26.12.57

Smultronstället (Ingmar Bergman, 1957)

Wilde Erdbeeren

Das Leben als Reise – zum Ich oder daran vorbei. Der fast 80jährige, recht eigenbrötlerische Professor Isak Borg (die Initialen seines Namens entsprechen wohl nicht zufällig denen des Regisseurs) (Victor Sjöström) macht sich – begleitet von seiner, ihm in zwiespältiger Zuneigung verbundenen Schwiegertochter (Ingrid Thulin) – auf den Weg zu einer akademischen Ehrung. Die Fahrt wird zur sentimental journey in die Geschichte seines Lebens: Am Straßenrand warten die Träume, die Angst- und Wunschbilder, die Erinnerungen an Lichtblicke und dunkle Momente, an Hoffnungen und Enttäuschungen, an Zärtlichkeiten und (zwischen-) menschliche Verhärtungen. Zufällige Reisegefährten erscheinen als Spiegelbilder eigenen Versagens, provozieren Nachdenken über erlebte Pressionen und unkorrigierbare Fehlentscheidungen. Ingmar Bergman schiebt die Zeit-, Wahrnehmungs-, Reflexions- und Erzählebenen des biographischen Spiels souverän ineinander, breitet mit tiefem Mitgefühl das sommerlich-melancholische Panaroma einer splendid isolation: Isak Borg blickt zurück auf eine Existenz in Einsamkeit, in großer Entfernung zu sich und den anderen. Immerhin jedoch beschenkt ihn sein Leben mit der Gnade der, wenn auch späten, Selbsterkenntnis – und es schickt ihm (Ist es eine Phantasie? Ist es die Wirklichkeit?) eine junge Frau (Bibi Andersson), die dem Alten ein Ständchen singt und ihm zuruft, daß sie ihn liebe – heute, morgen und für immer…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A Gittan Gustafsson S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Victor Sjöström, Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Bibi Andersson, Naima Wifstrand | S | 91 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1957

19.12.57

Wien, du Stadt meiner Träume (Willi Forst, 1957)

Anflug auf Wien: der Kahlenberg und die Gloriette, das Belvedere und die schöne blaue Donau. König Alexander von Alanien (Hans Holt) schwebt ein, um seiner Tochter Sandra die Stadt seiner Träume zu zeigen. Doch so romantisch-beschaulich wie erinnert ist die österreichische Hauptstadt gar nicht. Das offizielle Besuchsprogramm gleicht einem Schweinsgalopp: Museen, Denkmäler, Schlösser – anschauen, schön finden, weiter. Da kommt die Revolution in der Heimat gerade recht. Der in Abwesenheit gestürzte König heuert als Chauffeur in der eigenen Botschaft an, die Exprinzessin nimmt Klavierunterricht bei einem hoffnungsvollen Komponisten – und plötzlich ist Wien so langsam, so gemütlich, so weanerisch wie in einem Wiener Film von Willi Forst. »Wenn’s Wien net gäb, tät auf der Welt ein Loch sein«, singt Paul Hörbiger (in einer Paraderolle als pensionierter Straßenbahner, der in nächtlicher Weinlaune den geliebten 38er-Wagen entert und noch einmal von Grinzing zum Schottentor steuert) und fährt fort: »Wenn Wien nicht wär, dann müßt man Wien erfinden.« Forst, ein Großmeister des Schmäh, dieser ortstypischen Mischung aus Sentimentalität und Ironie, läßt sich ganz tief fallen in die Heurigenseligkeit, in den Dreivierteltakt, in die Erinnerung an ein Gestern, das nie etwas anderes war als eine schöne Erfindung, und er nimmt diesen Kitsch zugleich wie einen Jux auf die ganz leichte Schulter: »Der Zauber von Wien? Wie das schon klingt!«

R Willi Forst B Willi Forst, Kurt Nachmann, Hans Rameau K Günther Anders M Robert Pawlicki, Alfred Uhl A Werner Schlichting, Isabella Schlichting S Herma Sandtner P Herbert Gruber D Hans Holt, Erika Remberg, Adrian Hoven, Hertha Feiler, Paul Hörbiger, Oskar Sima | A | 109 min | 1:1,37 | f | 19. Dezember 1957

17.12.57

Night of the Demon (Jacques Tourneur, 1957)

Der Fluch des Dämonen

»It’s in the trees! It’s coming!« Ein amerikanischer Wissenschaftler (felsenfest: Dana Andrews) reist nach England, um an einer Tagung über parapsychologische Phänomene teilzunehmen; als hartgesottener Rationalist will er, trotz zahlreicher deutlicher Hinweise, partout nicht an die dämonischen Kräfte glauben, die der Anführer eines Satanskultes (schillernd: Niall MacGinnis) zu entfesseln in der Lage ist. Jacques Tourneur erzählt, in der Tradition seiner andeutend-gespenstigen Low-Budget-Horrorfilme für den Produzenten Val Lewton, von Schwarzer Magie und Flüchen in uralter Geheimschrift, vom hellen Licht der Aufklärung und den harten Schatten, die es wirft. Eine spleenig-finstere Studie über das Böse (und wie es in die Welt kommt), deren Schrecken von zwei allzu markanten Auftritten eines godzillahaften Feuergeistes (Monsterdesign: Ken Adam) allerdings leicht gemildert wird. (»Maybe it’s better not to know.«)

R Jacques Tourneur B Charles Bennett, Hal E. Chester V M. R. James K Ted Scaife M Clifton Parker A Ken Adam S Michael Gordon P Frank Bevis, Hal E. Chester D Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Athene Seyler, Liam Redmond | UK | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. Dezember 1957

# 1141 | 3. Januar 2019

16.12.57

Une parisienne (Michel Boisrond, 1957)

Die Pariserin

»Une parisienne« ist nicht irgendein Mädchen sondern die Tochter des französischen Staats­ratspräsidenten; gespielt wird sie nicht von einer x-beliebigen Schauspielerin sondern von der reschen BB. Brigitte, so heißt sie der Einfachheit halber auch im Film, wirft sich (unbegreiflicherweise) Michel (klobig: Henri Vidal), dem schwerenöterischen Kabinettschef ihres Vaters, an den Hals, der wiederum (unbegreiflicherweise) zunächst nichts von seiner über aus willigen Verehrerin wissen will. Als Michel auch nach der (unbegreiflichen) Hochzeit seine diversen Affären weiterpflegt, poussiert Brigitte mit einem attraktiv-gereiften prince charming (Charles Boyer) – natürlich nur um den geliebten Gatten eifersüchtig zu machen ... Regisseur Michel Boisrond läßt eine blödsinnig-solide Boulevardkomödie abrollen, in der nach Herzenslust mit Türen geknallt oder mit Langusten geschmissen wird, und schafft dabei jede Menge absurder Gelegenheiten, um Dekolleté, Schmollmund und andere unleugbare körperliche Vorzüge der BB appetitlich zu präsentieren.

R Michel Boisrond B Annette Wademant, Jean Aurel, Jacques Emmanuel, Michel Boisrond K Marcel Grignon M Henri Crolla, André Hodair, Hubert Rostaing A Jean André S Claudine Bouché P Francis Cosne D Brigitte Bardot, Charles Boyer, Henri Vidal, André Luguet, Noël Roquevert | F & I | 86 min | 1:1,37 | f | 16. Dezember 1957

29.11.57

Sheriff Teddy (Heiner Carow, 1957)

In Westberlin war Kalle wer: Als Anführer der Teddy-Bande führte er ein strenges Regiment und machte mit seinen Kumpels die Ruinen unsicher. Nach dem Umzug in den »demokratischen Sektor« der geteilten Stadt, muß sich der rüpelig-verstockte 13jährige plötzlich mit Phänomenen wie Anstand, Vertrauen und Ehrlichkeit herumschlagen … In seinem Debütfilm leuchet Heiner Carow die Gefühlswelt eines (nicht besonders sympathischen) Jungen aus, der zwischen sprachlosen Eltern und kriminellem Bruder, zwischen schundliterarischen Idolen und streberhaften Jungpionieren, zwischen Gesundbrunnen (West) und Prenzlauer Berg (Ost) die Orientierung zu verlieren droht. Die unermüdliche Energie, mit der Kalles humanistisch inspiriertes neues Umfeld (darunter ein gemütvoller Pädagoge (Günther Simon) und ein beherzter Klassenkamerad) trotz aller Rückschläge die Seelenrettung des groben Klotzes betreibt, könnte als rosarotes Märchenmotiv durchgehen, wären da nicht die rauhe Straßenfotografie (Kamera: Götz Neumann) und die borstige Berliner Stimmlage, die die Härte der Zeit (sowie der diversen Faustkämpfe) in unsentimentalen Bildern und Tönen wirkungsvoll einfangen.

R Heiner Carow B Benno Pludra, Heiner Carow V Benno Pludra K Götz Neumann M Günter Klück A Alfred Tolle S Friedel Welsandt P Paul Ramacher D Gerhard Kuhn, Axel Dietz, Günther Simon, Erich Franz, Hartmut Reck | DDR | 68 min | 1:1,37 | sw | 29. November 1957

31.10.57

Anders als du und ich (§ 175) (Veit Harlan, 1957)

25 Jahre nachdem er auf der Bühne des Preußischen Staatstheaters einen rauschenden Erfolg als »Charleys Tante« feierte, inszeniert Veit Harlan »Das dritte Geschlecht«. Für seinen Problemfilm über die »Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt«, versichert sich Harlan der Schützenhilfe gewiegter »Experten«: So fungiert der schwule Sexualforscher Hans Giese als wissenschaftlicher Berater; Friedrich Joloff, der so offen schwul lebte, wie es in den 1950ern Jahren in (West-)Deutschland eben möglich war, verkörpert den hypnotischen Boylover Dr. Boris Winkler (nicht nur homosexuell, sondern auch noch latent russisch!); Marcel André, Mitbegründer des legendären Berliner Travestieschuppens ›Chez Nous‹ gibt eine schwule Kabarett-Nummer zum besten: »Die Liebe ist geheimnisvoll und rätselhaft, / sie ist von einer ganz besonderen Zauberkraft.« Die (ganz ihrer Entstehungszeit verhaftete) melodramatische Kolportage kreist um den 18jährigen, kunstsinnigen, vom Vater (in seiner Paraderolle als kläffender Spießer: Paul Dahlke) unverstandenen, »homosexuell gefährdeten« Klaus Teichmann (Christian Wolff), der von seinem besorgten Muttertier (Paula Wessely) und der willigen Haustochter vor einem Leben im geschlechtlichen Zwielicht bewahrt wird … Der Regisseur langweilt sich offenbar selbst im Alltagsmief des bratenduftend-polstergarniturhaften Elternhauses, das er, freundlich gesagt, mit gestalterischem Desinteresse betrachtet; zu einer gewissen (wiewohl denunziatorischen) formalen Potenz stößt Harlan erst vor, wenn es libidinös wird, und er die Lasterhöhle des invertierten Versuchers mit verkanteter Kamera und dämonischer Illumination als dampfende Mischung aus intellektuellem Knabenpuff und asiatisierender Vorhölle präsentieren kann: Hier wird leicht verblasen über moderne Kunst diskutiert und am Trautonium aufregende »Elektronenmusik« erzeugt (Oskar Sala, der später Hitchcocks Vögel kreischen lassen wird, steuert die fremdartigen Töne bei), danach wälzen sich leichtbekleidete Jungs im Freistilringkampf auf dem teuren Perserteppich. Wie so oft im Kino – auch (oder gerade) wenn statt vorgeblicher Aufklärung lüsterner Voyeurismus geboten wird – entfaltet das Andere, das Dissonante, das Exotische einen weitaus größeren Reiz als die sogenannte Normalität. Das (aufgrund von FSK-Auflagen stark homophobisierte) Ende des Films (der schließlich unter dem ausgrenzenden Titel »Anders als du und ich (§ 175)« in die bundesdeutschen Kinos kommt) bringt die Austreibung der bösen Geister (und Körper) sowie die Wiederherstellung einer (leicht ramponierten) familiären und sexuellen Konformität: »Da wirst du schuldig, und du weißt es nicht.« PS: Im Lexikon, das die bange Mutter zu Rate zieht, findet sich der Eintrag ›Homosexualität‹ zwischen ›Homo sapiens‹ und ›Homo sum, humani nihil a me alienum puto‹ – von dieser liberalen Einordnung wird die gutbürgerliche Gesellschaft noch lange Zeit nichts wissen wollen.

R Veit Harlan B Felix Lützkendorf K Kurt Grigoleit M Erwin Halletz, Oskar Sala A Gabriel Pellon, Hans Auffenberg S Walter Wischniewsky P Gero Wecker D Paula Wessely, Paul Dahlke, Christian Wolff, Hans Nielsen, Friedrich Joloff | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 31. Oktober 1957

12.10.57

Letjat schurawli (Michail Kalatosow, 1957)

Die Kraniche ziehen 

Der Mensch und das Glück – ein ekstatisches Melodram … Kraniche ziehen. Weronika und Boris haben sich gefunden. Der Krieg reißt die beiden auseinander. Sie wartet auf seine Rückkunft, läßt sich mit seinem Cousin ein, haßt sich und die ganze Welt dafür, wartet auf die Heimkehr des Geliebten. Der Krieg geht zu Ende. Boris kommt nicht wieder. Weronika ist allein. Kraniche ziehen … »Letjat schurawli« ist auch ein Film über die Liebe und den Krieg. Auch. Vor allem aber ist es ein Film über das Glück. Besser gesagt: über das Streben nach Glück, den Willen zum Glück. Das Leben selbst bleibt von diesem menschlichen Drang einigermaßen unbeeindruckt: Kraniche ziehen. Der Film findet denn auch für Euphorie und Tod die jeweils gleiche fulminante optische Entsprechung: Ein delirierender Kamerawirbel kann die Seligkeit bedeuten – und ihr absolutes Gegenteil. Jenseits dieser (und anderer) mitreißenden formalen Abstraktionen erzählen Michail Kalatosow und der begnadete Kameramann Sergei Urussewski eine berührende Geschichte um ganz einfache und zugleich hoch­komplexe Gefühle; sie tun dies in eingängigen und zugleich radikalen Bildern, in exaltierten Weitwinkel-Kompositionen, die den Menschen in die Tiefe extremer Totalen schleudern, in drastischen Close-ups, die sein Innerstes nach außen stülpen, in furiosen Kamerafahrten, die das Getriebensein aller menschlichen Existenz verbildlichen. Natürlich ist das Geschehen, vor allem das Ende des Films, auch ganz anders zu betrachten: Die Liebe zu einem Einzelnen ginge auf in der Liebe zur Gemeinschaft; die Wiederkehr der Kraniche spräche von einem höheren Glück als der erfüllten persönlichen Sehnsucht. Das wäre dann jener (nicht nur sozialistische) Realismus, den »Letjat schurawli« auf der visuellen Ebene so großartig konterkariert.

R Michail Kalatosow B Wiktor Rosow V Wiktor Rosow K Sergei Urussevski M Moisei Wainberg A Jewgeni Swidetelew S Marija Timofejeva P Mosfilm D Tatjana Samoilowa, Alexey Batalow, Wassili Merkurjew, Alexander Schworin, Swetlana Charitonowa | SU | 97 min | 1:1,37 | sw | 12. Oktober 1957

11.10.57

Les espions (Henri-Georges Clouzot, 1957)

Spione am Werk

Der versoffene Chef eines heruntergekommenen Nervensanatoriums gewährt gegen Geld (warum sonst?) einem abgetauchten Agenten mit atomar-brisanten Kenntnissen (Curd Jürgens) Unterschlupf. Nicht lange, und ein Pulk rivalisierender Geheimdienstler (darunter Martita Hunt und: Peter Ustinov!) tritt auf den Plan, um dem mysteriösen »Patienten« sein Wissen (wenn es sein muß: brutal) zu entreißen. Der arme Doktor, der plötzlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, gerät zwischen die Fronten ... Die Welt als Irrenhaus, das Irrenhaus als Welt – von Henri-Georges Clouzot clever als sardonische Kalte-Kriegs-Travestie angelegt, von Christian Matras grandios in novembrigem Schwarzweiß fotografiert, verliert sich »Les espions« bedauerlicherweise in einer zunehmend wirren Handlung (wo gar keine mehr nötig gewesen wäre) und hilflos heraus­gestammeltem (weil obsoletem) Moralismus.

R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Egon Hostovsky K Christian Matras M Georges Auric A René Renoux S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Curd Jürgens, Peter Ustinov, O. E. Hasse, Véra Clouzot, Martita Hunt, Gérard Séty | F & I | 125 min | 1:1,66 | sw | 11. Oktober 1957

10.10.57

Jonas (Ottomar Domnick, 1957)

»die stadt ist leer / sie hat keine bäume / und kein gelächter / sie ist ausgestorben / wenn der morgen graut / und du suchst einen / irgendeinen / einen mann namens Jonas« – Ottomar Domnick ist eine der originellsten Erscheinungen der deutschen Filmgeschichte: Chef einer psychiatrischen Privatklinik, Freund und Förderer moderner Kunst, intellektueller Nonkonformist, passionierter Cinéast. Inspiriert von abstrakter Malerei und absurder Literatur, gleicht »Jonas«, Domnicks erstes abendfüllendes Filmwerk, der klinischen Beobachtung einer Entfremdung: der Titelheld (Robert Graf) verliert sich in einem Strudel aus alter Schuld und akuter Angst – sein Schicksal wird zum Spiegel einer prosperierenden Gesellschaft auf der Flucht vor den Gespenstern der Vergangenheit. Stuttgart liefert die abweisend-großstädtische Kulisse, Hans Magnus Enzensberger den im gefühlskühlen Sound der 1950er Jahre gehaltenen Kommentartext; die harte Schwarzweiß-Kamera (Andor von Barsy) zerlegt die wirtschaftswunderbare Bundesrepublik fachgerecht in optische Chiffren und treffende Sinnbilder. – »Jonas ist einer von uns / ein mann mit vielen schatten / ein mann ohne antwort«

R Ottomar Domnick B Ottomar Domnick, Hans Magnus Enzensberger K Andor von Barsy M Duke Ellington, Winfried Zillig S Gertrud Petermann P Ottomar Domnick D Robert Graf, Elisabeth Bohaty, Dieter Eppler, Willy Reichmann | BRD | 84 min | 1:1,37 | sw | 10. Oktober 1957

19.9.57

Nachts, wenn der Teufel kam (Robert Siodmak, 1957)

Ein politischer film noir aus Deutschland um Fragen von Gerechtigkeit in rechtloser Zeit: Robert Siodmak erzählt die (während des Zweiten Weltkriegs spielende) Geschichte des grenzdebilen Massenmörders Bruno Lüdke (triebhaft-intensiv: Mario Adorf), dem nach zehn Jahren ungestraften Tötens von einem engagierten Ermittler (aufrecht-steif: Claus Holm) das Hand(!)werk gelegt wird. Ein ambitionierter SS-Führer (aasig-schwarz: Hannes Messemer) will den Fall als Rechtfertigung für ein Gesetz zur Vernichtung geistig Behinderter nutzen, wird aber von ganz oben zurückgepfiffen. Ein Unschuldiger (präpotent-schwitzig: Werner Peters) springt über die Klinge … »Nachts, wenn der Teufel kam« zeigt nicht nur, wie unter der Herrschaft des Verbrechens die Willkür zum Führungsprinzip wird, sondern reflektiert auch (sehr zurückhaltend) die Möglichkeiten des Einzelnen in einer totalitaristischen Welt.

R Robert Siodmak B Werner Jörg Lüddecke V Will Berthold K Georg Krause M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Gottfried Will S Walter Boos P Walter Traut, Robert Siodmak, Ilse Kubaschewski D Claus Holm, Mario Adorf, Hannes Messemer, Annemarie Düringer, Werner Peters | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 19. September 1957

12.9.57

A King in New York (Charles Chaplin, 1957)

Ein König in New York

»There are many things absurd these days.« Ist König Shahdov von Estrovia, den seine Untertanen vom Thron jagten, ein royaler Kommunist? Charlie Chaplins (autobiographisch inspirierte) gallige Komödie expediert einen gestürzten alteuropäischen Monarchen ins New Yorker Exil und stößt ihn in die bizarren Klüfte der (schönen?) neuen Welt (»This wonderful, wonderful America … its youth, its genius, its vitality!«) – bis hin zur Vorladung vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe. Der König erlebt staunend allgegenwärtigen Konsumterror und tendenziösen Journalismus, Massenhysterie und Jugendwahn, Gesinnungszwang und Paranoia, awful plastic surgery und exklusive Dinnerparties, die sich unversehens ins Werbeprogramm des Lokalfernsehens verwandeln. Bei aller satirischen Bitterkeit ist »A King in New York« kein antiamerikanischer Film, eher ein zornig-mokanter Blick auf die pervertierten Gründungsideale einer großen Nation. Spätestens mit der tragischen Schlußpointe weicht die Belustigung vollends dem politischen Statement – dankenswerterweise unter Vermeidung der ansonsten üblichen chaplinesken Sentimentalität.

R Charles Chaplin B Charles Chaplin K Georges Périnal M Charles Chaplin A Allan Harris S John Seabourne P Charles Chaplin D Charles Chaplin, Dawn Addams, Sid James, Oliver Johnston, Michael Chaplin | UK | 110 min | 1:1,37 | sw | 12. September 1957

Monpti (Helmut Käutner, 1957)

Helmut Käutner steht auf einem kleinen Platz in Paris und erzählt eine kleine Geschichte: »Sie ist ziemlich komisch und ziemlich traurig. Eine Liebesgeschichte.« Es ist die bittersüße Romanze um das arme Nähmädchen Anne-Claire (niedlich: Romy Schneider) und den brotlosen ungarischen Künstler ›Monpti‹ (auch niedlich: Horst Buchholz), die sich die erste Liebe so schwer wie möglich machen. Sie spinnt sich die ideale Biographie einer höheren Bürgertochter zurecht und träumt von einer Hochzeit in Weiß, er, der vor allem an »faire l’amour« denkt, weiß nicht, woran er mit ihr ist, und als es endlich zur Sache gehen könnte, nimmt die Sache eine schlimme Wendung … Das Helle neben dem Dunklen, das Glück neben dem Unglück, die schauerliche Hungervision neben dem siebten Himmel, die Alltagsbeobachtung am Originalschauplatz (Szenen auf dem Markt und im Park, am Seine-Kai und auf den Boulevards) neben der Künstlichkeit der Studiokulisse (Restaurants und Kellerbars, Absteigen wie beim frühen Carné und Monptis Hotelzimmer mit Blick über die Dächer von Saint-Germain-des-Prés auf die Kathedrale Notre-Dame), der stereotype Bohème-Kitsch neben der ironischen Verfremdung: Abgesehen von den (bisweilen etwas altherrenhaften) Kommentaren des Erzählers Käutner sorgt vor allem ein ennuyiert-versnobtes Jeunesse-dorée-Pärchen (Boy Gobert (noch ein ›Monpti‹) und Mara Lane), das sich immer wieder antipodisch in die Geschichte drängt, für feine V-Effekte.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Gábor von Vaszary V Gábor von Vaszary K Heinz Pehlke M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Anneliese Schönnenbeck P Harald Braun D Romy Schneider, Horst Buchholz, Mara Lane, Boy Gobert, Helmut Käutner | BRD | 101 min | 1:1,66 | f | 12. September 1957

6.9.57

Le notti bianche (Luchino Visconti, 1957)

Weiße Nächte

Hermetisches Melodram in sagenhafter Studiodekoration: Luchino Visconti läßt von seinem ingeniösen Architekten Mario Chiari das traumverwinkelte Konzentrat einer ganzen Stadt – mit Gassen und Plätzen, Kanälen und Brücken, Nachtbars und Tankstellen – in Cinecittà errichten und macht diese Szenerie zur Bühne einer Reihe von nächtlich-romantischen Begegnungen zwischen dem sehnsüchtigen Drifter Mario (Marcello Mastroianni) und der hysterischen Schwärmerin Natalia (Maria Schell); die junge Frau erwartet die Rückkehr eines inbrünstig verehrten (namenlosen) Fremden (Jean Marais), der ihr, bevor er sich für ein Jahr verabschiedete, ewige Treue versprochen hatte … Aus den (durch unterschiedliche Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen emotional aufgeladenen) Zusammentreffen zweier heimatloser Figuren (von Charakteren ist angesichts der forcierten Künstlichkeit der Inszenierung und des bewußt überspannten Verhaltens der Protagonisten kaum zu sprechen) entwickelt »Le notti bianche« ein theatrales Wechselspiel von Illusionen und Tatsachen, von Ideal und Wirklichkeit, von Erinnerung (≈ Gefangenschaft) und Gegenwart (≈ Unabhängigkeit), sowie – auf der kinematographischen Ebene – von Straßenfilm und Kammerspiel. Auch als (bald nebliger, bald regennasser, bald verschneiter) Ort an der Grenze von Diesseits und Jenseits könnte Viscontis magisch-realistische Kulissenwelt begriffen werden: Der zeitlos schöne, seltsam statuarische »Fremde« wäre dann ein Engel des Todes, der die Seelen der Lebenden (zärtlich) in seinen Besitz bringt und die Herzen der Liebenden (dramatisch) voneinander trennt.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Fjodor M. Dostojewski K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Chiari S Mario Serandrei P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Maria Schell, Jean Marais, Clara Calamei, Marcella Rovena | I & F | 107 min | 1:1,66 | sw | 6. September 1957

3.9.57

Ferien auf Immenhof (Hermann Leitner, 1957)

»Wißt ihr, wo auf der Welt / Man von Sorgen gar nichts hält?« Aus dem Immenhof ist tatsächlich ein Ponyhotel geworden. Nur die Gäste fehlen noch. Jochen von Roth, mittlerweile unangefochtener Herr im Haus, versucht, ganz seriös, das wirtschaftliche Gelingen in Person eines einflußreichen Hamburger Reiseunternehmers herbeizulocken. Die jungen Leute improvisieren, in naßforschem Überschwang, einen werbezirzensischen Reiterkorso durch das nahegelegene Lübeck. Oma Jantzen, zur Grüßauguste des Fremdenverkehrsbetriebs degradiert, macht gute Knittermiene zum (hoffentlich) gewinnbringenden Ausverkauf ihres Holsteinischen Lebenswerkes. Der dritte Teil der Pony-und-Backfisch-Saga öffnet den stürmischen Kräften der Vermarktung alle Gatter. Mit Erfolg. Am Ende kommen Touristen. »Und wer da einmal war, / Der kommt immer wieder.«

R Hermann Leitner B Per Schwenzen, Hermann Leitner K Fritz Arno Wagner M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon S Liesgret Schmitt-Klink P Gero Wecker D Heidi Brühl, Angelika Meissner, Matthias Fuchs, Margarete Haagen, Paul Klinger, Raidar Müller | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 3. September 1957

30.8.57

Berlin – Ecke Schönhauser (Gerhard Klein, 1957)

»Wenn ich an der Ecke stehe, bin ich halbstark, wenn ich Boogie tanze, bin ich amerikanisch, und wenn ich das Hemd über der Hose trage, ist es politisch falsch.« Generationsstreit im Schatten von Nachkrieg und Ost-West-Konflikt: Die Alten haben viel zu viel damit zu tun, die Trümmer ihrer Stadt (und ihres Lebens) beiseitezuschaffen (oder unter den Teppich zu kehren), als daß ihnen noch Energie bliebe, sich ernsthaft mit dem Nachwuchs auseinanderzusetzen. Es gibt nur barsche Worte, Vorwürfe, Schläge, und so zieht es Dieter (Brecht-Schwiegersohn Ekkehard Schall), Karl-Heinz, Kohle und Angela aus der Enge, der Bigotterie, der Gewalt der elterlichen Wohnungen geradezu zwangsläufig hinaus auf die Straße – die freilich nicht nur einen Freiraum öffnet, sondern auch ins Verderben führen kann ... Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase bieten mit ihrer gefühlsechten Milieustudie vom Prenzlauer Berg gleichermaßen poetischen Rinnstein-Realismus und plakative ideologische Schwarzweiß-Malerei: Während im Westberliner Flüchtlingslager die Fäuste sprechen, zeigt sich der Vopo-Kommissar (Raimund Schelcher) als gute Seele vom Dienst, der – bei allem Verständnis für jugendlichen Übermut – Gut (= Ost) von Böse (= West) klar zu scheiden weiß: »Wo wir nicht sind, sind unsere Feinde.«

R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase K Wolf Göthe M Günter Klück A Oskar Pietsch S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Ekkehard Schall, Ilse Pagé, Harry Engel, Ernst-Georg Schwill, Raimund Schelcher | DDR | 81 min | 1:1,37 | sw | 30. August 1957

13.8.57

Der Stern von Afrika (Alfred Weidenmann, 1957)

»Runter kommen sie alle.« – Zwölf Jahre nach Kriegsende komponieren Herbert Reinecker (Drehbuch) und Alfred Weidenmann (Regie) ein letztes deutsches Heldenlied, fabulieren – mit der nüchternen Sentimentalität der hinterbliebenen Kameraden – von Leben, Zeiten und Tod des legendär-historischen Jagdfliegers Hans-Joachim Marseille (158 Abschüsse bis zu seinem eigenen), zeichnen das kritiklose, vielleicht eben darum beklemmend anschauliche Bild einer Altersgruppe, die sich blind in ihre Berufung und damit in ihr Verderben fügt – »weil es keinen Ausweg gibt. Man ist einfach irgendwie drin in so einem Schicksal, und …« Und? Nichts weiter. Nur Ritterkreuz, Schwerter, Eichenlaub, schließlich ein Sturz in die ägyptische Wüste. Mit »Der Stern von Afrika« empfehlen sich drei Debütanten zur weiteren Verwendung: Horst Frank (außerordentlich als empfindsamer Zyniker), Hansjörg Felmy (rührend als pflichtbewußter Melancholiker), Joachim Hansen (repräsentativ als Draufgänger ohne Eigenschaften). PS: »Ein toter Mann ist kein guter Mann, ist überhaupt kein Mann.« (Eine ebenso wahre wie folgenlose Erkenntnis.)

R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Helmuth Ashley M Hans-Martin Majewski A Max Mellin, Wolf Englert S Carl Otto Bartning P Rüdiger von Hirschberg D Joachim Hansen, Marianne Koch, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Peer Schmidt | BRD & E | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. August 1957

29.7.57

Will Success Spoil Rock Hunter? (Frank Tashlin, 1957)

Sirene in blond 

Frank Tashlins Holzhammer-Satire auf den (nicht nur) amerikanischen Traum (= Wahn) vom Erfolg trumpft mit einer Vulgarität, die dieses Traumes würdig ist. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der aufstiegsorientierte Werbetexter Rockwell P. Hunter (Tony Randall als average mad man), der seiner Agentur den Arsch rettet, indem er – unter Einsatz all seiner Qualitäten – Hollywoodlegende Rita Marlowe (Jayne Mansfield als Monroe-Persiflage mit »oh so kissable lips«) für eine Make-up-Kampagne rekrutiert. Durch die medienwirksame Verbindung zur Leinwand-Ikone erlangt Rockwell selbst Berühmtheit (als »Lover Boy«) und sieht sich plötzlich den Nachstellungen prominentengeiler Teenager ausgesetzt, die wie eine Horde Hirntoter über ihn herfallen; sein bedingungsloses Engagement wird belohnt – mit Beförderung zum ›vice president‹ und der Überreichung des Schlüssels zum legendären ›executive powder room‹ … In grellen CinemaScope-Tableaus (Kamera: Joseph McDonald) karikiert »Will Success Spoil Rock Hunter?« nicht nur genüßlich Phänomene wie Werbung, Starkult oder Fernsehen (»The great thing about television is that it lets you see events live as they happen, like old movies from thirty years ago.«), der Film entlarvt zuvörderst den Nimbus des Erfolges: als Äquivalent von Alkohol und Tranquilizern, als Droge, die den Teilnehmern des kapitalistischen Rattenrennens die permanente Entwürdigung verzuckert. (Und weil es eine Komödie (= ein Märchen) ist, werden die Ratten zu guter Letzt von ihrer Pein erlöst.) PS: »Success is the art of being happy.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin V George Axelrod K Joseph MacDonald M Cyril J. Mockridge, Leland Fuller, Lyle R. Wheeler S Hugh S. Fowler P Frank Tashlin D Tony Randall, Jayne Mansfield, Betsy Drake, Joan Blondell John Williams | USA | 93 min | 1:2,35 | f | 29. Juli 1957

14.7.57

Il grido (Michelangelo Antonioni, 1957)

Der Schrei

Von seiner langjährigen Lebensgefährtin Irma (Alida Valli) wegen eines anderen verlassen, mit einem Schlag aus der (scheinbar) geordeneten Lebensbahn in die (faktische und metaphysische) Unbehaustheit geworfen, streift der Fabrikarbeiter Aldo (Steve Cochran) in Begleitung seiner kleinen Tochter durch die winterliche Po-Ebene, eine beispiellos triste, von Gianni Di Venanzo freilich in überaus delikat komponierten Schwarzweiß-, oder eher: Graubildern fotografierte Landschaft: von kahlen Baumreihen gesäumte Straßen und schlammige Wege zwischen krautigen Wiesen, ärmliche Dörfer und einsame Hütten am Fluß. Bei drei Frauen macht Aldo auf seiner Reise Station – bei der früheren Freundin Elvia (Betsy Blair), die ihn trotz eines Aufflackerns der alten Zuneigung abweist, bei der Tankstellenbesitzerin Virginia (Dorian Gray), deren selbstbewußte Resolutheit ihn in die Flucht schlägt, bei der flotten Gelegenheitsprostiuierten Andreina (Lynn Shaw), die er nach einem kurzen Techtelmechtel in ihrem Elend sitzenläßt –, bevor er schließlich in seinen Heimatort zurückkehrt, wo er ein für alle Mal feststellen muß, daß es dort keinen Platz mehr für ihn gibt, vielleicht nie gegeben hat. Michelangelo Antonioni läßt sein existenzialistisches Roadmovie – eine eindrückliche Studie der Sprachlosigkeit, der Isolation, der Entmutigung – auf einen definitven Augenblick der Wahrheit zielen, den (alles und nichts) entscheidenden Moment, da stille Verzweiflung in schreienden Schmerz umschlägt.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Elio Bartolini, Ennio De Concini K Gianni Di Venanzo M Giovanni Fusco A Franco Fontana S Eraldo Da Roma P Franco Cancellieri D Steve Cochran, Mirna Girardi, Alida Valli, Betsy Blair, Dorian Gray, Lynn Shaw | I & USA | 116 min | 1:1,37 | sw | 14. Juli 1957

# 1162 | 2. Juli 2019

30.6.57

Love in the Afternoon (Billy Wilder, 1957)

Ariane – Liebe am Nachmittag

»How would Lubitsch do it?« Kaum je ist Billy Wilder einer befriedigenden Antwort auf diese Frage nähergekommen als mit »Love in the Afternoon«, seiner märchenhaft-ironischen Pariser Romanze um Ariane Chavasse (Audrey Hepburn), die erblühende Tochter eines cleveren Privatdetektivs (Maurice Chevalier), die sich in das abenteuerliche Dossier des notorischen Frauenhelden Frank Flanagan (Gary Cooper) verliebt, denselben zunächst vor den Nachstellungen eines gehörnten Ehemannes schützt und sodann unter Vorspiegelung eigener einschlägiger Erfahrungen ihrerseits zu verführen trachtet … Wilder umschifft nonchalant erzählerische Eindeutigkeiten, spielt filmisch gleichsam über Bande, indem er einfallsreich mit Symbolen und Metaphern, Andeutungen und Zwischentönen arbeitet (Glanzpunkte bilden hierbei die wiederholten, zwischen »Hot Paprika« und »Fascination« changierenden, Auftritte einer Zigeunerkapelle), um den gereiften Playboy, dessen Liebesleben eine endlose Folge von Begegnungen zwischen den Flügen, zwischen den Zügen, zwischen den Akten darstellt, und das schwärmerische »thin girl« peu à peu zueinanderfinden zu lassen. Dadurch ist es auch zu verschmerzen, daß hin und wieder die scharfen Falten im Gesicht des bejahrten Hauptdarstellers den Zauber der graziösen Lovestory zerschneiden.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Claude Anet K William Mellor M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Léonide Azar P Billy Wilder D Gary Cooper, Audrey Hepburn, Maurice Chevalier, John McGiver, Van Doude | USA | 130 min | 1:1,85 | sw | 30. Juni 1957

30.5.57

Lissy (Konrad Wolf, 1957)

»Groß ist der Bedarf an Träumen, wenn die Zeiten dunkel und die Menschen ohne Hoffnung sind.« Berlin, Anfang der 1930er Jahre. Lissy Schröder (Sonja Sutter), Tochter eines sozialdemokratischen Schuhmachers arbeitet als Zigarettenverkäuferin im Automatenrestaurant »Quick«. Sie heiratet einen kleinen Angestellten, bekommt ein Kind. Der Alltag ist hart. Die weltweite Wirtschaftskrise hat auch Deutschland fest im Griff. Lissy erlebt Arbeitslosigkeit, Armut, Erniedrigung … Nach einem Roman von F. C. Weiskopf (seit 1928 Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller) verfolgt Konrad Wolf die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die in Versuchung gerät. Der Aufstieg ihres Mannes in der SA bringt auch Lissy das, was sie immer wollte: ein gutbürgerliches Leben in einer großen Wohnung mit Dienstmädchen und Klavier. Der Tod ihres Bruders, eines früheren Kommunisten, der von seinen Nazikameraden gemeuchelt wird, löst jedoch einen schmerzlichen Erkenntnisprozeß aus, der zu politischer Bewußtwerdung führt. Das Ziehen der richtigen Schlußfolgerung überläßt Wolf allerdings nicht dem Publikum sondern dem Off-Kommentar: »Ein jeder muß sich entscheiden, und Lissy wußte jetzt, es gibt einen Weg, einen schweren und mühsamen, aber einen ehrlichen Weg. Jeder geht ihn für sich, und doch geht keiner allein.« Die ostentative Belehrung verleiht dem Gesellschaftsdrama eine klare Parteilichkeit, die insbesondere durch das differenzierte Spiel der Hauptdarstellerin und die um einen feinschattierten Realismus bemühten Bilder des Kameramanns Werner Bergmann ihren menschlichen Bezug nicht verliert.

R Konrad Wolf B Konrad Wolf, Alex Wedding V F. C. Weiskopf K Werner Bergmann M Joachim Werzlau A Gerhard Helwig S Lena Neumann P Eduard Kubat D Sonja Sutter, Horst Drinda, Hans-Peter Minetti, Kurt Oligmüller, Raimund Schelcher | DDR | 89 min | 1:1,37 | sw | 30. Mai 1957

# 1021 | 25. August 2016

16.5.57

Designing Woman (Vincente Minnelli, 1957)

Warum hab’ ich ja gesagt?

Beziehungskomödie um ein Paar, das sich erst nach der Hochzeit kennenlernt. Gregory Peck, legerer Sportreporter mit Hang zu Poker und Whisky, verliebt sich (wer könnte es ihm verdenken?) in Lauren Bacall, anmutige Modedesignerin mit Geschmack und Verstand – und heiratet sie vom Fleck weg. Seine Exgeliebte (eine Dame mit scharfen Kurven und verräterischem Pudel) sowie ihr Exverehrer plus eine Meute von spleenigen Freunden potenzieren die Problematik der ohnehin heiklen zwischenmenschlichen Annäherung bis zum großen Knall. Außerdem im Getümmel: ein Exboxer, der die Nase innen trägt, und ein krimineller Sportpromoter mit seinen Hand- bzw. Faustlangern. Vincente Minnelli choreographiert die hübsche Erzählung (nach einer Idee der Kostümbildnerin Helen Rose) in John Altons schick de­signten CinemaScope-Kadragen mit mal zarter, mal schlagender Ironie – und erzeugt durch den freigiebigen Einsatz diverser Off-Kommentare einen reizvollen stimmlichen Vielklang.

R Vincente Minnelli B George Wells K John Alton M André Previn A Preston Ames, William A. Horning S Adrienne Fazan P Dore Schary D Gregory Peck, Lauren Bacall, Dolores Gray, Mickey Shaughnessy, Tom Helmore | USA | 118 min | 1:2,35 | f | 16. Mai 1957

10.5.57

Le notti di Cabiria (Federico Fellini, 1957)

Die Nächte der Cabiria

»Es gibt eine Gerechtigkeit auch auf dieser Welt. Man leidet, muß vieles durchmachen, aber dann kommt für alle der Augenblick des Glücks.« Für Cabiria (die eigentlich Maria heißt), eine kleine römische Straßendirne mit losem Mundwerk und einem Herzen aus Gold (Giulietta Masina), kommt vor dem Glück zunächst einmal der Moment der Wahrheit, genauer gesagt eine schier endlose Folge von Momenten der Wahrheit = der Enttäuschung, der Verzweiflung, der Einsamkeit, der (Todes-)Angst. Als eine Art weiblicher Don Quijote der (Nächsten-)Liebe kämpft Cabiria mit naiver (und manchmal nervtötender) Entschlossenheit gegen die Windmühlen der allgegenwärtigen Seelenlosigkeit und Entfremdung. Federico Fellinis vielleicht katholischster Film, eine handfest-spirituelle Pleiten-, Pech- und Pannenrevue (mit keifenden Nutten und schmierigen Filmstars, gutmütigen Bettelmönchen und niederträchtigen Frauenverstehern), kombiniert die typischen Szenerien des Neorealismus – jämmerliche Vororte, struppiges Ödland, fade Sozialbausiedlungen – mit den luxuriösen Quartieren der Reichen (wo nur eine andere Art von Armut herrscht) zu einer allegorischen Bühne der Suche nach dem Sinn des Lebens. »Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.« Fellinis Maria/Cabiria verspürt schmerzlich die Abwesenheit der Gnade und verliert dennoch nicht die Hoffnung: In gestreifter Bluse und räudigem Pelz wandert die Stehauffrau mit den strahlenden Augen durch kleine und große Katastrophen unbeirrt der Erlösung entgegen – mag sie kommen oder auch nicht …

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Pier Paolo Pasolini V Maria Molinari K Aldo Tonti, Otello Martelli M Nino Rota A Piero Gherardi S Leo Cattozzo P Dino De Laurentiis D Giulietta Masina, François Périer, Franca Marzi, Dorain Gray, Amedeo Nazzari | I & F | 110 min | 1:1,37 | sw | 10. Mai 1957

5.5.57

Toute la mémoire du monde (Alain Resnais, 1957)

Das Gedächtnis der Welt

»Parce que leur mémoire est courte, les hommes accumulent d’innombrables pense-bêtes.« Ein Traktat über die imposante Technik und den leisen Schrecken der Erinnerung – Erinnerung an das, was Menschen gedacht, formuliert, aufgezeichnet haben. Die Pariser Bibliotèque Nationale als gebautes Gedächtnis, als strukturiertes Sammelsurium, als einerseits vielstimmiges, ande­rer­seits lautloses Silo des Weltwissens. Die Kamera gleitet durch Gänge, durch Säle, durch Lager. Vorbei an Regalen, Regalen, Regalen. 100 Kilometer voll mit Büchern und Akten, mit Zeitungen und Folianten, mit Manuskripten und Comics, mit Tonnen und Abertonnen von bedrucktem und beschriebenem Papier, aber auch mit Münzen und Globen, mit Graphiken und Photographien. Die Bibliothek – ein Depot, ein Zettelkasten, ein Festung der Ideen und der Fiktionen, der Dokumentation und der Phantasie.

R Alain Resnais B Rémo Forlani K Ghislain Cloquet M Maurice Jarre S Alain Resnais P Pierre Braunberger D Jacques Dumesnil | F | 21 min | 1:1,37 | sw | 5. Mai 1957

# 803 | 21. November 2013

24.4.57

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Kurt Hoffmann, 1957)

»Eine der hoffnungsreichsten Lebenslagen ist die, wenn es uns so schlecht geht, daß es uns nicht mehr schlechter gehen kann.« Thomas Manns sprachlich hochgestelzter, die Grenzen der Selbstparodie immer wieder fröhlich überschreitender Schelmenroman über den glücksritterlichen Sohn eines fallierten Schaumweinfabrikanten aus dem Rheingau wird von Kurt Hoffmann zu einer charmant-harmlosen Komödie verarbeitet, die sich weniger für die gesellschaftlichen als für die amourösen (und von Drehbuchautor Robert Thoeren dazuerfundenen kriminalistischen) Abenteuer des attraktiven Sonntagskindes in Grand Hotels, Nachtlokalen und Luxuszügen der Belle Époque interessiert. Horst Buchholz (in der Titelrolle) gibt rein äußerlich weiß Gott keinen Thomas-Mann-Helden ab – andererseits ist es gut vorstellbar, daß der durchkultivierte hanseatische Patrizier genau für so einen bildungsfernen, wohlge­form­ten Jungen glühend geschwärmt hätte … Zudem sorgt eine stattliche Zahl im­posanter Chargen für gehobenes Amüsement: Paul Henckels (Pate Schimmelpreester) und Paul Dahlke (Professor Kuckuck), Liselotte Pulver (Zaza) und Ingrid Andree (Zouzou) sowie Walter Rilla als Lord Kilmarnock (das krypto-schwule Wunsch-Alter-Ego des Dichters), der den hübschen Felix nur zu gerne in seine Dienste nehmen würde.

R Kurt Hoffmann B Robert T. Thoeren, Erika Mann V Thomas Mann K Friedl Behn-Grund M Hans-Martin Majewski A Robert Herlth S Caspar van der Berg P Hans Abich D Horst Buchholz, Liselotte Pulver, Ingrid Andree, Susi Nicoletti, Paul Dahlke | BRD | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. April 1957

20.4.57

Kanał (Andrzej Wajda, 1957)

Der Kanal

»Kanał« beginnt mit dem Blick auf die Ruinen der zerstörten polnischen Hauptstadt, Ende September 1944, unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstandes. Ein Trupp von müden Kriegern zieht am Auge der Kamera vorbei. Die Protagonisten werden in einem knappen dramatis personae vorgestellt, das mit den Worten schließt: »Dies sind die Helden einer Tragödie. Schaut sie euch gut an. Es sind die letzten Stunden ihres Lebens.« Was folgt, ist die Chronik der im Prolog angekündigten Tode. Der erste Teil des Films – high-key und dokumentarisch – spielt oben, unter freiem Himmel, wo deutsche Bomben und Artillerie die Trümmer tanzen lassen; der zweite Teil – low-key und apokalyptisch – spielt unten, im stickigen, stinkenden Labyrinth der Kloaken von Warschau. Hier in der Tiefe (wo außer irdische Klänge durch die Kanäle wehen, wo Licht nicht Erlösung sondern Sterben bedeutet) zitiert man Dante, küßt man zum letzten Mal ein Mädchen, verrät man die Kameraden, ertrinkt man in der Scheiße, wird man wahnsinnig und bläst die Okarina – oder man kämpft weiter, auch wenn man längst verloren hat. Andrzej Wajda und seine Mitstreiter (Assistenz: Kutz und Morgenstern / Kamera: Lipman und Wójcik) setzen dem so aussichtslosen wie unabdingbaren Widerstand ein wuchtig-elendes Denkmal: »Noch ist Polen nicht verloren.« PS: Und auf dem anderen Ufer der Weichsel – einmal sieht man (durch ein eisernes Gitter) hinüber – stehen sowjetische Truppen. Schauen zu. Warten ab.

R Andrzej Wajda B Jerzy Stefan Stawiński V Jerzy Stefan Stawiński K Jerzy Lipman, Jerzy Wójcik M Jan Krenz A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Tadeusz Janczar, Teresa Iżewska, Wieńczysław Gliński, Tadeusz Gwiazdowski, Władysław Sheybal | PL | 91 min | 1:1,37 | sw | 20. April 1957

16.4.57

Die Zürcher Verlobung (Helmut Käutner, 1957)


»Ich produziere auch nicht gerne Schnulzen.« Umständlich-romantische Verwicklungskomödie unter Filmfuzzis, Zahnärzten und lilage­spülten Schweizer Damen (und Pudeln). Helmut Käutner stichelt anfangs gegen die alten Leiern des Adenauer-Kintopp, macht im folgenden aber eigentlich auch nichts anderes (»Ja, ich glaube, so etwas sehen die Leute immer wieder gern.«) – er verpackt die rosarot-himmelblaue Einfalt allerdings in viel Selbstironie, und statt eines gutaussehenden Försters mit Reh bietet er einen gutaussehenden Arzt (Paul Hubschmid) mit Büffel (Bernhard Wicki): Liselotte Pulver (als beziehungsnotleidende Unterhaltungsschriftstellerin, die nach eigenen Erlebnissen ein Drehbuch verfaßt) glaubt den höflichen Hubschmid zu lieben, kriegt aber den rauhbautzigen Wicki, dem sie in Wirklichkeit zugetan ist, auch wenn sie es hundert Minuten lang nicht wahrhaben wollte – das alles mit viel Berg, viel Schnee, viel Hüttenzauber (»Ja, ja, die Liebe in der Schweiz«). Nett: Werner Finck spielt einen Zahnarzt, der den Nerv trifft, Rudolf Platte spielt Herrn Uri (nach dem gleichnamigen Kanton), Sonja Ziemann spielt Sonja Ziemann, die im Film, der im Film gedreht wird, die Rolle von Liselotte Pulver spielt, und Käutner spielt einen Reporter, der es nicht gut findet, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt.

R Helmut Käutner B Heinz Pauck, Helmut Käutner V Barbara Noack K Heinz Pehlke M Michael Jary A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel D Liselotte Pulver, Paul Hubschmid, Bernhard Wicki, Wolfgang Lukschy, Werner Finck, Sonja Ziemann | BRD | 106 min | 1:1,37 | f | 16. April 1957

9.4.57

The Smallest Show on Earth (Basil Dearden, 1957)

Die kleinste Schau der Welt

»Well, I’m sure there is a business like show business, but somehow I don’t think this is it.« Wer träumte nicht von einer Erbschaft aus heiterem Himmel? Dem jungen Schriftsteller Matt Spencer fällt dieses unverhoffte Glück in den Schoß. Zusammen mit seiner Ehefrau Jean reist er nach Sloughborough, um die Hinterlassenschaft des unbekannten Großonkels in Augenschein zu nehmen: ein Kino. Dabei handelt es sich allerdings nicht, wie kurz zu vermuten steht, um den ultramodernen Filmpalast ›The Grand‹ sondern um das gegenüberliegende, vormals ehrwürdige ›Bijou Kinema‹ – am Ort auch als »the flea pit« bekannt. Zwischen zwei vielbefahrene Bahnstrecken gezwängt, atmet der marode Kintopp die schwülstig-staubige Atmosphäre längst vergangener Stummfilmzeiten. Als einzige Chance, Geld zu erlösen, erscheint der Verkauf an den überheblichen Besitzer des ›Grand‹, der das ›Bijou‹ abreißen will, um das Terrain als Parkplatz zu nutzen … Regisseur Basil Dearden, lange Jahre für die Ealing-Studios tätig, knüpft, zusammen mit Autor William Rose (der unter anderem »The Ladykillers« schrieb), an die spezifische Komödientradition des Hauses an: ein Zusammenstoß von Klein (bzw. Alt) und Groß (bzw. Neu), ein pittoreskes Setting, kuriose Situationen und – most of all: spleenige Typen. Tatsächlich ist es vorrangig das skurrile Personal des ererbten Kinos, das den großen Reiz der »Smallest Show on Earth« ausmacht: die kauzige Kartenverkäuferin (und einstige Geliebte des Verstorbenen) Mrs. Fazackalee (Margaret Rutherford), der stets vom Alkohol versuchte Projektionist Mr. Quill (Peter Sellers) sowie – last but not least: Old Tom (Bernard Miles), der verhuschte Hausmeister und Platzanweiser, der sich nichts sehnlicher wünscht als eine stattliche Uniform. Letzterer ist es, der die beste (sehr heiße) Lösung für alle Probleme findet: »It were the only way, weren't it?«

R Basil Dearden B William Rose, John Eldridge K Douglas Slocombe M William Alwyn A Allan Harris S Oswald Hafenrichter P Michael Relph D Bill Travers, Virginia McKenna, Peter Sellers, Margaret Rutherford, Bernard Miles | UK | 80 min | 1:1,37 | sw | 9. April 1957

# 908 | 12. September 2014

5.4.57

I vampiri (Riccardo Freda, 1957)

Der Vampir von Notre-Dame

»I vampiri« ist kaum ein Horrorfilm, und um Blutsauger geht es nur im übertragenen Sinne. Im Rahmen eines melodramatischen Gruselkrimis phantasieren Riccardo Freda und Mario Bava über unglückliche Liebe und den Schrecken des Alter(n)s, über unstillbare Sehnsucht und den Traum von ewiger Schönheit … Eine schauderhafte Mordserie erschüttert Paris: Die blutleeren Leichen junger Frauen werden aus der Seine gefischt. Ein Inspektor und ein Reporter gehen dem Geheimnis rivalisierend auf den Grund; die dünne Fabel führt sie aus der Gegenwart der Großstadt in den bedrückend-düsteren, aus Zeit und Welt gefallenen Palast der greisen Herzogin du Grand und ihrer schönen Nichte Giselle (Gianna Maria Canale) … Freda (Buch & Regie) und Bava (Kamera & Regie) enthalten sich psychologischer Subtilität, setzen ganz auf Licht und Atmosphäre, auf das stimmungsvolle Ausmalen von böser Ahnung und schleichender Gefahr, spielen geschickt mit motivischen Doppelungen, die Zerrissenheit und Angstgefühle der handelnden Figuren spiegeln. Vor allem in der zweiten Hälfte erinnert die filmische Gestaltung an Illustrationen aus viktorianischen Mystery-Romanen, schafft immer wieder Augenblicke von beklagenswerter Wahrheit, Situationen von spukhafter Melancholie.

R Riccardo Freda, Mario Bava B Riccardo Freda, Piero Regnoli K Mario Bava M Roman Vlad A Beni Montresor S Roberto Cinquini P Ermanno Donati, Luigi Carpentieri D Gianna Maria Canale, Dario Michaelis, Carlo d’Angelo, Wandisa Guida, Paul Muller | I | 85 min | 1:2,35 | sw | 5. April 1957

24.2.57

Der gläserne Turm (Harald Braun, 1957)

»Merkwürdig, diese Mischung von Erfolg und Untergang.« Sie bilden ein explosives (oder eher implosives) Dreieck: der herrische Unternehmer Robert Fleming (O. E. Hasse), ein Mann, der hält, was er hat, seine hochsensible Gattin Katja (Lilli Palmer), eine Theaterschauspielerin, die dem Rampenlicht (nicht ganz freiwillig) den Rücken kehrte, der forsche Dramatiker John Lawrence (Peter van Eyck), der die labil-begnadete Aktrice aus dem komfortablen Ruhestand (≈ einem goldenen Käfig im obersten Stockwerk des höchsten Hauses von Berlin) zurück auf die Bühne (≈ in die Freiheit) locken will. Was wie ein fashionables Melodram beginnt, wandelt sich peu à peu zur dunklen Sittenbild mit abschließendem Gerichtsverfahren – zur Verhandlung bringen Regisseur Harald Braun und seine Autoren (darunter Wolfgang Koeppen, einer der bedeutendsten bundesdeutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit) neben einem vermeintlichen Giftmordfall auch die Überholtheit gesellschaftlich zugeschriebener Geschlechterrollen, die Geistlosigkeit eines selbstbesoffenen Aufsteigertums, die (vage) Chance auf Emanzipation. Hauptschauplatz des Stückes um Macht und Schwäche, um Kunst und Konjunktur (aber auch um Liebe und Hoffnung) ist eine luxuriös ausstaffierte Dachetage, ein Exzeß aus Glas und Stuck, Marmor und Fell, Kunststoff und Velours, ein (von Walter Haag entworfener) faszinierender Alptraum des Gelsenkirchener Eklektizismus, wo die Spiegelung eines lodernden Kaminfeuers als eifersüchtig brennendes Herz erscheint. Wird die beschädigte Heldin imstande sein, dieses überspannt-menschenfeindliche Ambiente, halb Treibhaus, halb Kühlhalle, hinter sich zu lassen? »Wo soll sie hin: vorwärts oder zurück?« – die über allem schwebende, alles grundierende Frage findet schließlich eine recht mutlose Antwort: Katja Fleming nimmt einmal mehr den ihr zugewiesenen Platz ein.

R Harald Braun B Odo Krohmann, Wolfgang Koeppen, Harald Braun K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Walter Haag S Hilwa von Boro P Hans Abich D Lilli Palmer, O. E. Hasse, Peter van Eyck, Hannes Messemer, Brigitte Horney | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 24. Oktober 1957

# 1090 | 5. Dezember 2017

16.2.57

Det sjunde inseglet (Ingmar Bergman, 1957)

Das siebente Siegel

»Dies irae, dies illa / solvet saeclum in favilla.« Ein finster-groteskes Mittelalter als ferner Spiegel moderner Ängste und Zweifel: Ein grüblerischer Ritter (Max von Sydow) und sein neunmalkluger Knappe (Gunnar Björnstrand) kehren aus dem Heiligen Land zurück in ihre von der Pest heimgesuchte Heimat; der Tod erscheint, den Ritter zu holen, läßt sich aber zu einer Schachpartie beschwatzen (der Schnitter spielt Schwarz – was sonst?) und gewährt Aufschub, solange das Match nicht entschieden ist. Auf ihrem weiteren Weg erleben der traurige Herr und sein wackerer Begleiter die Gefangenschaft der Menschen in existentieller Furcht vor dem großen Nichts, eine Furcht, die sich als moralische Verwesung, religiöser Wahn oder oberflächliche Sinnenlust manifestiert. Nur in der Gesellschaft eines naiven Gauklers, seiner treuherzigen Frau und ihres kleinen Sohnes – eine sympathische Travestie der heiligen Familie! – findet der Ritter Momente von Ruhe und Frieden. Das Idyll mit Lauten spiel, frisch gemolkener Milch und wilden Erdbeeren ist freilich nicht von Dauer, denn gegen den Tod ist à la longue kein Spiel zu gewinnen… Ingmar Bergmans danse macabre nutzt die dunkle Epoche als Folie einer, in stilisierten Tableaus (Kamera: Gunnar Fischer) ausgemalten, Sinn-(= Gott-)suche, die einmal mehr ohne greifbares Ergebnis bleibt: Das Schweigen des Schöpfers schallt stumm durch die Tiefe der Zeit.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Lennart Wallén P Allan Ekelund D Max von Sydow, Gunnar Björnstrand, Nils Poppe, Bibi Andersson, Bengt Ekerot | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. Februar 1957

15.2.57

Königin Luise (Wolfgang Liebeneiner, 1957)

Liebe und Leid einer Königin oder Ein Frauenschicksal aus bewegter Zeit. Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: ein kleiner (natürlich friedliebender) Staat zwischen rivalisierenden Giganten. Im Westen lauert der postrevolutionäre Heilsbringer aus Paris, im Osten brummt der russische Bär. Vergessen möchte man werden, übersehen von den globalen Gegenspielern – allein die Geschichte ist unerbittlich und verlangt eine Entscheidung. Friedrich Wilhelm III., der ältlich-schwache preußische Monarch (Dieter Borsche), zögert, zaudert, zweifelt, seine volkstümlich-mädchenhafte Gemahlin Luise (Ruth Leuwerik) ermuntert ihn zu handeln: »Tu doch ganz einfach das was dir dein Herz sagt. Das ist immer das Richtige.« Er tut es, doch es ist das Falsche. Napoleon marschiert durch bis an die Memel, den Zaren kümmert es nicht, Preußen geht perdu. Wolfgang Liebeneiner erzählt Historie im simplifizierdend-dekorativen Stil von Schokoladen-Sammelbildern, sein Werk erinnert, vor allem dank Rolf Zehetbauers kunstvoll abstrahierter Ausstattung, an ein erbauliches Kinderbuch aus Kaisers Zeiten: »Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt« … Kurz vor ihrem dekorativen Filmtod, der sie zum elegischen Denkmal entschlafen läßt, wendet sich die Königin der Herzen direkt an das nachgeborene Publikum im Kinosaal: »Was wir durchgemacht haben, Krieg, Flüchtlinge, Auseinanderreißen des Landes, fremde Besatzung, das darf doch nie wieder geschehen. Ja, und wenn alle lernen und aufpassen und mithelfen, dann kann es auch nie wieder geschehen.« Wie schon Goethe sagte: »Doch rufen von drüben / Die Stimmen der Geister,
 / Die Stimmen der Meister: / Versäumt nicht zu üben, / Die Kräfte des Guten!«

R Wolfgang Liebeneiner B Georg Hurdalek K Werner Krien M Franz Grothe A Rolf Zehetbauer S Lisbeth Neumann P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Dieter Borsche, Bernhard Wicki, René Deltgen, Hans Nielsen | BRD | 105 min | 1:1,66 | f | 15. Februar 1957

# 869 | 25. Mai 2014

13.2.57

Funny Face (Stanley Donen, 1957)

Ein süßer Fratz

Zum ersten Mal ohne den irrealen Glanz von MGM, mithin auch ohne das Ingenium des Produzenten Arthur Freed im Hintergrund, sucht Musical-Regisseur Stanley Donen seinen Weg zwischen unverhohlenem Starkult und ironischer Zeitkritik. »Funny Face« erzählt von einem (nicht allzu) häßlichen Entlein, das sich unter den durchdringenden Blicken eines Mannes (und zu den Melodien von George Gershwin) in einen stolzen Schwan verwandelt – ein flüchtiges Märchen aus der Welt der Mode und der Modejournale, eine fast gegenstandslose Story, so durchsichtig wie Seidenvoile, so verweht wie eine Magazinseite im Wind der Zeit: Ein in Sack und Asche gehender New Yorker Blaustrumpf (Audrey Hepburn) wird von einem fashionablen Fotografen (Fred Astaire als Richard-Avedon-Surrogat) in Paris zum Gesicht bzw. zum Kleiderständer der Epoche stilisiert ... Die Romanze zwischen dem jungen Ding und dem alten Profi, der schon (fast) alle(s) gesehen hat, bleibt schwärmerische Behauptung; die antiintellektuellen Sottisen gegen Philosophen, denen das Hirn in die Hose fällt, bedienen (nicht unwitzig) landläufige Klischees; doch indem die Herstellung von Trends, von Idealen, von Bedürfnissen durch die Bewußtseinsindustrie (energisch verkörpert von Kay Thompson als ›Quality‹-Chefredakteurin) musikalisch und tänzerisch transparent gemacht wird, gewinnt der Film einen Hauch von oberflächlicher Tiefe: »Think pink!«

R Stanley Donen B Leonard Gershe K Ray June M George Gershwin A George W. Davis, Hal Pereira S Frank Bracht P Roger Edens D Audrey Hepburn, Fred Astaire, Kay Thompson, Michel Auclair, Robert Flemyng | USA | 103 min | 1:1,85 | f | 13. Februar 1957

8.2.57

Schlösser und Katen (Kurt Maetzig, 1957)

Auch Affirmation kann Kunst hervorbringen: Thälmann-Regisseur Kurt Maetzig und Stalin-Hymniker Kuba erzählen mit geballten Fäusten und epischem Atem den großen sozialistisch-realistischen Heimatroman der 1950er Jahre. Vom Kriegsende 45 über Bodenreform und beginnende (Zwangs-)Kollek­tivierung bis zum Juniaufstand 53 schildert »Schlösser und Katen« (durch die ideologische Brille aber ohne Brett vorm Kopf) die Geschichte eines mecklenburgischen Dorfes und die verschlungenen Schicksale seiner Bewohner. Der Kampf zwischen dem dunklen Gestern und dem lichten Morgen führt durch ein intrigantes Heute, in dem es von buckligen Knechten, verschlagenen Gutsinspektoren, unehelichen Töchtern und argwöhnischen Bauern nur so wimmelt. Daß am Ende das Alte dem Neuen weichen muß, damit alles gut und rot werde, versteht sich von selbst. Trotz alledem: erzählerisch sehr taugliche, handwerklich überzeugende Defa-Ware.

R Kurt Maetzig B Kuba (= Kurt Barthel), Kurt Maetzig K Otto Merz M Wilhelm Neef A Alfred Hirschmeier S Ruth Moegelin P Hans Mahlich D Raimund Schelcher, Erika Dunkelmann, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith | DDR | 204 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1957

25.1.57

Salzburger Geschichten (Kurt Hoffmann, 1957)

Postkartenidyllische Ansichten von Stadt und Land Salzburg, luftig überbacken mit einem nockerlhaft aufgeschlagenen Fastnichts von Geschichte: der Privatgelehrte Dr. med. Dr. iur Dr. phil. Georg Rentmeister (eckig: Paul Hubschmid) verliebt sich in das vermeintliche Stubenmädchen Konstanze (goldig: Marianne Koch), das sich als veritable Comtesse erweist, die im eigenen, an internationale Festspielgäste vermieteten Schloß mit der ganzen adligen Familie Dienerschaft spielt, um dem komödienschreibenden Vater (kauzig: Richard Romanowsky) Inspirationen für ein neues Lustspiel zu verschaffen. Autor Erich Kästner unterläßt es, sein launiges Reiseromänchen aus dem Anschlußjahr 1938 nachträglich mit Relevanz zu beschweren, Regisseur Kurt Hoffmann vermeidet (beinahe) jeden Hinweis auf die reichsdeutsch-österreichische Zwischenkriegsrealität – entschieden harmloses (Heimat-)Kino als kleiner romantischer Grenzverkehr in immerwährend beschaulichen Zeiten.

R Kurt Hoffmann B Erich Kästner V Erich Kästner K Werner Krien M Franz Grothe A Ludwig Reiber S Eva Kroll P Georg Witt D Marianne Koch, Paul Hubschmid, Richard Romanowsky, Peter Mosbacher, Adrienne Gessner, Helmuth Lohner | BRD | 90 min | 1:1,66 | f | 25. Januar 1957

# 1166 | 21. Juli 2019

9.1.57

Crime of Passion

Das war Mord, Mr. Doyle

Ein straffer Thriller über das Scheitern einer Frau »in a world made by men and for men« … Als ambitionierte Journalistin hat Kathy Ferguson (Barbara Stanwyck) erreicht, was sie erreichen kann: eine tägliche Ratgeberkolumne bei der ›San Francisco Post‹ und große Popularität bei den Leser(inne)n. Der lustlose Chefredakteur erwartet von ihr freilich nicht mehr als »a regular dose of schmaltz«, und als der virile police lieutenant Bill Doyle (Sterling Hayden) aus Los Angeles in Erscheinung tritt, läuft die eingeschworene Junggesellin (»For marriage, I read life sentence.«) mit fliegenden Fahnen in den Ehestand über. Bald schon frustriert von der Dumpfheit des Vorstadtlebens (pokernde Männer, tratschende Frauen) und der dickfelligen Genügsamkeit ihres Gatten, sucht Kathy einen Ausweg aus dieser Hölle der Mittelmäßigkeit: In der Absicht, Bills Karriere zu befördern, knüpft sie Kontakt zu dessen Vorgesetztem, Inspektor Pope (Raymond Burr) … Auch wenn manches unverblümt ausgesprochen wird (»Don’t you have any vision?«), deutet Gerd Oswald persönliche Wechselbeziehungen – sexuelle Attraktion und intellektuelle Anziehung – zumeist nur diskret an und studiert, auf welche Art die animalischen Instinkte seiner Hauptfiguren – Kathy erscheint wie eine Raubkatze, Bill wie ein Bär, Pope wie ein Silberrücken – die Handlung an ein schlimmes Ende treiben: Mit einer gewaltsamen Tat provoziert Kathy einen Nachweis von Bills kriminalistischer Befähigung und damit die bittere Pointe des Films.

R Gerd Oswald B Jo Eisinger K Joseph LaShelle M Paul Dunlap A Leslie Thomas S Marjorie Fowler P Herman Cohen D Barbara Stanwyck, Sterling Hayden, Raymong Burr, Fay Wray, Royal Dano | USA | 85 min | 1:1,66 | sw | 9. Januar 1957

# 941 | 6. Februar 2015