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18.3.60

Le trou (Jacques Becker, 1960)

Das Loch

Manu, Geo, Roland, Monseigneur – alle vier zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – planen den Ausbruch aus ihrer Zelle im Pariser Gefängnis La Santé, als unerwartet ein Fünfter zu ihnen gesperrt wird: Claude Gaspard, ein höflicher junger Mann aus besseren Kreisen, der wegen eines im Streit auf seine wohlhabende Gattin aufgefeuerten Schusses unter Mordverdacht steht. Nach skeptischem Beschnuppern weiht das Quartett den Neuankömmling in das gemeinschaftliche Vorhaben ein ... Ausgehend vom autobiographischen Debütroman des Exsträflings José Giovanni (der ein Ereignis aus dem Jahr 1947 schildert) beobachtet Jacques Becker mit Empathie und Detailversessenheit die allnächtliche, mühevolle, immerfort von Entdeckung bedrohte (Zusammen-)Arbeit der Gruppe: die erfindungsreiche Zurichtung von Werkzeugen und Hilfsmitteln, den Durchbruch durch den Zellenboden in das labyrinthische Kellergewölbe der Haftanstalt, das Tunnelgraben zur Umgehung einer Betonmauer in der Kanalisation. Größtenteils mit nichtprofessionellen Darstellern besetzt (einer der echten Ausbrecher spielt sich selbst), von Ghislain Cloquet meisterlich in semidokumentarischem Grau-in-Grau fotografiert, erzählt »Le trou« (unter völligem Verzicht auf dramatisierende Musikbegleitung) von Vertrauen und Kameradschaft, von Ausdauer und Geduld – nicht ohne zuletzt ganz unsentimental die Macht des Schicksals über die Kraft des Willen siegen zu lassen: Nach einem kurzer Blick in die Freiheit aus einem Gullideckel, erweist sich, daß der anfängliche Argwohn der gestandenen Kriminellen gegen den gutbürgerlichen Gelegenheitstäter nicht unbegründet war.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Jean Aurel, José Giovanni V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Philippe Arthuys A Rino Mondellini S Marguerite Renoir P Serge Silberman D Michel Constantin, Philippe Leroy, Jean Keraudy, Marc Michel, Raymond Meunier | F | 132 min | 1:1,66 | f | 18. März 1960

# 1124 | 11. Juni 2018

4.4.58

Montparnasse 19 (Jacques Becker, 1958)

Montparnasse 19

Porträt des Künstlers als armer Schlucker: »Montparnasse 19« verdichtet und überhöht (man könnte auch sagen: überzeichnet und verdunkelt) Ereignisse aus den letzten Jahren des Malers Amedeo Modigliani zum bitteren Schlußkapitel eines Lebens zwischen Inspiration und Mißerfolg, zwischen Genie und Untergang. Jacques Becker (der das Projekt vom verstorbenen Max Ophüls übernahm) verzichtet fast völlig auf stimmungsvolle Genreszenen aus der Pariser Bohème, konzentriert sich ganz auf den Abwärtsweg seines Protagonisten im Jahr 1919. Modigliani erscheint, trotz seiner persönlichen Tragödie, nicht als Sympathieträger: Er ist ein Ausbund an Selbstmitleid und Getriebensein, an Reizbarkeit und Besessenheit, er säuft wie ein Loch, er schlägt Frauen, er stößt alle Welt vor den Kopf. Gérard Philipe (der wenig später im selben jungen Alter wie Modigliani sterben wird) spielt den schwierigen Künstler hin- und hergerissen zwischen Kälte und Glut, spielt mal wie längst schon tot, mal wie geladen mit unzerstörbarer Energie. Im seinem Spannungsfeld: Lilli Palmer als spöttisch-distanzierte Journalistin; Anouk Aimée, als innig-ergebene Kunststudentin – zwei Liebende, jede auf ihre eigene hilflose Art. Im schwarzen Herz der Erzählung spukt Monsieur Morel, marchand de tableaux – Lino Ventura hat nur wenige Auftritte: ganz am Anfang, kurz im Hintergrund einer tristen Kaffeehaus-Szene, dann wieder, man hatte ihn schon vergessen, anläßlich einer erfolglosen Ausstellung des Malers, schließlich am Ende: Morel, Kenner und Geier, bringt mit dem Tod die Bestätigung des Talents, er kommt als nachträglicher Entdecker und als Teufel, der die Kunst zur profitablen Ware macht … Ein grausamer Film, melodramatisch und spröde, ungerührt und intensiv, ein Film ohne Rettung, ohne Gnade.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Max Ophüls V Michel-Georges Michel K Christian Matras M Pauls Misraki A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Henry Deutschmeister D Gérard Philipe, Anouk Aimée, Lilli Palmer, Gérard Séty, Lino Ventura | F & I | 108 min | 1:1,66 | sw | 4. April 1958

# 812 | 8. Dezember 2013

17.3.54

Touchez pas au grisbi (Jacques Becker, 1954)

Wenn es Nacht wird in Paris

Es ist die alte Geschichte: ein Ganove in fortgeschrittenen Jahren (Monsieur Max = Jean Gabin), der große, letzte Coup (50 Millionen Francs in Gold) und der Traum von der gutbürgerlichen Existenz in Ruhe in Frieden (der ebendies bleiben wird: ein Traum). Die schöne Illusion zerplatzt wegen eines treuen (aber grenzenlos einfältigen) Kumpels, der sich verquasselt, wegen gieriger Konkurrenten, die gewaltsam ihren Teil vom Kuchen (genauer gesagt: den ganzen) verlangen, zuvörderst aber wegen der Freundschaft, die (natürlich) über alles geht. Jacques Becker schert sich fast gar nicht um die kriminalistische Handlung (erst gegen Ende von »Touchez pas au grisbi« wird es einigermaßen dramatisch); die Unterwelt-Story bietet ihm in erster Linie die notwendige Folie für die feinsinnige Schilderung von (Pariser) Atmosphäre, für die gefühlvolle Zeichnung der Charaktere – etwa wenn Max und sein tumber Herzensbruder Riton (René Dary) auf der Flucht vor ihren Häschern die Nacht in einem (sehr komfortablen) konspirativen Appartement verbringen, wo sie Zwieback dick mit foie gras bestreichen, später in gestreiften Seidenpyjamas die Zähne putzen, schließlich vorm Spiegel ihre Tränensäcke und Doppelkinns (= die gnadenlosen Zeugen des Alter(n)s) melancholisch betasten… Gabin (der kaum je die beeindruckende gueule d’amour verzieht) treibt seine ureigene Glanzrolle des bourgeoisen Anarchisten auf die allerhöchste Spitze – und haucht dem Film (zusammen mit illustren Mitspielern wie Jeanne Moreau, Paul Frankeur, Lino Ventura) von der ersten (optimistischen) bis zur letzten (fatalistischen) Minute pralles Leben ein.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Albert Simonin, Maurice Griffe V Albert Simonin K Pierre Montazel M Jean Wiener A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Robert Dorfmann D Jean Gabin, René Dary, Jeanne Moreau, Paul Frankeur, Lino Ventura | F & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 17. März 1954

16.4.52

Casque d’or (Jacques Becker, 1952)

Goldhelm

»Ce sont là des mœurs d’Apaches, du Far West …« Nein, die Frauen sind natürlich nicht an allem schuld – aber die schöne Marie (Simone Signoret) sorgt allein aufgrund ihrer atemberaubenden Anwesenheit und wegen des schimmernden Goldglanzes ihrer kunstvoll aufgetürmten Haare für das Ableben dreier (um sie rivalisierender) Männer: Der erste, ein eitler Fatzke, stirbt durch einen Messerstich, der zweite, ein falscher Fuffziger, kommt im Kugelhagel um, der dritte, ein aufrichtig Liebender (Serge Reggiani), endet unter dem Fallbeil … »Casque d’or«, Jacques Beckers meisterhaftes Melodram aus dem Pariser Apachen-Milieu der Belle Époque, entwirft ein zärtlich-grausames Sittenbild der gefahrvollen gesellschaftlichen und urbanen Randzonen, in welche die wahre Liebe wie eine (zerstörerische) Himmelsmacht hereinbricht. Mit großer Zuneigung zu seinen Figuren erzählt Becker (sehr frei nach einer wahren Begebenheit, die um die Jahrhundertwende Schlagzeilen machte) von großen Gefühle und kleinlicher Mißgunst, von Freundschaft und Verrat, von den (tödlichen) Fragen der Ehre und den (so banalen wie wunderbaren) Dingen des Lebens. Die pittoreske Welt von 1900 – die Welt der Amüsierschuppen und Handwerkstätten, der billigen Pensionen und idyllischen Ausflugsorte (für dem Film authentisch erfunden von Jean d’Eaubonne, Max Ophüls’ bevorzugtem Szenenbilder) – erscheint nicht als nostalgischer Fluchtort, nicht als gute alte Zeit: Das Glück währt (wenn überhaupt) nur kurz, und Pardon wird nicht gegeben.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Jacques Companeez K Robert Lefebvre M Georges Van Parys A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Robert Hakim, Raymond Hakim D Simone Signoret, Serge Reggiani, Claude Dauphin, Raymond Bussières, Gaston Modot | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. April 1952

6.4.51

Édouard et Caroline (Jacques Becker, 1951)

Edouard und Caroline

Szenen einer Ehe zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen. Er: ein netter Junge aus einfachen Verhältnissen, stolz, sensibel und etwas zu hitzköpfig. Sie: ein hübsches Mädchen aus besserer Familie, kapriziös, empfindlich und ein bißchen zu aufbrausend. Beide: aufgeweckt, eigensinnig und etwas zu dünnhäutig. Sie lieben sich, sie balgen sich, sie küssen sich, sie treten sich in den Hintern – fragiles Gleichgewicht der Gefühle … Eigentlich soll Édouard (Daniel Gélin), der begabte Pianist, nur ein Hauskonzert beim snobistischen Onkel von Caroline (Anne Vernon) geben. Aber dann: eine weggeworfene Smokingweste, ein abgeschnittenes Abendkleid, eine Ohrfeige im Affekt. Die Katastrophe ist da. Die Liebe ist aus. Scheidung liegt in der Luft. Und natürlich haben es alle schon immer gewußt: So eine Verbindung kann ja nicht gut gehen … Jacques Becker, der Meister der zielstrebigen Abschweifung, bäckt ein filmisches Soufflé aus dem, was sich im Zwischenraum der Gegensätze findet, aus den Widersprüchen von Zuneigung und Streit, Geld und Kunst, Arm und Reich, Verstand und Empfindung, Bohème und Gesellschaft, Erwartung und Enttäuschung, studio und bel étage, Spiel und Ernst, Paar und Parallele. »Édouard et Caroline« liegt in der Schnittmenge von Oberflächlichkeit und Tiefgang: lockeres Charakterstück, zärtliche Sittensatire, romantisches Screwball-Nocturne. PS: Die Liebe kehrt zurück – unzerstörbar (bis zur nächsten Scheidung).

R Jacques Becker B Jacques Becker, Annette Wademant K Robert Lefebvre M Jean-Jacques Grünenwald A Jacques Colombier S Marguerite Renoir P Raymond Borderie D Daniel Gélin, Anne Vernon, Elina Labourdette, Jean Galland, Jacques François | F | 88 min | 1:1,37 | sw | 6. April 1951

# 814 | 12. Dezember 2013

6.12.49

Rendez-vous de juillet (Jacques Becker, 1949)

Jugend von heute

Ein Gruppenbild, eine Momentaufnahme, das Porträt eines Freundeskreises in der Probezeit fürs Leben. Jacques Becker folgt seinen quirligen Protagonisten – einer Clique von Schauspielschülerinnen und -schülern, einem angehenden Dramatiker, dessen erstes Stück aufgeführt wird, einem diplomierten Kameramann (Maurice Ronet), der mangels adäquater Jobs in einem Jazzklub Trompete bläst, einem leidenschaftlichen Ethnologiestudenten (Daniel Gélin), der von Pontius zu Pilatus läuft, um eine Filmexpedition nach Zentralafrika zu organisieren – schnellen Schnittes durch das Paris des Nachkriegs, in Kellerlokale und Dachstuben, in Theater und Hörsäle, gelegentlich auch in die Wohnungen und Geschäfte der nicht mehr ganz zeitgemäßen Eltern. So wie die impressionistisch-episodenhafte Erzählung zwischen den Tonlagen schwebt – dramatische Romanze, romantische Komödie, komisches Drama –, bewegen sich auch Lucien, Thérèse, Roger, Christine, Pierrot und die anderen in einem (noch) unbestimmten Raum, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Scherz und Ernst, zwischen großen Illusionen und den Spielregeln der Gesellschaft.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Maurice Griffe K Claude Renoir M Jean Wiener A Robert Jules-Garnier S Marguerite Renoir P René Gaston Vuattoux D Daniel Gélin, Brigitte Auber, Nicole Courcel, Pierre Trabaud, Maurice Ronet | F | 112 min | 1:1,37 | sw | 6. Dezember 1949

# 1113 | 22. Mai 2018

31.10.47

Antoine et Antoinette (Jacques Becker, 1947)

Zwei in Paris

Paris-Nordwest, Métro La Fourche, avenue de Saint-Ouen, quartier de gens de peu. Eine Mietskaserne, mit Leben vollgestopft bis unters Dach, man haust dicht an dicht, jeder kennt jeden … In der ersten Hälfte des Films malt Jacques Becker die (Alltags-) Atmospähre, skizziert das Milieu, studiert Gesten und Blicke, belauscht Zärtlichkeiten und Zänkereien, macht mit den Menschen seiner Kleine-Leute-Welt bekannt. Antoine und Antoinette, jung und verliebt, bewohnen ein Appartement im obersten Stockwerk mit Blick über die Stadt, was idyllischer klingt, als es ist: zwei winzige Zimmer, kein Bad, nicht einmal ein Spülstein. Er verdient sein Geld als Arbeiter in einer Druckerei, sie ist Angestellte in einem Kaufhaus an den Champs-Elysées. Er träumt von einem Motorrad, sie wünscht sich eine Wohnung mit Waschbecken. Die Nachbarn: eine schwatzhafte Fahrkartenverkäuferin und ihr Mann; ein mißtrauischer Nachtwächter und seine Frau; ein tatendurstiger Boxer und seine Eltern; schließlich: Monsieur Roland, der Lebensmittelhändler von vis-à-vis, Herr über die (noch) rationierten Güter, ein Lustmolch, der Antoinette eine »Ausnahmestellung« in seinem Geschäft anbietet … In der zweiten Hälfte der unsentimentalen Romanze folgt die Andeutung einer Geschichte, ein luftiges, bisweilen böiges Dramolett um ein verlorenes Gewinnlos der Blindenlotterie, ein liebevoll-kluger Schwank um Hoffnung, Enttäuschung, Belohnung: Becker, der Poet, rühmt den Wert des Glücks, Becker, der Realist, weiß um den Zauber des Geldes.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Maurice Griffe, Françoise Giroud K Pierre Montazel M Jean-Jacques Grünenwald A Robert Jules-Garnier S Marguerite Renoir P Georges André D Roger Pigaut, Claire Mafféi, Noël Roquevert, Annette Poivre, Pierre Trabaud | F | 85 min | 1:1,37 | sw | 31. Oktober 1947

# 813 | 12. Dezember 2013