18.10.66

Persona (Ingmar Bergman, 1966)

Persona

Es werde Licht: Zwischen den Graphit-Elektroden der Kohlebogenlampe erstrahlt ein flammender Blitz. Ratternd setzt sich der Projektor in Bewegung. Der Zelluloidstreifen fädelt sich in die Führung. Ein Film beginnt. ›Ein‹ Film? ›Der‹ Film beginnt: mit dissonantem Soundtrack und einer Reihe disparater Bilder, gleich einem kinematographischen stream of consciousness – ein Startband, ein erigierter Schwanz, eine Slapstick-Szene, eine Stückchen Animation, eine krabbelnde Spinne, ein Lamm das geschlachtet wird, groß das tote Auge des Tieres, eine Hand, in die ein Nagel getrieben wird, Mauern, Landschaften, Tote, die plötzlich erwachen, ein Junge, der eine Leinwand abtastet, auf der sich in Unschärfe zwei Gesichter überlagern. Nach der hektischen credit sequence entwickelt sich in knappen, kühlen Szenen die Erzählung: Eine Schauspielerin (Liv Ullmann) verstummt auf der Bühne, verweigert sich fortan dem sprachlichen Zugriff der Umwelt. Die Ärztin schickt die körperlich und geistig für gesund Befundene in Begleitung einer Krankenschwester (Bibi Andersson) zur Kur in ein Haus am Meer. – Einschub: Das lateinische Wort ›persona‹ meint: ›Maske‹, ›Rolle‹, ›Charakter‹, aber auch: ›Persönlichkeit‹, ›Individualität‹. »Persona« handelt von Masken, Rollen und Charakteren, von Persönlichkeit und von Individualität. – Im Haus am Meer zunächst inniges Einvernehmen und zärtliches Verständnis zwischen den beiden Frauen: Die eine spricht viel, die andere sagt nichts – ein empfindliches, ein zerbrechliches Gleichgewicht. Dann ein (Film-)Riß: Die Schweigende macht sich (schriftlich) lustig über die Sprechende, die sich von der anderen betrogen, benutzt und beschmutzt fühlt. Sprechen verwandelt sich Bezichtigung und Anklage, aus Schweigen wird Widerstand und Verachtung. Mit dem immer weiteren Auseinanderdriften der Individualitäten entblößen sich die unübersehbaren Ähnlichkeiten – bis hin zur optischen Verschmelzung der Gesichter. »Persona« ist ein behutsames, zugleich schonungsloses Abtasten von Physiognomien, ein subtiles Spiel der Spaltungen und Doppelungen, eine permanente Schärfenverlagerung zwischen peinlicher Nähe und eisiger Distanz, eine hermetische Phantasie über die menschliche Natur, ein geheimnisvoller Kommentar zum Wesen des Kinos. PS: Der Arbeitstitel des Films »Persona« lautete übrigens »Kinematografi«.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Lars Johan Werle A Bibi Lindström S Ulla Ryghe P Lars-Owe Carlberg D Bibi Andersson, Liv Ullmann, Margaretha Krook, Gunnar Björnstrand, Jörgen Lindström | S | 85 min | 1:1,37 | sw | 18. Oktober 1966

16.10.66

A Funny Thing Happened on the Way to the Forum (Richard Lester, 1966)

Toll trieben es die alten Römer 

»Old situations / New complications …« Auf- und abgedrehtes Sandalen-Vaudeville rund um den charmant-tückischen Sklaven Pseudolus, der (gleichzeitig) Dutzende von Intrigen spinnt, um seine Freiheit zu gewinnen. »A Funny Thing Happened on the Way to the Forum«, Richard Lesters Leinwandadaption einer radikal-klamottigen Stephen-Sondheim-Show (die ungeniert die Scherben antiker Komödienklassiker zusammenkehrt), versammelt mit Zero Mostel, Jack Gilford, Michael Hordern und Buster Keaton (in seinem letzten Film) ein ziemlich einmaliges Ensemble nimmermüder Slapstickhelden vor Nicholas Roegs respektlos-rasanter Kamera. Ein angenehm sinnfreies Tür-auf-Tür-zu-Musical über die Freuden spätrö­mischer Dekadenz, voll von klingelnder Wortakrobatik und brachialem Körperwitz. »… Tragedy tomorrow / Comedy tonight!«

R Richard Lester B Melvin Frank, Michael Pertwee V Plautus K Nicolas Roeg M Stephen Sondheim A Tony Walton S John Victor-Smith P Melvin Frank D Zero Mostel, Jack Gilford, Michael Hordern, Michael Crawford, Buster Keaton | USA & UK | 99 min | 1:1,66 | f | 16. Oktober 1966

5.10.66

Seconds (John Frankenheimer, 1966)

Der Mann, der zweimal lebte

Eine namenlose ›company‹ bietet ihren Kunden die Chance eines zweiten Lebens: mit neuem Gesicht in neuer Umgebung neu anfangen. Doch die Flucht aus dem Alptraum der Gewohnheit endet im Alptraum der verlorenen Identität … Ein auswegloser Thriller, der von der ersten bis zur letzten Sekunde eine ungemütliche Seherfahrung bietet: verzerrte Optik, verzerrte Bühnenbilder, Jump-cuts, dazu eine ziemlich einmalige Anhäufung von sinistren Charakteren. Rock Hudson liefert eine selten uneitle Performance: Welcher andere Star würde es dulden, erst bei Minute 40 mit völlig zerstörtem Gesicht in einem Film aufzutauchen und sich dann auch noch auf eine so erniedrigende Weise aus der Geschichte zu verabschieden wie in diesem Fall?

R John Frankenheimer B Lewis John Carlino V David Ely K James Wong Howe M Jerry Goldsmith A Ted Haworth S David Newhouse, Ferris Webster P Edward Lewis D Rock Hudson, Salome Jens, John Randolph, Jeff Corey, Murray Hamilton | USA | 106 min | 1:1,85 | sw | 5. Oktober 1966

1.10.66

The Deadly Affair (Sidney Lumet, 1966)

Anruf für einen Toten

Der Tod eines anonym des Geheimnisverrats bezichtigten Foreign-Office-Beamten setzt einen kleinen, schmuddligen Spionage-Thriller in Gang, der seine Spannung nicht durch komplizierte Verwicklungen oder raffinierte Plot-Twists entfaltet sondern durch genaue Beobachtung der handelnden (das heißt: der zum Handeln gezwungenen) Personen: James Mason als hitzig-melancholischer Secret-Service-Mann Dobbs, der den Zeiten der Eindeutigkeit nachtrauert, Harry Andrews als ausgebuffter Kommissar im Ruhestand, der einschläft, sobald er mit Hypothesen gelangweilt wird, Simone Signoret als rätselhafte Witwe, die ihre Vergangenheit wie ein Leichenhemd trägt, Maximilian Schell als gefährlicher Charmeur, Harriet Andersson als ausgenutzte Nymphomanin – Figuren eines Spiels, das weder Könige noch Damen kennt, nur Bauern, die auf die eine oder andere Weise zu Opfern der Umstände werden. Sidney Lumets neblig-trübe John-le-Carré-Adaption malt das bis zur Farblosigkeit entsättigte Bild eines unswinging London: Die Kamera (Freddie Young) zeigt trostlose Straßen, düstere Wohnungen, unbehauste Existenzen. »You have no place among real people«, muß sich Agentenjäger Dobbs einmal sagen lassen. »The Deadly Affair« läßt Zweifel daran aufkommen, daß es überhaupt noch »wirkliche Menschen« gibt.

R Sidney Lumet B Paul Dehn V John le Carré K Freddie Young M Quincy Jones A John Howell S Thelma Connell P Sidney Lumet D James Mason, Simone Signoret, Harry Andrews, Maximilian Schell, Harriet Andersson | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 1. Oktober 1966