31.12.53

The Long, Long Trailer (Vincente Minnelli, 1953)

Villa mit 100 PS

Romantische Farce über ein frischvermähltes Paar, das sich (auf Pump – wie sonst?) einen (wirklich) sehr, sehr langen Wohnwagen zulegt, um an den wechselnden Arbeitsstätten des Gatten in immer demselben, gemütlichen Heim leben zu können. Lucille Ball und Desi Arnaz zuckeln mit ihrer exklusiven Blechbüchse durch das konsumistische Eisenhower-Amerika, und schon auf der Hochzeitsreise entartet die Plastik-Utopie einer Verbindung von Mobilität und Zuhausesein zum bonbonbunten Alptraum … Mit inszenatorischer Sicherheit verbindet Vincente Minnelli Satire und Slapstick zu einer freundlich-hysterischen Sitcom-Analyse des american way of life und seines motorisierten pursuit of happiness.

R Vincente Minnelli B Frances Goodrich, Albert Hackett V Clinton Twiss K Robert Surtees M Adolph Deutsch A Cedric Gibbons, Edward Carfagno S Ferris Webster P Pandro S. Berman D Lucille Ball, Desi Arnaz, Marjorie Main, Keenan Wynn, Gladys Hurlbut | USA | 103 min | 1:1,37 | f | 31. Dezember 1953

22.12.53

Königliche Hoheit (Harald Braun, 1953)

Es ist vielleicht kein Zufall, daß Thomas Mann preziöser Romanzweitling, der die delikate Liebesgeschichte zwischen dem gehemmten Regenten eines abgewirtschafteten deutschen Duodezstaates und der putzmunteren Tochter eines amerikanischen Multimillionärs erzählt, gerade zu jener Zeit für die Leinwand bearbeitet wird, da, wie es so schön heißt, aus Besatzern und Besiegten Freunde werden: »Königliche Hoheit« ist gleichsam filmisches Begleitprogramm zu Konrad Adenauers Politik der Westbindung. In der Romanze zwischen Prinz Klaus Heinrich (Dieter Borsche) und Imma Spoelmann (Ruth Leuwerik) spiegelt sich die Wunschbeziehung des ge- und zerschlagenen Deutschlands zu den erfolggekrönten Vereinigten Staaten von Amerika: Ruhm der Vergangenheit (Bankrott und Kultur) trifft Glanz der Zukunft (Geld und Zivilisation). Harald Brauns Adaption, von Werner Krien in idyllischem Gevacolor fotografiert, kreuzt scheinbar unbefangen Nostalgie mit Aktualität, mildert dabei die zeremonielle Ironie der Vorlage zugunsten einer spieluhrenhaften Heiterkeit; den symbolischen Modergeruch der Grimmburger Rosen überlagert von vorneherein der Duft der großen weiten Welt, der mit Ankunft der extravaganten Plutokraten bei den insolventen Erben eines schöneren Jahrhunderts Einzug hält. Kleinere Probleme, des Prinzen dickfälliges Repräsentationsgehabe, Immas gedankenloses Ungestüm, lösen sich wie von selbst, und zum guten Schluß wird das Märchen wahr: Alte Welt und neue Welt vereinen sich, in Hoheit und Liebe, zu einem strengen Glück.

R Harald Braun B Georg Hurdalek, Hans Hömberg, Erika Mann V Thomas Mann K Werner Krien M Mark Lothar A Walter Haag S Claus von Boro P Hans Abich D Dieter Borsche, Ruth Leuwerik, Lil Dagover, Paul Bildt, Rudolf Fernau, Mathias Wieman | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 22. Dezember 1953

# 871 | 30. Mai 2014

16.12.53

Madame de … (Max Ophüls, 1953)

Madame de … – Die Liebe ihres Lebens

Ein Dreieck im Paris der belle époque: eine flatterhafte Frau (Danielle Darrieux), ihr Mann – ein General (Charles Boyer), ihr Geliebter – ein Diplomat (Vittorio de Sica). Zwischen ihnen: ein Paar diamantene Ohrringe, die von Hand zu Hand, von Haus zu Haus wandern, mal geringgeschätzt, mal innigst geliebt, immer Indikator für den jeweils herrschenden Aggregatzustand der Gefühle. Unter Max Ophüls’ insistierend-zärtlichem Blick legt die schöne alte Zeit das duftige Spitzengewand ihrer operettigen Heiterkeit ab und enthüllt die verborgenen Härten des leichten Lebens. Eine rastlose Kamera (Christian Matras) quetscht sich in ausgeklügelten Bewegungen durch reichgeschmückte Dekors (Jean d’Eaubonne), nicht etwa um die Protagonisten in flagranti zu erwischen, sondern um die Geheimnisse ihrer nur scheinbar oberflächlichen Seelen zu erspüren, um ihre Fähigkeit zu echter Leidenschaft sichtbar zu machen. Das Ende dieses formvollendeten pas de trois öffnet die Schleusen der Melancholie – es ist zu wahr, um schön zu sein.

R Max Ophüls B Max Ophüls, Marcel Achard, Annette Wademant V Louise de Vilmorin K Christian Matras M Oscar Straus, Georges Van Parys A Jean d’Eaubonne S Borys Lewin P Ralph Baum D Charles Boyer, Danielle Darrieux, Vittorio de Sica, Jean Debucourt, Jean Galland | F & I | 105 min | 1:1,37 l sw | 16. Dezember 1953

27.11.53

Ich und Du (Alfred Weidenmann, 1953)

Screwball-Schnulze, deren erstaunlich flotte Dialoge (Drehbuch: Herbert Reinecker) von Alfred Weidenmann kurzweilig in Szene gesetzt werden. Lilo Pulver als kesse Schallplattenverkäuferin, Hardy Krüger als adretter Mitarbeiter einer Fluggesellschaft: Die beiden pfeifen sich gegenseitig einen Schlager vor, verlieben sich darüber und heiraten; dann lernen sie sich kennen und lassen sich prompt wieder scheiden … Die Nachkriegszeit greift äußerlich nur mittelbar ins Geschehen ein, etwa in Form der allgemeinen Wohnungsknappheit, die das junge Paar auch nach der Trennung als Nachbarn in hellhörigen Nebenzimmern festhält; die innere Disposition der Protagonisten allerdings, die emotionale Sachlichkeit, die barsche Ungeduld in Gefühls- und Lebensfragen, gibt eine Ahnung von den (nicht nur) seelischen Verlusten, die diese Generation wenige Jahre zuvor erlitten hat. PS: Die Dramaturgie zeigt sich romantischer als die verbohrten Hauptfiguren und stiftet eine zweite (vielleicht bessere, eventuell verständnisvollere) Ehe.

R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann V Christian Bock K Franz Weihmayr M Lothar Brühne S Erhard Hans Albrecht P F. A. Mainz, Willy Zeyn D Hardy Krüger, Liselotte Pulver, Lucie Mannheim, Claus Biederstaedt, Peer Schmidt | BRD | 94 min | 1:1,37 | sw | 27. November 1953

24.11.53

Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Hans Deppe, 1953)

»Wie im Land der Märchen werden wir ein Pärchen, / Wenn der weiße Flieder wieder blüht.« Willy (Willy Fritsch) ist Sänger ohne Erfolg. Ein brotloser Künstler. Seine Frau Therese (Magda Schneider) ist Schneiderin. Näht Tag und Nacht, um Geld zu verdienen. Willy und Therese lieben sich. Streiten sich. Trennen sich entnervt nach einem Jahr Ehe. Therese bleibt im Lande. Bekommt ein Kind. Willy geht in die Welt. Macht Karriere. 15 Jahre später. Tochter Evchen (Romy Schneider) ist eine junge Dame. Willy kehrt als gefeierter Star zurück in die Heimat. Begleitet von seiner spitzzüngig-treuen Managerin Ellen. Er kommt, als Therese endlich ihren gutmütig-treuen Freund Peter heiraten will … Hans Deppe arrangiert launig-musikalisch allerlei romantische Verwicklungen und Verwerfungen; in jenem Zeitraum, den die Handlung des Films elegant überspringt, müßten ein Weltkrieg, ein Völkermord und eine bedingungslose Kapitulation stattgefunden haben. Kein Wort davon. »Ich habe inzwischen so viel erlebt. Wenn ich dir das erzähle«, sagt Therese beim Wiedersehen am immerdeutschen Rhein. »Das mußt du mir erzählen«, sagt Willy, »aber nicht jetzt.« Nein, nicht jetzt. Und später auch nicht. Bemerkenswert ist indes weniger das Verschweigen, das Verdrängen, das Beiseiteschieben von (Lebens-)Geschichte, erstaunlich wirkt die Auflösung der Erzählung: Nicht das alte Paar findet zusammen, sondern zwei neue. Die (heilige) Familie wird nicht zwangsvereinigt; was nicht paßt, wird nicht passend gemacht. Es scheint möglich, aus Fehlern zu lernen. Immerhin.

R Hans Deppe B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius K Kurt Schulz M Franz Doelle A Alfred Bütow, Ernst Schomer, Peter Schlewski S Walter Wischniewsky P Kurt Ulrich D Willy Fritsch, Magda Schneider, Paul Klinger, Romy Schneider, Hertha Feiler | BRD | 99 min | 1:1,37 | f | 24. November 1953

6.11.53

Weg ohne Umkehr (Victor Vicas, 1953)

Victor Vicas’ Drama einer (doppelten) weltanschaulichen Entfremdung beginnt im Mai 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee ins zerstörte Berlin. Mit beinahe neorealistischer Rauhheit wird die kurze, aber folgenreiche Begegnung des sowjetischen Offiziers Mischa (Ivan Desny) und des deutschen Mädchens Anna (Ruth Niehaus) geschildert; als sich die beiden sieben Jahre später wiedertreffen – er als Mitglied einer Industriekommission, sie als Sekretärin des Ostberliner MGB-Chefs (alarmierend: René Deltgen) –, entdecken sie sehr zögerlich ihre Liebe (wieder), um alsbald in einen Strudel aus Angst, Intrige und Mißtrauen zu geraten, der ihnen nur eine Ausflucht läßt … Auch »Weg ohne Umkehr« nutzt zur Darstellung des dramatischen Zeitgeschehens Elemente der Kolportage und malt (vor allem gegen Ende der Erzählung) expressive Bilder der zerklüfteten Trümmerlandschaften, doch ist es vielleicht die erzwungenermaßen kosmopolitische Biographie des Regisseurs (Vicas, als Sohn jüdischer Eltern in Moskau geboren, wuchs in Berlin auf, emigrierte zunächst nach Paris, floh später nach New York, arbeitete nach dem Kriegsdienst in der US-Armee als Dokumentarfilmer in Italien, Israel und Frankreich), die eine, in den Tagen des Kalten Krieges seltene, unideologische Abgewogenheit ermöglicht (oder geradezu bewirkt). Das zurückhaltend-sensible Spiel Desnys (eines weiteren »Weltbürgers«) trägt gleichermaßen zur sachlichen Emotionalität des Werks bei.

R Victor Vicas B Gerhard T. Buchholz, Victor Vicas V Gregory Klimow K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Alfred Bütow, Ernst Schomer S Ira Oberberg P Gerhard T. Buchholz, Stuart Schulberg D Ivan Desny, Ruth Niehaus, René Deltgen, Karl John, Lila Kedrova | BRD | 95 min | 1:1,37 | sw | 6. November 1953

4.11.53

How to Marry a Millionaire (Jean Negulesco, 1953)

Wie angelt man sich einen Millionär?

CinemaScope, so Billy Wilder, sei ideal, um das Leben eines Dackels zu verfilmen. Daß man auch Frauen (etwa Bacall, Monroe und Grable) sehr dekorativ ins breite Bild legen kann, beweist Jean Negulesco mit seiner schicken New Yorker comedy of manners über drei ambitionierte Mannequins (›Schatze‹, ›Pola‹ und ›Loco‹) auf der Jagd nach dem Krösus fürs Leben: »All my life ever since I was a little girl I’ve always had the same dream: To marry a zillionaire.« Die Lust, das ausladende Format attraktiv zu füllen, triumphiert konsequent über das Interesse, die Story prägnant zu erzählen – und so geht »How to Marry a Millionaire« zwar optisch sehr wirkungsvoll in die Breite (Kamera: Joseph MacDonald), lotet inhaltlich jedoch kaum in die Tiefe. PS: »I want to marry Rockefeller.« – »Which one?« – »I don't care.«

R Jean Negulesco B Nunnally Johnson V Zoe Akins, Dale Eunson, Katherine Albert K Joseph MacDonald M Cyril Mockridge A Leland Fuller, Lyle Wheeler S Louis R. Loeffler P Nunnally Johnson D Lauren Bacall, Marily Monroe, Betty Grable, Cameron Mitchell, William Powell | USA | 95 min | 1:2,35 | f | 4. November 1953

3.11.53

Tokyo monogatari (Yasujiro Ozu, 1953)

Die Reise nach Tokyo

Ein letzter Besuch –
Eltern und Kinder kennen
einander nicht mehr.

R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Yuharu Atsuta M Kojun Saito A Tatsuo Hamada, Itsuo Takahashi S Yoshiyasu Hamamura P Takeshi Yamamoto D Chishu Ryu, Chieko Higashiyama, Setsuko Hara, Haruko Sugimura, So Yamamura | JP | 136 min | 1:1,37 | sw | 3. November 1953

2.11.53

The Man Between (Carol Reed, 1953)

Gefährlicher Urlaub

»Börlin is e stränsch, lardsch sitti. Sär ar männi riesns wei e jang görl kutt simpli vänisch fromm se striets.« (Aribert Wäscher als fetter, baskenbemützter Stasi-Scherge zu Claire Bloom in der Rolle einer abenteuerlustigen, britischen Unschuld.) Carol Reed wollte offenbar einen zweiten »The Third Man« in einer anderen Vier-Sektoren-Stadt drehen: Berlin statt Wien, James Mason statt Orson Welles, Hildegard Knef statt Alida Valli. Leider war Graham Greene nicht mit von der Partie – und so stehen lediglich ein paar Trümmer sehr dekorativ (Kamera: Desmond Dickinson) um ein ziemlich abgezehrtes Melodram (Buch: Harry Kurnitz) herum. Die trostlosen Impressionen aus der schneebedeckten Kapitale des Kalten Krieges sind immerhin stark genug, das Interesse an der – trotz einiger philosophistischer Dialoge gänzlich diesseitigen – Illustriertenstory um Menschenraub und Erpressung, politisch-moralischen Katzenjammer und systemübergreifende Liebe bis zum bitteren Ende wachzuhalten. »Are your feet cold?« – »Yes, and my hands are cold. Your heart is the coldest of all.«

R Carol Reed B Harry Kurnitz K Desmond Dickinson M John Addison A Andrej Andrejew S Bert Bates P Carol Reed D James Mason, Clair Bloom, Hildegard Knef, Aribert Wäscher, Ernst Schröder, Geoffrey Toone | UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 2. November 1953

14.10.53

The Big Heat (Fritz Lang, 1953)

Heißes Eisen

Über dem Kamin von Mike Lagana hängt das Bild seiner Mutter. Streng beobachtet die alte Dame den Salon, der seinen gediegenen Luxus den üblen Geschäften des Hausherrn verdankt. »You couldn't find enough flowers around here to kill the smell«, sagt police sergeant Dave Bannion (Glenn Ford), der antritt, den Gangsterboß zu Fall zu bringen und, ausgehend vom Selbstmord eines unredlichen Kollegen, das Korruptionsgeflecht, mit dem Lagana die Stadt überzogen hat, zu zerschlagen. Erst ist es seine natürliche Integrität, die Bannion antreibt, die ihn auch Abmahnungen durch offensichtlich bestochene Vorgesetzte ignorieren läßt – aber spätestens, als seine Frau bei einem Bombenanschlag ums Leben kommt, wird der Kampf für Recht und Gesetz zum persönlichen Rachefeldzug … »The Big Heat« ist ein funktional erzählter film noir, ein straighter Polizeithriller ohne atmosphärische Schattenspiele. Alles liegt in monotonem Grau: das mittelständische Heim des Ermittlers und die üppigen Apartments der Mobster, die schmutzigen Westen der Vorteilsnehmer und der teure Nerz der Verbrecherbraut Debby (Gloria Grahame), einer Frau, die im Zwiespalt zwischen koketter toughness und melancholischer Empfindsamkeit als vielleicht menschlichste Gestalt durch Fritz Langs kalte Erzählung geht. (Ihre Ambivalenz findet eine genial-brutale Visualisierung, wenn eine Hälfte ihres Gesichtes durch eine Attacke des jähzornigen Killers Vince (Lee Marvin) entstellt wird.) Am Ende steht kein glanzvoller Triumph der Tugend über die Unmoral – zu viele Tote liegen auf dem Weg der Gerechtigkeit –, am Ende klingelt einfach nur das Telefon und ruft zum nächsten Einsatz gegen die Schlechtigkeit in der besten aller möglichen Welten.

R Fritz Lang B Sydney Boehm V William P. McGivern K Charles Lang M Henry Vars A Robert Peterson S Charles Nelson P Robert Arthur D Glenn Ford, Gloria Grahame, Jocelyn Brando, Lee Marvin, Alexander Scourby | USA | 90 min | 1:1,37 | sw | 14. Oktober 1953

25.9.53

Flucht ins Schilf (Kurt Steinwendner, 1953)

Ein Sonntag auf dem Lande: Im Schilfgürtel des Neusiedler Sees wird ein Toter gefunden. Es handelt sich um den örtlichen Postboten, der um eine größere Geldsendung erleichtert wurde. Wacker macht sich der Gendarm an die Aufklärung der Tat. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, doch die Verhältnisse liegen nicht so klar, wie zunächst vermutet. Die überschaubare dörfliche Gemeinschaft erweist sich als verworrenes Beziehungsgeflecht, das von dumpfen Abhängigkeiten, verborgenen Gemütsbewegungen und latenter Rohheit beherrscht wird. Kurt Steinwendner erzählt einen echten Heimatfilm, der die Stereotypen des Genres – den Wilderer, den Jäger und den Gastwirt, den verstockten Beamten, den dürftigen Tonangeber und die einfältige Gans – aus der Wirklichkeit eines abgelegenen Provinznestes destilliert. Die Kamera (Walter Partsch) fängt die archaische Atmosphäre des österreichisch-ungarischen Grenzlandes vital und realistisch ein, dennoch entsteht kein reines Tatsachen-Bild: Die plane Weite der pannonischen Ebene erinnert an die wilde Endlosigkeit der Prärie, das karge Straßendorf mit seinen staubigen Straßen läßt an gesetzlose Westernstädte denken, der flache, von wogendem Schilf umgebene See wird zum symbolischen und tatsächlichen Ort tödlicher Gefahr. Zigeunermusik breitet die Schwermut eines drückend heißen Sommertages über eine Welt der aggressiv-schwachen Männer und ihrer resolut-enttäuschten Frauen – und die Aufklärung des Verbrechens enthüllt einmal mehr die triste Banalität des Bösen.

R Kurt Steinwendner B Kurt Steinwendner, Werner Riemerschmid K Walter Partsch M Paul Kont S Irene Tomschik P Walter Robert Lach, Walter Hössig D Alexander Kerst, Kurt Jaggberg, Ilka Windisch, Gerhard Riedmann, Grita Pokorny | A | 91 min | 1:1,37 | sw | 25. September 1953

14.9.53

Gycklarnas afton (Ingmar Bergman, 1953)

Abend der Gaukler 

»Empty spaces – what are we living for?« Ein schäbiger Wanderzirkus zieht unter bleiernem Himmel durch die graue schwedische Provinz. Verachtet nicht nur von den guten Bürgersleuten, sondern auch sich selbst ein Ekel, suchen die Artisten Auswege aus der Misere: Der spindeldürre weiße Clown findet Trost im Schnaps, seine verlebte Frau hängt ihr Herz an eine alte Bärendame, »Direktor« Alberti (kraftprotzig-kleinmütig: Åke Grönberg) bittet (vergeblich) um Unterschlupf bei seiner ehrbar gewordenen Exfrau, während seine Geliebte Anne (schlampig-explosiv: Harriet Andersson) sich einem (wie sich zeigen wird: eiskalten) Schmierenschauspieler an den Hals wirft. Ingmar Bergman entwirft ein Universum aus Sägemehl und Flitter als Gleichnis einer unbarmherzigen Welt, er verbindet poetischen Realismus und grimmigen Sarkasmus, erbärmliche Lustigkeit und ehrliche Sentimentalität zu einer ex­pressiven Studie menschlicher (Selbst-)Demütigung. Am Schluß bezahlt die einzig unschuldige Kreatur für die allseitige Entwürdigung mit dem Leben. Erlösung bleibt aus, und der Zirkus zieht weiter: »The show must go on« – warum auch immer…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist, Hilding Bladh M Karl-Birger Blomdahl A Bibi Lindström S Carl-Olov Skeppstedt P Rune Waldekranz D Åke Grönberg, Harriet Andersson, Hasse Ekman, Anders Ek, Gunnar Björnstrand | S | 93 min | 1:1,37 | sw | 14. September 1953

1.9.53

Hokuspokus (Kurt Hoffmann, 1953)

Ein Lustspiel über den Anschein und die Wahrheit, über Beweise und Vermutungen, über die Nähe von Zirkus und Justiz. Die Witwe eines erfolglosen Malers ist angeklagt, ihren Gatten ermordet zu haben. Sie lügt, sie verwickelt sich in Widersprüche, und wenn sie gar nicht mehr weiterweiß, fällt sie in Ohnmacht. Ihr Anwalt legt das Mandat nieder. Ein Unbekannter, der felsenfest von der Unschuld dieser Frau überzeugt ist, übernimmt ihre Verteidigung … Geschliffene Dialoge, prägnante Charakterzeichnungen, bühnenwirksame Verblüffungseffekte – Curt Goetz, Antispießbürger par excellence, Meister des deutschsprachigen Boulevards, schrieb mit »Hokuspokus« eine luftige Komödie voller Intelligenz und Esprit. Kurt Hoffmann verläßt sich ganz und gar auf die Zugkraft des Stücks und auf die kultivierten Hauptdarsteller (Goetz selbst und dessen Ehefrau Valérie von Martens); er inszeniert die elegant verspukte Mitternachtsatmosphäre des ersten Akts mit ebenso leichter Hand wie die folgende turbulente Verhandlung im Schwurgerichtsaal: »Ich habe einen Polizeibericht über Sie angefordert. Wollen Sie ihn hören?« – »Ist er gut?«

R Kurt Hoffmann B Curt Goetz V Curt Goetz K Richard Angst M Franz Grothe A Hermann Warm, Kurt Herlth S Fritz Stapenhorst P Hans Domnick D Curt Goetz, Valérie von Martens, Hans Nielsen, Ernst Waldow, Erich Ponto, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 1. September 1953

# 815 | 19. Dezember 2013

27.8.53

Roman Holiday (William Wyler, 1953)

Ein Herz und eine Krone

»I’d do just whatever I liked all day long.« 1953, im Frühling des Paparazzi-Zeitalters, wissen Royals noch, was sich gehört: Einen Tag frei nehmen – warum nicht; inkognito Eis essen – gebongt; einen Bürgerlichen küssen – geht klar (sogar wenn es sich um einen Amerikaner handelt). Aber dann folgt man auch schon wieder ergeben dem Ruf der Pflicht: Pressekonferenz, Worthülsen, shake hands, business as usual … William Wyler reichert seine attraktive Rom-Romcom um eine Thronfolgerin auf (vorübergehenden) Abwegen ausgiebig mit touristischen Highlights und possierlichen Italien-Klischees an; »Roman Holiday« besticht indes vor allem durch die bezaubernde Hauptdarstellerin: Audrey Hepburn ist so zartblütig, so magazinschön, so prinzessinenhaft, daß über jeder Einstellung das Funkeln von Kronjuwelen zu liegen scheint. Für ein makelloses Lächeln ihrer Hoheit opfern Gregory Peck und Eddie Albert – als Journalisten mit Riecher (»It’s always open season on princesses.«) und Ethos (!) – sogar die Story ihres Lebens. Seufz.

R William Wyler B Dalton Trumbo, John Dighton K Henri Alekan, Franz Planer M Georges Auric A Hal Pereira, Walter H. Tyler S Robert Swink P William Wyler D Gregory Peck, Audrey Hepburn, Eddie Albert, Hartley Power, Harcourt Williams | USA & I | 118 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1953

26.8.53

I vitelloni (Federico Fellini, 1953)

Die Müßiggänger

»›Warum tun sie den ganzen Tag nichts?‹ – ›Das wissen nicht einmal sie selber.‹« Fünf Freunde in einem italienischen Provinzkaff. Sie haben die 30 hinter sich gelassen und nichts auf die Reihe gekriegt – Taugenichtse, Tagediebe, Prahlhänse, phlegmatisch und fidel, lümmelhaft und doch irgendwie liebenswert. Sie sitzen im Café, starren aufs Meer, lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Sie warten – aber worauf? –: ein notorischer Weiberheld, ein verkrachter Dramatiker, ein aufgeblasenes Muttersöhnchen, ein sangesfroher Dicker und einer, ein einziger, der ahnt, daß hinter dem Tellerrand (des Städtchens, der Bequemlichkeit, der Angst vor der eigenen Courage) etwas anderes liegen könnte: das Leben möglicherweise. In der ihn kennzeichnenden Mischung aus karikierendem Naturalismus und nachsichtiger Liebe reiht Federico Fellini Episoden aus dem tristen und grauen und engen Dasein seiner Protagonisten aneinander: Miss-Wahlen und Kinobesuche, Hochzeiten und Faschingsbälle, melancholische Lustbarkeiten und burleske Tragödien, imaginäre Hoffnungen auf ein besseres Morgen – und einen, einen einzigen, konkreten Aufbruch in die ungewisse Zukunft.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli K Ortello Martelli, Carlo Carlini, Luciano Trasatti M Nino Rota A Mario Chiari S Rolando Benedetti P Jacques Bar, Mario De Vecchi, Lorenzo Pegoraro D Franco Interlenghi, Alberto Sordi, Franco Fabrizi, Leopoldo Trieste, Riccardo Fellini | I & F | 107 min | 1:1,37 | sw | 26. August 1953

9.7.53

The Band Wagon (Vincente Minnelli, 1953)

Vorhang auf!

»The world is a stage / The stage is a world of entertainment.« Vincente Minnelli, meisterhafter Erzeuger glanz-, stil-, und schwungvoller Traumfabrikate, bietet mit seiner Show über Entstehung und Geburtswehen einer Show intelligenten MGM-Technicolor-Glamour: »The Band Wagon« ist selbstreferentiell, selbstbewußt und selbstironisch – die Metamorphose einer leichten musikalischen Komödie in eine rotglühend-dramatische »Faust«-Adaption (und wieder zurück) hält für die Beteiligten Verunsicherung und Begeisterung, Reinfälle und Höhenflüge, Wut und Liebe bereit. Es spielen: Fred Astaire als famous star of yesteryear, der noch einmal zu großer Form aufläuft; Cyd Charisse als up-and-coming Primaballerina, die ihre Neigung zu einer lebenden Legende entdeckt; Jack Buchanan als mephistophelischer Produzent, der die Revue mit seinen brillanten Ideen fast ruiniert; Nanette Fabray & Oscar Levant (»We’re not fighting! We’re in complete agreement! We hate each other!«) als geistreiches Autorenpaar, ein Selbstportrait des geistreichen Autorenpaares Betty Comden & Adolph Green, die sich nach »Singin’ in the Rain«, ihrer mokanten Hommage an den frühen Tonfilm, die Exzentriker vom Broadway vorknöpfen. »Everything that happens in life / Can happen in a show!«

R Vincente Minnelli B Betty Comden, Adolph Green K Harry Jackson M diverse A Preston Ames, Cedric Gibbons S Albert Akst P Arthur Freed D Fred Astaire, Cyd Charisse, Oscar Levant, Nanette Fabray, Jack Buchanan | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 9. Juli 1953

1.7.53

Gentlemen Prefer Blondes (Howard Hawks, 1953)

Blondinen bevorzugt

»Well, it’s no trick to make a lot of money ... if what you want to do is make a lot of money«, heißt es in »Citizen Kane«. Es ist auch keine Kunst, postuliert »Gentlemen Prefer Blondes«, einen reichen Mann zu heiraten, vorausgesetzt es das ist, was man will – jedenfalls wenn man auf so clevere Art beschränkt ist und auf so flagrante Weise gut aussieht wie Lorelei Lee (Marilyn Monroe). Die blonde Revuesängerin – gleich ihrer brünetten (und bodenständigeren) Partnerin Dorothy Shaw (Jane Russell) »a little girl from Little Rock« (aufgewachsen »on the wrong side of the tracks«) – läßt (fast) nichts unversucht, ihr Gefühlsglück in pekuniärer Erfüllung zu finden. Die ökonomische Potenz der Männer bildet für Lorelei das natürliche Äquivalent zur physischen Attraktivität der Frauen. Howard Hawks scheint dieser Idee von Tauschbeziehung (wie auch Dorothy) durchaus kritisch gegenüberzustehen. Möglicherweise bezeugen die parodistisch übersteigerte Erotik, der nicht sonderlich feingeschliffene Humor und die quietschbunte Künstlichkeit der Inszenierung – die eher an den billigen Glanz von Strass als an das feurige Funkeln der von Lorelei lüstern besungenen Diamanten (»a girl’s best friend«) denken läßt – seine ironische Distanz zum Geschehen: entschlossene filmische Vulgarität als Bloßstellung eines brachialen Turbomaterialismus

R Howard Hawks B Charles Lederer V Anita Loos, Joseph Fields K Harry J. Wild M diverse A Lyle Wheeler, Joseph C. Wright S Hugh S. Fowler P Sol C. Siegel D Marilyn Monroe, Jane Russell, Charles Coburn, Elliott Reid, Tommy Noonan, Marcel Dalio | USA | 91 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

# 989 | 8. März 2016

Genevieve (Henry Cornelius, 1953)

Die feurige Isabella

»I don’t know what it is about these silly old cars. The moment people get into them, they start behaving like idiots.« Alle Jahre wieder findet der Veteran Car Run des königlich Automobilclubs statt: von London nach Brighton und zurück. Und wie immer nehmen zwei alte Freunde (und Konkurrenten) mit ihren betagten Fahrzeugen (beide Jahrgang 1904) und jungen Frauen an der Traditionsrallye teil: Alan McKim (John Gregson) mit seinem Darracq (genannt ›Genevieve‹) und Ehefrau Wendy (Dinah Sheridan) sowie Ambrose Claverhouse (Kenneth More) mit seinem Spyker und Freundin Rosalind (Kay Kendall) … Ein Wochenende im Herbst: frische Luft und Abgasgestank, Sonne und Regen, Kameradschaft und Rivalität, Zärtlichkeit und Niedertracht, Streit und Versöhnung. »Genevieve« nimmt das Rennen – das eigentlich keine Wettfahrt ist, aber, aufgrund einer Wette, in eine solche ausartet – zum Anlaß, den verschiedenen Charakteren (wozu auch die beteiligten Oldtimer zählen) freien Lauf zu lassen, ihre Beziehungen zu erkunden, ihre Stärken und Schwächen auszuloten. Henry Cornelius entwickelt die erzbritische Exzentrik dieser von einem Amerikaner geschriebenen Komödie mit französischer Ungezwungenheit – spielerisch bewegt sich das Roadmovie von einer vergnüglichen Situation zur nächsten; und Larry Adlers Mundharmonikaklänge verbinden virtuos die fein abgestuften Stimmlagen dieser überaus charmanten (in bilderbogenbuntem Technicolor fotografierten) romantischen Farce: Nostalgie und Naturalismus, Klamauk und Ironie, schrille Übertreibungen und lyrische Zwischentöne.

R Henry Cornelius B William Rose K Christopher Challis M Larry Adler A Michael Stringer S Clive Donner P Henry Cornelius D Dinah Sheridan, John Gregson, Kay Kendall, Kenneth More, Joyce Grenfell | UK | 86 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

# 911 | 14. September 2014

The 5,000 Fingers of Dr. T. (Roy Rowland, 1953)

Die 5000 Finger des Dr. T.

»Ten happy little fingers and they're mine all mine.« Das Musical entwickelte aus sich selbst heraus den höchsten Surrealismus-Gehalt aller Hollywood-Genres, und das surrealste aller Musicals dürfte wohl »The 5,000 Fingers of Dr. T.« sein. Basierend auf einem Szenarium des mit absurdem Witz gesegneten Kinderbuchautoren und Cartoonisten Dr. Seuss, wird die Geschichte des kleinen Bart (Tommy Rettig) erzählt, der in die Fänge des größenwahnsinnigen Klavierlehrers Dr. Terwilliker gerät – der missionarische Zuchtmeister versklavt 500 Knaben (= 5000 Finger) an einem monströsen Piano und verwandelt darüberhinaus Barts Mutter in seine willenlose Gehilfin: »The work for the happy finger method must go on.« Mit Unterstützung des befreundeten Klempners Mr. Zapladowski konstruiert der clevere Junge einen Schallschlucker, der das Riesenklavier unschädlich machen und so die gezwiebelten Kinder aus der pianistischen Leibeigenschaft befreien soll … Die comichaft stilisierten Kulissen sehen aus, als hätte sich der Ausstatter von »Broadway Melody« im Vollrausch an »Metropolis« erinnert, und kein Geringerer als Friedrich Hollaender komponierte die Musik für dieses exaltierte Vergnügen in Technicolor und Wonderama: »Is it atomic?« – »Yes, Sir, very atomic!«

R Roy Rowland B Dr. Seuss, Allan Scott V Dr. Seuss K Franz Planer M Friedrich Hollaender A Rudolph Sternad S Al Clark P Stanley Kramer D Tommy Rettig, Hans Conried, Peter Lind Hayes, Mary Healy, Jack Heasley | USA | 89 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

23.6.53

Ein Herz spielt falsch (Rudolf Jugert, 1953)

O. W. Fischer als verstrolchter Glücksritter Peter van Booven, der die unheilbar kranke Unternehmenserbin Billa (Ruth Leuwerik) freit, um ihr Vermögen zu ergattern. Dann kommt die Liebe (die wahre, die große, die einzige) dazwischen, und der Lump wird zum Menschen … Das Rascheln der Illustriertenseiten, auf denen die Romanvorlage des Filmwerks gedruckt wurde, ist in jeder Szene zu vernehmen, untermalt vom steten Tropfen des sämigen Kinoschmalzes. Indem er erst gar nicht versucht, die Ausgedachtheit der melodramatischen Wirrungen zu verleugnen, gelingt Rudolf Jugert so etwas wie die wahrhaftige Interpretation eines unwahren Stücks; Fischers larmoyante Windmacherei und die jüngferliche Sprödigkeit der Leuwerik bilden dabei einen reizvollen Kontrast … Douglas Sirk wird eine ähnliche Konstellation schon bald in »Magnificent Obsession« entwickeln, formal gewiefter natürlich, in Technicolor, und versehen mit jenem Quentchen ironischer Distanz, das bundesdeutschen Cinéasten allzumeist abgeht. Jugert indes traut sich, auf höhere Mächte und auf ein glattes happy ending zu verzichten: Der von den Zeitläuften ramponierte Lebemann und die »alte Schachtel«, die nie gelernt hatte zu leben, dürfen einander zwar gegenseitig erlösen – aber der sichere Tod läßt sich vom Drehbuch nicht besiegen.

R Rudolf Jugert B Erna Fentsch V Hans-Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Helmuth Ashley M Werner Eisbrenner A Franz Bi S Claus von Boro P Georg Witt D Ruth Leuwerik, O. W. Fischer, Carl Wery, Gertrud Kückelmann, Günther Lüders | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1953

5.6.53

Le retour de Don Camillo (Julien Duvivier, 1953)

Don Camillos Rückkehr

Der schlagkräftige Seelenhirt Don Camillo (Pfernandel) kehrt aus dem Exil eines abgelegenen Bergdorfes – wohin er auf Betreiben seines bolschewistischen Widersachers Peppone (Stalino Cervi) verbannt wurde – triumphal zurück in das geliebte Heimatstädtchen, um dortselbst die geistig-physische Auseinandersetzung mit seinem alten Haßfreund und Lieblingsfeind voller Gusto und Enthusiasmus fortzusetzen. Stärker noch als der Vorgänger zerfällt Julien Duviviers zweite Leinwandadaption der Erzählungen von Giovannino Guareschi in eine Vielzahl (mehr oder weniger) launiger episodischer Einzelheiten und (halbwegs) poetischer Bruchstücke: In Erinnerung bleiben etwa der verschneite Kreuzweg des unbotmäßigen Priesters oder der sonderbare Seelenhandel zwischen einem unsterblichen Reaktionär und einem derben Kommunisten oder Don Camillos pädagogischer Sonntagsspaziergang mit Peppones aufmüpfig-sensiblen Sohn durch die vernebelte Landschaft der winterlichen Poebene. Nach viel (ideologischem) Zank, (handgreiflichem) Streit und (mehrfach) versuchtem Totschlag tritt zum Ende der Erzählung der breite Fluß über die Ufer, überschwemmt den Ort (die morsche Kirche wie das rote Volkshaus) – und alle (wirklich alle) sitzen sie wieder in einem Boot.

R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel, Giuseppe Amato V Giovannino Guareschi K Anchise Brizzi M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Marthe Poncin P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Édouard Delmont, Paolo Stoppa, Alexandre Rignault | F & I | 115 min | 1:1,37 | sw | 5. Juni 1953

27.5.53

La môme vert-de-gris (Bernard Borderie, 1953)

Im Banne des blonden Satans

FBI-Agent Lemmy Caution (echsenhaft: Eddie Constantine) schlägt sich durch eine augenzwinkernd-whiskygeschwängerte crime story, die aus den Nachtclubs von Casablanca über das offene Meer und die marokkanische Wüste bis in die Medina von Tanger führt: Eine raffgierige Bande unter Führung des skrupellos-verschlagenen Edelschurken Rudy Saltierra (sinister: Howard Vernon) plant und unternimmt den (nebenbei mörderischen) Raub von US-amerikanischem Gold im Wert von zwei Millionen Dollar. Rudys Geliebte, die kurvenreiche Barsängerin Carlotta de la Rue, genannt ›la môme vert-de-gris‹ (transvestitig: Dominique Wilms), erliegt Lemmys pockennarbigem Charme und kommt dem G-Man in entscheidenden Augenblicken erbötig zu Hilfe. Liebenswürdiger Chauvinismus und marionettenhafte Faustkämpfe, halbtrockene Sprücheklopferei und hölzerne Regiekunst (Bernard Borderie) verbinden sich recht vergnüglich zum naiv-parodistischen B-Movie à la française.

R Bernard Borderie B Jacques Berland, Bernard Borderie V Peter Cheney K Jacques Lemare M Guy Lafarge A René Moulaert S Jean Feyte P Raymond Borderie D Eddie Constantine, Dominique Wilms, Howard Vernon, Jean-Marc Tennberg, Darío Moreno | F | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. Mai 1953

25.5.53

It Came from Outer Space (Jack Arnold, 1953)

Gefahr aus dem Weltall

»This is Sand Rock, Arizona, on a late evening in early spring. It's a nice town, knowing its past ... and sure of its future.« Hobbyastronom John Putnam (Richard Carlson) beobachtet einen über der Wüste niedergehenden Himmels­körper. Im Einschlagskrater entdeckt er statt Meteoritentrümmern ein Raumschiff, das kurz darauf von einem Erdrutsch verschüttet wird. Niemand glaubt dem als kauzig verschrienen Sternenforscher, nicht einmal Johns Verlobte Ellen (Barbara Rush) ist sich sicher, ob sie die Worte ihres Zukünftigen für bare Münze nehmen soll … Peu à peu erschüttert Regisseur Jack Arnold die Gewißheit der Kleinstädter, die irritiert bemerken, wie sich etliche ihrer Mitbürger in sonderbar gefühllose Wesen verwandeln. Freilich erweisen sich nicht die außerirdischen Besucher (»We have souls and minds, and we are good.«) als Gefahr für den interstellaren Frieden sondern aggressive Erdenbewohner, die allem, was sie nicht verstehen, tätlich zu Leibe rücken. Untermalt von sphärischen Theremin-Klängen, teilweise aus gläsern starrender Alien-Perspektive gefilmt, schildert »It Came from Outer Space« (nach einer Vorlage von Ray Bradbury) einen clash of civilizations, dessen katastrophaler Ausgang nur um Haaresbreite verhindert werden kann. »It wasn't the right time for us to meet«, resümiert John, »but there'll be other nights, other stars for us to watch. They'll be back.«

R Jack Arnold B Harry Essex V Ray Bradbury K Clifford Stine M Herman Stein, Henry Mancini, Irving Gertz A Robert Boyle, Bernard Herzbrun S Paul Weatherwax P William Alland D Richard Carlson, Barbara Rush, Charles Drake, Joe Sawyer, Russell Johnson | USA | 81 min | 1:1,37 | sw (3D) | 25. Mai 1953

# 983 | 29. Dezember 2015

1.5.53

Les statues meurent aussi (Alain Resnais & Chris Marker, 1953)

Auch Statuen sterben 

»Quand les hommes sont morts, ils entrent dans l’histoire. Quand les statues sont mortes, elles entrent dans l’art.« Ein gedankenwindungsreicher, bilderströmender Essay über die Spuren, die Zivilisationen im Sand der Zeit hinterlassen, über das Sehen und wie es den betrachteten Dingen seinen Stempel von Bedeutung aufdrückt, über die verlorene Einheit von Mensch und Kosmos, über Schwarz und Weiß, über die Rätsel der Geschichte und die Demütigungen des Kolonialismus. Und, vor allem, über afrikanische Kunst – betrachtet von den Augen der Weißen: ein heimatloses Volk pittoresker Figuren, menschengemachte Objekte, die aus ihrem spirituellen oder gebrauchsgegenständlichen Sinnzusammenhang gefallen sind (oder gerissen wurden), ihres Stolzes beraubte Zeugen einer versunkenen Kultur, exotische Gefangene in den Museumsvitrinen der westlichen Welt. Die Kamera läßt die toten Seelen der Statuen noch einmal lebendig werden, dem Zuschauer naherücken, läßt sie erzählen, auch wenn sie eine unbekannte Sprache sprechen. Bei aller Melancholie bleibt eine Hoffnung auf das Überwinden von Bevormundung und Fremdheit, auf eine Schule des Blicks, die lehrt, uns im anderen zu erkennen.

R Alain Resnais, Chris Marker B Chris Marker K Ghislain Cloquet M Guy Bernard S Alain Resnais P Présence Africaine D Jean Négroni | F | 30 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1953

# 804 | 21. November 2013

2.4.53

Vergiß die Liebe nicht (Paul Verhoeven, 1953)

»Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!« riet gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein berühmter Riesenschnauzer – in den flotten Fünfzigern durfte das Weib immerhin schon Liebe einfordern. Paul Verhoeven erzählt eine harmlose, aber feinfühlig gespielte Familienkomödie um eine hingebende, kluge Frau (Luise Ullrich – ein seltener Fall von Natürlichkeit im deutschen Film), die, ungeachtet ihres pianistischen Talents, von der Familie nur als Putz-, Bügel- und Kochmaschine wahrgenommen wird – bis sie auf einer spontanen Reise eine Ahnung von ihren besseren Möglichkeiten bekommt. Der chauvinistische Ehemann (Paul Dahlke: »Ich habe doch gesagt, daß immer ein Aschenbecher auf dem Tisch stehen soll!«) kriegt gerade noch rechtzeitig die Kurve, bevor der attraktiv-charmante Fremde (Will Quadflieg: »Leise flehen meine Lieder / Durch die Nacht zu dir.«) das brachliegende Terrain erobern kann. Am Ende wird 1. ihr alter Flügel (fein)gestimmt, haben 2. alle etwas gelernt und bleibt 3. der Deckel auf dem Topf. PS: Herrlicher Auftritt von Annie Rosar als böhmakelnde Perle.

R Paul Verhoeven B Juliane Kay K Franz Weikmayr M Alois Melichar A Heinz Weidemann, Hermann Warm S Klaus Dudenhöfer P Franz Tappers D Luise Ullrich, Paul Dahlke, Will Quadflieg, Annie Rosar, Carl-Heinz Schroth | BRD | 102 min | 1:1,37 | sw | 2. April 1953

23.3.53

The Blue Gardenia (Fritz Lang, 1953)

Gardenia – Eine Frau will vergessen

To go astray: sich verlaufen, vom Weg abkommen, auf die schiefe Bahn geraten … Nachdem sie brieflich von ihrem Verlobten verlassen wurde, flieht die gefühlsbetonte Norah (Anne Baxter) aus der behüteten Wohngemeinschaft mit ihren beiden Freundinnen, sucht Ablenkung beim Date mit einem notorischen Frauenhelden (Raymond Burr); der feuchtfröhliche Abend endet mit Zudringlichkeiten und gewaltsamer Abwehr. Am nächsten Morgen erwacht Norah neben der Leiche des Aufreißers, kann sich an nichts mehr erinnern, ergreift panisch die Flucht … Indem er die Aufklärung einer im Dunkel des Vergessens liegenden Bluttat betreibt, erforscht Fritz Lang mit schwarzer Ironie den Gegensatz von romantischen Wunschbildern und berechnender Erotik, die Kollision von (medial generierten) Träumen und nackten Tatsachen in einer Gesellschaft, die Mord als prickelnden Unterhaltungsstoff goutiert. Der Starreporter (Richard Conte), der den mysteriösen Fall ausschlachtet, verwandelt die Suche nach Wahrheit in einen einträglichen Knüller, während die schuldverstrickte Unschuld auf ihrem Fehlgang immer weiter in die Enge getrieben wird – eine banale Geschichte von überraschender Komplexität. Stellenweise wirkt »The Blue Gardenia« wie eine boshafte Entgegnung auf die im selben Jahr gedrehte Breitwand-Romanze »How to Marry a Millionaire«: (drei) Frauen in der Wartschleife für das Glück, das am Ende darin besteht, noch einmal davonzukommen, wieder nach Hause zu finden.

R Fritz Lang B Charles Hoffman, Vera Caspary K Nicholas Musuraca M Raoul Kraushaar A Daniel Hall S Edward Mann P Alex Gottlieb D Anne Baxter, Richard Conte, Ann Sothern, Raymond Burr, George Reeves | USA | 90 min | 1:1,37 | sw | 23. März 1953

22.3.53

I Confess (Alfred Hitchcock, 1953)

Zum Schweigen verurteilt

Unter Verzicht auf ironische Distanzierung erzählt Alfred Hitchcock von einem mordverdächtigen katholischen Priester (gemessen: Montgomery Clift), der, durch das Beichtgeheimnis gebunden, die Identität des wahren Täters nicht preisgeben darf. »I Confess« ist ein Film des Nicht-reden-Könnens und darum in erster Linie ein Film der Blicke, der Gesichter, der intensiven Großaufnahmen – und es ist der Film einer Stadt: Québec, Schauplatz der Ereignisse, ein Stück Alter Welt in der Neuen, erscheint mit seinen dunkel abschüssigen Gassen und bedrohlich ragenden Türmen, seinen steinharten Fassaden und feuchtspiegelnden Pflastern wie das Abbild der schattenreich-prekären Seelenlandschaft der handelnden Personen. Ein Mensch, der für seinen Glauben (und dessen Prinzipien) die Schuld eines anderen (noch dazu eines Deutschen: O. E. Hasse) auf sich nimmt und diesen Weg (= diese Prüfung) mit allen Konsequenzen bis zum Ende (= bis zum Martyrium) ginge, mag für sogenannte Vernunftwesen (wie den von Karl Malden verkörperten Inspektor) exotisch erscheinen, die Figur könnte jedoch auch stellvertretend für alle stehen, die sich (Selbst-)Blockaden, (Ordnungs-)Systemen, inneren oder äußeren Beschränkungen ausgesetzt sehen – und wer wäre das nicht? … Die malerisch-pathetische Schwarzweiß-Fotografie (Robert Burks) und das nachdrücklich-ernste Spiel der Darsteller (darunter Anne Baxter als tief liebende sowie Dolly Haas als tief zerrissene Frau) verleihen dem Werk eine außerordentliche emotionale Dichte, ja eine regelrecht metaphysische Sinnlichkeit.

R Alfred Hitchcock B George Tabori, William Archibald V Paul Anthelme K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Edward S. Haworth S Rudi Fehr P Alfred Hitchcock, Sidney Bernstein D Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, O. E. Hasse, Dolly Haas | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 22. März 1953

4.3.53

The Titfield Thunderbolt (Charles Crichton, 1953)

Der Titfield-Express

Im Zuge der Schließung unrentabler Nebenstrecken, entscheidet das zuständige Komitee der kürzlich verstaatlichten British Railways, auch die Verbindung zwischen dem Dörfchen Titfield und Mallingford Junction zu kappen – die Busunternehmer von Pearce & Crumb Ltd. reiben sich schon die Hände. Im idyllischen Winkel (von Regisseur Charles Crichton und Kameramann Douglas Slocombe in lebhaftem Technicolor gemalt) regt sich indes Widerstand gegen die behördliche Maßnahme: Der eisenbahnnärrische Vikar, der junge Squire, dessen Urgroßvater einst die Strecke erbauen ließ, ein ehemaliger Bahnarbeiter (und gelegentlicher Wilddieb) sowie der reiche Mann von Titfield (Stanley Holloway spielt einen liebenswürdigen Saufaus, den die Aussicht auf einen fahrenden Barbetrieb lockt) verkünden, unter dem Beifall (fast) aller Dorfbewohner, den Betrieb in Eigenregie zu übernehmen … Einmal mehr gibt eine Ealing-Komödie der Bockigkeit den Vorzug vor dem Konformismus, doch wirkt der beherzte Kampf der Provinzler für ihr altes Dampfroß wie eine symbolische Abwehrschlacht gegen jede Form von Veränderung. Die Herren Pearce und Crumb, die vor gemeinster Sabotage nicht zurückscheuen, kommen daher wie Büttel des Bösen, und wenn am Ende eine Museumslokomotive das Rennen gegen den Fortschritt macht, scheint ihr jubelndes Tuten den Untergang eines Empire übertönen zu wollen.

R Charles Crichton B T. E. B. Clarke K Douglas Slocombe M Georges Auric A C. P. Norman S Seth Holt P Michael Balcon D Stanley Holloway, George Relph, Naunton Wayne, John Gregson, Hugh Griffith | UK | 84 min | 1:1,37 | f | 4. März 1953

# 907 | 12. September 2014

26.2.53

La signora senza camelie (Michelangelo Antonioni, 1953)

Die Dame ohne Kamelien

Eine sarkastische Betrachtung des Filmgeschäfts, ein trauriger Blick auf die Liebe: Am Verkaufstresen eines Mailänder Stoffgeschäfts wird die junge, hübsche Clara Matti (Lucia Bosè) von Produzent Gianni Franchi für die Leinwand rekrutiert. Das erfolgreiche Debüt in einem zweitklassigen Streifen eröffnet ihr die Aussicht auf eine belanglose Karriere als Trivialkino-Star. Gianni, der seine Entdeckung vom Fleck weg heiratet, hat indes Größeres vor: Clara soll die Jeanne d’Arc spielen. Das ambitionierte Unternehmen gerät zum Fiasko … Es ist ein durch und durch falsches Leben, in das Clara fällt wie in einen glänzenden Alptraum. In dieser Welt der oberflächlichen Gefühle, der inneren Leere, der stumpfen Geschäftigkeit sucht sie orientierungslos nach sich selbst, doch keiner ihrer Ausbruchsversuche führt an ein Ziel: nicht die Schauspielstunden, die sie nimmt, nicht die Affäre, auf die sie sich einläßt, nicht die Flucht aus ihrer riesigen Villa, nicht die Trennung von ihrem Mann. Wenn sie im eleganten schwarzen Kostüm oder im wadenlangen Pelzmantel verloren in halbfertigen Studiobauten steht oder durch öde Vorstadtstraßen läuft, wirkt die »Dame ohne Kamelien« wie eine Vorgängerin der ungeborgenen Frauenfiguren, denen Antonioni in »L’avventura«, »La notte«, »L’eclisse« und »Il deserto rosso« folgen wird. »La donna senza destino« heißt einer der billigen Filme, in denen die Clara reüssiert – am Ende fügt sie sich in ihr Schicksal. »Das ist dein Reich«, verkündet ihr ein fetter Produzent und weist mit großer Geste auf eine schäbige Kulisse. Clara weint. Und lächelt für die Fotografen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Suso Cecchi D’Amico, Francesco Maselli, Pier Maria Pasinetti K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Gianni Polidori S Eraldo Da Roma P Domenico Forges Davanzati D Lucia Bosè, Andrea Checchi, Ivan Desny, Gino Cervi, Alain Cuny | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 26. Februar 1953

# 927 | 30. Dezember 2014

25.2.53

Les vacances de Monsieur Hulot (Jacques Tati, 1953)

Die Ferien des Monsieur Hulot

Scènes de la vie des vacances: ein beschaulicher Ferienort an der französischen Atlantikküste – das Meer und der Strand, das Hôtel de la Plage mit seinen Angestellten und Gästen. Einer der Touristen ist Monsieur Hulot, ein schlaksiger Sonderling, der wie ein unbeholfen-gutmütiger Außerirdischer über die unbewölkte Sommerbühne stakst. Jacques Tati bietet keine Handlung, keine Psychologie, keine Entwicklung, er blättert ein Album auf, skizziert Typen, beobachtet Situationen, macht sich diskret lustig über Gewohnheiten und Eigenarten, über Verhaltensweisen und die kleinen Absurditäten des Lebens. Bei aller Freude an visuellen Gags – ein Reifenschlauch verwandelt sich in einen Trauerkranz, Hulots dilettantisch-eckiges Tennisspiel fegt reihenweise erfahrene Sportler von Platz, ein in der Mitte durchgebrochenes Ruderboot wird zum Maul eines Riesenhais, Hulot unternimmt hilflose Versuche, ein versehentlich entzündetes Feuerwerk zu löschen – richtet Tati seine besondere Aufmerksamkeit auf Geräusche, die immer wieder absurde Komik entfalten: unverständliche Lautsprecherdurchsagen auf einem Bahnhof, denen die Reisenden folgen wie die Lemminge, eine quäkende Hupe, die schon mal einen schießwütigen Entenjäger auf Hochtouren bringt, das beängstigende Schnauben von Pferden, das gleichmütige Klappen einer Schwingtür. In die sonnige Heiterkeit mischt sich fast unmerklich eine gewisse Melancholie: Die Saison geht zu Ende, die Gesellschaft der Urlauber zerstreut sich, und der freundliche Kauz Hulot reist so alleine ab, wie er gekommen ist.

R Jacques Tati B Jacques Tati, Henri Marquet, Pierre Aubert, Jacques Lagrange K Jacques Mercanton, Jean Mousselle M Alain Romans A Henri Schmitt S Suzanne Baron, Charles Bretoneiche, Jacques Grassi P Fred Orain D Jacques Tati, Nathalie Pascaud, Micheline Rolla, Valentine Camax, Lucien Frégis | F | 114/88 min | 1:1,37 | sw | 25. Februar 1953

# 930 | 5. Januar 2015

9.2.53

Sommaren med Monika (Ingmar Bergman, 1953)

Die Zeit mit Monika

Freiheit ist ein großes Wort, das alle gern im Munde führen. Doch was heißt es, frei zu sein? Für Monika, ein 18jähriges Mädchen aus tristen Stockholmer Verhältnissen, heißt es: den stupiden Job zu schmeißen, sich einen Freund (Lars Ekborg) anzulachen, mit ihm durchzubrennen, den Sommer auf einem Boot in den Schären zu verbringen, nackt über Felsen zu springen, Essen zu klauen, ein Kind zu wollen und zu kriegen – und dann den Mann und das Kind zu verlassen, weil alles so trist und stupide ist. Freiheit heißt (in diesem Fall), im Augenblick zu leben, die Konsequenzen weder zu bedenken noch zu tragen, bei sich zu sein, egal ob es Glück oder Unglück für einen selbst oder andere bedeutet. Monika (vulgär-vital: Harriet Andersson) stößt ab und zieht an, macht sich unmöglich und bleibt verlockend dabei. Und wenn Ingmar Bergman sie, zu den Klängen einer Musicbox, eine unglaubliche halbe Minute lang durch das Objektiv der Kamera dem Publikum direkt in die Augen blicken läßt, mag wohl keiner mehr einen Stein nach ihr werfen.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Per Anders Fogelström K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Tage Holmberg, Gösta Lewin P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Lars Ekborg, Dagmar Ebbesen, Åke Fridell, Naemi Briese | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1953

29.1.53

Käpt’n Bay-Bay (Helmut Käutner, 1953)

»Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise.« Der Hamburger Schiffsführer Christian Droste, genannt ›Käpt’n Bay-Bay‹ (Hans Albers), dessen Hochzeit mit der geduldigen Anna (Lotte Koch) wegen diverser Widrigkeiten schon viermal aufgeschoben werden mußte, berichtet anläßlich des fünften Anlaufs von den abenteuerlichen Hintergründen der Verzögerungen … Helmut Käutner gestaltet die wundersamen Erlebnisse des Kapitäns und seines glatzköpfigen Begleiters Smutje (Bum Krüger) als musikalisch-maritime Münchhausiade voller geblähter Segel und lamettabehängter Faschingsuniformen, angefüllt mit handfesten Stereotypen und liebenswürdigen Rassismen. Der Käpt’n singt und spinnt (eher assoziativ als stringent) sein Seemannsgarn über Gaunerstreiche und Ehrabschneiderei vor Afrika und in der Karibik, über hilfreiche Mohren und korrupte Präfekten, über raffinierte Frauenzimmer und blinde Passagiere, über Auftritte von tätowierten Diseusen und Prügeleien in obskuren Kaschemmen, über Staatsempfänge in Bananenrepubliken und grundlose Einkerkerung in finsteren Löchern. Ein Lied von Verlockung und Treue, ein Mann, immer wieder aufgehalten in der geliebten Ferne, mit tiefer Sehnsucht nach zu Haus: In gewisser Weise erscheint »Käpt’n Bay-Bay« wie die alberne Operettenversion von Käutners Entsagungsklassiker »Auf Wiedersehen, Franziska« – abgerundet mit einer glücklichen (Spät-)Heimkehr.

R Helmut Käutner B Heinz Pauck, Per Schwenzen V Iwa Wanja, Fritz Garshoff K Friedel Behn-Grund M Nobert Schultze A Fritz Maurischat, Paul Markwitz S Ilse Voigt P Heinrich Johnen D Hans Albers, Bum Krüger, Lotte Koch, Renate Mannhardt, Angèle Durand, Rudolf Fernau | BRD | 101 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1953

# 884 | 22. Juni 2014

21.1.53

Niagara (Henry Hathaway, 1953)

Niagara

»Kiss, kiss me, darling / then, kiss me once again.« Durch den ganzen Film rauschen, dröhnen, donnern die Massen des herabstürzenden Wassers, darüber schallt das gnadenlos gefühlige Glockenspiel des Rainbow Tower, das die Liebeslieder der Flitterwöchner intoniert: »Make my dreams come true.« So unentrinnbar wie die überlauten Geräusche, so vorgezeichnet wie der fallende Lauf des Niagara River erscheint das Schicksal der Eheleute Loomis, George (disturbed: Joseph Cotten) und Rose (tantalizing: Marilyn Monroe): »Nothing in the world – including God himself – can keep it from going over the edge. It just … goes.« Ein anderes Paar, die Cutlers, zwanglos und unkompliziert, wird auf der verspäteten Hochzeitsreise in den Strudel der tödlich scheiternden Beziehung gerissen. Betrug und Depression, Sex und Frust, Eifersucht und Verachtung – mit morbidem Sarkasmus präsentiert Henry Hathaways schwarzes Technicolor-Melodram das wildromantische Traumziel aller Frischvermählten als Schauplatz eines Trauerspiels, das seine (auch visuelle) Klimax in einer expressiven Mordszene unter dem schweigenden Geläut des Carillons erreicht. Während die imposante Topographie den Bildern Hintergrund und Tiefe verleiht, bleiben die Figuren auf die plakative Oberfläche reduziert: Insbesondere Monroes atemberaubende femme fatale macht den Eindruck eines rein filmischen Kunstgeschöpfs aus sinnlichen Lippen und verschleiertem Blick, aus rasanter Garderobe und provokativ schwingenden Hüften.

R Henry Hathaway B Charles Brackett, Walter Reisch, Richard L. Breen K Joseph MacDonald M Sol Kaplan A Lyle Wheeler, Maurice Ransford S Barbara McLean P Charles Brackett D Marilyn Monroe, Joseph Cotten, Jean Peters, Casey Adams (= Max Showalter), Denis O’Dea | USA | 92 min | 1:1,37 | f | 21. Januar 1953

# 944 | 10. Februar 2015