29.12.60

Silvesterpunsch (Günter Reisch, 1960)

»Wir singen euch das Lied vom Calciumcarbid: Die Welt wird schön wie nie. / Wir zaubern mit Chemie, / denn jetzt wird poly-polymerisiert …« Die Fortsetzung der frühlingshaften Defa-Chemie-Posse »Maibowle« spielt winterlich-verschneit (dabei strikt herzerwärmend) zum Jahreswechsel und muß dramaturgisch (neben dem begeisterten Ausblick aufs Plastikzeitalter) auch noch das sozialistische Programm zur massenhaften Leibesertüchtigung (»Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport!«) angemessen verarbeiten. Im Mittelpunkt steht wiederum die archetypische Arbeiter-Familie Lehmann, deren Sprößlinge zwar leistungsmäßig überzeugen (111%ige Planerfüllung!), aber charakterlich entweder zu sportlich oder zu kulturell geraten sind – am Ende gelingt die Synthese der Extreme in Form einer kunterbunten, wissenschaftlich-technischen Eisrevue, die nur knapp am gehobenen Fortschrittssurrealismus des Queneau-/Resnaisschen Geniestreichs »Le chant du styrène« vorbeischrammt: »Die Mädchen tanzen jetzt Moleküle, vereinen sich dann zu Äthylen, aber alles entscheidend ist die Polymerisation.« Noch Fachfragen?

R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Karl Plintzner M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Friedel Nowack, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ernst-Georg Schwill | DDR | 91 min | 1:1,37 | f | 29. Dezember 1960

23.12.60

The Grass Is Greener (Stanley Donen, 1960)

Vor Hausfreunden wird gewarnt

Die guten alten Zeiten sind vorbei: Der finanzschwache Earl of Ryhall (Cary Grant) muß sein Stammschloß der Öffentlichkeit zugänglich machen, die Countess (Deborah Kerr) züchtet Champignons, um die notorisch klamme Familienkasse zu füllen. Ein amerikanischer Ölbaron (Robert Mitchum) macht der Dame des Hauses den Hof, der gehörnte Gatte ergreift zur Rettung von Ehe und Ehre schließlich standesgemäße Maßnahmen … Zwar bringt die ländlich-(un)sittliche Salon-Komödie diverse Gegensätzlichkeiten ins Spiel (altes Geld – neues Geld, alte Welt – neue Welt, alte Liebe – neue Liebe), doch betrachtet Stanley Donen weder das Verhältnis der Geschlechter noch die Problematik der anglo-amerikanische Beziehungen mit allzu viel Neugier. Farbe gewinnt das betulich eingerichtete Dialogstück vor allem durch die extravaganten Dior-Roben einer mit den Ryhalls befreundeten Londoner Society-Lady (Jean Simmons) und durch den ironischen Standesdünkel eines literarisch ambitionierten Butlers.

R Stanley Donen B Hugh Williams, Margaret Vyner V Hugh Williams, Margaret Vyner K Christopher Challis M Noël Coward A Paul Sherr S James Clark P Stanley Donen D Cary Grant, Deborah Kerr, Robert Mitchum, Jean Simmons, Moray Watson | UK | 104 min | 1:2,35 | f | 23. Dezember 1960

# 834 | 14. Februar 2014

19.12.60

Das schwarze Schaf (Helmuth Ashley, 1960)

Nett. Heinz Rühmann ist nett. Er ist kein besonders glaubhafter Geistlicher, sein kriminalistisch interessierter Pater Brown ist im Grunde kein besonders überzeugender Ermittler, weder mit augenfälligen deduktiven noch mit offenkundigen psychologischen Talenten gesegnet. Aber er ist nett. »Das schwarze Schaf« ist (insbesondere wegen der Verlegung der Erzählung von England nach Irland) keine besonders gelungene Chesterton-Adaption, weder ein besonders spannender Krimi, noch eine besonders intelligente Komödie, schon gar kein ironisch-katholischer Blick auf die Welt, wie sie ist (oder scheint). Doch Helmuth Ashley gelingt es, sein auf merkwürdige Weise in Vorfilm (Hammermord vor der Kirche) und Hauptfilm (Doppelmord durch Zwillingsschurken) zerfallendes Regie-Debüt mit stimmig-provinzieller Atmosphäre, sympathisch-beseelten Figuren und herzerwärmend-behäbigem Humor zu füllen. Nett. Nicht mehr, nicht weniger.

R Helmuth Ashley B István Békeffy, Hans Jacoby V Gilbert Keith Chesterton K Erich Claunigk M Martin Böttcher A Hans Berthel, Robert Stratil S Walter Boos P Utz Utermann D Heinz Rühmann, Siegfried Lowitz, Lina Carstens, Herbert Tiede, Karl Schönböck, Fritz Rasp | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 19. Dezember 1960

# 806 | 24. November 2013

16.12.60

Cinderfella (Frank Tashlin, 1960)

Aschenblödel

Cinderella in reverse. Nach dem Tod seines Vaters gerät der herzensgute, treudoofe Fella (Jerry Lewis) unter das Regiment der bösen Stiefmutter (Judith Anderson), die nur an das Wohl ihrer beiden leiblichen (außerordentlich geldgeilen) Söhne denkt. Princess Charming sucht den Mann fürs Leben, eine gute (männliche) Fee treibt ihr freundliches Wesen, ein glanzvoller Ball, ein verlorener Herrenschuh … Die Prämisse, den klassischen Märchenstoff geschlechtlich zu wenden, klingt überzeugend, doch »Cinderfella« versenkt die vielversprechende Idee in einem Sumpf aus schläfrigem Timing und triefender Gefühligkeit. Zwar werden die Polaritäten von Integration und Absonderung, von »person« und »people« im menschlichen Mit- und Gegeneinander thematisch angerissen, zwar glänzt Jerry Lewis in einigen vom Geschehen vollkommen abgelösten Soloauftritten (etwa wenn er zu einer im Radio übertragenen Count-Basie-Nummer pantomimisch sämtliche Instrumente spielt), zwar gelingen Frank Tashlin eine Handvoll witzig choreographierter Szenen (zum Beispiel wenn er den armen Fella am Ende eines endlos langen Eßtischs von seiner arroganten Stieffamilie isoliert), doch der Film faßt keinen Tritt, findet bis zur planmäßigen Happily-ever-after-Auflösung keinen animierenden Rhythmus.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin K Haskell Boggs M Walter Scharf, Count Basie A Hal Pereira, Henry Bumstead S Arthur P. Schmidt P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Judith Anderson, Ed Wynn, Henry Silva, Robert Hutton, Anna Maria Alberghetti | USA | 91 min | 1:1,85 | f | 16. Dezember 1960

# 786 | 30. Oktober 2013

15.12.60

Exodus (Otto Preminger, 1960)

Exodus

Ein Film über die Vorgeschichte der Gründung des Staates Israel in den späten 1940er Jahren. Die jüdische Einwanderung nach Palästina, der daraus resultierende Konflikt mit den Arabern, der Kampf um die Unabhängigkeit, die Rivalität der verschiedenen zionistischen Untergrundorganisationen – all das verquickt Otto Preminger nach den Regeln des klassischen Hollywoodepos zu einer komplexen Familiengeschichte. Was »Exodus« auszeichnet, ist die Absage an jede Pathosformel und eine irritierend-elliptische Erzählweise, die die dramatischen Höhepunkte der Handlung oftmals wegblendet zugunsten der Momente »zwischen« dem eigentlichen Geschehen, jener Momente, die psychologisch für den Fortgang der Dinge entscheidend sind. Ein makelloser blauer Himmel dominiert die Bilder des Films, aber er verbreitet keine südliche Heiterkeit, sondern strahlt vor gnadenloser Härte. Bezeichnend auch das Ende: kein Sieg, keine Jubelposen, sondern ein gemeinsames Grab für einen Araber und ein jüdisches Mädchen – und die Frage, ob es Juden und Arabern irgendwann gelingen wird, nicht nur den Tod sondern auch das Leben in Palästina zu teilen.

R Otto Preminger B Dalton Trumbo V Leon Uris K Sam Leavitt M Ernest Gold A Richard Day S Louis R. Loeffler P Otto Preminger D Paul Newman, Eva Marie Saint, Ralph Richardson, Peter Lawford, Sal Mineo | USA | 208 min | 1:2,35 | f | 15. Dezember 1960

Das Spukschloß im Spessart (Kurt Hoffmann, 1960)

»Alles spukt auf mein Kommando!« Kurt Hoffmanns Sequel zum süffisanten »Wirtshaus im Spessart« wirft zwar jede Menge Talent – neben Darstellern wie Curt Bois, Paul Esser, Hubert von Meyerinck, Lilo Pulver, Hanne Wieder vor allem Friedrich Hollaender (Musik), Hein Heckroth (Bauten) und Theo Nischwitz (Effekte) – in die filmische Wagschale, doch das Ergebnis fällt einigermaßen geriatrisch aus. Die müden Gespenster des Adenauerkinos reißen flaue Witze über die wirtschaftswunderliche Bundesrepublik, versetzen dem deutschen Nachkriegsmilitarismus ein paar sanfte Stiche und liefern eine umständliche Veralberung des neonationalistischen Staatstheaters im Treibhaus Bonn. Apropos Bonn: »Es war alles morsch, es war alles alt.« (Wolfgang Koeppen)

R Kurt Hoffmann B Heinz Pauck, Günter Neumann K Günther Anders M Friedrich Hollaender A Hein Heckroth S Hilwa von Boro P Georg Witt D Liselotte Pulver, Heinz Baumann, Georg Thomalla, Hubert von Meyerinck, Hans Clarin, Curt Bois | BRD | 101 min | 1:1,66 | f | 15. Dezember 1960

13.11.60

Akibiyori (Yasujiro Ozu, 1960)

Spätherbst

Die schöne Witwe
weist ihrer Tochter den Weg:
hinaus ins Leben!

R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu V Ton Satomi K Yuharu Atsuta M Kojun Saito A Tatsuo Hamada S Yoshiyasu Hamamura P Shizuo Yamanouchi D Setsuko Hara, Yoko Tsukasa, Mariko Okada, Keiji Sada, Miyuki Kuwano | JP | 128 min | 1:1,37 | f | 13. November 1960

3.11.60

Fünf Patronenhülsen (Frank Beyer, 1960)

»Genossen im Graben: Singt alle mit!« Eine abenteuerliche Strophe aus dem Heldenepos der Linken: Fünf Interbrigadisten schlagen sich im Spanischen Bürgerkrieg durch die franquistischen Linien, um eine wichtige Botschaft ihres erschossenen Kommissars (gütig und resolut: Erwin Geschonneck) zu ihrem Stab zu bringen. Die Hitze ist gnadenlos, der Feind ist bitterböse, der Durst ist grausam. Selten sahen kommunistische Klischeebider von übermenschlichem Mut, eiserner Disziplin, unsterblichen Opfern und proletarischem Internationalismus so verlockend gut aus wie in Frank Beyers »Fünf Patronenhülsen«. Die meisterlich herbe Schwarzweiß-Kamera (Günter Marczinkowsky) setzt extreme Close-Ups der ausgedörrten Gesichter (Krug, Marian, Mueller-Stahl, Naumann, Schwill) gegen weite Totalen der ausge­dörrten Landschaft. Die Dialoge sind bedeutungsvoll karg, die Musik ist wirksam verknappt, die über­mittelte Botschaft ist bemerkenswert schlicht: »Bleibt zusammen, dann werdet ihr leben.« Die Sonne der Täuschung schien über Spanien besonders schön.

R Frank Beyer B Walter Gorrish K Günter Marczinkowsky M Joachim Werzlau A Alfred Hirschmeier S Evelyn Thieme P Willi Teichmann D Erwin Geschonneck, Ulrich Thein, Armin Mueller-Stahl, Manfred Krug, Ernst-Georg Schwill | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 3. November 1960

28.10.60

Die junge Sünderin (Rudolf Jugert, 1960)

Eine Frau will nach oben oder Wie angelt man sich einen Millionär. Was eine derartige Ambition in Wirtschaftswunderzeiten mit Sünde zu tun haben soll (wie es der Titel des Films insinuiert) bleibt offen – zumal Eva (!), die Heldin dieses bundesrepublikanischen Entwicklungsromans, bei aller Gier nach Reichtum und gesellschaftlicher Anerkennung ihre Unberührtheit geradezu löwinnenhaft verteidigt … Eva Reck (Karin Baal) und ihre beste Freundin Carola Ortmann (Vera Tschechowa) wurden, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, am gleichen Tag im gleichen Haus geboren, die eine im Keller als Tochter armer Leute, die andere im ersten Stock mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund. Die Familien bleiben über die bewegten Jahre hinweg in engem Kontakt. Zur attraktiven jungen Dame gereift, lebt Eva als Hauskind in der riesigen Villa der Ortmanns, schreckt nicht davor zurück, Carolas verwitweten Vater (Rudolf Prack) ins Visier zu nehmen, malt sich schon die Hochzeit aus: »300 Gäste, nur Prominenz. Und alles kommt in die Zeitung, mit Bildern.« – »Geld allein macht nicht glücklich«, mahnt kopfschüttelnd ihre rechtschaffene Mutter (Grethe Weiser). »Doch«, widerspricht Eva, »Geld macht glücklich! Weil man nicht mehr danke sagen muß.« Rudolf Jugert zeichnet Eva ohne Mißbilligung, aber auch ohne Sympathie, er nimmt sie als lebendigen Ausdruck der sozialen Marktwirtschaft und ihres Wahlspruchs »Wohlstand für alle«. »Sie sind der Typ der arbeitenden jungen Frau von heute«, sagt jener (reiche) Mann zu Eva, den sie nach einigen Umwegen schließlich heiraten wird. Er meint es als Kompliment. Und wenn am Ende jeder Topf einen Deckel gefunden hat, singt wissend eine samtige Stimme: »Es muß ja nicht gleich Liebe sein, / Wenn’s manchmal auch so scheint.«

R Rudolf Jugert B Peter Berneis, Maria von der Osten-Sacken K Ekkehard Kyrath, Werner M. Lenz M Ernst Simon A Otto Pischinger, Helga Hareither S Aribert Geier P Kurt Ulrich D Karin Baal, Vera Tschechowa, Rudolf Prack, Grethe Weiser, Paul Hubschmid | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 28. Oktober 1960

# 887 | 26. Juni 2014

Zazie dans le Métro (Louis Malle, 1960)

Zazie

»Paris n’est qu’un songe, Zazie n’est qu’un rêve et toute cette histoire le songe d’un rêve.« Zwischen »Doukipudonktant?« (»Fonwostinkstnso?«) und »J’ai vieilli.« (»Ich bin älter geworden.«) schildert »Zazie dans le Métro« das turbulente Wochenende einer Provinzgöre in der großen Stadt Paris. (»C'est chouette, la ville!«) Während maman sich mit ihrem Liebhaber verlustiert, wird Zazie bei Onkel Gabriel (Philippe Noiret als piekfeiner, blumig duftender Damenimitator) geparkt. Louis Malles Verbeugung vor den Surrealisten, seine Huldigung an die Götter des Slapstick und des animated cartoon führt im Schweinsgalopp an die Schau- und Abseiten der französischen Kapitale mit ihren waschechten Ureinwohnern: Eiffelturm und Generalswitwen, Nachtleben und Kinderschänder, Flohmarkt und Chauvinisten, Bistrots und Flics, Passagen und Taxifahrer – nur die ersehnte Métro, die sieht Zazie nicht, denn da unten (bzw. dort oben) wird (was sonst?) gestreikt. Malle verwandelt die kluge Sprachakrobatik des Romans von Raymond Queneau in einen Springquell von amüsant-satirischen visuellen und musikalischen Schnurrpfeifereien, transponiert die erzählerische Uneindeutigkeit und die radikale Antipsychologie der literarischen Vorlage, das listig-destruktive Spiel mit Wahrheiten und Identitäten wirkungsvoll in laufende, sprechende, klingende Bilder. Daß der Film die künstlerische Vielschichtigkeit des Buches nicht ganz erreicht? »Mon cul.« (»Am Arsch.«)

R Louis Malle B Louis Malle, Jean-Paul Rappeneau V Raymond Queneau K Henri Raichi M Fiorenzo Carpi A Bernard Evein S Kenout Peltier P Louis Malle D Catherine Démongeot, Philippe Noiret, Carla Marlier, Vittorio Caprioli, Hubert Deschamps | F & I | 93 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1960

21.10.60

Tirez sur le pianiste (François Truffaut, 1960)

Schießen Sie auf den Pianisten 

Nach einem formal eher konventionellen Debüt spielt François Truffaut in seinem Zweitlingswerk virtuos mit Genreversatzstücken und avancierteren filmischen Gestaltungsmustern: Ein poetisch-(un)realistisches Melodram – Liebe, Musik, und Tod – durchmischt mit einem komitragischen film noir – Gangster, Entführung und (wiederum) Tod –, hergerichtet mit jump cuts, Reißschwenks und available light (Kamera: Raoul Coutard). Aus alldem entsteht das kunstvoll-dissonante Psychogramm eines schüchternen Frauenhelden, eines biographisch Zerrissenen, eines Einsamen unter vielen. Dieser Charlie Koller (tieftraurig: Charles Aznavour), der unter einem anderem (seinem richtigen) Namen einst ein berühmter Konzertpianist war, bevor er nach einer persönlichen Katastrophe in die Pseudonymität entfloh, klimpert in einer tristen Kaschemme Melodien von falscher Lustigkeit; zum selben Zeitpunkt, da sich durch den Auftritt (und die Hingabe) einer Frau (beherzt: Marie Dubois) für ihn alles zurück zum Guten wenden könnte, wird Charlie fatalerweise in die Machenschaften seines kriminellen Bruders verwickelt… Das Beieinander von slapstickhafter Überspitztheit und trockener Sentimentalität, von einfühlsamen Charakterbildern und kinematographischer Retrospektive verleiht »Tirez sur le pianist« die künstliche, aber seltsam bewegende Emotionalität eines mechanischen Klaviers.

R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy V David Goodis K Raoul Coutard M Raoul Coutard A Jacques Mély S Claudine Bouché, Cécile Decugis P Pierre Braunberger D Charles Aznavour, Marie Dubois, Nicole Berger, Michèle Mercier, Serge Davri | F | 80 min | 1:2,35 | sw | 21. Oktober 1960

17.10.60

Djävulens öga (Ingmar Bergman, 1960)

Das Teufelsauge

»Keine Strafe ist zu hart für den, der liebt.« Der Teufel hat ein Gerstenkorn, weil eine Pfarrerstochter (Bibi Andersson) unschuldig in die Ehe geht. Diesen himmlischen Triumph sucht man in der Unterwelt (wo es aussieht und zugeht wie in einer Molière-Komödie) zu verhindern, und so schickt der Satan seinen besten Mann auf die Erde, um das Mädchen vor dem Ja-Wort zu verführen: den stolzen Don Juan (Jarl Kulle) (samt Diener Pablo). Doch der große Frauenheld ist nach 300 Jahren Höllenpein (täglich werden ihm die alten Liebschaften zugeführt, und, kurz bevor es zum Letzten kommt, quälerisch entzogen) müde und melancholisch geworden, und statt die Jungfrau vom Weg der Tugend fortzulocken, verliebt er sich wie ein Pennäler selbst noch in das hübsche blonde Ding… Don Juans Erschöpfung liegt wie ein matter Schleier über diesem sonderbar bedrückten Lustspiel (Ingmar Bergman bezeichnet es als »Rondo capriccioso«), das zwar hohe formale Grazie und einige witzige Momente aufweist (etwa in den Szenenüberleitungen durch einen süffisanten Conférencier (Gunnar Björnstrand), oder wenn der einfältige Pastor einen knuffigen Dämon im Schrank einsperrt), aber weder als psychologische Liebeskomödie noch als metaphysische Farce so recht in die Gänge kommen will. PS: Zu guter Letzt schwillt (wegen einer anderen irdischen Sünde) das Auge des Teufels dann doch noch ab…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Nils Poppe, Gertrud Fridh, Gunnar Björnstrand | S | 87 min | 1:1,37 | sw | 17. Oktober 1960

9.10.60

Nihon no yoru to kiri (Nagisa Oshima, 1960)

Nacht und Nebel über Japan

Eine Hochzeitsfeier wird zum Tribunal: Ungebetene Gäste tischen unbequeme Erinnerungen auf und stellen unbehagliche Fragen. »Nacht und Nebel über Japan« spielt unter revolutionären Studenten und kommunistischen Funktionären. Auf der Bühne des Festsaals zerlegen sich die Genossen selbst und gegenseitig: Hinter der Fassade ihres hehren Kampfes für Frieden und Gerechtigkeit blühen Gruppenterror, Denkverbote, Lüge, Verrat und die Eitelkeit der Macht, die auch schon mal den (Frei-)Tod von Gefährten billigend in Kauf nimmt. In endlos langen Plansequenzen sowie mit theatralischen Arrangements und Beleuchtungseffekten läßt Oshima seine Protagonisten alte persönliche (und politische) Rechnungen begleichen. Quälend – aber wenn's der Wahrheitsfindung dient ...

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima, Toshiro Ishido K Takashi Kawamata M Riichiro Manabe A Koji Uno S Keiichi Uraoka P Tomio Ikeda D Miyuki Kuwano, Fumio Watanabe, Masahiko Tsugawa, Hiroshi Akutagawa, Kei Sato | JP | 107 min | 1:2,35 | f | 9. Oktober 1960

6.10.60

Wir Kellerkinder (Jochen Wiedermann, 1960)

»Die Vergangenheit ist unbewältigt. Und wo bleibt der Film darüber? Schließlich müssen wir ja mal damit fertig werden.« Das Leben des Macke Prinz, von ihm selbst (in die Wochenschau-Kamera) erzählt … Macke (Wolfgang Neuss), 1938, zu Beginn der Geschichte, elf Jahre alt, Sohn eines Berliner Blockwarts, Trommler im Jungvolk, will nur eines: Schlagzeuger werden. In seinem Keller übt er fleißig; außerdem versteckt er dort während des Krieges einen verfolgten Kommunisten (der ihm kulturelle und menschliche Grundwerte vermittelt), später dann den eigenen Vater (den er immer gut leiden konnte – weil er ihn nicht kannte). Über die politisch-ideologische Schizophrenie von Nazi- und Nachkriegszeit verliert Macke den Verstand und landet in der Klapsmühle, wo er auf einen musikalischen Toilettenmann mit Führerkomplex (Jo Herbst) und einen aus der Zone geflüchteten Jazzpianisten (Wolfgang Gruner) trifft … Von Hitler zu Adenauer und Ulbricht sowie ein Ausflug zurück – eine satirische Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung aus der Kellerperspektive. Visuell betont unspektakulär, über weite Strecken die filmische Illustration des von Neuss vorgetragenen Off-Kommentars, zeigt »Wir Kellerkinder« deutsch(-deutsche) Charaktertypen an stilisierten Schauplätzen: alte und neue Kameraden, Pseudokommunisten und künstliche Demokraten, »ein ganzes Volk auf Zelluloid«, zwischen Ost und West, zwischen Heute und Gestern. »Es ist nicht einfach mit so etwas Schluß zu machen.«

R Jochen Wiedermann B Wolfgang Neuss, Herbert Kundler K Werner Lenz M Peter Sandloff A Ernst H. Albrecht S Walter von Bonhorst P Hans Oppenheimer D Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Achim Strietzel | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. Oktober 1960

# 802 | 22. November 2013

21.9.60

Comment qu’elle est (Bernard Borderie, 1960)

Eddie geht aufs Ganze

»Pour un agent secret il vous trouve un peu … bruyant.« Auftakt an der place Pigalle: Lemmy Caution (wie immer: Eddie Constantine) mischt (wie immer: feixend) das Personal eines (wie immer: zweitklassigen) Bumslokals auf; sein guter Grund: Er bestellte Whisky und bekam Champagner. Solchermaßen eingestimmt verfolgt der FBI-Agent die Spur des ominösen Spions und Nachrichtenhändlers Varlay. Leere Flaschen und zerbeulte Nasen pflastern Lemmys Weg durch schummrige Pariser Nachtbars (mit verlockenden Namen wie ›Chat Botté‹ oder ›Pomme d’Amour‹) und deren schalldichte Hinterzimmer, durch stille Vorortvillen, in denen der schnelle Tod lauert, bis in eine Galerie für abstrakte Malerei, wo der eher am Figurativen (insbesondere an der von Françoise Prévost verkörperten Kunsthändlerin) interessierte Ermittler schließlich (mit Hilfe des Dichters Rimbaud) das große Geheimnis dechiffriert: »A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu: voyelles …« Den doppelgesichtigen Schurken zur Strecke zu bringen, ist anschließend reine Form- und Faustsache. Bernard Borderie serviert das x-te Abenteuer des stereotypen Serienhelden mit jenem erquicklichen Mangel an Seriosität, der Lemmy (= Eddie) so (um­werfend) liebenswert macht.

R Bernard Borderie B Bernard Borderie, Marc-Gilbert Sauvajon V Peter Cheney K Robert Juillard M Paul Misraki A René Moulaert S Christian Gaudin P Raymond Borderie, Charles Borderie D Eddie Constantin, Françoise Brion, Alfred Adam, Renaud Mary, Françoise Prévost | F | 91 min | 1:1,66 | sw | 21. September 1960

16.9.60

The Apartment (Billy Wilder, 1960)

Das Appartement 

»The Apartment« könnte ebensogut »The Key« heißen: Der Angestellte C. C. Baxter (Jack Lemmon als archetypisches Dutzendgesicht) verleiht den Schlüssel zu seiner Junggesellenwohnung an Vorgesetzte (die Herren Dobisch, Kirkeby, Vanderhoff, Eichelberger und Sheldrake – was für Namen!), die einen verschwiegenen Ort für dieses und jenes benötigen; als Gegenleistung erhält einen anderen Schlüssel – den zum ›executive washroom‹, Symbol für seine Erlösung aus der Anonymität des galeerenartigen Großraumbüros. »Some people take, some people get took«, weiß die Fahrstuhlführerin Fran Kubelik (Shirley MacLaine als weinender Clown), die sich mit Auf-(und Ab-)stiegen auskennt. Buddy-boy Baxter will einer sein, der nimmt – so wie sein oberster Boß (Fred MacMurray als Wolf unter Hunden), der glaubt, wenn jeder an sich denkt, sei an alle gedacht. »Be a mensch!« mahnt dagegen Doktor Dreyfuss (Jack Kruschen als guter Mann von nebenan). Baxter folgt schließlich dieser Aufforderung und hält den Schlüssel zum Glück in den Händen – vielleicht … Billy Wilder klebt an seine traurig-böse Komödie über die Welt, in der wir leben, eines der unwahrscheinlichsten (und deshalb umso tröstlicheren) happy endings der Kinogeschichte. Danke dafür. PS: »Shut up and deal.«

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond K Joseph LaShelle M Adolph Deutsch A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Billy Wilder D Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Fred MacMurray, Jack Kruschen, Ray Walston | USA | 125 min | 1:2,35 | sw | 16. September 1960

14.9.60

Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (Fritz Lang, 1960)

Knapp 30 Jahre und einen massenmörderischen Weltkrieg nach dessen letztem Auftritt schickt Fritz Lang (angestiftet vom Berliner Produzenten Artur ›Atze‹ Brauner) seinen mythisch-brillanten Super-Verbrecher wieder auf die Leinwand: Die dritte Dr.-Mabuse-Variation ist die »Inszenierung einer Inszenierung« – der große Plan des gemeingefährlichen Genies beruht auf totaler Überwachung und zerstörerischer Manipulation der Ausgeforschten. Schauplatz ist das Hotel Luxor, dessen Grundstein noch die Nazis legten: eine gebaute Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit, die – unbemerkt hinter den Kulissen spukend – ihren Schatten auf Gegenwart und Zukunft werfen. Die Intrigen des mysteriösen Strippenziehers werden allerdings mehr besprochen denn gezeigt, auch macht Langs Faszination für labyrinthische Strukturen – in erzählerischer und architekturaler Hinsicht – eher den Eindruck eines (wenn auch eleganten) Selbstzitats. Dennoch sind »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« sehens- und bemerkenswert: wegen Gert Fröbes flapsiger Performance als Kommissar Kras, wegen des Auftritts von Howard Vernon als Killer, der seinen Opfern per Luftgewehr tödliche Stilette injiziert, wegen der Nonchalance, mit der Peter van Eyck mal eben ein paar Atomkraftwerke kauft, wegen des abgefeimten Maskenspiels von Wolfgang Preiss, und nicht zuletzt weil Mabuses Wahlspruch – »Sinn des Verbrechens ist die Herrschaft des Verbrechens!« – immer noch als Motto aller die gesellschaftliche Integrität bedrohenden destruktiven Energien dienen könnte, mag es sich um Terrorismus handeln oder um eine andere jener autoaggressiven Kräfte, die jedes soziale Gefüge früher oder später zu entwickeln scheint.

R
Fritz Lang B Heinz Oskar Wuttig, Fritz Lang V Norbert Jacques K Karl Löb M Bert Grund, Werner Müller A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Walter Wischniewsky, Waltraud Wischniewsky P Artur Brauner D Dawn Addams, Peter van Eyck, Wolfgang Preiss, Gert Fröbe, Werner Peters | BRD & F & I | 103 min | 1:1,66 | sw | 14. September 1960

13.9.60

The Criminal (Joseph Losey, 1960)

Die Spur führt ins Nichts 

»All my sadness, all my joy / Came from loving a thieving boy.« First-rate B-movie über den Ganoven Johnny Bannion (Stanley Baker), der im Knast eine große Nummer ist, aber nach seiner Entlassung erfahren muß, daß sich die Dinge geändert haben. Individualistisches Mackertum (»He’s a dazzling wonder«, heißt es einmal über den reizbaren (Anti-)Helden) ist nicht mehr gefragt: »With us it’s a team. It’s business, and your sort doesn’t fit into an organisation.« Joseph Losey kümmert sich nur sehr am Rande um das Erzählen einer stringenten Story – vieles hängt in der Luft, manches bleibt im Dunkeln, der zentrale Überfall, um den sich alles dreht, wird gar nicht erst gezeigt –, immer wieder verschiebt er die Betonung, weg von der Handlungsmotorik, hin zu den entscheidenden Momenten zwischen dem äußeren Geschehen. Akustisch und optisch forciert von John Dankworth’ lyrisch-nervösem Jazz-Score und Robert Kraskers kontrastreicher Schwarzweiß-Fotografie, verwandelt »The Criminal« die Genre-Elemente in eine rhythmische Etüde über den Einzelnen und das Kollektiv, über Vertrauen und Verrat, über die Welt als Gefängnis.

R Joseph Losey B Alun Owen K Robert Krasker M John Dankworth A Richard Macdonald S Reginald Mills P Jack Greenwood D Stanley Baker, Sam Wanamaker, Grégoire Aslan, Margit Saad, Patrick Magee | UK | 97 min | 1:1,66 | sw | 13. September 1960

2.9.60

Schachnovelle

Das Schicksal eines Wiener Aristokraten, der den Nazis nicht zu Diensten sein will: Werner von Basil (Curd Jürgens) half der katholischen Kirche, Kunstschätze in Sicherheit zu bringen, Kostbarkeiten, auf die sich nach dem »Anschluß« das besondere Interesse der neuen Machthaber richtet. Einer von ihnen ist der platinblonde Gestapo-Karrierist Hans Berger (Hansjörg Felmy), der die Persönlichkeit des stolzen Basil zu brechen gedenkt, indem er ihn in strenge Einzelhaft sperrt: kein Gespräch, kein gedrucktes Wort, keinerlei geistige Anregung – Bedingungen, unter denen ein Kulturwesen die Willenskraft früher oder später verlieren muß … Gerd Oswald, als Jugendlicher aus der Heimat vertrieben, hat Entwurzelung und Unmenschlichkeit am eigenen Leib erlebt: Sicherlich auch aufgrund ganz persönlicher Erfahrungen gelingt ihm das eindringliche Porträt eines zwangsweisen Widerständlers, dem ein zufällig ergattertes Schach-Lehrbuch (»150 Meisterpartien«) den isolierten Intellekt einerseits vor Austrocknung bewahrt, andererseits vollends zu zerrütten droht. Das Schachbrett wird für den Gefangenen gleichermaßen zum erlösenden Freiraum wie zum beschränkenden Gitternetz, aus dem er sich kaum mehr zu retten weiß. Indem er Stefan Zweigs Erzählung um eine ambivalente Frauenfigur bereichert, die zwischen den rivalisierenden Männern steht, verschiebt Oswald die poltisch-ideelle Thematik zusehends ins Melodramatische und beschert dem harten Kampf von Schwarz und Weiß eine eher zuckrige Auflösung.

R Gerd Oswald B Harold Medford, Herbert Reinecker, Gerd Oswald V Stefan Zweig K Günther Senftleben M Hans-Martin Majewski A Wolf Englert, Ernst Richter S Klaus M. Eckstein P Luggi Waldleitner D Curd Jürgens, Mario Adorf, Hansjörg Felmy, Claire Bloom, Albert Lieven | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 2. September 1960

# 942 | 7. Februar 2015

Gino (Ottomar Domnick, 1960)

Bundesdeutsche Nierentisch-Avantgarde vom Stuttgarter Nervenarzt, Kunstsammler, Autonarr und Gelegenheitsfilmschöpfer Ottomar Domnick: Das prekäre Dreieck zwischen einem stieseligen schwäbischen Unternehmer, seiner Exfrau, einer spröden Schriftstellerin, und dem einfältigen 16jährigen Gastarbeiter Gino (Jörg Plewa) versinnbildlicht die Störung (wenn nicht gar Unmöglichkeit) von Kommunikation in der modernen Gesellschaft. Die Protagonisten werden über ihre jeweilige Umwelt – Betrieb, Apartment, Baracke – und Sprache – Geschäftsslang, Literatur, radegebrochenes Deutsch – definiert und als widerstreitende Prinzipienträger gegeneinander in Stellung gebracht; die ambitionierte Kamera (Andor von Barsy) verbindet dabei geschickt grafische Stilisierung und dokumentarisches Interesse. Mit seinen drei parallel geführten Ebenen Wirklichkeit, Fiktion und Traum scheint »Gino« formal und erzählerisch stark von Werken wie »Hiroshima mon amour« inspiriert zu sein – von der inszenatorischen Klasse eines Alain Resnais ist der talentierte kinematographische Dilettant Domnick allerdings ein paar Stufen entfernt.

R Ottomar Domnick B Ottomar Domnick K Andor von Barsy M Wilhelm Killmayer, Johann Sebastian Bach S Gertrud Petermann P Ottomar Domnick D Jörg Pleva, Eleonore van Hoogstraten, Kurt Haars | BRD | 83 min | 1:1,37 | sw | 2. September 1960

25.8.60

Die Bande des Schreckens (Harald Reinl, 1960)

Ein zum Tode Verurteilter Meisterverbrecher schwört vor der Vollstreckung des Urteils all jenen Rache, die ihn an den Galgen brachten. Und tatsächlich: der Staatsanwalt, der Richter, der Scharfrichter – sie alle sterben wie die Fliegen. Zunächst scheint es, als sei der Gehenkte selbst aus dem Grab gestiegen, um als Geist Vergeltung zu üben, doch Chefinspektor Long (Joachim »Meine Freunde nennen mich Blacky!« Fuchsberger) enthüllt ein ganz und gar irdisches Mordkomplott, in das unter anderem die arglose Karin Dor und die doppelbödige Elisabeth Flickenschildt verwickelt sind. Harald Reinl inszeniert mit sicherer Hand für zwielichtige Stimmung und einfallsreiche Sterbefälle eine wohlig-schaurige Phantasie über die unheimliche Wiederkehr des Verdrängten.

R Harald Reinl B J. Joachim Bartsch, Wolfgang Schnitzler V Edgar Wallace K Albert Benitz M Heinz Funk A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Fritz Rasp, Dieter Eppler, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 25. August 1960

11.8.60

La maschera del demonio (Mario Bava, 1960)

Die Stunde, wenn Dracula kommt

Ein Horrormelodram über die Last der Vergangenheit und die Wiederkehr des Verdrängten: Moldawien, im frühen 17. Jahrhundert – vom eigenen Bruder als Hexe verurteilt, wird der jungen Prinzessin Asa (Barbara Steele) eine Dornenmaske aufs schöne Gesicht genagelt. Ein heftiger Regenguß löscht das Feuer des Scheiterhaufens, so daß die Satanstochter 200 Jahre später durch einen zufällig vergossenen Blutstropfen von den Toten erwachen kann, um ihren satanischen Geliebten zu wecken und Besitz vom Körper ihrer ebenbildlichen Nachfahrin Katia (Barbara Steele) zu nehmen. Ironischerweise ist es ein abgeklärter Wissenschaftler, der das Rad des übersinnlichen Grauens wieder in Schwung bringt (und selbst dem Bösen anheimfällt), während sein tapferer junger Assistent gegen die rachsüchtigen Dämonen um das bedrohte Leben der verehrten Fürstentochter kämpft … Ohne großen bühnenbildnerischen Aufwand, mit expressivem Chiaroscuro und grellen Effekten kreiert Regisseur (und Kameramann) Mario Bava in »La maschera del demonio« ein schauerromantisches Setting voller spillerigem Geäst und morbider Ruinen, durchzogen von winkligen Geheimgängen, unterkellert von finsteren Verliesen, bedrückt vom Fluch einer uralten Schuld, eine unheimliche Sphäre zwischen Verfall und Vernunft, eine heillose Welt doppelgängerischer Zerrissenheit, wo Furcht und Verlockung seltsame Schnittmengen bilden.

R Mario Bava B Ennio De Concini, Mario Serandrei V Nikolai Gogol K Mario Bava M Roberto Nicolosi A Giorgio Giovannini S Mario Serandrei P Massimo De Rita D Barbara Steele, John Richardson, Andrea Checchi, Ivo Garrani, Arturo Dominici | I | 87 min | 1:1,66 | sw | 11. August 1960

Seilergasse 8 (Joachim Kunert, 1960)

Eine junge Frau wird leblos aufgefunden. Es sieht aus wie Selbstmord. Aber wieso sollte die Verstorbene das Glas, mit dem sie die Überdosis Tabletten herunterspülte, vor ihrem Ableben noch von Fingerabdrücken gesäubert haben? »Seilergasse 8«, die Adresse des Todesfalles, der sich schnell als Verbrechen erweist, ist eine kleine Mietskaserne im herbstlichen Rostock. Die Parteien leben dicht zusammen, und doch kennt keiner den anderen – von der Wärme der sozialistischen Menschengemeinschaft lassen Kunert und Kunert (Regisseur Joachim und Autor Günter) in ihrem kriminalistischen Stimmungs- und Sittenbild nicht viel spüren. Auch zwischen den Altersklassen liegen Mißtrauen und Sprachlosigkeit: Als der im Mordhaus wohnende dienstbeflissene VP-Kommissar (Martin Flörchinger) seinen mürrischen Sohn der Tat verdächtigt (will sagen: aufgrund der Indizienlage verdächtigen muß), kommt es zum (verstockten) Generationskonflikt … Nachdem zunächst die Enge des Milieus ausgeleuchtet wurde, weitet sich die Erzählung gegen Ende der Ermittlungen beinahe ins Weltläufige, das auch eine mittelgroße Hafenstadt hinter dem Eisernen Vorhang gelegentlich durchweht. PS: Das Böse kommt diesmal nicht aus dem Westen, will aber dorthin.

R Joachim Kunert B Günter Kunert, Joachim Kunert K Eugen Klagemann M André Asriel A Erich Zander S Hildegard Konrad P Erich Albrecht D Martin Flörchinger, Manja Behrens, Dieter Perlwitz, Dietrich Kerky, Rudolf Ulrich | DDR | 91 min | 1:1,37 | sw | 11. August 1960

10.8.60

Ocean’s 11 (Lewis Milestone, 1960)

Frankie und seine Spießgesellen

Danny Ocean (Frank Sinatra) versammelt eine Gruppe alter Kriegskameraden, ehemalige Angehörige der 82nd Airborne Division, die am Strand von Anzio und in den Ardennen gekämpft haben, um in den Casinos von Las Vegas auf Beutezug zu gehen: »Why waste those cute little tricks that the Army taught us just because it’s sort of peaceful now.« Die ironische Prämisse – soldatisch geschulte Profis nutzen ihre spezifischen Fähigkeiten, um ein großes Ding zu drehen – ähnelt auf verblüffende Weise jener der kurz zuvor entstandenen Diebeskomödie »The League of Gentlemen«; daß »Ocean’s 11« – trotz der vollständigen Anwesenheit des berühmt-berüchtigten Rat Packs (neben Sinatra: Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford, Joey Bishop sowie Shirley MacLaine in einem betrunkenen Kurzauftritt) – anders als sein britisches Pendant nur wenig Esprit entwickelt, ist in erster Linie der betulichen Inszenierung geschuldet. Eine sehr lange Stunde nimmt sich Lewis Milestone Zeit, um die Bande zu formieren, die Protagonisten vorzustellen, die verschiedenen Motivationen klarzulegen. Mit der eigentlichen Vorbereitung und Durchführung des Coups kommt der Film in der zweiten Hälfte zwar auf Touren, doch erst gegen Ende stellt sich die croonerhafte Lässigkeit ein, die wohl das ganze Gaunerstück durchwirken sollte.

R Lewis Milestone B Charles Lederer, Harry Brown K William H. Daniels M Nelson Riddle A Nicolai Remisoff S Philip W. Anderson P Lewis Milestone D Frank Sinatra, Dean Martin, Peter Lawford, Sammy Davis Jr., Angie Dickinson, Richard Conte, Akim Tamiroff | USA | 127 min | 1:2,35 | f | 10. August 1960

# 1061 | 18. Juli 2017

3.8.60

Taiyo no hakaba (Nagisa Oshima, 1960)

Das Grab der Sonne

Asche zu Asche, Staub zu Staub, Müll zu Müll. Nagisa Oshimas beiläufig-brutale Ballade von der irdischen Höllenfahrt des Lumpenproletariats spielt unter Kriminellen, Prostituierten, Bettlern, krummen Geschäftemachern und durchgeknallten Veteranen in einem Slum von Osaka – hier im sozialen Off werden illegale Blutbanken ebenso ungerührt betrieben wie Raub und Menschenhandel, hier wird einer Leiche das Hemd vom totgeprügelten Körper gestohlen, hier wird der nächste Krieg als reinigendes Gewitter herbeigesehnt. In rauhen, ausdrucksstarken Scope-Bildern (Takashi Kawamata), zu denen ein spanisch anmutender, elegischer Gitarrenscore (Riichiro Manabe) in fruchtbarem Gegensatz steht, wird jede Hoffnung auf Erlösung verweigert: »Das Grab der Sonne« ist zwar längst ausgehoben, doch die sterbende Gesellschaft – sie stirbt nicht. Sie zuckt und zuckt in einem nichtendenwollenden Todeskampf.

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima, Toshiro Ishido K Takashi Kawamata M Riichiro Manabe A Koji Uno S Keiichi Uraoka P Tomio Ikeda D Masahiko Tsugawa, Kayoko Honoo, Isao Sasaki, Fumio Watanabe, Kamatari Fujiwara | JP | 87 min | 1:2,35 | f | 3. August 1960

20.7.60

The Bellboy (Jerry Lewis, 1960)

Hallo, Page!

»If you create a stage and it is grand, everyone who enters will play their part«, postuliert Architekt Morris Lapidus, der Mitte der 1950er Jahre den Schauplatz von Jerry Lewis’ Debüt als »total film-maker« (Autor, Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller) entwarf: das extravagant-mondäne Fontainebleau Hotel in Miami Beach. Lewis spielt auf dieser grandiosen Bühne die Rolle des (stummen) Pagen Stanley (!), der jedermann zu Willen sein muß, wobei er ganz seinem eigenen Willen folgt. »Too much is never enough« sagt Lapidus, der Meister des durchgeknallten Jet-Set-Barock, und auch Lewis feiert das Zuviel, indem er dem überkandidelten Setting eine Fülle, einen Schwung, eine Kaskade von lustigen, absurden, spinnerten Szenen abgewinnt: »A film based on fun.« Der Lunapark der modernistischen Baukunst wird zur Kulisse einer überschwenglichen Sketchparade, eines Varietés der selbstreferentiellen Scherze, einer tiefen Verbeugung vor den großen komödiantischen Vorbildern: Stan (!) Laurel, Charlie Chaplin, Jacques Tati. Indessen ist Lewis auch ein Apologet des »Less is more«. Weniger Handlung, weniger Psychologie, weniger sinnvoller Zusammenhang. Stattdessen mehr Raum für Intuition, für Abschweifung, für vollendeten Blödsinn. Weniger Ziel. Mehr Weg. Mit anderen Worten: »It is actually a series of silly sequences.« 

R Jerry Lewis B Jerry Lewis K Haskell Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Henry Bumstead S Stanley Johnson P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Alex Gerry, Bob Clayton, Bill Richmond, Milton Berle | USA | 72 min | 1:1,85 | sw | 20. Juli 1960

# 789 | 2. November 2013

1.7.60

The Amazing Transparent Man (Edgar G. Ulmer, 1960)

»Amazing« ist an diesem in jeder Beziehung billigen Sci-Fi-Thriller nicht besonders viel: Ein durchgeknallter Ex-Major träumt von der Aufstellung einer unsichtbaren Armee, zu welchem Behufe er einen genialen deutschen Wissenschaftler erpreßt, der schon zwangsweise den Nazis zu Willen sein mußte. Der fiese Schurke läßt zudem einen Meisterdieb aus dem Gefängnis befreien, damit dieser Nuklearmaterial »X-13« aus Staatsbesitz beschaffe, das zur weiteren Verbesserung der Unsichtbarkeitsmaschine erforderlich ist … Im Gegensatz zum back-to-back produzierten »Beyond the Time Barrier« gelingt es Edgar G. Ulmer nicht, dem hanebüchenen Stoff jenseits oberflächlichster Fortschrittskritik ein gewissen Maß von Größe (oder Größenwahn) einzuhauchen. Ein verschnarchtes texanisches Farmhaus als Zentrale des Bösen, ein klappriges Wellblechlaboratorium unterm Dach – beginnt hier die Weltherrschaft? Neben dem holprigen Erzählbogen des kurzen Films, den uninspirierten (Nutz-)Dialogen und den primitiven, allzu augenfälligen Effekten enttäuscht vor allem die weitgehend lustlose, statische Inszenierung; lediglich einige schwebende subjektive Einstellungen aus dem »Blickwinkel« des Unsichtbaren beweisen Ulmers außergewöhnliche Fähigkeit, buchstäblich mit Nichts visuelles Aufsehen zu erregen.

R Edgar G. Ulmer B Jack Lewis K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Lester D. Guthrie D Douglas Kennedy, Marguerite Chapman, James Griffith, Ivan Triesault, Red Morgan | USA | 60 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1960

# 781 | 14. Oktober 2013 

Beyond the Time Barrier (Edgar G. Ulmer, 1960)

»None of this is real. It’s all an illusion to me.« Als Major Bill Allison, Testpilot der US-Luftwaffe, von einem Überschallflug in großer Höhe zurückkehrt, findet er seine Air Base in Trümmern liegend. Er wandert durch desolate Landschaften und gelangt zu einer strahlenden Stadt, deren Bewohner ihn gefangen setzen. Langsam begreift Allison, daß er durch die Zeit ins Jahr 2024 geschleudert wurde. In der »Zitadelle«, einer caligaresken Art-Déco-Festung, deren phantastische pyramidal-trianguläre Innenwelten (Bauten: Ernst Fegté) die eigentliche Attraktion des Films ausmachen, haben sich die Überlebenden einer (durch Kernwaffenversuche herbeigeführten) Pandemie verschanzt, die im Jahre 1971 fast die gesamte Erdbevölkerung dahinraffte. Von aggressiven »Mutanten« bedroht, stumm (bis auf den alten, weisen Anführer) und unfruchtbar (bis auf die hübsche Enkelin des Chefs), sehen die letzten Menschen in Major Allison ihre letzte Hoffnung: Er soll in die Zeit vor der Katastrophe zurückkehren, um das große Sterben zu verhindern … Chris Marker wird ein ähnliches Szenario drei Jahre später in seinem vielschichtigen photo-roman »La jetée« auf ungleich höherem philosophischen und visuellen Niveau entwickeln, Edgar G. Ulmer verarbeitet Themen wie Atomangst und mögliche Zerstörung aller Lebensgrundlagen zu einer naiv-linkischen Pulp-Dystopie mit warnender Schlußbelehrung: »Gentlemen, we’ve got a lot to think about.«

R Edgar G. Ulmer B Arthur C. Pierce K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Robert Clarke D Robert Clarke, Darlene Tompkins, Vladimir Sokoloff, Stephen Bekassy, Arianne Ulmer | USA | 75 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1960

# 780 | 13. Oktober 2013 

29.6.60

Strangers When We Meet (Richard Quine, 1960)

Fremde, wenn wir uns begegnen

»We’re all happily married with two kids.« Regisseur Richard Quine und Autor Evan Hunter erzählen ein suburbanes Melodrama, wobei sie das Drama so gut wie weglassen: Ein verheirateter Mann (Kirk Douglas) und eine verheiratete Frau (Kim Novak) verlieben sich ineinander, und der Film schlägt keinerlei explosives Kapital aus der banalen Konstellation – stattdessen werden zurückhaltend und feinfühlig Figuren und Atmosphäre der ausgehenden 1950er Jahre entwickelt. Douglas ist ein Architekt mit hochfliegenden Plänen, dessen Frau (Barbara Rush) die Sicherheit bevorzugt; Novak hat einen Gatten, der ihre Bedürfnisse fast offensiv ignoriert. Eine tiefes Fremdheitsgefühl (sich selbst und anderen gegenüber) bestimmt die wohlarrangierten Existenzen; zwei Menschen scheint (für eine Weile wenigstens) die Überwindung dieser Beziehungslosigkeit möglich... Während Charles Langs Cinema­Scope-Optik die Welt der Martinis und Barbecues, der Schulbusse und Straßenkreuzer, der gepflegten Rasenflächen und kultivierten Interieurs präzise ins Bild setzt, ist es vor allem das kühl-differenzierte Spiel der Akteure – Walter Matthau (als Tartuffe der Vorstadt) und Ernie Kovacs (als frauenfressender Literat) glänzen in pointierten Nebenrollen –, das die vermeintliche Seifenoper in die Nähe von antonionesken Tableaus der Unwirtlichkeit und Entfremdung rückt.

R Richard Quine B Evan Hunter V Evan Hunter K Charles Lang M George Duning A Ross Bellah S Charles Nelson P Richard Quine D Kirk Douglas, Kim Novak, Ernie Kovacs, Barbara Rush, Walter Matthau | USA | 117 min | 1:2,35 | f | 29. Juni 1960

24.6.60

Herrin der Welt (Teil II) (William Dieterle, 1960)

Im zweiten Teil von »Herrin der Welt« geht die (gelegentlich recht zeitlupenhafte) Jagd nach dem entführten Professor und seiner (je nachdem seligmachenden oder todbringenden) Formel weiter und führt über Bangkok durch den CCC-Dschungel (mit Tiger – vermutlich aus dem Circus Sarrasani) ins kambodschanische Angkor Wat. Die Fortsetzung bringt nicht nur ein paar schöne dokumentarische Bilder aus Südostasien, sondern gewinnt gegen Ende sogar ein wenig an Fahrt, wenn der bisher im Schatten der bösen Madame Latour stehende Wolfgang Preiss (auch schaupielerisch) die Initiative ergreift und sich an die Spitze der Schurkentruppe putscht. Wie man erwarten darf, ohne Erfolg: Die (gelbe) Gefahr wird gebannt – wir sind noch einmal davon gekommen.

R William Dieterle B Jo Eiseinger, Harald G. Petersson K Richard Angst M Roman Vlad A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Ira Oberberg P Artur Brauner D Martha Hyer, Micheline Presle, Carlos Thompson, Wolfgang Preiss, Gino Cervi | BRD & F & I | 87 min | 1:1,37 | f | 24. Juni 1960

23.6.60

Bells Are Ringing (Vincente Minnelli, 1960)

Anruf genügt – komme ins Haus

Ein doppelter, eigentlich ein dreifacher Abschied: der letzte Film von Judy Holliday, die letzte Schöpfung des MGM-Musical-Gottvaters Arthur Freed und zugleich dessen zwölfte – und letzte – Zusammenarbeit mit Vincente Minnelli. »Bells Are Ringing« erzählt von Ella Peterson alias Melisande Scott (herzerwärmend-nervtötend: Judy Holliday), die sich als engagierte Mitarbeiterin des New Yorker Telefon-Auftragsdienstes ›Susanswerphone‹ in die Leben einiger problematischer Klienten (darunter Dean Martin als schreibgehemmter Broadway-Autor) nicht nur einmischt, sondern diese regelrecht umkrempelt und voller Elan zum Positiven wendet – »Pretty shabby trick, saving a man’s life!« Artifiziell wie eh und je, aber nicht ganz so stilsicher wie sonst, plaziert Minnelli seinen film enchanté auf halbem Wege zwischen »down to earth« und »bigger than life«; das Ergebnis kann (trotz klassischer Songs und cleverer Dialoge von Comden & Green) kaum darüber hinwegtäuschen, daß die Hochblüte des Genres nur mehr eine schöne Erinnerung ist.

R Vincente Minnelli B Betty Comden, Adolph Green K Milton Krasner M Jule Styne A Preston Ames, George W. Davis S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Judy Holliday, Dean Martin, Fred Clark, Eddie Foy Jr., Jean Stapleton | USA | 126 min | 1:2,35 | f | 23. Juni 1960

22.6.60

House of Usher (Roger Corman, 1960)

Die Verfluchten

»Evil is not just a word. It is a reality.« Zur Einstimmung: wabernder Nebel in Knallfarben; dann ein einsamer Reiter, der einen toten Wald durchmißt. Ein Spukhaus ragt aus dem Dunst – brüchiger Schauplatz eines Familiendramas von schicksalhafter Verdammnis: Hinter den düsteren Mauern schwelen (seelische) Krankheit und (moralische) Verwesung. Roger Corman, ein klarer Feind von Zwischentönen, läßt in seiner morbid-ridikülen Edgar-Allen-Poe-Adaption Sand aus Wandspalten rieseln, Lüster von der Decke krachen, blutige Hände aus halbgeöffneten Särgen tasten, Interieurs in Flammen aufgehen, als wären sie in Benzin getränkt, indes aus dem Off die Totenchöre säuseln. Vincent Price zelebriert als überempfindlicher Aristokrat, an dessen dünnem Nervenkostüm die blutige Schuld der Vorfahren zerrt, mit fahler Wonne die Lust am Untergang – und verwischt, pathetisch gestikulierend, die Grenze zwischen Leben und Tod.

R Roger Corman B Richard Matheson V Edgar Allan Poe K Floyd Crosby M Les Baxter A Daniel Haller S Anthony Carras P Roger Corman D Vincent Price, Mark Damon, Myrna Fahey, Harry Ellerbe | USA | 79 min | 1:2,35 | f | 22. Juni 1960

16.6.60

Psycho (Alfred Hitchcock, 1960)

Psycho
 
»I thought I'd gotten off the main road.« Die Sekretärin Marion Crane (Janet Leigh) stiehlt 40.000 Dollar, um mit ihrem hochverschuldeten Geliebten ein neues Leben beginnen zu können. Auf der Flucht gelangt sie in ein einsam gelegenes Motel, das von Norman Bates (Anthony Perkins) geführt wird, einem kauzigen jungen Mann (»My hobby is stuffing things.«), der offenbar unter der Fuchtel seiner gebieterischen alten Dame steht … In »Psycho« geht es Alfred Hitchcock vermutlich weder um Geld noch um Liebe, weder um Diebstahl noch um Mord, weder um Moral noch um Amoral, weder um Kriminalität noch um Kriminalistik, es geht ihm wohl vielmehr um den filmischen Gebrauch dieser Motive zur ungehemmten Manipulation des Zuschauers. Sicher geht es auch um die Last der Vergangenheit und um verzweifelte Selbstbefreiungsversuche, um gespaltene Identitäten und um die Mutter als unsterbliches Monster (»Oh, God, Mother! Blood! Blood!«), vor allem aber geht es um glasklare Schwarzweiß-Fotografie und um die Suggestivkraft von Musik, um minutiös durchkomponierte Schnittsequenzen und um die technische Erzeugung von Emotion. Und es geht um die Unheimlichkeit des Blickes: Blicke in die starrenden Augen ausgestopfter Vögel und in die blendenden Scheinwerfer entgegenkommender Autos, Blicke durch Wandlöcher und durch Duschvorhänge, Blicke in Spiegel und in tödliche Abgründe. Last but not least geht es um Bilder – Bilder, die sich, einmal gesehen, ins Gedächtnis brennen, so wie sich Licht in die Filmemulsion einschreibt.

R Alfred Hitchcock B Joseph Stefano V Robert Bloch K John L. Russell M Bernard Herrmann A Robert Clatworthy, Joseph Hurley S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, John Gavin, Martin Balsam | USA | 109 min | 1:1,85 | sw | 16. Juni 1960

5.6.60

Das Glas Wasser (Helmut Käutner, 1960)

»Ein reinliches Gewissen / ist ein sanftes Ruhekissen. / Wie schön, wenn du moralisch bist, / doch keiner will es wissen.« Amourös-musikalisches Lust- und Intrigenspiel am Hofe der britischen Königin Anne: die konservative Herzogin von Marlborough (Hilde Krahl) und der liberale Zeitungsmann Henry St. John (Gustaf Gründgens) wetteifern um politischen Einfluß auf die schwache Majestät (Liselotte Pulver). Mittels launiger Couplets, marionettenhaft agierender Darsteller und ultrastilisierter Kulissen in weiß-goldenem Zuckerbäcker-Modernismus (Bau: Herbert Kirchhoff und Albrecht Becker) frisiert Helmut Käutner die gutgebaute Komödie des französischen Dramatikers Eugène Scribe zur preziösen Kabarettrevue, die ohne übertriebene Tiefgründigkeit Fragen von Krieg und Frieden, Macht und Gefühl, individueller Interessen und öffentlicher Meinung verhandelt. Wichtiger als die großen Themen sind allemal die von allen Seiten des Stücks (hinter-)listig instrumentalisierten Liebeshändel um einen schmucken Gardeoffizier und ein reizendes Kammerkätzchen. Ein sympathischer filmischer Bluff auf glattem Studioparkett.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Willibald Eser V Eugène Scribe K Günther Anders M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Georg Richter D Gustaf Gründgens, Hilde Krahl, Liselotte Pulver, Sabine Sinjen, Horst Janson | BRD | 83 min | 1:1,66 | f | 5. Juni 1960

# 1149 | 2. Februar 2019

3.6.60

Seishun zankoku monogatari (Nagisa Oshima, 1960)

Nackte Jugend

Ein Junge und ein Mädchen laufen mit rebellischen Gesichtern durch die Glitzerwelt des nächtlichen Tokio. Eher zufällig entdecken sie eine sprudelnde Geldquelle: Sie lockt lüsterne ältere Herren an, die von ihm brutal abgezogen werden. Nagisa Oshimas schroff-resigniertes Scope-Dossier portraitiert (in stechenden Farben und hektischen Bildern) eine Jugend, deren kriminelles Protestgebaren lediglich die Fortsetzung des Konformismus mit anderen Mitteln ist. Zwar schwört sich das (auto-)aggressive Paar – gegen die Zweifel der traurigen Alten – ewige Treue, aber die aus ihrem Liebesversuch gewonnene Erkenntnis ist ebenso bitter wie klar: Ganz egal ob zusammen oder allein, der Mensch muß sich (und/oder andere) verkaufen, wenn er überleben will – und das Teilen dieses Leides bedeutet nicht seine Halbierung sondern seine Verdoppelung. PS: Das letzte Bild des Films vereint den Jungen und das Mädchen dann doch noch. Endgültig.

R Nagisa Oshima B Nagisa Oshima K Takashi Kawamata M Riichiro Manabe A Koji Uno S Keiichi Uraoka P Tomio Ikeda D Yûsuke Kawazu, Miyuki Kuwano, Yoshiko Kuga, Fumio Watanabe, Shinji Tanaka | JP | 96 min | 1:2,35 | f | 3. Juni 1960

1.6.60

Les jeux de l’amour (Philippe de Broca, 1960)

Liebesspiele

Philippe de Brocas leichtfüßiges Debüt, eine romantische Pariser Farce zwischen Panthéon und den Kellerbars von Saint-Germain-des-Prés: Suzanne, reizende Besitzerin eines idyllisch verkramten Trödelladens, lebt mir Victor (Jean-Pierre Cassel), der, wenn er nicht gerade voller Akribie und Hingabe Rosen malt, aufgekratzt durch die Welt tanzt. Sie will heiraten und ein Kind – er nicht unbedingt. François, der nette Nachbar, ein (etwas zu) patenter Immobilienmakler, würde liebend gerne einspringen, um die Gatten- und Vaterrolle zu übernehmen … Jean-Luc Godard wird die gleiche Geschichte ein Jahr später in »Une femme est une femme« noch einmal erzählen, besser gesagt: fachkundig fragmentieren und anspielungsreich wieder zusammensetzen; de Broca dagegen, der kein intellektueller film buff ist sondern das Honigkuchenpferd der Nouvelle Vague, dreht einen charmant-abschweifigen, sorgenfrei um sich selbst kreisenden Film über das Glück zu zweit – und zu dritt.

R Philippe de Broca B Philippe de Broca, Daniel Boulanger K Jean Penzer M Georges Delerue A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Laurence Méry P Claude Chabrol, Roland Nonin D Jean-Pierre Cassel, Geneviève Cluny, Jean-Louis Maury, Lud Germain, Mario David | F | 86 min | 1:1,66 | sw | 1. Juni 1960

15.5.60

L’avventura (Michelangelo Antonioni, 1960)

Die mit der Liebe spielen

»Perché ... perché ... perché ... perché?!« Eine Studie über Verlorensein und Verschwinden, über das (sich und anderen) Abhandenkommen. Anna (Lea Massari), eine kapriziöse Angehörige der römischen Oberschicht, und Sandro (Gabriele Ferzetti), ein Architekt, der seine künstlerischen Ambitionen zugunsten lukrativer Beraterjobs aufgegeben hat, sind kein besonders glückliches Paar. Zusammen mit Annas Freundin Claudia (Monica Vitti) und einer Clique reicher Müßiggänger unternehmen sie eine Kreuzfahrt zu den Äolischen Inseln – dargeboten als visuell eindrucksvolle Sinfonie aus aufgewühltem Meer, weitgespanntem Himmel, schroffem Fels. Bei einem Landgang geraten Anna und Sandro in Streit. Kurz darauf ist sie fort, bleibt unauffindbar. Ist Anna durch Unfall oder Selbstmord zu Tode gekommen? Hat sie sich auf einem Fischerboot in Richtung Sizilien abgesetzt? Michelangelo Antonioni gibt auf diese Fragen keine Antwort. Sandro und Claudia gehen, bald zusammen, bald getrennt, bald wieder gemeinsam, auf die Suche nach der Verschwundenen, folgen zweifelhaften Spuren, vagen Hinweisen, doch das Abenteuer der Nachforschung weicht dem Abenteuer einer sich unversehens entwickelnden Liebesbeziehung. Anna gerät aus dem Fokus des neuen Paares, rückt aus dem Mittelpunkt der Erzählung, wird vom Film, dessen Protagonistin sie war, gleichsam vergessen. Ein existentialistischer Thriller ohne Suspense, ein ungerührtes Drama von Menschen, die so sind, wie sie sind, weil die Welt (zumal die technisch radikal veränderte) so ist, wie sie ist (oder umgekehrt). In dieser Welt bleibt ein Geheimnis ein Geheimnis, hier erweisen sich antiquierte moralische Vorstellungen als ebenso nutzlos wie Fluchtversuche (in hektische Betriebsamkeit, in luxuriöse Passivität, in mechanischen Erotismus), die immer wieder in die Isolation, in den Widerspruch, in die Unsicherheit führen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra, Elio Bartolini K Aldo Scavarda M Giovanni Fusco A Piero Poletto S Eraldo Da Roma P Amato Pennasilico D Monica Vitti, Gabriele Ferzetti, Lea Massari, Esmeralda Ruspoli, James Addams | I & F | 144 min | 1:1,85 | sw | 15. Mai 1960

# 1154 | 10. April 2019

8.5.60

Leute mit Flügeln (Konrad Wolf, 1960)

Breit angelegte filmische Historienmalerei aus streng parteilicher Sicht: Rückblicke in die Geschichte eines Flugzeugwerkes und seiner Belegschaft von Ende der Weimarer Republik und Machtübergabe an die Nazis, über Spanien- und Weltkrieg, Konzentrationslager und Befreiung, bis hin zum dornigen aber planmäßigen Aufbau des Sozialismus im kleineren aber besseren Teil Deutschlands. Im Mittelpunkt des ideologischen Ringens: der Mensch, genauer gesagt: ein Mensch. Genosse Ludwig Bartuschek (Erwin Geschonneck), Flugmechaniker, Klassenkämpfer, Kommunist mit Leib und (vor allem natürlich) Seele, schreitet durch die Zeiten mit sicherem Schritt und einem festem Ziel vor den Augen: Allen die Welt und jedem der Himmel! Aber Vorsicht: »Wer fliegen will, bevor er gehen gelernt hat, macht ’ne Bruch­landung.« Mit Sinnsprüchen wie aus dem Brigadetagebuch weist der stets aufrechten Held sich und (fast) allen anderen – auch seinem leidenschaftlich-widerspenstigen Sohn Henne (Hilmar Thate), den er einst auf der Flucht vor den Faschisten zurücklassen mußte und später als Flakhelfer wiederfand – den Weg aus Unglück und Ruinen in eine glückliche Zukunft, um schließlich seinen großen Traum emporfliegen zu sehen: Ein real-existierendes Düsenverkehrsflugzeug aus deutsch-demokratischer Produktion erhebt sich majestätisch in die Lüfte. PS: Konrad Wolfs andächtig-hölzernes Epos über »Menschen, die uns Flügel geben« wird schon kurz nach seiner Premiere, wegen der auf höchster politischer Ebene beschlossenen Abwicklung der DDR-Luftfahrtindustrie, im Archiv verschwinden. Wer fliegen will, bevor er gehen gelernt hat …

R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Gerhard Helwig S Christa Wernicke P Siegfried Nürnberger D Erwin Geschonneck, Wilhelm Koch-Hooge, Hilmar Thate, Franz Kutschera, Rosita Fernandez | DDR | 121 min | 1:1,37 | sw & f | 8. Mai 1960

4.5.60

Neotprawlennoje pismo (Michail Kalatosow, 1960)

Ein Brief, der nicht abging 

Der Mensch und die Natur – eine elementare Untersuchung … Drei Geologen und ihr Führer suchen in Sibirien nach Diamanten. Sie werden fündig. Dann brennt der Wald. Dann bricht eine Sintflut herein. Dann kommt der Winter. Der Schnee. Das Eis … Noch stärker als im Vorgängerfilm »Letjat schurawli« gerät die Handlung aus dem Fokus von Michail Kalatosows Interesse. Das erste Bild, gesehen aus einem sich entfernenden Helikopter, rückt die Proportionen zurecht: Vier Menschen stehen im flachen Uferwasser eines Flusses, winken zum Abschied, werden immer kleiner, bis sie nur noch winzige Punkte in überwältigender Landschaft sind. Auch wenn die expressive Kamera (wiederum brillant: Sergei Urussewski) die Protagonisten immer wieder in Nah- und Nächstaufnahme betrachtet, auch wenn (Inter-)Aktionen Rückschlüsse auf charakterliche Eigenschaften zulassen, bleibt die Psychologie der Figuren ohne Relevanz. Die Natur kümmert sich schließlich auch nicht darum. Was zählt, ist die physische Fähigkeit, dem Ansturm der Elemente zu trotzen. Wasser, Erde, Feuer und Luft sind die wahren Akteure des Films. So wie die Natur den Menschen zum (überraschend widerstandsfähigen aber letztlich hilflosen) Spielball ihrer Gewalten macht, reduziert »Neotprawlennoje pismo« die Figuren auf Anschauungsobjekte im Rahmen einer (visuell überwältigenden) Forschungsreise durch das Wirken ungezähmter Kräfte. Das Schlußbild des Films wiederholt bilanzierend den Anfang: Der Letzte der vier, die aufgebrochen sind, liegt wie tot auf einer Eisscholle; über ihm kreist ein Rettungshubschrauber – und wieder entfernt sich die Kamera, bis das menschliche Treiben zum Nichts in immenser Weite schwindet.

R Michail Kalatosow B Waleri Ossipow, Grigori Koltunow, Wiktor Rosow V Waleri Ossipow K Sergei Urussewski M Nikolai Krjukow A David Winitski S N. Anikina P Mosfilm D Tatjana Samoilowa, Jewgeni Urbanski, Innokenti Smoktunowski, Wassili Liwanow, Galina Koschakina | SU | 97 min | 1:1,37 | sw | 4. Mai 1960

22.4.60

Les bonnes femmes (Claude Chabrol, 1960)

Die Unbefriedigten 

Jane, Ginette, Rita und Jacqueline arbeiten in einem Pariser Haushaltswaren­geschäft (in das sich nie ein Kunde zu verirren scheint). Mitleidlos-spöttisch beobachtet Claude Chabrol Szenen aus dem Leben der vier jungen Angestellten, folgt ihnen durch ihre Tage und ihre Nächte, zeigt ihren Überdruß und die triste Banalität ihrer Träume, ihre Enttäuschungen und ihre inkonsequenten Fluchtversuche aus dem lähmendem Alltag, ihre Blindheit und ihr zielloses Warten darauf, daß etwas geschieht, daß einer kommt, ein Retter, ein Prinz. Die Männer sind indes nicht besser: Wenn frau nur an geile Nachsteller, an exzentrische Lustgreise, an bornierte Kleinbürger gerät, kann sie von Glück sagen. »Les bonnes femmes«, gleichermaßen überscharfe Verhaltens­studie und satirisches Gesellschaftsbild, verschränkt eine Komödie der Irrungen mit einem Trauerspiel der Flausen, läßt ein tristes Kaleidoskop der Beziehungslosigkeit rotieren, übt beißende Kritik an der Akzeptanz erstarrter Geschlechterrollen: Ohne Bewußtwerdung gibt es keine Liebe, nur fade Erotik oder naive Fantasien oder sonderbare Fetische (wie das mit dem Blut eines Guillotinierten getränkte Taschentuch, das die ältliche Kassiererin Madame Louise hütet) oder Schlimmeres … Die Coda des Films bildet ein freudloses Tanzvergnügen. Über die Schulter eines anonymen Mannes geht der leere Blick einer Frau direkt ins Auge des Zuschauers. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels, es blinken nur die flüchtigen Reflexe der sich ewig drehenden Spiegelkugel verlorener Illusionen.

R Claude Chabrol B Paul Gégauff, Claude Chabrol K Henri Decaë M Pierre Jansen, Paul Misraki A Jacques Mély S Jacques Gaillard P Raymond Hakim, Robert Hakim D Bernadette Lafont, Stéphane Audran, Clotilde Joano, Lucile Saint-Simon, Ave Ninchi, Mario David | F & I | 100 min | 1:1,66 | sw | 22. April 1960

14.4.60

Herrin der Welt (Teil I) (William Dieterle, 1960)

Ein Film, in dem die Frisur der Hauptdarstellerin (Martha Hyer) auch nach einer Nuklearexplosion noch perfekt auf dem hübschen Köpfchen sitzt. Kurz zum Inhalt: Ein Professor (Gino ›Peppone‹ Cervi) entdeckt eine Art Weltformel, hinter der alle her sind – neben internationalen Geheimdienstlern (darunter Carlos Thompson und Lino Ventura) auch die Organisation einer gewissen Madame Latour (gepflegt-böse: Micheline Presle), die für die Meistbietenden (die Chinesen!) arbeitet. Der Professor wird durch die halbe Welt und eine Vielzahl wackelnder Kulissen geschleppt, um hinter den »Bambusvorhang« verscherbelt zu werden ... Artur ›Atze‹ Brauer lockte nach Fritz Lang mit William Dieterle einen weiteren Remigranten in die Spandauer CCC-Falle, um ihm einen der berüchtigten exotischen Zweiteiler des Hauses abzupressen. Das Ergebnis schwankt auf der nach allen Seiten offenen Kino-Skala zwischen hölzern und farblos.

R William Dieterle B Jo Eiseinger, Harald G. Petersson K Richard Angst M Roman Vlad A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Jutta Hering P Artur Brauner D Martha Hyer, Micheline Presle, Carlos Thompson, Lino Ventura, Gino Cervi | BRD & F & I | 97 min | 1:1,37 | f | 14. April 1960

7.4.60

Peeping Tom (Michael Powell, 1960)

Augen der Angst

»Don't be a silly boy. There's nothing to be afraid of!« Film. Angst. Sehen. Rot. Vater. Sohn. Augen. Tod. Ein maßlos-präzises Werk, geschrieben von einem genialen Kryptologen (Leo Marks), inszeniert von einem fanatischen Bildzauberer (Michael Powell): Nichts in »Peeping Tom« ist Produkt des Zufalls, jede Einstellung, jeder Satz, jeder Blick, jede Anspielung folgt sorgfältiger Kalkulation, ist Bestandteil eines komplexen Systems visueller und erzählerischer Bezüge. Der focus puller und Gelegenheitsaktfotograf Mark Lewis (Karlheinz Böhm), im zarten Kindesalter vom Vater zum hilflosen Objekt umfassender wissenschaftlicher Experimente (»The Psychology of Fear«) gemacht, betreibt als Erwachsener seine eigenen (tödlichen) Studien zum (Familien- und Menschheits-)Thema Furcht. Dokumentieren, Arrangieren, Projizieren sind die Leidenschaften dieses sanften Maniacs (der sich (fast) nie von seiner geliebten Kamera trennt, der als symbolische Verkörperung des Mediums Kino, seiner Macher und Rezipienten, erscheint ): das Speichern der flüchtigen Welt, das vorsätzliche Erzeugen von Emotion, das Nach- und Neuerleben des Aufgezeichneten im, wiederum flüchtigen, Moment der Abbildung auf der Leinwand. Das seelenkundlich grundierte, beinahe parodistisch zugespitzte Thrillermotiv bietet Powell (der auch, wohl nicht nur um die Gage für einen professionellen Darsteller zu sparen, Marks bedrohlichen Vater spielt) Anlaß für eine schaurig-grandiose, anschaulich-verschlüsselte Selbstbespiegelung seiner Kunst. PS: »Good night, Daddy. Hold my hand.«

R Michael Powell B Leo Marks K Otto Heller M Brian Easdale A Arthur Lawson S Noreen Ackland P Michael Powell D Carl Boehm (= Karlheinz Böhm), Anna Massey, Moira Shearer, Maxine Audley, Esmond Knight | UK | 101 min | 1:1,66 | f | 7. April 1960

5.4.60

The League of Gentlemen (Basil Dearden, 1960)

Die Herren Einbrecher geben sich die Ehre

»I had a bloody good war.« – »Yes. Perhaps you ought to go off somewhere and find yourself another one.« Acht ehrenwerte Herren, allesamt pensionierte Armeeangehörige, die besseren Zeiten nachtrauern, finden sich zusammen, um – unter Ausnutzung ihrer spezifischen soldatischen Befähigungen – eine Bank zu auszurauben: »What chance has a bunch of ordinary civilians got against a trained, armed and disciplined military unit?« Vermutlich kann nur eine (mit trockenem Humor gesegnete) Nation, die zwar einen Krieg gewonnen aber auch ein Empire verloren hat, einen Film wie »The League of Gentlemen« hervorbringen: Regisseur Basil Dearden, Autor Bryan Forbes (der auch mitspielt) und einer Reihe von prädestinierten Offiziersdarstellern (Hawkins, Patrick, Livesey, Attenborough – sie alle überzeugten zuvor schon in diversen Kriegsfilmen) gelingt es, traditionellen militärischen Tugenden – Gehorsam, Ordnungssinn, Zielgerichtetheit – ironisch zu huldigen und ihnen gleichzeitig mit heiterer Melancholie den Abschied zu geben.

R Basil Dearden B Bryan Forbes V John Boland K Arthur Ibbetson M Philip Green A Peter Proud S John D. Guthridge P Michael Relph D Jack Hawkins, Nigel Patrick, Roger Livesey, Richard Attenborough, Bryan Forbes | UK | 116 min | 1:1,66 | sw | 5. April 1960

31.3.60

Der Satan lockt mit Liebe (Rudolf Jugert, 1960)

»Mein Herz ist allein, / so lang schon allein. / Es fragt immerzu: / Warum muß das denn sein?« Carlos (dominant-verschlagen: Ivan Desny) ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen, flüchtet in eine namenlose südliche Hafenstadt. Seine schöne (Ex-)Freundin, die Chansonette Evelyn (impulsiv-melancholisch: Belinda Lee), sein alter Kumpel, der mit allen Wassern gewaschene Kapitän Philipp (Heinz Engelmann), und das Geld des unbedarften jungen (Ex-)Bankangestellten Robert (Joachim Hansen) sollen ihm helfen, für immer die Freiheit zu gewinnen … Vom Meer aus betrachtet, ist der Hafen eine Stätte der Sicherheit, ein Symbol des Schutzes vor Gefahr; vom Land aus gesehen, bedeutet der Hafen die Hoffnung auf grundlegende Veränderung, aber auch die Möglichkeit, alles Vertraute zu verlieren. Im Hafen treffen sich Heimkehrer und Abreisende – und die Gestrandeten, die für immer bleiben müssen, im Angesicht einer unerreichbaren Ferne. Der Hafen, ein Schnittpunkt der Sphären: Ausgangspunkt, Schlupfloch, Sehnsuchtsziel, Sammelbecken, Transitzone, Endstation … Rudolf Jugert inszeniert an diesem schillernd-romantischen (Kino-)Ort der finsteren Sackgassen und der leeren Speicher, der schummrigen Nachtclubs und der Schiffe voller sinistrer Typen ein schwülstiges Schundmärchen, eine schier endlose Nacht der langen Schatten und der grellen Lichter (Kamera: Georg Krause), ein Groschenmelodram des trivialpoetischen (Ir-)Realismus: Leidenschaft, Verrat, Zuversicht, Tod. »Vielleicht bist es du, / von dem ich geträumt. / Dann hole ich nach, / was bis heut’ ich versäumt.«

R Rudolf Jugert B Ilse Lotz-Dupont K Georg Krause M Werner Scharfenberger A Max Seefelder S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig D Belinda Lee, Ivan Desny, Joachim Hansen, Heinz Engelmann, Peter Capell | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1960

# 797 | 12. November 2013

25.3.60

Man on a String (André de Toth, 1960)

Geheimakte M 

Ernest Borgnine als russischstämmiger Hollywood-Produzent Boris Mitrow, der mit den Sowjets anbandelt, um seinen alten Vater aus dem Arbeiterparadies zu befreien. Den hellwachen Jungs vom ›Central Bureau of Intelligence‹ (≈ CIA) bleibt dies (natürlich!) nicht verborgen, und ehe er sich’s versieht, ist Mitrow zum Doppelagenten geworden, der an zwei Strippen hängt … Produzent Louis de Rochemont, Nachrichten- und Wochenschauveteran (»The March of Time«) sowie Begründer des Semidocumentary-Genres (»The House on 92nd Street«), schickt den Protagonisten seines Cold-War-Thrillers auf eine gefahrvolle Reise von Los Angeles über New York ins geteilte (aber noch nicht vermauerte) Berlin – und weiter nach Moskau, mithin in die Höhle des kommunistischen Löwen. »Man on a String«, von André de Toth sachlich-solide inszeniert, veranschaulicht recht betulich das riskante Gewerbe von Spionage und Gegenspionage, fasziniert aber (bei aller propagandistisch gefärbten Darstellung der Ereignisse) durch die authentischen Impressionen der Handlungsorte: Berlin mit seinen trostlos-bedrohlichen Ruinenfeldern und modernistischen Neubauten, Moskau in der Hochstimmung der Sputnik-Jahre. Ein bemerkenswertes Zeitdokument (das selbstverständlich keinen Zweifel daran läßt, welche Seite den Wettbewerb der Systeme für sich entscheiden wird).

R André de Toth B John Kafka, Virginia Shaler K Charles Lawton Jr., Albert Benitz, Gayne Rescher, Pierre Poincarde M George Duning A Carl Anderson S Al Clark P Louis de Rochemont D Ernest Borgnine, Kerwin Mathews, Colleen Dewhurst, Alexander Scourby, Glenn Corbett | USA | 92 min | 1:1,85 | sw | 25. März 1960

23.3.60

Classe tous risques (Claude Sautet, 1960)

Der Panther wird gehetzt

Der Gangster Abel Davos (kompakt: Lino Ventura) ist seit Jahren auf der Flucht. In Frankreich zum Tode verurteilt, brennt ihm nun auch in Italien der Boden unter den Füßen – und er will zurück nach Paris. An der Grenze wird seine Frau erschossen, Abel bleibt allein mit seinen beiden kleinen Söhnen. Die (inzwischen saturierten) alten Freunde gehen auf (lebensgefährliche) Distanz, nur Éric Stark (ausgefuchst: Jean-Paul Belmondo), ein ihm bis dato vollkommen Unbekannter, bietet Abel Hilfe und Freundschaft … Claude Sautet gestaltet in seinem erfrischend unmoralisierenden Film eine einfache Geschichte über Einsamkeit und Gemeinschaft, über Treulosigkeit und Loyalität. Die lakonische Kamera (Ghislain Cloquet) stellt neorealistisch inspirierte Authentizität über gattungsspezifische Expressivität: kein dramatisches Hell-Dunkel, stattdessen unsentimentales Grau in Grau. »Classe tous risques« überzeugt als differenziert-milieuechtes Genrebild, als spröde-intensives Charakterstück der Blicke und Gesten, der kurzen Berührungen und knappen Wortwechsel. Am Ende, nach (aller-)letzten Begegnungen mit den verräterischen ehemaligen Weggefährten, verschwindet Abel ganz einfach in der Menschenmenge auf einem Pariser Boulevard. Ein Off-Kommentar berichtet alles Weitere – und das ist nicht mehr viel.

R Claude Sautet B Claude Sautet, José Giovanni, Pascal Jardin V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Georges Delerue A Rino Mondellini S Albert Jurgenson P Jean Darvey D Lino Ventura, Sandra Milo, Jean-Paul Belmondo, Marcel Dalio, Michel Ardan | F & I | 110 min | 1:1,66 | sw | 23. März 1960

18.3.60

Le trou (Jacques Becker, 1960)

Das Loch

Manu, Geo, Roland, Monseigneur – alle vier zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – planen den Ausbruch aus ihrer Zelle im Pariser Gefängnis La Santé, als unerwartet ein Fünfter zu ihnen gesperrt wird: Claude Gaspard, ein höflicher junger Mann aus besseren Kreisen, der wegen eines im Streit auf seine wohlhabende Gattin aufgefeuerten Schusses unter Mordverdacht steht. Nach skeptischem Beschnuppern weiht das Quartett den Neuankömmling in das gemeinschaftliche Vorhaben ein ... Ausgehend vom autobiographischen Debütroman des Exsträflings José Giovanni (der ein Ereignis aus dem Jahr 1947 schildert) beobachtet Jacques Becker mit Empathie und Detailversessenheit die allnächtliche, mühevolle, immerfort von Entdeckung bedrohte (Zusammen-)Arbeit der Gruppe: die erfindungsreiche Zurichtung von Werkzeugen und Hilfsmitteln, den Durchbruch durch den Zellenboden in das labyrinthische Kellergewölbe der Haftanstalt, das Tunnelgraben zur Umgehung einer Betonmauer in der Kanalisation. Größtenteils mit nichtprofessionellen Darstellern besetzt (einer der echten Ausbrecher spielt sich selbst), von Ghislain Cloquet meisterlich in semidokumentarischem Grau-in-Grau fotografiert, erzählt »Le trou« (unter völligem Verzicht auf dramatisierende Musikbegleitung) von Vertrauen und Kameradschaft, von Ausdauer und Geduld – nicht ohne zuletzt ganz unsentimental die Macht des Schicksals über die Kraft des Willen siegen zu lassen: Nach einem kurzer Blick in die Freiheit aus einem Gullideckel, erweist sich, daß der anfängliche Argwohn der gestandenen Kriminellen gegen den gutbürgerlichen Gelegenheitstäter nicht unbegründet war.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Jean Aurel, José Giovanni V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Philippe Arthuys A Rino Mondellini S Marguerite Renoir P Serge Silberman D Michel Constantin, Philippe Leroy, Jean Keraudy, Marc Michel, Raymond Meunier | F | 132 min | 1:1,66 | f | 18. März 1960

# 1124 | 11. Juni 2018

16.3.60

À bout de souffle (Jean-Luc Godard, 1960)

Außer Atem

Es ist nicht nur die lässige Verachtung der Konvention, die spielerische Befreiung des Kinos von den filmischen Sprachregelungen, die »À bout de souffle« auszeichnet (und so wundersam frisch halten wird), es ist vor allem die ganz beiläufige Befreiung des Kinos von, nein, nicht von der Literatur, sondern vom: Literarischen, die Befreiung vom Diktat der konstruierten Authentizität, der fein gesponnenen Handlungsfäden, der psychologisch stimmigen Charaktere. Nach den Regeln der klassischen Erzählkunst stimmt hier nichts – Michel (Belmondo) und Patricia (Seberg) verhalten sich weder wie Menschen noch wie Kinofiguren, sie verhalten sich wie Menschen, die sich verhalten wir Kinofiguren (oder umgekehrt). Das Paris, durch das sie laufen, in dem sie miteinander aneinander vorbeireden, in dem sie sich lieben (oder was sie dafür halten), ist trotz Handkamera und natürlichen Lichts kulissenhafter als jeder Studiobau. Die Geschichte der beiden: aus Kinoversatzstücken generiert. Ihr Verhalten, ihre Gesten, ihre Gefühle: Abzüge von Negativen, die das Kino geliefert hat. Mit Godards Debütfilm wird das Erleben im Kino zur zweiten Wirklichkeit, zur ganz unmittelbaren Erfahrung, die sich im Leben (und in den Filmen!) der Kinogänger genauso niederschlägt wie die sogenannten realen Ereignisse in der sogenannten wirklichen Welt. Und neben der ganzen Theorie (die ja sowieso nicht mehr interessiert, wenn die Leinwand ins Dunkel strahlt) ist da Michels nonchalantes Dem-Tod-Entgegensegeln, dieser post-pubertäre après-guerre-Fatalismus, der so gar nicht zum revolutionären Gestus der Form passen will: »C’est normal. Les dénonciateurs dénoncent. Les assassins assassinent. Les amoureux s’aiment.« Und Patricia, die so viel redet und nicht weiß was das ist: »dégeulasse«. Und der unsterbliche Satz aus dem Mund von Jean-Pierre Melville alias Parvulesco, der auf die Frage nach seinem Lebensziel antwortet: »Devenir immortel et puis mourir.« Ein zum Kotzen schöner Film.

»Si vous n’aimez pas la mer ... Si vous n’aimez pas la montagne ...
Si vous n’aimez pas la ville: allez vous faire foutre !«

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Martial Solal S Cécile Decugis, Lila Herman P Georges de Beauregard D Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger, Jean-Pierre Melville, Henri-Jacques Huet | F | 90 min | 1:1,37 | sw | 16. März 1960

10.3.60

Plein soleil (René Clément, 1960)

Nur die Sonne war Zeuge

»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.

R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960

4.3.60

Il bell’Antonio (Mauro Bolognini, 1960)

Bel Antonio

Nach einigen in Rom verbrachten Jahren kehrt Antonio (Marcello Mastroianni) in seine Heimatstadt Catania zurück. Der attraktive Sohn aus gutem Hause steht im Ruf eines unwiderstehlichen Don Juan, vor dessen Tür die Frauen heulen wie rollige Katzen. Doch eine gewisse Melancholie umweht den Schwerenöter, den der ambitiöse Vater (Pierre Brasseur) mit einer jungen Frau aus vermögender Familie verheiraten will. Antonio, obwohl von den Plänen zunächst wenig begeistert, verliert sein Herz an das Bild der ihm zugedachten Braut: Barbara (Claudia Cardinale) erscheint dem erschöpften Casanova wie der Inbegriff von Reinheit, wie ein Versprechen auf Erlösung … Mauro Bolognini (Regie) und Pier Paolo Pasolini (Drehbuch) erzählen (nach einen Roman des sizilianischen Autors Vitaliano Brancati) eine gallige Komödie der Impotenz, eine sarkastische Betrachtung der Zerstörungskraft versteinerter Geschlechterrollen (und der Ehe als Geschäftsmodell), eine tragische Farce über das Versagen im Moment der Erfüllung. Die Liebe selbst ist es, die den routinierten Liebhaber körperlich erschlaffen läßt, die in ihm Abscheu vor der eigenen wahnhaften Männlichkeit erregt … »Il bell’Antonio« treibt die Geschichte der Unlust mit gnadenloser Folgerichtigkeit an ihr groteskes Ende: Als die engelhafte Barbara ein Jahr nach der Hochzeit noch immer unberührt ist, wird der ewige Bund mit Antonio annulliert. Der Vater stirbt beim Versuch, die Familienehre zu retten, indem er im Bordell die eigene Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellt. Die Schwangerschaft eines Dienstmädchens ist für die trauernde Witwe willkommener Anlaß, die Leistungsstärke ihres Sohnes in die Nachbarschaft hinauszuschreien: Der Gockel ist tot, es lebe der Gockel.

R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Gino Visentini V Vitaliano Brancati K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Alfredo Bini D Marcello Mastroianni, Claudia Cardinale, Pierre Brasseur, Rina Morelli, Tomas Milian | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 4. März 1960

# 920 | 18. November 2014

3.3.60

Home from the Hill (Vincente Minnelli, 1960)

Erbe des Blutes

Melodrama um die dysfunktionale texanische Familie Hunnicutt, angesiedelt irgendwo zwischen Aischylos und Seifenoper: Robert Mitchum als viriler Patriarch auf der Jagd nach Frauen und Wild; Eleanor Parker als seine desillusioniert-widersetzliche Gemahlin; George Hamilton als sein sensibler Erbe; George Peppard als sein natürlicher Sohn und einzig menschliches Wesen in diesem vermögenden Elend. »Home from the Hill« schildert in panoramischer Breite einen eiskalten Ehekrieg, ausgetragen auf dem Rücken des vorgeblich geliebten Nachkommen, der sich schließlich in demselben Teufelskreis wiederfindet, den die Eltern zeit ihres Lebens durchliefen. Vincente Minnelli entfaltet einmal mehr sein Talent, mittels stilisierter Settings nicht nur Stimmung zu machen, sondern zugleich Bedeutung zu trans­portieren und Personen zu charakterisieren: Mitchums Salon etwa – blutrot tapeziert, voller Hunde, Trophäen und Waffen – spricht von Macht und Selbstgewißheit, aber auch von Gewalt und Tod. Und der Tod lächelt uns alle an ...

R Vincente Minnelli B Harriet Frank Jr., Irving Ravetch V William Humphrey K Milton Krasner M Bronislau Kaper A Preston Ames, George W. Davis S Harold F. Krass P Sol C. Siegel, Edmund Grainger D Robert Mitchum, Eleanor Parker, George Peppard, George Hamilton, Everett Sloane | USA | 150 min | 1:2,35 | f | 3. März 1960

2.3.60

Der rote Kreis (Jürgen Roland, 1960)

Ein maskierter Erpresser quetscht Londons Oberschicht aus und schickt alle, die nicht kooperieren, unter Zurücklassung seines blutroten Signums umstandslos ins Jenseits. Der altgediente Chefinspektor (Karl-Georg Saebisch) gerät mangels greifbarer Ermittlungsergebnisse ins Kreuzfeuer der medialen Kritik und muß die Mitarbeit eines (zwei-)schneidigen Privatdetektivs (Klausjürgen Wussow) akzeptieren … Jürgen Roland legt im synthetischen Wallace-England vielen falschen Fährten, läßt noch mehr lose Enden hängen, arrangiert das mörderische Treiben weitestgehend ohne aufgesetzte ironische Kapriolen – selbst Eddi Arent nimmt sich zurück, gibt das stone face nicht den Pausenclown. Abgesehen davon erlaubt »Der rote Kreis« seiner Hauptdarstellerin Renate Ewert einen sympathischen Hauch von weiblicher Fatalität (die am Ende freilich sicher unter die Haube gebracht wird).

R Jürgen Roland B Trygve Larsen (= Egon Eis), Wolfgang Menge V Edgar Wallace K Heinz Pehlke M Willi Mattes A Erik Aaes S Margot Jahn P Preben Philipsen D Karl-Georg Saebisch, Renate Ewert, Klausjürgen Wussow, Eddi Arent, Fritz Rasp | BRD & DK | 91 min | 1:1,66 | sw | 2. März 1960

26.2.60

Der schweigende Stern (Kurt Maetzig, 1960)

Das internationalistisch besetzte Raumschiff ›Kosmokrator‹ reist anno 1970 zur Venus, nachdem auf der Erde eine mysteriöse Botschaft des Nachbarplaneten gefunden wurde. Der Stern schweigt sich zwar hartnäckig aus, dafür reden die Protagonisten dieser reichlich zähen Defa-Utopie (unter ihnen Günther Simon als Pilot Brinkmann) um so mehr – vor allem über Fortschritt, Völkerverständigung und drohenden Atomtod. Wenn auch die (locker auf einem Frühwerk von Stanisław Lem basierende) Erzählung nicht gerade mitreißt und Kurt Maetzig einen großen politisch-moralischen Zeigefinger durchs Geschehen bohrt, so sorgen doch die in glühendes Agfacolor getauchten, von Surrealisten wie Tanguy, Dalí und Max Ernst inspirierten, venusischen Endzeit-Dekorationen für bizarre optische Aha-Effekte.

R Kurt Maetzig B Jan Fethke, Wolfgang Kohlhaase, Günter Reisch, Günther Rücker, Alexander Graf Stenbock-Fermor, Kurt Maetzig V Stanisław Lem K Joachim Hasler M Andrzej Markowski A Anatol Radzinowicz, Alfred Hirschmeier S Lena Neumann P Hans Mahlich, Edward Zajicek D Günther Simon, Yoko Tani, Oldrich Lukes, Ignacy Machhowski, Michail N. Postnikow | DDR & PL | 95 min | 1:2,35 | f | 26. Februar 1960

8.2.60

Jungfrukällan (Ingmar Bergman, 1960)

Die Jungfrauenquelle

Eine archaische Legende aus dem Dämmerlicht des (noch nicht ganz so) christlichen Mittelalters, spröde, beinahe eindimensional gespielt, dargeboten in hartem Licht und holzschnittartigen Kadragen (Kamera: Sven Nykvist), in knappen, gravitätischen Dialogen und ohne den Trost von Musik. (Nur eine Maultrommel ertönt, und sie verkündet kommendes Unheil …) Die jungfräulich-verwöhnte Tochter eines reichen Bauern (Max von Sydow) wird auf dem Ritt vom Gutshof zur Kirche, wohin sie geschickt wurde, um Kerzen weihen zu lassen, von Wegelageren überfallen, geschändet und erschlagen. Der Vater nimmt grausame Rache, hadert mit einem Gott, der Mord und tödliche Vergeltung zuläßt. Gott, in seinem unerforschlichen Ratschluß, läßt ein Wunder geschehen und am Ort der Bluttat eine Quelle entspringen. Ingmar Bergman findet in »Jungfrukällan« durch suggestive Bildsprache und äußerste erzählerische Reduktion zu fast brutaler gestalterischer Geschlossenheit in der Art einer erlesenen Primitivität – den Höhepunkt bildet sicherlich jene Sequenz, in der Max von Sydow im Morgengrauen eine junge Birke niederringt, mit deren Zweigen er sich im Dampfbad schlägt und reinigt, bevor er zur Bestrafung der Unholde schreitet.

R Ingmar Bergman B Ulla Isaksson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Birgitta Valberg, Birgitta Pettersson, Gunnel Lindblom, Axel Düberg | S | 89 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1960

3.2.60

La dolce vita (Federico Fellini, 1960)

Das süße Leben

»Dieses Fest wird nie ein Ende nehmen.« Klatschreporter Marcello (Mastroianni) führt das staunende Publikum als munter-melancholischer Cicerone durch die Pseudo-Welt der deformierten Schönen und elenden Reichen: Da wird das nächtliche Bad eines dumm-sinnlichen Busenstars im barocken Brunnen zum großen Glücksversprechen, da dient die soziale Misere als exotische Kulisse zur Steigerung von schalen Lustgefühlen, da findet die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung ihre Erfüllung nur mehr in medial verwursteter Scharlatanerie. Überhaupt die Medien: Anschaulich wie kaum ein anderer Film beschreibt »La dolce vita« (in Form eines bewußt fragmentarisch angelegten Freskos) die Fiktionalisierung des realen Lebens in einer Gesellschaft, die (nach Guy Debord) »die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht … denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit.« Während Filmschauspieler und Adelige, Jet-Setter und Parvenüs einen ewigen bunten Abend in tristen Farben feiern, bleibt den verstörten Intellektuellen nichts als die bedingungslose Kapitulation – entweder indem sie sich (und den Ihren) die Kugel geben oder indem sie als Zeremonienmeister des stumpfsinnigen Vergnügens agieren. Federico Fellinis bösartiger, staunender, angeekelter, mitleidender Blick auf die (nicht nur) neurömische Dekadenz wird in 2000 Jahren – falls es dann noch Filmprojektoren geben sollte – davon künden, wie es war, das Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: so süß, daß es schmerzt.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Otello Martelli M Nino Rota A Piero Gherardi S Leo Cattozzo P Angelo Rizzoli, Giuseppe Amato D Marcello Mastroianni, Anita Ekberg, Anouk Aimée, Yvonne Furneaux, Alain Cuny | I & F | 174 min | 1:2,35 | sw | 3. Februar 1960

11.1.60

Les yeux sans visage (Georges Franju, 1960)

Augen ohne Gesicht

Was geschieht, wenn die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter und die Besessenheit eines Wissenschaftlers für sein Fachgebiet Hand in Hand gehen? – Wenn die Tochter einen Unfall hatte, bei dem sie ihres engelhaften Gesichtes verlustig ging, und das Fachgebiet des Vaters die Transplantationsmedizin ist, kann es beispielsweise passieren, daß unschuldige junge Frauen verschleppt und im Keller einer einsam gelegenen Klinik zu Tode operiert werden, um eine verlorene Schönheit wiederherzustellen. So in »Les yeux sans visage«, mit dem Georges Franju den Surrealisten und den Pionieren des expressionistischen Kinos seine Reverenz erweist. Pierre Brasseur spielt den Chirurgen mit der Anmaßung eines großen Staatsmannes, seine Assistentin Alida Valli dient ihm mit maligner Bewunderung, und die arme Edith Scob, die Tochter, der nichts als Augen blieben, die Schreckliches sehen müssen, findet die ersehnte Ruhe erst, als sie die Hunde losläßt ... Dies dargeboten zu einem drehorgelig-moritatenhaften Score von Maurice Jarre und in Eugen Schüfftans Bildern, die die Klarheit des Wahnsinns atmen. Was diesen zarten, langsamen Horrorfilm so intensiv macht, ist, daß alles gleichermaßen normal und schrecklich erscheint: die Hingabe und die Hoffnung, die Schuld und die Verzweiflung, der Ehrgeiz und die Hybris.

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Claude Sautet, Jean Redon, Pierre Gascar V Jean Redon K Eugen Schüfftan M Maurice Jarre A Auguste Capelier S Gilbert Natot P Jules Borkon D Pierre Brasseur, Alida Valli, Edith Scob, Juliette Mayniel, François Guérin | F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 11. Januar 1960

6.1.60

Rocco e i suoi fratelli (Luchino Visconti, 1960)

Rocco und seine Brüder

Nach dem Tod ihres Mannes folgt Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit den Söhnen Simone, Rocco, Ciro und Luca ihrem Ältesten, Vincenzo, aus dem rückständigen Lukanien ins neonglänzende Mailand – wie Hunderttausende haben sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Heimat verlassen, um zu Fremden im eigenen Land zu werden. In fünf Kapiteln, benannt nach den Sprößlingen der übermütterlichen Witwe, thematisiert Luchino Visconti die Gegensätze von Stadt und Land, Arm und Reich, Nord und Süd, Tradition und Moderne, und er erzählt, in einer Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und melodramatischer Opernhaftigkeit, vom Verfall einer Familie, von ihrer Entwurzelung und Entfremdung, von ihrer Entwürdigung und Entsolidarisierung im Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus. Das Epizentrum der Ereignisse bildet die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem unbeherrschten Simone (Renato Salvatore) und dem sanftmütigen Rocco (Alain Delon), die beide – mehr oder weniger ehrgeizig – ihr Glück im Boxring suchen, sowie der temperamentvollen Prostituierten Nadia (Annie Girardot), die im Spannungsfeld der verzweifelten Brutalität des einen und der bedingungslosen Güte des anderen Bruders jämmerlich zugrunde geht. So bleibt, mithin Vincenzo sich zum biederbraven Ehemann (unter dem schmucken Pantoffel von Claudia Cardinale) gewandelt hat, außer dem Duft von Orangen oder der Erinnerung an schattige Olivenhaine in tristen Sozialwohnungen und betonierten Höfen, nur die vage Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die beiden jüngsten Parondis: Ciro, der als Arbeiter in einer Automobilfabrik politisches Bewußtsein entwickelt, und Luca, der vielleicht eines Tages in eine veränderte Heimat zurückkehren mag.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi S’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Claudia Cardinale | I & F | 177 min | 1:1,66 | sw | 6. Januar 1960

# 1161 | 21. Mai 2019

1.1.60

Heller in Pink Tights (George Cukor, 1960)

Die Dame und der Killer

Eine Schauspielertruppe schlägt sich – immer am Rand der Pleite, oft auf der überstürzten Flucht vor den Gläubigern – durch den Wilden Westen. Der eigensinnig-selbstbestimmte weibliche Star des Ensembles (: Sophia Loren – erblondet) steht zwischen zwei Männern: einem sympathisch-virilen hitman, der sie begehrt (: Steve Forrest), und dem sensibel-unentschlossenen Chef der company, den sie liebt (: Anthony Quinn). George Cukors (einziger) Western wechselt die Tonlagen so behende wie die Darstellerinnen ihre rauschenden Roben: von der Sittenkomödie zum Melodram zur Farce zur Romanze. Edith Heads exaltiertes Kostümbild und die aparte color coordination des Modefotografen George Hoyningen-Huene verleihen »Heller in Pink Tights« einen Hauch von ›Harper’s Bazaar‹, und wenn am Schluß des Films (nach reichlich Kitsch und einigen shoot-outs) die resolute Frau dem Mann ihrer Wahl mit dem Geld, das sie raffiniert ergaunert hat, »sein« Theater schenkt, lösen sich nicht nur alle Probleme sondern auch die klassischen Geschlechterrollen in verspieltes Wohlgefallen auf.

R George Cukor B Walter Bernstein, Dudley Nichols V Louis L’Amour K Harold Lipstein M Daniele Amfitheatrof A Gene Allen, Hal Pereira S Howard A. Smith P Marcello Girosi, Carlo Ponti D Sophia Loren, Anthony Quinn, Margaret O’Brien, Steve Forrest, Ramon Novarro | USA | 100 min | 1:1,85 | f | 1. Januar 1960