17.2.71

Max et les ferrailleurs (Claude Sautet, 1971)

Der Kommissar und das Mädchen

Le flic et la putain: Max, der obsessive Pariser Bulle (Michel Piccoli), manipuliert Lily, die unbefangene Nutte (Romy Schneider), um deren kleinkriminellem Freund Abel (Bernard Fresson) und seiner Bande von Schrottdieben die Idee für einen großen Coup einzuflüstern. Der männliche Protagonist, der um jeden Preis das Recht schützen will – auch wenn er dafür das Unrecht erst herbeiführen muß –, bewegt sich wie ein Zombie auf einer immer enger kreisenden Spiralbahn des Fanatismus, die unweigerlich ins Verderben (aller Beteiligten) führt. Selten wurde die Figur des Polizisten im Kino so pervertiert wie von Claude Sautet, der das (selbst-)zerstörerische Treiben seines gefrorenen Antihelden gleichwohl nicht nur mit distanzierter Faszination, sondern mit echter Anteilnahme verfolgt. Es ist einer kalte, graue Welt, in der »Max et les ferrailleurs« spielt, eine Welt, in die allein Garderobe und Herzenswärme der Prostituierten etwas Farbe und einen Anflug von Hoffnung tragen. Doch so abwegig wie das Verhalten des Ordnungshüters, so ausgeschlossen ist die Möglichkeit von menschlicher Nähe: Sautet erzählt ein konsequentes Melodram, in dem die Liebe nicht wahrscheinlicher ist als eine Flamme ohne Sauerstoff, in dem kein Mensch den anderen kennt: »Je croyais pourtant connaître Max. Mais je ne savais rien de lui.«

R Claude Sautet B Claude Néron, Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie V Claude Néron K René Mathelin M Philippe Sarde A Pierre Guffroy S Jacqueline Thiédot P Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Schneider, George Wilson, François Périer, Bernard Fresson | F & I | 112 min | 1:1,66 | f | 17. Februar 1971

# 948 | 26. Mai 2015

11.2.71

Il gatto a nove code (Dario Argento, 1971)

Die neunschwänzige Katze

Mäßig spannender Giallo, angesiedelt im Umfeld eines römischen Genforschungsinstituts, wo man (wie passend!) dem Aggressions- und Verbrechens chromosom (›XYY‹) dicht auf der Spur ist. Allzuviel von diesen Anlagen hat »Il gatto a nove code« – trotz eines sublimen Morricone-Scores, einiger delikater Todesfälle sowie einer Reihe von dubiosen Existenzen, die als Täter in Frage kommen (Horst Frank als eleganter schwuler Snob, Karl Malden als netter blinder Onkel und Autor von Kreuzworträtseln, Catherine Spaak als Boxenluder der Wissenschaft) – leider nicht mitbekommen. Erpressung, Inzest und Störung der Totenruhe sorgen aber szenenweise für mulmig-schöne Atmosphäre.

R Dario Argento B Dario Argento K Erico Menczer M Ennio Morricone A Carlo Leva S Franco Fraticelli P Salvatore Argento D James Franciscus, Karl Malden, Catherine Spaak, Horst Frank, Pier Paolo Capponi | I & F & BRD | 110 min | 1:2,35 | f | 11. Februar 1971

2.2.71

Die Bettwurst (Rosa von Praunheim, 1971)

»Dietmar, ich liebe dich, ich liebe dich.« – »Ich liebe dich unwahrscheinlich, Luzi, du bist alles für mich.« An der Kieler Hafenkante lernen sie sich kennen: Luzi (Kryn), die stabil gebaute Fünfzigerin aus Danzig, und Dietmar (Kracht), der schlaksige junge Mannheimer, beide vom Schicksal gebeutelt und von Natur aus ziemlich exaltiert, zwei schrille Schwarmgeister, die das Glück, einander zufällig gefunden zu haben, kaum fassen können: »Wir müssen im Kalender es rot anzeichnen den Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Es war Liebe auf den ersten Blick.« – »Luzi, ich liebe dich so, ich liebe alles an dir, deine Händen, deine Haare liebe ich, deine Augen, deinen Körper, deinen Busen.« Sie, die sich, als Spätaussiedlerin in die Bundesrepublik gekommen, in einer Neubauwohnung farbenfroh einrichtete, nimmt ihn, der, aus prekären Verhältnissen stammend, Umgang mit leichten Mädchen und schweren Jungens hatte, wohlwollend bei sich auf, verschafft ihm Arbeit, kocht für ihn, bringt ihm das Staubsaugen bei. In einer beispiellosen Mischung aus ungebremstem Groteskrealismus und avantgardistischer Laienspielkunst läßt Rosa von Praunheim seine beiden natürlich-enthemmten Darsteller einen treuherzig-demaskierenden Bilderbogen des gutbürgerlichen Lebens zusammenimprovisieren – inklusive Fernsehabend und Schrebergarten, Tanztee und Weihnachtsfest: »Eine Bettwurst! Das ist ja toll! So was hab’ ich mir schon immer gewünscht!« Die Idylle wäre perfekt, würde Dietmar nicht, im kriminalen Schlußakt der Extremromanze von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt, dazu gezwungen werden, für Luzi bis an seine Grenzen und weit darüber hinaus zu gehen ...

R Rosa von Praunheim B Rosa von Praunheim K Rosa von Praunheim, Bernd Upnmoor S Rosa von Praunheim, Gisela Bienert, Bernd Upnmoor P Rosa von Praunheim D Luzi Kryn, Dietmar Kracht | BRD | 81 min | 1:1,37 | f | 2. Februar 1971

# 1132 | 8. Juli 2018