Das Leben, vom Tode aus betrachtet … Ja, da ist auch ein Thriller: betrügerische (Kunst-) Geschäfte, Gangster, die mit Pornos handeln, Auftragsmord in der Eisenbahn, Leichen, die beseitigt werden müssen. Aber vor allem ist da dieser epi-nostalgische, larmo-romantische Kinotraum über Männer: über ihren blöden Stolz und ihre noch blöderen Empfindlichkeiten, über ihre kindische Angst und ihre jungenhaften Sehnsüchte, über ihr Verlangen nach (unmöglicher!) Freundschaft, nach (utopischer!) Liebe, über ihre Fähigkeit zu beiläufiger Zärtlichkeit, zu wortlosem Verstehen. »Der amerikanische Freund« erzählt (frei nach Patricia Highsmiths Roman »Ripley’s Game«) davon, wie diese Männer in geisterhaften Städten, in Hamburg, in New York, in Paris, ihre riskanten, infamen, todbringenden Spiele spielen. Sie leben (?) in grandios-vergammelten Villen (Ripley = Dennis Hopper), in einsam ragenden Häusern am Fluß (Jonathan = Bruno Ganz), in weitläufigen Appartements über dem Häusermeer (Minot = Gérard Blain). Sie sind Tote auf Urlaub in einer Welt hinter Glas, (vergeblich) bemüht, Isolation, Melancholie, Distanz zu überwinden. Wim Wenders (der in Nebenrollen nicht ohne Grund Regielegenden wie Nicholas Ray und Sam Fuller besetzt) verschickt die mythischen Gestalten des Western, des film noir, des Melodrams in eine novembrige Gegenwart, in eine Zeit aus Blei, wo sie in kühlem Edward-Hopper-Licht (Kamera: Robby Müller) durch anonyme Flughäfen und menschenleere U-Bahnhöfe, über verlassene Parkways und urbane Brachflächen irren. Heimatlose. Suchende. Männer: »My thought just weigh me down / And drag me to the ground / And shake my head till there's no more life in me.« PS: Ja, da ist auch eine Frau: Sie heißt … wie heißt sie doch gleich?
R Wim Wenders B Wim Wenders V Patricia Highsmith K Robby Müller M Jürgen Knieper A Heidi Lüdi, Toni Lüdi S Peter Przygodda P Wim Wenders D Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Rudolf Schündler | BRD & F | 126 min | 1:1,66 | f | 26. Mai 1977
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26.5.77
10.3.60
Plein soleil (René Clément, 1960)
Nur die Sonne war Zeuge
»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.
R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960
»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.
R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960
30.6.51
Strangers on a Train (Alfred Hitchcock, 1951)
Der Fremde im Zug
Ein Paar Herrenschuhe steigt aus einem Taxi: modisch, exaltiert, zweifarbig; ein zweites Paar steigt aus einem anderen Taxi: konservativ, ehrlich, vertrauenswürdig. Die Schuhpaare durchqueren, aus unterschiedlichen Richtungen kommend, eine Bahnhofshalle, treffen sich im Zug, wo ihre Spitzen (zufällig?) zusammenstoßen: bad guy meets good guy, Bruno Antony (Robert Walker), der reiche Taugenichts, begegnet Guy Haines (Farley Granger), dem gesellschaftlich aufstrebenden Sportsmann. Beide haben jeweils ein Problem, das sie loswerden möchten: der eine den dominanten Vater, der andere die liederliche Ehefrau; während der eine aus dieser Konstellation das perfekte Doppelverbrechen imaginiert, das auf dem Austausch der Mordtaten (= einem Handel mit Schuld) beruht, schiebt der andere diese Möglichkeit betreten (wenn auch fasziniert) beiseite – so ist das Zusammentreffen der Herren auch ein Rendezvous von Es und Über-Ich. Alfred Hitchcock entwickelt aus dieser attraktiven Prämisse einen verhältnismäßig faden Schwarz-Weiß-Thriller, der trotz der angelegten Ambiguität nicht mit erzählerischen Eindeutigkeiten spart: Insbesondere die platte Zeichnung des Schurken als erblich vorbelasteten Geisteskranken – Brunos Mutter (bezaubernd-desorientiert: Marion Lorne) verfertigt zur nervlichen Beruhigung »entartete« Kunst – nimmt »Strangers on a Train« viel von seinem Potential zur psychologischen Differenzierung.
R Alfred Hitchcock B Raymond Chandler, Czenzi Ormonde V Patricia Highsmith K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Ted Haworth Ko Leah Rhodes S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Farley Granger, Robert Walker, Ruth Roman, Patricia Hitchcock, Marion Lorne | USA | 101 min | 1:1,37 | sw | 30. Juni 1951
Ein Paar Herrenschuhe steigt aus einem Taxi: modisch, exaltiert, zweifarbig; ein zweites Paar steigt aus einem anderen Taxi: konservativ, ehrlich, vertrauenswürdig. Die Schuhpaare durchqueren, aus unterschiedlichen Richtungen kommend, eine Bahnhofshalle, treffen sich im Zug, wo ihre Spitzen (zufällig?) zusammenstoßen: bad guy meets good guy, Bruno Antony (Robert Walker), der reiche Taugenichts, begegnet Guy Haines (Farley Granger), dem gesellschaftlich aufstrebenden Sportsmann. Beide haben jeweils ein Problem, das sie loswerden möchten: der eine den dominanten Vater, der andere die liederliche Ehefrau; während der eine aus dieser Konstellation das perfekte Doppelverbrechen imaginiert, das auf dem Austausch der Mordtaten (= einem Handel mit Schuld) beruht, schiebt der andere diese Möglichkeit betreten (wenn auch fasziniert) beiseite – so ist das Zusammentreffen der Herren auch ein Rendezvous von Es und Über-Ich. Alfred Hitchcock entwickelt aus dieser attraktiven Prämisse einen verhältnismäßig faden Schwarz-Weiß-Thriller, der trotz der angelegten Ambiguität nicht mit erzählerischen Eindeutigkeiten spart: Insbesondere die platte Zeichnung des Schurken als erblich vorbelasteten Geisteskranken – Brunos Mutter (bezaubernd-desorientiert: Marion Lorne) verfertigt zur nervlichen Beruhigung »entartete« Kunst – nimmt »Strangers on a Train« viel von seinem Potential zur psychologischen Differenzierung.
R Alfred Hitchcock B Raymond Chandler, Czenzi Ormonde V Patricia Highsmith K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Ted Haworth Ko Leah Rhodes S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock D Farley Granger, Robert Walker, Ruth Roman, Patricia Hitchcock, Marion Lorne | USA | 101 min | 1:1,37 | sw | 30. Juni 1951
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