen Bond-Darstellers Sean Connery und die des geborenen Bond-Regisseurs Guy Hamilton –, ist eine einzige ›bombe surprise‹, eine große Explosion von unsinnigen und vergnüglichen Überraschungen. Ganz oberflächlich gesehen handelt das Abenteuer von der Auseinandersetzung des Superagenten 007 mit einem Superirren im Mao-Look, der mittels eines Laser-Satelliten die Weltmächte erpressen will – in Wahrheit aber geht es nur um die saloppe Aneinanderreihung von möglichst hanebüchenen Situationen, wobei das glitzernde Las Vegas (»The Entertainment Capital of the World«) die perfekte Kulisse für diese Art synthetisch-schwereloser Unterhaltung liefert. Bemerkenswert erscheint bei aller planvollen Trivialität das geradezu obsessive Spiel mit Verdoppelungen und Spaltungen: da sind das Killerduo Mr. Wint und Mr. Kidd, die weiblichen Kampfmaschinen ›Bambi‹ und ›Thumper‹ sowie die chirurgisch erstellten Doubles des Schurken Blofeld (Charles Gray) – der zudem in die Rolle eines spleenigen Industriellen schlüpft (dessen Vor- und Zuname (Willard Whyte = Howard Hughes) wiederum mit demselben Buchstaben beginnen) –, Bond nimmt die Identität eines brutalen Juwelenschmugglers an, während er sich selbst für tot erklärt, und die (ziemlich ausgeschlafe ne) Tiffany Case (Jill St. John) wechselt die Seiten so nonchalant wie die Haarfarbe: »Weren't you a blonde when I came in?« – »Could be.« Gegen Ende seines schändlichen Lebens zitiert Blofeld übrigens den französischen Moralisten La Rochefoucauld, der einst bemerkte, Bescheidenheit sei die schlimmste Form von Eitelkeit. Dieser Untugend machen sich James Bond und seine filmischen Schöpfer nicht im Geringsten schuldig.

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Tom Mankiewicz V Ian Fleming K Ted Moore M John Barry A Ken Adam S Bert Bates, John W. Holmes P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Jill St. John, Charles Gray, Lana Wood, Jimmy Dean | UK | 120 min | 1:2,35 | f | 17. Dezember 1971

1.12.71

La décade prodigieuse (Claude Chabrol, 1971)

Der zehnte Tag

Formal abgehobener, spätbourgeoiser Familienthriller, mit dem Claude Chabrol seine manische Charles-Hélène-Paul-Konstellation ein weiteres (und letztes) Mal variiert: Charles (Anthony Perkins), der mit Hélène (Marlène Jobert), der jungen, schönen Frau seines gottgleichen, schwerreichen (Stief-)Vaters (Orson Welles), geschlafen hat und darüber den Verstand zu verlieren droht, bittet seinen ehemaligen Lehrer Paul (Michel Piccoli) um Beistand bei der (Neu-)Ordnung der schwierigen Verhältnisse … Chabrol kümmert sich kaum um klassischen Spannungsaufbau mit logisch nachvollziehbaren Handlungslinien – »La décade prodigieuse« gleicht eher einem fiebrigen Gang durch einen verwinkelten, düsteren Herrensitz, wo hinter jeder Ecke ein unerfreuliches Geheimnis lauert. Der hemmungslos-lustvolle Einsatz christlicher Symbolik schickt Realismus und sogenannte psychologische Glaubwürdigkeit zur Hölle; so kann diese leicht blasphemische Familienaufstellung ihre Protagonisten in aller Ruhe durch ein Fegefeuer von Betrug, Lüge, Angst, Schuld, Verrat und Rache treiben – bis hin zum finalen Strafgericht.

R Claude Chabrol B Paul Gégauff V Ellery Queen K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Genovès D Anthony Perkins, Michel Piccoli, Marlène Jobert, Orson Welles, Guido Alberti | F & I | 110 min | 1:1,66 | f | 1. Dezember 1971