20.12.68

Bengelchen liebt kreuz und quer (Marran Gosov, 1968)

George (Harald Leipnitz) kann sie alle haben und nimmt sie sich auch. Seiner gutbürgerlichen Sippschaft, insbesondere Bruder Alfred, einem züchtigen Studienrat (Herbert Bötticher), ist der abwechslungsreiche Lebenswandel des potenten Stechers ein Dorn im Auge: Man versucht den Don Juan unter die Haube zu bringen. George gelobt sich zu verloben und stellt nun jeden Abend am Familientisch eine neue Braut vor, bis er an einer von ihnen (an deren ehelicher Bestimmung die muntere Erzählung gar keinen Zweifel ließ) tatsächlich kleben bleibt – und eine klamottige Schlußpointe dem Vagabundieren des Helden ein sch(m)erz haftes Ende bereitet… Die romantische Farce (Buch und Regie: Marran Gosov) lebt von ritualisiert wiederholten Verhaltens- und Kommunikationsstereotypen und induziert aus dem Kommen und Gehen der diversen, stark typisierten sex interests der Hauptfigur die possenhafte Kritik an der Entwertung von Erotik zum Wegwerfartikel: Die Libertinage des (immerhin schon 40jährigen) »Bengelchen« erscheint weniger als freudenreicher Sinnen- oder Frei­heitsgenuß sondern lediglich als ermüdend-zwanghafte Kehrseite von sogenannter Sittlichkeit.

R Marran Gosov B Marran Gosov K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Martin Böttcher A Gabriel Bauer S Gisela Haller P Rob Houwer D Harald Leipnitz, Sybille Maar, Renate Roland, Herbert Bötticher, Jana Novaková | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 20. Dezember 1968

13.12.68

Quartett im Bett (Ulrich Schamoni, 1968)

»Berlin ist immer eine Reise wert. Börlin olwaiß iß wörß ä träwel.« 1968: Während sich in den Straßen Westberlins wildgewordene Studenten (»Radikalinskis«) und tschakobehelmte Polizisten (»Bullenschweine«) rabiate Scharmützel liefern, läßt der spätbourgeoise Kino-Bohèmien Ulrich Schamoni, eher indifferent gegenüber den semirevolutionären Zeitläuften, einen gänzlich unpolitschen, dafür hochgradig albernen culture clash der vierten Art abrollen: ›Insterburg & Co‹ (»Auf einem Himmelbett der Zeisig / er hat ein Mädchen bei sich.«) gegen ›Jacob Sisters‹ (»Klatsch, Klatsch, Schenkelchen / Opa wünscht sich Enkelchen!«) – gehobener Berliner Brettl-Blödsinn (zumeist vorgetragen auf selbstgebastelten Instrumenten) gegen zappelige sächsische Schlager-Munterkeit (begleitet von wohlfrisierten weißen Pudeln). In der Art einer aufgekratzten musikalischen Nummernrevue, nicht unbeeinflußt von Richard Lesters Running-Jumping-&-Standing-Still-Ästhetik, führt »Quartett im Bett« durch ungeheizte Schafzimmer und elegante Hotelsuiten, über ruinöse Hinterhöfe und klapprige Studiobühnen, durch Kneipen und Fernsehateliers, zum Kurfürstendamm und nach Kreuzberg. Ein hektisch-fröhliches Stimmungsbild ohne Ziel und Plan, aber mit einem gerüttelt Maß an zeitgeschichtlichem Mutter- und Vaterwitz.

R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Josef Kaufmann M Ingo Insterburg, Jacob-Sisters S Heidi Genée P Peter Schamoni D Insterburg & Co. (Ingo Insterburg, Peter Ehlebracht, Karl Dall, Jürgen Barz), Jacob Sisters (Johanna, Rosi, Eva, Hannelore), Andrea Rau, Rainer Basedow, Dieter Kursawe | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw | 13. Dezember 1968

10.12.68

The Magus (Guy Green, 1968)

Teuflische Spiele 

»We shall not cease from exploration / And the end of all our exploring / Will be to arrive where we started / And know the place for the first time.« Nicholas Urfe, ein selbstgefälliger junger Intellektueller (»I’ve got everything a poet needs, exept poems.« – Michael Caine), nimmt eine Stellung als Englischlehrer auf der griechischen Insel Phraxos an, um der bedrohlich ernsthaften Beziehung mit der Stewardess Anne (»I’ve got everything an air hostess needs, exept illusions.« – Anna Karina) zu entfliehen. Urfe gerät in den Bann des faszinierend-undurchsichtigen Maurice Conchis (Anthony Quinn), der mit seiner Entourage in einer prachtvollen Villa über der blau schimmernden Ägäis residiert. Conchis (≈ ›conscious‹ ≈ ›bewußt‹), dessen temperamentvolle Persona zwischen Magier und Nervenarzt, Krösus und Kriegsverbrecher, Filmproduzent und Gott irisiert, verwickelt seinen gefühlskalten Besucher unter Aufbietung antiker Mythen und griechischer Zeitgeschichte in zahlreiche Rollen- und Maskenspiele um Liebe und Verrat, Risiko und Glück, Wahrheit und Schuld – Spiele, die letztlich keinem anderen Zweck dienen, als einen Irrenden auf den Weg zu sich selbst zu schicken … Auch wenn ein halluzinatorischer Exzentriker wie Nicolas Roeg vielleicht in tiefere Dimensionen des Stoffes hätte vorstoßen können, ist Guy Greens visuell elegante, bisweilen die Grenzen zum Camp überschreitende Adaption des Romans von John Fowles (der selbst das Drehbuch schrieb) ein bemerkenswertes (und unterhaltsames) Erzählexperiment: »The Magus« verwischt ganz allmählich die Trennlinien zwischen Realität (≈ Erlebnis) und Imagination (≈ Projektion), mündet in einen happeningartigen, fantastisch-burlesken Karneval der Seelen und endet gleichsam schwebend, ohne Aufschluß über die tatsächlichen Hintergründe des Geschehens zu geben: »Now, I will show you something. The ultimate reality … the smile.«

R Guy Green B John Fowles V John Fowles K Billy Williams M John Dankworth A Donald M. Ashton S Max Benedict P Jud Kinberg, John Kohn D Michael Caine, Anthony Quinn, Candice Bergen, Anna Karina, Julian Glover | UK | 117 min | 1:2,35 | f | 10. Dezember 1968

22.11.68

Un soir, un train (André Delvaux, 1968)

Ein Abend … ein Zug

»Toute la pièce est un monologue.« Mathias (Yves Montand) ist Professor für Linguistik an einer flämischen Universität, seine französische Freundin Anne (Anouk Aimée) arbeitet als Kostümbildnerin. Ihre Beziehung ist nicht unproblematisch: Abgesehen von den charakterlichen Unterschieden zwischen dem kühlen Geisteswissenschaftler und der sensiblen Künstlerin schafft die Sprachgrenze, die das Land durchzieht, Distanz zwischen den Partnern. Anne entwirft die Gewänder für eine von Mathias eingerichtete Fassung der mittelalterlichen Moralität »Elckerlyc« (≈ »Jedermann«) – André Delvaux variiert diese metaphorische Pilgerfahrt eines Sterblichen, der vor seinem Tod Rechenschaft für seine Sünden ablegen soll, in der zweiten Hälfte des Films: Mathias reist mit der Eisenbahn zu einem Vortrag in einer anderen Stadt. Der Zug hält ohne Grund auf freier Strecke, Anne ist plötzlich verschwunden, Mathias findet sich, begleitet von zwei Fremden, im verlassenen Nirgendwo einer winterlich-öden Landschaft wieder. Mitten in der Nacht erreichen die drei Verirrten ein Dorf, dessen Bewohner eine unbekannte Sprache sprechen … Unnahbarkeit statt Nähe, Unverständnis statt Verständigung: »Un soir, un train«, von Ghislain Cloquet in ausgewaschenen Farben, mit traumhafter Klarheit fotografiert, gleicht einem modernen Mysterienspiel über Vereinzelung und gestörte Kommunikation. Jedermanns Leben windet sich als verschlungener Weg durch die eigene hermetische Gedankenwelt, wo aller Austausch mit einem Gegenüber unweigerlich zum dialogischen Selbstgespräch wird. 

R André Delvaux B André Delvaux V Johan Daisne K Ghislain Cloquet M Frédéric Devreese A Claude Pignot S Suzanne Baron P Mag Bodard D Yves Montand, Anouk Aimée, Hector Camerlynck, François Beukelaers, Michael Gough | B & F | 86 min | 1:1,66 | f | 22. November 1968

# 847 | 15. März 2014

20.11.68

Lady in Cement (Gordon Douglas, 1968)

Die Lady in Zement 

In seinem zweiten Fall stößt private detective Tony Rome (Sinatra) bei einem Tauchgang vor der Küste Floridas ganz zufällig auf eine »Lady in Zement«: Die Füße der schnittigen Blondine stecken in gewichtigen Schuhen, ihre Haare wogen lyrisch in der Strömung des Meeres. Obwohl der Fall, der sich daraus entwickelt (und (natürlich) weitere Opfer fordert), bis zur Auflösung (und darüber hinaus) völlig nebulös bleibt, erntet das (nach-) lässige Sequel die gleichen formalen Meriten wie sein Vorgänger. Zudem sorgen eine Reihe von schrulligen Charakteren (unter anderem Dan »Hoss Cartwright« Blocker als grober Klotz von einem Kleinganoven) und zahlreiche atmophärische Miniaturen (in diversen Nachtbars und Luxushotels Miamis) für vergnügliche Kurzweil. Raquel Welch bleibt dank explodierender Frisuren im Gedächtnis.

R Gordon Douglas B Marvin H. Albert, Jack Guss V Marvin H. Albert K Joseph Biroc M Hugo Montenegro A LeRoy Deane S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Raquel Welch, Richard Conte, Martin Gabel, Dan Blocker | USA | 93 min | 1:2,35 | f | 20. November 1968

14.11.68

Die Toten bleiben jung (Joachim Kunert, 1968)

Kurz nach der Novemberrevolution wird ein junger Kommunist von reaktionären Freikorpsoffizieren »auf der Flucht« erschossen. Der Film verfolgt – basierend auf einem Roman von Anna Seghers – in sorgfältig gearbeiteten Parallelmontagen die Schicksale der Mörder sowie der Kameraden und Hinterbliebenen des Opfers (insbesondere seines nachgeborenen Sohnes) durch Weimarer Republik und »Drittes Reich« bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Joachim Kunert kondensiert die 700-seitige Vorlage, eine gesellschaftliche Gesamtschau und Epochendiagnose im Sinne des sozialistischen Realismus, dramaturgisch geschickt zu einem schlaglichtartigen Bilderbogen, der in pointierten Szenen (und offener Parteilichkeit) den Untergang einer herrschenden Klasse und die verlustreiche Heraufkunft ihrer Nachfolger darstellt. Die radikale Verknappung des Stoffs läßt die zahlreichen miteinander verknüpften Figuren freilich zu repräsentativen Typen schrumpfen, deren Handlungen an keiner Stelle persönlicher Motivation sondern ausschließlich einer zwangsläufigen historischen Mechanik folgen.

R Joachim Kunert B Christa Wolf, Ree von Dahlen, Günter Haubold, Gerhard Helwig, Joachim Kunert V Anna Seghers K Günter Haubold M Gerhard Wohlgemuth A Gerhard Helwig S Christa Helwig P Bernhard Gelbe D Barbara Dittus, Günter Wolf, Klaus-Peter Pleßow, Dieter Wien, Kurt Böwe | DDR | 112 min | 1:2,35 | sw | 14. November 1968

# 974 | 4. November 2015

23.10.68

Secret Ceremony (Joseph Losey, 1968)

Die Frau aus dem Nichts 

»Hush, little baby, cry no more. / Father’s gone fishing, / Mother’s a whore. / Back in the morning, to guard your life, / With two short prayers and a carving knife.« Eine hysterische Gruselposse, eine spieluhrenhafte Mißbrauchstragödie, eine trivial-kaputte Familienfarce, ein vulgär-barocker Horrorhaus-Streifen – »Secret Ceremony« erzählt ein schauderbares Mutter-Tochter-Drama (in dem sowohl Mutter als auch Tochter lange vor Beginn der eigentlichen Handlung gestorben sind) als grob-verfeinertes Psycho-Grand-Guignol, das auf höchstem Niveau (Drehbuch: George Tabori) die niedrigsten Instinkte befriedigt: Die üppige Prostituierte Leonora (Elizabeth Taylor) hat ihre kleine Tochter verloren, die zartgliedrige Millionenerbin Cenci (Mia Farrow) hat ihre schöne Mutter begraben. Auf dem Oberdeck eines Busses begegnen sich die beiden verwaisten Geschöpfe zum ersten Mal, auf einem Friedhof fallen sie sich, im Gegenüber das Verlorene erkennend, schluchzend in die Arme. Cenci nimmt Leonora mit, in das riesige Anwesen, in dem sie ganz alleine lebt, eine schwülstige Art-Nouveau-Monstrosität, eine wüste Entladung buntschillernder Fliesen, irisierender Bleiverglasungen, schimmernder Mosaiken, die zum zwielichtig-verwinkelten Schauplatz für ein zwielichtig-verwinkeltes Katz-und-Maus-Spiel der Berührung und der Verweigerung, der Berechnung und der Verzückung wird. Einen Angriff gieriger Tanten auf die künstliche Mutter-Tochter-Intimität kann Leonora abwehren, doch spätestens mit dem Auftritt von Cencis päderastischem Stiefvater Albert (Robert Mitchum in der wohl abseitigsten Rolle seiner Karriere) verwandelt sich der spukige nursery rhyme in heillose gothic fiction … »Secret Ceremony« ist ein unergründlich oberflächlicher, ein meisterhaft mißtönender Film am Rande des Nervenzusammenbruchs, von Joseph Losey inszeniert nach der Prämisse des infamen Verderbers Albert: »Sometimes one has to choose between good taste and being a human being.«

R Joseph Losey B George Tabori V Marco Denevi K Gerry Fischer M Richard Rodney Bennett A Richard Macdonald S Reginald Beck P John Heyman, Norman Priggen D Elizabeth Taylor, Mia Farrow, Robert Mitchum, Peggy Ashcroft, Pamela Brown | UK | 105 min | 1:1,85 | f | 23. Oktober 1968

17.10.68

Bullitt (Peter Yates, 1968)

Bullitt

»Frank, we must all compromise.« – »Bullshit.« Lieutenant Frank Bullitt und sein Team erhalten den Auftrag, einen aus Chicago nach San Francisco überführten Kronzeugen gegen die »organization« von dessen Ankunft am Freitagnachmittag bis zur Aussage vor dem Untersuchungsausschuß eines karriegegeilen Staatsanwalts (mit Vorsicht zu genießen: Peter Vaughn) am Montagmorgen zu beschützen. Der Kronzeuge wird ermordet, der Staatsanwalt kriegt einen dicken Hals, Bullitt kommt die Sache spanisch vor – der Polizist ermittelt, unorthodox, gegen die Regeln, auf eigene Faust ... Es ist nicht so sehr der schlanke Plot (dessen Auflösung immerhin Fragen über die wahren Hintergründe der Intrige offenläßt), auch nicht die von Peter Yates (der im Jahr zuvor mit »Robbery« den großen Postzugraub fürs Kino aufbereitete) untadelig inszenierte Action (inklusive einer legendären zwölfminütigen Verfolgungsfahrt über die Hügel von San Francisco, hinaus aus der Stadt, bis zu einer erwartungsgemäß explodierenden Tankstelle sowie einer furiosen Hetzjagd zwischen startenden und landenden Flugzeugen auf dem nächtlichen Airport), die »Bullitt« zu einer Ausnahmestellung im Genre verhelfen, es sind vielmehr die lakonische Präzision der (sichtlich vom britischen Kitchen-sink-Realismus beeinflußten) Regie und insbesondere Steve McQueens kompromißloses Underplay in der Titelrolle (die bisweilen an den von Lee Marvin verkörperten Walker in John Boormans – ebenfalls im sonnigen Kalifornien spielenden – schwarzen Meta-Thriller »Point Blank« denken läßt). Über die Redundanz der einzigen Frauenfigur des Films läßt Jacqueline Bisset (in ihrem ersten Hollywood-Engagement) betörend hinwegsehen.

R Peter Yates B Alan Trustman, Harry Kleiner V Robert L. Pike K William A. Fraker M Lalo Schifrin A Albert Brenner S Frank P. Keller P Philip D’Antoni D Steve McQueen, Robert Vaughn, Jacqueline Bisset, Simon Oakland, Robert Duvall | USA | 113 min | 1:1,85 | f | 17. Oktober 1968

# 1096 | 22. Februar 2018

16.10.68

Ho! (Robert Enrico, 1968)

Die Nr. 1 bin ich

Nach einem von ihm verursachten Unfall mit Todesfolge wird dem Rennfahrer François Holin (Jean-Paul Belmondo) die Lizenz entzogen; fünf Jahre später verdingt er sich als Fahrer von Fluchtwagen in der Pariser Unterwelt, wobei er fortgesetzt die Herablassung seiner berufsverbrecherischen Kollegen zu spüren bekommt. Erst ein spektakulärer Ausbruch aus dem Untersuchungsgefängnis verschafft dem kleinen Ganoven jenen Starnimbus, den er von jeher für sich beansprucht hat: »Arsène Lupin + Al Capone = François Holin« titelt eine Boulevardzeitung nach dem Bravourstück, und der solchermaßen Bekomplimentierte pflastert ein ganzes Zimmer mit den Bildern und Schlagzeilen, die sein öffentliches Image erschaffen. Nach einem Roman von José Giovanni liefert Robert Enrico das eindrückliche Porträt des Gangsters als eitler Mann, das Psychogramm eines seelisch Lädierten, der sein aufgeputschtes Medienbild für die Wahrheit nimmt – eine fatale Disproportion, die François de Roubaix’ zwischen sanfter Wehmut und hektischer Unruhe wechselnder (Klavier-)Soundtrack musikalisch virtuos ausgestaltet. Wenn Ho/Holin am Ende seines zunehmend blutigen Weges durch ein Gewitter von Blitzlichtern schwankt, ist er endlich die Berühmtheit, die er immer sein wollte, einer, der alles gewonnen und dabei alles verloren hat.

R Robert Enrico B Lucienne Hamon, Pierre Pelegri, Robert Enrico V José Giovanni K Jean Boffety M François de Roubaix A Jacques Saulnier S Jacqueline Meppiel P Paul Laffargue D Jean-Paul Belmondo, Joanna Shimkus, Raymond Bussières, Paul Crauchet, Sidney Chaplin | F & I | 103 min | 1:1,66 | f | 16. Oktober 1968

# 1054 | 5. Juni 2017

3.10.68

Schamlos (Eddy Saller, 1968)

On the other side of 68: der junge Spund (sexy: Udo Kier) gegen den alten Sack (klasse: Rolf Eden). Eddy Saller erzählt mit viel Gespür für Rhythmus und visuelle Reize eine weniger kohärente denn assoziativ-sprunghafte Gangster-Kolportage – in labyrinthischen Kelllerbars, gutbürgerlichen Villen und schmierigen Wohnwagen-Bordellen, auf übervollen Schrottplätzen und neonglänzenden Straßen sowie bei einem veritablen Happening der Wiener Aktionisten (von und mit Otto Muehl). Im Zentrum der ruppigen Handlung steht Annabella (»so heiß wie ’ne leergeschossene MP«): von allen begehrt, von einem geliebt, arbeitet sie lieber auf eigene Rechnung – was ihr zum Verhängnis wird. Die Aufklärung des Mordes (in Form eines Femegerichts) hinterläßt einen Berg von Leichen. Wer übrigbleibt, wird nicht verraten. Ist auch gar nicht nötig. Am Ende gewinnt ja eh immer das Establishment.

R Eddy Saller B Theodor Ottawa, Karl Hans Koizar K Walter Partsch M Gerhard Heinz S Dagmar Koschu P Herbert Heidmann D Udo Kier, Rolf Eden, Thomas Astan, Marina Paal, Vladimir Medal | A & BRD & F | 74 min | 1:1,37 | sw | 3. Oktober 1968

27.9.68

Der Gorilla von Soho (Alfred Vohrer, 1968)

Höherer (oder tieferer) Blödsinn vom Edgar-Wallace-Fließband. Einmal mehr entpuppt sich das christliche Mädchenheim als Hort des Bösen, einmal mehr trägt die menschenfeindliche Gier eine »Love and Peace«-Maske ... Zwar verrät das ausgestellte Panoptikum – eine SSige Ordensschwester (Hilde Sessak), ein übeltätiger Philanthrop (Albert Lieven), ein altersgeiler Polizeichef (Hubert von Meyerinck) – tiefe Menschenkenntnis, zwar versucht Alfred Vohrer, die gewohnt nachlässig zusammengeschusterte Story (ein plan- und respektloser Aufguß der »Toten Augen von London«) mit einigen Rotlicht-Vulgaritäten (Soho!) aufzumöbeln, zwar haut Peter Thomas kräftig in die Tasten der Sleaze-Orgel, dennoch kommt die Chose nicht wirklich in Schwung: zu viel Horst Tappert (als brettharter Proto-›Derrick‹), zu viel Uwe Friedrichsen (als naßforscher ›Sergeant Pepper‹), zu viel Uschi Glas (als »afrikanisch« sprechende Scotland-Yard-Helferin), zu wenig Gorilla – viel zu wenig.

R Alfred Vohrer B Freddy Gregor (= Alfred Vohrer & Horst Wendlandt) V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Horst Tappert, Uschi Glas, Uwe Friedrichsen, Herbert Fux, Hubert von Meyerinck | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 27. September 1968

19.9.68

Moos auf den Steinen (Georg Lhotsky, 1968)

Oh, du mein Österreich: ein brüchiges Barockschloß irgendwo im östlichen Grenzland; ein greiser Baron, der einen Roman schreibt über das Moos, das langsam über die Steine des (gefühlt besseren) Gestern wächst; seine Tochter (Erika Pluhar), eine ältliche Schönheit, die ihre Tage lieber mit Puppen als mit Menschen verbringt; ihr Verlobter, ein regsamer Wiener Entrepreneur, der den Besitz des künftigen Schwiegervaters hochzutunen gedenkt zum Erlebnispark eines Früher, das es nie gegeben hat; dessen Freund, ein erfolgloser Schriftsteller, der in der verwunschenen Welt des Gewesenen Spuren einer verlorenen geistigen Heimat wiederzufinden glaubt. 1968 à l’autrichienne: Menschen ohne Eigenschaften, verschollen im ›Zeitalter der Manager‹; der Ausblick auf Morgen, überwuchert vom Gestrüpp einer mehr oder weniger ruhmreichen Vergangenheit; Resignation statt Revolte. »Moos auf den Steinen«: eine Austro-Elegie von One-Film-Wonder Georg Lhotsky mit einem wohltemperierten Jazz-Score von Friedrich Gulda.

R Georg Lhotsky B Georg Lhotsky V Gerhard Fritsch K Kurt Junek, Walter Kindler M Friedrich Gulda A Rudolf Schneider-Manns Au S Liselotte Klimitscheck, Walter Kindler P Wolfgang Odelga D Erika Pluhar, Louis Ries, Fritz Muliar, Johannes Schauer, Heinz Trixner | A l 82 min | 1:1,37 | sw | 19. September 1968

18.9.68

Funny Girl (William Wyler, 1968)

Funny Girl

»Hello, gorgeous.« Irgendwie ist es die alte Geschichte vom häßlichen Entlein, das zum stolzen Schwan wird, wobei der komische Vogel in diesem Fall seine Verschiedenheit vollinnerlich erkennt (»I’m a bagel on a plate full of onion rolls.«), die vermeintliche Unzulänglichkeit plakativ ausspielt und eben deswegen seine ganze Pracht entfalten kann. Indem sie gegen alle Erwartungen ein Star wird, macht die Heldin dieser tragikomischen Legende aus der Wirklichkeit unmißverständlich klar: Talent ist Schönheit. Zwar erfüllt Barbra Streisands kongeniale Darstellung die Figur der jüdischen Komödiantin und Sängerin Fanny Brice, die, aus kleinen (aber herzlichen) Lower-East-Side-Verhältnissen stammend, den Broadway erobert, mit prallem Leben, doch inszeniert William Wyler Aufstieg und Ruhm (auf der Bühne des sagenhaften Florenz Ziegfeld), Liebesglück und Herzschmerz (verursacht vom glutäugigen Hasardeur Nick Arnstein) der Protagonistin seiner pompös-sentimentalen Musicalbiographie viel zu glatt und betulich, um mehr als freundliches Interesse zu wecken.

R William Wyler B Isobel Lennart V Isobel Lennart K Harry Stradling Sr. M Jule Styne A Gene Callahan S William Sands, Maury Winetrobe P Ray Stark D Barbra Streisand, Omar Sharif, Kay Medford, Mae Questel, Walter Pidgeon | USA | 151 min | 1:2,35 | f | 18. September 1968

# 1150 | 16. Februar 2019

30.8.68

Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (Alexander Kluge, 1968)

»Die Dickhäuter schwören: Wir vergessen nichts.« Ein gleichermaßen faszinierender wie ermüdender Elefantenritt durch Alexander Kluges Assoziationsmanege. Der Zirkus als Metapher für … ja, für was eigentlich, für Kreativität, für Kunstproduktion, für die Situation des Kinos in der BRD. Leni Peickert (Hannelore Hoger), Tochter eines visionären Hochseilakrobaten, der sich in einem Anfall von Melancholie zu Tode stürzte, will einen Reformzirkus aufbauen, der dem Publikum nicht nur Sensationen zeigt, sondern es für die Zustände sensibilisiert, in denen die große Schau dargeboten wird. Ihre ehrgeizig-originellen Vorstellungen (»Sieben Tiger versuchen, sechzig rote Mäuse aufzuhalten. Das gelingt nicht. Daraufhin bauen die Tiger eine Pyramide und machen ›schön‹«.) scheitern an ökonomischen Realitäten und an eingefahrenen Erwartungshaltungen: »Tut der Kapitalist, was er liebt, und nicht was ihm nützt, wird er von dem, was ist, nicht unterstützt.« Leni denkt um (»Mit großen Schritten macht man sich nur lächerlich. Aber mit lauter kleinen Schritten könnte ich Staatssekretärin im Auswärtigen Amt werden.«), und macht sich auf den langen Marsch durch die Institutionen: Das Fernsehen verspricht, ihrer »Liebe zur Sache« eine taugliche Plattform zu bieten. Kluge, der seine eigene glanzvolle Zukunft als TV-Impressario vorauszuahnen scheint, zieht so flott, daß seinen gedanklichen Zaubertricks schwerlich zu folgen ist, Anekdoten und Zitate, Kuriosa und Theorien aus dem Zylinder; das Bild dient ihm dabei vor allem als Folie für halsbrecherische Gedankensprünge und hinreißende intellektuelle Kalendersprüche: »Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten.«

R Alexander Kluge B Alexander Kluge K Günther Hörmann, Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge D Hannelore Hoger, Alfred Edel, Sigi Graue, Bernd Hoeltz, Klaus Schwarzkopf | BRD | 103 min | 1:1,37 | f & sw | 30. August 1968

# 898 | 24. Juli 2014

23.8.68

The Blood of Fu Manchu (Jess Franco, 1968)

Der Todeskuß des Dr. Fu Man Chu

Jess Franco meets Fu Manchu. Eine Karawane von aneinandergeketteten, in sexy Lumpen gehüllten Frauen wird durch den südamerikanischen Urwald gepeitscht. Kein schlechter Anfang für ein sexistisches Mystery-Abenteuer. Auch die Prämisse klingt vielversprechend: Fu Manchu nutzt ein uraltes, verderbenbringendes Geheimnis, um seine Feinde zu bekämpfen: tödliches Schlangengift, das den gekidnappten Schönen per Biß in die Kehle (oder den Busen) verabfolgt wird, damit es über deren Blut und Lippen die wehrlosen Opfer weiblicher Reize erreiche. Nayland Smith (gespielt von Richard Greene, dem dritten und mit Abstand fadesten Darsteller des wackeren Scotland-Yard-Beamten) ist der Erste einer ganzen Reihe von hochrangigen, aber im filmischen Verlauf unsichtbar bleibenden Zielpersonen, der den Todeskuß empfängt, woraufhin er erblindet und lediglich bis zum nächsten Vollmond Zeit hat, ein wirksames Gegenmittel zu finden. Die simpel-verworrene Handlung läßt – neben den lebensgefährlichen Evastöchtern – einen taffen Archäologen, eine rotbestrumpfte Krankenschwester sowie einen feisten, unentwegt lachenden Schießbudenbanditen unzählige überflüssige Pirouetten drehen, während der chinesische Strippenzieher in einem unterirdischen Inkatempel sitzt, ohne je das Tageslicht zu sehen, ein fast bedauernswerter Gefangener seiner gekränkten Eitelkeit und der daraus resultierenden quasipubertären Allmachtsphantasie. »Everlasting death, horrible, inescapable, universal death«, wünscht Fu Manchu der gehaßten Menschheit an den Hals, doch seine toxische Botschaft bleibt ungehört. Am Ende heißt es wie gehabt: »The world shall hear from me again.«

R Jess Franco B Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Sax Rohmer K Manuel Merino M Daniel White A Peter Gasper S Allan Morrison P Harry Alan Towers D Christopher Lee, Richard Greene, Götz George, Maria Rohm, Tsai Chin | UK & E & BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 23. August 1968

# 867 | 24. Mai 2014

15.8.68

Targets (Peter Bogdanovich, 1968)

Bewegliche Ziele

»My kind of horror isn’t horror anymore.« Schauspieler Byron Orlok (Boris Karloff), Veteran des klassischen Horrorkinos, Verkörperung des alten Hollywood, will sich zur Ruhe setzen (»I’m an antique, out of date.«); der junge Bobby Thompson (Tim O’Kelly), ein archetypischer boy next door wird zum schießenden Massenmörder (»I know they’ll get me. But before that many more will die.«) Mittels einer ingeniösen Verschränkung der beiden Erzählstränge reflektiert film buff und Nachwuchsregisseur Peter Bogdanovich (der den film buff und Nachwuchsregisseur Sammy Michaels spielt) sowohl die Wechsel­beziehung von kinematographischer und gesellschaftlicher Realität wie auch die politischen und kulturellen Umbrüche im Amerika der 1960er Jahre. Gedreht mit kleinem Budget und weitgehend an Originalschauplätzen in Los Angeles (»What an ugly town this has become«, stellt der betagte Star fest), erscheint »Targets« als melancholischer Abgesang auf den von der (Alp-)Traumfabrik produzierten wohlig-viktorianischen Grusel. Orlok steht für diese vergangene Welt, in der selbst der Schrecken noch seine Ordnung hatte, während Bobbys kalte Raserei (die an einen tatsächlichen Fall aus dem Jahr 1966 angelehnt ist) die zunehmend unverständliche Gegenwart repräsentiert, in der blutiger Schrecken einer vermeintlich festgefügten Norman-Rockwell-Idylle entspringt. Bevor Orlok endgültig in Rente geht, präsentiert er seinen letzten Film »The Terror« in einem drive-in theater, genau dort, wo Bobby sich am Ende seines Amoklaufs hinter der Leinwand verschanzt: Die Ungeheuer des Kinos und die Monster der Wirklichkeit treten einander Auge in Auge gegenüber.

R Peter Bogdanovich B Peter Bogdanovich, Polly Platt K Laszlo Kovacs A Polly Platt S Peter Bogdanovich P Peter Bogdanovich D Boris Karloff, Tim O’Kelly, Peter Bogdanovich, Nancy Hsueh, Arthur Peterson | USA | 90 min | 1:1,85 | f | 15. August 1968

# 961 | 10. Juli 2015

14.8.68

Baisers volés (François Truffaut, 1968)

Geraubte Küsse

Que reste-t-il de nos amours? Zum Beispiel ein Film. Zu dem eigentlich nichts zu sagen ist – außer vielleicht (am besten, vor einem Spiegel stehend, zu sich selbst laut ins Gesicht) Folgendes: Jean-Pierre Léaud! Claude Jade! Delphine Seyrig! François Truffaut! (Namen jeweils beliebig oft wiederholen.) Fernerhin sollte man zu Lob und Preis von »Baisers volés« ab und zu mal eine Coca-Cola im Foyer eines billigen Montmarte-Hotels trinken, mit einem sehr großen Mädchen ausgehen, einen Schuhkarton in Packpapier wickeln, zu einer Dame, die einem eine Tasse Kaffee reicht, »Merci, Monsieur!« sagen, einen Fernseher zerlegen, mit dem Freund oder der Freundin eine Flasche Wein aus dem Keller holen, einen Zwieback mit Butter bestreichen (Claude Jade verrät, wie es geht, ohne daß er zerbricht) und dazu ein Chanson von Charles Trénet hören. PS: Antoine Doinel! Antoine Doinel! Antoine Doinel!

R François Truffaut B François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon K Denys Clerval M Antoine Duhamel A Claude Pignot S Agnès Guillemot P François Truffaut, Marcel Berbert D Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Delphine Seyrig, Michael Lonsdale, Harry-Max | F | 90 min | 1:1,66 | f | 14. August 1968

21.6.68

Heißer Sommer (Joachim Hasler, 1968)

Während in Prag der Sozialismus sein menschliches Antlitz zeigt, fahren Stupsi, Kai und die anderen Zonenkinder zum kollektiven Ferienspaß lieber an die Ost(!)see. Dort singen und springen die Jungs und Mädchen so mopsfidel-arglos, so staatsbürgerlich-sittenfest umeinander, daß es ihrem daheimgebliebenen Onkel Walter in seinem rot tapezierten Politbüro eine wahre Freude sein dürfte. »Heißer Sommer« wäre als Versuch eines Defa-Musicals sicherlich noch um einiges gelungener, wenn die Regie nicht so abwesend, die Choreographien nicht so katatonisch, die Kamera nicht so unsportlich, die Dialoge nicht so flach, der Humor nicht so töricht, Chris Doerk nicht so doerk und Frank Schöbel nicht so schöbel wären. Immerhin steuern Vater und Sohn Natschinski eine Reihe von temperamentvollen Schlagern bei, die Schwung in jedes Feierabendheim bringen. PS: »Einmal muß ein Ende sein.«

R Joachim Hasler B Maurycy Janowski, Joachim Hasler K Joachim Hasler, Roland Dressel M Gerd Natschinski, Thomas Natschinski A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolowa P Horst Dau D Chris Doerk, Frank Schöbel, Regine Albrecht, Hanns-Michael Schmidt, Marianne Wünscher | DDR | 97 min | 1:2,35 | f | 21. Juni 1968

19.6.68

The Thomas Crown Affair (Norman Jewison, 1968)

Thomas Crown ist nicht zu fassen

»Do you play?« – »Try me.« Was will einer, der schon alles hat? Er will mehr. Der Bostoner Geschäftsmann Thomas Crown (easygoing: Steve McQueen) hat Geld, Frauen, Autos. Er will Abenteuer, Spaß, Nervenkitzel. Aus Daffke organisiert Crown einen eleganten Banküberfall, den er von anonym angeworbenen Profis ausführen läßt. Der Coup glückt. Die Polizei findet weder Spuren der Täter noch Hinweise auf den Verbleib der Beute. Schließlich erhält die freischaffende Ermittlerin Vicki Anderson (cool: Faye Dunaway) von der Versicherung den Auftrag, das gestohlene Geld wiederzubeschaffen. Norman Jewison entwickelt aus dieser Paar-Konstellation ein stylisches Katz-und-Maus-Spiel, ein erotisch aufgeladenes Duell zwischen zwei cleveren Zockern, die sich allemal das Wasser (oder den Champagner) reichen können. Von Haskell Wexler glamourealistisch fotografiert, von Pablo Ferro immer wieder in kunstvoll gestaltete Split-Screen-Sequenzen zerlegt, von Michel Legrand mit einem jazzig-betörenden Soundtrack veredelt, bezieht die Heist-Romanze ihren Reiz weniger aus überraschenden Storywendungen als aus ihrer formalen Geschliffenheit und dem Magnetismus zwischen den beiden Protagonisten. »And the world is like an apple whirling silently in space / Like the circles that you find in the windmills of your mind.«

R Norman Jewison B Alan Trustman K Haskell Wexler M Michel Legrand A Robert Boyle S Hal Ashby P Norman Jewison D Steve McQueen, Faye Dunaway, Paul Burke, Jack Weston, Yaphet Kotto | USA | 102 min | 1:1,85 | f | 19. Juni 1968

# 1094 | 29. Januar 2018

12.6.68

Rosemary’s Baby (Roman Polanski, 1968)

Rosemaries Baby

»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«

R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968

# 1015 | 9. August 2016

28.5.68

The Detective (Gordon Douglas, 1968)

Der Detektiv

Die Ratlosigkeit der herrschenden Klasse angesichts einer sich dramatisch wandelnden Gesellschaft steckt »The Detective« in allen Knochen. Der erzählerisch außerordentlich zerfahrene 1968er crime flick beginnt mit dem Mord an einem reichen New Yorker Schwulen und präsentiert im Folgenden einen fauligen Big Apple, wo Korruption, Amtsmißbrauch, sexuelle Devianz, soziale Kälte und allgemeine Gleichgültigkeit üppige Sumpfblüten treiben. Joseph Birocs Kamera ist bemüht, die Übersicht zu behalten, doch die luziden Panavision-Bilder sind nur Chimären eines Durchblicks, den keiner mehr hat. Neben Frank Sinatra, dessen demonstrative Integrität sich als bittere Lachnummer erweist, bietet Gordon Douglas immerhin einer ganzen Riege hochklassiger Darsteller Gelegenheit, ihr Talent zu entfalten: Lloyd Bochner als zynisch-gelackter Upper-Class-Shrink, Robert Duvall als homophobes Arschloch, Ralph Meeker als grinsend-bestechlicher Bulle, Tony Musante als unschuldiger Psychopath, Lee Remick als zerbrechliche Nymphomanin – »all part of the Great Society«.

R Gordon Douglas B Abby Mann V Roderick Thorp K Joseph Biroc M Jerry Goldsmith A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Lee Remick, Jacqueline Bisset, Ralph Meeker, Tony Musante, Robert Duvall | USA | 114 min | 1:2,35 | f | 28. Mai 1968

26.5.68

Boom! (Joseph Losey, 1968)

Brandung

Vorgeblich eine Tennessee-Williams-Verfilmung, ist diese monströse Mischung aus Harold-Robbins-Nonsens und theatralischem Horrortrip in Wirklichkeit vor allem das Zerfallsprodukt einer berühmt-berüchtigten Schauspielerehe: Liz Taylor als sterbenskranke, ordinär-angefettete Millionärswitwe in weißen Wallekostümen und Richard Burton als verlebter, schmarotzender Todesengel im schwarzen Samurai-Mantel spielen sich mit Verve gegenseitig über die Klippen, wodurch das notorische Glamour-Paar Joseph Loseys »Boom!« zu einem Camp-Klassiker von beachtlicher Halbwertszeit adeln.

R Joseph Losey B Tennessee Williams V Tennessee Williams K Douglas Slocombe M John Barry A Richard Macdonald S Reginald Beck P John Heyman, Norman Priggen D Elizabeth Taylor, Richard Burton, Noël Coward, Joanna Shimkus, Romolo Valli | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 26. Mai 1968

26.4.68

Im Banne des Unheimlichen (Alfred Vohrer, 1968)

»Let me feel it, come on, let me hear it. / Make it jump, make im bomb, / Make me sigh, make me high / And make my blood run all wild.« Ende der 1960er hat Alfred Vohrer (unterstützt von kongenialen Kollaborateuren: Kameramann Karl Löb, Komponist Peter Thomas, Szenenbildnerduo Wilhelm Vorwerg und Walter Kutz) eine verdammt gute Strecke: In seinen kunterbunten Swinging-Trash-Flicks (»Hand«, »Mönch«, »Hund«) frisiert er gediegenen Edgar-Wallace-Thrill zu überspitzten Pop-Killerspielen, betreibt er die Reanimation des Whodunits als bewußtseinserweiternde Mischung von flapsigem Terror und mörderischem Quatsch. »Im Banne des Unheimlichen« führt diese (Anti-)Traditionslinie zum Höhepunkt – mit einer lachenden Leiche sowie einer eiskalt hauchenden Geisterbahnfigur, die auf dem blanken Totenschädel ein keckes Hütchen trägt und ihre Opfer per Stich mit einem vergifteten Skorpionring um die Ecke bringt. Inspektor Higgins (so seriös wie möglich: Joachim Fuchsberger) und Scotland-Yard-Direktor Sir Arthur (ballettaffin: Hubert von Meyerinck) ermitteln in einem chaotischen Fall um Bruderzwist und Wahnsinn, um Erpressung und Rache aus dem Jenseits – wobei sich die (große) Menge der Toten und die (hohe) Zahl der Verdächtigen stets die Waage halten ... »Tomorrow my stars might fall dead on my head, one more time, / Tomorrow I might hit the danger zone. / So, today I want to feel just as happy as I can – / I want to feel my heart beat!«

R Alfred Vohrer B Ladislas Fodor V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Siw Mattson, Wolfgang Kieling, Pinkas Braun, Hubert von Meyerinck | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968

Je t’aime, je t’aime (Alain Resnais, 1968)

Ich liebe dich, ich liebe dich

»C’était bien?« – »Très.« Er liegt in der Klinik. Er hat versucht sich umzubringen. Man ist an ihm interessiert. Warum? Weil er nichts zu verlieren hat. Hat er eine Chance zurückzukommen? Das weiß niemand. Er wird aus dem Krankenhaus entlassen. Er heißt Claude Ridder. Er willigt ein, an einem Experiment teilzunehmen. Im Forschungszentrum Crespel beschäftigt man sich mit der Zeit. Bislang wurden Versuche mit Mäusen angestellt, nun soll Ridder als erster Mensch in seine eigene Vergangenheit reisen, soll eine Minute seines Lebens wiedererleben, eine Minute, die exakt ein Jahr zurückliegt. Die Zeitmaschine, die Alain Resnais für seinen Film konstruiert hat, ist keine modernistische High-Tech-Installation à la Irwin Allen, vielmehr ähnelt die organisch geformte Anlage mit ihrem höhlenartigen Inneren einer gigantischen Knolle, oder einer übergroßen Herzkammer, oder einem riesigen Gehirn. Der Versuch beginnt. Ridder schwimmt unter Wasser, er taucht aus dem Meer. Am Ufer liegt eine Frau, sie fragt ihn: »C’était bien?« – »Très.« – »Tu as vu beaucoup de poissons?« Dann läuft etwas schief. Ridder geht verloren, wird durch die Zeiten geschleudert, treibt kreuz und quer durch seine Erinnerungen. Fragmente einer Biographie blitzen auf, elliptisch, diskontinuierlich, flüchtig wie Reflexe eines Spiegelkugel, Momente, Situationen, Begegnungen, heiter, banal, quälend: berufliche Stationen, eine komplizierte Liebesgeschichte, Glück, Langweile, Schuld. Gedanken, Assoziationen, Wiederholungen: zahllose Perspektiven, die sich nicht zu einem Gesamtbild fügen. Der Mensch als unerforschliches Wesen, als Gefangener seines sprunghaften Gedächtnisses, als Irrender in einem ewig unvollendeten Labyrinth, aus dem nur ein einziger Weg herausführt. »Tu as vu beaucoup de poissons?« – »Deux serpents de mer, quelques requins, des méduses géantes. A part ça, rien de très particulier.«

R Alain Resnais B Jacques Sternberg K Jean Boffety M Krzysztof Penderecki A Jacques Dugied, Augusto Pace S Albert Jurgenson, Colette Leloup P Mag Bodard D Claude Rich, Olga Georges-Picot, Anouk Ferjac, Van Doude, Bernard Fresson | F | 92 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968

# 841 | 7. März 2014

17.4.68

La mariée était en noir (François Truffaut, 1968)

Die Braut trug schwarz

Liebe über den Tod hinaus. Gemordete Liebe, die über Leichen geht. Ein grausames Märchen, eine melodramatische Thrillerabstraktion. Julie Kohler (≈ colère), die aller Illusionen beraubte Braut, rächt den Tod ihres prince chamant, den kurz nach der Trauung auf den Stufen der Kirche eine Kugel traf. Fünf Männer sind für die Tat verantwortlich, fünf Männer werden sterben – keine Mission, sondern eine Arbeit, die getan werden muß. Übermächtige Vergangenheit verlängert sich in eine Zukunft, die keine Erlösung, keine Nachsicht, die nur Vollstreckung eines Urteils kennt. François Truffaut schildert ohne Umschweife (im übertragenen Sinne: ohne Adjektive) die Geschichte einer heiß-kalten Obsession, beschreibt präzise, luzid, transparent die blutige Reise durch ein Fantasieland, die Fahrt durch einen Tunnel, der Schuld und Unschuld, der Weiß und Schwarz verbindet. Jeanne Moreau ist die Braut, gefühllos und hochemotional, vollkommen klar und absolut wahnsinnig, eine jungfräuliche Jägerin, ein mörderischer Engel, eine (un-)menschliche Guillotine. Von Anfang an besteht kein Zweifel, daß Julie erreichen wird, was sie sich vorgenommen hat – wenn sie auch niemals mehr bekommen kann, was sie eigentlich will.

R François Truffaut B François Truffaut, Jean-Louis Richard V William Irish (= Cornell Woolrich) K Raoul Coutard M Bernard Herrmann A Pierre Guffroy S Claudine Bouché P Marcel Bebert D Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jean-Claude Brialy, Charles Denner, Michael Lonsdale, Daniel Boulanger, Claude Rich | F & I | 107 min | 1:1,66 | f | 17. April 1968

# 771 | 15. September 2013  

4.4.68

The Party (Blake Edwards, 1968)

Der Partyschreck

(»The world is flat.«) Neben Truman Capotes legendärem ›Black-and-White-Ball‹ ist »The Party« wohl das herausragende gesellschaftliche Ereignis der glanzvoll-rebellischen 1960er Jahre. Die ins ultramoderne Heim von Hollywood-Mogul ›General‹ Clutterbuck geladenen Gäste mögen weniger illuster sein als die feine Gesellschaft, die sich anderthalb Jahre zuvor im Grand Ballroom des New Yorker Plaza Hotel versammelte – die Stimmung jedoch steigt zu extremen Höhepunkten, was neben der avancierten (aber unkontrolliert eingesetzten) Haustechnik und einem kunstvoll (aber entwürdigend) bemalten Elefanten insbesondere dem (nur versehentlich anwesenden) indischen Kleindarsteller Hrundi V. Bakshi (Peter Sellers) zu danken ist. Als Agent desselben revolutionären Weltgeistes, der kurze Zeit später in Berlin ein Verlagshaus der Massenpresse in Flammen setzen, in Paris den Strand unter dem Pflaster freilegen und in Prag einen kurzen Frühling der Utopie entfesseln wird, läßt der ridikül-radikale Komparse (»Howdy, partener!«) die in verbindlichen Regeln ruhende Welt des Establishments im Schaum des avantgardistischen Umsturzes versinken. Blake Edwards wirft derweil alle Regeln der filmischen Erzählkunst in den schwappenden Pool und stellt das Kino dahin, wo es hingehört: vom (wohlüberlegenden) Kopf auf die (ungestüm tanzenden) Füße (sowie auf die (wild herumfuchtelnden) Hände). Vive l’anarchie! PS: Und das hübsche, sensible Mädchen (Claudine Longet) kriegt der höflich-irre Bakshi auch noch. PPS: »Birdie Num Num.«

R Blake Edwards B Blake Edwards, Tom Waldman, Frank Waldman K Lucien Ballard M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Blake Edwards D Peter Sellers, Claudine Longet, J. Edward McKinley, Gavin MacLeod, Denny Miller | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 4. April 1968

2.4.68

A Dandy in Aspic (Anthony Mann, 1968)

Todestanz eines Killers

»Die Welt ist dumm, die Welt ist blind.« Im Zentrum von Anthony Manns letztem Film (er starb während der Dreharbeiten) steht ein britisch-russischer Doppelagent, der in Berlin Jagd auf sich selber machen soll ... Die völlige Austauschbarkeit der Seiten im spy game ist ein interessantes Thema, auch Laurence Harveys botoxhaft-eingefrorene Darstellung des »Dandy in Aspic« überzeugt. Doch das Geschehen schwappt träge vor sich hin, genau wie der Score von Quincy Jones. Ein Rätsel gibt die von Mia Farrow gespielte Figur einer jungen Fotografin auf: Immer wieder kreuzt sie unerwartet den Weg des Protagonisten, hat aber letztlich so wenig Relevanz für die Erzählung, daß man sie beinahe für eine geniale Allegorie auf eine Welt des Zufalls und der Sinnlosigkeit halten könnte.

R Anthony Mann B Derek Marlowe V Derek Marlowe K Christopher Challis M Quincy Jones A Carmen Dillon, Patrick McLoughlin S Thelma Connell P Anthony Mann D Laurence Harvey, Tom Courtenay, Mia Farrow, Harry Andrews, Peter Cook | UK | 107 min | 1:2,35 | f | 2. April 1968

29.3.68

Madigan (Don Siegel, 1968)

Nur noch 72 Stunden

»If I asked for a warrant, you could show me one?« – »We left it downstairs with the doorman.« New York, wo es weder schick noch vornehm ist: Detective Madigan (Richard Widmark) und sein Partner wollen einen notorischen Straftäter (der sich als ziemlich irrer Mörder erweisen wird) zum Verhör abholen, lassen sich übertölpeln und um ihre Dienstpistolen erleichtern. 72 Stunden gibt ihnen ihr Boß, um den Flüchtigen zu fassen und die gestohlenen Waffen wiederzubeschaffen. Drei Tage lang, Freitag, Samstag, Sonntag, jagt Don Siegel seine Protagonisten kreuz und quer durch die verwilderten Viertel der Stadt, durch Nachtclubs und schmuddlige Absteigen, Kinos und drittklassige Trinkstuben, durch eine Welt, die bevölkert ist von Buchmachern, Säufern, Zuhältern, Flittchen, Junkies. Gleichzeitig entwirft »Madigan« ein illusionsloses Techniscope-Panorama der Polizeiarbeit, das die Hüter öffentlicher Sicherheit und Ordnung als Exponenten von Bigotterie, Korruption, Soziopathie zeigt: da ist der ach so korrekte Commissioner (Henry Fonda), der mit der Frau eines Kollegen schläft, da ist der joviale Chief Inspector, der sich hat sich kaufen lassen, um den Arsch seines ungeratenen Sohnes zu retten, da ist, nicht zuletzt, der Titelheld, ein semianarchistisch-obsessiver Cop, der seine sexuell unausgelastete Gattin buchstäblich in die Arme eines anderen legt, um zu erledigen, was zu erledigen ist. Ein ungemütliches Werk, dem eine überraschend drastische Auflösung das angemessen bittere Ende verpaßt. PS: »Human behavior patterns are very important in police work.«

R Donald Siegel B Abraham Polonsky, Henri Simoun (= Howard Rodman) V Richard Dougherty K Russell Metty M Don Costa A Alexander Golitzen, George C. Webb S Milton Shifman P Frank P. Rosenberg D Richard Widmark, Henry Fonda, Harry Guardino, James Whitmore, Inger Stevens | USA | 101 min | 1:2,35 | f | 29. März 1968

# 1142 | 6. Januar 2019

27.3.68

L’homme qui ment (Alain Robbe-Grillet, 1968)

Der Mann, der lügt

»Je vais vous raconter mon histoire … ou du moins je vais essayer.« Soldaten verfolgen einen Mann durch den Wald. Schüsse. Explosionen. Der Mann wird getroffen. Bricht zusammen. Stirbt. Erwacht. Steht auf. Läuft weiter. Der Mann erzählt seine Geschichte. Oder er versucht es zumindest: »Mon nom est Robin … Jean Robin.« Dem Kopf des Mannes (Jean-Louis Trintignant), seinen (inkonsistenten) Ausführungen entwächst ein fiktives (Erzähl-)Universums, dessen unauflösliche Widersprüche Alain Robbe-Grillet kinematokulinarisch zelebriert. Ein Mann kommt aus dem Wald. Gelangt in ein Dorf. Macht seine Aufwartung im Schloß. Auf dem Schloß warten drei Frauen auf die Heimkehr von Jean Robin: die Schwester, die Ehefrau, ein Dienstmädchen. »Il est mort! Mort! Mort!« heißt es über Jean Robin, von dem man glaubt, daß er eines schönen Tages zurückkommen werde. Der Mann aus dem Wald nennt sich Boris Varissa. Er berichtet von seinem Freund, von seinem Kampfgefährten Jean Robin. Der ein Held des Widerstandes gegen die Besatzer war. Der ein Kollaborateur war. Der fliehen konnte. Der erschossen wurde. Den man in eine Falle lockte. Der seine Kameraden verraten hat. Ein Mann erfindet eine wahre Geschichte. Ein Mann erfindet seine wahre Geschichte. Oder er versucht es zumindest. Immer wieder von neuem. Drei Frauen warten auf einen Mann. Sie spielen Blindekuh im Schloß. In der Bibliothek. Auf dem Speicher. Zwischen Büchern und Spiegeln. Zwischen alten Möbeln und leeren Bilderrahmen. Träumen die drei Frauen von einem Mann, der kommt, um ihnen seine wahren Geschichten zu erzählen? Geschichten von Tod und Überleben, von Heldentum und Verrat, von Geheimnis und Zweifel. Geschichten, die Hingabe fordern, Auslieferung, Unterwerfung. Geschichten von der zeremoniellen Gewalt eines sexuellen Rollenspiels. Geschichten wie Gefängnisse, wie unterirdische Höhlen ohne Ausgang. Die Welt Robins, Varissas, Robbe-Grillets, dieser Legendenwald der Gespenster und Vorahnungen, des Spechtklopfens und Glockengeläuts, der Rollenspiele und Anachronismen, des Stöhnens und Schreiens, ist nichts als eine Lüge, nichts als eine Erzählung, und eben darum ist diese Welt wahr. »Et maintenant je vais vous raconter ma vraie histoire … ou du moins je vais essayer.«

R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Jean-Louis Trintignant, Zuzana Kocúriková, Sylvie Turbová, Sylvie Bréal, Ivan Mistrík | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | sw | 27. März 1968

# 830 | 21. Januar 2014

22.3.68

Les biches (Claude Cahbrol, 1968)

Zwei Freundinnen 

Eine wohlhabende Dame schreitet erhobenen Hauptes über den Pariser pont des Arts. Gönnerhaft wirft sie der unbemittelten jungen Straßenkünstlerin, die sich auf die Darstellung von Hirschkühen (»biches«) spezialisiert hat, einen 500-Franc-Schein hin. Bald schon werden die gegensätzlichen Frauen beste (?) Freundinnen (»biches«): Frédérique (blasiert-mondän: Stéphane Audran) nimmt Why (unbefangen-stolz: Jacqueline Sassard) mit in ihre luxuriöse Villa nach Saint-Tropez, wo der Architekten Paul (attraktiv-reserviert: Jean-Louis Trintignant) zwischen das Paar tritt ... Mit großer inszenatorischer Delikatesse entwickelt Claude Chabrol aus dem erotischen Dreiecksverhältnis ein quälerisches Spiel um Macht, Besitz und Genuß, ein beklemmendes Geflecht von Gier, Berechnung und (letztlich tödlicher) Rivalität, einen höhnischen Abgesang auf Freundschaft, Liebe und Glück: Die schöne Welt der Reichen ist nur eine betörende Fassade, hinter der sich die Deformation des indiskret-uncharmanten bourgeoisen Charakters und eine allgemeine Verarmung des Gefühls auftun.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Jean Rabier M Pierre Jansen A Marc Berthier S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jacqueline Sassard, Jean-Louis Trintigant, Henri Attal, Dominique Zardi | F & I | 99 min | 1:1,66 | f | 22. März 1968

# 998 | 6. Mai 2016

18.3.68

The Producers (Mel Brooks, 1968)

Frühling für Hitler

Entzückend vulgäre und politisch herzlich inkorrekte Klamotte über Showgeschäft und Nationalsozialismus – zwei Themen, die mehr miteinander zu tun haben, als man vielleicht denken mag: Ein hochstaplerischer Broadway-Produzent und ein ausgekochter Buchprüfer spekulieren auf großen Reibach, indem sie »Springtime for Hitler«, das schlechteste Musical aller Zeiten, herausbringen, um nach der unausweichlichen Pleite die überschüssigen Investor(inn)engelder einzusacken. Daß die Chose nicht ganz so glatt über die Bühne geht wie geplant, versteht sich angesichts des unberechenbaren New Yorker Publikumsgeschmacks beinahe von selbst. Zero Mostel und Gene Wilder sind ein mindestens so extraordinär-größenwahnsinniges Gespann wie der »Führer« und sein Schäferhund – und mit Song­zeilen wie »Don't be stupid, be a smarty, come and join the Nazi party« hat sich Mel Brooks seinen Klappstuhl auf dem Komödiantenolymp redlich verdient.

R Mel Brooks B Mel Brooks K Joseph Coffey M John Morris A Charles Rosen S Ralph Rosenblum P Sidney Glazier D Zero Mostel, Gene Wilder, Dick Shaw, Kenneth Mars, Estelle Einwood | USA | 88 min | 1:1,85 | f | 18. März 1968

14.3.68

Le pacha (Georges Lautner, 1968)

Der Bulle

Kommissar Joss (bullig-lakonisch: Jean Gabin) hat die Schnauze voll. Nach Jahrzehnten des ebenso harten wie vergeblichen Kampfes gegen Unrecht und Gewalt, emotional angefaßt von der Ermordung eines alten Freundes und Kollegen (der sich um einer hübschen jungen Frau willen in eine trübe Sache verwickelt hat) macht sich der Pariser Polizeibeamte kurz vor der Pensionierung daran, den Sumpf des Verbrechens endgültig trockenzulegen. Ohne Rücksicht auf Verluste (oder lästige Vorschriften) nimmt Joss das Gesetz selbst in die Hand und spielt rivalisierende Banden tödlich gegeneinander aus ... Nicht ohne bärbeißige Ironie schildert Georges Lautner (drehbuchtechnisch unterstützt von seinen Langzeitkomplizen Michel Audiard und Albert Simonin) den letzten Einsatz eines alten Schlachtrosses in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Neben dem unerschütterlichen Gabin glänzen in Nebenrollen: André Pousse als gewissenloser Gangster Quinquin, Robert Dalban als verführbarer Polyp, Maurice Garrel als kultivierter Hehler und, enfin et surtout, Serge Gainsbourg als er selbst in einer bemerkenswerten Gesangseinlage: »C’est le requiem pour un con. / Je l'ai composé spécialement pour toi / à ta mémoire de scélérat.«

R Georges Lautner B Michel Audiard, Georges Lautner, Albert Simonin V Jean Delion K Maurice Fellous M Serge Gainsbourg, Michel Colombier A Jean d’Eaubonne S Michelle David P Alain Poiré D Jean Gabin, Dany Carrel, André Pousse, Robert Dalban, Maurice Garrel | F & I | 82 min | 1:1,66 | f | 14. März 1968

# 1055 | 5. Juni 2017

Heroin (Heinz Thiel & Horst E. Brandt, 1968)

Drogenschmuggel bei der Deutschen Reichsbahn! Leichen am Bahndamm! Rauschgift in Tomatendosen! Alerte französische Geschäftsleute, die im Ostberliner Hotel Unter den Linden residieren, haben ihre Finger im Spiel, doch die eigentliche Spur führt über Budapest und Belgrad an die dalmatinische Küste. Zollkommissar Peter Zinn (Thälmann-Darsteller Günther Simon einmal mehr in der Rolle des aufrechten Kämpfers für sozialistische Gerechtigkeit) schlüpft in die Maske eines Zugkellners, um den Hintermännern und -frauen des tödlichen Deals (eine Stewardeß, ein Kammersänger, ein Frisör, dessen Schwester, ein Gastwirt) das Handwerk zu legen. Heinz Thiel (Defa-Spezialist für gediegene, bisweilen beachtliche Krimikost) und sein langjähriger Kameramann Horst E. Brandt können indes nicht verhindern, daß sich – ungeachtet internationaler Schauplätze und grenzübergreifender Verwicklungen – Momente von Spannung im grauen Fahndungsalltag eher selten einstellen.

R Heinz Thiel, Horst E. Brandt B Gerhard Bengsch K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Konrad-Nöller P Martin Sonnabend D Günther Simon, Werner Dissel, Walter Jupé, Eva-Maria Hagen, Predrag Milinkovic | DDR | 85 min | 1:2,35 | sw | 14. März 1968

# 1011 | 2. August 2016

8.3.68

Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg (Marran Gosov, 1968)

»Ich bin jetzt 19. Ich bin fällig.« Die fesche Katja (Gila von Weitershausen) reist von Bamberg nach München, um sich erstmals flachlegen zu lassen – was auch in Zeiten der sexuellen Revolution gar nicht so einfach ist, wie es klingt. Zwar findet sie Aufnahme in eine vielversprechende Männer-WG, doch ihr jungfräulicher Zustand löst nicht eben Begeisterung aus: »Und das soll ich jetzt machen? Du, da biste bei mir aufm falschen Dampfer.« Schließlich klappt es doch noch, und das Fräulein kann befreit in die Provinz zurückkehren … Marran Gosovs zartfühlend-skurrile Erotik-Komödie bezaubert durch ihre liebenswürdige Schwabinger Stimmungsmalerei, durch ihre Freude am abschweifenden Herumschnuppern, durch ihre närrische Einbildungskraft – etwa wenn sich Katja beim Musikhören das bukolische Idyll eines nackten Pärchens im Englischen Garten herbeiphantasiert und sich in ihrem Wunschtraum unversehens von einer mähenden Schafherde umringt sieht. Kino ist laut François Truffaut die Kunst, hübsche Frauen hübsche Dinge tun zu lassen. »Engelchen« ist mindestens so hübsch wie seine kokette Hauptdarstellerin, die sich (und dem Publikum) voller Lust und Laune eine vergnügliche Zeit bereitet.

R Marran Gosov B Franz Geiger, Marran Gosov K Werner Kurz M Jacques Loussier A Peter Scharff S Gudrun Vöge, Enzio von Kühlmann-Stumm P Rob Houwer D Gila von Weitershausen, Dieter Augustin, Uli Koch, Hans Clarin, Gudrun Vöge | BRD | 81 min | 1:1,66 | f | 8. März 1968

22.2.68

Negresco**** – Eine tödliche Affäre (Klaus Lemke, 1968)

Der mittelmäßige Fotograf Roger (Gérard Blain) erhält in Berlin rein zufällig vage Hinweise auf ein möglicherweise profitables Geheimnis und folgt dessen mondäner Trägerin Laura Parrish (It-Lady Ira von Fürstenberg) durch teure Hotels und prächtige Villen, an die (sonnige) Côte d’Azur und weiter ins (tödliche) Engadin. In seinem zweiten Spiel-Film kokettiert Klaus Lemke wiederum schaulustig-eskapistisch mit bekannten Kinomotiven (verbotene Liebe, dunkle Geschäfte, undurchschaubare Ränke), schießt kolportagehafte Momentaufnahmen aus der großen, weiten Illustriertenwelt der reichen Männer und schönen Frauen, der flotten Boote und schnellen Schlitten, des heißen Geldes und gefährlichen (Zu-viel-)Wissens. Die flüchtig-spekulativen, nicht immer ganz scharfen Paparazzoblicke fügen sich kaum zu einer schlüssigen Story, reihen sich vielmehr assoziativ aneinander wie eine Folge von leicht verdruckten Bildern in einem Regenbogenblatt. Die berühmte Nizzaner Luxusabsteige, die dem Werk den wohlklingenden Titel leiht, und die exklusive Jet-Set-Hauptdarstellerin stehen emblematisch für jene mystische Society-Sphäre, die ein ehrgeiziger Arrivist zwar vorübergehend betreten aber in Wahrheit nicht erreichen kann.

R Klaus Lemke B Max Zihlmann, Klaus Lemke, Ingo Hermes K Michael Marszalek M Klaus Doldinger S Renate Willeg P Peter Berling D Gérard Blain, Ira von Fürstenberg, Paul Hubschmid, Serge Marquand, Ricky Cooper | BRD | 95 min | 1:1,66 | f | 22. Februar 1968

19.2.68

Vargtimmen (Ingmar Bergman, 1968)

Die Stunde des Wolfs 

Surrealistisches Nachtstück um die seltsamen Leiden einer Künstlerseele. »Die Stunde des Wolfs ist die Stunde zwischen Nacht und Morgen. Es ist die Stunde, in der die meisten Menschen sterben, in der der Schlaf am tiefsten ist, in der Alpträume Realität gewinnen. Es ist die Stunde, in der Dämonen ihre Macht entfalten, und es ist die Stunde, in der die meisten Kinder geboren werden.« Mit der fiktiven Rekonstruktion des sonderbaren Geschehens aus den nachgelassenen Papieren des verschwundenen Malers Johan Borg (Max von Sydow) und den Erzählungen seiner Frau Alma (Liv Ullmann) stellt sich Ingmar Bergman in die Tradition schwarzromantischer Spukphantasien à la E. T. A. Hoffmann (Kapellmeister Kreisler höchstselbst hat einen Auftritt), um ein dunkles Spektakel über Kreativität und Heimsuchung, Empathie und Besessenheit abrollen zu lassen. Die Einöde, in die sich das Ehepaar Borg zurückgezogen hat, wird plötzlich bevölkert von einer Reihe erst masken-, dann fratzenhafter Gestalten, die der Erinnerung und Imagination des Künstlers entspringen; auf einem Gruselschloß geraten Johan und Alma, die sich in ihren Mann so bedingungslos einfühlt, daß seine wahnhaft-sensibilisierte Wahrnehmung auch zu ihrer wird, in die Fänge dieser fellinesk-unheimlichen Gesellschaft von dekadenten Aristokraten und aufdringlichen Kulturbürgern: Sie erscheinen als Spiegelungen innerer und äußerer Realitäten – als Blutsauger des Kunst betriebs, als Gespenster der Vergangenheit, als Nachtmahre sexueller Obsessionen, als Totenvögel der Kreativität. In erbarmungslos hartem Schwarzweiß schaffen Bergman und sein Kameramann Sven Nykvist mit »Vargtimmen« ein vielschichtiges, gotisch-geisterhaftes Wechselspiel zwischen (seelischer) Inbesitznahme und (künstlerischer) Entäußerung, zwi­schen schöpferischer Explosion und depressiver Leere.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Lars Johan Werle A Marik Vos S Ulla Ryghe P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Ingrid Thulin, Erland Josephson, Gertrud Fridh, Naima Wifstrand | S | 90 min | 1:1,37 | sw | 19. Februar 1968

18.1.68

Der Hund von Blackwood Castle (Alfred Vohrer, 1968)

Eine filmische Ode an die Berliner Pfaueninsel: das »preußische Paradies« als englische Idealszenerie und adäquate Edgar-Wallace-Kulisse. Inmitten der herbstlich-idyllischen Parklandschaft, zwischen nebligem Gehölz und hungrigem Sumpf, geschehen gräßliche Dinge: Diverse Spaziergänger (allesamt Gäste des rustikalen, von Lady Agathy Beverton (Agnes Windeck) (groß-)mütterlich geleiteten Gasthofes »Old Inn«) sterben an den Bissen einer mordgierigen Bestie. Zentrum des Schreckens: Blackwood Castle, das vom kürzlich verstorbenen Schloßherrn seiner lange negierten Tochter (Karin Baal) vermacht wurde. Nach dem Tod des Besitzers wird der alte, spinnverwebte Kasten unversehens von einer Schar zwielichtiger Interessenten (Hans Söhnker, Heinz Drache, Horst Tappert und andere) umlagert, die hinter den morschen Mauern schlummernde Reichtümer vermuten … Alfred Vohrer arrangiert ein gewitztes Katz-und-Maus-, besser gesagt: Hund-und-Mensch-Spiel, verrührt die hergebrachten Zutaten der Endlosserie zu einer amüsanten Thrillerfarce, antwortet auf jede Sinnfrage mit einem billigen Schaueffekt. Den Fall, der deutliche Anleihen bei Arthur Conan Doyles »The Hound of the Baskervilles« und bei Stanley Donens »Charade« nimmt, untersucht Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) höchstpersönlich, assistiert von seiner pfiffigen Assistentin Miss Finley (Ilse Pagé) – die Ermittler stoßen unter anderem auf einen gepolsterten Sarg für lebende Tote und Schachfiguren, die als Fernsteuerung dienen, auf schatzhütende Schlangen und einen ausgestopften Bären mit Funkanschluß …

R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Horst Tappert, Karin Baal, Agnes Windeck, Siegfried Schürenberg | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1968