23.7.58

Rock-a-Bye Baby (Frank Tashlin, 1958)

5 auf einen Streich | Der Babysitter

»Close your eys, close your eyes / And away we’ll fly.« Carla Naples könnte sich freuen. Die blonde Hollywood-Diva soll die Titelrolle in der Bestseller-Verfilmung »The White Virgin of the Nile« übernehmen. Aber Carla freut sich nicht. Sie ist schwanger. Von einem mexikanischen Torero, der am Tag nach der Zeugung einem Stier unterlag. In dieser heiklen Situation erinnert sich Carla ihres alten Verehrers Clayton Poole (Jerry Lewis), der ganz weit weg, zu Hause in Midvale, Indiana, als Fernsehtechniker arbeitet (oder es zumindest hartnäckig versucht). Der Anbeter willigt ein, sich um das Baby seiner großen Liebe zu kümmern. Das Baby? Die Babys! Eines Nachts liegen süße Drillinge vor Claytons Tür … Eine sentimentale Farce aus der tiefsten Provinz (»the land of la-la-la«), ein Amalgam aus Wiegenlied und Rock ’n’ Roll, liebevolle Kompromittierung und despektierliche Verklärung des American Dream. Frank Tashlin zeichnet das Porträt einer Gesellschaft zwischen Mediokratie und Mediokrität, verspottet Film und Fernsehen (insbesondere Fernsehwerbung: »Burporex for the tum-tum!«), stellt Macher und Konsumenten des medialen Mülls bloß, überprüft Gewißheiten und Geschlechterrollen am Beispiel des Ideals der kümmernden und sorgenden Mutter. »This diploma is only awarded to the very best of mothers« – die Auszeichnung erhält ein Mann. Ein Mann, der stolz (und zutreffend) von sich behauptet: »I did everything any other woman can do.« Slapstick und Gefühl, Konservatismus und (mögliche) Überwindung von Grenzen: »Now’s the time to give your dreams a try.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin V Preston Sturges K Haskell Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macrorie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Connie Stevens, Marilyn Maxwell, Salvatore Baccaloni, Reginald Gardiner | USA | 103 min | 1:1,85 | f | 23. Juli 1958

# 788 | 1. November 2013

21.7.58

Le chant du styrène (Alain Resnais, 1958)

»On lave et on distille et puis on redistille / et ce ne sont pas là exercices de style.« Der Weg des Kunststoffs vom farbenfrohen Endprodukt zurück zur naturtrüben Materie, von der objekt­haften Konkretisation – Schöpfkelle, Tennisschläger, Badewanne – hinab (oder hinauf?) ins erdgeschichtliche Mysterium: »Ô matière plastique! / D'où viens-tu? Qui es-tu?« In ridikül-hochtönenden Alexandrinern textet sich Raymond Queneau von der knallroten Plastikschüssel auf dem Frühstückstisch der Moderne zurück zum geheimnisvollen Ursprung der fossilen Rohstoffe Kohle und Öl. Alain Resnais folgt der gespreizten sprachlichen Erkundungsreise mit eleganten Dyaliscope-Travellings durch den Maschinenpark und das Röhrengewirr des science-fiktional wirkenden Chemiewerks Pechiney bis in den obskuren Nebel der Schöpfung. Das Hohelied des Plastiks – eine ironische Stilübung zwischen popartiger Technikbegeisterung und manirierter Fortschrittsveralberung.

R Alain Resnais B Raymond Queneau K Sacha Vierny M Pierre Barbaud S Alain Resnais, Claudine Merlin P Pierre Braunberger D Pierre Dux | F | 19 min | 1:2,35 | f | 21. Juli 1958

# 804 | 22. November 2013