25.12.58

Bell Book and Candle (Richard Quine, 1958)

Meine Braut ist übersinnlich 

»You gave me something wonderful: You made me unhappy.« Magisch-skurrile love story zwischen einem älteren Vernunftmenschen (James Stewart) und einer gutaussehenden jungen Hexe (Kim Novak), angesiedelt im verschneit-weihnachtlichen New York. (Nachdem ihre Romanze in Hitchcocks »Vertigo« kurz zuvor tragisch endete, gewährt Richard Quine dem Paar gleichsam eine zweite Chance…) Hexen, so lernt man anfangs, vermögen weder zu erröten, noch zu weinen – und lieben können sie auch nicht. Zur Vorhersage, daß Novak in »Bell Book and Candle« erröten, weinen und lieben wird, bedarf es mithin keiner übersinnlichen Fähigkeiten. Der Weg ins Glück führt über allerlei Hürden (und durch einige Längen), die von gutaufgelegten Darsteller aus dem Weg geräumt (beziehungsweise charmant verkürzt) werden: Jack Lemmon als bongospielender Nachwuchszauberer, Ernie Kovacs als alkoholischer Sachbuchautor (»Magic in Mexico«, »Voodoo Among the Virgins«), Elsa Lancaster (kichernd) und Hermione Gingold (hochtönend) als Hexen von altem (!) Schrot und Korn. »Ring the bell. Close the book. Quench the candle.«

R Richard Quine B Daniel Taradash V John Van Druten K James Wong Howe M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Julian Blaustein D James Stewart, Kim Novak, Jack Lemmon, Ernie Kovacs, Hermione Gingold, Elsa Lanchester | USA | 106 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1958

18.12.58

Romarei, das Mädchen mit den grünen Augen (Harald Reinl, 1958)

Ein deutscher Abenteuerfilm »nach dem gleichnamigen in der Bild-Zeitung erschienenen Roman« – das klingt doch vielversprechend: abgedroschene Exotik (der Zauber Arabiens und die Geheimnisse der Wüste), tödliche Rivalität unter internationalen Wirtschaftsbossen, eine gehörige Portion Okkultismus (der abergläubische Magnat und das Fräulein mit dem zweiten Gesicht), obendrein wahre Liebe, ein blinder Junge sowie ein treuer Hund – der Stoff, aus dem die guten schlechten Filme sind. Dazu die exzentrischen Rollennamen: Sir Boris Olinzoff, Papas Leonidas, Kees Falkenried, nicht zu vergessen der unsichtbar im Hintergrund spukende Schurke ›Mazareff‹ – was kann da noch schiefgehen? So manches, wie man in dieser erznaiven Geschichte um ein hellseherisch begabtes Waisenkind sieht: Harald Reinl (der Adenauer des bundesrepublikanischen B-Films) eiert unentschlossen zwischen Heimatkitsch, Reißer, Märchen und Romanze. Trotz pappiger Kulissen und billiger Flitterkostüme, trotz hanebüchener Kolonialklischees und hochkarätiger Knallchargen wie Dominique Wilms oder Reggie Nalder sinkt »Romarei, das Mädchen mit den grünen Augen« nur selten auf jenes Niveau, wo schlichter Blödsinn in brillanten Eskapismus umschlägt – wie etwa, wenn der verrückte Hobbybotaniker Baron de Tavel (Kurt Meisel) seinen staunenden Tischgenossen erklärt, daß der Mensch von den Pflanzen abstamme: »Sie sollten einmal die Form einer knospenden Lilia aphrodisia betrachten, wie sich in ihr die Gestalt eines schlanken Mädchenkörpers abzeichnet. Und wenn sich die Blume auftut, dann ...« Mit »Romarei« tut sich leider keine Blume auf.

R Harald Reinl B Gerda Corbett V Gerda Corbett K Hans Schneeberger M Willi Mattes A Ernst H. Albrecht S Johanna Meisel P Gero Wecker D Carola von Kayser, Leonard Steckel, Joachim Hansen, Reggie Nalder, Werner Peters | BRD & I | 89 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1958

Some Came Running (Vincente Minnelli, 1958)

Verdammt sind sie alle 

Tomographie einer amerikanischen Kleinstadt: Nach 16 Jahren kehrt der blockiert-verkrachte Schriftsteller Dave (Frank Sinatra) in seine Heimat zurück; im Gepäck trägt er viel Hader – mit sich und mit der Welt seines älteren Bruders (Arthur Kennedy), eines bigotten Gliedes der sogenannten besseren Gesellschaft. Untermalt von Elmer Bernsteins bald lyrisch-melancholischen, bald bedrohlich stampfenden Kompositionen, entwirft Vincente Minnelli das trostlos-ergreifende Cinema-Scope-Bild (Kamera: William H. Daniels) einer Lebensart, die von Frustration, Kleingeistigkeit, emotionaler Vereisung und Alkohol beherrscht wird. Beziehungen, Talente, Hoffnungen – alles ist irgendwie verpfuscht, und Mitleid scheint auf diesem Jahrmarkt der Traurigkeiten das höchste der möglichen Gefühle. Dean Martin verkörpert (als Inkarnation seiner selbst) einen professionellen Spieler, der – in einer hochprozentigen splendid isolation lebend – niemals den Hut absetzt (nur einmal, ganz zum Schluß, wird er ihn lüften); Martha Hyer flüchtet sich als hochmütig-mutlose Lehrerin ins platonische Unglück; im heimlichen Zentrum der Erzählung steht die von Shirley MacLaine gespielte Ginny: Das (nur vordergründig) sonnige Doofchen mit der rührenden Plüschtiertasche ist weit und breit die einzige, die in der Lage ist, ganz unverstellt Liebe zu geben und zu zeigen – im apokalyptisch illuminierten Finale wird ihr genau das zum Verhängnis. In seiner expressiv-analytischen Überspanntheit wirkt »Some Came Running« wie ein von Frank Tashlin inszeniertes Douglas-Sirk-Melodram.

R Vincente Minnelli B John Patrick, Arthur Sheekman V James Jones K William H. Daniels M Elmer Bernstein A William A. Horning, Urie McCleary S Adrienne Fazan P Sol C. Siegel D Frank Sinatra, Dean Martin, Shirley MacLaine, Arthur Kennedy, Martha Hyer | USA | 137 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1958

17.12.58

Der Schinderhannes (Helmut Käutner, 1958)

»Einmalig in der rheinländischen Kriminalität! Hier werden die schauerlichen und pikanten Einzelheiten enthüllt!« Eine Räuber-Dramödie aus der Franzosenzeit, von Helmut Käutner als komparsenreiches Bauerntheater mit speckigen Wämsern und kecken Filzhütchen, struppigen Perücken und böllernden Doppelflinten dargeboten. Curd Jürgens (in der Titelrolle des legendären Bandenführers, eines vermeintlichen »Robin Hood aus dem Hunsrück«) und Maria Schell (als liebende Kebse des edelmütigen Schurken) plagen sich hörbar mit dem angelernten Dialekt und machen, trotz ihres jeweiligen Star-Nimbus, auch ansonsten keine besonders überzeugende Figur. »Der Schinderhannes« hätte ein interessantes Lehrstück sein können: über einen berühmten Mann, der sich allgemach für denjenigen hält, den die Öffentlichkeit in ihm sieht, der seiner eigenen Legende auf den Leim geht und eben daran scheitert. Käutner jedoch, in anderen Fällen für spöttische Distanz durchaus zu haben, inszeniert einen kreuzbraven Bilderbogen, zeichnet das unkritische Bild eines selbstherrlichen Kerls, der (angeblich) »die Reichen schröpft und den Armen kein Haar krümmt« und deshalb (sowie Verrats wegen) mit seinen Konsorten aufs Schafott steigen muß. So bleibt der Film nichts als eine zweifelhafte Moritat in malerischer Landschaft: »Das ist der Schinderha-hannes, / der Lumpenhund, der Galgenstrick, / der Schrecken jedes Ma-hannes / und auch der Weiber Stück.«

R Helmut Käutner B Georg Hurdalek V Carl Zuckmayer K Heinz Pehlke M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Gyula Trebitsch, Walter Koppel D Curd Jürgens, Maria Schell, Christian Wolff, Fritz Tillmann, Siegfried Lowitz | BRD | 115 min | 1:1,66 | f | 17. Dezember 1958

# 890 | 30. Juni 2014

1.12.58

Murder by Contract (Irving Lerner, 1958)

Der Tod kommt auf leisen Sohlen

»Now why would a stranger kill a stranger? Because somebody’s willing to pay. It's business.« Claude (Vince Edwards), ein adretter junger Mann mit sicherer Stellung und akzeptablem Gehalt, möchte sich verbessern: »I want to be a contractor.« Claude hat einen Traum: ein Haus am Fluß. Jeder Auftrag bringt ihm 500 $. So rückt das Ziel in greifbare Nähe: »When you do a good job, the money comes.« Nachdem er sich – in kurzen, elliptisch gestalteten Episoden – mehrfach bewährt hat (unter anderem durch Beseitigung seines Anwerbers), wird der umsichtige Killer (»I don’t make mistakes.«) nach Los Angeles geschickt, wo er, unterstützt und überwacht von zwei Komplizen, einen Kronzeugen vor der gerichtlichen Vernehmung eliminieren soll … Ein kühler Thriller, schnell produziert, ohne formale Schnörkel, eine existenzialistische Farce voll makabrer Komik und absurder Situationen, das lakonische Porträt eines Loners, der von sich behauptet, jedes persönliche Gefühl ausgeschaltet zu haben: »I feel hot, I feel cold, I get sleepy, and I get hungry.« Claude beginnt bezeichnenderweise die Kontrolle in jenem Moment zu verlieren, da er erfährt, daß der abzuservierende Zeuge eine Zeugin ist: »I don’t like women. They don’t stand still.« Irving Lerner und sein Kameramann Lucien Ballard (der auch Stanley Kubricks meisterlichen Spät-Noir »The Killing« fotografierte) geben diesem B-Movie das Gepräge eines grotesken (Genre-)Totentanzes mit parodistischem Unterton: Eine der schönsten Szenen von »Murder by Contract« spielt in den schäbigen Kulissen eines aufgelassenen Hollywood-Studios. Die kongeniale Endspiel-Musik von Perry Botkin zitiert Anton Karas’ legendären Wiener Zithersound: Ein grandioser, minimalistisch-melancholischer Gitarrenscore (die Tracks tragen so wunderbare Titel wie »The Executioner Theme« und »Waltz of the Hunter«) vereinigt, ebenso wie Lerners souveräne Regie, ironisch gebrochenes Pathos und todtraurigen Humor.

R Irving Lerner B Ben Simcoe K Lucien Ballard M Perry Botkin Sr. A Jack Poplin S Carlo Lodato P Leon Chooluck D Vince Edwards, Philip Pine, Herschel Bernardi, Caprice Toriel, Kathie Browne | USA | 81 min | 1:1,85 | sw | 1. Dezember 1958

# 885 | 25. Juni 2014

7.11.58

Ich werde dich auf Händen tragen (Veit Harlan, 1958)

Ines (Kristina Söderbaum) heiratet Rudolf (Hans Holt) und übersiedelt in die repräsentative Villa des reichen Kunsthändlers oberhalb von Florenz. Dort leben auch dessen 8jährige Tochter Agnes nebst Kinderfräulein Anne (Hilde Körber) – beide in religiöser Schwärmerei der toten Mutter des Mädchens und ersten Frau des Hausherren verbunden (man könnte auch sagen: verfallen). Ines verspürt ihre Ablehnung, ja ihren Haß – und schon bald meint auch sie, das Klavierspiel der Verstorbenen aus dem verschlossenen Gartenpavillon ins Diesseits herüberschallen zu hören ... Die Atmosphäre erinnert an Hitchcocks »Rebecca«, wo gleichfalls der Schatten einer Toten auf die Seelen der Lebenden fällt, doch Veit Harlan mangelt es in »Ich werde dich auf Händen tragen« an Mut (vielleicht auch an Energie oder an Mitteln), die theatralische Konstellation bis zum Letzten aus- und durchzuspielen: Es fehlen die ultimative Bosheit, die unbeherrschten Gefühlsausbrüche, das Zugespitzte, das Hemmungslose. Die Gespenster der Vergangenheit, von denen Gegenwart und Zukunft verdüstert werden, lassen sich so leicht verjagen wie orientierungslose Fledermäuse. Lediglich in den Szenen, in denen der Regisseur die sentimentale Söderbaum und die erbitterte Körber (im richtigen Leben die beiden Mütter seiner Kinder) einander als Rivalinnen gegenüberstellt, entwickelt sein letzter Film eine reizvolle autobiographisch-familiäre Perfidie.

R Veit Harlan B Veit Harlan, Guido Fürst V Theodor Storm K Gerhard Krüger M Werner Eisbrenner A Ernst H. Albrecht, Hans Auffenberg S Klaus M. Eckstein P Gero Wecker D Kristina Söderbaum, Hans Holt, Hans Nielsen, Barbara Haller, Hilde Körber | BRD | 91 min | 1:1,37 | f | 7. November 1958

2.11.58

The Geisha Boy (Frank Tashlin, 1958)

Jerry außer Rand und Band

Weil er in der Heimat kein Engagement findet, geht Bühnenmagier Gilbert »The Great« Wooley (Jerry Lewis) an der Seite seines Partners, des weißen Hasen Harry (der tatsächlich über metaphysische Kräfte zu verfügen scheint), zur Truppenbetreuung in den fernen Osten. Im Land der aufgehenden Sonne trifft Gilbert auf den Waisenjungen Mitsuo Watanabe, den er mit seinem exzentrischen Ungeschick erstmals seit dem Tod der Eltern zum Lachen bringt, woraufhin der bezauberte Sechsjährige den Illusionskünstler nicht mehr aus den Fängen läßt ... Frank Tashlin nutzt die turbulenten Reiseabenteuer des linkischen Frontunterhalters zur Veralberung uramerikanischer Phänomene wie Sexbomben (Marie McDonald als zickige Platinsirene Lola Livingston) und Baseball (die Los Angeles Dodgers als Los Angeles Dodgers) ebenso wie zur Persiflage auf prominente Kinomotive (Sessue Hayakawa karikiert seine Rolle als Colonel Saito in »The Bridge on the River Kwai«, während über dem Fuji die Paramount-Sterne blinken) und zum romantischen Systemvergleich zwischen West und Ost (Suzanne Pleshette als taffe US-Offizierin versus Nobu McCarthy als zutunliche Mademoiselle Butterfly) – all dies wird freilich rigoros überlagert von Lewis’ clownesk-sentimentaler Hingabe an flauschige Langohren und kleine Japaner.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Rudy Makoul K Haskell B. Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macronie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Robert Hirano, Nobu McCarthy, Sessue Hayakawa, Suzanne Pleshette, Marie MacDonald | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 2. November 1958

# 1073 | 3. September 2017

28.10.58

Party Girl (Nicholas Ray, 1958)

Das Mädchen aus der Unterwelt

Ein film noir in leuchtenden Farben (vor allem Rot – in allen Schattierungen), ein revuehaftes gangster movie, ein zuckriges Melodram. Wohl keiner bannte das wilde Chicago der Mobster so märchenhaft-imaginär, so schwärmerisch-sentimental auf Zelluloid wie Nicholas Ray. »Party« Girl handelt von leichten und von schweren Wegen, von alter Partnerschaft und von großer Liebe, vom berechenbaren und vom unberechenbaren Wahnsinn – dies alles veranschaulicht an den Beziehungen zwischen einer innerlich blessierten Tänzerin (Cyd Charisse als ›Vicki Gaye‹), die ihre Gesellschaft verkauft, einem hinkenden Anwalt (Robert Taylor als ›Tommy Farrell‹), der sein Talent feilbietet, und einem Unterweltboss (Lee J. Cobb als ›Rico Angelo‹), der wie ein verrückter König über sein kriminelles Reich herrscht (und schon mal ein Foto von Jean Harlow erschießt, weil sie geheiratet hat – aber nicht ihn). So wie Tommy Geschworene mit rührenden Geschichten einlullt und Freisprüche für sichere Todeskandidaten herausschlägt, so spinnt der große Nick aus dem filmischen Stroh abgedroschener Geschichten und auserzählter Figuren ein hochmusikalisches, schillernd-überkandideltes Breitwand-Prachtstück.

R Nicholas Ray B George Wells K Richard Bronner M Jeff Alexander A Randall Duell, William A. Horning S John McSweeney Jr. P Joe Pasternak D Robert Taylor, Cyd Charisse, Lee J. Cobb, John Ireland, Kent Smith | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 28. Oktober 1958

Wir Wunderkinder (Kurt Hoffmann, 1958)

»Leute, genießt bloß die Nachkriegszeit / denn bald wird sie wieder zur Vorkriegszeit!« Wenn der bundesdeutsche Film der 1950er Jahre gesellschaftskritisch sein will, greift er gerne zu den Mitteln des Kabaretts; so auch Kurt Hoffmann, der das Duo Neuss/Müller als singende Conférenciers einer flotten Epochenrevue besetzt. Die beiden Wolfgangs erzählen launig die Lebensgeschichte zweier Klassenkameraden, die sich – der eine recht, der andere schlecht – durch die Zeitläufte lavieren. Hans (zahnlos: Hansjörg Felmy) – anständig und duckmäuserisch (= gut deutsch) – und Bruno (dynamisch: Robert Graf) – einnehmend und mitlaufend (= böse deutsch) – machen jeweils ihren Weg, wie sie können und wie es ihnen charakterlich gegeben ist. »Wir Wunderkinder« (der so heißt »weil es nach allem, was wir erlebt haben, ein Wunder ist, daß wir Kinder dieses Jahrhunderts überhaupt noch leben«) unterhält auf hohem visuellen und musikalischen Niveau, vermeidet jedoch konsequent den Blick in die historischen Abgründe.

R Kurt Hoffmann B Heinz Pauck, Günter Neumann V Hugo Hartung K Richard Angst M Franz Grothe A Franz Bi, Max Seefelder S Hilwa von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Robert Graf, Johanna von Koczian, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 107 min | 1:1,66 | sw | 28. Oktober 1958

17.10.58

Die Trapp-Familie in Amerika (Wolfgang Liebeneiner, 1958)

Zweiter Teil der Familiensaga: Die sangesfrohen Trapps tun sich schwer in der Neuen Welt – ihre glockenhellen Stimmen lassen sich nicht in klingende Münze umsetzen. Bis die exilierte österreichische Sippschaft (zufällig) erkennt, worauf das zahlende US-Publikum anspringt, braucht es einen ganzen Spielfilm mit vielen frustrierenden Umwegen, inklusive einer kuriosen Lektion in Sachen sex-appeal für die nonnenhafte, doch stets unverzagte Chormutter (Ruth Leuwerik). Herbert Reineckers Drehbuch reiht eher unkonzentriert Episode an Episode, läßt aber gerade durch seine dramaturgische Gleichgültigkeit viel Raum für atmosphärische Impressionen. »Außenaufnahmen in Amerika« verkündet nicht ohne Stolz der Titelvorspann – und genau hier liegt der Reiz des Streifens: Eine neugierige, suchende, mal verblüf­fend freudlose, mal unwillkürlich staunende Kamera (Werner Krien) schafft – zumindest in den an Original-Schauplätzen gedrehten Passagen – eine im bundesdeutschen Kino der 1950er Jahre seltene Unmittelbarkeit. »Die Trapp-Familie in Amerika« ist dabei nicht nur simpler Werbeprospekt für den treuen Glauben an ein besseres Morgen im Pursuit-of-Happiness-Kapitalismus; Wolfgang Liebeneiner beschwört vielmehr (in Zeiten von millionenfacher Entwurzelung und schwierigem Neubeginn) die unverlierbare innere Heimat des Menschen: »Ich hab’ früher ein Lied so gern gehabt: ›Kein schöner Land in dieser Zeit‹.« – »Welches Land meinen Sie denn?« – »Kann das nicht jedes Land sein?«

R Wolfgang Liebeneiner B Herbert Reinecker V Maria Augusta Trapp K Werner Krien M Franz Grothe A Robert Herlth, Gottfried Will S Margot von Schlieffen P Ilse Kubaschewski, Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Hans Holt, Josef Meinrad, Wolfgang Wahl, Adrienne Gessner | BRD | 104 min | 1:1,37 | f | 17. Oktober 1958

16.10.58

Peter Voss, der Millionendieb (Wolfgang Becker, 1958)

»Die Erde«, schrieb E. G. Seeliger, der Erfinder des Millionendiebes Peter Voss, »ist der Omnibus der freien Menschheit auf ihrer Reise durch die Ewigkeit.« Zwischen dieser absurd-poetischen Erkenntnis und Wolfgang Beckers biederbunter Adaption des oft und gern verfilmten deutschen Abenteuerromans liegen Welten. Dabei klingt die Prämisse recht hübsch: Peter Voss (O. W. Fischer) fingiert einen Einbruch, um einem befreundeten Bankier, dem vorübergehend ein größerer Betrag fehlt, aus der Patsche zu helfen, und flieht sodann, verfolgt von echten Räubern und dem leicht vertrottelten Versicherungsdetektiv Bobby Dodd (Walter Giller), rund um den Globus … »Die Außenaufnahmen wurden in Berlin – Hamburg – Genua – Marseille – Barcelona – Lissabon – Rio de Janeiro – Mexico – Tokio und Hongkong gedreht«, prahlt der Vorspann; die Inszenierung läßt sich jedoch zu keinem Zeitpunkt auf die fremden Orte ein, frühstückt nur hektisch ab, findet, wie ein bornierter Tourist, gerade mal obligate Klischees – wenn überhaupt. Hin und wieder läßt der Film comichaften Charme spielen, etwa wenn sich Peter Voss am brennenden Wrack seines Sportwagens eine Zigarette anzündet oder wenn er in die Rolle eines gefeierten Stierkämpfers schlüpft, um seinen Häschern zu entkommen, aber zumeist degradiert Fischers spöttische Monomanie den nonchalanten Glücksritter zum eitlen Gecken.

R Wolfgang Becker B Curt J. Braun, Gustav Kampendonk V E. G. Seeliger K Klaus von Rautenfeld, Günther Senftleben M Hans-Martin Majewskis A Hanns H. Kuhnert S Klaus M. Eckstein P Kurt Ulrich D O. W. Fischer, Ingrid Andrée, Walter Giller, Margit Saad, Peter Mosbacher | BRD | 111 min | 1:1,37 | f | 16. Oktober 1958

10.10.58

Les tricheurs (Marcel Carné, 1958)

Die sich selbst betrügen

»Cinquante ans de pagaille derrière eux … et sans doute autant devant.« Wenn einer, der die Mitte des Lebens hinter sich gelassen hat, über die »Jugend von heute« spricht, wird es schnell fragwürdig. Auch Marcel Carnés bald konsterniert-kritischer, bald wohlmeinend-sentimentaler Blick auf die Kinder des Zeitalters von Angst und Konsum ist nicht frei von Altherrenhaftigkeit. Sein Pariser Sittenbild zeigt eine Bande von spätexistenzialistischen Mädchen und Jungen, die sich mit hektischer Gleichgültigkeit in ihre Tage und Nächte fallen lassen, radikal antiemotional, vom Leben zum Streben gelangweilt. Sie sind nicht unmoralisch, weil konventionelle Wertmaßstäbe für sie überhaupt keine relevante Kategorie mehr darstellen, sie sind nicht revolutionär, weil ihnen die Gesellschaft, die sie umgibt, vollkommen alternativlos erscheint. »Les tricheurs« beschreibt dieses (in allen Rollen hervorragend besetzte) jazzig-indolente Milieu aus der Perspektive des bourgeoisen Abiturienten Bob, der sich in Mic verliebt, die (vermeintlich!) keinen anderen Wunsch hegt, als einen Jaguar zu besitzen. Zwei Szenen stechen heraus: die Rettung einer Katze von einem fast unerreichbaren Dachgesims, ein provokanter Wettkampf mit dem eigenen Tod; ein Wahrheitsspiel, in dem jede Frage mit einer Lüge beantwortet wird, damit ja nicht der Eindruck entstehe, irgendeiner der (Un-)Beteiligten könnte Gefühle hegen. Carné sucht die Erklärung für dieses (auto-)destruktive Verhalten in den Zeitläuften: Nach zwei Weltkriegen und vor einem möglichen dritten – was wolle, könne, solle man da vom Nachwuchs noch erwarten? Mit seiner Betrachtung derer, die sich selbst betrügen, sitzt er jedoch (bei aller formalen Beweglichkeit, die ihm als Meister der Kinematographie zu Gebote steht) einem höchstpersönlichen Selbstbetrug auf: der Vorstellung, ein Mann von fünfzig könnte die Welt der Zwanzigjährigen allein mit der poetisch-realistischen Einfühlung seiner eigenen nachgeträumten Jugend ergründen.

R Marcel Carné B Marcel Carné, Jacques Sigurd K Claude Renoir M diverse A Paul Bertrand S Albert Jurgenson P Robert Dorfmann D Jacques Charrier, Pascale Petit, Laurent Terzieff, Andréa Parisy, Roland Lesaffre | F & I | 120 min | 1:1,66 | sw | 10. Oktober 1958

3.10.58

Popiół i diament (Andrzej Wajda, 1958)

Asche und Diamant

Frieden als Fortsetzung des Krieges mit anderen (?) Mitteln … Polen, 8. Mai 1945. Die Deutschen haben kapituliert, der Kampf geht weiter: Maciek, Soldat der widerständigen nationalen ›Heimatarmee‹, erhält den Auftrag, einen kommunistischen Funktionär zu liquidieren. Andrzej Wajda erzählt die (reichlich schäbige) Geschichte im Stil eines expressiven film noir (Kamera: Jerzy Wójcik), angereichert mit vollfetten Symbolismen: kopfüberhängende Christusfiguren, wehende weiße Wäsche, herrenlos umherirrende Pferde, ein großer Schicksalsdialog auf dem Abort, eine besoffene Polonaise (!) im Morgengrauen, ein wimmernder Tod auf der Müllkippe. In dem Maße wie »Popiół i diament« (statt beflissen-wirklichkeitsheischende Rekonstruktion zu betreiben) das Geschehen als kristallklaren Alptraum entwickelt, weitet sich die historische Fußnote zum großen geschichtlichen Gleichnis – und Zbigniew Cybulski reiht sich mit seiner Darstellung des aus Sein und Zeit gefallenen, sonnenbebrillten Untergrundkämpfers Maciek Chełmicki (neben James Deans Jim Stark und Jean-Paul Belmondos Michel Poiccard) in die Reihe der unsterblichen, immerjungen Helden des (tragischen) filmischen Rebellentums.

R Andrzej Wajda B Jerzy Andrzejewski V Jerzy Andrzejewski K Jerzy Wójcik M Filip Novak A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Zbigniew Cybulski, Ewa Krzyżewska, Wacław Zastrzeżyński, Adam Pawlikowski, Bogumił Kobiela | PL | 103 min | 1:1,66 | sw | 3. Oktober 1958

1.9.58

Iwan Grosnij II – Bojarskij Sagowor (Sergei Eisenstein, 1958)

Iwan der Schreckliche II – Verschwörung der Bojaren 

Der zweite Teil der geplanten Trilogie über Iwan den Schrecklichen konzentriert sich ganz auf die Kabale in der Umgebung des Zaren: Alte Gefährten verraten den Herrscher, einer läuft zu den Polen über, ein anderer kommt ihm als Metropolit von Moskau politisch in die Quere; seine eigene Tante, als Anführerin der bojarischen Adelsopposition Hauptgegnerin der Autokratie, plant die Ermordung ihres Neffen, nicht zuletzt um ihren schwachsinnigen Sohn auf den Thron zu hieven. Der Zar verkündet entschlossen, seinem Beinamen nunmehr alle Ehre machen zu wollen, und installiert als Instrument des Schreckensregimes die Opritschnina, einen schauerlichen Trupp von Kapuzenträgern, halb Geheimpolizei, halb Leibgarde, bedingungslose Getreue, die ihrem Herren zum Wohle Rußlands jeden schmutzigen Dienst erweisen. Auch wenn der zweite Teil von Sergei Eisensteins Epos die erzählerische Geschlossenheit des ersten vermissen läßt – Handlungsfäden hängen in der Luft, Charaktere verschwinden spurlos von der Bühne des Geschehens, eine Rückblende in Iwans Kindheit versucht, das Movens der historischen Idealfigur biographisch zu verorten –, so eignen dem Film doch visuelle Kraft und analytischer Scharfblick. Bedrückender als im Vorgänger durchzieht eine giftige Atmosphäre von Wahnsinn und Paranoia den Zarenhof, eine Ahnung von Tod und Verdammnis, die in einem lohenden Hexensabbat kulminiert: Zwei dämonische Farbsequenzen in Rot, Ocker und Blaugrau, ein wildes Fest und eine triumphierende Thronrede, bringen den endgültigen Sieg des einsamen Despoten über seine Widersacher: Die Säuberungen sind erledigt, die Macht ist zementiert … Offenbar fühlte sich der Auftraggeber von Eisenstein zu gut erkannt. Josef Stalin verbot die Aufführung des 1946 realisierten Films. »Iwan Grosnij II« gelangte erst 1958 in die sowjetischen Kinos, zwei Jahre nach Chrustschows Geheimrede über die Verbrechen in der Ära des »Personenkults«. Der dritte Teil des Werkes blieb unvollendet, die Trilogie Fragment.

R Sergei Eisenstein B Sergei Eisenstein K Andrei Moskwin, Eduard Tisse M Sergei Prokofjew A Josif Schpinel S Esfir Tobak P Mosfilm D Nikolai Tscherkassow, Serafima Birman, Pawel Kadrotschnikow, Amwrosi Buchma, Michail Scharow | SU | 88 min | 1:1,37 | sw & f | 1. September 1958

28.8.58

Das Mädchen Rosemarie (Rolf Thiele, 1958)

»Als wir am Boden lagen / da ha’m wir uns geschwor’n / wir kriegen alles wieder / was wir einmal verlor’n.« Rolf Thieles Dreigroschenoper für Nadja Tiller: Einen Groschen gibt der Film für Gesellschaftskritik an der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik, einen Groschen für (prüden) Sex und einen Groschen für die auf Brecht schielenden Couplets von Herbst/Adorf/Baal. Tiller spielt die Frankfurter Luxusnutte Rosemarie Nitribitt, die nicht so weit sieht, wie sie glaubt, und ins tödliche Visier derer gerät, die sie auszunehmen gedenkt. Der soziologische Aplomb des Films ist reine Pose, wird aber immerhin so beherzt vorgetragen, daß sich »Das Mädchen Rosemarie« sowohl zum Kassen- und Kritikererfolg aufschwingt, als auch die Offiziellen der noch jungen BRD in echte Bedrängnis bringt – insofern erreicht Thiele sein Klassenziel der massenkompatiblen Nestbeschmutzung. »Doch wer von den Herr’n dich besessen / wird dich lange nicht vergessen.«

R Rolf Thiele B Erich Kuby, Rolf Thiele, Jo Herbst, Rolf Ulrich K Klaus von Rautenfeld M Norbert Schultze A Wolf Englert, Ernst Richter S Elisabeth Neumann P Luggi Waldleitner D Nadja Tiller, Peter van Eyck, Carl Raddatz, Gert Fröbe, Mario Adorf, Jo Herbst, Karin Baal | BRD | 101 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1958

23.7.58

Rock-a-Bye Baby (Frank Tashlin, 1958)

5 auf einen Streich | Der Babysitter

»Close your eys, close your eyes / And away we’ll fly.« Carla Naples könnte sich freuen. Die blonde Hollywood-Diva soll die Titelrolle in der Bestseller-Verfilmung »The White Virgin of the Nile« übernehmen. Aber Carla freut sich nicht. Sie ist schwanger. Von einem mexikanischen Torero, der am Tag nach der Zeugung einem Stier unterlag. In dieser heiklen Situation erinnert sich Carla ihres alten Verehrers Clayton Poole (Jerry Lewis), der ganz weit weg, zu Hause in Midvale, Indiana, als Fernsehtechniker arbeitet (oder es zumindest hartnäckig versucht). Der Anbeter willigt ein, sich um das Baby seiner großen Liebe zu kümmern. Das Baby? Die Babys! Eines Nachts liegen süße Drillinge vor Claytons Tür … Eine sentimentale Farce aus der tiefsten Provinz (»the land of la-la-la«), ein Amalgam aus Wiegenlied und Rock ’n’ Roll, liebevolle Kompromittierung und despektierliche Verklärung des American Dream. Frank Tashlin zeichnet das Porträt einer Gesellschaft zwischen Mediokratie und Mediokrität, verspottet Film und Fernsehen (insbesondere Fernsehwerbung: »Burporex for the tum-tum!«), stellt Macher und Konsumenten des medialen Mülls bloß, überprüft Gewißheiten und Geschlechterrollen am Beispiel des Ideals der kümmernden und sorgenden Mutter. »This diploma is only awarded to the very best of mothers« – die Auszeichnung erhält ein Mann. Ein Mann, der stolz (und zutreffend) von sich behauptet: »I did everything any other woman can do.« Slapstick und Gefühl, Konservatismus und (mögliche) Überwindung von Grenzen: »Now’s the time to give your dreams a try.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin V Preston Sturges K Haskell Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macrorie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Connie Stevens, Marilyn Maxwell, Salvatore Baccaloni, Reginald Gardiner | USA | 103 min | 1:1,85 | f | 23. Juli 1958

# 788 | 1. November 2013

21.7.58

Le chant du styrène (Alain Resnais, 1958)

»On lave et on distille et puis on redistille / et ce ne sont pas là exercices de style.« Der Weg des Kunststoffs vom farbenfrohen Endprodukt zurück zur naturtrüben Materie, von der objekt­haften Konkretisation – Schöpfkelle, Tennisschläger, Badewanne – hinab (oder hinauf?) ins erdgeschichtliche Mysterium: »Ô matière plastique! / D'où viens-tu? Qui es-tu?« In ridikül-hochtönenden Alexandrinern textet sich Raymond Queneau von der knallroten Plastikschüssel auf dem Frühstückstisch der Moderne zurück zum geheimnisvollen Ursprung der fossilen Rohstoffe Kohle und Öl. Alain Resnais folgt der gespreizten sprachlichen Erkundungsreise mit eleganten Dyaliscope-Travellings durch den Maschinenpark und das Röhrengewirr des science-fiktional wirkenden Chemiewerks Pechiney bis in den obskuren Nebel der Schöpfung. Das Hohelied des Plastiks – eine ironische Stilübung zwischen popartiger Technikbegeisterung und manirierter Fortschrittsveralberung.

R Alain Resnais B Raymond Queneau K Sacha Vierny M Pierre Barbaud S Alain Resnais, Claudine Merlin P Pierre Braunberger D Pierre Dux | F | 19 min | 1:2,35 | f | 21. Juli 1958

# 804 | 22. November 2013

25.6.58

Screaming Mimi

Die blonde Venus

Ein psychopathischer Messerstecher attackiert eine Blondine, die im Begriff steht, eine Dusche zu nehmen. Anders als Alfred Hitchcock, der eine ähnliche Situation zwei Jahre später zum fulminant durchkomponierten Mittel- und Höhepunkt eines Horrorthrillers formen wird, knallt Gerd Oswald die Szene in brutaler Kürze an den Anfang seines nachtschwarzen Pulp-Reißers. Tänzerin Virginia Wilson (Anita Ekberg) überlebt den Anschlag äußerlich unverletzt (ihr Stiefbruder erschießt den Angreifer), doch verwirrt sich ihr Geist über das schreckliche Erlebnis. »Screaming Mimi« verknüpft die Geschichte der Traumatisierten und des Nervenarztes Dr. Greenwood, der in manischer Liebe zu seiner Patientin entbrennt und ihr sein weiteres Leben widmet, mit den journalistischen Recherchen zu einer seltsamen Mordserie im Umfeld des (von Burlesque-Legende Gypsy Rose Lee geführten) Amüsierschuppens »El Madhouse« (!), wo die genesene (?) Virginia unter dem Namen Yolanda in einer spektakulären Show-(off)-Nummer auftritt. Burnett Guffeys schmuddlig-kontrast­reiche Schwarzweiß-Bilder verleihen der exaltierten Noir-Fantasie die Aura eines leicht unterbelichteten Klassikers; Ekberg (»the stripper who went to far«) bewegt sich (häufig in Begleitung einer imposanten Dogge namens ›Devil‹) wie eine Schlafwandlerin durch die spukhaft-grelle Erzählung, in die tödliche Obsessionen wie dunkle Schatten fallen, und wo die kitschige Porzellanfigur einer schreienden Frau von altem und von neuem Unheil kündet.

R Gerd Oswald B Robert Blees V Fredric Brown K Burnett Guffey M Mischa Bakaleinikoff A Cary Odell S Gene Havlick, Jerome Thoms P Harry Joe Brown, Robert Fellows D Anita Ekberg, Philip Carey, Gypsy Rose Lee, Harry Townes, Romney Brent | USA | 79 min | 1:1,85 | sw | 25. Juni 1958

# 940 | 5. Februar 2015

22.6.58

Kyojin to gangu (Yasuzo Masumura, 1958)

Giganten und Spielzeuge

Yasuzo Masumura verabfolgt der quietschbunten Fratze des japanischen Wirtschaftwunders eine fröhlich schallende Ohrfeige: Die Marketingabteilungen dreier Bonbon-Konzerne (›Giants‹, ›World‹ und ›Apollo‹) kämpfen mit allen Mitteln um die naschhaften Münder der Verbraucher – es wird gelogen und betrogen, es werden Ideen gestoheln und Ideale verraten, man verhöhnt und erniedrigt sich, man spuckt auf die Gräber der Konkurrenz und betrachtet das Publikum als Masse von Idioten (»Sie sind schlimmer als Babys, schlimmer als Hunde!«), deren leere Köpfe allein dazu gut sind, mit den hohlen Phrasen der Werbung gefüllt zu werden. Die frohe Botschaft hat drei Worte: »Kaufen! Kaufen! Kaufen!« Der hyste­rische Pop-Realismus von »Kyojin to gangu« erforscht nicht nur die stampfende Mechanik eines menschenfressenden Konsumismus, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die bizarren Auswüchse des heraufdämmernden 15-Minuten-Starkults, in dem das Heute immer schon das Gestern von morgen ist.

R Yasuzo Masumura B Yoshio Shirasaka V Takeshi Kaiko K Hiroshi Murai M Tetsuo Tsukahara A Tomoo Shimogawara S Tatsuji Nakashizu P Hideo Nagata D Hiroshi Kawaguchi, Hitomi Nozoe, Yunosuke Ito, Kinzo Shin, Hideo Takamatsu | JP | 95 min | 1:2,35 | f | 22. Juni 1958

6.6.58

Le beau Serge (Claude Chabrol, 1958)

Die Enttäuschten

»Tu n’aimes personne, hein?« – »Bien au contraire, j’aime tout le monde.« François (Jean-Claude Brialy) kehrt nach langer Zeit der Abwesenheit in sein Heimatdorf zurück, um eine Lungenkrankheit auszukurieren. Er begegnet seinem Jugendfreund Serge (Gérard Blain) wieder, der über das Scheitern hochfliegender Pläne und die Totgeburt eines behinderten Kindes zum larmoyant-brutalen Alkoholiker geworden ist. Bisweilen an Bressons glück- und namenlosen jungen Landpfarrer erinnernd, versucht François, ohne auf die eigene angeschlagene Verfassung Rücksicht zu nehmen, dem weigerlichen Gefährten beizustehen, ihm zu helfen, in zu retten. Claude Chabrols Debütfilm (gedreht im kleinen Ort Sardent, wo der Regisseur Teile seiner Kindheit verbrachte) koppelt die symbolisch überhöhte (zweifache) Passionsgeschichte an die illusionslos-realistische Betrachtung der materiell und geistig überaus kargen Lebensumstände in einem abgelegenen Provinznest – eine formale wie erzählerische Divergenz, die das von Henri Decaë mit frostiger Distanziertheit fotografierte Werk gleichermaßen unausgeglichen und doppelbödig wirken läßt.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Henri Decaë M Emile Delpierre S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Gérard Blain, Jean-Claude Brialy, Bernadette Laffont, Michèle Méritz, Claude Cerval | F | 98 min | 1:1,37 | sw | 6. Juni 1958

# 997 | 6. Mai 2016

20.5.58

Indiscreet (Stanley Donen, 1958)

Indiskret

»How dare he make love to me and not be a married man!« Lady meets gent: Sie ist eine berühmte Theaterschauspielerin in den besten Jahren, und sie verliebt sich in einen smarten (doch leider: hoffnungslos verheirateten) Diplomaten – Begegnung zweier ausgewiesener Rollenspieler. Anna Kalman (stilvoll dramatisch: Ingrid Berman) hat (wie sie meint) schon alle Liebesschwüre und Abschiedsfloskeln gehört, Philip Adams (formvollendet schillernd: Cary Grant) bekommt (wie er glaubt) stets das, was er will … Gutgeschnittene Smokings und rauschende Abendroben, knisternde Situationen und prickelnde Dialoge: Stanley Donen macht ein elegantes Apartment im Londoner West End zur Bühne einer attraktiven romantischen Komödie über Empathie und Taktik, über Erwartung und Verstellung, über Abgeklärtheit und Affekte, über die Gesetze der Moral und deren – bald lust-, bald leid-, immer aber geschmackvolle – Untergrabung.

R Stanley Donen B Norman Krasna V Norman Krasna K Freddie Young M Ken Jones, Richard Rodney Bennett A Donald Ashton S Jack Harris P Stanley Donen D Ingrid Bergman, Cary Grant, Cecil Parker, Phyllis Calvert | USA & UK | 100 min | 1:1,85 | f | 20. Mai 1958

# 828 | 15. Januar 2014

15.5.58

Gigi (Vincente Minnelli, 1958)

Gigi

Paris um 1900: Gigi (Leslie Caron), ein knuspriger Backfisch, wird, der familiären Tradition folgend, zur Luxuskokotte herangebildet; am Ende triumphiert die wahre Liebe über die Ware Liebe. Die dünne Story aus der Abenddämmerung der Belle Époque liefert dem Hollywood des ausgehenden golden age noch einmal den Vorwand, die große Illusionsmaschine anzuwerfen. Vincente Minnelli zeigt sich dabei weniger an seinen Figuren, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihrer Melancholie und Leidenschaft interessiert, als am Eintauchen in die Magie des Kinos selbst. »Gigi« schwelgt in Cecil Beatons opulenter Neuerschaffung von Interieurs und Kostümen der Jahrhundertwende, in den musikalischen Kreationen von Lerner und Loewe, in der Beschwörung von zweckfreier Schönheit und zeitloser Heiterkeit. Freilich sind auch die Zeichen von Ermüdung am Ende der Ära nicht zu übersehen: die Inszenierung bleibt weitgehend statisch, sie gleicht weniger einem schäumenden Fluß von Bewegung denn einer Abfolge von exquisiten Illustrationen. Das Lächeln scheint immer wieder zu gefrieren, ganz so, als würde der kühle Hauch des Abschieds durch das Luftschloß wehen. Maurice Chevalier singt und spielt einen vitalen Lustgreis (»Thank heaven for little girls!«), Louis Jourdan einen gelangweilten Lebemann (»It’s a bore!«), Hermione Gingold eine zielbewußte Matriarchin (»Gigi, you are absurd! / Now not another word!«).

R Vincente Minnelli B Alan Jay Lerner V Colette K Joseph Ruttenberg M Frederick Loewe A Cecil Beaton S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Leslie Caron, Maurice Chevalier, Louis Jourdan, Hermione Gingold, Eva Gabor | USA | 115 min | 1:2,35 | f | 15. Mai 1958

14.5.58

Le désordre et la nuit (Gilles Grangier, 1958)

Im Mantel der Nacht | Das Geheimnis der Dame in Weiß

Sie heißt Lucky. Sie ist nicht glücklich. Sie kommt aus Deutschland. Sie hat einen reichen Vater. Sie lebt im teuersten Hotel von Paris. Sie will Sängerin werden. Sie will singen mit der Stimme und der Seele einer Schwarzen. Aber wenn sie singt, sagen die Leute, sie solle aufhören. Sie nimmt Drogen. Sie verliert sich zwischen irgendwelchen Männern … Als einer dieser Männer ermordet wird, gerät Lucky (Nadja Tiller) in Verdacht. Inspektor Valois (Jean Gabin), ein desillusionierter Einzelgänger (von dem es heißt, daß er gerne mal einen über den Durst trinke), führt die Ermittlungen; die scheinbar unerschütterliche Statuarik, mit der er auf den Plan tritt, wird sich als (Schutz-)Hülle einer Unordnung ganz eigener Art erweisen. Lucky und Valois, zwei Einsame, die einander ausnutzen und kompromittieren, zwei Verirrte, die sich finden. Ein jazziges Nachtstück, von Gilles Grangier unterkühlt inszeniert: distanzierte Blicke auf Rausch und Katzenjammer, auf Sehnsucht und Enttäuschung. Der Schluß rückt eine vorgeblich beherrschte Apothekerin (Danielle Darrieux ) ins Zentrum des Geschehens, und in die zergliedernde Kälte des Psychogramms schleicht sich unversehens ein lauwarmer Ton melodramatischer Phrasenhaftigkeit.

R Gilles Grangier B Michel Audiard, Jacques Robert, Gilles Grangier V Jacques Robert K Louis Page M Jean Yatove A Robert Bouladoux S Jacqueline Sadoul P Lucien Villard D Jean Gabin, Nadja Tiller, Danielle Darrieux, Paul Frankeur, Roger Hanin | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 14. Mai 1958

# 819 | 31. Dezember 2013

10.5.58

Mon oncle (Jacques Tati, 1958)

Mein Onkel

Jacques Tatis Alter Ego Monsieur Hulot als Protagonist in einem skurrilen clash of lifestyles: Die seelenlose Zweckmäßigkeit der Hypermoderne steht gegen den nostalgischen Zauber der guten alten Zeit. Hier das von einer durchkonstruierten Grünanlagenabstraktion umgebene avantgardistische Eigenheim der Familie Arpel, dort Hulots romantisch-verstiegenes Dachstübchen in einem pittoresken Quartier – auf der einen Seite Lichtschranke, vollautomatische Küche und kühle Repräsentation, andererseits Pferdekarren, brüchige Mauern und liebenswürdige Mitmenschlichkeit. Auch wenn der Film beiden Welten gleichermaßen spitzfindige Gags abgewinnt – so werden etwa die runden Fenster der modernistischen Villa nachts zu glotzenden Augen, und grafisch angelegte Plattenwege provozieren bizarre Ballette der Gartenbesitzer und ihrer Gäste; demgegenüber zögert ein arbeitsfauler Straßenfeger vor jedem Besenschwung, und aus dem vorsintflutlichen Lastwagen eines Gemüsehändlers fallen bei jeder Gelegenheit scheppernde Werkzeuge –, sind die Sympathien klar verteilt: Hulot, der schrullig-lebenskünstlerische Schwager des borniert-arrivistischen Villenbesitzers (mithin der Onkel von dessen aufgewecktem kleinen Sohn), gibt in seiner spezifischen Mischung aus Staunen und Unerschütterlichkeit vielleicht kein Vorbild hinsichtlich konzentrierten Leistungswillens ab, überzeugt aber als Lehrmeister in Sachen Gemeinschaftsgefühl und Daseinsfreude. Tatis satirische Wehmut nach einem vermeintlich besseren Gestern (das aussieht wie an einem schönen Sommertag von Eugène Atget fotografiert) zeigt sich in der erzählerischen Konsequenz zutiefst paradox: Während malerische Stadtviertel der Spitzhacke zum Opfer fallen, entdeckt der kalkuliert-effiziente Monsieur Arpel das verspielte Kind in sich. So treibt die Hulot’sche Zivilisationskritik mit Hütchen, Regenschirm und Pfeife zu guter Letzt noch märchenhafte Blüten.

R Jacques Tati B Jacques Tati, Jacques Lagrange, Jean L’Hôte K Jean Bourgoin M Franck Barcellini, Alain Romans A Henri Schmitt S Suzanne Baron P Jacques Tati D Jacques Tati, Jean-Pierre Zola, Adrienne Servanti, Alain Bécourt, Betty Schneider | F | 117 min | 1:1,37 | f | 10. Mai 1958

# 929 | 5. Januar 2015

9.5.58

Vertigo (Alfred Hitchcock, 1958)

Aus dem Reich der Toten

»Here I was born. And there I died.« … »Vertigo«, Alfred Hitchcocks lyrische Spiralfahrt durch »der Seelen wunderliches Bergwerk«, eine hypnotische Meditation über Liebe, Zeit und Tod, über ruhelose Wanderschaft, innere Unfreiheit und die Illusion der zweiten Chance, über fahles Grün, leuchtendes Rot und die Erotik grauer Schneiderkostüme, schwingt sich als Thriller irgendwo zwischen slow motion und Somnambulismus ein; als Melodram dringt das wohl morbideste Werk des Regisseurs in nachtmahrische Grenzbereiche des Genres vor: Hier bekommt (außer dem bösen Strippenzieher) wirklich keiner, was er begehrt … John ›Scottie‹ Ferguson (James Stewart), ein unter Höhenangst leidender Expolizist, spürt im Auftrag eines alten Bekannten dessen psychotisch in die Vergangenheit driftender, suizidaler Ehefrau (Kim Novak) nach, um auf seiner ungesunden Mission durch (das frühere und gegenwärtige) San Francisco diesem archetypischen Modell einer Hitchcock-Blondine rettungslos zu verfallen. Halb Orpheus, der seiner (toten) Geliebten in die Unterwelt folgt, um sie ins Leben zurückzurufen, halb Pygmalion, der sich ein weibliches Idealbild erschafft und seiner Kunstfigur untertan wird, verliert sich ›Scottie‹ in einer schwindelerregenden Sehnsucht, die letztendlich keinem Gegenüber mehr zu gelten scheint, sondern dem Unmöglichen, dem Verlangen selbst. So wird die Liebe zur jenseitigen Fiktion, die Kontinuität der Zeit zerfällt zu einem ewigen »too late«, und der Tod zieht als glänzender Nebel herauf, der alles silbrig verschluckt … »The gentleman seems to know what he wants«, heißt es einmal über ›Scottie‹, als er sein verlorenes Traumgeschöpf mit fetischistischer Energie zu rekonstruieren versucht – dieser Satz trifft ebenfalls auf Hitchcock zu, der in »Vertigo« nichts dem Zufall überläßt: Mit seinem pathologisch-romantischen Helden teilt er sowohl die emotionale (und künstlerische) Besessenheit als auch die schicksalhafte Gefangenschaft in der eigenen, unerreichbaren Vision … »An Totes zu denken, ist süß, / so Entfernte, / man hört die Stimme reiner, / fühlt die Küsse, / die flüchtigen und die tiefen – / doch du irrend bei den Schatten!«

R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor, Alex Coppel V Pierre Boileau, Thomas Narcejac K Robert Burks M Bernard Herrmann A Henry Bumstead, Hal Pereira S George Tomasini P Alfred Hitchcock D James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones | USA | 128 min | 1:1,85 | f | 9. Mai 1958

30.4.58

Sie kannten sich alle (Richard Groschopp, 1958)

Auf der Teststrecke der volkseigenen Autowerke Isenau werden zwei Prototypen eines neuen Modells erprobt. Beide Wagen verunglücken. Einer der Fahrer stirbt. Wie sich herausstellt, war das Motoröl verunreinigt: Sabotage! Zwei hartnäckig-freundliche Herren vom Ministerium für Staatssicherheit übernehmen die Ermittlung. Wer in Isenau (einer fiktiven Kleinstadt irgendwo im Süden der DDR) hat Dreck am Stecken? Der technische Direktor oder die schwäbische Chefsekretärin, der knurrige Werkstattleiter oder dessen hübsche Tochter, der joviale Mechaniker oder der flotte Praktikant, der gerne in westlichen Krimis schmökert? Und welche Rolle spielt H. J. (!) Schott, der attraktive Besitzer einer privaten (!) Autoreparaturwerkstatt? Richard Groschopp läßt die schlichte Kalte-Kriegs-Krimi-Handlung ohne erkennbare formale Ambition auf das absehbare Ende zusteuern: die Übeltäter werden enttarnt und daran gehindert, sich ihrer gerechten Strafe durch illegalen Grenzübertritt zu entziehen. Die Stasi, dein Freund und Helfer, hat die böse Welt etwas besser gemacht. Moral: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – vor allem gegenseitige.

R Richard Groschopp B Carl Andrießen, Lothar Creutz, Richard Groschopp K Eugen Klagemann M Wilhelm Neef A Artur Günther S Friedel Welsandt P Werner Dau D Harry Hindemith, Erich Franz, Sonja Sutter, Horst Drinda, Ulrich Thein, Wolfgang Stumpf | DDR | 84 min | 1:1,37 | sw | 30. April 1958

# 976 | 9. November 2015

23.4.58

Touch of Evil (Orson Welles, 1958)

Im Zeichen des Bösen

»You’re a killer.« – »Partly. I’m a cop.« Der Noir-Thriller als Borderline-Erfahrung: In Los Robles, einer Kleinstadt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, werden ein wohlhabender Geschäftsmann und seine Geliebte durch eine Autobombe getötet. Die folgenden polizeilichen Ermittlungen bringen den amerikanischen Captain Hank Quinlan (monströs-verlottert: Orson Welles) und den mexikanischen Drogenfahnder Miguel Vargas (rational-gutmenschlich: Charlton Heston) professionell und emotional gegeneinander in Stellung – konstruiert der rassistische Quinlan, seinem kriminalistischem Beingefühl (»My game leg is startin’ to talk to me.«) folgend, schon mal passende Beweise, gerät der rechtschaffene Vargas (samt seiner frisch angetrauten blonden Ehefrau) in einen Strudel aus Heimtücke, Gewalt und Amoral ... Russell Mettys plakative Schwarzweiß-Fotografie scheut zur Veranschaulichung der prekären Zustände weder Weitwinkelverzerrungen noch schräge Perspektiven, während Henri Mancini Rock’n’Roll, Jazz und Pianolaklängen zu einem hektisch-aggressiven Soundtrack mixt. Orson Welles’ eigenwillige Kreuzung aus hysterisch-forciertem Genrestück und slam-poetischem Autorenfilm mißt der Aufklärung des explosiven Verbrechens konsequentermaßen deutlich weniger Bedeutung zu als der psychologische Sezierung einer ebenso überlebensgroßen wie selbstzerstörerischen Persönlichkeit und der schmuddelig-genießerischen Darstellung ihres unausweichlichen Untergangs. Quinlan, von Welles als ungeschlachter Fleischberg präsentiert, die Provinzkaffausgabe eines Charles Foster Kane oder Gregory Arkadin, ein Mann, dem das schmutzigste Mittel gerade recht ist, um sein Ziel zu erreichen, endet passenderweise in einem vermüllten Schlammloch – seine alte Flamme Tana (Marlene Dietrich als schwarzgelockte gypsy queen) zieht das unsentimentale Resümee: »He was some kind of a man. What does it matter what you say about people?«

R Orson Welles B Orson Welles V Whit Masterson (= Robert Allison Wade & H. William Miller) K Russell Metty M Hanry Mancini A Alexander Golitzen, Robert Clatworthy S Virgil Vogel, Aaron Stell P Albert Zugsmith D Orson Welles, Charlton Heston, Janet Leigh, Akim Tamiroff, Marlene Dietrich | USA | 95/111 min | 1:1,85 | sw | 23. April 1958

# 1093 | 29. Januar 2018

4.4.58

Montparnasse 19 (Jacques Becker, 1958)

Montparnasse 19

Porträt des Künstlers als armer Schlucker: »Montparnasse 19« verdichtet und überhöht (man könnte auch sagen: überzeichnet und verdunkelt) Ereignisse aus den letzten Jahren des Malers Amedeo Modigliani zum bitteren Schlußkapitel eines Lebens zwischen Inspiration und Mißerfolg, zwischen Genie und Untergang. Jacques Becker (der das Projekt vom verstorbenen Max Ophüls übernahm) verzichtet fast völlig auf stimmungsvolle Genreszenen aus der Pariser Bohème, konzentriert sich ganz auf den Abwärtsweg seines Protagonisten im Jahr 1919. Modigliani erscheint, trotz seiner persönlichen Tragödie, nicht als Sympathieträger: Er ist ein Ausbund an Selbstmitleid und Getriebensein, an Reizbarkeit und Besessenheit, er säuft wie ein Loch, er schlägt Frauen, er stößt alle Welt vor den Kopf. Gérard Philipe (der wenig später im selben jungen Alter wie Modigliani sterben wird) spielt den schwierigen Künstler hin- und hergerissen zwischen Kälte und Glut, spielt mal wie längst schon tot, mal wie geladen mit unzerstörbarer Energie. Im seinem Spannungsfeld: Lilli Palmer als spöttisch-distanzierte Journalistin; Anouk Aimée, als innig-ergebene Kunststudentin – zwei Liebende, jede auf ihre eigene hilflose Art. Im schwarzen Herz der Erzählung spukt Monsieur Morel, marchand de tableaux – Lino Ventura hat nur wenige Auftritte: ganz am Anfang, kurz im Hintergrund einer tristen Kaffeehaus-Szene, dann wieder, man hatte ihn schon vergessen, anläßlich einer erfolglosen Ausstellung des Malers, schließlich am Ende: Morel, Kenner und Geier, bringt mit dem Tod die Bestätigung des Talents, er kommt als nachträglicher Entdecker und als Teufel, der die Kunst zur profitablen Ware macht … Ein grausamer Film, melodramatisch und spröde, ungerührt und intensiv, ein Film ohne Rettung, ohne Gnade.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Max Ophüls V Michel-Georges Michel K Christian Matras M Pauls Misraki A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Henry Deutschmeister D Gérard Philipe, Anouk Aimée, Lilli Palmer, Gérard Séty, Lino Ventura | F & I | 108 min | 1:1,66 | sw | 4. April 1958

# 812 | 8. Dezember 2013

3.4.58

Nasser Asphalt (Frank Wisbar, 1958)

Nach dem Motto »Wenn ich darüber schreibe, muß es passiert sein.« schüttelt der quicke Nachrichtenhändler Cesar Boyd (Martin Held) in einem fort sensationelle Meldungen aus dem Ärmel. Sein Mitarbeiter Greg Bachmann (Horst Buchholz), ein enthusiastischer Reporter, den die Ambition schon einmal ins Gefängnis brachte, muß erfahren, daß es der bewunderte Chef bei der Newsfabrikation mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt, und entscheidet sich schließlich gegen ein Leben in der (einträglichen) Lüge … Will Trempers Drehbuch basiert auf der Story um die »Bunkermenschen von Gdingen«, die Anfang der 1950er Jahre internationales Aufsehen erregt hatte: Deutsche Soldaten sollen jahrelang in einem verschütteten Vorratsbunker der Wehrmacht in Polen überlebt haben – ersonnen hatte den Weltknüller wohl der Autor Curt Riess, ein Hansdampf in allen publizistischen Gassen, dem Tausendsassa Tremper eine Zeitlang als Rechercheur und »Schattenschreiber« diente. Von Frank Wisbar mit teilnahmsloser Steifheit in Szene gesetzt, verpuffen die dramatischen Möglichkeiten der druckschwarzen Geschichte in absehbar-oberflächlichen Debatten über journalistisches Ethos und den Warencharakter von Information. So überzeugt »Nasser Asphalt« (der im Gegensatz zur Versprechung, die der Titel macht, fast nur in Innenräumen spielt) weder als greller Revolverpresse-Artikel noch als analytischer Magazinbeitrag.

R Frank Wisbar B Will Tremper K Helmuth Ashley M Hans-Martin Majewski A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Wenzel Lüdecke D Horst Buchholz, Martin Held, Maria Perschy, Gert Fröbe, Inge Meysel | BRD | 88 min | 1:1,66 | sw | 3. April 1958

20.3.58

Der Greifer (Eugen York, 1958)

In Essen geht ein Blondinenmörder um. Kommissar Dennert, genannt »der Greifer« (Hans Albers), hat einen höflichen Herrn (Horst Frank) im Visier, der sich verdächtig macht, weil er während der Vernehmung keine Nerven zeigt. Dennert, der selbstgewisse Profi mit dem extrabreiten Trenchcoat, vertraut allein seiner langjährigen Erfahrung und seinem untrüglichen Spürsinn, weswegen er von Vorgesetzten und jungen Kollegen – unter ihnen sein naßforscher Sohn, genannt »Dennert Zwo« (Hansjörg Felmy) – für ein Auslaufmodell gehalten wird … Regisseur Eugen York bietet Albers reichlich Gelegenheit, seinen einigermaßen angewelkten Hoppla-jetzt-komm-ich-Charme spielen zu lassen: Frauen werden jovial abgetätschelt, beim geselligen Zusammensein mit herzensguten Unterweltlern darf der pensionsreife Otto-Otto einen alten Schlager zum Besten geben (»Beim ersten Mal da tut’s noch weh.«), und den Triebtäter stellt er, obwohl zwischenzeitlich in den ungeliebten Ruhestand geschickt, natürlich auch noch. Sein eigentliches, historisch und sozialpsychologisch hochbrisantes Thema, den schwelenden Konflikt zwischen den Generationen, handelt der Film mit einem flapsigen Dialog ab: »Natürlich, wir Alten, wir haben ja immer schuld.« – »Ja, das habt ihr auch.« Danach bleibt alles, wie es ist. Vor den Vätern kapitulieren die Söhne.

R Eugen York B Curt J. Braun K Ekkehard Kyrath M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon, Theodor Zwierski S Ingrid Wacker P Kurt Ulrich D Hans Albers, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Werner Peters, Susanne Cramer | BRD | 96 min | 1:1,37 | f | 20. März 1958

# 862 | 16. Mai 2014

5.2.58

The Quiet American (Joseph L. Mankiewicz, 1958)

Vier Pfeifen Opium

»Sooner or later, one has to take sides.« Ein geopolitisches Melodram, angesiedelt im Saigon des Jahres 1952. Kommunistische Rebellen kämpfen gegen französische Kolonialisten. Der (ehelich gebundene) britische Auslandskorrespondent Fowler (Michael Redgrave), ein (scheinbar) kaltblütiger Beobachter des zunehmend blutigen Kriegsgeschehens, lebt im Konkubinat mit der Vietnamesin Phuong (Georgia Moll); um die junge Frau wirbt auch ein namenloser (und lediger!) amerikanischer Idealist (Audie Murphy), der die indochinesischen Verhältnisse in freiheitlich-westlichem Sinn zu bessern trachtet. Joseph L. Mankiewicz’ (sehr) freie Bearbeitung eines Romans von Graham Greene veranschaulicht den Vietnam-Konflikt anhand eines amourösen Dreiecksverhältnisses: die eine Seite (Fowler) verkörpert Indifferenz, Zynismus, Vergangenheit, die andere (der »stille« Amerikaner) steht für Gewißheit, Überzeugung, Zukunft, dazwischen bewegt sich der Spielball der Interessen (Phuong als Personifizierung des vietnamesischen Volkes). Zwar verbiegt Mankiewicz Greenes dezidiert amerikakritische Parabel in proamerikanische Gesinnungswerbung, dabei zeichnet er allerdings das faszinierende Bild eines intellektuellen Rationalisten, der von seinen hochkochenden Emotionen zu überraschend irrationalem Handeln getrieben wird.

R Joseph L. Mankiewicz B Joseph L. Mankiewicz V Graham Greene K Robert Krasker M Mario Nascimbene A Rino Mondellini S William Hornbeck P Joseph L. Mankiewicz D Michael Redgrave, Audie Murphy, Georgia Moll, Claude Dauphin, Fred Sadoff | USA | 120 min | 1:1,66 | sw | 5. Februar 1958

# 993 | 10. April 2016

30.1.58

Witness for the Prosecution (Billy Wilder, 1958)

Zeugin der Anklage 
 
Manchmal hilft nur die Wahrheit, wenn es gilt, die Wahrheit zu vertuschen … Es ist überaus spannend zu beobachten, wie Billy Wilder – unterstützt von einem bemerkenwerten Ensemble – Agatha Christies kühl durchkonstruierte kriminalistische Unterhaltungsmaschine in ein lebendiges Drama verwandelt. Tyrone Power verkörpert den des Mordes an einer älteren Gönnerin dringend verdächtigten Taugenichts Leonard Vole, über dessen charmantem Haupt die Schlinge des Galgens pendelt; Marlene Dietrich, als doppelspielerische (deutsche!) Ehe­frau des Angeklagten, darf schmissig dazu singen (»Come on! Join the party! Have a hearty glass of rum!«) und (in zwiefachem Sinne) als wahrhaft große Schauspielerin brillieren: »I never faint because I’m not sure that I will fall gracefully and I never use smelling salts because they puff up the eyes.« Eigentlicher Star der wendungsreichen Londoner Gerichts­show ist indes Charles Laughton in der dankbaren Rolle des ebenso brillanten wie herz­schwachen, krankenschwesterlicher Kuratel immer wieder trickreich entschlüpfenden Verteidigers Sir Wilfrid Robarts, der das Heil seines Klienten umstandslos über die eigene angeschlagene Gesundheit stellt und staunend erleben muß, daß die Herstellung irdischer Gerechtigkeit nicht immer den vorgesehenen institutionellen Wegen folgt.

R Billy Wilder B Billy Wilder, Harry Kurnitz V Agatha Christie K Russell Harlan M Matty Malneck A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Edward Small D Charles Laughton, Tyrone Power, Marlene Dietrich, Elsa Lancaster, John Williams | USA | 116 min | 1:1,66 | sw | 30. Januar 1958

29.1.58

Maigret tend un piège (Jean Delannoy, 1958)

Maigret stellt eine Falle

Sommer in Paris – eine Serie von Frauenmorden in den verwinkelten Straßen des Marais (einem eher kleineleutemäßigen und ziemlich zerschlissenen Quartier) hält die Stadt in Atem. Jean Delannoy läßt gewissenhaft und in aller filmischen Ruhe ermitteln: »Maigret tend un piège« bietet wenig an vordergründigen Schauwerten und noch weniger an äußerer Spannung (bald schon wird klar, wer die Bluttaten begangen hat, deren (nicht allzu) tiefliegende familiäre (Ab-)Gründe in einer Fleischerei zu suchen sind), dafür jede Menge Dreigroschenpsychologie sowie einige beachtliche Schauspielerleistungen: Lucienne Bogaert als besitzergreifende Terrormutter, Jean Desailly als ewiger Junge mit mörderischer Wut, Annie Girardot als Ehefrau, deren rätselhafte Liebe bis zum Letzten geht, und – gardons le meilleur pour la fin – Jean Gabin als unerschütterlicher Kommissar Maigret, aus dessen einfühlender, gutbürgerlicher Jovialiät ganz überraschend eine virile, proletarische Energie hervorbrechen kann.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Paul Misraki A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Claude Hasser D Jean Gabin, Annie Girardot, Jean Desailly, Lucienne Bogaert, Gérard Séty | F & I | 119 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1958

L’ascenseur pour l’échafaud (Louis Malle, 1958)

Fahrstuhl zum Schafott 

Ein Film wie eine 45er Schallplatte, die mit 33er Geschwindigkeit abgespielt wird: Alles scheint fast unerträglich zerdehnt – die Bezeugungen der Liebe ebenso wie das ironisch-verächtliche Wirken des Zufalls, und selbst die Ausbrüche von Aktion wirken seltsam eingefroren. Allein die Szene, in der eine flunschmündige Jeanne Moreau – auf der vergeblichen Suche nach ihrem im Fahrstuhl festhängenden Geliebten und Mordkomplizen (Maurice Ronet, der so clever, so perfekt sein wollte) – mit leerem Blick zu Miles Davis’ lamentierender Trompete durch das schwarzglänzende Paris eher schwebt als geht, scheint Stunden zu dauern. Was schief gehen kann, geht schief in diesem (von Henri Decaë mit eisiger Distanz fotografierten) Film, mit dem Louis Malle wohl stilvoll mitteilen möchte, daß das Leben nirgendwo anders enden kann als eben auf dem Schafott ... und daß man auf dem endlos langen Weg dorthin auch noch ständig auf die Fresse fliegt. Wenn einem nicht alles so zum Sterben egal wäre, könnte man herzlich darüber lachen.

R Louis Malle B Roger Nimier, Louis Malle V Noël Calef K Henri Decaë M Miles Davis A Rino Mondellini, Jean Mandaroux S Léonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Georges Poujoly, Yori Bertin, Lino Ventura | F | 92 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1958

23.1.58

Endstation Liebe (Georg Tressler, 1958)

»Jetzt wollen Sie mich sicherlich küssen.« – »Sie merken aber auch alles.« – »Muß das denn sein?« Ein Nichts von einer Story: Ein paar Jungs, die bei Osram am Fließband stehen, wetten Sonnabend mittag darum, ob es Betriebscasanova Mecki (Horst Buchhholz) schafft, Christa, die Neue aus dem Büro (Barbara Frey), übers Wochenende rumzukriegen – mit fünf Mark sind Sie dabei! (»Zeit bis Montag früh« sollte der Film nach dem Willen des Drehbuchautors Will Tremper eigentlich lapidar heißen, aber Verleihchefin Ilse Kubaschewski, wie immer am Puls von Lieschen Müller, bestand auf dem, wie sie meinte, massenkompatibleren Titel »Endstation Liebe«.) Natürlich gelingt es dem zielbewußten, hübschen Burschen, das süße, spröde Mädchen von sich zu überzeugen – und ebenso natürlich kommen ihm wahre (= bisher unbekannte) Gefühle in die Quere … Die Qualität des Werks liegt im Verzicht auf eine raffinierte Handlungsführung, in den knappen, unsentimentalen Dialogen und in der mileuechten Berliner Atmosphäre, die Regisseur Georg Tressler und sein Kameramann Helmuth Ashley kreieren: der Stumpfsinn der Fabrikarbeit und ein sonntägliches Fußballspiel, ein Kaffeetrinken mit gestelzten Verwandten und ein turbulenter Abend im Catcherzelt, ein nächtlicher Spaziergang und eine imaginäre Fahrt um die Welt. »Endstation Liebe« hält souverän die Waage zwischen Spiel und Ernst, die Protagonisten vollführen subtile Gratwanderungen zwischen amourösem Zeitvertreib und echter Gemütsbewegung, zwischen emotionaler Enttäuschung und dem eigensinnigen Traum vom kleinen Glück … Dann beginnt die neue Woche. Wieder Alltag. Wieder Fließband. Christa läuft durch die Werkhalle. Mecki lächelt. Und der Stumpfsinn erscheint plötzlich ein bißchen weniger stumpf.

R Georg Tressler B Will Tremper K Helmuth Ashley M Martin Böttcher A Herbert Kirchhoff S Kurt Zeunert P Wenzel Lüdecke D Horst Buchholz, Barbara Frey, Karin Hardt, Franz Nicklisch, Harry Raymon | BRD | 85 min | 1:1,66 | sw | 23. Januar 1958

16.1.58

Eva küßt nur Direktoren (Rudolf Jugert, 1958)

Karl Müller (Joachim Fuchsberger), einfacher Buchhalter bei der Wiener C. Rotter A.G., verliert sein Herz an die hübsche Sekretärin Eva Brunner (Chariklia Baxevanos), die sich lieber von den Direktoren des Unternehmens anflirten läßt … Mit vielen Umschweifen (Begriffsstutzigkeiten und Fehlschlüssen, Eifersucht und Erbschaft), aber beklagenswert wenig Witz schildert Rudolf Jugert das komplizierte Zueinanderfinden des füreinander bestimmten Paares. Akzeptabel ist die lieblos abgespulte Liebesklamotte immer dann, wenn die Mechanik des Gerüchts ins Spiel kommt: Vom böswilligen Büroklatsch bis zum heimtückischen Tratsch im Treppenhaus, von der einfachen Indiskretion bis zur handfesten Lüge, vom haltlosen Verdacht unter Nachbarn bis zum fiesen Anschwärzen bei den Polizeibehörden ist in diesem auffallend unlustigen Lustspiel alles dabei. Besonders Margarete Haagen, in der Rolle einer betagten Hausmeisterin, die mit moderner Spiegeltechnik alles Geschehen in ihrem Revier rigoros überwacht, wirkt wie eine Illustration des von Heimito von Doderer in seinem »Repertorium« beschriebenen »conciergischen Charakters«: »In einzelnen Wiener Zinshäusern konnten bei ein und derselben Hausmeisterin acht bis zehn Paar Augen beziehungsweise Ohren festgestellt werden.«

R Rudolf Jugert B Alfred Solm, Fritz Eckhardt V Hanna Seyringer K Elio Carniel M Carl de Groof A Theodor Harisch S Paula Dvorak P Karl F. Sommer D Joachim Fuchsberger, Chariklia Baxevanos, Margarete Haagen, Ulrich Bettac, Oskar Sima, Karl Lieffen | A | 97 min | 1:1,37 | sw | 16. Januar 1958

# 878 | 10. Juni 2014

15.1.58

Bonjour Tristesse (Otto Preminger, 1958)

Bonjour Tristesse

»I live with melancholy, / My friend is vague distress.« Das Schwarzweiß der Gegenwart. Die Farbe der Erinnerung. Der Sommer. Die Sonne. Das Meer. Der leichtlebige Vater (Raymond: David Niven). Die frühreife Tochter (Cécile: Jean Seberg). Die flotte Geliebte (Elsa: Mylène Demongeot). Das Blau des Himmels. Das Grün der Pinien. Das Rot der Felsen. Das Spiel. Die Sorglosigkeit. Die Distanz. Der Überschwang. Die Frau von Welt (Anne: Deborah Kerr). Die Ernsthaftigkeit. Die Rivalität. Die Nähe. Die Eifersucht. Die Verlobung. Die Angst. Die Intrige. Der Schock. Der »Unfall«. Der Tod. Die Schuld. Das Dröhnen der Erinnerung. Die Grabesstille der Gegenwart ... »I wake up every morning, / And say, ›Bonjour tristesse‹.« ... Die Salons und die Partykeller von Paris, die Villen und die Vergnügungsstätten der Côte d’Azur, elegante Kleider und schnittige Autos, die Jagd nach dem Vergnügen und die Straßen der Traurigkeit ... »My smile is void of laughter, / My kiss has no caress.« ... 94 attraktiv überflüssige, exklusiv vergeudete Minuten, oder um es mit Cécile zu sagen: »What a hopeless waste of time.« Die Verschwendung von Zeit aber ist der endgültige Luxus, da sie um keinen Preis der Welt ersetzt werden kann. Insofern präsentiert Otto Preminger mit seiner sonnenhell-schattenreichen CinemaScope-Adaption des wehmütig-flirrenden Debütromans der frühreifen Françoise Sagan einen der kostbarsten (und schmerzhaft schönsten) Filme überhaupt. »I’m faithful to my lover, / My bitter-sweet tristesse.«

R Otto Preminger B Arthur Laurents V Françoise Sagan K Georges Périnal M Georges Auric A Roger Furse S Helga Cranston P Otto Preminger D David Niven, Jean Seberg, Deborah Kerr, Mylène Demongeot, Geoffrey Horne | USA | 94 min | 1:2,35 | f | 15. Januar 1958

Das Wirtshaus im Spessart (Kurt Hoffmann, 1958)

»Ach, das könnte schön sein / als friedlicher Bürger / ein ehrbares Leben / zu Haus zu beschließen.« Kurt Hoffmann reflektiert in Form eines biedermeierlichen Singspiels die Wechselwirkung von Ehrbarkeit und Verbrechen. In gewisser Weise hält sein Film der Nation, die kurz zuvor noch mordend und brandschatzend über einen ganzen Kontinent herfiel, um sich eine Weltsekunde später gemütlich bei Eierlikör und Buttercremetorte im Gelsenkirchener Barock einzurichten, einen hübsch verschnörkelten Spiegel vor. Lilo Pulver (als kecke Komteß), Carlos Thompson (als schneidiger Räuberhauptmann), Hubsi von Meyerinck (als blasierter Kommißkopp) sowie, nicht zu vergessen, Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller als Banditen mit Drang zu Ruhe und Frieden – sie alle glänzen doppelbödig in dieser heiter-ruchlosen Apotheose der Harmlosigkeit.

R Kurt Hoffmann B Heinz Pauck, Luiselotte Enderle V Wilhelm Hauff K Richard Angst M Franz Grothe A Robert Herlth S Claus von Boro P Georg Witt D Liselotte Pulver, Carlos Thompson, Günther Lüders, Rudolf Vogel, Hubert von Meyerinck | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 15. Januar 1958

10.1.58

Tatort Berlin (Joachim Kunert, 1958)

Ein junger Fernfahrer (schmollippig: Hartmut Reck) kommt aus dem Knast zurück nach Ostberlin, erhält die Gelegenheit sich zu bewähren, wird wieder in den Strudel des Verbrechens gezogen – wer einmal aus dem Blechnapf frißt ... Einerseits ein typischer Defa-Propagandakrimi (der böse Wind weht von West), auf der anderen Seite ein (von Joachim Kunert beinahe zu) unaufgeregt inszeniertes, annähernd neorealistisches Stimmungsbild der zerrissenen deutschen Hauptstadt. Durch die Tristesse des »Tatort Berlin« mit seinen unkrautüberwucherten Trümmerarealen schlagen sich Hans-Peter Minetti und Jochen Brockmann als Ermittler in zweifacher Mordsache, Sonja Sutter als kleinkapitalistische Schlampe, Harry Hindemith (ganz gegen den Typ besetzt) als lumpiger Schieber. Wie es sich für den Sozialismus gehört, zeigt am Ende der (nicht nur in diesem Fall: brüderliche!) Schurke sein wahres Gesicht, und für die im Herzen Guten wendet sich alles zum Guten.

R Joachim Kunert B Jens Gerlach, Joachim Kunert K Otto Merz M Günter Klück A Hans Poppe S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Hartmut Reck, Hans-Peter Minetti, Harry Hindemith, Martin Flörchinger, Annegret Golding | DDR | 86 min | 1:1,37 | sw | 10. Januar 1958