29.7.65

Help! (Richard Lester, 1965)

Hi-Hi-Hilfe!

»There's more here than meets the eye!« Gewidmet Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine, surrt das zweite Beatles-Vehikel »Help!« wie ein surrealer Narrationsapparatismus durch jede Menge knallbunte Inhaltsfetzen und tackert den ganzen Wust zu einem wüsten Ganzen zusammen. Nukleus des Geschehens ist ein geheimnisvoller Ring, den Ringo (wer sonst?) an seinem Finger trägt, und hinter dem sowohl eine blutrünstige indische Sekte als auch ein Wissenschaftler mit Weltmachtambitionen her sind – Wilkie Collins meets James Bond. Richard Lester sowie den Autoren Charles Wood und Marc Behm gelingt es durch die konsequente Mißachtung der drei aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung nicht nur, sieben Beatles-Songs in den launenhaft-mäandrierenden Hergang des Films einzufügen, sie kreieren mit ihrer pointierten »And-now-for-something-completly-different«-Logik (und unter Einsatz des intelligenten Blödeltalents der Fab Four) zudem eine Art Monthy-Python-Bewußtseinsstrom avant la lettre.

R Richard Lester B Marc Behm, Charles Wood K David Watkin M The Beatles A Ray Simm S John Victor-Smith P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney George Harrison, Ringo Starr, Eleanor Bron | UK | 90 min | 1:1,75 | f | 29. Juli 1965

4.7.65

Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht (Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, 1965)

Fünfzig Jahre deutsche Geschichte, dargestellt am Beispiel von drei Generationen einer gutbürgerlichen Kölner Familie, umspannt dieser kurze Film, der auf Heinrich Bölls Roman »Billard um halb zehn« basiert. Ohne erläuternde Inhaltsübersicht ist der aufs Äußerste kondensierten, in harten zeitlichen Sprüngen erzählten Handlung allerdings kaum zu folgen: Vor dem Ersten Weltkrieg errichtete Architekt Heinrich Fähmel eine Abtei, im Zweiten Weltkrieg wurde sie von seinem Sohn Robert aus militärischen Gründen gesprengt, Enkel Joseph beteiligt sich zur Zeit des Wirtschaftswunders an der Rekonstruktion des Baus; entlang dieses roten Fadens (oder auch: Teufelskreises) von Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau berichtet »Nicht versöhnt« von Repression und Widerstand, von der Geduld der Lämmer und der Gewalt der Büffel, vom Überdauern und Fortwirken der Vergangenheit. Das forcierte Laienspiel und die betont kunstlose Inszenierung, eine karge Ausstattung und verständnishemmende Ellipsen kennzeichnen das sperrige Werk, dessen atmosphärische Dissonanzen jede Form von Einfühlung strikt unterbinden – cinema povera und kommunikatives Unvermögen, aufklärerischer Minimalismus und blasiertes Dilettantentum liegen hier dicht beieinander. Es sind in erster Linie die Amateurdarsteller, die – indem sie ohne jeden Kunstwillen ihre Texte aufsagen – den spröden Charme des Filmes ausmachen: Der betagte Heinrich Hargesheimer klingt wie Konrad Adenauer und transportiert kongenial den Sound der jungen, uralten Bundesrepublik; Martha Ständner bezaubert als unwürdige Greisin, die, bevor sie einen reinigenden Schuß abfeuert, ihrem Mann verkündet: »Ich verlasse mich auf den Paragraphen 51, Liebster.«

R Jean-Marie Straub, Danièle Huillet B Jean-Marie Straub, Danièle Huillet V Heinrich Böll K Wendelin Sachtler M Béla Bartók, Johann Sebastian Bach S Jean-Marie Straub, Danièle Huillet P Jean-Marie Straub, Danièle Huillet D Henning Harmssen, Heinrich Hargesheimer, Chargesheimer (= Carl-Heinz Hargesheimer), Martha Ständner, Ulrich von Thüna | BRD | 55 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1965

# 861 | 10. Mai 2014

2.7.65

Furia à Bahia pour OSS 117 (André Hunebelle, 1965)

OSS 117 – Pulverfaß Bahia

»Un révolutionnaire n’a pas d’amis.« – OSS 117 (diesmal gespielt von Frederick Stafford, der aussieht wie eine Mischung aus Quelle-Katalog-Unterwäsche-Model und Lord-Extra-Werbeillustration) ist unterwegs, um eine Kette von spektakulär-rätselhaften Selbstmordattentaten aufzuklären. Die Spur führt nach Rio und weiter in den brasilianischen Urwald, wo eine Organisation unter Führung eines ehrgeizigen Uniformträgers namens Carlos (!) (François Maistre) die gewaltsame Vereinigung des südamerikanischen Halbkontinents betreibt. André Hunebelle feiert in »Furia à Bahia« straff und recht kurzweilig (aber leider ohne jeden Anflug von Wahnwitz) die Schauwerte ab, Michel Magne schwingt die Samba-Rasseln, und Mylène Demongeot darf dazu blond und gut aussehen.

R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Jean Hallain, André Hunebelle V Jean Bruce K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Luciano Ercoli, Alberto Pugliese D Frederick Stafford, Mylène Demongeot, Raymond Pellegrin, Perette Pradier, François Maistre | F & I | 99 min | 1:2,35 | f | 2. Juli 1965

1.7.65

The Great Race (Blake Edwards, 1965)

Das große Rennen rund um die Welt

Eine Ouvertüre! (Wie vor einem Monumentalfilm.) Dann die Widmung: »To Mr. Laurel and Mr. Hardy«. Was folgt, ist, wie nach diesem Auftakt zu erwarten, der Versuch eines endgültigen Lustspiels, ein überdimensionales Slapstick-Epos, vergleichbar vielleicht nur mit Stanley Kramers ebenfalls völlig aus den gestalterischen Fugen geratener Superklamotte »It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World«: ein Belle-Époque-Wagenrennen – (fast) rund um den Globus – von New York nach Paris, ein perlweiß funkelnder Siegertyp (›The Great Leslie‹: Tony Curtis), ein Antagonist, so schwarz wie die Bombe eines Anarchisten (›Professor Fate‹: Jack Lemmon), dazu ergebene Helfer (Keenan Wynn und Peter Falk) sowie eine selbstbewußte Suffragette (›Maggie Du Bois‹: Natalie Wood), die das Primat der männlichen Helden(-figuren) mit allen ihr zu Gebote stehenden körperlichen und intellektuellen Reizen in Frage stellt. Stummfilmfan und Kontrollfreak Blake Edwards schafft mit seinem besessen-minutiösen Nach- und Durchdeklinieren populärer Leinwandstandards – heulenden Indianer-Attacken und klirrenden Mantel-&-Degen-Duellen, romantischen Komplikationen und schwelgerischen Zerstörungsorgien, einer titanischen Saloonschlägerei und einer Tortenschlacht (natürlich handelt es sich nicht um »eine« Tortenschlacht, sondern um »the pie fight of the century«) – eine exaltiert-exorbitante roadshow, das Komödienäquivalent zu den hypertrophen Musicals der Epoche. Daß die Komik, trotz konsequent cartoonhafter Charakterzeichnung und kompromißlos überzeichneter Situationen, hin und wieder auf der (langen) Strecke bleibt, liegt wohl in der Natur der (aufgeblasenen) Sache: Subversion und Gigantismus gehen selten Hand in Hand. PS: »Push the button, Max!«

R Blake Edwards B Arthur A. Ross, Blake Edwards K Russell Harlan M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Martin Jurow D Jack Lemmon, Tony Curtis, Natalie Wood, Peter Falk, Keenan Wynn | USA | 160 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1965