»Sind Sie Berliner?« – »Nein. Isch bin zum ersten Mal in Berlin.« – »Und? Gefällt es Ihnen?« – »Ja, wie soll isch das jetzt schon sagen?« Daniel kommt aus der Provinz in die Großstadt. Während ihm monströse Koteletten sprießen und eine üppige Mähne wächst, durchläuft der junge Homosexuelle die schwule (Parallel-)Welt wie ein Fegefeuer der schrillen Trostlosigkeit. Ob Einzimmerwohnung oder Villa, ob Bar oder Freibad, ob Klappe oder Park: überall herrschen Gefühlskälte, Eitelkeit, Jugendkult, Modewahn, Körperterror, Liebesunfähigkeit; Tunte und Lederkerl, Paradiesvogel und warmer Spießer, sie alle fallen trotz, nein: wegen ihres gehetzten Herumfickens, wegen ihrer fanatischen Schwanzfixierung in bodenlose Einsamkeit … Exaltiertes Laientheater, asynchron nachvertonte Dialoge, komplett stumme Schausequenzen, unterrichtsfilmhafte Off-Kommentare – Rosa von Praunheim fügt vollendeten Dilettantismus und ultrakünstlichen Dokumentarstil zu einem sarkastischen Lehrstück der Isolation, zu einer absurden Revue der Deformierung – aber auch zu einem kämpferischen Pamphlet: Am Ende landet der von Szene und Dauergeilheit ausgelaugte Anti-Held auf dem fliederfarbenen Matratzenlager einer schwulen Wohngemeinschaft, die besser, sozialer, bewußter sein, handeln, lieben will: »Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!
Freiheit für die Schwulen!« PS: Ob die Situation heute, fünf Jahrzehnte nach der Uraufführung des Films, weniger pervers ist als damals, mag jeder, der in ihr lebt, selbst beurteilen.
R Rosa von Praunheim B Rosa von Praunheim, Martin Dannecker, Sigurd Wurl K Robert van Ackeren M diverse S Jean-Claude Peroué P Werner Kließ D Bernd Feuerhelm, Berryt Bohlen, Ernst Kuchling, Volker Eschke | BRD | 67 min | 1:1,37 | f | 4. Juli 1971
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4.7.71
21.3.63
La jetée (Chris Marker, 1963)
Am Rande des Rollfelds
Orly. Sonntag. Der Flughafen in der Sonne. Blicke von einer Terrasse aufs Rollfeld. Eine Frau am Geländer. Ihre Haare im Wind. Ein Augenblick der Gewalt. Ahnung von kommendem Unheil. Einige Jahre später. Krieg. Zerstörung. Millionenfacher Tod. Vernichtung von Geschichte und Kultur. Von Leben und Glück. Überlebende in den Katakomben. Auf der Suche nach Rettung. In der Vergangenheit. In der Zukunft. Ein Reisender durch die Zeit. Auf der Suche nach einem verlorenen Bild. Nach einem verlorenen Gesicht. Strom der Gedanken. Sog der Bilder. Passagen durch Gesehenes. Nacherlebtes. Vorgestelltes. Chris Markers photo-roman »La jetée« ist visionäres Kino von größter Einfachheit. Von höchster Komplexität. Kino der gefrorenen Augenblicke. Der fließenden Erinnerung. Durch die Szenen hallen Echos von Auschwitz. Von Hiroshima. Es herrscht der Wahnsinn des Fortschritts. Die Auflösung von Kontinuität. Dazwischen Eindrücke, Ahnungen, Illusionen von Heil. Ein Morgen im Frieden. Ein Zimmer im Frieden. Kinder. Vögel. Katzen. Auch Gräber. Richtige Gräber. Oder eine schlafende Frau. Die die Augen aufschlägt. Und dich ansieht. Wirklich ansieht. Am Ende aber erkennst du dich selbst. Als Gefangener der Zeit. Im Augenblick der Wahrheit. An einem Sonntag. In Orly.
R Chris Marker B Chris Marker K Chris Marker M Trevor Duncan A Jean-Pierre Sudre S Jean Reval P Anatole Dauman D Hélène Chatelain, Davos Hanich, Jacques Ledoux, Jean Négroni | F | 28 min | 1:1,66 | sw | 21. März 1963
Orly. Sonntag. Der Flughafen in der Sonne. Blicke von einer Terrasse aufs Rollfeld. Eine Frau am Geländer. Ihre Haare im Wind. Ein Augenblick der Gewalt. Ahnung von kommendem Unheil. Einige Jahre später. Krieg. Zerstörung. Millionenfacher Tod. Vernichtung von Geschichte und Kultur. Von Leben und Glück. Überlebende in den Katakomben. Auf der Suche nach Rettung. In der Vergangenheit. In der Zukunft. Ein Reisender durch die Zeit. Auf der Suche nach einem verlorenen Bild. Nach einem verlorenen Gesicht. Strom der Gedanken. Sog der Bilder. Passagen durch Gesehenes. Nacherlebtes. Vorgestelltes. Chris Markers photo-roman »La jetée« ist visionäres Kino von größter Einfachheit. Von höchster Komplexität. Kino der gefrorenen Augenblicke. Der fließenden Erinnerung. Durch die Szenen hallen Echos von Auschwitz. Von Hiroshima. Es herrscht der Wahnsinn des Fortschritts. Die Auflösung von Kontinuität. Dazwischen Eindrücke, Ahnungen, Illusionen von Heil. Ein Morgen im Frieden. Ein Zimmer im Frieden. Kinder. Vögel. Katzen. Auch Gräber. Richtige Gräber. Oder eine schlafende Frau. Die die Augen aufschlägt. Und dich ansieht. Wirklich ansieht. Am Ende aber erkennst du dich selbst. Als Gefangener der Zeit. Im Augenblick der Wahrheit. An einem Sonntag. In Orly.
R Chris Marker B Chris Marker K Chris Marker M Trevor Duncan A Jean-Pierre Sudre S Jean Reval P Anatole Dauman D Hélène Chatelain, Davos Hanich, Jacques Ledoux, Jean Négroni | F | 28 min | 1:1,66 | sw | 21. März 1963
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1.6.62
Die Parallelstraße (Ferdinand Khittl, 1962)
Unter Anleitung und Überwachung eines erbarmungslos-freundlichen Protokollführers (Friedrich Joloff) versuchen fünf Herren, den Sinn und Zusammenhang einer langen Reihe ihnen zur Prüfung und Einordnung vorgelegter (Film-)Dokumente zu entschlüsseln. Ihnen bleibt nur mehr wenig Zeit, und sie sind durch unergiebige Diskussionen über das Gesehene und Gehörte bereits hoffnungslos in Rückstand geraten. Es ist nicht die erste Gruppe, die diese Aufgabe zu bewältigen versucht, und es wird nicht die letzte sein, die daran scheitert. Die Persönlichkeit dessen, der die rätselhaften Unterlagen zusammengetragen hat, liegt dabei ebenso im Dunkeln wie die inhaltliche Zielrichtung des disparaten Materials: Da gibt es die Beschreibung des rückwärts gerichteten Alterungsprozesses eines gewissen Heinrich Himmelreich, Impressionen aus fünf verlassenen Städten, die zu einer einzigen Nekropole des Weltgeistes verschmelzen, Bilder von der New Yorker Börse und vom Overseas Highway, Spekulationen über den Begriff ›Löwenkraft‹ und die Blaue Mauritius, Nacherzählungen historischer Episoden, Fragmente von Feldforschungen aus Südamerika, aus Indochina, aus Ozeanien. Regisseur Ferdinand Khittl – entfernter Vetter von Resnais und Marker, reiselustiger Großonkel von Herzog und Greenaway –, Autor Bodo Blüthner und Kameramann Ronald Martini bieten mit »Die Parallelstraße« zugleich ein lyrisches Labyrinth und einen farbenprächtigen Gedankenfriedhof, eine pseudowissenschaftliche Kartothek und eine kulturkinematographische Wundertüte, einen spöttischen Essay über die Uferlosigkeit von Interpretation, über die Unmöglichkeit, in dieser Welt zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen, und einen Spiel-Film im Wortsinne: ein Spiel mit surrealen Wirklichkeitsverschiebungen und absurden Ordnungsmustern, mit falschen Beweisen und sicherer Todesahnung. »Wir sind in einer lächerlichen Situation. Es kommt mir vor, als würde man jemandem nach dem Weg fragen, und der sagt: ›Gehen Sie immer geradeaus, dann kommen Sie an einen Punkt, da gibt es nur noch zwei Straßen – und davon nehmen Sie die Parallelstraße.‹«
R Ferdinand Khittl B Bodo Blüthner K Ronald Martini M Hans Posegga S Irmgard Henrici P Otto Martini D Friedrich Joloff, Ernst Marbeck, Wilfried Schröpfer, Henry van Lyck, Werner Uschkurat, Herbert Tiede | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw & f | 1. Juni 1962
R Ferdinand Khittl B Bodo Blüthner K Ronald Martini M Hans Posegga S Irmgard Henrici P Otto Martini D Friedrich Joloff, Ernst Marbeck, Wilfried Schröpfer, Henry van Lyck, Werner Uschkurat, Herbert Tiede | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw & f | 1. Juni 1962
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