20.5.58

Indiscreet (Stanley Donen, 1958)

Indiskret

»How dare he make love to me and not be a married man!« Lady meets gent: Sie ist eine berühmte Theaterschauspielerin in den besten Jahren, und sie verliebt sich in einen smarten (doch leider: hoffnungslos verheirateten) Diplomaten – Begegnung zweier ausgewiesener Rollenspieler. Anna Kalman (stilvoll dramatisch: Ingrid Berman) hat (wie sie meint) schon alle Liebesschwüre und Abschiedsfloskeln gehört, Philip Adams (formvollendet schillernd: Cary Grant) bekommt (wie er glaubt) stets das, was er will … Gutgeschnittene Smokings und rauschende Abendroben, knisternde Situationen und prickelnde Dialoge: Stanley Donen macht ein elegantes Apartment im Londoner West End zur Bühne einer attraktiven romantischen Komödie über Empathie und Taktik, über Erwartung und Verstellung, über Abgeklärtheit und Affekte, über die Gesetze der Moral und deren – bald lust-, bald leid-, immer aber geschmackvolle – Untergrabung.

R Stanley Donen B Norman Krasna V Norman Krasna K Freddie Young M Ken Jones, Richard Rodney Bennett A Donald Ashton S Jack Harris P Stanley Donen D Ingrid Bergman, Cary Grant, Cecil Parker, Phyllis Calvert | USA & UK | 100 min | 1:1,85 | f | 20. Mai 1958

# 828 | 15. Januar 2014

15.5.58

Gigi (Vincente Minnelli, 1958)

Gigi

Paris um 1900: Gigi (Leslie Caron), ein knuspriger Backfisch, wird, der familiären Tradition folgend, zur Luxuskokotte herangebildet; am Ende triumphiert die wahre Liebe über die Ware Liebe. Die dünne Story aus der Abenddämmerung der Belle Époque liefert dem Hollywood des ausgehenden golden age noch einmal den Vorwand, die große Illusionsmaschine anzuwerfen. Vincente Minnelli zeigt sich dabei weniger an seinen Figuren, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihrer Melancholie und Leidenschaft interessiert, als am Eintauchen in die Magie des Kinos selbst. »Gigi« schwelgt in Cecil Beatons opulenter Neuerschaffung von Interieurs und Kostümen der Jahrhundertwende, in den musikalischen Kreationen von Lerner und Loewe, in der Beschwörung von zweckfreier Schönheit und zeitloser Heiterkeit. Freilich sind auch die Zeichen von Ermüdung am Ende der Ära nicht zu übersehen: die Inszenierung bleibt weitgehend statisch, sie gleicht weniger einem schäumenden Fluß von Bewegung denn einer Abfolge von exquisiten Illustrationen. Das Lächeln scheint immer wieder zu gefrieren, ganz so, als würde der kühle Hauch des Abschieds durch das Luftschloß wehen. Maurice Chevalier singt und spielt einen vitalen Lustgreis (»Thank heaven for little girls!«), Louis Jourdan einen gelangweilten Lebemann (»It’s a bore!«), Hermione Gingold eine zielbewußte Matriarchin (»Gigi, you are absurd! / Now not another word!«).

R Vincente Minnelli B Alan Jay Lerner V Colette K Joseph Ruttenberg M Frederick Loewe A Cecil Beaton S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Leslie Caron, Maurice Chevalier, Louis Jourdan, Hermione Gingold, Eva Gabor | USA | 115 min | 1:2,35 | f | 15. Mai 1958

14.5.58

Le désordre et la nuit (Gilles Grangier, 1958)

Im Mantel der Nacht | Das Geheimnis der Dame in Weiß

Sie heißt Lucky. Sie ist nicht glücklich. Sie kommt aus Deutschland. Sie hat einen reichen Vater. Sie lebt im teuersten Hotel von Paris. Sie will Sängerin werden. Sie will singen mit der Stimme und der Seele einer Schwarzen. Aber wenn sie singt, sagen die Leute, sie solle aufhören. Sie nimmt Drogen. Sie verliert sich zwischen irgendwelchen Männern … Als einer dieser Männer ermordet wird, gerät Lucky (Nadja Tiller) in Verdacht. Inspektor Valois (Jean Gabin), ein desillusionierter Einzelgänger (von dem es heißt, daß er gerne mal einen über den Durst trinke), führt die Ermittlungen; die scheinbar unerschütterliche Statuarik, mit der er auf den Plan tritt, wird sich als (Schutz-)Hülle einer Unordnung ganz eigener Art erweisen. Lucky und Valois, zwei Einsame, die einander ausnutzen und kompromittieren, zwei Verirrte, die sich finden. Ein jazziges Nachtstück, von Gilles Grangier unterkühlt inszeniert: distanzierte Blicke auf Rausch und Katzenjammer, auf Sehnsucht und Enttäuschung. Der Schluß rückt eine vorgeblich beherrschte Apothekerin (Danielle Darrieux ) ins Zentrum des Geschehens, und in die zergliedernde Kälte des Psychogramms schleicht sich unversehens ein lauwarmer Ton melodramatischer Phrasenhaftigkeit.

R Gilles Grangier B Michel Audiard, Jacques Robert, Gilles Grangier V Jacques Robert K Louis Page M Jean Yatove A Robert Bouladoux S Jacqueline Sadoul P Lucien Villard D Jean Gabin, Nadja Tiller, Danielle Darrieux, Paul Frankeur, Roger Hanin | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 14. Mai 1958

# 819 | 31. Dezember 2013

10.5.58

Mon oncle (Jacques Tati, 1958)

Mein Onkel

Jacques Tatis Alter Ego Monsieur Hulot als Protagonist in einem skurrilen clash of lifestyles: Die seelenlose Zweckmäßigkeit der Hypermoderne steht gegen den nostalgischen Zauber der guten alten Zeit. Hier das von einer durchkonstruierten Grünanlagenabstraktion umgebene avantgardistische Eigenheim der Familie Arpel, dort Hulots romantisch-verstiegenes Dachstübchen in einem pittoresken Quartier – auf der einen Seite Lichtschranke, vollautomatische Küche und kühle Repräsentation, andererseits Pferdekarren, brüchige Mauern und liebenswürdige Mitmenschlichkeit. Auch wenn der Film beiden Welten gleichermaßen spitzfindige Gags abgewinnt – so werden etwa die runden Fenster der modernistischen Villa nachts zu glotzenden Augen, und grafisch angelegte Plattenwege provozieren bizarre Ballette der Gartenbesitzer und ihrer Gäste; demgegenüber zögert ein arbeitsfauler Straßenfeger vor jedem Besenschwung, und aus dem vorsintflutlichen Lastwagen eines Gemüsehändlers fallen bei jeder Gelegenheit scheppernde Werkzeuge –, sind die Sympathien klar verteilt: Hulot, der schrullig-lebenskünstlerische Schwager des borniert-arrivistischen Villenbesitzers (mithin der Onkel von dessen aufgewecktem kleinen Sohn), gibt in seiner spezifischen Mischung aus Staunen und Unerschütterlichkeit vielleicht kein Vorbild hinsichtlich konzentrierten Leistungswillens ab, überzeugt aber als Lehrmeister in Sachen Gemeinschaftsgefühl und Daseinsfreude. Tatis satirische Wehmut nach einem vermeintlich besseren Gestern (das aussieht wie an einem schönen Sommertag von Eugène Atget fotografiert) zeigt sich in der erzählerischen Konsequenz zutiefst paradox: Während malerische Stadtviertel der Spitzhacke zum Opfer fallen, entdeckt der kalkuliert-effiziente Monsieur Arpel das verspielte Kind in sich. So treibt die Hulot’sche Zivilisationskritik mit Hütchen, Regenschirm und Pfeife zu guter Letzt noch märchenhafte Blüten.

R Jacques Tati B Jacques Tati, Jacques Lagrange, Jean L’Hôte K Jean Bourgoin M Franck Barcellini, Alain Romans A Henri Schmitt S Suzanne Baron P Jacques Tati D Jacques Tati, Jean-Pierre Zola, Adrienne Servanti, Alain Bécourt, Betty Schneider | F | 117 min | 1:1,37 | f | 10. Mai 1958

# 929 | 5. Januar 2015

9.5.58

Vertigo (Alfred Hitchcock, 1958)

Aus dem Reich der Toten

»Here I was born. And there I died.« … »Vertigo«, Alfred Hitchcocks lyrische Spiralfahrt durch »der Seelen wunderliches Bergwerk«, eine hypnotische Meditation über Liebe, Zeit und Tod, über ruhelose Wanderschaft, innere Unfreiheit und die Illusion der zweiten Chance, über fahles Grün, leuchtendes Rot und die Erotik grauer Schneiderkostüme, schwingt sich als Thriller irgendwo zwischen slow motion und Somnambulismus ein; als Melodram dringt das wohl morbideste Werk des Regisseurs in nachtmahrische Grenzbereiche des Genres vor: Hier bekommt (außer dem bösen Strippenzieher) wirklich keiner, was er begehrt … John ›Scottie‹ Ferguson (James Stewart), ein unter Höhenangst leidender Expolizist, spürt im Auftrag eines alten Bekannten dessen psychotisch in die Vergangenheit driftender, suizidaler Ehefrau (Kim Novak) nach, um auf seiner ungesunden Mission durch (das frühere und gegenwärtige) San Francisco diesem archetypischen Modell einer Hitchcock-Blondine rettungslos zu verfallen. Halb Orpheus, der seiner (toten) Geliebten in die Unterwelt folgt, um sie ins Leben zurückzurufen, halb Pygmalion, der sich ein weibliches Idealbild erschafft und seiner Kunstfigur untertan wird, verliert sich ›Scottie‹ in einer schwindelerregenden Sehnsucht, die letztendlich keinem Gegenüber mehr zu gelten scheint, sondern dem Unmöglichen, dem Verlangen selbst. So wird die Liebe zur jenseitigen Fiktion, die Kontinuität der Zeit zerfällt zu einem ewigen »too late«, und der Tod zieht als glänzender Nebel herauf, der alles silbrig verschluckt … »The gentleman seems to know what he wants«, heißt es einmal über ›Scottie‹, als er sein verlorenes Traumgeschöpf mit fetischistischer Energie zu rekonstruieren versucht – dieser Satz trifft ebenfalls auf Hitchcock zu, der in »Vertigo« nichts dem Zufall überläßt: Mit seinem pathologisch-romantischen Helden teilt er sowohl die emotionale (und künstlerische) Besessenheit als auch die schicksalhafte Gefangenschaft in der eigenen, unerreichbaren Vision … »An Totes zu denken, ist süß, / so Entfernte, / man hört die Stimme reiner, / fühlt die Küsse, / die flüchtigen und die tiefen – / doch du irrend bei den Schatten!«

R Alfred Hitchcock B Samuel A. Taylor, Alex Coppel V Pierre Boileau, Thomas Narcejac K Robert Burks M Bernard Herrmann A Henry Bumstead, Hal Pereira S George Tomasini P Alfred Hitchcock D James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones | USA | 128 min | 1:1,85 | f | 9. Mai 1958