25.7.64

Mir nach, Canaillen! (Ralf Kirsten, 1964)

Die galanten Abenteuer und tollkühnen Streiche des Schafhirten Alexander (der sich den klingenden Nachnamen »von der grünen Weide« gibt) in hannöverschen, preußischen sowie sächsischen Landen des frühen 18. Jahrhunderts, über Wiesen und Straßen, in Kutschen und Betten, durch Ställe und Schlösser – bis in die Arme der hübschen Baronesse Ulrike. Manfred Krug gibt, mit auffallend lockigem Haarschopf, einen deutsch-demokratischen Verwandten von Fanfan und Cartouche, dessen agrarproletarischer Stolz ihn zum geborenen Widersacher militaristischen Geweses und feudalen Schranzentums bestimmt. Trotz manch flauer Witzchen und erzählerischer Umständlichkeiten entfaltet Ralf Kirstens flüssige Totalscope-Inszenierung oft genug echten Mantel-und-Degen-Schwung, und zahlreiche bewährte Defa-Schauspieler (u. a. Fred Düren, Herwart Grosse, Helga Göring) dürfen an der Seite des rustikal-charmanten Heldendarstellers Krug ihre Befähigung als Knattermimen unter Beweis stellen.

R Ralf Kirsten B Ralf Kirsten, Ulrich, Plenzdorf, Manfred Krug V Joachim Kupsch K Hans Heinrich M André Asriel A Hans Poppe, Jochen Keller S Christel Röhl P Werner Liebscher D Manfred Krug, Monika Woytowicz, Fred Düren, Erik S. Klein, Carola Braunbock | DDR | 108 min | 1:2,35 | f | 25. Juli 1964

# 1013 | 2. August 2016

22.7.64

Marnie (Alfred Hitchcock, 1964)

Marnie

»You Freud, me Jane?« Die frigid-kleptomanische Sekretärin Marnie Edgar (mal blond, mal brünett, mal schwarz: ›Tippi‹ Hedren) und der helfersyndromisch-sadistische Verleger Mark Rutland (Sean Connery) in einem bresthaften Küchen-Psycho-Mutter-Tochter-Schmock (»Why don't you love me, Mama?«) voller naiver Pappkulissen, derber Farbdramaturgie (Rot! Rot! Rot!), grenzwertiger Darstellerleistungen und kläglicher Rückprojektionen. Der Begriff des »Seelenklempners« ist in diesem viktorianisch-triebhaften Thriller-Melo beinahe wörtlich zu verstehen: Mit ein paar einfachen therapeutischen Handgriffen (Assoziationsspiele, Vergewaltigung, Erinnerungsstimulation) gelingt es dem leidenschaftlichen Hobbypsychologen Mark, Marnies verstopften Mentaltraps gründlich durchzuspülen und ihre posttraumatische Belastungsstörung erfolgreich zu beheben. Trotz aller visuellen Pannen und erzählerischen Abgeschmacktheiten gewinnt »Marnie« eine geradezu krankhafte Intensität, denn Alfred Hitchcocks frustrierender amour fou zu seinem, für ihn unerreichbaren, in Anführungszeichen gesetzten Mannequin-Star quillt düster zwischen den Bildern und Dialogen hervor: »I've tracked you and caught you and by God I'm going to keep you.« So verwandelt sich ein triviales Hintertreppendrama in ein obsessives Trauer-Spiel: »I don't believe in luck.« – »What do you believe in?« – »Nothing.« Dazu schauert und schäumt ein vollfetter Score von Bernard Herrmann (der sein letzter für Hitchcock bleiben wird). A guilty pleasure – für alle Beteiligten.

R Alfred Hitchcock B Jay Presson Allen V Winston Graham K Robert Burks M Bernard Herrmann A Robert Boyle S George Tomasini P Alfred Hitchcock D ›Tippi‹ Hedren, Sean Connery, Diane Baker, Martin Gabel, Louise Latham | USA | 130 min | 1:1,85 | f | 22. Juli 1964

7.7.64

Der geteilte Himmel (Konrad Wolf, 1964)

»Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen.« – »Doch, der Himmel teilt sich zuallererst.« Konrad Wolfs hochpathetische Romanze aus der Zeit der gerade noch offenen deutsch-deutschen Grenze beleuchtet in expressivem Schwarzweiß am Beispiel zweier Liebender aus einer namenlosen DDR-Großstadt die changierenden Gefühlszustände der Skeptischen und der Hoffnungsvollen, der Vergrübelten und der Empfindsamen, der Gehenden und der der Bleibenden. Der Film macht sich die sozialistische Religiosität seiner jungen Heldin (Renate Blume als Rita) bedingungslos zu eigen. Ihr frustriert vom politischen Glauben abfallender Geliebter (Eberhard Esche als Manfred), der am Ende in einem engen Zimmer in Westberlin sitzt, wird weniger desavouiert als bedauert: nichts bleibt ihm mehr »von diesem seltsamen Stoff Leben«. Der hohe Ton der Dialoge und Off-Kommentare (Drehbuch nach und von Christa Wolf) provoziert so manche nervliche Rückkopplung, aber mit seiner sachlich-symbolischen Szenographie (Alfred Hirschmeier) und seinen plakativ-poetischen Totalvision-Bildern (Werner Bergmann) sichert sich »Der geteilte Himmel« einen Platz unter den visuell stärksten Filmen des deutschen Nachkriegskinos.

R Konrad Wolf B Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel V Christa Wolf K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Alfred Hirschmeier S Helga Krause P Hans-Joachim Funk D Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger | DDR | 113 min | 1:2,35 | sw | 7. Juli 1964

6.7.64

A Hard Day’s Night (Richard Lester, 1964)

Yeah Yeah Yeah

»Are you a mod or a rocker?« – »I'm a mocker.« Einen fiktiven Tag lang begleitet die (pseudo-)dokumentarische Kamera (Gilbert Taylor) die fabulösen Vier, John, Paul, George & Ringo, deren Leben in erster Linie aus Sprücheklopfen und dem Weglaufen vor hysterischen Fans zu bestehen scheint. Musik wird zwischendurch gemacht – in den Atempausen. In seiner wilde Mischung aus Slapstick und Swinging London, aus Godard und Jukebox, aus ironisch-selbstreferentiellem Starkult und locker gefaketem cinéma vérité wächst Richard Lesters »A Hard Day’s Night« zu einem Meilenstein der (filmischen) Popkultur. Die aufgedrehte Zuversicht der frühen 1960er Jahre strahlt aus 24 Bildern pro Sekunde und wirkt über die Dekaden hinweg ansteckend – zwischen den kurzen Schnitten ist ganz gelegentlich jedoch auch der Zweifel zu verspüren, daß die Ungezwungenheit von Dauer sein würde: »Has success changed your life?« – »Yes.«

R Richard Lester B Alun Owen K Gilbert Taylor M The Beatles A Ray Simm S John Jympson P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell | UK | 87 min | 1:1,75 | sw | 6. Juli 1964

5.7.64

Bande à part (Jean-Luc Godard, 1964)

Die Außenseiterbande

Die bande à part sind drei: zwei pos(s)enhafte Typen (Frey und Brasseur) und ein Schulmädchen à l’air demodé (Karina) auf der Jagd nach dem Glück, das ein Zungenkuß sein kann, ein Ballett zur Musik der Zeit, ein Louvre-Besuch (in 9 Minuten 43 Sekunden) oder ein Kleiderschrank voller Franc-Scheine. Das Geld verspricht Freiheit – Freiheit vom Winter in der Stadt, vom drögen Englisch-Kurs, von der schwarzweißen Tristesse der Banlieu –, es verspricht eine Zukunft in den heißen Ländern, eine Leben in Breitwand und Farbe. Der Weg dorthin führt (in Coutards lockeren Bildern und zu Legrands rummeliger Musik) über einen nicht besonders raffinierten Plan und ein paar gutplazierte Ohrfeigen zu einem bewaffnet-maskierten Überfall. Der knallige Schluß reduziert die ménage à trois gewaltsam auf eine vielversprechende Zweierkiste … Den Godard von »Bande à part« sollte man nicht allzu ernst nehmen: Der will doch nur (an)spielen – und ein bißchen angeben, so wie die coolen Jungs mit ihrer Knarre. PS: Die versprochene Fortsetzung des Abenteuers hat JLG der Welt bisher leider vorenthalten.

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Dolores Hitchens K Raoul Coutard M Michel Legrand S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Philippe Dussart D Anna Karina, Samy Frey, Claude Brasseur, Louisa Colpeyn, Ernest Menzer | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 5. Juli 1964

2.7.64

Das Ungeheuer von London-City (Edwin Zbonek, 1964)

Das Leben imitiert die Kunst, die das Leben imitiert: Der Schauspieler Richard Sand (Hansjörg Felmy in zerzauster Mr.-Hyde-Maske) spielt auf der Bühne den historischen Jack the Ripper, dessen Verbrechen wiederum auf den Straßen Londons Nacht für Nacht kopiert werden; wegen des blutigen Nachahmungseffektes fordern Politiker die Absetzung des Horror-Stücks, während sich der Spielleiter über lebens-, besser gesagt: todesechte Werbung freut … Unter dem Bryan-Edgar-Wallace-Label schustern Regisseur Edwin Zbonek und Autor Robert A. Stemmle (neben seiner Filmarbeit auch Herausgeber des »Neuen Pitaval«) eine holprige Schlitzerposse zusammen: Die einigermaßen groteske Figur des regsamen Mörders in Schlapphut und Pelerinenkragen sorgt zwar für einen gewissen Unterhaltungswert, das eigentliche Thema des Films – die gegenseitigen Beeinflussungen von Realität und medialem Abbild, von Authentizität und Fiktion – verschwimmt jedoch flusig im dichten Bühnennebel.

R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle, Bryan Edgar Wallace K Siegfried Hold M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Marianne Koch, Dietmar Schönherr, Hans Nielsen, Fritz Tillmann | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 2. Juli 1964

1.7.64

Murder Ahoy (George Pollock, 1964)

Mörder ahoi! 

Miss Marple wird zu Wasser gelassen und ermittelt (in höchst fashionabler Marine-Uniform) an Bord des Schulschiffes ›H.M.S. Battledore‹, wo sie (mit Recht, wie sich zeigen wird) einen Schnupftabakkiller und allerhand trübe Geschäftemacherei vermutet. Wie immer, wenn die energische alte Dame (von den zuständigen Behörden ungebeten) die Ermittlung in einer Mordsache übernimmt, so gibt es auch auf See weitere Tote zu beklagen, bevor sie den Täter unter Einsatz ihres reifen Lebens stellen kann. Mit kauziger Grandezza absolviert Margaret Rutherford in »Murder Ahoy« ihr letztes Marple-Engagement; neben den üblichen Verdächtigen an ihrer Seite (Stringer Davis als »Bekannter« der Hobbydetektivin, Charles Tingwell als unterbelichteter Inspektor) spielt Lionel Jeffries einen ebenso inkompetenten wie sympathischen master and commander. PS: »Damn the torpedoes, full steam ahead!«

R George Pollock B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A William C. Andrews S Ernest Walter P Lawrence P. Bachmann D Margaret Rutherford, Lionel Jeffries, Charles Tingwell, William Merwyn, Stringer Davis | UK | 93 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1964