25.12.61

The Innocents (Jack Clayton, 1961)

Schloß des Schreckens

»What shall I sing to my lord from my window?« Miss (!) Giddens (Deborah Kerr als daughter of a preacher man – empathisch und fanatisch) kommt als Erzieherin der Waisenkinder Miles und Flora auf den abgelegenen Landsitz Bly. Bald schon wähnt sie hinter der scheinbar (?) arglosen Altklugheit ihrer Schutzbefohlenen einen Abgrund des Grauens: Haben die Geister des triebhaften Hausdieners und der ihm verfallenen Gouvernante Besitz von den Seelen der Geschwister ergriffen? Vielleicht erzählt Jack Clayton mit »The Innocents« tatsächlich die Geschichte der Besessenheit der beiden Kinder – das wäre die komfortabelste Erklärung für die Dinge, die wir sehen (oder sehen sollen) –, vielleicht handelt es sich auch um eine Tauchfahrt in die Geheimnisse einer verkarsteten (in diesem Falle: weiblichen) Psyche: Verdrängtes, Projektionen, Begierden – Unbewußtes, das wie Sumpfgas blubbernd ans Licht steigt. Der Film legt sich nicht fest, Erklärungen hängen in der Luft wie wehende Vorhänge in der Nacht. Und dann: dieses wispernde Kaminfeuer, diese allzeit welkenden weißen Rosen, dieses penetrante Vogelgezwitscher, diese Küsse zwischen einer Frau und einem Jungen, diese unheimlich tiefenscharfen Bilder (Freddie Francis), diese spukig-spieldosenhafte Musik (Georges Auric), diese intensive Beschwörung der grauen-vollen Paradiese der Kindheit (Buch: Truman Capote nach Henry James). Ein alptraumhaftes Meisterwerk. »Waking a child can sometimes be worse than any bad dream.« Gilt nicht nur für Kinder …

R Jack Clayton B Truman Capote, William Archibald V Henry James K Freddie Francis M Georges Auric A Wilfried Shingleton S Jim Clark P Jack Clayton D Deborah Kerr, Martin Stephens, Pamela Franklin, Clytie Jessop, Michael Redgrave | USA & UK | 100 min | 1:2,35 | sw | 25. Dezember 1961

20.12.61

Divorzio all’italiana (Pietro Germi, 1961)

Scheidung auf italienisch

Agramonte, eine Kleinstadt im sizilianischen Hinterland: Baron Ferdinando ›Féfé‹ Cefalù (Marcello Mastroianni), Sproß einer verarmten Adelssippe, gelangweilt und abge­stoßen von seiner ergebenen Ehefrau Rosalia, verliebt sich unsterblich in seine Cousine, die bildhübsche Klosterschülerin Angela (!) (Stefania Sandrelli). Weil Scheidung nach italieni­sch-katholischem Familienrecht ausgeschlossen ist, träumt der ehrenwerte Taugenichts davon, die verabscheute Gattin zu verseifen, sie im Moor zu versenken oder mit einer Rakete ins All zu schießen. Voller Sarkasmus betrachtet Pietro Germi, wie der (schein-)heilige Sittenkodex die Ungeheuer der Mordlust gebiert: Mit gewissenloser Spitzfindigkeit denkt ›Féfé‹ den Geist des überkommenen Gesetzes zu Ende und arrangiert eine verfängliche Situation, die ihm das befreiende »Verbrechen aus Leidenschaft« erlaubt. Sogar die bewußte (Selbst-)Erniedrigung zu einem von aller Welt lauthals geschmähten »cornuto« zieht der machistische Baron ungerührt ins Kalkül, bleibt ihm doch, auf diese schändliche Weise befleckt, gar keine andere Wahl, als dem blutrünstigen Ehrbegriff seiner Landsleute Rechnung zu tragen … Germis makabre Satire liefert neben unterhaltsam-geräuschvollen Volks- und Familienszenen das kritische Bild einer Gesellschaft, deren rigoroses Reglement zur fatalen Formalie erstarrt ist.

R Pietro Germi B Ennio De Concini, Pietro Germi, Alfredo Giannetti K Leonida Barboni, Carlo Di Palma M Carlo Rustichelli A Carlo Egidi S Roberto Cinquini P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Daniela Rocca, Stefania Sandrelli, Leopoldo Trieste, Odoardo Spadaro | I | 108 min | 1:1,85 | sw | 20. Dezember 1961

# 922 | 2. Dezember 2014

Murder She Said (George Pollock, 1961)

16 Uhr 50 ab Paddington

»Marple her name, marble her nature.« Miss Jane Marple (mit Haaren auf den Zähnen und wahrscheinlich auch anderswo: Margaret Rutherford) als Augenzeugin eines Mordes in der Eisenbahn. Zugpersonal und Polizei schenken ihrer Aussage keinen Glauben, und so macht sich die kriminalistisch hochbegabte reife Dame – mal in der Maske eines Gleisarbeiters, dann wieder getarnt als Dienstmädchen in einem zweitklassigen Herrenhaus – selbst auf den Weg, die Leiche aufzuspüren und den Täter zu stellen. George Pollock formt Agatha Christies teegebäckiges Whodunit-Material zur Apotheose der alten Jungfer: Wieso eine stressige Beziehung führen, weshalb einem Partner zu Willen sein, warum undankbaren Blagen sein Bestes geben – wenn man stattdessen in aller Ruhe stricken, Krimis lesen oder zur Abwechslung auch mal in anderer Leute Ställen und Kommoden herumschnüffeln kann? Neben Rutherford und ihrem Helferlein Mr. Stringer (Davis) wird »Murder She Said« von James Robertson Justice als brummigem landlord (»I live here because I want to, not because I can afford it.«), Arthur Kennedy als dienstfertigem Arzt, Charles Tingwell als begriffsstutzigem Inspektor sowie (last but not least) von Ron Goodwins zwischen Rokoko und Swinging London oszillierendem ›Miss Marple’s Theme‹ in Schwung gebracht – und gehalten.

R George Pollock B Jack Seddon, David Pursall, David Osborn V Agatha Christie K Geoffrey Faithfull M Ron Goodwin A Harry White S Ernest Walter P George H. Brown D Margaret Rutherford, Arthur Kennedy, Muriel Pavlov, James Robertson Justice, Charles Tingwell | UK | 87 min | 1:1,66 | sw | 20. Dezember 1961

Lover Come Back (Delbert Mann, 1961)

Ein Pyjama für zwei 

»In these steel and concrete beehives are born the ideas that decide what we will eat, drink, drive and smoke, and how we will dress, sleep, shave and smell.« Die New Yorker Madison Avenue, pulsierendes Zentrum der Werbewelt (und -wirtschaft), bietet das ideale Setting für die zweite ménage à trois von Day/Hudson/Ran­dall und eine hysterisch-konsumkritische Auseinandersetzung mit dem american way of life. Doris steht für die Sinnlosigkeit ehrlicher Arbeit in einer Welt, in der ein Scharlatan wie Rock ganz en passant das Marketing ohne Produkt erfindet – und damit nicht nur durch­kommt, son­dern durchschlagenden Erfolg feiert –, wohingegen Tony eindrucksvoll das Ge­fühl von Entfremdung in der Überflußgesellschaft verkörpert. Außer­dem zu genießen: Beton­frisuren (Doris), Dackelblicke (Rock), knallfarbene Gesichter (Tony), rollende Augen (alle) sowie unbe­schreib­liche (weil unsichtbare) Exzesse unter Einfluß von ›Vip‹. ›Vip‹? ›Vip‹! (»Everything I’ve got, I owe to ›Vip‹.«)

R Delbert Mann B Stanley Shapiro, Paul Henning K Arthur E. Arling M Frank De Vol A Alexander Golitzen, Robert Clatworthy S Marjorie Fowler P Martin Melcher, Stanley Shapiro D Doris Day, Rock Hudson, Tony Randall, Edie Adams, Jack Kruschen | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 20. Dezember 1961

19.12.61

Der Traum von Lieschen Müller (Helmut Käutner, 1961)

Helmut Käutners kabarettistische Revue vom Tanz ums goldene Kalb: Lieschen Müller (Sonja Ziemann), die kleine Bankangestellte aus Dingskirchen, träumt den Traum vom großen Glück: Roben aus goldener Seide, darauf Saphirsterne, darüber Platinnerze, dazu offene Luxuswagen, feudale Hotels und ein attraktiver Bräutigam auf Bestellung – das Leben als einzige Wunscherfüllung. Möglich macht es Impressario Dr. Schmidt (Martin Held), der für die Durchschnittsfrau einen toten Onkel aus Amerika und eine Erbschaft in Höhe von drei Milliarden Dollar erfindet. Das brave Lieschen Müller verwandelt sich in die allseits umschwärmte Liz Miller, der man auf Grund ihres fiktiven Vermögens unbegrenzten Kredit gewährt … In eastmancolorbunten Showkulissen und allegorischen Szenen, mit satirischen Songs und allerlei skurrilen Filmtricks erklärt Käutner das Geheimnis des wirtschaftlichen Wachstums: Wo Geld ist, kommt Geld hin – denn: »Das Geld ist gern beim Geld zu Gast.« Und auch das virtuelle Kapital trägt (jedenfalls für manche) greifbare Früchte, ganz einfach »weil man jeden Käse glaubt«. Was die einen miesepetrig als Betrug bezeichnen, ist für die anderen eine reife Leistung der ökonomischen Phantasie. Das oberste Gebot des Finanzkapitalismus lautet: So tun, als ob. Letztlich schreckt Käutner leider vor der Konsequenz seiner eigenen Analyse zurück und verkündet – vermutlich wider besseres Wissen: »Das Glück, das kann keiner sich kaufen, / Und gäb’ er Milliarden dafür.« Lieschen Müller wird aus ihrem bunten Traum in die schwarzweiße Rahmenhandlung zurückversetzt, wo sie Tröstung durch einen adretten jungen Mann (Helmut Griem) und die Aussicht auf ein Einfamilienhaus im Wiesengrund erfährt.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Willibald Eser K Günther Senftleben M Bernhard Eichhorn, Michel Legrand A Otto Pischinger, Herta Pischinger S Klaus Dudenhöfer P Ilse Kubaschewski D Sonja Ziemann, Martin Held, Helmut Griem, Cornelia Froboess, Peter Weck, Wolfgang Neuss | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw/f | 19. Dezember 1961

# 904 | 31. August 2014

15.12.61

One, Two, Three (Billy Wilder, 1961)

Eins, zwei, drei

»Is everybody in this world corrupt?« – »I don't know everybody.« Berlin, der Nabel des Kalten Krieges, kurz vor der (fürs erste) endgültigen Abdichtung des Eisernen Vorhangs (»The situation is hopeless, but not serious.«): Während Coca-Cola nach Osten expandieren will, verführen die Roten (ohne Unterwäsche!) die schönsten Frauen der freien Welt. Dazu noch Umlautunterricht, Säbeltanz und verschiedenfarbige Brüste in gepunkteten Kleidern. Bei einem mopsfidelen Abend im Grand Hotel Wilder (»It used to be the Grand Hotel Göring, and before that, it was the Grand Hotel Bismarck.«) vermittelt »One, Two, Three« nicht nur alles, was man über Kapitalismus (»… is like a dead herring in the moonlight. It shines, but it stinks.«) und Kommunismus (»No comment!«) wissen muß – der Film ist auch ein lohnendes Studienobjekt für perfektes Komödientiming: Cagney! Pulver!! »Schlemmer!!!« PS: Nicht zu vergessen: Hotte Ludwig Piffl (der ideale Schwiegersohn) und Graf Hubsi von Droste-Schattenburg (aus einem uralten Geschlecht von Blutern).

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Ferenc Molnár K Daniel L. Fapp M André Previn A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Billy Wilder D James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Liselotte Pulver | USA | 115 min | 1:2,35 | sw | 15. Dezember 1961

13.12.61

Paris nous appartient (Jacques Rivette, 1961)

Paris gehört uns

»Paris n'appartient à personne.« – Anne, eine junge Frau aus der Provinz (Betty Schneider), zum Studium nach Paris gekommen, gerät in den Strudel einer mysteriösen (möglicherweise imaginären) Intrige: Juan, ein Exilspanier ist tot, vielleicht hat er sich umgebracht, vielleicht ist er ermordet worden; Anne, von den peu à peu ins Spiel gebrachten Verdachtsmomenten eines weltumspannenden Komplotts gleichermaßen beunruhigt und fasziniert, macht sich daran, die Hintergründe des rätselhaften Todes aufzuklären – auch um das Leben des (mutmaßlich) ebenfalls im Visier der nebulösen Verschwörer stehenden Theaterregisseurs Gérard (Giani Esposito) zu schützen … Jacques Rivette läßt ein paar vage Andeutungen fallen – McCarthy, Franco und die Falange, Schatten von Hiroshima – und schickt seine unbedarfte Protagonistin auf eine konfuse Recherche durch die Dachkammern, Hotelzimmer und Rive-gauche-Appartements der intellektuellen Bohème. Das Paris des Films – feindlich, eng, entseelt – wird zur Bühne eines kalten, (bewußt) inkohärenten Theaters der Paranoia, das seine sonderbare Stimmung in erster Linie aus dem Kontrast zwischen den statisch-distanzierten, oft beinahe manierierten Darbietungen der Akteure und der improvisatorischen Flüchtigkeit der Bilder gewinnt. Das Leben, von dem es einmal heißt, es sei nicht absurd aber chaotisch, scheint fundamental bedroht von zerstörerischen Kräften – Geld, Polizei, Ideologien –, die, verderblich hinter der Szene wirkend, allezeit zu ahnen, doch niemals zu greifen sind: »Le mal n’a pas qu’un visage. Ça serait trop facile.«

R Jacques Rivette B Jacques Rivette, Jean Gruault K Charles L. Bitsch M Philippe Arthuys S Denise de Casabianca P Roland Nonin, Claude Chabrol D Betty Schneider, Giani Esposito, Françoise Prévost, Daniel Crohem, François Maistre | F | 140 min | 1:1,37 | sw | 13. Dezember 1961

6.12.61

Le comte de Monte Christo (Claude Autant-Lara, 1961)

Der Graf von Monte Christo

Claude Autant-Lara verarbeitet Alexandre Dumas’ unvergängliche Vergeltungskolportage zu respektabler (und durchgehend kurzweiliger) filmischer Dutzendware. Die abenteuerlich-romantische Mär von der Wiederkunft des von »guten Freunden« verratenen und in den Abgrund des (vorläufigen) Vergessens gestürzten Seemannes Edmond Dantès in der Gestalt des steinreichen Rachegrafen von Monte Christo prunkt mit einer Reihe visueller Schauwerte, wobei der Regisseur seine eigentliche Stärke, die formale Stilisierung, dem herkömmlicher Naturalismus gediegener Unterhaltungsepik opfert – nur selten sorgen schrille Beleuchtungseffekte oder farbsymbolische Dekors für gestalterischen Mehrwert. Die Akteure (allen voran Louis Jourdan in der Titelrolle und Yvonne Furneaux als seine große Liebe Mercédès) tragen ihre pathosklirrenden Texte mit jener tiefen Inbrunst vor, zu der nur die allerbesten zweitklassigen Schauspieler fähig sind.

R Claude Autant-Lara B Jean Halain V Alexandre Dumas père K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Georges Charlot D Louis Jourdan, Yvonne Furneaux, Pierre Mondy, Jean-Claude Michel, Bernard Dhéran | F & I | 180 min | 1:2,35 | f | 6. Dezember 1961

28.11.61

Diesmal muß es Kaviar sein (Géza von Radványi, 1961)

Im Anschluß an eine ellenlange Zusammenfassung des bisherigen Geschehens schleppt sich der zweite Teil der CCC-Verhunzung von Johannes Mario Simmels ironisch-amüsantem Illustriertenroman über die gefahrvollen und amourösen Erlebnisse des zwischen die (Weltkriegs-)Fronten geratenen Zwangsagenten Thomas Lieven träge von der französischen Riviera (per Schiff) auf den Affenfelsen Gibraltar, weiter (per Pferd) nach Lissabon und schließlich (irgendwie) in das soeben befreite Paris. Nachdem ihm sämtliche bekannten Miezen und Schergen noch einmal über den lang(weilig)en Weg gelaufen sind, bringt das Ende der bräsigen Erzählung dem Antihelden zwar keine Befreiung aus spionischen Frondiensten, aber immerhin bleibt ihm (und dem Zuschauer) eine weitere filmische Fortsetzung erspart.

R Géza von Radványi B Henri Jeanson, Paul Andréota, Jean Ferry V Johannes Mario Simmel K Friedel Behn-Grund M Rolf Wilhelm A Otto Pischinger, Herta Hareiter S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D O. W. Fischer, Senta Berger, Eva Bartok, Viktor de Kowa, Jean Richard | BRD & F | 99 min | 1:1,66 | sw | 28. November 1961

# 1017 | 17. August 2016

The Errand Boy (Jerry Lewis, 1961)

Der Bürotrottel

»You just liked what you saw, and you believed what you liked.« Hollywoodmogul Tom ›T.P.‹ Paramutual (Brian Donlevy) ist ratlos: Sein Studio verliert Geld. Das Problem sind nicht die Zuschauerzahlen; das Defizit entsteht im Inneren der Traumfabrik. Ein Spitzel muß her, einer, der das Rätsel der schwindenden Dollars ergründet, dabei allerdings nicht ahnen soll, wozu er ge-, besser gesagt: mißbraucht wird. Der linkisch-zutunlich-reizbare Morty S. (»the S ist for scared«) Tashman (Jerry Lewis spielt ihn mit letztmöglicher Unschuld und Tolpatschigkeit) erweist sich als nützlicher Idiot des Vertrauens … Regisseur Lewis 
verortet in seinem dritten Film die körper- und gesichtsakrobatischen Gags des Hauptdarstellers Lewis wiederum konsequent an einem einzig(artig)en abgeschlossenen Schauplatz: sound stages und backlots, Büros und Chefzimmer eines Filmstudios werden zur Bühne der locker verbundenen Sketche. »This is Hollywood, land of the real and the unreal«, verkündet ein Off-Sprecher gleich zu Beginn des Geschehens programmatisch. Diesem Motto folgend, werden die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination aufgehoben: Lewis läßt seinen kindlichen Helden (= sich selbst) mit Puppen sprechen, läßt ihn fortgesetzt (und wie im Traum folgenlos) alle Arten von Inventar zerstören (oder zumindest transformieren), läßt ihn schließlich (quasi autobiographisch) zum gefeierten (und geldbringenden!) Star aufsteigen – und faßt das Geheimnis seines (= seines) Erfolges in zwei Worten zusammen: »He communicates.« Well, well …

R
Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Arthur Lonergan S Stanley Johnson P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Brian Donlevy, Howard McNear, Stanley Adams, Dick Wesson | USA | 92 min | 1:1,85 | sw | 28. November 1961

# 791 | 5. November 2013

16.11.61

Ercole al centro della terra (Mario Bava, 1961)

Vampire gegen Herakles

Die Sagenwelt des klassischen Altertums im farbstarken Licht von Mario Bava: Von gefahrvollen Abenteuern in die Heimat zurückkehrend, findet Herakles (Muskelklotz Reg Park) seine Geliebte, die schöne Königin Deianira von Ikalien, in einem Zustand seelischer Paralyse. Um den Zauberbann zu lösen, mit dem die rechtmäßige Herrscherin von ihrem bösen Onkel Lykus (Christopher Lee als blutdürstiger Prinz der Dunkelheit) belegt wurde, begibt sich der Halbgott mit seinem Freund Theseus auf der Suche nach dem rettenden »Stein des Vergessens« in die Unterwelt … Handlung, Dialoge und Darstellerleistungen sind, einem Peplum gemäß, simpel, hölzern und plump – aber schon in seinem ersten Farbfilm als Regisseur entfaltet Bava jenes spezifische kreative Genie, mit dem er Pappe, Gips und Flitter in phantastisch-naive, buntschillernde Kinolandschaften zu transformieren vermag. Wie in einer Geisterbahn blenden die Stationen der Heldenreise poppig leuchtend aus dem Dunkel auf – so werden die Orakelstätte der Medea, der Garten der Hesperiden, das Bett des Prokrustes, die Fluten des Hades, die Höhlen unter dem Palast, wo sich die Untoten aus den Gräbern erheben, zu Etappen eines psychedelischen Trips.

R Mario Bava B Mario Bava, Sandro Continezza, Franco Prosperi, Duccio Tessari K Mario Bava M Armando Trovajoli A Franco Lolli S Mario Serandrei P Achille Piazzi D Reg Park, Christopher Lee, George Ardisson, Leonora Ruffo, Franco Giacobini | I | 84 min | 1:2,35 | f | 16. November 1961

8.11.61

Die seltsame Gräfin (Josef von Báky, 1961)

»Ich bin die Gräfin Eleanora Moron! Niemand hat das Recht mich anzurühren!« Altgediente Stummfilmstars (Lil Dagover und Fritz Rasp), zähe Ufa-Kämpen (Marianne Hoppe und Rudolf Fernau), das immerzurstellige Rialto-Ensemble (›Blacky‹ und Eddi und Kinski) sowie der breiteste Berliner Boulevard (Brigitte Grothum und Edith Hancke) in einem ganz und gar außerenglischen Edgar-Wallace-Klassiker. Die verwinkelte Handlung (es geht im weitesten Sinne um komplizierte Familienverhältnisse und eine darin unterschlagene Erbschaft) spielt überall dort, wo obligaterweise das Verderben lauert: in einer Irrenanstalt und in einem Gefängnis, auf einem alten Schloß und in einer Anwaltskanzlei. Abgesehen davon, daß ständig bedrohlich das Telefon klingelt, Klaus Kinski irre lacht (»Ich mußte es doch tun!«) und schon mal ein Balkon von einer brüchigen Fassade fällt, entwickelt die Inszenierung (zum letzten Mal auf dem Regiestuhl: Josef von Báky) das subtile Grauen eines nichtendenwollenden Fünfuhrtees. PS: »Niemand!«

R Josef von Báky B Robert A. Stemmle, Curt Hanno Gutbrod V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Helmut Netwig, Albrecht Hennings S Hermann Ludwig P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Lil Dagover, Klaus Kinski, Marianne Hoppe | BRD | 94 min | 1:1,66 | sw | 8. November 1961

20.10.61

Tobby (Hansjürgen Pohland, 1961)

Tobby ist Jazzer (nicht Dschähßer sondern Jattzer!) mit Leib und Seele: Er spielt furios Schlagzeug und Mundharmonika, er singt und jammt, er konzertiert im ›Riverboat‹ am Fehrbelliner Platz und improvisiert im Hinterzimmer von Kurt Mühlenhaupts Kreuzberger Trödelladen. Tobby ist Berliner mit Leib und Seele: Er lebt mit geschiedener Frau (»Ich schätze sie sehr.«) und zwei kleinen Söhnen in einem lauschigen Siedlungshaus am Rande der Stadt und nächtigt bei schicken Mädchen in schicken Hansaviertel-Apartments, er rauscht auf dem Fahrrad kreuz und quer durch die kriegsversehrte Metropole und badet vor dem Frühstück im Wannsee, er streift durch malerische Ruinen und weiß nicht was er machen soll: Das lukrative Angebot annehmen oder nicht? Immer wieder klingelt verlockend das Telefon: Eine Tournee, sechs Monate Musik, Reisen, Geld, viel Geld. Aber kein Jazz, keine lebendiger Atem – sondern das, was die Leute hören wollen. Sich verkaufen oder bei sich bleiben, das ist die Frage. Tobby ist Tobias Fichelscher, ein Berliner Jazzer, der Tobby spielt; Tobbys Frau im Leben ist Tobbys Frau im Film, Tobbys Söhne spielen Tobbys Söhne. »Tobby« entscheidet sich nicht zwischen Dokumentation und Fiktion; Hansjürgen Pohland (Regie) und Wolf Wirth (Kamera), die bald nach Fertigstellung ihres Films das Oberhausener Manifest unterzeichnen werden, setzen sich so nonkonformistisch zwischen die Stühle wie ihr eigensinniger Protagonist: Daß eine Handvoll Menschen verstehe, worum es ihm gehe, sei ihm wichtiger als eine hohe Gage, sagt Tobby. »Tobby« versucht dieses Befinden in Bilder, in Montagen zu fassen, versucht, einer Haltung nachzuspüren, in einen sperrigen Charakter einzutauchen. Dazu sind den Machern viele Mittel recht: Reportage und Kolportage, cinéma vérité und visuelle Symbolik. Damit trifft »Tobby« den Ton eines Ortes und einer Zeit und eines Menschen. »Tobby« ist Jazz.

Tobby | R Hansjürgen Pohland B Hansjürgen Pohland, Siegfried Hofbauer K Wolf Wirth Tobias Fichelscher, Manfred Burtzlaff S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Tobias Fichelscher, Anik Fichelscher, Eva Häußler, Francis Conrad Charles, Kurt Mühlenhaupt | BRD | 81 min | 1:1,37 | sw | 20. Oktober 1961

19.10.61

Mörderspiel (Helmuth Ashley, 1961)

»Nun sterbt mal schön.« Klaus Troger (Harry Meyen) ist ein Frauenmörder. Der erfolgreiche Modeschöpfer leidet unter der höhnischen Verachtung seiner blonden Gattin (Magali Noël). Darum erwürgt er regelmäßig Blondinen … Nein, Trivialpsychologie steht nicht im Mittelpunkt von Helmuth Ashleys frostig-sarkastischem Wirtschaftswunderthriller, vielmehr geht es um Trogers kaltblütigen Versuch, Spuren zu beseitigen, eine frische Tat zu vertuschen, auf der er so gut wie ertappt worden ist. Mehr noch: Es ist es ein doppeltes, ein dreifaches, ein zigfaches »Mörderspiel«, das im Penthouse eines betuchten Unternehmers gespielt wird, denn (fast) alle Beteiligten haben etwas zu verbergen – oder bei anderen zu entlarven: Gefühllosigkeit, Sucht, Schulden, Untreue, Verzweiflung, Herzensträgheit, Leere. Gesellschaft bedeutet, die Anwesenheit von herzlich verabscheuten Menschen zu ertragen, deren Tod jederzeit billigend in Kauf genommen wird. Ein Hauch von Buñuel, eine Brise Sartre, eine leise Ahnung von ›ángel exterminador‹ und ›huis clos‹ weht durch die von Sven Nykvist in hartem Schwarzweiß fotografierte oberflächliche Wohlstandswelt, in der Eingeschlossene, Zusammengesperrte, Standesgenossen sich das süße Leben konsequent zur Hölle machen.

R Helmuth Ashley B Thomas Keck, Helmuth Ashley V Max Pierre Schaeffer K Sven Nykvist M Martin Böttcher A Rolf Zehetbauer S Walter Boos P Utz Utermann, Claus Hardt D Harry Meyen, Magali Noël, Götz George, Hanne Wieder, Wolfgang Kieling, Wolfgang Reichmann, Robert Graf | BRD & F | 84 min | 1:1,37 | sw | 19. Oktober 1961

# 844 | 10. März 2014

18.10.61

Es muß nicht immer Kaviar sein (Géza von Radványi, 1961)

Die klamottig-schwerfällige Bestseller-Adaption des Produzenten Artur »Atze« Brauner degradiert Johannes Mario Simmels weltläufigen Londoner Privatbankier Thomas Lieven ohne Not zum kleinen Schalterbeamten (mit 3 Pfund in der Woche), was vor allem in Hinblick auf die affig-penetrante Großschauspielerei des Hauptdarstellers O. W. Fischer wenig Sinn ergibt. Die (von wechselnden Damenbekanntschaften begleiteten) Weltkriegsabenteuer eines unfreiwilligen Mehrfachspions zwischen aalglatten Briten, aufgeplusterten Franzosen und schmierigen Nazis werden von einem unsagbar launigen Kommentator gnadenlos zugequatscht, Kamera, Ausstattung und Kostümbild sind zu keinem Zeitpunkt ernstlich darum bemüht, eine spezifische historische Atmosphäre zu entwickeln, und kaum je erhebt sich Géza von Radványis (wohl satirisch gemeinte) Inszenierung über das Niveau einer lahmen Nummernrevue aus dem Provinzkabarett.

R Géza von Radványi B Henri Jeanson, Paul Andréota, Jean Ferry V Johannes Mario Simmel K Friedel Behn-Grund M Rolf Wilhelm A Otto Pischinger, Herta Hareiter S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D O. W. Fischer, Eva Bartok, Senta Berger, Viktor de Kowa, Jean Richard | BRD & F | 106 min | 1:1,66 | sw | 18. Oktober 1961

# 1016 | 17. August 2016

16.10.61

Såsom i en spegel (Ingmar Bergman, 1961)

Wie in einem Spiegel

»Die Realität zerbrach, und ich fiel heraus. Alles kann passieren. Alles!« Die Suche nach Gott als Schußfahrt in den Wahnsinn: Mittsommer auf einer Insel in der Ostsee. Die vier Protagonisten der Erzählung – eine Frau und drei Männer – steigen aus dem Meer. Ingmar Bergman entwickelt mit ihnen in einer Nacht und einem Tag eine komplexe (familiäre) Konstellation: Karin (Harriet Andersson) leidet (wohl unheilbar) an Schizophrenie, ihr Vater David (Gunnar Björnstrand), ein ausgebrannter Schriftsteller, interessiert sich für den geistigen Zerfall der Tochter vornehmlich aus künstlerischem Verwertungsdrang, ihr Ehemann Martin (Max von Sydow), ein unterkühlter Arzt, betrachtet seine Frau als Patientin, ihr kleiner Bruder Minus (Lars Passgård), verwirrt von den körperlichen und seelischen Verwerfungen der Pubertät, will der Schwester helfen – und weiß doch nicht wie… Hinter der floral ornamentierten Tapete eines leeren Dachstübchens vernimmt Karin Stimmen, die von der baldigen Ankunft eines liebenden Gottes flüstern. Die erwartungsvoll Hörende gerät in Extase, doch als sich ihr der Allmächtige schließlich offenbart, wendet sie sich schreiend ab – zu schrecklich erscheinen das steinerne Gesicht, die Kälte der Augen: »Ich habe Gott gesehen.« In einem deklamatorischen Epilog räsoniert der geläuterte Vater über seine Hoffnung auf die Liebe als Gottesbeweis in der menschlichen Welt, eine Zuversicht, die auch seinen verzweifelten Sohn tröstet: »Papa hat mit mir gesprochen.« Differenziert gespielt und im Zwielicht der herben nördlichen Landschaft eindrucksvoll und nuanciert fotografiert (Kamera: Sven Nykvist), bleibt »Såsom i en spegel« dennoch eher thesenhafte Familienaufstellung denn beseeltes Drama – die Leere verwandelt sich nicht in Fülle…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Gunnar Björnstrand, Max von Sydow, Lars Passgård | S | 89 min | 1:1,37 | sw | 16. Oktober 1961

13.10.61

Im Stahlnetz des Dr. Mabuse (Harald Reinl, 1961)

Nachdem Fritz Lang in seinem letzten Spielfilm »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« den Superschurken des Weimarer Kinos stil- und gehaltvoll reaktiviert hatte, verramscht Produzent Artur Brauner den Kapitalverbrecher nun in einem absurd-primitiven Trash-Thriller. Gert Fröbe gibt wiederum den jovialen Kommissar (nun wieder mit dem Namen Lohmann), der den kriminellen Umtrieben des lichtscheuen Übeltäters Einhalt zu gebieten versucht. Dr. Mabuse verfügt über eine Droge, die seine Opfer willenlos macht (»Ich habe nur einen Herrn und Gebieter: Dr. Mabuse!«), und er gedenkt seine terroristische Macht unter Beweis zu stellen, indem er ein Kernkraftwerk in die Luft jagt. Zentrum seiner dunklen Machenschaften ist ironischerweise das Staatsgefängnis. Harald Reinl inszeniert den Unsinn flott und visuell recht effektvoll, doch »Im Stahlnetz des Dr. Mabuse« entbehrt jeglicher Signifikanz: Dr. Mabuse ist nicht mehr Metapher für das Böse in der Welt, nicht mehr Personifizierung der (gesellschaftlichen Selbst-)Zerstörung, sondern nur mehr ein beliebiger Buhmann aus dem B-Film-Panoptikum.

R Harald Reinl B Marc Behm, Ladislas Fodor K Karl Löb M Peter Sandloff A Otto Erdmann, Hans-Jürgen Kiebach S Hermann Haller P Artur Brauner D Gert Fröbe, Lex Barker, Daliah Lavi, Fausto Tozzi, Wolfgang Preiss | BRD & F & I | 89 min | 1:1,66 | sw | 13. Oktober 1961

12.10.61

Zwei unter Millionen (Victor Vicas & Wieland Liebske, 1961)

Berlin, kurz vor dem Mauerbau. Kalle (Hardy Krüger) lebt billig im Osten, arbeitet als Kraftfahrer für den volkseigenen Fruchthof, verdient sich abends als Kellner in einer Kreuzberger Kneipe ein hübsches Zubrot in West. Er habe die Teilung nicht gemacht, erklärt er seinem Kumpel Paulchen (Walter Giller), aber wenn es sie gebe, warum solle er dann nicht von ihr profitieren? Der Grenzgänger trifft Christine (Loni von Friedl), ein Flüchtlingsmädchen aus Rostock, die eigentlich weiter will, zu ihrer reichen Schwester nach Düsseldorf, die aber in der zwischen den Systemen zerrissenen Stadt und an Kalle hängen bleibt. »Zwei unter Millionen« skizziert Leben und Milieu, Hoffnungen und Unbedarftheit des jungen Paares mit poetischer Sachlichkeit (Kamera: Heinz Hölscher); Victor Vicas und Wieland Liebske (der ewige Assistent, der ein einziges Mal als Regisseur zeichnen darf) folgen den Protagonisten mit liebevoll-kritischer Anteilnahme, durch ihren Kiez am Schlesischen Tor, beim Bummel über den Kurfürstendamm, in ihrem Alltag, bis in ihre Illusionen: Kalle will die alte Bierstube kaufen, ein Künstlerlokal daraus machen – fast 5000 D-Mark hat er gespart. Aber ein geschäftstüchtiger Hähnchenbrater, der eine weitere Verkaufsstelle für sein Grillgeflügel sucht, bietet mehr als der treuherzige Visionär. Viel mehr. Das Gesetz des Geldes ist einfach: »Wenn du was hast, kriegst du auch was; wenn du nichts hast, kriegst du auch nichts.« Daß man erst einmal etwas kriegen müßte, um etwas zu haben … Der Schluß des Films changiert zwischen Nacht und Morgen, zwischen Optimismus und Resignation. Zwei Menschen haben sich, haben einander, haben die Umstände, in denen sie leben, kennengelernt. Die Künstlerkneipe ›Bei Kalle Kemper‹ wird es nicht geben. »Es war ein kurzer Traum. Aber was dauert schon lange?« Vielleicht die Liebe.

R Victor Vicas, Wieland Liebske B Gerd Oelschlegel K Heinz Hölscher M Franz Grothe A Albrecht Hennings S Klaus Dudenhöfer P Georg Richter, Hardy Krüger D Hardy Krüger, Loni von Friedl, Walter Giller, Joseph Offenbach, Fritz Tillmann | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 12. Oktober 1961

11.10.61

King of Kings (Nicholas Ray, 1961)

König der Könige

Zu filmischer Kraft und Herrlichkeit hat Nicholas Ray mit seiner Adaption des Lebens Jesu nicht gefunden: Zwar fügt sich die neutestamentarische Gestalt des großen Einsamen erstaunlich nahtlos in die lange Kette der abgesonderten, strebenden, gefährdeten Rayschen Helden – aber die Erzählung wälzt sich schwerfällig von Episode zu Episode, die Kulissen stehen bunt und pappig, die Darsteller deklamieren ihre gemeißelten Sentenzen so pathetisch, daß sich die falschen Bärte kräuseln, während Miklós Rózsas Score fast parodistisch in allerhöchsten Tönen jubelt. Nur sehr gelegentlich rafft sich der Meister der expressiven visuellen Komposition zu starken Bildformulierungen auf – etwa im Spiel mit den bifokalen Optiken, in der Verwendung der Farbe Rot, die sich wie eine heilige Blutspur durch das Geschehen zieht, beim eigentümlichen messianischen Schattentheater, oder wenn während der Bergpredigt eine wuchtig-großräumige Massenregie unter freiem Himmel entwickelt wird. Spirituelle Abenteuer sucht man in diesem Sandalenfilm mit Jesuslatschen jedoch völlig vergebens.

R Nicholas Ray B Philip Yordan K Milton Krasner, Franz Planer M Miklós Rózsa A Georges Wakhéwitch S Harold F. Kress P Samuel Bronston D Jeffrey Hunter, Siobhan McKenna, Hurd Hatfield, Ron Randell, Viveca Lindfors | USA | 168 min | 1:2,35 | f | 11. Oktober 1961

10.10.61

Splendor in the Grass (Elia Kazan, 1961)

Fieber im Blut 

Eine Romanze. Ein Melodram. Ein Sittenbild. Der Ort: eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Die Zeit: das Jahr vor dem Great Crash von 1929. Deanie (Natalie Wood), Tochter eines kleinen Ladenbesitzers, und Bud (Warren Beatty), Sohn eines reichen Unternehmers, lieben sich, sind das schönste Paar der High School, könnten unsterblich glücklich sein – wären da nicht die anderen, vor allem die Eltern: Ihre besorgte Mutter (Audrey Christie) warnt die Tochter vor den Folgen der sexuellen Begierde (die Frauen sowieso nicht genießen könnten); sein fordernder Vater (Pat Hingle) beharrt, der Sohn würde noch eine Bessere finden (und solle seinen erotischen Dampf anderweitig ablassen). Die Drangsal äußert sich nicht in physischer Gewalt, sondern in penetranter moralisch-ideologischer Infiltration, in einer gutgemeint-teuflischen Mischung aus Zutexten und Weghören – eine (nicht nur) amerikanische Tragödie, die von den alten und jungen Darstellern in jenem intensiv-entfesselten ›Method‹-Modus präsentiert wird, dessen schweißtreibender Naturalismus gewöhnlich für große Schauspielkunst gilt. Elia Kazan (Regie) und William Inge (Drehbuch) durchschlagen den psychologisch-dramaturgischen Knoten aus eigenen und fremden, aus persönlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen mit Hilfe einer inneren Katastrophe und eines historischen Desasters: Ein Nervenzusammenbruch und der Börsenkrach öffnen für Deanie und Bud die Tore zu Selbstgefühl und Autonomie. Die Trümmer des unsterblichen Glücks aber, das es in der Wirklichkeit, so wie sie ist, wohl nicht geben kann, werden, mit einiger Güte des Schicksals, zu Bausteinen eines abgeklärten Weiterlebens: »Though nothing can bring back the hour / Of splendour in the grass, of glory in the flower; / We will grieve not, rather find / Strenght in what remains behind.«

R Elia Kazan B William Inge K Boris Kaufman M David Amram A Richard Sylbert S Gene Mildford P Elia Kazan D Natalie Wood, Warren Beatty, Pat Hingle, Audrey Christie, Barbara Loden | USA | 124 min | 1:1,85 | f | 10. Oktober 1961

5.10.61

Breakfast at Tiffany's (Blake Edwards, 1961)

Frühstück bei Tiffany

»Two drifters off to see the world …« »Breakfast at Tiffany’s« mag eine mißglückte Literaturadaption sein (Blake Edwards und George Axelrod verschieben Truman Capotes schwebend-nostalgischen Kurzroman in eine faktisch-präzise Gegenwart, ersetzen sehnsüchtig-mokantes Erinnern durch smart-distanzierte Beobachtung) – und ist dennoch ein außerordentlicher Film, eine geschliffen-funkelnde, jazzig-vibrierende Darstellung des Lebens im real-existierenden Kapitalismus. Es geht, seien wir ehrlich, um Prostitution (wenn auch auf hohem Niveau), um eine in Givenchy-Roben gehüllte Nutte (»Any gentleman with the slightest chic will give a girl a fifty-dollar bill for the powder room.«) und um einen literarischen Stricher (»I'm a writer, W-R-I-T-E-R.«), beide radical chic und very sophisticated, modische Maskenträger und attraktive Identitätsflüchtlinge in einer (falsch-)goldenen Welt der dream maker und heart breaker, (Möchtegern-)Freigeister auf der Suche nach sich selbst – und einem anderen, zu dem sie (vielleicht) gehören. Audrey Hepburn, in der Rolle der Holly Golightly ideal fehlbesetzt, und George Peppard als Paul (»Fred-baby«) V-A-R-J-A-K finden (anders als bei Capote) in einem komplizierten Prozeß der Emanzipation auf den umwegigen, verregneten Nebenstraßen des Lebens heraus aus der aufgedrängten Pseudonymität, aus den selbstgebauten Käfigen, hin zum eigenen Ich, zum ersehnten Wir – und schließlich zu einer (bald wohl nicht mehr namenlosen) Katze. Ihre abgrundtief-oberflächliche love story kommt als scharfzüngig-traurige Sittenkomödie daher, urban und sentimental, trist und exzentrisch – ein perfektes Werk voller Brüche. D-E-R Großstadtfilm. D-I-E »moderne« Romanze. D-A-S (zumindest: E-I-N) Glanzstück des Post-War- und Pre-New-Hollywood: »People do belong to each other, because that's the only chance anybody's got for real happiness.«

R Blake Edwards B George Axelrod V Truman Capote K Franz Planer M Henry Mancini A Roland Anderson, Hal Pereira S Howard A. Smith P Martin Jurow, Richard Shepherd D Audrey Hepburn, George Peppard, Patricia Neal, Martin Balsam, José Luis de Vilallonga | USA | 115 min | 1:1,85 | f | 5. Oktober 1961

31.8.61

Victim (Basil Dearden, 1961)

Der Teufelskreis

»It is not, in our view, the function of the law to intervene in the private life of citizens, or to seek to enforce any particular pattern of behaviour«, stellte der legendäre Wolfenden report im Jahre 1957 fest und empfahl (zunächst wirkungslos), die Strafbarkeit »einvernehmlicher homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen« in Großbritannien abzuschaffen … Thema von »Victim« ist indes weniger schwules Leben unter der Fuchtel des Gesetzes, problematisiert wird vielmehr eine kriminelle Folgeerscheinung der Kriminalisierung von Sexualität: Erpressung. Der renommierte (und verheiratete) Anwalt Melville Farr (Dirk Bogarde) fühlt sich von ›Boy‹ Barrett, einem »Bekannten«, unter Druck gesetzt, muß aber – nach dessen Selbstmord – erkennen, daß dieser selbst unter Druck stand: ›Boy‹, ein Junge aus der working class, zahlte (gestohlene) 2000 Pfund, um die Öffentlichmachung eines verfänglichen Fotos von ihm und Farr zu verhindern. Der erschütterte Anwalt nimmt den Kampf gegen die anonymen Erpresser auf, wobei seine zwiespältige Haltung den eigenen Begierden gegenüber ebenso offenbar wird wie die fatale Angst der (vom »Recht« und vom Verbrechen gleichermaßen) ins Dunkel Gedrängten: Keiner mag sich bekennen – der Friseur, der Antiquar, der Autohändler, der Schauspieler, sie alle wollen lieber schweigen, lieber dulden, lieber zahlen … Regisseur Basil Dearden und sein formstarker Kameramann Otto Heller siedeln ihr beklemmendes social drama in einem rauhen, kalten, unwirtlichen London an, das kaum ein Lächeln kennt, kaum eine Geste der Zärtlichkeit oder des Mitgefühls. Am Ende ist es Farrs ambivalenter Opfermut (= seine Bereitschaft, auf eine Zukunft als Queen’s Counsel zu verzichten, um vor Gericht gegen die Nötiger auszusagen, bei gleichzeitiger Aussicht auf wiedererstarkendes Eheglück), das die Gesellschaft – immerhin – ein kleines Stück weiter in Richtung sexueller Befreiung schubsen wird.

R Basil Dearden B Janet Green, John McCormick K Otto Heller M Philip Green A Alex Vetchinsky S John D. Guthridge P Michael Relph D Dirk Bogarde, Sylvia Sym, Dennis Price, Peter McEnery, John Barrie | UK | 96 min | 1:1,66 | sw | 31. August 1961

25.8.61

Mann im Schatten (Arthur Maria Rabenalt, 1961)

»Und wie hat’s Ihnen in Wien gefallen?« – »Och, eigentlich sehr gut, aber ich hab’ ja das Wichtigste nicht gesehen: Prater und Riesenrad, Heurigen und Grinzing, na ja, das ›goldene Wiener Herz‹, Sie wissen ja …« – »Wahrscheinlich hat es Ihnen gerade deshalb so gut gefallen.« Eigentlich geht es um die Aufklärung einer Bluttat, genauer gesagt um die Untersuchung des Mordes an der erfolgreichen Geschäftsfrau und Strickmodemacherin Miriam Capell (Ellen Schwiers) – in Wirklichkeit aber stehen nicht die Ermittlungen im Zentrum dieses sich dokumentarisch gerierenden Whodunits (Drehbuch: Wolfgang ›Stahlnetz‹ Menge) sondern die Person des Ermittlers: Helmut Qualtinger spielt den Oberpolizeirat Dr. Radosch als freundlich-verachtungsvollen Menschenkenner, dessen improvisiert wirkendes Herumschnüffeln eher überraschend denn zielgerichtet zum Ergebnis zu führen scheint. Die leutselige Gemütlichkeit des dicken Kriminalers kann sich überraschend schnell ins Gegenteil verkehren – seine Stimme schlägt dann vom einschmeichelnden Singsang des sympathischen Grantlers um ins herrische Blaffen des allmächtigen Hausbesorgers: »Wien, Wien, nur du allein …«

R Arthur Maria Rabenalt D Wolfgang Menge K Elio Carniel M Friedrich Gulda A Fritz Mögle, Heinz Ockermüller S Hermine Diethelm, Margarethe Novotny P Alfred Lehr D Helmut Qualtinger, Helmut Lohner, Fritz Tillmann, Ellen Schwiers, Barbara Frey | A | 97 min | 1:1,37 | sw | 25. August 1961

24.8.61

Der Fall Gleiwitz (Gerhard Klein, 1961)

Knochentrockene Chronik eines Kriegsausbruchs. Geometrische Stilübung über Befehl und Gehorsam.  Parteiliche Geschichtsstunde aus Babelsberg. Der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz, Vorwand für den deutschen Überfall auf Polen im Jahr 1939, wird von Gerhard Klein als eiskaltes politisch-militärisches Lehrstück inszeniert. Das Drehbuch konzentriert die Abläufe radikal auf das Wesentliche. Die Musik (Kurt Schwaen) mischt eindringlich Dessau und Herrmann. Jedes Bild eine Grafik. Jeder Schnitt sitzt. Alle Schauspieler reflektiert: Herwart Grosse als Machthaber, Hannjo Hasse als Saboteur, Hilmar Thate als Menschenopfer. Kurz und gut. Ein Klassiker.

R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Günther Rücker K Jan Curík M Kurt Schwaen A Gerhard Helwig S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Hannjo Hasse, Herwart Grosse, Hilmar Thate, Rolf Ludwig, Günter Naumann | DDR | 70 min | 1:1,37 | sw | 24. August 1961

15.8.61

Der Fälscher von London (Harald Reinl, 1961)

Ein überraschend trockener Edgar-Wallace-Film fast ohne Auftritte von Witzfiguren (Eddi Arent spukt nur zweimal kurz herein): Regisseur Harald Reinl und Autor Johannes Kai ent- bzw. verwickeln eine der gewohnten Familienintrigen mit den bekannten Hinterzimmern und den vertrauten Mordfällen, interessieren sich aber weniger für das »Wer war’s?« als vielmehr für die ironische Enthüllung von Charaktermasken, für gewiefte Doppelspiele und grelle Spiegelungen, die sich insbesondere in der rätselhaft gespaltenen (und rätselhaft reichen) Hauptfigur Peter Clifton (verstört: Hellmut »Scarface« Lange) verkörpern. Auch der biedere Onkel (Walter Rilla), der weltläufige Nervenarzt (Viktor de Kowa) sowie der eifrige Inspektor (Ulrich Beiger) erweisen sich jeweils als Rückseite ihrer eigenen Medaille. Die Ambivalenzen setzen sich fort in den Personen des jovialen Chefermittlers (Siegfried Lowitz), der zur Wahrheitsfindung in großen Mengen Beweise beiseite schafft, und einer Ehefrau (Karin Dor), die hinter vormaliger Berechnung die wahre Liebe findet. Ein feiner, kleiner Versuch über die Lüge des Anscheins, über verschobene Schuld und konstruierten Wahnsinn.

R Harald Reinl B Johannes Kai V Edgar Wallace K Karl Löb M Martin Böttcher A Matthias Matthies S Hermann Ludwig P Horst Wendlandt D Karin Dor, Hellmut Lange, Siegfried Lowitz, Viktor de Kowa, Walter Rilla | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 15. August 1961

12.8.61

Pit and the Pendulum (Roger Corman, 1961)

Das Pendel des Todes

»Thus the condition of man: bound on an island from which he can never have hope to escape, surrounded by the waiting pit of hell, subject to the inexorable pendulum of fate, which must destroy him finally.« Roger Cormans zweite Poe-Adaption beginnt abstrakt mit ineinanderströmenden grellen Farbschlieren, deren züngelnde Vermischung Assoziationen von Infektion und Vergiftung weckt … Spanien (oder was Corman dafür hält) im 16. Jahrhundert (oder was Corman dafür hält): Ein junger Mann (ziemlich präpotent: John Kerr), der das Geheimnis um den jähen Tod seiner Schwester (gar nicht so tot: Barbara Steele) lüften will, besucht das ungemütliche Schloß seines Schwagers (jenseits von sonderbar: Vincent Price), dessen Vater (vollkommen übergeschnappt: Vincent Price) ein brutal-einfallsreicher Inquisitor war – der alte Kasten am tosenden Meer entpuppt sich als Vorkeller zur Hölle, wo der Hausherr und die Seinen in einer Zeitschleife des familiären Horrors gefangen sind. »Pit and the Pendulum« collagiert windigen Drive-in-Grusel, piranesieske Settings (Bauten: Daniel Haller) und viragierte Flashbacks, die formal zwischen Stummfilmlook und Psychedelik wabern (Kamera: Floyd Crosby), zu einer schrägen Ballade von Wahnsinn, Eifersucht und der ewigen Wiederkehr des Bösen.

R Roger Corman B Richard Matheson V Edgar Allan Poe K Floyd Crosby M Les Baxter A Daniel Haller S Anthony Carras P Roger Corman D Vincent Price, John Kerr, Barbara Steele, Luana Anders, Anthony Carbone | USA | 80 min | 1:2,35 | f | 12. August 1961

3.7.61

Das Wunder des Malachias (Bernhard Wicki, 1961)

Der glaubensinnig-naive Benediktinerpater Malachias (Horst Bollmann) versetzt die in unmittelbarer Nachbarschaft eines Gotteshauses gelegene ›Eden-Bar‹, einen so zwielichtigen wie beliebten Amüsierschuppen, kraft seines Gebetes auf eine entlegene Nordseeinsel. Ein Wunder! Schnell entwickelt sich ein gewaltiger (Medien-)Rummel um das Loch, das an der Stelle klafft, wo zuvor das Bumslokal seine Besucher anlockte. In rasantem Tempo, mit grotesk überzeichneten Typen und atemlosen Plapperdialogen, gestaltet Bernhard Wicki ein hypertroph-fellineskes Gesellschaftspanorama der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik. Gieriger Konsum, emotionale Kälte, schuldbeladenes Vergessen, überwältigende Angst, beliebige Sinnsuche beherrschen die Bewohner dieses armen reichen, dieses tief versehrten Landes, das ohne jedes Mitleid (und sehr von oben herab) porträtiert wird: Presse und Banken, aalglatte Werbeprofis und abergläubischer Pöbel, Intelligenz und Hautevolee, gemütsarme Geschäftemacher und zielstrebige Betthäschen bekommen gleichermaßen ihr brachial-satirisches Fett weg. Eine geschickt aus mehreren Städten (Hamburg, Düsseldorf, Gelsenkirchen) zusammengesetzte idealtypische provinzielle Metropole bildet den unwirtlichen Hintergrund dieser hysterisch-nervigen, fiktiv-veristischen Bestandaufnahme eines Lebens, das ohne Zukunft und ohne Alternative ist. Da hilft wohl tatsächlich nur noch beten …

R Bernhard Wicki B Heinz Pauck, Bernhard Wicki V Bruce Marshall K Klaus von Rautenfeld, Gerd von Bonin M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Ernst Schomer S Carl Otto Bartning P Otto Meissner D Horst Bollmann, Richard Münch, Karin Hübner, Günter Pfitzmann, Brigitte Grothum | BRD | 126 min | 1:1,66 | sw | 3. Juli 1961

1.7.61

Une femme est une femme (Jean-Luc Godard, 1961)

Eine Frau ist eine Frau 

Sie (belle à regarder: Angéla – Karina) will ein Kind. Er (Émile – Brialy) will ihr keins machen. Der beste Freund (Alfred – Belmondo) ist nicht abgeneigt einzuspringen. Godards Hommage in Eastmancolor und Franscope an das Kino, an Paris, an Lubitsch, an das Leben, an die Liebe und an seine Frau, die eine Frau ist (und bleibt). »C’est parce qu’ ils aiment que tout va tourner mal pour Émile et Angéla.« Nun, ganz so schlimm kommt es dann doch nicht – schließlich befinden wir uns in einer comédie musicale. JLG schüttelt Spiel, Spaß und Alltag aus dem Handgelenk: ein Striptease in einem Cabaret Dancing; eine beiläufige Huldigung an Bob Fosse; eine Radfahrt durch eine Mansardenwohnung; ein Streit in (Fragmenten von) Buchtiteln (»… Monstre« – »… te faire foutre« – »Bourreau…« – »Toutes les femmes…« »… au poteau«); ein Aznavour-Chanson (»Tu te laisses aller«) aus der Musicbox eines kleinen Cafés; neugierige Blicke in die Gesichter von Passanten. So salopp, so leichtfüßig, so boulevardesk wird Godard nie wieder sein. C’est eigentlich dommage.

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Michel Legrand A Bernard Evein S Agnès Guillemot, Lila Herman P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Anna Karina, Jean-Claude Brialy, Jean-Paul Belmondo, Marie Dubois, Ernest Menzer | F & I | 85 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1961

29.6.61

Goodbye Again (Anatole Litvak, 1961)

Lieben Sie Brahms?

»Goodbye Again« erzählt aus dem Leben einer sehnsüchtigen Frau von 40 Jahren (Ingrid Bergman), die sich nicht traut, an die wahre Liebe in Gestalt eines stürmischen Mittzwanzigers (Anthony Perkins) zu glauben, und stattdessen an der Seite ihres alerten, flatterhaften longtime companion (Yves Montand) verbittern wird. Die Romanvorlage von Françoise Sagan (»Aimez-vous Brahms?«) berührt durch knappe, kühle Melancholie, Anatole Litvaks Adaption buchstabiert den tristen Pariser Dreier melodramatisch aus: feuchte Augen (Bergman), überspanntes Lachen (Perkins), demonstrative Dackelfalten (Montand). Auch wenn Alexandre Trauner (Bauten), Georges Auric (Musik), Armand Thirard (Kamera) und der supporting cast (unter anderem Jessie Royce Landis als spleenige Mutter – was sonst?) vorzügliche Arbeit leisten, ist das Ganze weniger als die Summe seiner Teile. »It’s farewell and goodbye again, my love.«

R Anatole Litvak B Samuel A. Taylor V Françoise Sagan K Armand Thirard M Georges Auric A Alexandre Trauner S Bert Bates P Anatole Litvak D Ingrid Bergman, Yves Montand, Anthony Perkins, Jessie Royce Landis, Pierre Dux | USA & F | 120 min | 1:1,66 | sw | 29. Juni 1961

28.6.61

The Ladies Man (Jerry Lewis, 1961)

Zu heiß gebadet | Ich bin noch zu haben 

»Boy, what a little imagination can do!« Schnöde verlassen von seiner hübschen jungen Braut, schwört der nette College-Absolvent Herbert H. (= Herbert) Heebert (Jerry Lewis) sowohl seiner Heimatstadt Milltown, New Jersey (»a very nervous little community«), als auch der Damenwelt ab und geht nach Westen. In Holly­wood, California, tritt der tief traumatisierte Mann eine Stelle als Mädchen für alles im boarding house der Ex-Operndiva Mrs. Wellenmellon an. Was Herbert Herbert zunächst nicht weiß: Die exklusiven Pension beherbergt ausschließ­lich hübsche junge Frauen … Auch in seinem Regie-Zweitling reiht Lewis eine (ziemlich) zusammenhanglose Folge von (mehr oder weniger) witzigen Szenen und körpersprachlichen Exzessen aneinander; und wie in »The Bellboy« steht eine überwältigende Architektur im Zentrum der Inszenierung: Ein mehrstöckiges Puppenhaus (mit Treppen und Galerien, mit Fahrstuhl und Dutzenden von plüschigen Salons), ein Märchenschloß der Kinophantasie (inklusive eines verbotenen Zimmers) übernimmt die eigentliche Hauptrolle, bietet Raum für schrullige Choreographien, gewährt hinreißende Ein-, Aus-, An- und Durchblicke (und verwandelt sich sogar in ein Live-Fernsehstudio). Lewis, an der Erkundung der Geschlechterordnung kaum interessiert (nicht einmal im Hinblick auf deren komödiantische Möglichkeiten), gesteht den Puppen seines Spiels bestenfalls karikatureske Persönlichkeit zu, wartet dafür mit einer gefühligen Schlußmoral auf: »Nice persons are needed everywhere.«

R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Ross Bellah S Stanley Johnson P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Kathleen Freeman, Helen Traubel, Pat Stanley, George Raft | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 28. Juni 1961

# 790 | 4. November 2013

25.6.61

L'année dernière à Marienbad (Alain Resnais, 1961)

Letztes Jahr in Marienbad

»Laissez-moi, je vous supplie!« Ein Trugschloß. Ein Irrgarten. Darin ein Dreieck: sie (›A‹) und zwei Männer (›X‹ & ›M‹). Der eine ist möglicherweise ihr Mann, dem anderen begegnete sie eventuell letztes Jahr in Marienbad und versprach gegebenenfalls, mit ihm fortzugehen. Kino als ein »Vielleicht« in endlosen Variationen, als verschnörkeltes Durchspielen von (Un-)Möglichkeiten, als Verschlüsselung einer (unbekannten) Botschaft, als kühles Rätsel ohne Lösung, als Labyrinth ohne Eingang und Ausgang. Kino ohne Trennung von Wirklichkeit, Traum und (Wunsch-)Vorstellung, ohne Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne Gewißheit, ohne Möglichkeit der Orientierung. Kino als verwinkelter Korridor durch Raum und Zeit, als mäandrierender Sound, als Puzzle der (behaupteten) Erinnerungen, als barockes Theater der Starre, der Posen, des Geheimnisses. Dies alles in gestochen scharfen, ultrafiktiven, bald fließend bewegten, bald zu Tode gefrorenen Dyaliscope-Bildern (Kamera: Sacha Vierny) über einem feierlichen, weit ausgelegten Orgeltonteppich (Musik: Francis Seyrig). Die beiden Alains – Resnais (Regie) und Robbe-Grillet (Buch) – spielen ein Spiel mit dem Zuschauer, das dieser nicht gewinnen kann – aber (wenn er sich nicht frustrieren läßt) gerade deshalb immer wieder zu spielen beginnt: ein Spiel um Leere und Fülle, Versuch und Irrtum, Erinnern und Vergessen, alles und nichts. »Auf den ersten Blick schien es unmöglich, sich darin verlieren zu können … auf den ersten Blick.«

R Alain Resnais B Alain Robbe-Grillet K Sacha Vierny M Francis Seyrig A Jacques Saulnier S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Pierre Courau, Raymond Froment D Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi, Sacha Pitoëff | F & I | 94 min | 1:2,35 | sw | 25. Juni 1961

24.6.61

Die Ehe des Herrn Mississippi (Kurt Hoffmann, 1961)

»Die Welt muß geändert werden.« Angelegt als schwarze Komödie über die Abgründe des Idealismus, präsentiert (und konfrontiert) Friedrich Dürrenmatts freie Adaption des eigenen Schauspiels eine Reihe von bühnengestaltgewordenen Motiven: das himmlische (≈ gnadenlose) Gesetz, die irdische (≈ repressive) Gerechtigkeit, den edelmütigen (≈ einfältigen) Humanismus, den undogmatischen (≈ zynischen) Pragmatismus, den instinktiven (≈ amoralischen) Lebenswillen. Verkörpert werden diese ethischen und sozialen Prinzipien von einem Generalstaatsanwalt und einem Berufsrevolutionär (beide begannen ihre Karriere als Angestellte im Bordell), von einem Arzt und einem Politiker, sowie von einer Dame der Gesellschaft. Preziöse, mit spöttischer Distanz vorgetragene Dialoge, absurd zugespitzte Verwicklungen, plakative Kabaretteffekte, ein synthetisch-symbolischer Handlungsort (»Europa-City«) betonen lehrhafte Tendenz und allgemeine Gültigkeit der gesellschaftskritisch-misanthropischen Staatsposse, die mit dem Triumph des gesinnungslosen Machtbewußtseins endet. Kurt Hoffmanns Neigung zum Spieluhrenhaft-Gespreizten kommt der betonten Künstlichkeit des Stücks durchaus entgegen, die politische Erkenntnisschärfe geht jedoch in der zwischen Komplexität und Konfusion schlingernden Dramaturgie dieser satirisch-melodramatischen Farce weitgehend verloren.

R Kurt Hoffmann B Friedrich Dürrenmatt V Friedrich Dürrenmatt K Sven Nykvist M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Hertha Hareiter S Hermann Haller P Lazar Wechsler, Artur Brauner D O. E. Hasse, Johanna von Koczian, Charles Regnier, Martin Held, Hansjörg Felmy | CH & BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1961

# 928 | 3. Januar 2015

20.5.61

Tschistjoje nebo (Grigori Tschuchrai, 1961)

Klarer Himmel

Geschichte einer Liebe in den Zeiten der roten Finsternis: Die schwärmerische Sascha (Nina Dobrischewa wirkt mitunter wie eine russische Giulietta Masina) verehrt das kühne Fliegeras Alexei (Jewgeni Urbanski). Der Große Vaterländische Krieg hat schon begonnen, als die beiden ein Paar werden. Ihnen bleiben nur wenige Tage des Glücks: Alexei kommt von einem Feindflug nicht zurück. Sascha fügt sich in ihr Witwenlos, bis der Totgeglaubte eines Tages vor der Tür steht. Der Heimkehrer ist zweifach gezeichnet: von einer tiefen Narbe quer durchs Gesicht und von der Schande, die deutsche Gefangenschaft überlebt zu haben. Im real-existierenden Stalinismus des Nachkriegs gilt Alexei als Verräter, der weder Pilot noch Kommunist sein darf. Erlösung bringt erst der Tod des Diktators. Die Wolken brechen auf. Das Eis schmilzt. Tauwetter … »Tschistjoje nebo«, eine expressiv fotografierte Schicksalssymphonie in Rückblenden, spart weder mit politischer Melodramatik noch mit visuellen Symbolismen. Vor allem im zweiten Teil des Films inszeniert Grigori Tschuchrai die Stalinsche Ära als ewigen Winter des Duckertums, dem Freude und Hoffnung nur mit größter Mühe abzutrotzen sind, als tristes Schattenreich der Willkür, wo zu Unrecht Angeklagte an ihre fiktive »Schuld« glauben, um den Verstand nicht zu verlieren. Auch wenn Alexei (der seine Rehabilitierung mit versteinerter Miene zur Kenntnis nimmt) sich wieder in die Lüfte erheben wird, zeigt Tschuchrai den Einzelnen nicht als Herrn und Helden der Geschichte sondern als deren Knecht und Opfer: Schrecken und Heil kommen und gehen wie die Jahreszeiten. Was bleibt, ist zuversichtlicher Fatalismus.

R Grigori Tschuchrai B Daniil Chabrowitski K Sergei Polujanow M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Nina Dobrischewa, Jewgeni Urbanski, Natalja Kusmina, Witali Konjajew, Grigori Kulikow | SU | 110 min | 1:1,37 | f | 20. Mai 1961

13.4.61

Schwarzer Kies (Helmut Käutner, 1961)

»Früher war es ein Kuhstall, jetzt ist es ein Saustall.« Das Dorf Sohnen im Hunsrück: 250 bundesdeutsche Seelen, daneben die 6000 Mann eines amerikanischen Jagdbomber-Stützpunkts. Tagsüber wird der Untergrund für eine weitere Startbahn der Airbase geschüttet, nachts verschiebt man gestohlenen Kies oder vergnügt sich fraternisierend in der Atlantic Bar. Die Provinz, in der Helmut Käutner sein krawalliges Sittenbild – eine wirkungsvolle Mischung aus Noir-Melodram und B-Thriller mit Westernanklängen – ansiedelt, wird von den dunklen Wolken der Weltpolitik ebenso verschattet wie von Gier und Eigennutz, Stupfsinn und Einsamkeit der zusammengewürfelten Bewohnerschaft. Die Hauptrolle des desillusionierten Kraftfahrers Robert Neidhardt hat Käutner mit Helmut Wildt besetzt, einem kantigen, sinnlichen Typen, der deutschen Ausgabe eines Jeff Chandler (»Ten Seconds to Hell«) oder eines Yves Montand (»Le salair de la peur«); ihm gegenüber: Ingmar Zeisberg als Gattin eines US-Offiziers, deren Wunsch nach Sicherheit und Ruhe auf frustrierende Weise in Erfüllung gegangen ist. Träume von einem besseren Leben führen aus dieser Endstation, wo jeder nur seinen Schnitt machen will und das erste Bumslokal am Platze von einem Holocaust-Überlebenden betrieben wird, nicht hinaus: Unter dem Dröhnen der Düsenjäger, begleitet vom Getöse der Jukebox wird im schwarzen Kiesbett der neuen Piste nicht nur ein toter Hund begraben.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Walter Ulbrich K Heinz Pehlke M diverse A Gabriel Pellon S Klaus Dudenhöfer P Walter Ulbrich D Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg, Anita Höfer, Hans Cossy, Wolfgang Büttner | BRD | 117 min | 1:1,66 | sw | 13. April 1961

# 985 | 4. Februar 2016

31.3.61

Pleins feux sur l’assassin (Georges Franju, 1961)

Der Mitternachtsmörder 

»Mais où sont les funérailles d’antan?« Als er fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht, legt der alte comte de Kéraudren (Pierre Brasseur) das Gewand eines Malteser-Ritters an, setzt sich in seinen geheimen Wandschrank und stirbt. Hinter einer Spiegelscheibe verborgen, beobachtet der Tote das weitere Geschehen: Solange die Leiche des Grafen verschwunden ist, können die Hinterbliebenen (unter ihnen Jean-Louis Trintignant als vorwitziger Medizinstudent und Marianne Koch als herb-sinnliche deutsche Cousine) ihr Erbe nicht antreten; während der Wartezeit schrumpft der Kreis der Anwärter auf das gräfliche Vermögen erheblich … Es ist nicht der von Boileau-Narcejac nachlässig konstruierte Zehn-kleine-Negerlein-Krimi, der Georges Franju interessiert (keiner der zahlreichen Todesfälle zieht polizeiliche Ermittlungen nach sich!), es sind vielmehr die Kulisse eines spitztürmig-verwinkelten Märchenschlosses, das Gemisch aus nachtwandlerischem Schattentheater und makabrem Schicksalsspiel voller Stimmenhören und Vogelgeflatter, die »Pleins feux sur l’assassin« ein eigentümlich schwarzes (und schwarzhumoriges) Kolorit verleihen. Halluzinatorische Qualität entwickelt der Film, wenn die mittelalterliche Familienlegende vom eifersüchtigen Ritter und seinem ungetreuen Weib mittels moderner Technik als publikumswirksames son-et-lumière-Spektakel im Schloßhof nachinszeniert wird (die verhinderten Erben brauchen Geld!): Einst und Jetzt fließen wie im Traum zusammen, bis die Gegenwart tödlich aus der Vergangenheit hervorbricht …

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Robert Thomas, Georges Franju K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Roger Briaucourt S Gilbert Natot P Jules Borkon D Jean-Louis Trintignant, Marianne Koch, Philippe Leroy, Dany Saval, Pierre Brasseur | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1961

28.3.61

Die toten Augen von London (Alfred Vohrer, 1961)

»Ist es wahr, daß die Mortadella von Blinden gemacht wird?« fragte einst der Surrealist Benjamin Péret. »Die toten Augen von London« gibt hierauf keine Antwort – in Alfred Vohrers nebeldurchzogener erster Edgar-Wallace-Adaption beschäftigen sich die Blinden (unter ihnen Ady Berber, der österreichische Tor Johnson) nicht mit der Herstellung schmackhafter Wurstwaren sondern, im Auftrag geldgieriger Hintermänner, mit der gewinnbringenden Ersäufung reicher älterer Herren. Neben dem effektsicheren Regisseur geben auch Klaus Kinski (als dubioser Sekretär mit dunkler Vergangenheit und verspiegelter Sonnenbrille) sowie Kameramann Karl Löb, der wie kaum ein anderer deutscher Bildformulierer der 1960er Jahre das reißerische Helldunkel des Vulgärexpressionismus zu forcieren weiß, ihr erfreuliches Reihendebüt. Dazu: Karin Baal als blonde Unschuld, Wolfgang Lukschy als sinistrer Versicherungsmakler und der schrecklich integre Dieter Borsche als (sich selbst) wohlwollender Reverend.

R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961

17.3.61

Les godelureaux (Claude Chabrol, 1961)

Speisekarte der Liebe

Eine hysterische Gesellschaftsfarce, eine absurde Rachekomödie, ein nutzloser Film über nutzlose Menschen … Es beginnt eines schönen Tages auf dem boulevard Saint-Germain. Arthur (Charles Belmont) und seine Bande kommen mit ihrem Oldtimer angerauscht und finden den angestammten Parkplatz vor dem café de Flore besetzt. Der dort unstatthaft abgestellte Sportwagen wird kurzerhand weggetragen. Dessen Besitzer Ronald (Jean-Claude Brialy) schwört – »bei Satan!« – Vergeltung für den erlittenen Insult. Die übermütige Ambroisine (Bernadette Lafont) dient ihm als Werkzeug … Claude Chabrol persifliert Robert Bressons moralische Erzählung »Les dames de bois de Boulogne« als nihilistische Groteske der besitzenden Klasse: Die indiskret-uncharmante Pariser Bourgeoisie erscheint als Hort des galoppierenden Stumpfsinns und der freudlosen Dekadenz. Die ›godelureaux‹ (≈ geckenhafte Verführer) sind traurige Spaßvögel, die Stinkbomben werfen, Juckpulver verstreuen, Wohltätigkeitsveranstaltungen aufmischen und vor allem: Gefühle manipuieren, unterminieren, destruieren. Immer wieder (etwa indem er eine neo-römische (Zerstörungs-)Orgie mit einem gutbürgerlichen Abendessen parallelschneidet) weist Chabrol darauf hin, daß fiebriger Nonkonformismus und biedere Konvention zwei Seiten einer banalen Medaille sind.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff, Éric Ollivier V Éric Ollivier K Jean Rabier M Pierre Jansen A Charles Merangel S James Cuenet P Raymond Hakim, Robert Hakim D Jean-Claude Brialy, Bernadette Lafont, Charles Belmont, André Jocelyn, Jean Tissier | F & I | 99 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961

# 843 | 10. März 2014

Flucht nach Berlin (Will Tremper, 1961)

»Die deutsche Not« heißt ein Buch, in dem die Schriftstellerin Erika von Hornstein im Jahre 1960 Dutzende Biographien von DDR-Flüchtlingen vereint – eine einmalige Sammlung von Selbstaussagen, die ein eindringlich-differenziertes Bild vom Leben, besser gesagt: vom Nicht-mehr-leben-Können in der sogenannten »Zone« zeichnen. Zur gleichen Zeit, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, die das letzte Schlupfloch von Ost nach West verschließen wird, schleudert der flinke Dreigroschenreporter (»Deutschland, deine Sternchen«) und gegenwartsnahe Szenarist (»Die Halbstarken«) Will Tremper sein Regiedebüt auf die Leinwand, thematisiert darin (als einer der ganz wenigen Kinomacher seiner Zeit) die millionenfache Wanderung von einem Deutschland ins andere. Er tut dies anhand zweier, miteinander unselig verflochtener, Einzelschicksale: Bauer Güden (Narziss Sokatscheff) verweigert den Eintritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft seines Dorfes und haut ab; Genosse Baade (Christian Doermer), SED-Agitator der (Zwangs-)Kollektivierung, gerät wegen Güdens Flucht ins politische Zwielicht und setzt dem Abtrünnigen nach. Die dramatische Jagd führt – entlang von Autobahnen und Schienensträngen – ins undurchdringliche, beinahe mystisch wirkende Schilfdickicht am Berliner Grenzfluß Havel, wo es zum finalen Zweikampf kommt … Autorenfilmer Tremper, das ist sein Defizit und seine Stärke zugleich, schematisiert statt zu nuancieren, spitzt zu statt zu vertiefen, motzt auf statt abzuwägen; während (≈ indem) er wie eine Dampfwalze über den Acker der Geschichte schnauft, richtet er sein Augenmerk gleichermaßen auf ideologische Verblendung und opportunistisches Duckmäusertum, auf blinden Eigennutz und wohlstandssatten Stumpfsinn, kurz: auf das nationale Unglück, also: auf die deutsche Not. PS: »Es lebe die Freiheit!«

R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961

3.3.61

Lola (Jacques Demy, 1961)

Lola, das Mädchen aus dem Hafen

»C’est moi, c’est Lola!« La vie est une chanson oder: poetischer Realismus, schäumend überspült von der nouvelle vague. In Nantes (»Donne-moi la main …«) erwartet Lola (Anouk Aimée), die singende striptiseuse, sehnlichst die Heimkehr ihrer großen Liebe, erwartet Roland Cassard, der leicht blasierte Melancholiker, einen Wink des Schicksals, erwartet Frankie, der amerikanische Seemann, das (vielleicht nicht ganz so) flüchtige Vergnügen, das ein Hafen bieten kann, erwartet Cécile, die aufgeschlossene Vierzehnjährige, das Erwachsenwerden und seine verlockenden Geheimnisse, erwartet Céciles Mutter Madame Desnoyers (Elina Labourdette), die schon bessere Zeiten gesehen hat, die Rückkehr besserer Zeiten. Jacques Demy, der romantische Choreograph des französischen Kinos, phantasiert über Themen wie Treue und Erinnerung, erste Liebe und unvermeidlichen Abschied, verwebt – einfühlsam unterstützt von Michel Legrand (Musik) und Raoul Coutard (Kamera) – die Lebenslinien seiner Protagonisten zu einem zauberischen Muster, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft changierend zu überlagern scheinen. »Lola« mixt bedenkenlos Bressons lakonische Antipsychologie mit Ophüls’ barocker Üppigkeit, kreuzt die Überhöhungen des Hollywood-Musicals mit der Unmittelbarkeit der caméra-stylo, versammelt Matrosen und Schmuggler, Mütter und Söhne, Witwen und Töchter, Huren und Freier zu einem traumhaften Rondo auf dem Rummelplatz der Gefühle. »Pleure qui peut, rit qui veut.«

R Jacques Demy B Jacques Demy K Raoul Coutard M Michel Legrand A Bernard Evein S Anne-Marie Cotret, Monique Teisseire P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Anouk Aimée, Marc Michel, Alan Scott, Annie Duperoux, Elina Labourdette | F & I | 90 min | 1:2,35 | sw | 3. März 1961

9.2.61

Matka Joanna od aniołów (Jerzy Kawalerowicz, 1961)

Mutter Johanna von den Engeln

»Was sind das – Engel?« Ein einsames Kloster an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Nonnen sind von Dämonen besessen – Mutter Oberin alleine von acht verschiedenen. Ein vergeistigter Pater, der in seinem obsessiven Drang Gutes zu tun dem Fanatismus der (inneren) Teufel nicht nachsteht, ist die letzte Hoffnung der heimgesuchten Schwestern auf Erlösung von dem Bösen. Doch die Liebe, die er in sich trägt, bringt nichts als Zerstörung … Das kalte Weiß der Nonnengewänder, das tiefe Schwarz der Priestermäntel, das stumpfe Grau der Landschaft und der Gemäuer – Jerzy Kawalerowicz, neben Wajda einer der Heroen der Polnischen Schule, entwirft in kargen grafischen Tableaus (Kamera: Jerzy Wójcik) eine hermetische Welt mit starrem Reglement, das kein Entkommen erlaubt. Die Protagonisten (die den Blick immer wieder direkt an den Zuschauer richten) ringen hilflos um Hingabe, Vernunft und Freiheit, doch sie bleiben gefangen in Furcht, Aberglaube und Repression. »Du gehst im Dunkel, und wie der schwarze Mantel der Nacht ist deine Unwissenheit.«

R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Tadeusz Konwicki K Jerzy Wójcik M Adam Walacinski A Roman Mann, Tadeusz Wybult S Wiesława Otocka P Ludwik Hager D Lucyna Winnicka, Mieczysław Voit, Anna Ciepielewska, Maria Chwalibóg, Kazimierz Fabisiak | PL | 110 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1961

3.2.61

Der grüne Bogenschütze (Jürgen Roland, 1961)

»Daraus kann man doch keinen Film machen – unmöglich! Ein Mörder mit ’nem Flitzebogen? Absurder Gedanke.« Der (von Eddi Arent in die Kamera gesprochene) erste Satz des Wallace-Films tut ironisch, trifft aber leider den Nagel auf den Kopf: Weder Regisseur (Jürgen Roland) noch Autor (Wolfgang Menge) haben Zielwasser getrunken, und so plätschert »Der grüne Bogenschütze« plan- und spannungslos dahin. Die Story um eine junge Frau (Karin Dor), die auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter einem ebenso unleid- wie unheimlichen Onkel in die Quere kommt, verwurstelt sich im Gewirr uninteressanter Figuren – lediglich Gert Fröbe fasziniert in der Rolle des vierschrötigen, seelisch gepeinigten Fieslings Abel Bellamy, der wie ein Quasimodo im Nadelstreifen durch das Geschehen stampft.

R Jürgen Roland B Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler V Edgar Wallace K Heinz Hölscher M Heinz Funk A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Herbert Taschner P Horst Wendlandt D Klausjürgen Wussow, Karin Dor, Gert Fröbe, Eddi Arent, Harry Wüstenhagen | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 3. Februar 1961

24.1.61

La notte (Michelangelo Antonioni, 1961)

Die Nacht

Über reichverzierten Altbauten erhebt sich ein schlankes Hochhaus. Langsam gleitet die Kamera an der Fassade hinab. Die Scheiben spiegeln die Stadt. In großer Nähe so fern stehen sich das Gestern und das Heute gegenüber. Einige Stunden aus dem Leben des Mailänder Schriftstellers Giovanni und seiner Gattin Lidia (Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau) – ein Besuch im Krankenhaus, ein Empfang beim Verleger, ein Ausflug in die Gegend von früher, eine Cocktailstunde im Nachtclub, eine Party bei reichen Leuten, ein Gang durch den Park. Zwischen ihnen nur Reste von Gemeinsamkeit, kaum mehr Erinnerungen, keine Erwartung von Zukunft. Es bleiben kultivierte Entfremdung, gleichgültige Ausbruchsversuche, erschöpftes Nebeneinander. Michelangelo Antonioni betrachtet einen Mann, der schreibt, um nichts sagen zu müssen, eine Frau, die davonläuft, um zu sich zu finden, einen Menschen, der stirbt, ein Mädchen, das spielt, eine Welt, die boomt, eine Gesellschaft, die im Regen verdurstet, eine Ehe, die vom Leben geschieden wird. Ein formvollendet trauriger Film über die Leere der Fülle, über das Alter der Jugend, über den Widerwillen der Liebe, über eine lange Nacht, auf die ein fahler Morgen folgt, über Parallelen, die sich auch im Unendlichen nicht treffen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Ennio Flaiano, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giorgio Gaslini A Piero Zuffi S Eraldo Da Roma P Emanuele Cassuto D Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Monica Vitti, Bernhard Wicki, Rosy Mazzacurati | I & F | 122 min | 1:1,66 | sw | 24. Januar 1961

20.1.61

Le farceur (Philippe de Broca, 1961)

Wo bleibt die Moral, mein Herr?

Édouard (Jean-Pierre Cassel) flieht fröhlich hüpfend vor dem Ehemann einer Geliebten über die Dächer von Paris und landet erst im Vorgarten, dann im Schlafzimmer von Hélène (Anouk Aimée), der so hinreißenden wie gelangweilten Gattin eines faden Industriellen; sofort glaubt der (an-)mutige Filou – der zusammen mit Onkel, Bruder, Schwägerin, Neffen und (niedlichem) Hausmädchen in einer aus der Gegenwart gefallenen, mit allerhand verschlissenen Kulturgütern und liebenswertem Ramsch vollgestopften Villa Kunterbunt lebt –, in der kapriziösen Schönen die Frau seines Lebens gefunden zu haben … Philippe de Broca läßt in »Le farceur« – halb burleske Romanze, halb sentimentale Posse – die Kulturverschiedenheit zwischen prinzipiell hochgestimmtem Bohèmien und ewig fröstelnder Bourgeoise nur zart anklingen; ihm ist es nicht um Problematisierung von Gefühlen zu tun sondern um das Einhüllen der schnöden Realität in die Zuckerwatte filmischer Illusion: Das Leben als ausgelassenes Spiel von Liebe und Zufall, als Tanz zur Musicbox des Glücks – sollte die Melodie einmal verstummen, so wirft man eine Münze nach, und weiter geht's…

R Philippe de Broca B Philippe de Broca, Daniel Boulanger K Jean Penzer M Georges Delerue A Jacques Saulnier S Laurence Méry P Claude Chabrol, Roland Nonin D Jean-Pierre Cassel, Anouk Aimée, Geneviève Cluny, Georges Wilson, François Maistre | F | 88 min | 1:1,66 | sw | 20. Januar 1961

12.1.61

Steinzeitballade (Ralf Kirsten, 1961)

»Es hat der Krieg nicht nur das Haus zerschlagen, / auch der Verstand war bei den meisten rar.« Berlin, 1946. Die Stadt liegt in Trümmern. Eine Gruppe von Frauen klopft Steine für Bauunternehmer Scharrhahn. Der Boß sieht im Aufbau nur ein weiteres gutes Geschäft, den Trümmerfrauen wird (auch durch Hinweise eines wohlmeinenden SED-Genossen) langsam klar, daß es gilt, eine neue Zeit zu bauen … Nach dem Prinzip des Epischen Theaters unterbrechen immer wieder Songs (getextet von Brecht-Meisterschüler Heinz Kahlau) die Handlung, kommentieren Verhaltensweisen, betonen die Musterhaftigkeit des Geschehens: Unter der selbstgewählten Führung von Betriebsrätin Anna Lubitzke (die dem zugrundeliegenden Roman von Ludwig ›Ein Prolet erzählt‹ Turek den Titel gab) überwinden die Frauen schließlich ihren Eigennutz, üben praktische Solidarität, übernehmen Verantwortung. Ralf Kirsten inszeniert seinen Film als demonstrativ unheroisches Lehrstück über Herausforderungen und Chancen des (individuellen und gesellschaftlichen) Neubeginns: »So stellten wir uns selber auf die Beine. / Zu Anfang kam uns das unmöglich vor.« Über den illusionären Charakter dieses (schein-)emanzipatorischen Aufbruchs, dem die politische Entmündigung auf dem Fuße folgte, schweigt sich »Steinzeitballade« freilich aus.

R Ralf Kirsten B Heinz Kahlau, Ralf Kirsten V Ludwig Turek K Günter Haubold M Wolfgang Lesser A Willy Schiller S Christel Röhl P Alexander Lösche D Gisela Rimpler, Else Grube-Deister, Friedel Nowack, Agnes Kraus, Günter Naumann | DDR | 85 min | 1:1,37 | sw | 12. Januar 1961