22.12.70

Die Weibchen (Zbynek Brynych, 1970)

»Es sind nur die Nerven ... es sind nur die Nerven … die Nerven … die Nerven.« Die psychisch leicht angeschlagene Chefsekretärin Eve (Uschi »Schätzchen« Glas) reist zur geistigen Gesundung in ein mondänes Kurbad, wo sie unter eine kleine Schar bildschöner Schreckgespenster der Emanzipation (Françoise Fabian, Irina Demnick, Pascale Petit, Judy Winter) gerät: Im exklusiven Sanatorium der gestrengen Dr. Barbara werden Männer – nach dem Vorbild der Gottesanbeterin (und dem Manifest der ›Society for Cutting Up Men‹) – per (Lust-)Mord von ihrer inferioren Existenz befreit … Autor Manfred Purzer präsentiert die Selbstbestimmung der Frau als lukullisch-verzerrten Auslöschungsangsttraum des vermeintlich starken Geschlechts; Zbynek Brynych tut erst gar nicht so, als nähme er Drehbuch oder Thema ernst, er fummelt formal daran herum, saugt es exploitativ aus, schnüffelt am Post-68er-Zeitgeist wie ein Süchtiger am Lösungsmittel, benutzt die (von Charly Steinberger konvulsivisch bewegte, gerissene, geschleuderte) Kamera einmal mehr wie ein Maschinengewehr, das Erzählstoff in Fetzen an die Leinwand tackert. »Die Weibchen« schwenkt (und zoomt) hektisch zwischen Satire und Horror, Klamotte und Melo – in der Summe ist das Ganze (je nach Standpunkt) mehr oder weniger als die Summe seiner (Versatz-)Teile: ein filmischer Veitstanz auf dem schmalen Grat zwischen wirklichem Wahn und wahnwitziger Wirklichkeit. PS: »Heute ist ein schöner Tag.«

»Die Weibchen« R Zbynek Brynych B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Charly Steinberger M Peter Thomas A Wolf Englert S Sophie Mikorey P Luggi Waldleitner D Uschi Glas, Françoise Fabian, Irina Demick, Alain Noury, Hans Korte | BRD & F & I | 90 min | 1:1,66 | f | 22. Dezember 1970

16.12.70

Peau d’âne (Jacques Demy, 1970)

Eselshaut

»La situation mérite attention.« Ein musikalisches Märchen über Verlangen und Inzest, mit sprechenden Rosen und aphrodisierendem Backwerk – psychedelisch, surreal, romantisch, kokett: Dem König der Blauen (Jean Marais) ist die Königin gestorben, und weil er ihr auf dem Totenbett versprechen mußte, dereinst nur eine noch Schönere zu ehelichen, verfällt der Monarch darauf, die einzige Tochter (Catherine Deneuve) zur Frau zu nehmen. Um ihren heiratswütigen Vater hinzuhalten, verlangt die Prinzessin – auf Anraten einer weltklugen Fee (Delphine Seyrig: »Mon enfant, on n’épouse jamais ses parents!«) – Kleider in der Farbe des Wetters, des Mondes, der Sonne, zu guter Letzt die Haut eines goldscheißenden Esels. Sie bekommt, was sie fordert, also bleiben ihr nur die Flucht, das Verstecken, die Maskerade als Schweinemagd, als häßlichste der Häßlichen, schmutzigste der Schmutzigen, allerletzte der Letzten. Natürlich wird sie unter der gräulichen Hülle, die sie tarnt, in ihrer Anmut, Unschuld, Hoheit erkannt – von einem Prinzen aus dem Reich der Roten (Jacques Perrin, der schon in »Les demoiselles de Rochefort« seinem »idéal féminin« nachjagte). In seiner kinematographischen Zauberküche amalgamiert Jacques Demy Cocteausche Es-war-einmal-Phantastik und comichaften Disney-Kitsch, popartige Extravaganz (ein Thron in Katzenform, eine gläserne Sphäre als Katafalk) und verblüffende Anachronismen (Gedichte aus der Zukunft, ein vom Himmel schwebender Helikopter) zu einem zeitlosen (von Michel Legrand kongenial in Töne gesetzten) Loblied auf die verrückte, die geheimnisvolle, die wahre Liebe: »Amour, amour, je t’aime tant.«

R Jacques Demy B Jacques Demy V Charles Perrault K Ghislain Cloquet M Michel Legrand A Jim Leon, Jacques Dugied S Anne-Marie Cotret P Mag Bodard D Catherine Deneuve, Jean Marais, Jacques Perrin, Delphine Seyrig, Micheline Presle | F | 89 min | 1:1,66 | f | 16. Dezember 1970

# 1127 | 13. Juni 2018

6.12.70

Signale – Ein Weltraumabenteuer (Gottfried Kolditz, 1970)

»Es gibt keinen Zweifel mehr: Das sind Signale vernunftbegabter Wesen.« Kurz nach dem Empfang der frohen Kunde von außerirdischem Leben wird das Raumschiff ›Ikaros‹ in der Nähe des Jupiter von einem Meteoritenschwarm getroffen. Die Raumsicherheitszentrale glaubt nicht, daß es Überlebende geben könnte, dennoch bricht die Crew der ›Laika‹ zu einer Rettungsmission auf … Visuell merkbar von Stanley Kubricks »2001« beeinflußt, wurde die 70mm-Produktion »Signale« vom philosophischen Geist des Vorbildes nicht angehaucht. Außer passablen Effekten und einer krausen Dramaturgie hat Regisseur Gottfried Kolditz wenig zu bieten: Seine Kosmonauten ähneln eher einer pflichteifrigen Interflug-Besatzung denn unerschrocken-kühlen Sternenfahrern, die großen Fragen von Raum und Zeit werden in weitem Abstand umschifft, das Interesse am Ursprung der (immerhin titelgebenden) Signale verliert sich in der Unendlichkeit des Kosmos. So bleibt auf der lange Reise quer durch das Sonnensystem viel Gelegenheit, die Arbeit der zonenfuturitischen Ausstatter und Kostümbildner zu begutachten.

R Gottfried Kolditz B C. U. Wiesner, Gottfried Kolditz V Carlos Rasch K Otto Hanisch M Karl-Ernst Sasse A Erich Krüllke, Werner Pieske, Jochen Keller, Roman Wolyniec S Helga Gentz P Dorothea Hildebrandt, Marceli Nowak D Piotr Pawlowski, Alfred Müller, Helmut Schreiber, Gojko Mitic, Irena Karel | DDR & PL | 91 min | 1:2,2 (70 mm) | f | 6. Dezember 1970

1.12.70

The Music Lovers (Ken Russell, 1970)

Tschaikowski – Genie und Wahnsinn

Ein »Film Pathétique« über Leben, Zeiten und Wirken des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Ken Russell – dem gesicherte historische Tatsachen und guter Geschmack nicht viel, höchstpersönliche Ausdeutungen und schamlose Impertinenz dagegen alles bedeuten – startet fulminant: ein Festtag im Schnee, ein Morgen im Bett, die Uraufführung eines Klavierkonzertes. In 20 atemlosen Minuten werden Dynamik und Widersprüche, Gefährdung und Möglichkeiten, Angst und Leidenschaften des (von Richard Chamberlain gespielten) Protagonisten in Form einer komplexen dramatischen Konstellation etabliert: ein schwuler Mann zwischen drei (eigentlich vier) Frauen (Schwester, Gattin, Gönnerin – und toter Mutter), ein Künstler zwischen Talent, Libido und gesellschaftlichem Komment. In den folgenden anderthalb Stunden von »The Music Lovers«, einem Werk, das auch den Titel »Sex, Lies, and Symphony« tragen könnte, wird das Tempo kaum je gedrosselt: visueller Exzess, erzählerischer Hochdruck, romantischer Volldampf bis zum (heißen) Tod des innerlich zum Zerreißen gespannten Tonschöpfers. Das gesprochene Wort aufs Wesentliche reduzierend, legt Russell alles in die üppigen Bilder (Douglas Slocombe) und in die expressive Musik: Tschaikowskis Kompositionen werden zur Folie für Erinnerungen und Visionen, für Angstträume und Glücksfiktionen. In diesem inszenatorischen Überschwang entsteht selbstredend kein wirklichkeitsgetreues Lebensbild. Soll es wohl auch nicht: Die aus effektvoller Kolportage und drastischer Alltagspsychologie gespeiste biographische Phantasie zielt nicht auf faktische, sondern auf emotionale Wahrheit – vielleicht die des filmisch Portraitierten, vielleicht die des Regisseurs.

R Ken Russell B Melvyn Bragg V Catherine Drinker Bowen, Barbara von Meck K Douglas Slocombe M Pjotr Iljitsch Tschaikowski A Natashe Kroll S Michael Bradsell P Ken Russell D Richard Chamberlain, Glenda Jackson, Izabella Telezynska, Christopher Gable, Kenneth Colley | UK | 123 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1970

29.10.70

The Private Life of Sherlock Holmes (Billy Wilder, 1970)

Das Privatleben des Sherlock Holmes

»We all have occasional failures.« Eine hilfsbedürftige Dame und ein weltberühmtes Ungeheuer, die sich jeweils als etwas völlig anderes erweisen, dazu sechs verschwundene Zwerge und eine Gruppe mysteriöser Trappisten, außerdem eine fortpflanzungswillige Primaballerina und eine sehr kleine Königin ... Mit sanfter Ironie und besinnlicher Romantik bereiten Billy Wilder und I. A. L. Diamond ein episch-stilvolles Sherlock-Holmes-Pastiche, das die – von Arthur Conan Doyle eher ausgesparten – Gefühlswelten des legendären, zu Anfällen von Schwermut neigenden Londoner Detektivs (empfindsam: Robert Stephens) ausforscht. Fünfzig Jahre nach dem Tod von Dr. Watson (robust: Colin Blakely) werden, so die Prämisse des Films, in einem Banksafe nicht nur Holmes’ Deerstalker und Pfeife gefunden, sondern auch die Aufzeichnungen zu einigen pikanten Abenteuern, die der treue Eckermann des kombinatorisches Genies mit gutem Grund unter Verschluß gehalten hat. Wilder, in diesem Fall seines ätzenden Spottes vollkommen abhold, ergeht sich in ausführlicher Figurenzeichnung und viktorianischer Stimmungsmalerei, ohne der in diesem Genre üblichen Spannungsentwicklung besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Arthur Conan Doyle K Christopher Challis M Miklós Rózsa A Alexandre Trauner S Ernest Walter P Billy Wilder D Robert Stephens, Colin Blakely, Genieviève Page, Christopher Lee, Tamara Toumanova | UK & USA | 125 min | 1:2,35 | f | 29. Oktober 1970

# 1101 | 1. März 2018

20.10.70

Le cercle rouge (Jean-Pierre Melville, 1970)

Vier im roten Kreis

»Les hommes sont coupables. Ils viennent au monde innocents mais ça ne dure pas.« – Jean-Pierre Melville zieht um vier Menschen (= Männer – es gibt im Grunde nur Männer bei Melville) seiner eisblau-beige-grauen (Unter-)Welt einen roten Kreis, in dem sie sich treffen werden / sollen / müssen. Corey (Alain Delon), Vogel (Gian Maria Volonté), Jansen (Yves Montand), Mattei (André Bourvil) – Gesetzesbrecher, Gesetzeshüter … wie auch immer, Profis allesamt. Die einen planen (und begehen) ein Verbrechen (in diesem Fall: einen Juwelenraub), ein anderer sucht es zu verhindern (bzw. aufzuklären). Ihre Bewegungen, ihre Methoden, ihre Blicke, ihre Mäntel, ihre Hüte – identisch. Warum einer Polizist wurde und die anderen Gangster? Unwichtig. Man ist es eben (mangels anderer Gelegenheit – vielleicht), und man ist es gut. Der Perfektionismus, die Könnerschaft (um nicht zu sagen: die Kunst) sind die letzte Befriedigung (und Selbstbestätigung), die dem freien (?) Menschen im Zeitalter der (ideologischen) Lüge bleibt – einerlei ob es sich dabei um das gezielte Abfeuern eines Schusses, das sichere Aufstellen einer Falle oder die Inszenierung eines perfekten Films handelt. Und der beste Grund, seine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen, scheint noch, an den Bewohnern der Wandschranks Rache zu nehmen. Bewohner des Wandschranks? Es würde zu lange dauern, es zu erklären … PS: »Tous les hommes!«

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Henri Decaë M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Marie-Sophie Dubus P Robert Dorfman D Alain Delon, André Bourvil, Gian Maria Volonté, Yves Montand, Paul Amiot | F & I | 140 min | 1:1,66 | f | 20. Oktober 1970

9.10.70

Der amerikanische Soldat (Rainer Werner Fassbinder, 1970)

»Alone you start my friend, / Alone is now an end.« Richard ›Ricky‹ von Rezzori (Karl Scheydt), gebürtiger Münchner, als US-Soldat im Vietnamkrieg aktiv (»Wie war es?« – »Laut.«), kehrt in seine Heimatstadt zurück: als Killer, der von drei Polizisten angeheuert wird, ein paar nicht zu belangende Kriminelle abzuschießen … Eine vollsynthetische Gangsterfilmaufstellung, Klischees im Spiegel im Spiegel im Spiegel: coole Männer mit Anzügen und Hüten, Frauen als dekoratives oder störendes Beiwerk; Freundschaft, Betrug, Geschäft, Verzweiflung, unterdrückte Leidenschaft, leidenschaftliche Unterdrückung; der Spieltisch, das Polizeirevier, das Hotel, die Bar, das Auto, der Bahnhof. Rainer Werner Fassbinder schickt seinen einsilbigen Protagonisten auf eine absurde Reise ins Herz der Finsternis, und läßt ihn auf seinem Weg jenen absonderlichen Nebenfiguren begegnen, ohne die kein seriöser (oder unseriöser) Genrebeitrag auskommt: Da sind ein schwuler Zigeuner (Ulli Lommel), eine versoffene Informantin (Katrin Schaake), ein verzweifelt bruderliebender Bruder (Kurt Raab), eine leidgefrorene Mutter (Eva Ingeborg Scholz), eine blauäugige Nutte (»Ich mag ihn.« – »Den Killer?« – »Der ist lieb.«) (Elga Sorbas als ›Rosa von Praunheim‹), ein desperates Zimmermädchen (Margarethe von Trotta), das – als Vorahnung eines kommenden Fassbinder-Films – die Geschichte einer 60jährigen Putzfrau und ihrer tragischen Liebe zu einem jüngeren Türken erzählt: »Das Glück ist nicht immer lustig.« Und das Unglück, so scheint es, ist nicht immer traurig.

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Karl Scheydt, Jan George, Elga Sorbas, Margarethe von Trotta, Eva Ingeborg Scholz | BRD | 80 min | 1:1,37 | sw | 9. Oktober 1970

# 894 | 9. Juli 2014

18.9.70

Die Feuerzangenbowle (Helmut Käutner, 1970)

Nachdem er 1964 mit seiner Adaption der »Lausbubengeschichten« von Ludwig Thoma (wohl unwillentlich) zum Auslöser einer Flut von harmlos-deftigen Lümmel-, Pennen- und Paukerfilmen geworden war, liefert Helmut Käutner, auf dem Höhepunkt der Welle, mit der dritten (erstmals farbigen) Verfilmung des humorigen Gymnasialpunschs »Die Feuerzangenbowle« einen weiteren Beitrag zu diesem spezifisch bundesdeutschen Komödien-Subgenre. Ohne erkennbare künstlerische Ambition gießt Käutner einmal mehr die vorgestrig-behagliche Provinzialität und die altbekannten Schülerstreiche der Vorlage auf, ignoriert mit geradezu konterrevolutionärer Dickfälligkeit den Zeitgeist einer gesellschaftlichen Umbruchsphase. Theo Lingen (hilflos stotternd), Uschi Glas und Rudolf Schündler wurden direkt aus den Besetzungslisten der Lümmel-Filme übernommen, zuverlässige Chargenspieler wie Willi Rose (als Pedell) oder Willy Reichert (als Professor Bömmel) tun ihr Bestes, Hans Richter, der in der 1944er-Fassung die Schulbank drückte, kehrt als Lehrer in die Anstalt zurück, Nadja Tiller gibt die genüßlich outrierte Darbietung einer Stummfilmdiva. Einzig Walter Giller in der Hauptrolle des falschen Primaners bringt einen neuen Ton in das alte Lied: Giller, der seine Figuren stets eher ausstellt als nachfühlt, spielt den Pfeiffer mit drei F wie ein Zitat, schafft damit eine Distanz, aus der, beispielsweise, die ironische Hinterfragung nostalgischer Sehnsüchte möglich wäre. Doch Käutner ist in diesem Werk, das sein letztes fürs Kino bleiben wird, offenkundig nicht mehr daran interessiert, irgendetwas zur Diskussion zu stellen. Wie schon Wallenstein sagte: »Das war kein Heldenstück.«

R Helmut Käutner B Helmut Käutner V Heinrich Spoerl K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Michael Girschek S Jane Sperr P Horst Wendlandt D Walter Giller, Uschi Glas, Theo Lingen, Fritz Tillmann, Nadja Tiller | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 18. September 1970

# 883 | 22. Juni 2014

Engel, die ihre Flügel verbrennen (Zbynek Brynych, 1970)

Die erzählerischen Leitmotive (und Lebensthemen) Herbert Reineckers, dieses Trivial-Boccaccio der wohlstandssatten Bundesrepublik – das unschuldig Schuldigwerden und die Schwierigkeiten junger Menschen, ihren Platz in einer (wahlweise: verlotterten, gefühllosen, feindlichen) Gesellschaft zu finden –, explodieren in der hypnotisch-hektischen Sicht des durchgeknallten Tschechen Zbynek Brynych zu einem Zinnober der Ausweglosigkeit, zu einem optisch-akustischen Rausch der Linsenfahrten und Kamerawischer, der Verkantungen und Verzerrungen, der zermürbenden musikalischen Reprisen und der Dialoge, die stets anmuten wie Selbstgespräche zu mehreren. »Engel, die ihre Flügel verbrennen« kolportiert die Welt der Erwachsenen als (High-Society-) Kindergarten der Indolenz, der Triebhaftigkeit, des Selbstekels, kurz: der tiefen menschlich-moralischen Korruption; die Farce, die die Alten (im huis clos eines luxuriösen Münchner Apartment-Hochhauses) aufführen, wiederholt sich in der Tragödie der Kinder, die dem Treiben ihrer Eltern nichts entgegenzusetzen haben als wütenden Totschlag und Abflug in den Selbstmord. Brynych läßt die Puppen tanzen (das heißt vor allem: ihre Haare werfen) und bringt Reineckers bizarre Namensschöpfungen zum Klingen: Moni Dingeldey (tödlich-naiv: Susanne Uhlen), Hilde Susmeit (sinnlich-lasziv: Nadja Tiller), Elvira Schramm, Kirr, Krüss … Peter Thomas rundet die konsequent antinaturalistische Krimi-Melo-Groteske mit rhythmischer Fickmusik ab und setzt sich in seiner launig-lyrischen Pop-Klage »Angels Who Burn Their Wings« selbst ein (wohl-) tönendes Denkmal.

»Engel, die ihre Flügel verbrennen« R Zbynek Brynych B Herbert Reinecker K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Susanne Uhlen, Jan Koester, Jochen Busse, Siegfried Rauch | BRD | 93 min | 1: 1,66 | f | 18. September 1970

1.9.70

Domicile conjugal (François Truffaut, 1970)

Tisch und Bett

Que reste-t-il de nos amours? (2) Ja, was bleibt von der Liebe? Vielleicht: eine Ehe. Oder auch: ein Kind. Auf jeden Fall: die Ankunft im Alltag. François Truffaut (»Das Paar ist keine Lösung. Aber es gibt keine anderen Lösungen.«) präsentiert, zwei Jahre nach den geraubten Küssen, das verwehende Glück von Monsieur und Madame Doinel – zärtlich eingebettet in eine hinreißende Typenkomödie, die mitten im schönsten Robert-Doisneau-Paris spielt: Da sind der schnoddrige Bistro-Wirt, die liebestolle Kellnerin, der dickköpfige Veteran, der unheimliche Nachbar (genannt der »Würger«) und – als exotischer Beigabe – die japanische Versucherin mit Hang zu Harakiri. Außerdem das Ehepaar nebenan: sie (mollig, gackernd und immer zu spät) und er (spitzmündig-schweigsam und notorisch ungeduldig), der ihr schon mal enerviert Pelzmantel und Handtasche vorauswirft. In diesem Milieu werden Antoine und Christine D. erwachsen (sie mehr als er), kriegen einen Sohn (über dessen Namen – Alphonse oder Ghislain? – sie sich fast zerstreiten) und versuchen, ihre gegenseitige, sehr zerbrechliche Hingabe zu bewahren. Am Ende des Films, der leichter tut, als er ist, – nach Aufs und Abs, nach Krise und Versöhnung – werden die Doinels zur Karikatur der verspielt-verzankten Eheleute d’à côté. Jetzt, so heißt es, lieben sie sich wirklich. Wirklich?

R François Truffaut B François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon K Néstor Almendros M Antoine Duhamel A Jean Mandaroux S Agnès Guillemot P François Truffaut, Marcel Berbert D Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Hiroko Berghauer, Barbara Laage, Daniel Ceccaldi | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 1. September 1970

Rote Sonne (Rudolf Thome, 1970)

Eine Wohngemeinschaft in München. Einfarbig gestrichene Räume, ockergelb, flaschengrün, hellblau, rosarot, bewohnt von vier jungen Frauen, Peggy, Sylvie, Christine, Isolde. Ein eigenes Zimmer hat keine von ihnen: »Wir schlafen mal da und mal da.« Eines Tages kreuzt Thomas auf (Marquard Bohm spielt ihn mit unwiderstehlich kaputtem Charme), ein alter Bekannter von Peggy (viel Haar, viel Bein: Uschi Obermeier), nistet sich ein, nassauert, wie es eben so seine Art ist, bemerkt irgendwann, daß etwas nicht stimmt. »In dieser Wohnung gehen Dinge vor, die die Vorstellungskraft übersteigen.« Four girls and a gun. Die Männerbekanntschaften der Mädchen müssen nach fünf Tagen tot sein. Spätestens. »Schließlich haben sie es verdient.« Die unsentimentalen filles fatales machen das nicht aus Spaß. Ihr Projekt ist revolutionär. Das überkommene Verhältnis zwischen Männern und Frauen steht zur Disposition. Rudolf Thome und Max Zihlmann entwickeln ihre perplex-lustvolle Männerphantasie (das Stichwort »Vampirfilm« fällt wohl nicht ohne Grund) vor dem Hintergrund des sich formierenden Feminismus – die Forderungen des »Aktionsrats zur Befreiung der Frauen« spuken durch die Erzählung, ebenso wie Valerie Solanas Mordanschlag auf Andy Warhol. (Die Autorin des ›SCUM Manifesto‹ und ihre spektakuläre Tat mögen auch Zbynek Brynych zu seiner – zeitgleich entstandenen – exzentrischen Gesellschaftssatire »Die Weibchen« inspiriert haben.) »Rote Sonne« nimmt den Geschlechterdiskurs freilich nicht ernster als das lässige Spiel mit Kinoposen (die wiederum nichts anderes sind als stilisierte Lebensäußerungen): in der Badewanne liegen, Zigarre rauchen, mit Schußwaffen hantieren, tanzen, küssen, sterben – Hollywood von Schwabing aus durch die Nouvelle-Vague-Brille gesehen … Die Sache der Frauen hat übrigens ihre Schwierigkeiten: Wie in jeder radikalen Bewegung gibt es nicht nur Loyalität und Entschlossenheit, sondern auch Zweifel und Verrat. Peggy liebt Thomas, zögert, ihn umzubringen, obwohl er längst auf der Abschußliste steht. Am Ende wird sie wieder auf Linie gebracht: »Du mußt jetzt konsequent sein.« Das rotglühende Finale findet bei Sonnenaufgang am Starnberger See statt: Lichtspiele auf den Wellen, eine Schießerei im Wald, zwei leblose Körper am Wasser. Der Tod tanzt zum Adagio von Albinoni: »Man muß immer darauf achten, daß man ein gewisses Niveau nicht unterschreitet. Sonst ist es schnell aus.«

R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Bernd Fiedler M Small Faces, Tommaso Albinoni S Jutta Brandstaedter P Heinz Angermeyer, Rudolf Thome D Uschi Obermaier, Marquard Bohm, Sylvia Kekulé, Gaby Go, Diana Körner | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 1. September 1970

26.8.70

La rupture (Claude Chabrol, 1970)

Der Riß

Hélène (Stéphane Audran als Jeanne d’Arc der Mittelklasse) flieht vor ihrem irren Mann Charles, Sproß aus reichem (= bösen) Hause, der im Wahn den gemeinsamen Sohn töten wollte. Charles’ Vater (Michel Bouquet als distinguierte Kanaille) hetzt der verachteten Schwiegertochter den Schergen Paul (Jean-Pierre Cassel als aasiger Söldner des Kapitals) auf den Hals, der mit allen notwendigen Mitteln Hélènes Ruf zerstören soll – auf daß man ihr das Kind nehmen könne und sie zugrunde gerichtet werde. Claude Chabrols bourgeoiser Grand Guignol schwelgt in schmierigen Intrigen, berauscht sich an gnadenlos überzeichneten Figuren, knallt eine Welt auf die melodramatische Bühne (eine pension de famille – welche Ironie!), die stinkt vor Geld und Sex und Schnaps. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Das Schicksal in Gestalt dreier kartenspielender alter Weiber (unter ihnen Margo Lion, das Idol von Marlene Dietrich) und der liebe Gott in Person eines Luftballonverkäufers stehen der engelhaft schimmernden Hélène zur Seite in ihrem Kampf gegen die gutbürgerlichen Mächte der Zerstörung.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol V Charlotte Armstrong K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Genovès D Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Michel Bouquet, Michel Duchaussoy, Annie Cordie | F & I & B | 124 min | 1:1,66 | f | 26. August 1970

3.8.70

Performance (Nicolas Roeg & Donald Cammell, 1970)

Performace

»It’s time for a change.« Chas (James Fox), ein gewalttätiger Narziß mit verschwommener sexueller Vergangenheit, im Syndikat eines East-End-Gangsters zuständig für Inkasso und Einschüchterung, doch nach der tödlich endenden Auseinandersetzung (»I am a bullet.«) mit einem Kollegen und vermutlichen Exlover beim Boß in Ungnade gefallen, sucht Zuflucht im Domizil des retirierten Popstars Turner (!) (Mick Jagger) und seiner beiden Freundinnen. Durch die psychedelisch-arabesken, labyrinthisch-tageslichtlosen Interieurs des Hauses lassen die Koregisseure Nicolas Roeg (auch Kamera) und Donald Cammell (auch Drehbuch) einen wimmernder Nachhall des kulturrevolutionären Swinging London wehen. Vor Spiegelwänden zersplittern in drogengeschwängerter Atmosphäre Gewißheiten und Regeln (»Nothing is true. Everything is permitted.«), verwischen vorgebliche Identitäten (»I know who I am.« – »Of course you do.«) ... Am Beispiel der sonderbaren (wiederum tödlich endenden) Begegnung von Kunstwelt und Unterwelt offenbart sich die Illusion von Normalität – Persönlichkeit wird zum Image, Geschlecht zur Variablen, Leben zum (bisweilen blutigen) Rollenspiel: »Well, I perform.« – »I bet you do.«

R Nicolas Roeg, Donald Cammell B Donald Cammell K Nicolas Roeg M Jack Nitzsche A John Clark S Antony Gibbs, Brian Smedley-Aston P Sanford Lieberson D James Fox, Mick Jagger, Anita Pallenberg, Michèle Breton, Johnny Shannon | UK | 105 min | 1:1,66 | f | 3. August 1970

# 1066 | 31. Juli 2017

31.7.70

Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)

»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.

»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970

24.4.70

Dorian Gray (Massimo Dallamano, 1970)

Das Bildnis des Dorian Gray

Auf faszinierend dilettantenhafte Weise verhunzt, schwankt Massimo Dallamanos Oscar-Wilde-Adaption gestalterisch zwischen Wegwerf-Melodram und Schuljungen-Report, aufgedonnert mit ein paar linkischen Giallo-Einsprengseln. Wo die Vorlage Themen wie Jugend(wahn) und Schönheit(skult), Selbstliebe und Hedonismus, Amoralität und Dekadenz mit intellektuell-ironischer Verfeinerung verhandelt, schildert die Verfilmung, die die snobistisch-schauerromantischen Fin-de-siècle-Erzählung ins hip-hysterische Twiggy-Carnaby-Blowup-London der späten 1960er Jahre verlegt, lediglich einen sensationellen Fall (Bildnis altert! Abgebildeter bleibt frisch!) im veräußerlichten Darstellungsmodus einer grobgestrickten Illustrierten-Kolportage. Aber vielleicht liegt gerade in der Schäbigkeit der Bearbeitung ihre ungewollte (sogar weitblickende) Qualität: Inszenierung und Bilder, Ausstattung und Kostüme sind so unglaublich geschmacklos, daß Helmut Bergers (≈ Dorian Grays) idealische Wohlgestalt um so glanzvoller – und trügerischer – erstrahlt. Die ewige Attraktion des maßlosen und grausamen Protagonisten wird zum enthüllenden Spiegel der ihn allenthalben umgebenden konsumistischen Gemeinheit; die Perpetuierung der Ästhetik um jeden Preis erweist sich als (dämonisches) Äquivalent eines unaufhaltsamen gesellschaftlichen und sittlichen Zerfalls. 

R Massimo Dallamano B Marcello Coscia, Massimo Dallamano, Günter Ebert V Oscar Wilde K Otello Spila M Peppino de Luca, Carlo Pes S Leo Jahn, Nicholas Wentworth P Harry Alan Towers D Helmut Berger, Richard Todd, Herbert Lom, Marie Liljedahl, Isa Miranda | UKI & BRD | 93 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970

Perrak (Alfred Vohrer, 1970)

Dialog 1970 – Sohn: »Scheiße!« Vater: »Ich höre immer nur ›scheiße‹ von dir. Was willst du mal sagen, wenn du wirklich in der Scheiße sitzt?« Sohn: »Kacke!« Ruppiger Auftakt eines (laut Plakat) »pulvertrockenen Sittenreißers«. Nach der schmuddligen Titelsequenz (Möwen im Smog) wird auf der Hamburger Müllkippe, gleich neben einem Bild von Exkanzler Kiesinger, die Leiche eines Mädchens gefunden, das ein Junge war – zu Lebzeiten hatte der tote Toni »den schönsten Paraffinbusen von Nordeuropa«. Kommissar Perrak (Horst Tappert) nimmt die Ermittlungen auf und schnüffelt sich durch die Abseiten der winterlichen Hansestadt, um ein (über die Auflösung hinaus) undurchsichtiges, libidinös unterfüttertes Mord- und Erpressungskomplott zu entwirren. Mit der Nachzeichnung seines Weges – über die Schrottplätze des Wirtschaftswunders und in schwule Nachtclubs (»Wir stehen hier alle unter dem Protektorat von Heinemann.«), an die Hafenkante und in die Spiegelkabinette des Lasters, zu den Swimmingpools der Reichen und ins Obdachlosenasyl – entsteht ein kolportagehafter Querschnittsfilm, eine plakative Revue der gesellschaftlichen Zustände in den Wirren der sexuellen Revolution. Regisseur Alfred Vohrer zündet Kofferbomben, vergießt literweise Kunstblut und läßt einen Preßlufthammer als Folterwerkzeug heranstampfen; die Darsteller (unter ihnen Judy Winter, Erika Pluhar, Werner Peters und – als Nachwuchsschurke – Jochen Busse) dieses formal ziemlich notgeilen, dabei durchaus satirisch angehauchten bundesdeutschen Exploitation-Versuchs haben nicht viel zu tun – Autor Manfred Purzer (alias Ernst Flügel) dichtet ihnen Rollennamen an, die eh alles erzählen: Sie heißen ›Bimbo‹ (der Neger), ›Pinky‹ (die Transe), ›Wermuth-Ede‹ (der Penner), ›Trompeten-Emma‹ (die Puffmutter), ›Casanova‹ (der Ganove), ›Kaminski‹, ›Bottke‹ oder ›Dr. Rembold‹ (die Schweinepriester). »Also los, meine Herren, Röcke hoch!«

R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Günther Kob, Wolf Englert S Jutta Hering P Luggi Waldleitner D Horst Tappert, Erika Pluhar, Judy Winter, Werner Peters, Hubert Suschka | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 24. April 1970

20.4.70

L’éden et après (Alain Robbe-Grillet, 1970)

Eden und danach

»Bien entendu ce jeu est idiot.« – »Pas plus idiot que n’importe quoi.« Zwölf Themen. Imagination. Gefängnis. Männliches Geschlecht. Sperma. Blut. Türen. Labyrinth. Doppel gänger. Wasser. Tod. Tanz. Bild. Zwölf Themen, in zehn Reihen variiert. Selbstverständlich ist dieses Spiel idiotisch. Nicht idiotischer als irgendetwas anderes. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Darin eine Gruppe von Studenten. Ihre gedanklichen Experi men te. Ihre imaginären Abenteuer. Russisches Roulette. Diebstahl eines wertvollen Gemäldes. Nie passiert etwas. Suche nach einem Ausweg aus der Erstarrung. »Ihr jongliert mit Ideen«, sagt der geheimnisvolle Fremde, der eines Tages das Café der verlorenen Jugend besucht, »aber ihr schreckt davor zurück, euch dem Leben zu stellen.« Alain Robbe-Grillet lockt seine Protagonisten (und das Publikum) mittels eines unwiderstehlichen »poudre de peur« in ein filmisches Labyrinth, in ein illusorisches Laboratorium, in künstliche Paradiese, schreckt dabei nicht vor literarischen Verblüffungseffekten zurück (»L’image d’une somme est la somme des images.«), jongliert seinerseits fröhlich mit Ideen: mit extravaganten Einfällen und obsessiven Bildern, mit quälenden Reprisen und psychedelischen Spiegelungen, mit geometrischer Abstraktion und sexuellem Fetischismus. Und wie beim Domino legt Robbe-Grillet einen Spielstein an den anderen: écriture, architecture, composition, représentation. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Eine moderne Fabrik am Fluß. Eine alte arabische Stadt am Meer. Serialität und Aleatorik, Methode und Zufall, Mathematik und Assoziation, präzise Partitur und freier Fall der Würfel. Parodie eines Abenteuerfilms. An deutung eines Krimis. Ein Toter im Wasser. Ein gemeiner Giftmord. Eine Entführung. Ein Kunstraub. Keine Tiefe, nur Flächen. Kein Geschehen, nur Erzählmuster. Kein Motiv, nur ein MacGuffin. Un fantasme, un fantôme. Une image, une imagination. Ein wertvolles Gemälde. Darstellung eines weißen Hauses in einer arabischen Stadt. Hinter der blauen Tür, unter der flachen Kuppel: Frauen in Käfigen, ein Geheimnis, vielleicht. Scharfkantige Objekte. Fließen des Blut. Klebrige Flüssigkeiten. Cinéma. Réalité. Ma vie. L’éden et après.

R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther M Michel Fano A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Catherine Jourdan, Pierre Zimmer, Lorraine Rainer, Juraj Kukura, Ludovít Króner | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | f | 20. April 1970

# 829 | 17. Januar 2014

4.4.70

Götter der Pest (Rainer Werner Fassbinder, 1970)

Franz Walsch (der sich bei Gelegenheit auch Biberkopf nennt) wird aus dem Gefängnis entlassen. »War’s schlimm?« fragt Joanna. »Auch net anders wie draußen«, antwortet Franz. Leben als lebenslange Freiheitsstrafe. Franz (Harry Baer) bewegt sich durch das tote München wie ein Gestorbener, hockt schläfrig in pechschwarzen Räumen der Fremdheit und Vergeblichkeit, zieht lustlos von einer Frau zur anderen, von Joanna (Hanna Schygulla) zu Magdalana (Ingrid Caven) zu Margarethe (von Trotta). Nur einmal blüht er auf: als er einen alten Kumpel wiedertrifft, den kernigen ›Gorilla‹ (Günther Kaufmann), dem er es nicht einmal verübelt, daß er seinen Bruder umgebracht hat. Zusammen fahren sie aufs Land, und die Kamera, sonst wie eingefroren, hebt plötzlich ab, fliegt über Wiesen und Straßen und Dörfer. »Wir brauchen kein Geld nicht«, sagt der eine, und der andere erklärt: »Weil wir uns lieben.« Irgendwann heißt es dann doch: »Ein Geld muß eins dasein.« Und so geht der melo(un)dramatische (Anti-)Gangsterfilm in die letzte lange Kurve, mit Überfall und Verrat und Schießerei und Tod und Rache und noch mehr Tod und mit der paradoxen Erkenntnis: »Life ist very precious … even right now.« Rainer Werner Fassbinder zelebriert ein weiteres Endspiel auf der Genre-Hintertreppe, verweigert jeden Noir-Glamour zugunsten von abblätterndem Putz und zeigt, einmal mehr, daß im Zweifelsfall auch Frauen töten, was sie lieben.

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970

# 892 | 2. Juli 2014

29.3.70

Tristana (Luis Buñuel, 1970)

Tristana

Toledo, Ende der 1920er Jahre. Nach dem Tod der Mutter kommt die 18jährige Vollwaise Tristana (Catherine Deneuve) unter die Obhut des alternden Don Lope (Fernando Rey). Der freigeistige Edelmann, ein ebenso großspuriger wie finanzschwacher Bonvivant mit dezidierten Einstellungen zu Religion (Aberglauben!) und Erwerbsarbeit (Niemals!), drängt seinem schönen Mündel, ohne lange zu zögern, die Rolle der Geliebten auf ... Mit frostiger Distanz beobachtet Luis Buñuel die gegensätzliche Entwicklung des ungleichen Paares: Während sich Tristana vom unschuldig-abhängigen Geschöpf, das dem Vormund die Pantoffeln nachträgt, schrittweise in eine erbittert-gebieterische Megäre verwandelt, schrumpft der anfangs so selbstüberzeute Don Lope zum fügsam-kränklichen Popanz, dessen letztes Vergnügen das Kakaoschlürfen im Kreise der einst geschmähten katholischen Priester ist – weder die eine noch der andere sind souveräne Gestalter des eigenen Schicksals, vielmehr bald lächerlich traurige, bald bemitleidenswert blinde Opfer erstarrter gesellschaftlicher Zustände. Toledo, die alte Hauptstadt Kastiliens und Hochburg des spanischen Katholizismus, in deren enge, verwinkelte Gassen Buñuel kaum je einen Sonnenstrahl dringen läßt, erscheint als idealer Schauplatz des sarkastischen Dramas.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Julio Alejandro V Benito Pérez Galdós K José F. Aguayo A Enrique Alarcón S Pedro del Rey P Luis Buñuel, Robert Dorfmann D Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos, Jesús Fernández | E & F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 29. März 1970

# 1026 | 28. September 2016

20.3.70

Unter den Dächern von St. Pauli (Alfred Weidenmann, 1970)

»Beruf?« – »Machen Se einfach ’n Strich.« Grobkörnige 24-Stunden-Kiez-Kolportage, die mit trivialer Eleganz mehrere Handlungsstränge verknüpft: Ein Geschäftsmann erschießt seine Gattin, weil er es nicht erträgt, daß sie allabendlich vor geilem Publikum ihre Brüste schwingt; ein biederer Studienrat wird von seinen Schülern in die Falle des süßen Lebens gelockt; ein sanfter Bänkelsänger rächt den gewaltsamen Tod seiner Frau; ein rechtschaffener Vater findet seine erlebnishungrige Tochter (»Es war ihr in Flensburg einfach zu langweilig.«) als Striptiseuse in einem Reeperbahn-Etablissement wieder und treibt ungewollt (?) ihren Preis in die Höhe … Ein Vierteljahrhundert nach ihrer ersten Zusammenarbeit (»Junge Adler«) widmen sich Autor Herbert Reinecker und Regisseur Alfred Weidenmann einmal mehr ihrem großen Thema: der Darstellung des Verhältnisses von Jung und Alt unter besonderer Berücksichtigung der (varianten) Grundsätze ethischen Handelns. »Unter den Dächern von St. Pauli«, gleichermaßen schund-veristische Studie der Doppelmoral und lüstern-zwielichtiges On-location-Sittenbild, bietet dabei Raum für markante Darstellerleistungen: Jean-Claude Pascal als melancholischer Mörder, Joseph Offenbach als faunischer Philister, Werner Peters als feister Unterweltbaron. Und Hamburg, der rot illuminierte großstädtische Sündenpfuhl, wird zum Fegefeuer, das der Provinzler notwendigerweise zu durchlaufen hat – denn: »Lübeck muß vernichtet werden!« PS: Nicht zu vergessen die Namen, diese einmaligen Reinecker-Namen: Dr. Pasucha und Hausach, Dr. Himboldt und Egon Mills (nebst Tochter Agnes).

R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Karl Löb M Peter Thomas A Horst Dotzauer S Walter von Bonhorst P Reginald Puhl D Jean-Claude Pascal, Joseph Offenbach, Werner Peters, Ralf Schermuly, Inger Zielke | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 20. März 1970

13.3.70

Les choses de la vie (Claude Sautet, 1970)

Die Dinge des Lebens

(Bemittelten) Menschen beim Leben (und Sterben) zugucken – so könnte man das ebenso banale wie aufregende filmische Programm von Claude Sautet zusammenfassen. »Les choses de la vie« (man beachte den herausfordernd gewöhnlichen Titel) erzählt – nach einem Szenario von Jean-Loup Dabadie – von Pierre (Michel Piccoli), einem Architekten, der seinem früheren Leben mit Catherine (Lea Massari) nachträumt, während er doch eigentlich ein neues mit Hélène (Romy Schneider) beginnen möchte. Ein Autounfall mit einem silbernen Alfa Romeo Giulietta Sprint (so viel Stil muß sein) läßt all seine irdischen Hoffnungen und Zweifel obsolet werden. Wenige Regisseure haben den kindischen Willen zur Größe und das erbärmliche Gefühl der Leere, aber auch den sympathischen Hang zur Schönheit und die elementare Lust am guten Leben, die der verdammten, trivial-erlesenen wohlstandsbürgerlichen Existenz innewohnen, so hin- und mitreißend, so teilnehmend (selbst-)kritisch ins Kino getragen wie eben Sautet. »Je regarde le soir tomber dans les miroirs. C'est la vie.«

R Claude Sautet B Jean-Loup Dabadie, Paul Guimard, Claude Sautet V Paul Guimard K Jean Boffety M Philippe Sarde A André Piltant S Jacqueline Thiédot P Jean Bolvary, Raymond Danon, Roland Girard D Michel Piccoli, Romy Scheider, Lea Massari, Jean Bouise, Bobby Lapointe | F & I & CH | 89 min | 1:1,66 | f | 13. März 1970

12.3.70

Die Herren mit der weißen Weste (Wolfgang Staudte, 1970)

Die Katze läßt das Mausen nicht: Der pensionierte Oberlandesgerichtsrat Zänker (Martin Held) spannt eine Reihe von alten (und sehr alten) Freunden ein, um das zu bewerkstelligen, was ihm nicht gelang, als er noch in Amt und Würden war: den Gauner ›Dandy‹ Stiegler (Mario Adorf) hinter Schloß und Riegel zu bringen. Die rüstigen Senioren (u. a. Heinz Erhardt, Rudolf Platte, Rudolf Schündler und die bezaubernd-harthörige Agnes Windeck) nehmen dabei, in vergnügter Ignoranz der gerade statthabenden 68er-Revolte, die Gelegenheit wahr, der jüngeren Generation zu zeigen, was eine Harke ist. Das von Wolfgang Staudte mit krimikomödiantischer Beschaulichkeit ins Bild gesetzte (West-) Berlin kennt denn auch weder Teach-in noch Springer-Demo, sondern nur fröhlich bejubelte Alliierten-Parade und Fußball im Olympiastadion (Hertha BSC schlägt Juventus Turin 3:1); wenigstens darf Hannelore Elsner als flatterhaftes Gangsterliebchen ein paar modisch schrille Fummel spazierentragen.

R Wolfgang Staudte B H. O. Gregor (= Horst Wendlandt) K Karl Löb M Peter Thomas A Christoph Hertling S Jane Seitz P Horst Wendlandt D Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Heinz Erhardt, Agnes Windeck | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 12. März 1970

27.2.70

Le boucher (Claude Chabrol, 1970)

Der Schlachter

Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Lehrzeit beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970

# 1106 | 25. April 2018

Das gelbe Haus am Pinnasberg (Alfred Vohrer, 1970)

»Die Idee ist so alt wie die Menschheit.« Am Pinnasberg auf St. Pauli wird die alte Idee leicht variiert: Werner Zibell (Siegfried Schürenberg), der »General« (so genannt, weil er es im letzten Weltkrieg beinahe bis zu diesem Dienstgrad gebracht hätte), hat in der titelgebenden Immobilie kurz nach der Währungsreform einen Männerpuff aufgezogen, ein Etablissement, das dem Gründer (und seiner Familie) soliden Wohlstand und der chronisch untervögelten weiblichen Kundschaft eindringliche Wohltaten beschert. Eine Riege sogenannter Eros-Brüder, souverän dirigiert von Majordomus »Paganini« (Eddi Arent), sorgt im Bordell Paradox für das Amüsement der zahlenden Besucherinnen; das leidlich erotische Geschehen im plüschigen Ambiente sowie (sehr vorhersehbare) zwischenmenschliche Verwicklungen geben Regisseur Alfred Vohrer Gelegenheit für das Abfeiern mehr oder weniger wohlgeformter Männerkörper und das Abfeuern einiger Rotlicht-Pointen von tantenhafter Anzüglichkeit. Der bisweilen ins surreale Kraut schießende Witz des sexklamottigen Ganzen liegt in der grundehrlichen Naivität der Vorlage, eines Romans der (von Peter Rühmkorf entdeckten) schreibenden Hamburger Kapitänswitwe Bengta Bischoff, die als schrullige (und vorurteilsfreie) Erzählerin höchstpersönlich durch den Film lustwandelt.

R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Bengta Bischoff K Ernst W. Kalinke M Rolf Kühn A Wolf Englert S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Siegfried Schürenberg, Eddi Arent, Gernot Endemann, Tilly Lauenstein, Bengta Bischoff | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970

# 984 | 9. Januar 2016

1.2.70

The Kremlin Letter (John Huston, 1970)

Der Brief an den Kreml

»The Tillinger Foundation is planning an expedition.« Eine unabhängig operierende amerikanische Agentenorganisation ist beauftragt, ein politisch brisantes Schriftstück aus Moskau zurückzuholen. Ex-Navy-Offizier Rone (»a superior combination of intellect and physique, athlete and scholar«: Patrick O’Neal) stößt als Neuling zu der Gruppe alter Hasen, deren bizarre Decknamen (›Highwayman‹, ›Lord Ashley’s Whore‹, ›Warlock‹, ›Erector Set‹, ›Sweet Alice‹) einen leisen Vorgeschmack auf die absonderlichen Geschehnisse im Wunderland des nachrichtendienstlichen Doppel- und Dreifachspiels geben. »It has no size, no shape and no rules: At the very best it’s what you least expect so you’ve gotta be ready for anything«, beschreibt Rones onkelhaft-derber Kollege Ward (Richard Boone) das Wesen des Spionage, eines von Überzeugungen oder gar Idealen längst abgelösten Geheimkrieges, dessen Brutalität und Schäbigkeit John Hustons verwickelt-freudlose, hochkarätig besetzte Schmierenkomödie des allseitigen Verrats ohne moralisches Zeigefingergefuchtel, ja mit geradezu diebischer Freude aufzeigt.

R John Huston B John Huston, Gladys Hill V Noel Behn K Ted Scaife M Robert Drasnin A Ted Haworth S Russell Lloyd P Carter De Haven, Sam Wiesenthal D Patrick O’Neal, Richard Boone, Bibi Andersson, Max von Sydow, Orson Welles, George Sanders | USA | 120 min | 1:2,35 | f | 1. Februar 1970

# 1151 | 16. Februar 2019

29.1.70

He, Du! (Rolf Römer, 1970)

Erstaunlich vitale sozialistische Romanze um eine staatsbürgerlich engagierte Lehrerin (Annekathrin Bürger), die den drögen Kollegen gegen einen sympathischen (und attraktiven) Baubrigadier eintauscht. Die schwarzweiße Totalvision-Kamera (Peter Krause) beobachtet nicht nur intensiv die Schwierigkeiten der Paarfindung unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution, sie sieht auch freudig zu, wie das alte Berlin in Trümmer sinkt, um Platz für die architektonischen Errungenschaften der Ostmoderne zu machen – während in den genormten Schulbauten (›Typ Dresden‹) der Mensch von morgen erzogen wird. Mit seinen Impressionen aus der Zeit unter Ulbricht gibt sich Autor und Regisseur Rolf Römer zwar kinematographisch betont unangepaßt, schlendert aber im Grunde recht artig auf der Straße der ideologischen Affirmation. Trotz alledem: ein Film so locker und leicht, der schwimmt sogar in Club-Cola.

R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970

21.1.70

Le passager de la pluie (René Clément, 1970)

Der aus dem Regen kam

Trilogie des contes policiers (1) … Ein Zitat aus Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« gibt Hinweis auf Richtung und Tempo der Erzählung sowie auf das ungläubige Staunen, aus dem die verfolgte Heldin nicht mehr heraus kommen wird: »Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next.« Die Alice aus René Cléments südfranzösischem Märchenthriller heißt Mélancolie Mau genannt Mellie (Marlène Jobert); stets weiß gekleidet, verheiratet mit einem obsessiv-eifersüchtigen Mann, blieb ein Teil von ihr das 13jährige Mädchen, das seine Mutter einst mit einem fremden Mann beim Sex erwischte, woraufhin der gehörnte Vater die Familie verließ. Eines verregneten Tages, ihr Gatte ist auf Reisen, sieht Mellie dem Bus, der sonst nie hält, einen Fremden entsteigen, der sie fixiert und verfolgt, sodann überfällt und vergewaltigt. Sie erschießt den Mann, wirft seine Leiche heimlich ins Meer – doch schon am nächsten Morgen taucht ein mysteriöser Amerikaner auf, der sie des Mordes bezichtigt. Die Absichten von Harry Dobbs (Charles Bronson) liegen im Dunkeln, sein Verhalten schwankt zwischen Brutalität und Süffisanz. Wie in Trance stürzt Mellie immer tiefer in den Schacht, fällt durch die rätselhafte Welt der Großen, eine Welt der Gewalt und der Bedrohung: In der bizarrsten Episode des Geschehens gerät sie in ein Pariser maison de plaisir, wo ihr die Herzkönigin in Gestalt einer mondän-sadistischen Puffmutter begegnet. Schock und Zauber lösen sich schließlich im Moment der Überführung, der (leider?) auch der Augenblick des Erwachsenwerdens ist … Die Bezüge zu Alfred Hitchcock – das unschuldige Schuldigwerden, die Auflösung von Gewißheit im Strudel der Angst, der Name des Vergewaltigers: Mac Guffin – sind nicht zu übersehen (auch das Mutter-Tochter-Thema aus »Marnie«, einem der traumartigsten Filme Hitchcocks, klingt an), doch der schlafliedhafte Erzählrhythmus, die bewußten Rollenspiele der Figuren, die unbefangene Antipsychologie, die Absage an äußere Kausalität zugunsten einer inneren, subjektiven Wirklichkeit verleihen »Le passager de la pluie«, diesem somnambulen rite de passage, sein ganz eigenes, hypothetisch-irreales Kolorit.

R René Clément B Sébastien Japrisot K Andreas Winding M Francis Lai A Pierre Guffroy S Françoise Javet P Serge Silberman D Marlène Jobert, Charles Bronson, Anny Cordy, Jill Ireland, Jean Gaven | F & I | 120 min | 1:1,85 | f | 21. Januar 1970